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JW 258.

Fulda, Mittwoch den 10. November 1909.

36. Jahrgang.

Krstes Matt.

O England und Deutschland.

Eine englische Wochenschrift hat vor einigen Tagen mitgeteilt, daß im Herbst des JahreS 1910 verdeutsche Kaiserund die Kaiserin, sowie wahrscheinlich auch die Prinzessin Viktoria Luise dem englischen Königs­paar einen B esuch abfiatten werden. Nach Been­digung der offiziellen Visite in Windsor, die eine Woche in Anspruch nehme, werde das Kaisecpaar auf 14 Tage mit der königlichen Familie nach Sandring­ham gehen und vielleicht könne der dortige Aufent­halt noch verlängert werden

Man kann nicht wissen, wie die englische Wochen­schrift zu dieser Mitteilung kommt, kann also auch nicht sagen, was daran wahr ist. Sicher würde ein Besuch mit einem derartigen Aufwande und von einet derartigen Ausdehnung von der allergrößten poli­tische Bedeutung sein.

Daß die Beziehungen zwischen England und Deutschland besser werden möchten, dieser Wunsch ist besonders in der letzten Zett an maßgeben­der Stelle verschiedentlich zum Ausdruck gekommen, vor allem auch jüngst bei Gelegenheit des Besuches des Staatssekretärs Dernburg in England. Die Kolonialleute beiderseits konnten dabei eine innige deutsch-englische Interessengemeinschaft In Afrika fest­stellen, ja, es wurde als ein Bedürfnis bezeichnet, daß beide Mächte in Afrika in jeder Beziehung Hand in Hand gingen. Man könnte sonst noch auf allerhand Svmptome Hinweisen, die kundtun, wie man sich auf beiden Seiten, auch auf englischer Seite, bemüht, einer deutsch-englischen Freundschaft vorzuarbeiten. Dinge, wie die Entlassung des Generalgouverneurs Earl Grey von Kanada — er muß seinen Abschied nehmen, weil er in verschiedenen Reden den Krieg zwischen Deutschland und England als unvermeidlich bezeichnet hat — ließen sich noch viele anführen.

Es sst nun sicherlich kein zufälliges Zusammentref­fen, daß an demselben Freitage, an dem in Lon­don bei der Anwesenheit Dernburgs der Annnäher- ung Deutschlands und Englands das Wort geredet wurde, in Berlin die „Kreuzztg.", die sonst Eng­land ziemlich kühl geyenübersteht, einen Artikel ver­öffentlicht, der die deutsch-englische Verständigung über die Flottenausgaben zum Gegenstände hat. Der Ar­tikel untersucht,

mas getan werden könne, um den englischen Be­fürchtungen vor einem plötzlichen und vom Zaun gebrochenen deutschen Ueberfall ein Ende zu machen. Die von englischer Seite verschiedentlich, unternommenen Versuche, zu festen Abmachungen zu kommen, seien vor allem deshalb gescheh *' mit untauglichen Mitteln angefk wo»*** spielsweise seien kurze, zuweilen '.

währende Monarchenbegegnungen wenig dazu geeignet, neue und höchst delikate Fragen anzuschneiden, ge­schweige denn zu lösen. Es müsse daher der Versuch mit anderen Mitteln gemacht werden. Nach den Aeußeruugen des jetzigen Reichskanzlers in Wien, so unbestimmt diese auch gewesen, sei es doch unzwesselhast, daß Herr v. Bethmann-Hollweg sich mit dieser Frage beschäftige. Vielleicht dürfte et sich sagen, daß es der deutschen Diplomatie wohl anstehe, nun ihrerseits einen Vorschlag zu machen, nach dem sie den englischen als für uns ungangbar bezeichnet. Mit bloßer offener Ansprache ist es schwerlich mehr getan; sie ist oft genug versucht und wirkungslos verhallt. Es erübrigt also nur ein Abkommen! Eine gegenseitige schriftliche Versicherung, daß keine der beiden Mächte nach des andern Gut trachtet! Worauf es anfr nmt, ist: Deutschland und England müßten sich rocu, selseitig das Wort geben, daß keiner von beiden in der Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte des andern eine Gefahr für sich selbst sieht und daß jegliche Absicht fehlt, sich irgend einen Teil vom Terri­torium des andern anzueignen. Die Formulierung eines solchen Abkommens wäre nicht schwer. Eine Voraussetzung ist, auf deutscher Seite wenigstens, ge­geben — und vielleicht die wichtigste: ein neuer Reichskanzler, der durch die Handlungen und

Staff aff ungen seines Vorgängers nur mforoeit gebunden ist, als vertragsmäßige maritime Abrüstung in Frage kommt. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Darum hielten wir uns für verpstichtet, den uBMer Ueberzeugung nach einzigen gangbaren Weg zu be­zeichnen, der aus der Sackgasse gegenfeitigen Argwohn- und Mißtrauens herauSführen kann.

Dieser Artikel der „Sreuzztg.' ist unstreitig ein diplomatischer Fühler. Was darin vorge­schlagen wird, ist unschwer erreichbar und vermeidet alle Schwierigkeiten und Gefahren, die einem direkten Abkommen über eine feste Begrenzung der Rüstungen anhasten. Wenn die englische Presse über den Artikel sich ebenso mit Zurückhaltung äußert wie über den Aufenthalt Drmburgs, so entspricht das der ausge­zeichneten Disziplin, die man jenseits des Kanals in internationalen Dingen zu beobachten versteht.

Deutsches Reich.

Eine sonderbare Zumutung

an die konservative Partei erlauben sich einige Blätter im Namen der „Versöhnung". Sie wollen durchaus den Riß im alten Block zustopfen, und damit die Kon­servativen von dem erzürnten Liberalismus wieder in Gnaden aufgenommen werden, soll die Recht? nach­träglich die Erbschaftssteuer anneh- mtn!

Man traut seinen Augen nicht, wenn eine so unge­heuerliche Selbstverleugnung der konservativen Par­tei für möglich gehalten wird! Aber es steht geschrie­ben zunächst im „Reichsboten", der sich als konserva- tiveS Blatt aufzuspielen liebt, in Wirklichkeit aber das Organ rombassender Pastoren ist. Und diesem Ouertreiben schließt sich verständnisinnig die „Tügl. Rundschau" an, das Organ des Evangelischen Bun­des! Dort wird eine Wiederherstellung des alten Blocks empfohlen mittels »Annäherung von beiden Seiten durch die Tat". Die tatsächlichen Opfer wer­den aber auf die beiden Seiten verzweifelt ungleich verteilt. Dem Liberalismus wird nichts weiter zu­gemutet, als die Einstellung des „unnützen und un­ehrlichen Scheltens über die neuen Steuern". Den Konservativen wird aber etwas reelleres abgefordert, nämlich die Annahme der Erbschaftssteuer — „und wenn es um den Preis eines Führerwechsels wäre".

Man muß ganz verblendet sein, wenn man von einer Partei, die soeben um eine hochwichtige Grund­satz- und Jntcrefsenfrage einen Kampf auf Leben und Tod bestanden hat ,die nachträgliche Unterwerfung unter den Willen und das Interesse^ des Gegners zu fordern wagt. Woher ta -*-**'■

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„SammersKrutt", uCativcn, soll nicht allein (und nicht einmal in erster Linie) gegen die Sozial- demokmtie gerichtet fein, sondern vielmehr die Wie- derausschaltung des Zentrums herbei- sühren.

Das fiihrende konservative Organ, die „Kreuzztg", bezeichnet den Vorschlag des Reichsboten mit R^t als eine „im Parteileben unerhörte Demütigung der konservativen Partei". Im Büßergewande vor Geg­nern zu -»rscheinrn, die uns recht viele schwere Verfeh­lungen abzubitten hätten und ihnen zu verjichem, daß sie im Recht g.-wesen wären, das ist eine Zu­mutung, die selbst nicht von den schärfften Gegnern an eine Parteileitung gestellt werden kann." Weiter erklärt sie, die Auslassungen des „Reichsboten" schä­digten die konservative Partei aufs schärsste. Die „rettende Tat", die das Blatt empfehle^ sei fiir die konservative Partei Selbstmord. ' »

* Berlin, 9. Nov 1909. Der Kaiser wohnte am Dienstag ver Rekrutenoereidigung

der Potsdamer Garnison bei. — Der Vorstand des deutschen StädtetageS tritt am 13.b. MtS. im Berliner Rathause zu einer Sitzung zusammen. Aus der Tagesordnung stehen u. a. folgende Punkte: Steuerrecht der Gemeinden gegenüber dem Reichsfiskus, ZinSbogensteuer (Talonsteuer), ReichSwertzuwachssteuer, Förderung und Ausbau deS statistischen Jahrbuchs deutscher Städte.

♦ Die Reichsfinanzreform in finanzieller, sozialpolitischer und politischer Hinsicht hat am letzten Sonntag der Reichstagsabgeordnete für Straßburg-Land, Herr Pfarrer Dr. rer. pol. Will von Hönheim in einer Zentrumsversammlung zu Sablon bei Metz ausführlich besprochen. Dabei erörterte er auch die Folgen, der von der Re- gierung und einem Teile der Blockparteien hart- näckig geforderten Erbanfallsteuer. Von hervorragendem Jntereffe war im Zusammenhang dieser Rede, wie die .Lothringer Volksstimme' (Nr. 260) schreibt, folgende Episode:

In einer von 6000 Personen besuchten Zentrums- Versammlung in München hatte Dr. Will wn ziffern­mäßigen Nachweis erbracht, daß in Elsaß-Lothnngen, dem klassischen Lande der Erbschaftssteuer oter Fünftel des Gesamterlöses der Erbschaftssteuer, auf den Kleinbesttz (Haus, Hof, Geschäft), aljo tn der Hauptsache auf die Landwirtschaft, entfallen, das mobile Kapital zahlt nur ein Fünftel. Diese Feststellung ist gewissen Herren m Straßburg sehr unbequem geworden. Man ließ Dr. Will nahe- leqen, feine Behauptungen zurückzunehmen. Er erklärte sich hierzu bereit für den Fall, daß ihm authentisches Material vorqesührt werde, welches beweise, daß seine Angaben unrichtig seien. Jetzt drohte man Dr. Will durch Bekanntgabe des amtlichen Materials in der Oessentlichkeit bloßzustellen und ihn falscher Angaben zu überführen. Auf der Steuerdirektion steckte man die Köpfe zusammen, die Herren fingen an zu rechnen und zu rechnen, aber nach einigen Tagen stellten sie die Arbeit ein, und es herrschte eitel Ruhe über den Gewäffern. Man soll nämlich zur lieber« zeuaung gekommen fein, daß man zu einem Ergebnis gelangen würde, welches dasjenige des Herrn Dr. Will noch übertrumpfen würde. Es muß also doch etwas nicht recht fein im Staate, so drückte sich der Redner gelinde aus, sonst würde man ihm doch mit einer amtlichen Statistik auf den Leib rücken. Wird das vielleicht auf diese Anregung hin nachgeholt? Wir wären gespannt darauf!

)( Der Verband der deutschen"Vereine für Ha-ch-r. »nb Geiverbe tagt gegenwärtig in »itn und hat eine scharfe Resolution gegen "jede weitere gesetzliche Einschränkung der Ge­schäftszeit an Sonntagen gefaßt. Diese Stel­lungnahme des Verbände? kommt nicht über­raschend, wenn man weiß, daß in ihm haupt­sächlich die Handels- und Gewerbekreise der mitt­leren und kleineren Städte vertreten sind, die wegen der Kundschaft der zumeist in der Land­wirtschaft tätigen Bevölkerung ein großes Inte- reffe daran haben, daß an den Sonn- und Feiertagen die Geschäftszeit nicht allzusehr ein­geschränkt wird. Auch gegen die Konsum» vereine, vor allem gegen die Beamtenkonsum­vereine, nahm der Verband scharfe Stellung. Ferner beschäftigte er sich mit den miß­lichen Folgen unparitätiscker Zusammensetzung der Kaufmannsgerichts - Ausschüsse, mit dem Entwurf der Reichsversicherungsordnung, sowie mit der Frage der Stellungnahme zum Hansa- bunde. Der Vorstand lehnte eine Begünstigung des Han sab und es ab, weil er absolut keine Gewähr biete, für die Interessen des Mittel- standes tatkräftig einzutreten. Die Abstimmung über eine vom Vorstand hierzu vorgelegte Reso­lution wurde indes nach längerer heftiger De­

batte bis auf die nfi chste Tagung zurück- gestellt.

XWeMiches ober geistliches Pflegepersonal? In Düsseldorf soll man — sagt ein Gerücht — mit dl in Plan umgehen, die Krankenpflege im neuen Spi­tal, wo bisher weltliches Pflegepersonal beschäftigt mar, geistlichem Personal zu übertragen. Es handelt sich da^ei nicht nur um katholische Ordensschewstern, sondern auch um evangelische Diakonissen. Auf dieses bloße Geruch: hin läutet nun die nati onallibe- rale Presse Düsseldorfs Sturm. Sie stellt unter tätiger Assistenz des freisinnigen Reichstags-Abg Dr. Potthoff fest, daß die Krankenpflege durch geistliche Krankenpflegerinnen im schroffsten Widerspruch zum nationalliberalen Parteiprogramm stehe, und daß durch die Krankenpflege durch Ordensschwestern „das liberale Prinzip" aufs schwerste bedroht würde." — Da haben wiffs! Mögen die barmherzigen Schwe- fiern Not und Elend lindem, mag ihre Tätigkeit den Gemeinden Vorteile bringen —, die Triebfeder ihres Wirkens, das religiöse Motiv, verstößt gegen das nationafliberale Programm. Damm: Hinweg mit ihnen! Es ist nur gut, daß die Herren von Zeit zu Zeit ihre Maske lüften, damit die wahre Natur auch von dem Harmlosesten erkannt werden muß. Die Zulassung von Ordensschwestem, ein Verstoß gegen das nationalliberale Programm, das vird man sich merken müssen

— Mit der Durchführung des sozialdemokratische« Schnapsboykotts hapert es ganz bedenklich. Be­kanntlich hatte der Leipziger Parteitag vor zwei Monaten „an alle Parteigenossen und Arbeiter" die Aufforderung gerichtet, „den Schnapsgenuß zu vermeiden". Noch vor kurzem aber wurde trotz dieses Beschlusses am Gewerkschaftshaus zu Berlin Schnaps geschmtt, und es hieß, die zuständige Parteiorganisation habe ein Einschreiten gegen diesen Verstoß wider den Parteitagsbeschluß abgelehnt. Jetzt klagt nun der „Vorwärts" darüber, daß die frisch-fröhliche Boykottbegeisterung von manchen Genossen durch einige Tonnen Wasser verdünnt werde. Das Blatt nimmt dann gegen eine ganze Reihe von Entschuldigungsgründen, welche trotz des Parteitagsbeschlusses den Schnapskonsum der Ge­nossen zulassen wollen, Stellung mit der Forderung/ „daß sortab kein Tropfen SchnapS — gleichviel, welchen in- ober ausländischen Namen sich der Fusel beilegt — über die Lippen eines organisierten Sozialdernoiraten geht!" — In seiner nächsten Nummer nimmt der „Dorw." jedoch eine Zuschrift auf, in der ganz entschieden bestritten wird, daß aus dem Parteitag völlige Enthaltsamkeit vom Schnaps beschlossen worden sei. Der Antrag­steller Löbe habe ausdrücklich nur von einer „Herab- mindemng des Schnapsgenusses" gesprochen und versichert: „Natürlich gehen wir nicht so weit, daß wir ein Parteiverbot verlangen, daß keiner mehr Schnaps trinken darf. Das könnte zu Zerwürf­nissen führen." Im Anschluß daran warnt der Einsender davor, den Bogen zu Überspannen. — Also: Hoch bet § 11!

(*) Eine für die Beteiligung unpolitischer Vereine an den politischen Wahlen wichtige Ge­richtsentscheidung ist in Sachsen ergangen. Der ChemniherHausbesitzet-Verein hatte einen erheb­lichen Teil seines Vermögens, und zwar 2500 Mk., zum Zwecke der Stadtverordneten- und Landtags- Wahlen bewilligt. Gegen diese Verwendung von Vereinsmitteln wurde im Verein wie in Wähler- Versammlungen lebhaft protestiert, und ein Mit­glied des Hausbesitzer-Vereins erhob Beschwerde bei dem Amtsgerichte Chemnitz. Daraufhin wurde dem Vorsteher des HauSdesitzer-Vereins und dem Verein bei Vermeidung einer Geldstrafe von je 50 Mark verboten, weiterhin Vereinsmittel zur Agitation für die Landtags-Wahlzu verwenden.

)( Das Treiben der Alldeutschen hat der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten

Irrende Seele.

13] Roman von H. Telchert.

„Die Einwohnerzahl einer Stadt bestimmt doch nicht den ereignisreichen ober ereignisarmen Lebens­gang des einzelnen. Wir leben dort für uns und stehen doch im Mittelpunkt, sobald Onkel und Tante nur wollen Dort dominiert die Kunst und darum ist unser Haus hoch angesehe t. Ihr würdet Euch wundern, welch hochtönende Namen an Tantes jours fixes in unseren Gesellschastsräumen zu finden find."

Sigurd zuvfte an seinem Schnurrbart, um ein mo­kantes Lächeln zu verstecken.

„Hochtönende Namen am Kunsthimmel, meinst Du?"

„Die in erster Reihe." sagte Renate mhig und tat, als merke sie die Mokmiterie seines Tones nicht, „aber durchaus nicht nur Diplomatie und Aristokratie, Ver­treter der Wissenschaft und Würdenträger findest Du da, blanke Generalsuniformen und schwarzes Zivil mit ! hohen Ordensbändern. Ich sage Dir das nicht, um Dir zu imponieren, Sigurd, sondem nur um Deine Svottlust zu dämpfen . Da? Dornausche Hau? steht in Meiningen unantastbar hoch, das kann Dir dort jeder saaen. In dieser Heinen Welt, in der ein genialer Fürst tonangebend ist, gilt der Mensch als das. was er als Mensch leistet."

Sigurd verbeugte sich ironisch

„Danke für gütige Unterweisung. Aber sage mal, «Senate, wirst Du mich eigentlich immer so abkanzeln, wie in dieser halben Stunde unseres ersten Zusam­menseins? Ich denke, wir wollen gute Freunde sein?"

Sie zuckte die Achteln.

„So hab' ich rnicks wenigsienS gedacht, aber ich toetfj nicht, ich glaube, mir Dir werde ich mich stets za.cken "

Wenn ich nun aber lieber friedfertig mit Dir verkehrte?"

-So reize mich nicht, ich bin von Natur friedfec- *tig. Du glaubst es doch, Werner?"

Dieser nickte nur unb sah sie unverwandt an. Solch ein Mädchen wie dieses, so kindlich froh unb dabei doch so ernst denkend, so jung und doch so gereift in ihren Ansichten und Anschauungen, das kam ihm zum ersten- iital vor Ihm schwante so etwas, als wäre sie be­stimmt, eine Rolle im Leben zu spielen, als wäre ste von den vielen, die berufen sind, eine Auserwählte in scinem Leben

Da lachte ste schon wieder hell auf. So ein wun­dervoll melodisches, ungeniert lautes Lachen!

„Tu träumst ja, Werner. Bist Du heute vor der .Zeit aufgestandon?"

Das Gespräch kam jetzt in harmlosen Gang Renate erzählte, wie reizend anmutig das Werratal sei, in dem Meiningen liege, wie elegant der neue Stadtteil, in dem sie wohnten, und wie wunderbar der Englische Garten mit seinem außergewöhnlichen Baumreichtum und den Bowling greens, auf denen die Städter sich vergnügten. Vom Herzog erzählte sie unb von seiner Gemahlin, bet Freifrau von Heldburg, wie lieben s- würdig diese sei und wie wenig stolz. Alles Mögliche kramte sie aus, bis Beate in eleganter Bisitentoilette zum Vorschein kam und nach ihr rief

„Du bist ja furrfjibar elegant, Tante," sagte Re­nate leise und sah erftmmt auf das schwarze Spitzen­kleid, daS Beate vorzüglich stand. „War das nötig zu diesem Besuch?"

„Ganz entschieden! Meiner Schwägerin gegen­über kann man gar nicht genug auf die Dehors geben und außerdem — bas Kleid ist wertvoll, das fleht so­gar jeder Laie. Mir liegt daran, mit gewissem Aplomb mifzutretm

„Sehr richtig," stimmte Dornau zu und bann Um­schriften sie das Haus, um sehr formell den Haupt- eingang zu benutzen.

5. Kapitel

Der Besuch war nun auch überstanden unb hatte gleich den gegenfeitigen Verkehr zwischen den beiden Familien in da- Geleise gebracht, in dem er sich wäh­rend DomauS Aufenthalt halten würde. Kühl, sehr höflich, aber ohne herzliche Fühlung. Henrik Wall­dorf war selbst nicht zu Haufe gewesen, so brauchte

sch Frau Ernestine keinen Zwang aufzuerlegen, anders zu scheinen, als sie eS in ihrem Innern meinte.

Run batten die Dornaus im Kurhause gespeist, wa­ren auch gleich zu dem von vier bis sechs stattfinden- den AachmittagSkonzert dageblieben, hatten sich, ohne davon Notiz zu nehmen, anftaunen und bekritteln last frn und bann einen weiten Spaziergang unternommen. Ohne Renate natürlich, die war schon während des Kon^rts mit Werner bett Hafenkai entlang zum Ru­derklub gewandert: sie hatten es furchtbar eilig. Wer­ner hatte ihr schon am Morgen von seinem Sportboot erzählt, wie schnell das kleine, nur für zwei Personen eingerichtete Fahrzeug baS Wasser durchschneide und w'e reizend beaitem der gepolsterte Damensitz auf ihm fei. Sie hatte ihre Ungeduld kaum bemcistern können, der Wassersport war ihr ein ungewohntes Vergnügen Sehr befriedigt lehnte sie in dem niedrigen Sitz und bewunderte die Schnelligkeit, mit der Werners kräftige Ruderschläge sie den Hafcn entlang in den kleinen See brachten.

Die Sonne meinte es heute ganz besonders gut. Dem jungen Ruderer perlte trotz seiner leichten Sports- Heibung ber Schweiß in dicken Tropfen von der Stirn und selbst, ber ziemlich heftige Wind kühlte die Hitze kaum

Renate handhabte nach Werners Anleitung baS Steuer Jhr°n großen weißen Strohhut hatte bei Wind sofort in? Genick gejagt unb jetzt zauste ihr ber Biuber Luftig das volle Haar nach Herzenslust Wie ein echtes, fröhliches Kind gab sie sich dem Vergnügen, auf baS sie sich so sehr gefreut hatte, hin. Alle Augen­blicke ertönte ihr helle? Lachen und gar nicht beruhigen konnte ste sich, wie drollig Werner in seinem Kostüm aussah.

„Wie ein Athlet, ber im Zirkus zum Ringkampf lockt," meinte sie immer wieder, „Du mußt rlefenitart sein, Werner."

Er produzierte feine Muskeln vor ihr. „O ja, solch ein Pupvchen, wie Du bist, trage ich samt dem ganzen Boot ans Ufer."

„Vorausgesetzt, daß Du Wasser treten könntest, hier ist'S doch immerhin beträchtlich tief. Ich verzichte aber auf jeden Fall auf das zweifelhaft« Vergnügen. i<5

lasse mich schon lieber von Dir rudern. Tust Du's reckt oft, Werner?"

„So ost Du nur willst, Rena, aber es wird Dir bald genug über werden, mit mir allein Ich bin solch ein täppischer Geselle, gar nicht ein bißchen weltge­wandt und unterhaftenb "

„Aber himmlisch rudergewandt und ein herrlicher Kamerad. Wcnn'S Dir nicht über wird, mir schon ganz gewiß nicht."

„Mir'"

_ Er zuckte die Achseln und sah sie kopfschüttelnd an. „ hast Du vergessen, daß Du mit mir schon vor Jah­ren, al? Du noch ein Liliput warst unb ich ein neu« gebackener Sertan er, machen konntest, was Du woll­test? Ich glaube, das wird sich zwischen uns nie ändern "

„Bis Du einmal eine Frau hast, die s nicht mehr erlaubt'

„Das soll sie nur versuchen!" Er sah ordentlich zornig aus und fuchtelte mit den schmalen Ruder­stöcken. daß ihr bas Wasser ins Gesicht spritzte.

„Sag' mal. Werner, was willst Du denn eigent­lich loerben?'

»Ich?"

Er l'eß die Ruder ruhen und verschränkte die Arme. Der starke Strom trieb bas leichte Boot gleich­mäßig vorwärts. „Latz das Steuer jetzt in Ruhe, Rena wollen uns hier treiben taffen. Hier ist's unge­fährlich, kaum mnuneStief. Aber sehe Deinen Hut ans, Du mirft sonst Kopfschmerzen bekommen, solch ein Zarter Mädchcnkopf ist nicht auf Sonnenbrand einge­richtet."

Sie gehorchte und sah ihn fragtnb an

„Warum sagst Tu mit nicht, was Du werden willst, Werner?"

„Ich sag's Dir schon. Zum Forstfach will ich über gehen."

„Du willst Förster werden?" Sie sah ihn ehrlich erstaunt an. „Ein ganzes Leben lang Dich im Walde vergraben, abgeschlossen von allem Verkehr und mir immer Mordgedanken haben? Red' doch nicht! Du bist ja viel zu gutmütig, Du wirst ja nie ein Reh totschießen können." (Forts, folgt.)