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üotationrdruckund. Verlag der Fuldaer Ak- ttendruckerei in Fulda

Fernsprecher Ur. 9.

M 256.

vulba, Montan den 8. November 1909.

36. Iahraanq.

Hwertes Wlatt.

Im KielerUnter^chlagungsprozetz, über besten erste Verhandlungstage wir an anderer Stelle berichtet haben, ist jetzt die Vernehmung der An­geklagten beendet und es folgen nunmehr die Gut­achten der Sachverständigen, die darüber zu befinden haben, ob sich, wenn alles ehrlich zuging, eine Diffe­renz zwischen dem buchinäßigen und tatsächlichen Alt- materialicnbestand der Werft ergeben konnte.

Soviel steht bereits fest, daß der Reichsftskus auf der Kieler Werst Unsummen verloren hat. Es muß ein geradezu unglaublicher Schlen­drian aus dec Werft geherrscht haben. Da beklagt oder belustigt man sich über die Pfennigfuchserei der Burcaukratie, die Fässer voll Tinte und Berge von Papier verschreibt, weil irgendwo ein Pfennig zu wenig gezahlt worden ist, der unbedingt noch einge- trieben werden muß, und gleichzeitig werden von den staatlichen Behörden Millionen geradezu hinauSgeworsen, weil niemand da ist, der Jn- tereste oder Sachkenntnis genug hat, um diese Ver­schwendung zu verhüten.

Besonders klar geht aus den Verhandlungen her­vor, daß eine große Verschwendungan Ma­terial betrieben wurde. Der Angeklagte Kauf­mann Frankenthal hat die Verwaltung vor Gericht förmlich vechöhnt, indem er ausführte: „Es ist ja richtig, daß Käufer von Altmaterialien auf der Kieler "Werst Vorteile haben, wie sie sonst in ordnungs­mäßigem Geschäft nicht Vorkommen dürfen. Diese Vorteile sind hervorgerufen durch den koloffalen Schlendrian itnb durch Handhabung dec Geschäfte, wie man sie kaum sürmöglich halten sollte, und durch verständnislose Anordnungen.' Um das Altmateriill aber kümmert sich überhaupt niemand. Die Käufer hatten alle große Vorteile. Bei den Altwaren wurden Abfälle von verschiedenstem Werte durcheinander ge­worfen. Bronze und Messing gemischt, obwohl eines doppelt so viel ivert ist als das andere. Niemand kümmerte sich dämm und niemand hatte von dem Werte eine Ahnung. Die Händler und ihre Leute, die die Sachen kannten, suchten sich dann stets zuerst das beste aus. So erhielt man z. B. eine Kette, die 14 Mk. der Doppelzentner wert ist, als altes Eisen für r4,50 Mk. Ein Mast wurde für 76 Mk. verkauft, der beim sofortigen Weiterverkauf 1000 Mk. brachte. Alte weiße Leinwand wurde zu 50 Pfg. verkauft; die Käu­fer ließen sie reinigen und die Werst kaufte sie dann zu 2,85 Mk. als Putzzeug wieder.

Dabei fehlte es nicht an Beamten, sondern im Gegenteil: in Kiel sind zu viel Beamte, weit mehr als auf den fremden Wersten. Ein „Kontroll- beamter" konnte ruhig dabei stehen, wenn die Händ­ler sich aus dem Haufen das beste aussuchten, er ver­stand ja von der Sache nichts und konnte „nicht Rot­guß von Messing unterscheiden' „Ich verstehe vom Wiegen gar nichts', erklätte ein „Kontrollbeamter', der den Wicgedienst „überwachen' sollte. Der Ver­kauf des Allmaterials war auch noch so schlau einge­richtet, daß ein kleiner Ring von Händlern „Cha- bruie" machen, die Preise nach Belieben festsetzen und sich in den Gewinn teilen konnte. Dafür, daß kein Fremder hineinkam und entsprechende Preise zahlte, war durch die Verkaufsbedingungen an der Werft ge­sorgt, insbesondere dafür, daß keine kleinen Käufer herankommen konnten.

Hunderttausende, ja Millionen müssen die Händler an dem von der Werftleitung aus UnlenntniS ver­schleuderten „Altmaterial' verdient haben. Man sieht eigentlich nicht ein, warum sie sich eigentlich auch noch die Mühe gemacht haben sollen, Beamte zu bestechen. Bei der jeden kaufmännischen Geistes entbehrenden Materialverschleuderung auf der Werft verdienten sie ja sowieso schon reichlich und überreichlich auf „ganz reelle" Weise, einfach indem sie sich die Dummheit

anderer zunutze machten. Gestohlen wurde außerdem infolge der ungenügenden Kontrolle auch noch. In den letzten vier Monaten allein kamen 30 Diebstähle ans Licht.

Unangenehmes Aussehen muß es erregen, daß die Werfwerwaltung Sachverständigen den Mund ver­bietet und daurch dem Gerichte die Feststellung dec Wahrheit erschwett, wie man aus folgender Stelle des Prozeßberichtes ersehen kann:

Verteidiger Rechtsanwalt Schirren beantragt, einen Beamten von der Oberrechnungskammer in Ber­lin als Sachverfländigen zu laden, um diese außer­ordentlich komplizierten Konlrollvorschristen dem Ge­richt und den Geschworenen auseinanderzusetzen. — Staatsanwallschastsrat R e i l s: Mir ist soeben von der Oberwerftdirektion milgeleilt worden, daß sie auch die Genehmigung zur Aussage der gestern von der Verteidigung als Sachverständige geladenen Geheimrat Schwarz uno Oberbaurat Schirmer nicht erteilt. Der Oberwerftdirektor steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß Oberbaürat Krell der geeignete Sach­verständige ist. — Verteidiger Justizrat Wallach- Essen: Nachdem uns auch diese beiden Sachverständi­gen genommen worden sind, beantrage ich, die beiden Herren als Zeugen zu hören. Ich gehe davon aus, daß die vorgesetzte Behörde diese Genehmigung schon aus dem Grunde nicht versagen kann, weil allerseits das Bedürfnis besteht, auszuklären, welche Praxis auf der kaiserlichen Werst geübt wird. — Das Gericht be­schloß, die beiden Beamten als Zeugen zu vernehmen. In diesem Augenblicke meldete sich ein gestern von der Verteidigung beantragter Sachverständiger, ein Ober­meister der kaiserlichen Werft, daß ihm die Ge­nehmigung zur Aussage verweigert worden sei. — Verteidiger Justizrat Schirren-Kiel: Nachdem eine ganze Reihe unparteiischer Herren, die von der Verteidigung als Sachverständige geladen waren, ledig­lich aus dem Grunde uns genommen worden sind, roetl sie etwas von der Sache verstehen . . . Vor­sitzender Landgerichtspräsident A n d r ä (unterbrechend): Sie dürfen der Behörde nicht Motive unterlegen, die uns nicht bekannt sind. — Verteidiger Justizrat Schirren (fortsahrend): Nachdem eine Reihe Herren, die von der Sache etwas verstehen, nach unserer Mei­nung, uns genommen worden sind, sehe ich mich nicht in der Lage, den Sachverständigen zu akzeptieren, den die kaiserliche Werst vorschlägt. Es handelt sich nicht darum, Herren hier zu haben, die aussagen sollen, wie die Dinge fein sollen, sondern wie die Dinge gewesen sind. Und das können nur die Herren bekunden, die wir genannt haben.

Warum verbindet man den Sachverständigen den Mund? Das muß Mißtrauen Hervorrufen und er­weckt den Eindruck, daß man vertuschen will. An der Aufdeckung der vollen Wahrheit wird man doch nicht vorbeikommen. Wenn das nicht in Kiel geschieht, bann muß es in Berlin im Reichstage nachgeholt wer­den. Das Volk, das jährlich 400 Millionen für seine Flotte ausgibt, hat einen Anspruch darauf, zu wissen, wo das Geld blesbt.

Die Frage, wie die unglaublichen Zustände in Kiel möglich waren, liegt auf jeder Zunge. Eine Zu­schrift, die der „Germ." von angesehener Seite aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet zugeht, sagt: „Wozu haben wir ein ganzes Heer von höheren, mittleren und niederen Beamten: Admiräle, Vize­admirale, Werstdirettoren und wie die Titel alle hei­ßen mit großen Gehältern, lebenslänglich angestellt, mit Pensionsberechtigung, wenn anscheinend auch »licht die geringste Kontrolle ausgeübt worden ist, so daß die äemcntarsten Pflichten in geradezu schnö­dester Weise verletzt worden sind. Wenn sonst ein Beamter, sei er Jurist, Richter oder Anwalt, Arzt oder Apotheker sich nur eine erwiesene Fahrlässigkeit zu Schulden kommen läßt, wird er bestraft und unter Umständen für den ganzen Verlust auch materiell bezw. finanziell verantwortlich gemacht. Warum wer- ben denn die Marinebeamten nicht geradeso behandelt die Millionen der Steuerzahler zu verwalten haben? Schon längst wird jo über Verträge gemunkelt, die der MarinefiskuS über die verschiedenen Materialien in einseitiger, dem Lieferanten gimftiper Weise betätigt, wobei das Staatsinteresse in unglaublich schnöder Weise vernachlässigt wird. Wie mit vollen Hän­

den das Geld weggeworfen wird, möge nachstehender Fall kennzeichnen: Für hochgespannten Dampf bestellt die Marine nur Röhren größeren Durchmessers, die aus dem Vollen ausgebohrt sind, während geschweißte oder nahtlos gewalzte Röhreir vollauf denselben Zweck erfüllen, den höchsten Anfor- berungen genügen unb sich, wie jeber Laie beurteilen kann, ganz erheblich billiger stellen. Es ist baher bie unumgängliche Pflicht der Reichstagsmitglieder, das Tun unb Lassen ber Marineverwaltung zur Sprache zu bringen, sich bie Verträge mit den Lieferanten vor­legen zu lassen und darauf zu bestehen, daß alle pflicht­vergessenen Beamten, ob hoch oder niedrig, denei» im vorliegenden Prozesse ein Makel anhastet, ohne Barm- Herzigkeit entlassen werden."

Anscheinend haben bereits die durch den Prozeß enthüllten Zustände auf ber Kieler Werft davon über­zeugt, daß in der Verwaltung unserer Marinebetriebe ernstlich Wandel geschaffen werden muß. Hierauf beutet nachstehende, vom Wolffschen Bureau verbreitete Mitteilung hin:

Es besteht die Absicht, auf der kaiserlichen Werft Wilhelm sh äsen vom 1. April 1910 ab eine B u ch- sührung nach kaufmännischem Muster ein­zuführen. Mit dieser Maßnahme hat sich der Rech­nungshof des Deutschen Reiches einverstanden erklärt. Im Zusammenhang damit ist ein kaufmännischer Beirat angestellt worden. Der die Beamten mit der kaufmännischen Buchführung vertraut machen soll. Be­währt sich die Einrichtung, so toll sie spälerhm au m anderen Marine-Staatsbetrieben eingeführt wer­den. Die für die Neuerung nötigen Mittel sollen im nächsten Etat angesordert werden, weshalb die geplante Aenderung erst am 1. Apr l 1910 voll in Kraft treten tann.

Hoffentlich wird man bann auch allmählich dazu kommen, daß in den übrigen Reichsämtern eine bes­sere Buchführung eingeführt wird, unb daß vor allem bie einzelnen Käufe unb Verkäufe öffentlich ausge­schrieben werden

Ausland

♦* Vorbestrafte Soldaten in der französischen Ar­mee scheinen in recht bedenklich hohem Maßstabe vor­handen zu sein. Zur Zeit finden sich unter den Jahrgängen 1907 und 1908 13 6 31 Soldaten, die vor ihrer Einstellung wegen gemeiner Verbre­chen Gefängnisstrafen erhalten haben. Weder die jungen Leute, die mit Strafaufschub ein einziges Mal verurteilt wurden, noch die Verbrecher, die in den Strafkompagnien von Algier dienen, sind in dieser Zahl einbegriffen. Wegen Diebstalsis waren 3460, wegen Sittlichkeitsvergehen 223 bestraft.

** Zur Beruhigung der Provinz Katalonien und vor allem.auch der Stadt ^Barcelona ist mit der am Freitag erfolgten Ankunft des Zivilgouverneurs Juarez Enklan unb des Militärgouverneurs Generals Wepler ein weiterer Schritt geschehen. Beide Gouverneure gewährten kurz nach ihrer An­kunft mehreren Journalisten Unterredungen. Enklan erklärte, daß er von liberalen Ideen erfüllt sei und hoffe, daß die Stadt ihn in feinem Wirken unterstützen werde. Er werde mit Wehler zusammen bie Frage prüfen, ob bet Belagerungszustand aufgehoben wer­den könne. General Weylet sagte zu den Journalisten:. „Das Volk von Barcelona soll zwar viel Freiheit haben, es darf aber natürlich keine Zügellosigkeit auf- kommen. Helsen Sie mir, bann werbe auch ich allen helfen; sonst wird alles beim alten bleiben." — Vor einigen Tagen konnte auch der neue Bischof, Lagu- arba h Fonollera, der Nachfolger des im Vorjahre ver­storbenen Kardinals Casaffas, seinen Einzug in die Stadt halten.

** Gegen die Ferrer-Demonstmtion der Peters­burger Studenten hatte sich der spanische Gesandte, dem man ein Protestschreiben zugesandt hatte, be­schwert. Der akademische Senat hat auf diese Be­schwerde hin die Anstifter der Versammlung aus der Studentenschaft ausgeschlossen.

vermischter.

** Der studentische Bierkrieg in Bonn wird vor­aussichtlich länger dauern, als erwartet wurde. Db Studenten sind, soweit beobachtet werben tann, unter sich einig. Und so kann man allabendlich ganze Tisch- runben in den Lokalen, die dem Verkehr freigegeben sind, bei Selterswasser versammelt sehen. In den 12 Gasthäusern, die dem Verkehrsverbot unterliegen, herrscht abends eine beängstigende Stille. In de» Tageszeitungen werden überdies die Bonner Bürger aufgesordert, auch kein Bier mehr zu trinken Der Bierkrieg macht sich hauptsächlich in dem Anzeigenteil ber Zeitungen bemerkbar. „Bonner Bürger, trinkt Sinaleo", so steht zu lesen, unb an anberer Stelle be­antworten „Mehrere Gewerbetreibende" bie studen­tische Aufforderung an die Bonner Bürger also:. „Bonner Bürger, trintt euer Bier ruhig weiter unb laßt euch nicht beirren!" Daß man dem Bierkriege eine heitere Seite ab gewinnt, das zeigte auch ein Um­zug einer Burschenschaft. Die Musensöhne fuhren in einem Wagen vor die beliebtesten Studentenlokale unb schwangen leere Gläser. Während ein Dienstmann, unter dem Namen „Munkes" als Original bei den Studenten bekannt, ein Schild mit der Aufschrift: „Bonner Bürger, sauft Selters!" vorantrug, blies ein Trompeter vor den Lokalen zum Abschiedsgruß: „Be­hüt dich Gott ,es wär' so schön gewesen!"

* Ein ganzes Stadtkollegium verunglückt. Die sog. Waldkommisston des Gemeinderats in Rappolts- Weiler (Oberelsaß), ber ber Bürgermeister, zwei Beigeordnete und drei Stadträte angeboren, ließ sich am Abend durch das Strengbachtal auf einem Zwei­spännergefährt nach Hause bringen. In der Nähe de- Forsthauses Baumschule stürzte das Gefährt in der Dunkelheit in den tiefen Chausseegraben und begrub' alle Insassen unter sich. Hierbei erlitt der Bürger­meister schwere Kopfverletzungen, die beiden Beigeord­neten erlitten Rippenbrüche und Brustquetschungen unb die drei Smdträte sowie der Oberförster trugen Verletzungen am Kopfe und im Gesicht davon. Die Verletzten mußten sich in ärztliche Behandlung be­geben. 1

* Die Untersuchung der Papiere Cooks will sich bie Kopenhagener Universität allein Vor­behalten. Wie ber Telegraph meldet, beschloß daS Universitätskonsistorium auf das Ersuchen der W a- shingtoner Geographischen Gesellschaft, an der Untersuchung von Dr. Cooks Papieren teilnehmen zu dürfen, folgende telegraphische Antwort zu senden:!, Die Universität wünscht bie angebotene Mitwirkung nicht, ba sie voraussetzt, dqh Dr. Cooks Material nach1 ihrer Untersuchung auch zur Verfügung anberer wissen­schaftlicher Institutionen gestellt wirb.

* Dynamiterpkofion auf der Eisenbahn. In der Nähe von Druro in Bolivien explodierte auf einer Bahnlinie ein Wagen Dhnamit; 19 Personen f i n b tot. Der Schaben wirb auf 300,000 Mark ge­schätzt.

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