Maer W Zeitung
jSä woch-nbtws«: „Illustrierte Sonntagrzeltung"
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Fulda, Montafl den 8. November 1909
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monairbellager „Zuldaer GeschichtrbMer"
Xwssigtn: Vie ei» fpaltigepetitzeilesder deren Baum 15 pfg. BeflamendiePetttzefle 25 psg., bei wieder- Holungen wirb entspr. Babatt gewährt.
Botationsbradunb Verlag der Fuldaer Ak> tiendruckerei ht Fulda Fernsprecher Nr. 9.
«rschünt täglich mit Ausnahme der 5o.m- »nd Feiertage, viertel» jährlicher verngrpreir »hne Vringrrlohn und Vefteägeld in Fuldas», »ie auswärts 1.5« Ml.
Serantw. Redatteurr
«arirchNtter
Erstes Matt.
Deutsches Reich.
** Berlin, 7. Nov. 1909. Der Kaiser begab sich am Samstag morgen im Automobil nach dem Schießplatz Kummersdorf. Die Rückkehr erfolgte nachmittags. — Wie nach der „Nattonalztg." verlautet, fanden am Donnerstag und Freitag im Auswärtigen Amt längere Luftschiffkonferenzen statt, an denen auch Graf Zeppelin tetlnahm. — Der Reichsgerichtsrat v. Kolb in Leipzig ist zum Senatspräsiden- ten bei dem Reichsgericht ernannt worden.
Der Landesausschuß der preußischen Zentrumspartei wird am Sonntag, den 28. Nov., sich in Berlin versammeln. Zu der Sitzung werden auch die süddeutschen Mitglieder des Vorstandes der Zentrumsfraktion des Reichstages geladen werden. Auf der Tagesordnung der Ber- fammlung steht in erster Linie die Beratung der Angelegenheit Roeren-Bitter. Der Landes- ausschuß wird sich nicht endgültig mit der Frage befassen, sondern den Zentrumsfraktionen selbst wird Gelegenheit geboten werden, zu der Frage Stellung zu nehmen, damit die ganze Materie einmal vollständig geklärt und definitiv geregelt wird.
* Der Oberpräsident von Schlesieu Gras Zedlitz und Trützschler hat der „Kreuzztg." be- stätigt, daß er für den 1. Januar feinen Ab- schied erbeten habe.
* Das Kinberprivileg soll nach einer Verfügung des Finanzministers an die Vorsitzenden der Einkom- mensteuerberufungskommisstonen auch auf Angehörige der Ehefrau, denen auf Grund der §§ 1601 bis 1615 BGB. Unterhalt gewährt wird, ausgedehnt werden, ohne daß es darauf ankommt, ob im Einzelfalle die Ehefrau Einkommen oder Vermögen, das dem steuerpflichtigen Einkommen oder Vermögen des Ehemannes hinznzurechnen wäre, besitzt ober nicht.
* Die Fernsprcchgcbührenordnung, die zurzeit dem Bundesrat vorliegt, entspricht genau dem Entwurf, der dem Reichstag in der vorigen Session zugegangen und in der Budgetkommission stecken geblieben ist. Bekanntlich beabsichtigt Staatssekretär Kraette, die Pauschalgebühr völlig zu beseitigen und allgemein die Grund- und Sprechgebühr einzuführen.
** Die Sicherung der Bauforderungen. Für die baldige Inkraftsetzung des Abschnittes 2 des Gesetzes, betreffend die Sicherung von Bauforderungen, ist in Arbeitgeberkreisen zurzeit eine lebhafte Agitation im Gange. Man bält das Gesetz solange für wertlos, als nickt die Sicherung der Baugelder, die im 2. Abschnitt behandelt wird, in Kraft getreten ist. Eine kombinierte Versammlung des Arbeitgeberverbandes des Dachdeckergewerbes, der Dachdecker-Innung und der freien Vereinigung selbständiger Dachdeckermeister von Groß-Berlin bat dazu eine Erklärung beschlossen, welche die Erwartung ausspricht, »daß die Landesregierungen en baldiges Inkrafttreten des 2. Absatzes an ordnen".
)( Zu der Frage der religiösen Erziehung der Bolksschüler hat die protestantische Generalshnode in Berlin folgende bemerkenswerte Resolution gefaßt:
„Angesichts der Gefahren und Hemmniffe, die in unterer Zeit sich der religiös-sittlichen Erziehung der Jugend auch auf dem Gebiete der Volksschule eni- gegenstellen, und im Hinblick auf den Geist, der in großen Leserversammlungen mehrfach zutage getreten ist, weist die Generalsynode die mit der Leitung des Religionsunterrichts betrauten Geistlichen ans ihre Pflicht hin, dieses ihnen zustehende Recht, wie es zuletzt in dem Erlaß des Kirchenrates vom 5. Juli 1909 »um Ausdruck kommt, gewissenhaft auszuüben. Sie fordert die Lehrer und Lehrerinnen bei voller Anerkennung der treuen Arbeit der Schule auf, in einmü
tigem Wirken mit den Geistlichen auf dem Boden des Bekenntnisses unserer Kirche die ihnen anvertraute Jugend zu frommen und tüchtigen Menschen heranzubilden; sie bittet das christliche Haus, in dieser bedeutsamen Aufgabe an seinem Teile Schule und Kirche zu unterstützen, zum Heile unserer Jugend, und unseres Volkes."
Angesichts der Tatsache, daß in den evangelischen Kreisen immer mehr der Trennung von Kirche und Schule das Wort geredet wird, ist die Annahme dieser Resolution von der an der Frage zunächst beteiligten Seite sehr erfreulich.
)( Unsere Jugend soll mit einer besseren „militärischen Erziehung" beglückt werden. Noch einer Verfügung des Kriegsministers sollen Schüler, einzelne Klassen oder ganze Schulen fortab als Zuschauer bei Paraden, Manövern oder sonstigen Hebungen unter Zuweisung bevorzugter Plätze zugelassen werden. Die Führung durch geeignete Persönlichkeiten und Unterrichtung der Jugend über die Vorgänge bei der Parade, Manöver oder Hebung ist ins Auge zu fassen. Außerdem ist die Jugend zur Erhöhung der lörperlichen Leistungsjähigkeit dadurch zu unterstützen, daß ihnen Turn- und Exerzierplätze, sowie Exerzierplätze und Turnhallen zur Abhaltung von Volksspielen und zur Pflege des Turnens unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Unter Schülern sind auch Fortbildungsschüler zu verstehen.
* Pädagogisches aus Essen. Zu dem von uns mitgeteilten Fall aus Essen, wo ein Oberlehrer des Gymnasiums den Schülern der Unter« sekunda eine eigenartige Hebersetzungsaufgabe Diktierte, teilt die „Rheivisch-Wests. Zig." mit, daß der Urheber des Extemporalien-Brieses ein junger Seminar-Kandidat ist, der erst vor kurzem die llniversität absolviert hat un3 der Essener Anstalt zur Beschäftigung überwiesen wurde. Darüber, wie der Extemporalienstoff zustande gekommen ist, bringt das Blatt folgende Erklärung: Im lateinischen Hebungsbuch sür U. II von Oftermann befinden sich auf Seite 269—272 etwa 60 Phrasen, deren Erlernung der junge Schulmann an Hand des mit ihnen zusammengestoppelten Exlemvoralien-Brieses kontrollieren wollte. Das Blatt bemerkt 'ehr richtig: „Wenn auch die Abficht des Lehrers, die Lernfreudigkeit der Schüler zu erregen, unverkennbar der Hauptanlaß der Bries-Idee abgab, so kann damit selbstverständlich diese törichte Zusammenstellung der Ostermann-Phrasen nicht entschuldigt werden." — Damit schließen wir die Allen über diesen Fall.
In der sächsischen Zweiten Kammer wird die Sozi aldemokratie nach der ,Leizpiger Volksztg/aus eine Vertretung im Präsidium Anspruch erheben. Das Blatt fügt hinzu:
„daß sie sich bei ihrer republikanischen Gesinnung an den höfischen Zeremonien nicht beteiligen kann, wenn sie sich nicht mit Recht vor dem Vorwürfe der widerwärtigsten Heuchelei aussctzen will, sollte namen- lich liberalen Politikern einleuchten."
Aber darin, daß die 25 rupublikanischen Genossen den E'.d schwören werden, daß sie das unzertrennliche Wo h l des Königs und Vaterlandes allezeit wahren wollen, darin scheint das prinzipienfeste Blatt eine „widerwärtige Heuchelei" nicht zu sehen.
* Würzburg, 6. Rov. 1909. In der unter« fränkischen Zentrumspartei wird zurzeit energisch gearbeitet zur Aufklärung der Wähler über die Reichsstnanzreform. Reichstagsabg. General Hausler sprach am 31. Oktober in Sandberg und Bischofsheim vor der Rhön, am 30. in Mellrich-
Irrende Seele.
11] 91 o man von H. Teichert.
„Selbstverständlich sehen wir ihn uns an, wie überhaupt alles, was nur des Ansehens wert ist. Sind wir nicht Ferienbummler? Apropos! Habt Ihr den Sigurd schon gesehen?"
Bemeineitdes Kopffchütteln auf beiden Seiten.
„Aber ich und zwar beim Regimentsexerzieren in der Front. Rechten, linken, Speck und Schinken! Ich habe ihn fofort erkannt, trotz feines Schnurrbättchens und seiner beträchlichen Länge. Hübscher Junge geworden. Halt Dein Herz fest, Rena!"
„Fängst Du schon wieder an, Onkel?"
Sie wurde auf einmal über und über rot. Im Borderhause war die Tür geöffnet worden. Die beiden heraustretenden jungen Männer kamen direkt auf bie verwandtschaftliche Gruppe zu.
„Ah, die Gebrüder Walldorf, und am Fenster die Frau Mama", fiüftette Dornatt. „Himmel, hat die aber zugenommen an Leibesfülle!"
_ Er zog zögernd de» breiten Strohhut. Die Dame drüben verbeugte sich, ohne eine Miene zu verziehen. Sie hatte schon eine ganze Weile hinter der Gardine gestanden und die Domaus beobachtet. Auch Renas Gesang hatte sie gehört. „Im unaufgelramtcn Zimmer fingen zu können, unglaublich!" Das sah der Gesellschaft ganz ähnlich. Ihre Brauen zogen sich ärgerlich zusammeit. Und die Sötte mußte thr ins HauS fallen und dazu für den ganzen langen Sommer!
Sie hatte sich zu dem Sohne gewandt, der eben (om Menst zurückgekommen war und kauend am Tische ch
„Du tätest mir einen besonderen Gefallen, Sigurd, wenn Du die Freundschaft mit den Domaus nicht zu Intim werden ließest. Die Leute paffen nicht für uns Bnb unsere Anschauung. Eine echte Mimenphystogno- Mie. dieser Herr Dornau! Und da- Mädchen! Wie St das Haar um den Kopf hängt, als gäbe eS weder amm noch Pomade! Mein Gott, was kann man be auch eigentlich erwarten! Nach Abstammung und Krzlehuna eine Theaterprinzeßl Richt einmal hübsch
scheint sie zu sein!" Sigurd hatte sein Frühstück beendet, er stand auf, zog den Säbelgurt fester und drehte vor dem Spiegel sein dunkles Bärtchen.
„Sei ohne Sorge, Mama, ich glaube, Du kennst mich. Die Höflichkeit muß ja aber gewahrt roerbeit. Tante Beate ist Papas einzige Schwester unb außerdem, was auf jeden Fall in bie Wage fällt, eine Schriftstellerin, bie verstauben hat, sich sehr schnell einen Namen zu machen. Der Verkehr mit ihr kann uns nur zur Ehre gereichen."
„Zur Ehre?" Sie lachte spöttisch. „Sehr stark übertrieben ist biefe Ansicht zum mindesten, Sigurd. Was schreibt sie denn? Romane, deren Nweau bas unserer heutigen Schriftstellerinnen nicht um einen Strich übersteigt, seichte Handlung unb seichter Dialog, ohne wissenschaftliche Tiefe."
„Gelehrte Abhandlungen kündet her Name Roman ja auch nicht an."
„Nun ja, das ist ja ttchtig, aber wenn ich eine Schriftstellerin bedeutend nennen soll, so bedeutend, baß ber Verkehr mit ihr mir zur Ehre gereichen fall’ so verlange ich viel mehr Siehe einmal —"
„Weißt Du, Mama? Wir wollen bie Sache aus sich beruhen lassen", unterbrach Sigurb die Mutter. Er kannte ihre langatmigen Auseinandersetzungen und so sehr er sie liebte unb ihr innerlich unb äußerlich ähnlich war, etwas wie Ungebutb überkam ihn jeher- zeit, wenn fie in Redefluß kam. „Weber habe ich Zeit noch Neigung, mit den DornauS viel zu wibmen. Wir werben natürlich zusammenkommen, bas wirb Papa schon wünschen unb das ist ja auch nicht zu vermeiden, wenn man sich so auf ber Tür wohnt, aber sonst im übrigen —'
WemerS Eintritt unterbrach baS Gespräch.
Wie vor Jahren war auch jetzt seine Att frisch unb munter. Ein krauser Blonbkopf mit etwas hervor- stehcnben, unendlich gutmütig blickenden, blauen Augen, war er ebenso hoch wie der Bruder, aber viel breitschulteriger. Wie die beiden Brüder jetzt neben einander standen, sah man so recht, wie verschieden sie anssahen. Sigurd war enischieden der hübschere. Hoch unb schlank ohne mager zu sein, mit kurzgeschnittmen, schwarzen Haaren unb grauen Augen, die, dunkel um«
stabt, am 1. November in Münnerstadt, am 6. November zu Obereßfeld. Landtagsabgeordneter Schwarz redete am 31. Oktober in Nordheim vor der Rhön und am 7. November in Königshofen im Grabfeld über die neuen Reichssteuern. Reichsund Landtagsabg. Luitpold Baumann sprach in Kolitzheim und in Bütthard.
G Würzburg, 2. Nov. 1909. Die Generalversammlung der deutschen Antiduell-Liga wurde heute gegen 5 Uhr durch den Grafen Erbach-Fürstenau eröffnet, nachdem in geschlossener Sitzung eine Reihe geschäftlicher Fragen erledigt waren. Von ber Versammlung stürmisch begrüßt, richtete fobann der Gründer der Antiduell-Liga, Fürst zu Löwenstein- Wertheim, jetzt Pater Raimundus, einige Wotte an die Versammlung. Er freute sich, konstatieren zu können, daß die Antibuellbewegung in allen zivilisierten Ländern bedeutenden Fortschritt gemacht hat. In Deutschland fei noch nicht viel erreicht, aber was nicht fei, das könne noch werden. Sodann erhielt das Wort Prof. D r. H i m m e l st e r n-Heidelberg über die Frage: Ist das Duell noch berechtigt unb zeitgemäß? Er verlangte, ba die Gerichte Ehrverletzungen vielfach sehr gering bestrafen, daß auf eine Verschärfung ber Strafbestimmungen bei ber bevorstehenden Reform des Sttafrechis gedrungen werde. Sodann sprach ftub. jur. Poh l-Leipzig über die studentifche Bewegung gegen den Zweikampf.
)( Münster, 6. Nov. 1909, Gegen den neuen Bauernbund machte der westfälische Bauernverein, der in diesen Tagen in Münster seine Generalversammlung abhielt, Front. Ter Vorsitzende, Abg. v. Twickel, stellte den Verein als vollkommen überflüssig hin und erklärte. daß die Neugründung lediglich eine liberale Mache und eine Abzweigung des Hansa- bundes sei. In dieser Beurteilung des neuen Bauernbundes dürften alle christlichen Bauern- vereine mit dem westfälischen Bauernverein übereinstimmen.
Karlsruhe, 7. Noo. 1909. In dem Streit um das badische Landtagspräsidium meint selbst der nationalliberale ,Mannh. Generalanz. es ginge nicht an, dem Zentrum, der stärksten Partei, vielen Posten vorzuenthalten. Er schreibt: Das wäre denn doch der schlimmste und brutalste Gewaltstreich. Das Zentrum hat begründetes Anrecht auf den Präsidentenposten und wird ihn mit Fehrenbgch, der in jeder Hinsicht sein Amt auf dem letzten Landtage ganz vortrefflich und völlig unparteilich vcrwalteie, besetzen. Bereinigen sich die liberalen Parteien wieder zu einer liberalen Vereinigung, wie auf dem letzten Landtage, dann wird ihnen der erste Vizepräsident zufallen, |ür den der Abg. Heimburger der ausgezeichnetste Kandidat ist. Der Sozial» demokralie wird dann aber der zweite Vizepräsident zustehen, für den die Abg. Kolb und Frank genannt werden. Voraussetzung wird freilich sein, daß sie die mit einem solchen Bosten verbundenen repräsentativen Verpflichtungen erfüllen.
Dan ich sch-inen die Nationalliberalen auf eine Vertretung ihrer Partei in dem Präsidium verzichten zu wollen. Anderseitig verlautet, daß weder von der nationalliberalen Fraktion noch von den B ockfrakuonen bis jetzt eine Entscheidung getroffen worden ist. Interessant ist übrigens die Feststellung, daß im engeren Ausschuß der nationallibeialen Partei 7 Mitglieder gegen das Stichwahlenabkommen gestimmt haben. Ihnen stand freilich eine Mehl heil von über 70 entgegen.
München, 6. Nov. 1909. Die Protestkundgebung der Katholiken Münchens gegen den Ferrer - Nu inmel hat einen geradezu überwälligenden Eindruck hinterlassen. Zehn Versammlungen waren Vorgesetzen. Es wurden aber wegen des großen Andrangs sechzehn
raubet, etwas melancholisch blickten. Riesig interessant fanben bie jungen Damen dieselben.
„Ich gehe nach drüben", sagte Wemer, „kommst Du nicht mit, Sigurd? Ich glaube. Du hast bie Tante noch gar nicht begrüßt."
„War eben im Begriff, hort anjutreten," antwortete Sigurd nachlässig, „hab's immer etwas weniger eilig, als Du" Er lächelte sehr selbstbewußt sein Spiegelbild an, indem er an sich herumzupfte.
„Wie findest Tu die ba drüben?" fragte er so nebenbei.
„Im Pauschquantum ober einzeln dftailliert?"
„Na, so im allgemeinen."
,Sieh sie Dir an, bann hast Du Dein eigenes Urteil. Ich mochte Dich vorder aber barauf aufmerksam machen, daß „die da drüben" unsere nächsten Verwandten sind und außerdem, wie alle Menschen, einen Familiennamen haben, mit dem sie bezeichnet werden können. Uebrigens habe ich in bet ersten Stunde des Zusammenseins mit ihnen den Eindruck empfangen, als seien eg Menschen, denen man durch hochmütige Herablassung wenig wird imponieren können. Sie stehe» auf eigenen, sehr festen Füßen unb finb durch deS Herzogs Gunst sehr verwöhnt. Laß Dir das zur Orientierung gesagt fein."
„Danke Dir, weifet Mentor, traue mir selbst etwas Menschenkenntnis zu. Aber das Mädel, die Rena? Lohnt es da, ein bischen zu charmieren?"
Werner war momentan dunkeltot geworben. Die scharfe Falte zwischen den Brauen, die sie beide von der Mutter geerbt hatten, vertiefte sich. Sein Gesicht war wie verwandelt in aufsteigenhem Zorn.
„Wage,es", sagte er, näher an den Bruder heran- tretend, „unb Du sollst mich fennen lernen."
Sigurb loanbte sich sichtlich überrascht um. Hebet seine Lippen kam ein pseifenbet Ton.
„Schau, schau, das ging ja mit elektrischer Geschwindigkeit. Das könnte mich ja ordentlich zur Konkurrenz reizen."
Werner antwortete nicht. Er griff nach seinem Hut und verließ ba8 Zimmer. Ihm auf dem Fuße folgte Sigurb.
Auf seinem Gesicht lag wieder ber blasierte Zug.
daraus und die reichten noch nicht aus. Um 8 Uhr war schon in allen Lokalen alles dicht besetzt mit Männern und auch Frauen. Insgesamt dürften zwölf Tausend Teilnehmer die Bewegung mitgemacht haben. Der Verlauf der Versammlungen war mit wenigen Ausnahmen ungestört und harmonisch. In einer halten sich einige Dutzend Sozialdemokraten eingesunden, offenbar zu dem Zweck, Skandalszenen zu machen. Sie benahmen sich denn auch sofort bei der Eröffnung sehr heraussordernd, wurden aber vom Vorsitzenden energisch zurechtgewiesen und mochten schließlich selbst eingesehen haben, daß sür sie diesmal nichts zu holen sei. In einer anderen Versammlung machten sich einige junge Studenten durch höhnische Zwischenrufe unangenehm bemerkbar, wurden aber ebenfalls bald zur Ruhe gebracht. Die Sti i mung der katholischen Versammlungsteilnehmer war dagegen in hohem Maße begeistert. Und diese Begeisterung kam zum Ausdruck in den stürmischen Beifallskundgebungen, die den Rednern sür ihre Ausführungen gezollt wurden. Auch die in sämtlichen Versammlungen gleichlautend zur Annahme gelangte Resolution löste brausenden Beifall aus. Die Referenten hatten es sich nicht zur Aufgabe gestellt, die Frage zu erörtern, ob an Ferrer ein Justizmord begangen worden sei oder nicht. Aber wogegen sie sich wandten, das war di« wüste Hetze, die in letzter Zeit gegen die katholische Kirche, ihre Einrichtungen und ihre Diener gerichtet wurde. Insbesondere rief die in der letzten Münchener Freidenkerversammlung ausgestellte Behauptung, daß der „klerikale Geist jeder« zeit bereit wäre, einen Justizmord zu begehen* lebhafte Entrüstung bei den Verfammlungsteil« nehmern hervor.
Ausland.
* * Einen Fehlbetrag im Staatsvoranschlag hat auch bie schweizerische Bunbesregierung zu verzeichnen. Für 5,5 Millionen Frank Mehrausgabe wirb eine Deckungsquelle zu suchen fein.
* Dernbrrrq in London. Die afrikanische Gesellschaft in London hat zu Ehren des Kolonial- Staatssekretärs Dernburg am Freitag abend ein Bankett veranstaltet, auf dem Dernburg selbst eine Rede hielt. Dernburg sührte auS, daß Deutsche und Engländer in Afrika dauernd Hand in Hand gehen müßten, wie sie es bisher in einzelnen Fragen, z. B. bei der Erhebung der Hottentotten, bei der Bekämpfung der Trunksucht unter den Eingeborenen und teilweise bei der Bekämpfung der Schlafkrankheit bereits getan haben. Nach Dernburg sprach der Parlaments - Ünterstaatssekretär der Kolonien Seely, der aussührte, Deutsche und Engländer müßten zum größeren Glücke der Eingeborenen zusammenwirken. „Es ist jeder Anlaß für unS gegeben," sagte er, „Freunde zu bleiben. Die kräftigste Begründung des internationalen Friedens liegt darin, daß wir so tief in Afrika eingevrungen sind. Es wäre ein Unglück für die ganze Welt, wenn unter den Völkern Europas irgendwelcher Streit herrschen würde." Auch der deutsche Botschafter Gras Wo lff-Mettery ich trat in warmen Worten sür die deutsch-englische Freundschaft ein. Zum Schluffe ergriff Dirnburg nochmals daS Wort und wies aus die ersprießliche Tätigkeit Frankreichs in Afrika hin.
*♦ Admiral Beresford, ber burch seine heftigen Angriffe auf bie augenblickliche englische Flottenpolitik
ben er, als anerkannter Damenliebling, mit Vorliebe barauf festhielt.
„Kannst zufehen, Mama, wie HoffchauspielerS im Garten Cercle abhalten", sagte er im Hinausgehen.
Während er bie beiden Domaus begrüßte, steckte Werner ben Kopf burch bas Fenster unb schaute in bas Zimmer. Von Renate war nichts zu sehen. Sie hatte sich in ihr Schlaszimmerchen verkrochen, um ihre vom Seewinbe unb vom Kramen berangierte Toilette etwas in Ordnung zu bringen. Werners wegen geschah es nicht. Der hatte sie ja schon so gesehen und bet einem lieben Gefährten, der Bruderrechte entnimmt, sind solche Aeußerlichkeiten doch wirklich über- flüffig — aber der Herr Freiwillige, der sich allem Anschein nach von vomherei» eine zeremonielle Stellung ihnen gegenüber geben wollte, der durfte sie nicht so wenig sorgfältig angezogen sehen. Sie griff »ach dem weißen Sommerkleide, das schon zum Anziehen bereit auf ihrem Bett lag, und warf es übet. Sie trug mit Vorliebe weiß und konnte sich's leisten, da Tante Beate in liebevollster Weise für alles, was ihre Pflegetochter brauchte und schmücken konnte, sorgte.
„Rena!" rief Wemer halblaut ins Zimmer.
Sie öffnete die Tür eine kleine Spalte weit uni gab Antwort.
„Kommst Tm nicht in den Garten?"
„Sofort, Wemer. Ich bin gleich fertig."
Die klangvolle Mäbchenstimme traf Sigurds Ohr, er sah sich um. Trotz aller Blasiertheit konnte er seine Neugier, wie bie kleine Rena nun doch wohl aussehen würbe.nicht ganz verbergen. Er war überzeugt, baß sie hübsch sein müßte. Das regelmäßige Kindergesicht war es schon bamalS gewesen, als ihm, bem sechzehnjährigen Jungen, bie zärtliche Neigung ber „Göhre" furchtbar lästig unb unangenehm geworben war. Das elfjährige, langbeinige, magere Ding, bie Rena, war für ihn überhaupt nicht in Betracht gekommen. Sehr großartig hatte er sie sich abgeschüttelt, wenn sie ihm nur in bie Nahe kam. Nun lag bie Sache doch etwas anders! Nun war sie siebzehnjährig und wenn fie ihm noch immer blindlings ergeben war, wie vor Jahren, konnte el eventuell einen amüsanten Sommer