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z.parzellttinMd<>. Wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagrzeitung"

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M 257

Swertes Wlcrtt

* Haben wir denn eine Regierung?

Wie das verschleierte Bild von Tais ist der neue Reichskanzler der Mitwelt all die Monate, seit­dem er das Ruder der Reichspolitik übernommen hat, der Oeffentlichkeit entrückt gewesen.

Außer einigen höstschen Besuchen hat man nichts Inaj^uim gehört und gesehen und auch in der Staats­haltung noch nichts von dem neuen Manne gemerkt ;gn den ersten Wochen nach der Krisis konnte man seine „Schonzeit" und eint Frist zum Einarbeiten gel­ten taffen. Aber nachdem jetzt der Sommer und schon ein erheblicher Teil des Herbstes verstrichen sind, darf man wohl die Frage stellen, wann denn das neue Regiment sich dem harrenden Volk bemerkbar machen wird. Die Schweigsamkeit und Zurückhaltung der Regierung hat wesentlich dazu beigetragen, daß die Steuerhetze der Liberalen und Sozialdemokraten (|u jenem tollen Hexensabbat ausarten konnte.

Durch ihre Untätigkeit hat sich die Negierung sel­ber schwer kompromittiert. Denn der Reichskanzler selbst und mit ihm der Bundesrat hatten die Verant­wortung für die Reform in jeder Hinsicht übentom» men; die Regierung durfte heilfroh fein, eine so ge­waltige Summe erhalten zu haben; zudem richtete sich der Hauptsturm der Steuerhetze gegen Steuern, deren Entwurf miS dem Schoße der Regiemng stammte, wie Kaffee- und Zündholzabgaben. Als in der Presse die Regiemng gemahnt wurde, der politi­schen Vmnnenvergiftung entgegenzutreten, geschah ja auch etwas, aber Wirkung konnte diese lendenlahme Empfehlung der Mäßigung in der Nordd. Allg. Ztg., die vorsichtigerweise nach beiden Seiten gerichtet wurde. Nachher ließen die Herren da droben wieder die Was­ser laufen — als ob die verlästerten Steuergesetze die Minister gar nichts angingen.

Es ist bereits früher die Frage gestellt worden, wo denn eigentlich die Regiemng bliebe. Das wurde von den Liberalen und Sozialdemokraten so mißdeutet, als ob das Zentmm und die Konsewativen für ihre Parteiinteressen um den Schutz und die Hilfe der Regierung flehten; darin sollte das Eingeständnis der Schwäche und des Schuldbewußtseins liegen. Ach nein, das Zentrum ist nicht so naiv, sich auf mi­nisterielle Hilfe zu verlassen. Es weiß, wie Figura zeigt, sich selbst seiner Parteihaut zu wehren. Aber hier standen ganz andere Dinge auf dem Spiele, als Interessen der fteuerbewilligenden Parteien. Der Ver­achtung und dem Hasse wurden Gesetze preisgegeben, die vom Bundesrat beschlossen und vom Kaiser ver­kündet waren. Das Volk wurde systematisch aufge- wiegelt gegen Einrichtungen des Reiches; die patrio­tische Gesinnung wurde untergraben, die Achtung vor der Autortiät weiterhin vemichtet, der Umsturzpartei große Mengen von Mitläufern zugeführt.

An dem Ausfall der letzten Wahlen ist dämm ein guter Teil der Schuld auf das Konto der Rgiemng zu sehen. Es war ihre Pflicht, der wahrheitswidrigen friedensgefahrlichen und staatsfeindlichen Hetze gegen- 6er für die Wahrheit und die Ordnung einzutreten. Indem sie mit verschränkten Armen dem Hexensabbat zusah, hat sie die Mitschuld auf sich geladen an den Erfolgen der Sozialdemokratie.

, Wahrscheinlich hat die Regiemng gedacht, daß sie bei dem Eingreifen sich „die Finger verbrennen" könnte Diese spießbürgerlich- Vorsicht hat nun dahin geführt, daß wertvolle Güter der staatlichen und ge­sellschaftlichen Ordnung angebrannt find. Auf die Dauer kann ez aber doch nicht so weiter gehen mit den schleifenden Zügeln. Die Regiemng wird doch den Mut ihrer Meinung haben und Farbe bekennen müssen.

Mit einem Verwaltungsapparat allein ist dem Volke nicht gedient. Was uns nottut, ist eine wick- liche Regierung im staatsmännischen Sinne des Wor-

Fulda, Dienstag

tes, die in die innerpolitische Entwicklung wegweisend, lehrend, wamend, bahnbrechend eingreift, eine ziel- bewußte Führung übernimmt.

Deutsches Reich.

= Der Kaiser und der Herzog von Meiningen. Außer Greiz ist Meiningen die einzige deutsche Residenz, dir Kaiser Wilhelm II. noch niemals besucht hat. Der greise Herzog Georg hat eine morganatische Gemahlin, Frau von Heldburg, ein ehemaliges hervor­ragendes Mitglied des Meininger Hostheaters. Wegen dieses Ehebündnisses beftebt zwischen dem Kaiser und dem Herzog ein unfreundliches Verhältnis, obwohl der älteste Sohn des Herzogs, Erbprinz Bemhard, mit Eharlvtte, der ältesten Schwester des Kaisers, verhei­ratet ist. In den jüngsten Tagen machte nun eine Nachricht aus Weimar die Runde durch die Presse, daß anläßlich der am 4. Januar ftattfinbenben Ver­mählung bes Großherzogs von Sachsen-Weimar mit Prinzessin Feobora von Sachsen-Meiningen, zu ber neben anberen Fürstlichkeiten auch der Kaiser einge­laden sei, eine Zusammenkunft zwischen diesem und dem greifen Herzog von Meiningen hecbeigeführt wer­den wird. Bei dieser Gelegenheit, so hieß es weiter, werde eine Versöhnung zwischen Kaiser Wilhelm und Herzog Georg stattfinden. Das herzoglich meiningische Hofmarschallamt zeigt demgegenüber an, daß Einlad­ungen noch nicht ergangen seien, „insbesondere die Nachricht von der Einladung des Kaisers j e d e r B e- gründung entbehrt."

* Neue Tragweise des Offizierdegens. Wie der „Schles. Ztg." aus Berlin berichtet wird, hat der Kaiser bestimmt, daß von sämtlichen berittenen Offizieren und Portepeeunteroffizieren beim Reiten im Dienste der Degen oder Sabel mit einer Tragvorrichtimg an der linken Seite des Sattels und zwar hinter dem Schenkel des Reiters, zu be­festigen ist. Verziemngen und blanke Beschläge dür­fen an der Vorrichtung nicht angebracht werden. Bei Paraden und ähnlichen Gelegenheiten wird der Säbel auch weiterhin am Leibe getragen.

— Festlegung des Ostertermins Die protestan­tische Generalsynode hat dem Plane einer staatlichen Festlegung des Ostertermins zugestimmt. In einer kurzen Erörterung wies Vizepräsi­dent G. Dryander darauf hin, baß der evangelische Kirchenausschuß mit der Frage beschäftigt sei und cs sich von selbst verstehe, daß ohne die Hilfe des Staa­tes die Neuerung nicht herbeigeführt werden könne, und daß der Staat wiederum seine Initiative von dem Einverständnis der Konfessionen untereinander abhängig zu machen habe.

)( Die Lotterwirtschaft, die auf der Marinewerft in Kiel festgestellt ist, lenkt die Aufmerksamkeit dar­auf, daß auch im Wirtschastsbetriebe anderer Reichsämter manche Mängel bestehen. So wird z. B. dem „Hann. Cour." erzählt, daß, als das Gewehr M. 71 ausrangiert wurde, von der Militärver­waltung Exemplare desselben zum Preise von 2,60 Mk. an Händler übergingen und die serb. Regie­rung viele Tausend Sttick dieser Gewehre für ihre In­fanterie zum Preise von 20 Mark das Stück gekauft habe. Es kommt vor, daß einzelne militärische Be­kleidungsstücke an Händler verkauft werden, ehe sic überhaupt gebraucht worden sind, da ihre Unbrauch­barkeit von einzelnen Truppenteilen erwiesen wurde, wahrend sie bei anderen noch gar nicht im Gebrauch waren. Sachen, die man zu einem geringen Preis an Händler, eS sind immer Großhändler, abgibt, könnten oft mehr bringen, wenn sie an Produzenten verkauft wurden, die sie anderweitig verwerten. Sa fabriziert man z. B. von ausrangierten Stiefeln Zigarrentaschen und Absatzflecke. Ist es nötig, daß sich an den alten Sachen allein die Händler bereichern? Nach dem „Vor­wärts" sollen vor allem auch im Reichspostamte noch große Mängel bestehen. Auch dessen Verkäufe in Altmetallen sind sehr erheblich und belaufen sich spe-

9. November 1909.

ziell in Berlin allein auf mehrere hunderttausend Mark jährlich. Zum Verkauf gelangen hauptsächlich Bleikabel, Kupferdrabt und Eisen. Trotz vieler Be­schwerden kann sich die Ober-Postdirektion hier und andcrotts nicht dazu verstehen, ihre Altmaterialien gleich den Staatsbahnen im Submiffionsanzeiger oder in der Presse auszuschreiben, jeden Bieter zuzulassen und die Verkaufspreise bet Kontrolle halber zu ver­öffentlichen, fonbern es wird nur eine kleine Anzahl von Händlern zur Pteisabgabe aufgefordert. Auf diese Weise hat sich seit Jahren die Praxis hecausge- bildet daß die Bieter immer genau orientiert waren, wer zur Preisabgabe aufgefordert war (da es ja stets dieselben waren). Daß sich bann die Versteigerungen oanz unabhängig von dem wirtschaftlichen Martte voll­ziehen, ist unter diesen Umständen selbstverständlich. Ohne Zweifel werden diese Vorgänge bei ber Be­ratung des Reichspostetats im Reichstage ausführlch zur Sprache kommen.

* Geisa, 8. Rov. 1909. Zur Landtagswahl im Wahlbezirk Dermbach-Geisa ist der seitherige Ab­geordnete, Herr Mühlenbesitzer Dr. Kiel-Geisa wieder als Kandidat aufgestellt worden.

cf München, 7. Nov. 1909. Der Liberalis- mus ist überall der gleiche unduldsame Geselle. In der zu mehr als zwei Dritteilen katholischen Stadt Augsburg hatte es der Liberalismus in 40jäh- tioer ununterbrochener Herrschaft verstanden, die Ka­tholiken so weit zurückzudrängen, daß sie in den städt. Kollegien, im Steuerausschuß nsw. lange nicht in der ihrer Zahl entsprechenden Stücke bertreten sind So­gar liberale Katholiken finden da vor seinen Augen keine Gnade. Genau so macht es der Liberalismus in Speyer. Auf der liberalen Vorschlagsliste für die bevorstehende Stadtratswabl befinden sich unter den 41 Kandidaten ganze drei Katholiken! Und dabei zählt Sveher 11,826 Katholiken und nur 9552 Protestanten. Auch hier zeigt sich der Katholikenhaß der Liberalen im schönsten Lichte.

Ausland.

*■ Militärische Operationen im Risgebitt haben am Samstag auf neue begonnen. 16(00 Mann spanischer Truppen traten von Mel.lla den Vormarsch nach Caza-a an. Es handelt sich darum, die spanische Einflußsphäre von den Riskabylen zu militärischen Posten zu ziehen.

** Eine serbische Anleihe, die infolge ber Kosten für die ausgedehnten Rüstungen während der Valkan- krise notwendig geworden war, sucht die Belgrader Regierung mit vieler Mühe in Paris unterzu­bringen. Der Minister des Aeußeren weilt deswegen augenblicklich in Paris.

Aus dem Nachbargebiete.

* Waynhansen, 6. Nov. 1909. Info ge einer Masern-Epidemie in Wahnhausen ist die dortige Volksschule auf Anordnung der Schulaufsichtsbehörde bis auf weiteres geschloffen worden. Die Krankheit hat bis jetzt 35 Schul­kinder ergriffen.

♦ Homburg, 8. Nov 1909. Gestern fand der Weinhändler Schlarp von hier, der im Rindschen Sttstskeller in der Elisabethenstraße einWetnlager unterhielt, als er diesen Keller betrat, einen plötz­lichen Tob. Der in Gärung befindliche Wein hatte den Raum so stark mit Gasen angefüllt, daß Schlarp fofort erstickte.

♦ Kassel, 8. Nov. 1909 Der Nachtschnellzug von Basel-Straßbnrg-Kassel erlitt hinter Frankfuck einen schweren Defekt an der Maschine und hatte in­folgedessen eine Verspätung von 75 Minuten. Von Frankfuck war deshalb vorher ein Extrazug abgelassen

36. Iahrqansi.

worden. — Ein Sonderzug mit ca. 200 polnischen landwirtschaftlichen Arbeiter n, die nach Schluß ber Sommerkampagne nach ihrer Heimat zu- rückkehren, wurde in der Rack^ vom Sonntag auf Montag in der Richtung Halle vom hiesigen Oberstadt- bahnhof abgelassen. ,

* Mühlhausen (Thür.), 5. Nov. 1909. Beim Fri­sieren während der Arbeitszeit wurde in der Siegel- mannidien Färberei ein 17jährige Arbeiterin von der Transmission erfaßt. Die Welle erfaßte das aufgelöste Haar, hob das Mädchen daran hoch und nß schließlich die ganzen Haare samt der Kopfhaut ab. Die Verunglückte wurde sofort in das Krankenhaus überführt.

* Darmstadt, 8. Rov. 1909. Die Untersuchung gegen den Musketier Kreutz vom Infanterie­regiment Nr. 116 in Gießen, ber im letzten Manöver im Westerwald den Regimentsfeldwebel Debus über­fiel und durch einen Messerstich tödlich verletzte, ist nunmehr abgeschlossen. Die auf Körperverletzung mit tödlichem Erfolg lautende Anklage wird vor dem Kriegsgericht zur Verhandlung kommen. — Heute starb hier einer der Senioren ber hessischen Anwalt­schaft Geh. Justizrat Bernhardt Langenbach im 77. Lebensjahre.

* Wiesbaden, 8. Nov. 1909. ":e Stabverordneten rechnen damit ,daß in wenigen jedjren Biebrich ein gemeindet wird. Dem neugetoäbtten Bei­geordneten von Biebrich, Dr. Kranzbühler, wurde die Verpflichtung auferlegt, daß er im Falle ber Einge­meindung Biebrichs mit Wiesbaden im hiesigen Magi­strat eine besoldete Stelle anzunebmen habe.

* Eisenach, 6. Nov. 1909. Eine Bu chhalte- r i n aus Posen, die ihrem Vater ein Sparkassenbuch mit 650 Mack entwendet batte, wurde in einem hie- ftgen Hotel auf Veranlassung des Vaters durch die Polizei ieftgenommen.

vermischtes.

♦ Der studentische Bierboykott in Bonn ist von ber Veckreterversammlung der katholischen Korporationen aufgehoben worden. Die anderen Korporationen strclken weiter

* Ein rentabler Posten. Die Potsdamer Tages- zeitung wußte vor einigen Tagen mitzuteilen, daß die Stellung des Generaldirettors des Hansabun- d e s mit einem Jahreseinkommen von 5 0,0 0 0 Mark verbunden fei. Die „Deutsche Tageszeitung" bemerkt zu dieser Nachricht: „Wir haben einige Tage gewartet, ehe wir von dieser Mitteilung Notiz nah­men. Da eine Berichtigung nicht erfolgt ist, müssen wir annehmen, baß sie richtig sei. Der Hansabund beweist damit, daß er die geistige Arbeit febt hoch einschätzt und baß er in bet Lage ist, diese Einschätzung in die Tat mnzusetzen."

* Folgen eines sozialdemokratischen Boykottes. Der Pächter einer der Gemeinde Zehlendorf gehöri­gen Restauration wat laut der „D. T." von den So­zialdemokraten boykottteck worden. Die Genossen hatten den Boykott in der ihnen eigenen Ack durchge- sühck und dadurch die bürgerlichen Gäste ber Restau­ration belästigt, so baß ber Wick sich gezwungen sah, Schadenersatzklage zu erheben. Das Kammergericht hat nun anerkannt, daß die beklagten Sozialdemo­kraten zur Zahlung des Schadenersatzes, den der Wirt auf 4700 Mack berechnet, verpflichtet sind, wenn der Kläger den Nachweis des Schadens er« bringt.

♦ Wegen Erpressung wurden in Berlin Zieh­leute, die von einem Postassistenten unter der Droh­ung, daß sie das Klavier auf bet Straße stehen lassen mürben, 27 Mark Trinkgelb erhalten hatten, statt bet ausbebungenen 9 Mark, zu 6 Wochen bis zu 4 Mo­naten Gefängnis verurteilt.

* Für eine halbe Million Juwelen würben in R o m im Hanse bes reichen Kaufmanns Zanelli ge- stöhlen. Des Diebstahls verdächtig ist eine Kamme» flau, die seit zwei Tagen verschwunden ist.

kleines Feuilleton.

- Spiritisten und Zollamt. Eine englische Zei­tung berichtet von einem Streik, der zwischen dem -Zollamt in Melbourne und dem Führer der bärtigen Spiritisten, Mr. Stanford, wegen Steuerhinterzieh­ung ausgebrochen ist. Mr Stanford verschrieb vor einiger Zeit aus Indien ein hervorragendes Medium, das in ber bem gewöhnlichen Sterblichen — auch bem Zöllner — unbekannten Welt gewisse Vorrechte be­sitzen soll. Nun brachte die spiritistische Zeitschrist in Melbourne vor kurzem ein Verzeichnis von Gebrauchs- gegenstanden und Waren, die in den von bem betreffen­den Medium ab gehaltenen Seancen „materialtfiert" fein sollen. Als die Zollbehörde sich dies Register et­was näher ansah, sand sie bäumtet Gegenstände, die dem Einfuhrzoll unterliegen und stellte fest, daß ein solcher bei der Ankunft des Mediums im Hafen von Sldboume nicht entrichtet war. Mr. Stanford be­hauptet dagegen, daß die Sachen nicht zollpflichtig sind, weil sie nicht im gewöhnlichen Sinne importiert, sondern durch die „Macht des Gedankens" hetbeige- schasst sind. Mit dieser Erklärung hat die Zollbehörde ffich aber nicht zufriedengegeben, sondern Mr. Stan- ford eine gepfefferte Rechnung gesandt, wogegen er $ei der Regierung Einspruch erhoben hat. Die Ent- schckdung steht noch aus. Doch wird sie kaum zugun- ÄL.des Spickttsten ausfallen. Außer den von der Zoll­behörde für steuerpflichtig angesehenen Gegenständen hat das Medium noch Papyrus- und Pergamentmanu- skrtpte von assyrischen und babylonischen Grabstätten, lebende Vögel und eine Schlange durch die „Macht des Gedankens" in Melbourne eingefühck.

~ ®nt merkwürdige Lebensrettung. Der be­rühmte englische Maler James Themill hatte den Auf­trag erbacten, di« Decke in eine der Kuppeln bet St. Pauls-Kathedrale in London auszumalen Das Ge­rüst, so wirb in Mon Dimanche erzählt, ragte mehrere hundert Fuß über dem Erdboden des Kircheninnern empor, aber man hatte es trotzdem nicht für nötig ge­hallen, den Künstler durch Anbcknauna eines Gelän­

ders gegen die Möglichkeit eines Sturzes zu schützen. Viele Kunstfreunde und Anhänger Thomills ecklom- men des öfteren das Gerüst, um dem Meister bei seiner Arbeit zuzuschauen und sein Weck zu bewundern. Eines TageS hatte Thomill gerade den Kops des hl. Paulus vollendet; er wollte prüfen, wie der Kopf aus der Ferne Wicke und mit der Hand die Augen be- fchattend, entfernte er sich, immer rückwärts gehend, Schritt um Schritt von bem Gemälde. Er vergaß, im Anschauen seines Weckes versunken, völlig, daß er sich auf einer schmalen, geländerlosen Plattform be­fand. Lord Arnndel, sein Freund, bemerfte plötzlich die Gefahr, in der der Maler schwebte, denn nun trennte ihn nur noch ein Schritt von bem Rand der Plattform, von der et in der nächsten Minute aus schwindelerregender Höhe auf den steinernen Fuß­boden ber Kathedrale herabfallen mußte. Es war zu spät, ihn durch einen Zuruf zu warnen, der Schreck hatte die Kotasttophe vielleicht beschleunigt. Lord Ätundel hatte im letzten Augenblick einen rcktenden Einfall: Hastig nahm et einen dunkel gefärbten Pin­sel, bet vor bem Bildnis des Paulus lag und warf ihn dem Heiligen an den Kopf, so daß das ganze Gesicht mit dunsten Farbenstexen entstellt wurde. „Um Got­tes Willen," rief bet Malet, und stützte auf das Bild zu, „was haben Sie getan?" „Ich habe Ihr Weck zerstört, aber Ihr Leben gerettet," antwortete Lord Amndel und wies auf die schmale Spanne, die Ther- nA von dem Abgrund getrennt hatte. Nun erft be­griff der Maler die Gefahr, in der er geschwebt hatte, et erschrak so heftig, daß er ohnmächtig wurde und mehrere Tage daS Bett hüten mußte. Später malte er ein kleines Bild, das die Szene festhält und das sich heute noch im Besitze bet Familie Arundel befindet.

— D« geschonte Teppich und die verhinderte Wohnungsrefonn. Daß manche Sattem ihre Stuben nicht lüften und selbst bei schönstem Wetter die Fenster geschloffen halten, hat von seinen verschiedenen Grün­den den historischen bekanntlich in einer uralten Ueber= lieferung Im Mittelaller ließ die Furcht vor bem schwarzen Tob und ber Pest bie Meinung entstehen, die Seuche verbreite sich durch die Lust. Daher bie Leute zu bebenllichen Zeiten tief vermummt über die Straße

gingen. In bet Meinung. Gift würde durch Gegen­gift enthaftet, hielten sie bann zu Hause die Nasen über die Kloaken. Wo diese Tradition noch festsitzt, hat die moderne Hhgine natürlich einen schweren stand. Und wo sie meggeräitmt ist? Vor kurzem wurde eine Gartenstadt eröffnet, die Arbeitsleuten bie Wohltat ge­sunden Wohnens bot. Da hatten sie nun statt elender Mietwohnungen mit Fenstern auf schmutzige Höfe hin­aus — Räume von grünen Gärten umgeben, Stuben, die Licht, Lust und Sonne freien Zugang gewährten. Der Architekt hatte den knappen Raum so praktisch und gesund, wie man’8 nur wünschen konnte, verteilt. Die Lust konnte durch's Wohn- und Schlaszimnier strömen, Licht und Sonne konnten von zwei Seiten hinein. Und wie hielten c8 so und so viele der Be- wohner? Die Fensterladen wurden beim allerschönsten Sonnenschein geschlossen. Fragte man die Leute, war­um sie Licht und Lust abhielten, sagten sie zunächst: lüsten wäre nicht notwendig, bie Wohnung sei ja schön trocken Drang man tiefer, kam aber der wahre Gmnd Herau8. Die „gute Stube"! Und zumal die- se8 kleine bunte Ding darin, der Teppich! Näm­lich: ber verträgt die Sonne nicht, bet verschießt! Hnb et hat doch os schöne Farben! Hatte er auch, alles echt Anilin. Also darum lieber schlechte Lust einatmen, darum lieber in ber Küche wohnen, darum die Besuche auf dem Korridor empfangen und mit allen Schlichen verhindern, daß sie nicht „bie gute Stube" betreten. Dl« ist nur fürs Bewußtsein, kaum für den Soimtag-Nachnrittags-Kafsee da. Woraus zu ersehen: Vorläufig ist bei sehr vielen das Wichtigste ber Anilin­teppich. Das Wohnung?reformieren allein, das tut'S noch nicht, die Aufllämng muß dazukommen. (Aus bem ersten Novemberhest des Kunstwarts, Verlag Ge­org D. W. Eallwey, München; vierteljährlich 4 Mk.)

— „Zeugenaussagen." Aus Osnabrück schreibt man ber „K. Ztg ': Wie einem bas Gedächtnis einen bösen Streich spielen kann. Es handelt sich um ein vor rund acht Jahren gemachter Testament. Einem Mit­erben war zu Obren gekommen, daß der Testator bei Abfassung des Testaments nicht mehr bei vollem Be­wußtsein gewesen sei. Der Erbe begab sich nun zu einem bet beiden Herren, die als Reuaen das Testa­

ment unterschrieben hatten. Als der Erbe bat, ihm die näheren Umstände, unter denen das Testament zu­stande gekommen war, mitzuteilen, erklärte dieser, daß er ganz zufällig zu dem Sterbenden gekommen und entrüstet gewesen sei, daß man den schon mit dem Tode Ringenden noch mit bem Testament behelligt habe. Der Erbe sagte ihm nun, daß er doch selbst als Zeuge dabet fungiert habe. „DaS ist falsch," erklärte dieser, „und wenn mein Name unter dem Testament steht, so ist e» Urkundenfälschung; ich bin jeden Augenblick bereit, meine Behauptting zu beschwören" Zwei Tage spä­ter, als der Erbe eben im Begriffe war, weitere Schritte zu tun, empfing er einen Brief folgenden In­halts: „Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß mir mein Gedächtnis einen argen Streich gespielt hat; ich führe ein Tagebuch, in das ich wichtige Ereignisse auS meinem Leben eintrage. Dort steht nun folgen­des bezüglich de? Testaments: „Datum und Stunde; zu Herrn N., meinem schwer kranken Nachbar, ge­rufen, der bei vollem Bewußtsein seinen letzten Willen erklärte, als Zeuge fungiert neben Herrn N. W." Nach meinem Gedächtnis würde ich noch heute das Gegenteil beschwören " So kommen die Falscheibe in die Welt. Wenn das am grünen Holze geschieht, waS wird bann am bürten geschehen.

— Ist bet Polizeihund ein königlicher Beamter? Aus Dresden schreibt man der „Fcks. Ztg.": Der Dresdener Anzeiger, das Amtsblatt der sächsischen Residenz. gab einen Bericht über eine Dortmunder Landgerichtsverhanbluvg betreffs bet Frage wieder: „Wer zahlt das Schmerzensgeld, wenn einen ein Poli­zeihund beißt?" Die Notiz erschien unter der Spitz­marke: „Ist ber Polizeihund ein königlicher Beam­ter?" Nun, daS war eben ein Scherz ober sollte we­nigstens ien solcher fein. Der Verein sächsischer Richter und Staatsanwälte bat es jedoch für nötg erachtet, „gegen diese unpassende Vergleichung eines Polizei­hundes und königlichen Beamten Verwahrung ein­zulegen". Wen's juckt, der kratzt sich eben! Blieben nur noch die Motive zu erörtern, aus denen heraus ge­nannter, feinfühliger Verein den Herrn Polizei-Hund an erster Stelle nennt. . ..