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z.p^<Ler"i»?lda. wochendeilaserIllustrierte Sonntagrzeitung"

36. Jahrgang

Fulda, Donnerstag den 11. November 1909

M 259

Erstes Matt.

Herrn Holtz ist übrigens nach dem genannten Blatte nicht nur die schärfste Tonatt gegmüber den Polen in das gewiß doch auch früher schon genügend polen­feindliche Ministerium des Innern eingezogen, son­dern auch die schärfste Tonart gegenüber allem Katholischen.

[] Gras v. Zedlitz-Trützschler, Lberpräjident von Schlesien, der frühere Kultus­minister, hat, wie vor einiaen Tagen gemeldet wurde, für den 1. Januar feinen Abschied erbeten.

Dieser Entschluß kommt Überraschmd, da der Oberpräsident trotz feine? hohen Alters von 72 Jahren sich noch seltener Rüstigkeit und unermüdlicher Ar- ceitsfreudigkeit und Arbeitsfrische erfreute. Oberprä- fident Graf v. Zedlitz-Trützschler steht jetzt seit über sechs Jahren an der Spitze der Provinz Schlesien. Er hat eine an Abwechslungen reiche Laufbahn hinter sich. Zuerst war er Offizier, dann wurde er Anfang der achtziger Jahre, ohne vorher im Verwaltungsdienst gestanden zu haben, Regierungspräsident, später Ober­präsident und schließlich am 12. März 1891 Kultus­minister. Schon am 17. März 1892 erhielt er die infolge des Umfalls seiner Ministerkollegen in Sachen des Schulgesetzes erbetene Entlastung aus dem Staatsdienst. Sechs Jahre lang blieb er jeder staat­lichen Stellung fern. Seine von Anfang feiner Tä­tigkeit als Regierungspräsident an gezeigte nicht ge­wöhnliche Tüchtigkeit als Nerwaltungsbeamter brachte ihm aber 1898 seine Wiederberufung in dm Staats­dienst als Oberpräsident von Hessen-Nassau, von wo er 1903 nach Schlesien kam. Wie vordem in Hessen, so sieht man jetzt in Schlesien fast allenthalben ihn ungern scheiden. Seine persönliche Liebenswür­digkeit, seine glänzende Begabung für die Verwal- dmg und seine wirklich staatsmännische Auffassung der Politik, die sich mit außerordentlicher Selbständigkeit des Denkens und Festigkeit des Charakters verbindet, haben auch seine Gegner anerkennen muffen.

Der Rücktritt des Grafen v. Zedlitz-Trützschler Wirb nach der „Köln. Vztg." in Zusammenhang ge­bracht mit Verstimmungen, die an die Breslauer Generalversammlung der deutschen Katholiken im Herbst anknupften. Damals wurde bekanntlich eine Arbeiterversammlung am Sonn­tag, die in Polnischer Sprache verhandeln sollte, nach langem Warten auf die Entscheidung schließlich nicht gestattet. Das schien nicht recht zu der sonstigen Hal­tung des Oberpräsidenten zu paffen, um so mehr, als bekanntlich bet der Generalversammlung in Dan - z i g, im Jahre 1891, wo damals auch ein früherer Kultusminister, v. G o ß l e r, Oberpräsident war, eine Versammlung mit polnischer Verhandlungssprache an­standslos stattgefunden hatte. Man munkelte denn auch, daß der Oberpräfident sich für Zulassung der Ver­sammlung ausgesprochen habe, in Berlin aber nicht durchgedningeri sei. Während der Tagung der Kotho- likenversammlung war der Oberpräsident „zufällig" auf einer unausschiebbaren Dienstreise abwesend. Um so mehr paßte jene Entscheidung zu der ganzen Ver­gangenheit des Unterstaatssekretärs H o l tz im Ministe­rium des Innern, und es verlautete denn auch, daß dieser das Verbot durchgeseht habe. Herr Holtz war früher bekanntlich Regierungspräsident in Oppeln und durch feine überaus schroffe Stellungnahme in den polnischen Angelegenheiten mit seinem damaligen Chef, dem Ober-Präsidenten Graf Zedlitz, welcher das Unglück hatte, einen etwas weiteren Gesichtskreis zu besitzen, in manchen Konflikt geraten. Damals sprach man davon, daß Hr. Holtz feinen Abschied nehmen werde. Er nahm aber nicht den Abschied, sondem fiel die Treppe hinauf. Die letzte Verschärfung des P o l e n k u r s e?, die Fürst Bülow uns noch beschett hat, brachte es mit sich, daß et zum Unter- staatssekrctär im Ministerium des Innern ernannt wurde. Ms solcher bat er sich sofort dadurch bemerk­bar gemacht, daß er in den Polenangelegenheiten die schärfste Tonart zur Geltung zu bringen wußte, in Schlesien auch über den Kopf des Oberpräsidenten hin­weg. Damit war die Stellung des Oberpräsidenten recht prekär geworden, und es ist kein Wunder, daß der Augenblick kam, wo er seinen Abschied erbat. Mit

Schwierigkeiten, die einer größeren Baumwoll- kultur in Afrika entgegenstehen, mit Leichtigkeit überwunden werden, dürften erst in 4—5 Jahr­zehnten unsere Schutzgebiete in der Lage sein, zusammen eine den jetzigen Verbrauch in Deutsch­land entsprechende Menge Baumwolle zu er­zeugen. — Am Dienstag hat sich Dernburg in Manchester, wo er dem Bureau der Baum- wollplantagengesellschaft einen Besuch abstattete, nochmals über den Baumwollbau geäußert. Er erklärte:

Die Regierungen seien an der Baumwollkultur interessiert, weil es, wenn die Kolonien sich selbst er­halten sollen, nötig fei, daß die Eingeborenen eine sichere Ernte haben, um Geld zu verdienen. Wenn sie kein Geld verdienen, könnten sie nicht besteuert werden, und wenn sie nicht besteuert würden, müsse man Zu­schüsse gewähren. Aus diesen Gründen habe auch Die deutsche Regierung die deutsche Baumwollkultur-Ge­sellschaft subventioniert.

Von Manchester hat Dernburg die Heim­reise angetreten.

* * Greiz, 10. Nov. 1909. Der Landtag des Fürstentums R e u ß a. L. wurde am Montage eröff­net. In der Thronrede wurde unter anberm ein Gesetzentwurf über die Besoldung der Volksschulleh­rer, ein Gesetzentwurf über die Besoldung der Lehre­rinnen auf dem platten Lande, eine neue Gesindeord­nung und eine Revision des Einkommensteuergesetzes angekündigt .

]:[ Dresden, 10. Novbr. 1909. Die zweite sächsische Kammer wählte Vogel (natlib.) mit 53 Stimmen zum Präsidenten. Zum ersten Vizepräsidenten wurde Opitz (kons.) gewählt, auf den 83 Stimmen entfielen. Zum zweiten Vize­präsidenten wurde Bär (sreis.) gewählt, der von 73 abgegebenen Stimmen 37 erhielt, also eine Stimme über die absolute Majorität. — Der nalionalliberale Abg. Vogel, der zum 1. Präsi­denten der sächsischen Kammer gewählt wurde, erreichte seine Wahl zum Präsidenten der Kam­mer mit den Stimmen der Sozialdemokraten, da alle 29 Stimmen der Konservativen für Opitz (lons.) abgegeben wurden. Auf den Posten des 2. Vizepräsidenten hatten die Sozialdemo­kraten reflektiert. Sie waren entrüstet, daß sie von den bürgerlichen Parteien im Stiche gelasten wurden und verlangten vor Vornahme der Sekretärswahlen eine Unterbrechung der Sitzung, da sie sich angesichts der veränderten Lage erst über die Besetzung der Sekretärposten schlüssig machen müßten. Nach Wiederaufnahme der Ver­handlungen wurden 2 bürgerliche Kandidaten zu Sekretären gewählt.

I München, 10. Nov. 1909. Mit der b . ye- rischen Steuerreform geht es weiterhin rasch vorwärts. Die Abgeordnetenkammer nahm am Dienstag das Gewerbesteuergesetz gegen vier Stimmen an. Weiter hat die Abgeordneten­kammer das Einführungsgeseh zu dem Gesetze über die direkten Steuern gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und gegen sechs liberale Stimmen angenommen.

erleid täglich mit Ausnahme der rom- Mtb Feiertage, viertel- ssährlich«Ve;«grprelr ohne Vringerlohn und Bestellgeld in 8nlda so­wie auswärts 1.50 Rtk.

-crantw. Redakteur, «arl Schütter

Ausland.

** Die Enthüllungen aus der Zeit der Toggerbankaffäre, nach denen damals sechs eng­lische Unterseeboote in der Nähe von Helgoland mit der Ordre stationiert worden feien, jedes in der kritischen Zeit auslaufende deutsche Kriegs­schiff in die Lust zu sprengen, haben eine augen­scheinlich amtlich beeinflußte Mitteilung in der ,Köln. Ztg/ veranlaßt, die den Vorgang als eine

namentlich aus Arbeiterkreisen vorgetragen worden sind, im wesentlichen Umfang Rechnung getragen. Von einzelnen Punkten können wir hervorheben, daß bei der Prüfung der Unterstutzungsberechttgung auf die Zuziehung von Eetoerbeaufnchtsbeamten und Ver­trauensmännern aus der Arbeiterschaft Bedacht ge­nommen werden soll, und daß auch die Frage ihre Regelung finden wird, wie die Personen behandell werden sollen, die nicht als selbständige Arbeiter, son­dern als Gehilfen von Hausgewerbetreibenden beschäf- tigt gewesen sind.

** Die auffällige Erscheinung, daß sozial­demokratische Blätter für den rüden Ton, den sie gegen bürgerliche Personen anschlagen, so selten gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden, findet (so schreibt die.Sozial- und wirt- schastspol. Korrespondenz') ihre Erklärung darin, daß für gewöhnlich die obsiegenden Kläger die oft recht beträchtlichen Gerichtskosten selbst tragen müffen. Daß „System" in der Unpfänd­barkeit der Verantwortung liegt, geht daraus hervor, daß bei einer Reihe von Genossenblättern alle verheirateten Redakteure vor ihrer Anstel­lung einen sogenannten Ehevertrag der Aussichts- kommission vorlegen müssen. Dieser Ehevertrag muß derart abgefaßt sein, daß sämtliches Mo­biliar, alle Wertgegenstände und etwaiges Ver­mögen als Besitz der Frau im Sinne des Ge- setzes charakterisiert erscheint.

)( Ueber die Zukunft der Baumwollkultur in unseren Kolonien hat sich der Kolonialsekre­tär am Montag bei dem Bankett der Liverpooler Handelskammer, wie wir schon kurz meldeten, eingehend geäußert.

Der Baumwollbau in den deutschen Kolonien gehe vorwärts. Obwohl bis zum Jahre 1901 nicht ein einziger Ballen Baumwolle ans Deutsch - Ostafrika exportiert wurde, seien im vorigen Jahre fast 3000 Ballen von dort ausgesührt und in diesem Jahre 1800 Acres Land in Baumwollkultur genommen worden. 200000 Acres aber würden für den Anbau vorbereitet. Alles aber, auch was England und Deutschland in ihren Kolo nie» in bet Baumwollproduktion bisher geleistet, fei sehr gering gegenüber dem Umstand, daß der Ver­brauch der Welt 16 Millionen Ballen jährlich beträgt. Es sei jedoch kein Grund vorhanden, daß dort, wo 5000 Ballen gewonnen würden, nicht auch hundert­mal mehr erzeugt werden könnten, wenn tüchtige, organisierte Arbeitskräfte und eine hinreichende Anbaufläche vorhanden seien. Bei einem Wellverbrauch von 16 Millionen Ballen macke ein Preisunterschied von einem Penny pro Pfund 32 Millionen Pfund Sterling im Jahr aus. Er habe sich jedoch zur Auf­gabe gestellt, die Bersammlung darauf ausmerkiam zu machen, daß es äußerst wichtig fei, mit dem Anbau von Baumwolle in den Kolonien nicht länger zu zögern. Er sei für die energische Förderung dieses Werkes, das eines der größten der Zwitiialion sei. Er könne, so­weit seine Kenntnis reiche, versprechen, daß deutsche Spinner und Gefchästsleute Seite an Seite mit den britischen in Erfüllung dieser Ausgabe wetteifern würden.

Ohne Zweifel wäre es höchst erfreulich, wenn es gelänge, in der Batimwollfrage den europäi­schen Markt von den Amerikanern unabhängig zu machen. Täglich blicken jetzt die Textilin- dustriellen der ganzen Welt mit Spannung nach dem Kurszettel der nordamerikanlschen Baum- wollbörsen, wo die Preise einen seit langer Zeit nicht mehr gelaunten hohen Stand erreicht haben. Zum großen Teile ist daran die amerikanische Spekulation schuld. Aber ob die afrikanischen Kolonien in dieser Weise für die Baumwollkultur geeignet sind, wie der Staatssekretär es hinstellt, ist noch sehr zu bezweifeln. Auch ist die Arbeiter­frage in den Kolonien, die doch eine große Rolle spielt, nicht fo leicht zu lösen, wie Dernburg glaubt. Aber auch angenommen, daß alle

Deutscher Reich.

i Berlin, 10. Nov. 1909. Der Kaiser wohnte am Mittwoch der Vereidigung der Ber­liner und Spandauer Garnison bei. — Der preußische Landtag wird erst nach Neujahr zusammentreten. Wie es jetzt heißt, soll dies in der zweiten Woche nach Neujahr geschehen.

+ Gerüchte über Ministerkrisen werden in diesen Tagen geradezu in Massen — erfunden. Es ist ja allerdings augenblicklich eine fülle Zeit und in solchen Zeiten wissen manche Reute nichts besseres zu tun, als die Standfestigkeit der Ministersessel zu erörtern und daran .Krisengerüchte" anzuknüpfen. Bereits sind Herr Dernburg unb Herr Krätke totgesagt wor­ben, aktuell ist bie Frage, ob bie Konsequenzen aus her Kieler Werft-Affäre sich auch auf Herrn v. Tir- p i tz ersttecken werden. Das neueste ■ Krisengerücht aber läßt Herrn v. Bethmann-Hollw eg amts­müde sein, weil er daran „verzweifele", die preußische Wahlreform durchzuführen. Als Reichskanzlerkandi- daten sind bereits Herr v. Marschall und Herr v. Tir- pitz in Aussicht genommen. Daß an all diesen Ge­rüchten auch nur ein Fünkchen wahr sei, dafür liegt nicht das geringste Anzeichen vor. Die ewigen Er­findungen von „Minifterkrisen" seitens unverantwort­licher Publizisten und Korrespondenzen beginnen aber nachgerade ein öffentlicher Unfug zu werden.

* Zum Kammergerichtspräsidenten an Stelle des zum Staatssekretär des Reichsjustizamts er­nannten Dr. Lisco ist der Präsident des Ober- landesgerichts in Celle, He in rot h, ernannt worden.

)( Die Gewerbeordnungsnovelle, die be­kanntlich in den letzten Reichstagssessionen nur zum Teil erledigt wurde, wird in ihrem übrigen Teile den Reichstag im nächsten W nter aber­mals beschäftigen. Wie Berliner Blätter melden, befaßt sich schon seit Monaten die Regierung mit den Vorarbeiten zur Aenderung von Vor­schriften auf verschiedenen Gebieten der Gewerbe­ordnung. Diese Vorarbeiten sind nunmehr zum Abschlüsse gelangt. In erster Linie handelt es sich um Fragen, die die Schankkonzession betreffen. Hierfür liegt beim Bundesrat schon seit langem ein Antrag der Regierung vor, da­hingehend, daß die Landesbehörden ermächtigt werden sollen, die Erteilung von Schankkon­zessionen an die Bedingung zu knüpfen, daß die Konzessionsberechtigten keine weibliche Be­dienung hatten dürfen. Ferner hat 6:e Be­arbeitung einer neuen Regelung der Markt- oerkehrsbestimmungen ihren Abschluß ge­funden. Weiler beschäftigt sich die zuständige Behörde mit Umarbeitungen der Bestimmungen über die Konzessionierung bestimmter Gewerbe­treibender, über die Erteilung der Konzession sür Singspielhallen usw. — Es wäre zu begrüßen, wenn durch schärfere Bestimmungen in der Ge­werbeordnung den krassen Mißständen, wie sie das Kellnerinnenwesen hervorrust, ein Ende be­reitet würde.

* Die Entschädigung der Tabakarbeiter. Dem Vernehmen der .Reuen Politischen Korrespondenz" nach ist nunmehr eine Vorlage über die im Tabak­steuergesetz vorgesehene Unterstützung beschäftigungs­loser Arbeiter dem Runbcsrate zugegangen. In dieser Vorlage wirb ben Wünschen, bie in ber Zwischenzeit

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Irrende Seele.

14] Roman von H. Teichert.

„Meinst Du, des Forstmanns Berus wurzelt nur in der Jagd?"

.Ich kann mir ja wohl denken, baß Wild unb Wald, Schonung usw auch zu ben Obliegenheiten des- felben gehört, aber bie Hauptsache ist unb bleibt boch die Flinte. Du lieber Gott, entsetzlicher Gebanke, im­mer nur bewaffnet ins Freie gehen zu sollen t Da komme ich schon nie zu Dir zum Besuch. Du mußt nämlich wissen, baß ich vor bem Knallen eine greuliche Furckt habe."

Das glaube ich Dir einfach nicht, Rena, Du bist viel zu willensstack, um solch nervöser Furcht nachzuge­ben, aber baß Dir mein prüfumptiver Beruf nicht ge­fallen würbe, das Babe ich gewußt, seit ich Dich wieder gesehen habe, imd darum wollte ich nicht recht mit der Sprache heraus."

Er sah auf einmal ganz niedergeschlagen aus. Im Fluge gingen ihm allerlei Gedanken durch den Kopf. Zukunftsgedanken, in denen das Mädchen vor ihm eine bedeutungsvolle Rolle spielte. Er sah wie in plötz­lich austauchender Fata ir.organa ein grün umspon­nenes Haus und bannen sich unb eine graziöse grau« cngestalt mit dunklem Köpfchen, hausmütterlich mit dem Schlüsselbund am Gürtel unb sonnig süßem Lä­cheln auf ben irischen Lippen.

Ein starker Windstoß drehte das kleine Fahrzeug tu die Runde. Werner griff nach den Rüdem. Fort war das Bild! Sie wollte ja nicht in ben Wald, da ivar's viel, viel zu einsam für sie.

„Bist Du mir böse. Werner?" fragte Renate schmei­chelnd. „Es war dumm von mir, daß ich fo unum­wunden meine Meinung sagte. Kränken wollte ich Dich wirklich nicht." Sie seufzt« so recht von Herzen. -.Tante hat schon recht, wem: sie sagt, daß ich zuwei­len noch entsetzlich kindisch bin*

.Kindisch, Du? Weil Du wahrheitsliebend bist? Laß nur, Rena, wir sprechen nicht mehr darüber. Noch

habe ich ja die Wahl, ich kann ja auch etwas anderes werden."

„Nein, SBemer, das darfst Du nicht. Nur nicht sich selbst untreu werden. Siehst Du, wenn Du heute von mir verlangtest, ich sollte meine Musik, meinen Gesang wegwerfen, um irgend welcher Gründe wegen meine Zukunft auf anderer Basis aufbauen, lachen würde ich und wenn Du's ernstlich verlangtest, böse derben. Seinen Beruf hat jeher in sich und dem sollen wir nachgeben

Wemer sah ihr in die leuchtenden Augen. Ja, sie gehörte in bie Welt, sie mußte dem Leben gehören, nicht der Wektabgeschiedenheit und wenn er sie sich dereinst erringen wollte —

Welch törichter Gedanke! Er hatte ja noch nicht einmal anqefangen, etwas zu werden, und ihr mußte man dereinst wohl viel zu Füßen legen, um ihrer wür­dig zu sein.

Er strich über sein volles Blondhaar. Was war denn eigentfid) über ihn gekommen? Er, der nüch- temfte unter den Kameraden, der nie bis jetzt irgend welch zattes Band geknüpft, auf dem besten Weae sich gründlich zu verlieben.

„So willst Du Künstlerin werden?" fragte er mit­ten ans feinen Gedanken heraus.

.Kann ich wissen, ob's mir gelingt, Werner? Den Wunsch habe ich, den brennenden, sehnlichen Wunsch etwas zu leisten, die Stimme, die mir bie Natur gab, zu meistem unb zu verebeln. Wenn'? mir ge­lange!"

Sie brückte bie Hänbe an bie Brust. „Weißt Du Wemer, wenn ich erst Sängerin bin unb Du tief im Walde lebst, bann komme ich doch einmal zu Dir und singe Dir bie Waldeinsamkeit fort. Dann darfst Du während der paar Tage aber wirttich nicht schießen das mußt Du mir versvrechen. Denn, ob Du's glaubst ober nicht, ich fürchte mich doch vor dem Knallen."

Und fröhlich und herzlich lachten sie beide und schaukelten ben kleinen Kahn im Jugendübermut

Diese Wafferfahttm unternahmen sie nun fast täg­lich, ost allein, zuweilen in größerem Boote in Be­gleitung oon Tante unb Onkel. Dann ruderte sie Wer­

ner über den kleinen See ans gegenüberliegende User. Dock banden sie das Boot an und wanderten über den langen Holzsteg und den sandigen Weg zum „Hölz­chen," — einem Sommerrestaurant, in dem es beson­ders Sonntags mutner zugiiig.

Einmal trafen sie dort zufällig, im Kreise junger Leute, Sigurd. Er wurde sichtlich verlegen beim Anblick seiner Verwandten, um die er sich, ganz nach mütterlicher Vorschrift, so wenig wie möglich kümmerte.

Renate bekam ihn täglich zu Gesicht. Irgendwo wußte er sie stets zu treffen, wenn sie allein war. Im Garten, am Sttanbe, auf einem Kommissionswege nach der Stadt, wie hingezaubert stand er dann plötzlich vor ihr, nonchalant. Hofiert und doch kaum bemüht, die Absichtlichkeit der Begegnung zu verbergen. In den ersten Togen hatte sie an Zufälligkett geglaubt und sich bei diesen Zusammenstößen harmlos und unbefangen, wie ihre Art war, gegeben, sie hatte sogar ihre Freude au der Begegnung offen zur Schau getragen. Aber ihre Harmlosigkeit wich sehr bald einer gewissen Befangen­heit, als sie merkte, daß Sigutt absichtlich die Gelegen­heit herbeiführte, sie allein zu treffen, unb daß er feine Augen eine Sprache führen ließ, seinem Benehmen widersprach. Diese Augen, die so gefährlich waren, wie Wemer sagte, unb die, so sehr sie sich dagegen ftiäubte, schon anfingen, ihre Sinne zu betören! Wie im Bann war sie, solange sie den Blick dieser Augen auf sich fühlte, es war ihr stets, als ginge eine Macht von ihnen aus, die sie unselbständig und unfrei machte, als muffe sie einem Zwang gehorchen, der plötzlich ihr ganzes Wesen ein enge Das Gefühl überdauerte auch noch die nächsten Minuten, wenn sie wieder allein war. Tann kam Zom und Aerger an feine Stelle, Empörung über sich selbst und ihre weibliche Schwäche.

Renate wußte ganz genau, daß an Sigurd alles gemacht war und daß es nur ein Triumph mehr für ihn sein würde, wenn sie sich ein einziges Mal hin­reißen ließe, dieser Augensprache zu lauschen — und doch! Es verging kein Morgen, an dem sie nicht mit der stummen Frage erwachte: .Werde ich ihn heute sehen und wird er heute anders, herzlicher sein?"

Ihr Kinderherz hatte ja schon an dem Jungen ge­

hangen, der ihr gegenüber immer hochfahrend unb unfreundlich gewesen war, und jetzt wollte ihr das törichte Mädchenherz wohl gar den Streich spielen, feine Ruhe zu verlieren um seinetwillen Böse ward Re auf sich, gab sich laut und burschikos und ärgerte sich, kaum wieder allein, über sich, daß sie ihn durch ihr Benehmen gereizt und hecansgeforbett hatte, aus feiner refervietten Haltung zu kommen und dreister zu werden. Wenn sie ein einziges Mal doch hätte er­gründen können, was so eigentlich in ihm vorging! Ob ihm nur daran lag, sich mtereffant bei ihr zu machen, um den Bruder in den Schatten zu stellen, oder ob er die Zusammenkünfte mir ihr erstrebte, weil — nun weil sie ihm doch nicht fo ganz gleichgültig war?

Sie wollte nicht darüber nachdenken unb grübelte doch unausgesetzt — Verstand unb Herz waren in Zwiespalt geraten, aber das junge, junge Herz mit feinem erften Frühling behielt die Oberhand, fein Hoffen übertönte des Verstandes Warnen unb ver­dunkelte ihren klaren, scharfen Blick, den sie sonst für reden Vorgang hatte Sigurd merkte sehr wohl die Un­rast in ihr und war sehr befriedigt. Sie war ja reizend, Die Kleine, entschieden hervorragend geistig und kör­perlich ausgestattet, aber zum ernstlichen Verlieben für ihn unmöglich. Ein Schaiffpielerkind! Da stand er doch auf zu hohem Niveau, als daß er sich seine Zu­kunft mit einer Gefährtin au3 solchen Kreisen hätte denken können Er war mit seinen zweiundzwanzig Fahren noch unerfahren und in dem Glauben, daß Feuer keine Macht hat. wenn man ihm keine Macht ein räumt, und er wollte ihm dieselbe nicht einräu­men — er joeffte nicht! Und doch kam es ihm Schritt um Schritt näher — es wärmte schon. Mit innerem Unbehagen machte er die Entdeckung und von neuem stachelte seine Eitelkeit seinen angeborenen Dün­kel . Er traf Renate von nun an seltener unb leugnete sich selbst trotzig die Wahrnehmung ab, daß er darunter litt. Seit zwei Tagen hatte er sie nicht gesprochen, nozu mich? Sie bildete sich am Ende sonst wirklich noch ein, sie sei ihm unentbehrlich, ihm stand doch toirf- kich jegliche Wahl offen.

(Fortsetzung folaP