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M 255.

Fulda, Samstag den 6. November 1909.

36. Jahrgang.

gezogen werden könnte. Obwohl anscheinend der Ma gistrat der Sache sehr sympathisch gegenüber sieht, ist kaum Hoffnung vorhanden, daß in absehbarer Zeit diese Pläne verwirklicht werden können. Es handelt sich um ein Millionenprojekt, zu deffen Ausfühmng die Stadt keine Mittel hat. Deshalb ist man in der Bürgerschaft und in der Kleinindustrie der Meinung, daß man mit der Errichtung eines leistungsfähigen Elektrizitätswerkes viel leichter und schneller zum Ziele kommt. Mehrere elektrische Großfinnm haben schon um Konzeflion zur Erbauung eines Werkes auf ihre Kosten und unter sehr günstigen Uebernahmebedin- gungen für die Stadt nachgesucht.

* Bom Eichsfelde, 5. Nov. 1909. Unter den Bezwingern der Luft befinden sich auch zwei eichsseldische Bewerber mit selbstersun- denen Apparaten. Die Gebrüder Staufenbiel (gebürtig aus Helmsdorf, Kreis Mühlhausen) haben vor einigen Wochen in Biesdorf bei Ber­lin-Ost die vierte Konstruktion eines ihnen pa­tentierten Motor-Flugapparates sertiggestellt und mit demselben auf dem dortigen Wiesengelände niehrere wohlgelungene Flüge unternommen. Der Molor-Flugapparat der Gebrüder Staufenbiel unterscheidet sich von anderen bekannten Typen dadurch, daß die Trage- und Steuerflächen ela­stisch sind. Auch der Propeller ist, mit Aus- nähme des Luftantriebes, der starr fein muff/ elastisch konstruiert. Der Stausenbielsche Flug^ motor ist so gebaut, daß ein Antriebsmotor von 5 bis 6 Pscrdekräften genügt.

Und diese Mordbuben, die in Barcelona wie die Wilden gehaust haben, werden von der Sozialdemo­kratie als Helden gefeiert. Da also haben wir Frei- denkertum und Sozialdemokratie in Reinkultur. Die Flammen brennender Klöster, das Todcsröcheln ge­marterter Mönche und Nonnen, das Gebrüll einer wilden Bande, die unter Vorantragung aufgespießter Leichenteile durch die Straßen zieht, geben die richtige Stimmung zur Betrachtung des Satzes: Religion ist Privatsache!

Auch der Göthebund hat gemeint, die Gelegenheit benutzen zu sollen, um die Welt an seine Existenz zu erinnern. Das tat not, denn man wußte von diesen Edelen nichts mehr! Zwar wenn die Bundler hätten die Kunst schützen wollen gegen die Verseuchung und Vergiftung durch Schmutz, so hätten sie Arbeft genug gehabt und sich den Dank der Mitwelt verdient. Aber freilich, was wäre dann aus der Schristsiellcrei und „Dichtereft' des Herm Sudermann geworden, der dem Laster hohe Lieder singt? Viel bequemer ist es, gegen die Pfaffen zu Hetzen!

Und erst die „Intellektuellen'', welche den Rummel mitmachen. Da sieht einmal die Welt wieder, was für ein weltferner, mit der wirklichen Welt unbekannter Träumer der deutsche Profeffor ist!

Wahrlich, den Drahtziehern des Ferrer-Rummels gebührt unser Dank, weil sie die Gelegenheit geschaffen haben, daß ihre Gedanken offenbar wurden und Waf­fen zu ihrer Bekämpfung geliefert haben, wie sie nicht alle Tage zu haben sind!

Wiertes W tritt.

Erfreuliche Ergebnisse des Ferrer- Rnmmels

Wenn die Drahtzieher des Ferrer-Rummels ge­glaubt haben, der katholischen Kirche weiß Gott wel­chen Schaden und Schande antun zu können, so wird ihnen vielleicht einmal die Erkenntnis aufdämmern, daß sie eine ungeheuere Dummheit gemacht haben. Denn jetzt schon darf ihnen verraten werden, daß sie der katholischen Kirche einen Dienst geleistet haben, ob deffen sie allen Dank verdienen und ob deffen wir wirklich fröhlichster Stimmung find.

Zunächst hat dieser Rummel, der als internationale Hetze gegen die katholische Kirche gedacht ist, aller Welt geoffenbart, daß zwischen Anarchismus und katholischer Kirche fein Band der Zusammengehörigkeit, sondern der schärfste Gegensatz besteht. Das ist nicht bedeu­tungslos. Es gibt nämlich Leute, welche bisher bei jedem anarchistischen Attentat in Spanien ober Ita­lien der Welt die Mär verkündeten, der Anarchismus sei eine Spezialität katholischer Länder und daher in irgendwelcher Weise ein Gewächs des — Katholizis- *111:3.

Mit dieser Räubergeschichte ist es jetzt für immer vorbei, denn der Ferrer-Rummel hat jedem, der Augen hat zu sehen, gezeigt, daß der Anarchismus mit seinen Schänd- und ® reu ertöten, die er verbirgt unter dem Schlagwort .Propaganda der Tat", ein Gewächs des Freidenkertums ist und der internationalen Freimau­rerei, die von Frankreich mis das spanische Volk zu vergiften bestrebt ist. Das Freidenkertum hat offen ge­standen, daß dieser Anarchismus, der Bomben wirft nach Königen und Pfaffen, der Paläste und Kirchen ■in die Lust sprengen will, der Klöster in Brand steckt, Mönche mordet, Nonnen schändet, Fleisch ist von sei­nem Fleisch und Bein von seinem Bein. Denn nur aus dieser inneren Verwandtschaft heraus läßt sich »er ganze Rummel, die ganze Bewegung verstehen. Und wenn jetzt gegen die katholische Kirche gehetzt wird, so wird dieser Kirche damit das ehrenvolle Zeug­nis ausgestellt, daß sie von diesen Anarchisten und Anarchistengenoffen als grimmigster Feind gehaßt wird, weil sie ihren Umswrzplänen entgegensteht. Wer aber wäre berufener zum Zeugen als diese Anarchisten selbst, daß Katholizismus und Anarchismus die schärf­sten Gegner sind. Daß insbesondere der Anarchismus in Spanien nicht auf dem Boden der Pyrenäenhalb­insel gewachsen, sondern Einfuhrware ist, weiß zwar jeder, der etwas Kenntnis besitzt von dem unterir­dischen Treiben des Erzanarchisten Bakunin. Nach­dem jetzt das Freidenkertum und Freimaurertum in Paris ans die Gaffen steigt, um zu demonstrieren, nachdem jetzt bekannt geworden, daß dieser Ferrer als Sendling französischen Radikalismus tätig ge= roefen, ist das katholische Spanien gegen den Vor­wurf. der Nähr- und Mutterboden des Anarchismus zu sein, glänzend gerechtfertigt.

Darum freuen wir uns über den Ferrer-Rummel.

Unb noch aus einem anderen Gnmde. Er bringt uns ein Selbstporträt des Freidenkertums und der Soz.aldewokratie in Reinkultur. Hat man diesen Herrschaften bisher vorgehalten, daß das, was fle be- scc e ein infernaler Haß gegen die Kirche fei, der am liebsten mit brutaler Gewalttat gegen alles, was kirch- l'ch heißt, vorgehen möchte, hei, wie strömten da die linschuldsbeteuerungen wie ein Gießbach durch die s Lpalten der sozialdemokratischen Preffe! Jetzt haben Me Herrschaften mal ihre ganze Maskengarderobe ab­gelegt und sich gezeigt, wie sie wirklich sind.

Denn: Sage mir, wen du verherrlichst, und ich will dir sagen, wer du bist. War das ein blutrünstiges Geschreibsel in der sozialdemokratischen Preffe und ; km blutrünstiges Geschwätz in den sozialdemokratischen : Hetzversammlungen wider den rachsüchtigen Klerus

Und wem galt die ganze Mache? Einem Ver- schworer, der Mordbanden zu Bombenattentaten am f‘Otet! Weil er Schulen eingerichtet hat, ist er ge­tötet worden, so laufet das rührselige Sprüchlein die­ser Schwätzer? Hat denn keiner bedacht, daß diese "freien schulen" in Spanien seit Jahren bestehen und daß die spanisch- Regien,ng die Genehmigung zur Er­richtung von freien Schulen gegeben hat? Es muß also wohl noch etwas anderes dazu gekommen fein. Und wer etwas weiter denkt, wird fragen, was ist benn in solchen Schulen gelehrt worden? Die Ant­wort lautet: Der Anarchismus. Daran ist nicht mehr zu zweifeln. Wir wollen nicht besonders betonen, daß "stch der Bombenwerfer von der Calle Mayor in Ma­drid am Hochzeitstag des jungen Königspaares, der Attentäter Mateo Morales. Lehrer an der Ferrerschen freien Schule in Barcelona war! Vielmehr auf das ^ntüdkn, was in diesen Schulen nach unanfechtbaren Feststellungen gelehrt worden ist: Haß gegen Christen­tum und Kirche, Haß gegen Welt- und Ordensklerns, den man als den gefährlichsten Feind der Menschheit verleumdete, Haß gegen alle weltliche Obrigkeit. Das ^ehrpwgramm dieser Anarchistenschule war kurz das Wort: .Richt Gott und nicht König!" Fort mit Wn! Wer gegen sie Krieg fährt auch mit Pro­paganda der Tat, ist ein Held!

Run möchte ich die sozialdemokratische Regierung Ichen wenn tn einer katholischen Ordensschule etwa £„.e$rt ^rdc, die größten Feinde der Menschheit Iwo die Sozlaldemokmten und jeder, der einem Job ■C)en eine Bombe vor die Füße wirst, ist ein Held! tri1," kste schnell wären da die Häscher erschienen und dos Mördernest ausgehoben. Und zwar von i" diesem Beispiel der sozial-

Regierung recht ist, ist im selben Falle hat billig, wenn sie einen Mann gerichtet

^äben m°?l9Smorb predigte, in dessen Hand die an bm »L.S3ittrftcf,to°nms zusammenliefen! Wer ist der e7o-w^. ^en dcreri Schauplatz Barcelona war, VcrbeNnn?^ ^V?ige? Die, welche sich in ihrer crhetzvng zu solchen Greueltafen hinreißen ließen frechen hineinhetzte? Und welch ein Charakter ^°r dieser Mann, der, wenn seine Opfer ihr Ver­zechen begangen und ihrer Strafe entgegenginaen .bann an der Börse spekulierte, um sich zu bereichern!'

Deutscher Reich.

X Die Bülow-Enthüllungen des Grafen Schwe­rin-Löwitz, ivonach der vormalige Reichskanzler den Reichstag, wenn nötig, dreimal aufgelöst hätte, wenn die Konservativen ihn nicht im Stiche ge­lassen und mit dem Zentrum gemeinsame Sache gegen . ihn gemacht hätten, werben von dem Berliner Mit­arbeiter der „Köln. Zig." als zutreffend bezeichnet:

Wenn es ibm möglich gewesen wäre," sich auch weiter auf den Block zu stützen, so würde er mit diesem vor einer selbst wiederholten Auflösung nicht zurück­geschreckt sein, die schließlich, so wie die Stimmung im Volke war und ist, eine Mehrh eit ergeben haben würde, mit der man eine ganz andere Finan z- reform hätte machen können, als wie sie uns jetzt von den Koüservativen beschert wurde. Nachdem sich aber die Konservativen von der Blockpolitik abge­wandt und den Block gesprengt hatten, so etwa argumentierte Fürst Bülow, hätte eine Auflösung des Reichstags sich allerdings unter ganz anderen und viel ungünstigeren Verhältnissen vollziehen wüsten. Die Regierung wäre gezwungen gewesen, den Wahlkampf gegen drei Seiten zu führen, gegen die Konservativen, gegen das Zentrum und gegen bie Sozialdemokraten.

Wenn bie „Köln. Ztg" immer noch glaubt, baß im Lande große Steuerbegeisterung geherrscht habe und eine Mehrheit für eine Steuerreform nach den Wünschen der Liberalen sich bei der Reichstagscmflös- ung ergeben haben würde, bann ist sie wirklich nicht zu belehren. Eigentlich schade, baß man die Probe nicht gemacht hat.

— Zur Parität in der Ostmark. Die Protestan- tifierung Westpreußens schreitet rüstig vorwärts. Man nennt es „Germanisierung", aber es ist „Protestanti- sierung". Die Lehrerstelle an der einklassigen Schule zu B a r l e w i tz wurde frei. Von den 49 Kindern gehören 16 der katholischen Religion unb — 3 bet evangelischen an. Trotzdem hat die Regierung wie bisher die Stelle wiedemm einem evangelischen Leh­rer übertragen. Das war selbstverständlich nur Zu­fall. Im Weichselgebiet zwischen Kulm und Thorn — so schreibt man dem „Westpr. Volksbl." — sind in den letzten zehn Jahren so viele evang. Kirchen gebaut worben, baß mancher, der diese Gegend längere Zeit nicht gesehen hat, sie kaum miebererfennt. Zuerst würbe in Plutowo eine neue protestantische Kirche ge­baut ; kalb darauf folgte ihr eine solche in Trebis- felbe, bann in Rentschkau unb Domerau, und jetzt soll eine in Nnislaw gebaut werben. Wie es in dieser Beziehung mit bet Parität bestellt ist, zeigt zah^ lenmäßig der Bericht der Ansiedlungskommisfion, und das zeigt auch das endlose Rühmen, das die haka- tistische Presse über dieeine von der Ansieblungskom- misston begründete katholische Pfarre Marienbronn er­hebt. Wenn wir nun auch bie Gründung protestan­tischer Pfarrsysteme auf Staatskosten hinnehmen woll­ten, so müssen wir gegen die Imparität auf dem Schulgebiete um so lauter protestieren, weil immer mehr katholische Schulen p r o t e st a n t i si e r t werden. In Kielp war früher eine katholische Schule Als vor etwa vier Jahren die Ansiedlunaskommission dieses Gut kaufte, wurde der damalige katholische Leh- trr wider seinen Willen und, obwohl die dortige Schule trotz der Ansiedelung von Protestanten noch viele katholische Kinder besuchten, versetzt und an seine Stelle ein evangelischer geschickt. An der Schule in FriedrichSbruch sind obwohl diese soviel katholische Kinder als evangelische besuchen, zwei evangelische Lehrer tätig. In Siegsruh wirkt scheu seit Ialn-i, nn protestantischer Lehen et wohl wehr als zwei Drittel der Kinder katholisch sind. An der Schule in Scharnese wirken zwei Lehrer, und ob­wohl bie Mehrzahl der Kinder katholisch, hat der evan­gelische Lehrer bie erste Stelle inne Aus der Grenze zwischen Damerau und Ottowitz wurde vor etwa vier Jahren eine neue Schule gegründet. Fast nur katho­lische Kinder besuchen sie, aber es wurde ein prote­stantischer Lehrer geschickt und erst auf langwierige Bemühungen hin ein katholischer Lehrer als zweiter Lehrer angestellt. An der Schule in Girkau wirkt — trotzdem dieselbe tast nur katholische Kinder be­suchen — schon feit Jahren ein evangelischer Lehrer, dagegen ist in Siemon von drei Lehrern ein evan­gelischer als zweiter angestellt unb zwar für nur wenige protestantische Schulkinder. Das sind einige Fälle aus einem Bezirk, der früher fast ganz katho­lisch war unb höchstens zwei Meilen lang unb etwa eine Halde Meile breit ist. Um die 'Protestantisierung zu beschönige», b. h. um wenigstens eitrige Protestan­ten zu haben, hat man alle katholischen B e- amtenverfetzt unb an ihre Stelle evangelische ge­schickt.

* Das Essener Gymnasium, „berühmt" geworden durch seine Klaffeneinteilung nach dem Vermögen der Eltern, macht wieder einmal von sich reden. In der Untersekunda A soll nämlich nach bet „Hann. Volks- ztg." ein Oberlehrer folgenden Wortlaut einer Schul­arbeit zum Ucbersetzen vom Deutschen ins Latei­nische diktiert haben:

„Teuerste Paula! Da es den Anschein hat, daß jener dumme Mensch Deine Freundschaft nicht mehr sucht, ich ihn aber schon lange wegen des Um­gangs, den er mit Dir pflog, beneidete, so will ich versuchen — verzeih', bitte, meine Kühnheit — Dich für mich zu gewinnen. Ms Du neulich schwer erkrankt warst und Du Gefahr liesst, von der Krank­heit dahingerafft zu werden, habe ich mir selbst ge­schworen, Hand an mich selbst zu legen und Dir im Tode nachzufolgen. Da mir keine Gelegenheit geboten ist, Dich zu sehen, und ein Anlaß, mit Dir freundschaftlich zu verkehren, von höchstem Interesse für mich ist, so nehme ich meine Zuflucht zu diesem Brief, wodurch ich Dich bitte, morgen gegen Abend mit Deiner Freundin in unfern Garten zu kommen. Willfahre meinem Wunsche, denn, wir werden Aepfel essen, keinerlei Früchte werden geschont werden, kurz, für alles, was wir nötig haben, habe ich bestens gesorgt. Zwinge >nich nicht, indem Du über mein treues Herz schiltst, Selbstmord zu üben."

Dazu bemerkt das genannte Blatt:

Diese „Schularl'eit" spricht ganz für sich selbst und bedarf eigentlich keiner weiteren Sommentierung. Tiefe „Schularbeit" ist ja allen christlichen Empfindungen hohnsprechend. Schon die Geschmacklosigkeit, seinen 1b—16 jährigen Schülern einen „Liebesbrief" als Schularbeit zu diktieren, beweist die pädagogische Un­fähigkeit des Oberlehrers der Untersekunda A des königl. Gymnasiums zur Evidenz. Gegen die Ver­herrlichung der Selbstmordidee müssen vom Standpunkt der christlichen Weltanschauung ans ganz entschieden Protest erheben. Christliche Ellern können verlangen, daß ihre Schüler an einem königl. Gym­nasium in christlichem Geiste erzogen werden. Wohin soll eine solche „Erziehung", wie sie in der oben wiedergegebenen Schularbeit zum Ausdruck kommt, führen?

Verhält sich die Sache wirklich so? Man kann es kaum glauben. Aufllärung ist jedenfalls dringend ge­boten.

ü Karlsruhe, 5. November 1909. Der badische Landtag soll am 23. November er­öffnet werden. Er wird sich direkt vor die große Frage der Präsidentenwahl gestellt sehen. Die „Straßb. Post" hat diesen Posten schon vor der Stichwahl für den Großblock bean­sprucht. Wem müßte er jetzt zufallen, wenn ihn die Linke zu beanspruchen hätte? Doch nur der Sozialdemokratie, als der stärksten Fraktion der Stufen. Mur immer konsequent sein! Doch einstweilen glaubt man an einen solchen Wechsel in Baden noch nicht, soweit auch die Dinge schon gediehen sind. — Der Fall Obkirchers scheint den Liberalen vor der Hand als wichtiger; er soll doch noch in die Kammer. In Heidelberg I ist Professor Rohr- hurst schon lange amtsmüde, er galt überhaupt nur als Platzhalter, um Obkircher dort unterzu­bringen, wenn er in Lörrach durchfallen sollte. Nun ist der Durchfall Tatsache geworden, und der Fraktionschef muß die Heidelberger um Ein­laß bitten; werden sie ihn auftikhmen? Heidel­berg ist der nationale Haupltuun, aber an seine Tore hat der Sozialismus ebenfalls schon ge­klopft; denn die Vorstadt Heidelbergs (Heidel­berg-Eberbach) ist der Sozialdemokratie bereits zugefallen. Absolut sicher ist den Liberalen kein kein Sitz mehr. ,

Aus dem Nachbargeblete.

* Schlüchtern, 2. Nov. 1909. Am Neubau der evangl. Kirche zu Niederzell stürzte ein aus Backsteinen ausgesührler Bogen zusammen, der eine Giebelwand zu tragen hatte, diesem Ge­wicht aber nicht gewachsen war. Verletzt ist glücklicherweise niemand.

* Büdingen (Grosch. Hessen), 5. Nov. 1909. Bei einem Gastwirt in Stockheim hatten vor einigen Tagen Zigeuner, die den Ortenberger Markt besuchen wollten, ihre Pferde eingestellt. Dem Gastwirt ist nun über Nacht, wie man ver­mutet von einem Zigmtter, ein wertvolles Pferd gestohlen worden.

* Kassel, 5. Nov. 1909. Der Beginn der vierten Schwurgerichtsperiode des Land- gerich'sbezirks Kassel für die Kreise Niederhessens und des Fürfleniuins Waldeck ist auf Montag, den 6. Dezember angesetzt woroen. — Eine originelle Szene spielte sich dieser Tage in der Sedanstraße ab. Ein Tischlergeselle trat plötzlich an einen Arbeiter heran und behauptete, dieser trage seinen gestohlenen Anzug auf dem Leibe. Der Bestohlene schlug gleichzeitig mit beiden Fäusten aus den uetmeinilidjen Dieb ein. Dieser mußte kein reines Gewissen haben, denn er machte sich schleunigst aus dem Staube. — Am Neubau der Fnldabrücke sind zurzeit 150 Arbeiter beschäftigt. Es wird auch die Nacht hindurch gearbeitet, damit die Fundamen- tierungsarbeiien vor dem Frühjahrshochwaffer siwtitzgestellt find. — Einen unerwarteten Ausgcrng nahm am hiesigen Landgericht die dieser Tage abgehaltene Gerichtsschreiberprüsung. Alle sechs Prüflinge bestanden die Prüfung nicht.

* Schmalkalden, 5. Nov. 1909. In Suhl haben die Stabtverorbneten de» Antrag a b g e l e h n t, dem Verein für Schiffbarmachung der Werra 100 Mk. SB ei t r a g für bie weitere Ausarbeitung von Talsperrenprojekten zu gewähren. Die Stabt Suhl braucht notwendig elektrische Kraft unb zu bereu Er­zeugung möchte man in bet Nähe von Schleusingen bici Talsperren errichten, aus benen bie nötige Energie

vermischtes.

* Der Zwischenfall im Stein heil-Prozeß hat schnell seine Erledigung in dem Sinne gefunden, daß Jean Lesövre, der sich als Mörder Steinheils bezeich­nete, als Schwindler entlarvr wurde. Bonden Fragen des Unterfuchungsrichters in die Enge ge­trieben, gestand er, bei der Mordtat keinerlei Rolle gespielt zu haben. Er gab an, daß er ans Ritterlichkeit gehandett habe, um Frau Stein­heil, deren Unschuld ihm nicht zweifelhaft erschien, zu retten. Er heißt in Wirklichkeit Rens Collard und ist von Beruf Schauspieler. Aus dem Ver­lause der Verhandlung geht hervor, daß die Ange­klagte eine sehr lockere Person war und seit Jahren ihren Mann hinterging. Ein sehr ungünstiges Licht fällt auf die oberen Zehntausend der französischen Nation, denn die Herren, die im Hause Steinheil ein- und ausgingen, gehörten sämtlich den sogen. „Besten Gesellschaftskreisen" an. Bekanntlich hatte die Angeklagte mit dem ermordeten Präsidenten der Republik Felix Faure eine Liebschaft.

Literarischem

Historisch-politische Blätter. Jahrgang 1909. 144. Baud. Neuntes Heft.

Inhalt: Johannes Heynlin aus Stein, ein Prediger des Mittelalters. — Konfession unb eheliche Fruchtbarkeit. Von Dr. Hans Rost, Augsburg. — Grundsätzliche Polenpolitik. — Das neue Schreiben der Bischöfe unb die Lage ber Katholiken in Frank- reich. — Ferrer und die Bewegung um ihn. — Die sar­dinische Gesandtschastskapelle in London. Ein Bild aus dem alten katholischen London. Von Dr. A. Bcllesheim. — Kürzere Besprechungen: Eufemia v. Adlersfelb-Ballestrem, Elisabeth-Christine, Königin von Preußen. F. Falk, Die Ehe am Ausgange des Mittelalters. Englische Dichter unb französische Kri­tiker.

Lehrbuch ber Kirchengeschichte für die oberen Klaffen höherer Lehranstalten und zum Selbstunter­richt. Von Dr. theol. Aloys BalduS Köln 1909. Druck und Verlag von I. P Bachem.

In diesem Buche hat der Verfasser der 1804 in erster und 1909 bereits in 7. und 8. Auflage er» schienenen .Kirchengeschichtlichen Charakterbilder' in konzentrischem Ausbau ein Werk geschaffen, das nach Benutzung der ,Charakterbilder' in den mittleren Klassen für die oberen Klaffen der höheren Lehr­anstalten aller Art (Gymnasien, Realgymnasien, Oberrealschulen, Studienanstalten, höheren Lehrer- imienfeminarien, Lehrerseminarien usw.) die Mög- lichkeit zu einer völlig ausreichenden Vertiefung und Erweiterung der Renntniffe auf dem Gebiete ber Kirchcngeschichte bietet, so daß hiermit sowohl für weitere Studien die nötige Vorbildung wie für bas Leben des gebildeten Mannes die unerläßliche Aus­rüstung vermittelt wird. Zielsicher in ber Aus­wahl bes Stoffes aus dem weiten Gebiete, lichtvoll in der Anordnung desselben, klar und bestimmt in der Darstellung und Gedankenentwickelung, empfiehlt sich das Lehrbuch besonders auch dadurch, baß einer eingehenden Behandlung ber je nach der religiösen und Weltanschauung verschiedenen Ansichten Rech- nung getragen und tunlichst aus Aufstellungen bei angesehensten Historiker zwingende Folgerungen ge­zogen werden, wobei auch die gegnerischerseits nicht abgelehnten protestantischen Fachgelehrten ge- dührende Berücksichtigung finben. Wir können so- nach dieses Lehrbuch der Kirchengeschichte' von Dr. Baldus den Herren Religionslehrern an den höheren Schulen zur Beachtung und Einführung angelegentlich empfehlen. -n.

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