Einzelbild herunterladen
 

WMW

idtung

s

■

Fulda, Sanistag deu 6. November 1909

36. Jahrgang

M 255

Monatrbeüage: „Zllldaer GeschichttbMer"

z parzeller in Mda. wschenbeitage: „Illustrierte Sonntagszeituug"

krscheiM tLglich mH Aurnalsm« der Samt« und Feiertage, viertel­jährliche» vezitgrpreir ohne vkingrrlohn und vefteLgeldinMdaso, u>it auswärts 1.50 mt

Verautw. Redakteur: «arl Schütte,

Anzrigen: vtr et» spaltige Petitzeile oder deren Raum ,5 pfg. Reklamen dtepetitzeile 25 Pfg., bei wieder Holungen wird entspr.

Rabatt gewährt.

Lotatlonrdruckund Verlag der Luldaer Ak- tiendruckerei in Zulda 8ernsprecher«r.9.

Erstes Wtatt.

Die heutige Ausgabe umfaßt 16 Seiten

-t- Wie steht es «m den Dreibund?

Die Zusammenkunft in Racconigi hat eine rege Er- örtemng, vor allem in Italien und Oesterreich, über die Frage geweckt, ob der Bestand des Dreibundes 'al8 gefährdet anzusehen sei.

Vor einigen Tagen ist eine offiziöse Auslastung bekannt geworden, die solche Erörterungen als über- fliiffig bezeichnet, weil der Dreibundvertrag noch bis zum Jahre 1912 Geltung habe und dämm erst dann darüber zu handeln sein werde, ob der Dreibundver­trag erneuert werden solle und könne. Dieser Auf- faffung kann man nicht ganz beitreten. Es ist doch klar, daß ein Bundesverhältnrs seinen praktischen Wert ^verliert, wenn einer der Beteiligten den Entschluß faßt, den Vertrag nicht rvieder zu erneuern; er wird .kaum dazu geneigt sein, tatbereite Hilfe zu leisten, .wenn die Gefahr der Stunde diese Anfordemng an ihn stellen sollte. ES ist nicht das erste Mal, daß ; Italien im Dreibunde sich als „unsicheren Kanto- , nisten" gezeigt hat. Wir brauchen blos zu erinnern an das Verhalten Italiens in Algeciras.

Wie weit die Zusammenkunft von Racconigi eine neue Entfremdung gegenüber dem Dreibundsverhält­nis bedeutet, ist heute noch nicht vollständig zu über- ’ sehen. Daß sie zur Festigung des Dreibundes nicht beigetragen hat, haben wir früher schon bargelegt. Die Gegensätzlichkeit bezw. die Konkurrenz der Jn- ;tereffen Oesterreichs und Italiens auf dem Balkan ist ja zu gut bekannt, und das Dreibundverhältnis hat zwar einen äußeren Ausgleich, nicht aber eine klare Verständigung bewirken können. Bei dieser Sachlage ,'ift die Meinung eines angesehenen Politikers: Oester- flkich und Italien seien Verbündete, weil sie sonst mit- , einander Krieg zu führen gezwungen sein würden, szicht ganz von der Hand zu weisen.

Zweisellos ist, daß die Schwierigkeiten wegen des ^rcibundvechältniffes nicht der Gegensätzlichkeit zwi­lchen Italien und dem Deutschen Reiche, sondern illein in der Gegensätzlichkeit zwischen Italien ib Oesterreich begründet sind. Und die Frage, ob im Jahre 1912 der Dreibundsvertrag erneuert werde, wird zuerst zu beantworten sein, nachdem zwi­schen Italien und Oesterreich eine Verständigung betr. den Balkan erzielt sein wird. Diese Verständigung ist zwar nicht leicht, aber ihre Möglichkeit wird wohl am ersten baburch' unterstützt werden, daß sowohl Oesterreich wie ganz besonders Italien ein dringliches Interesse daran haben, wegen der Differenzen in der Balkanpolitik es zu einer kriegerischen Auseinander­ssetzung nicht kommen zu kaffen.

Wie aber auc^ die Entscheidung fallen möge, wir zu unserem Teile können ihr mit ziemlicher Ruhe ent- gegensehen. Der Weltfrieden wird durch das Ver­schwinden des Dreibundes solange nicht gestört wer­den, als die Grundlage dieses Bundes, der Zweibund zwischen Deutschland und Oesterreich- Ungarn, in seiner alten Macht und Festigkeit wei­terbesteht. Die Bedeutung des Dreibundes beruht heute schon vomehmlich auf der Einigkeit und starken Wehrmacht der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche. Mit Genugtuung können wir feststellen, daß unser BuiidesverhÄtnis zu Oesterreich-Ungarn in den letzten Zeiten nicht eine Schwächung, sondern vielmehr eine erhebliche Stärkung erfahren hat, und mag im Jahre 1912 der Dreibund von der politischen Bühne ver­schwinden, so wird der deutsch-österreichische Zweibund daraus nur die Veranlassung nehmen, ifeine Verbindung noch stärker zu schmieden.

Deutsches Keich.

* Berlin, 5. Nov. 1909. Die.Norddeutsche Allgemeine Zeitung' veröffentlicht den Wortlaut der von den portugiesischen Cortes angenommenen Handels- und Schiffahrtsoertrages zwi­schen dem Deutschen Reiche und Portugal. — Die schon angekündigte neue Vereinbarung der Bundesregierungen über die gegenseitige An­erkennung der Reifezeugnisse für Gymnasien' Realgymnasien und Oberrealschulen des Deutschen Reiches ist nunmehr zustande gekommen.

)( Der preußische Landtag soll, wie eine neuere Meldung bestätigt, erst im Januar zu­sammentreten, da keine besonderen großen gesetz­geberischen Aufgaben in diesem Winter zu er- ledigen seien. Angeblich wird weder der Ent­wurf des Waffergesetzes noch der des Fischerei­gesetzes für die bevorstehende Landtagssession mehr in betracht kommen.

* Die Lehrer beim Kultusminister. Der preußische Kultusminister v. Trott zu Solz empfing eine Abordnung des preußischen Lehrervereins, um ihre Wünsche und Beschwerden entgegenzu­nehmen. Der Minister gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß ihm diese Gelegenheit geboten sei, mit der Lehrerschaft in persönliche Berührung zu treten. Er versicherte die Herren seines warmen Wohlwollens, bat sie, ihm auch künftig vertrauens­voll ihre Wünsche vorzutragen, aber er erklärte ihnen gleichzeitig auch, daß bei der herrschenden Finanznot Wünsche, deren Ausführungen Geld kosten würden, bis auf weiteres keine Berück­sichtigung finden könnten. Namentlich äußerte der Minister auch Bedenken gegen die Anwendung des akademischen Studiums seitens der Volks­schullehrer.

* Eine Bmtdesratsverordnung für den Verkehr mit Kraftfahrzeugen soll demnächst er- laffen werden. Es sind darin der Prüfung der Kraftfahrzeuge und der Führer besondere Auf­merksamkeit gewidmet und die im Interesse der Sicherheit des Verkehrs dringend erwünschten Vorkehrungen gewährleistet.

X Auch in den leitenden evangelischen Kreisen sieht man ein, daß mit oller Macht auf eine Hebung der christlichen Presse zu drin­gen ist. Die 6. ordentliche Generalsynode, die schon seit einigen Tagen über das Wohl und Wehe der protestantischen Kirche in Berlin be­ratet, beschäftigte sich am Freitag u. a. mit einem Antrag betreffend Einwirkung aus die evangelische Presse. Der Referent zu diesem Antrag hielt es „für äußerst bedenklich und bedrohlich, daß von der Presse eine Einwirkung ausgeübt wird auf das sittliche Denken unseres Bolles, die sich in vielen Fällen darstellt als Vergiftung der Phantasie und alles dessen, was dem sittlich-religiösen Menschen wert und heilig ist. Man denke nur an die Berichte über die schand­baren Prozesse! Es ist ein unermeßlich großes Kapital von Sitte und Zucht in unserem Volke verloren ge­gangen, und wenn französische Zeitungen in jenen Tagen frohlockend fagen konnten, daß das demsche Volk in feinem Denken und Tun auf einer viel niedrigeren Stufe steht, als das französische, so ist das unendlich demütigend und erniedrigend."

Im weiteren Verlauf seines Referates sang er der katholischen Presse ein großes Lob, die im gesamten Deutschland jetzt eine Auflage von 2 Million und unter Zurechnung der sonstigen katholischen Zeitschriften von 4 8000()0 habe.

+ Freisinniger Kraftdünkel. Die Wahlen zur sächsischen zweiten Kammer haben dem Frei- rnn einen Mcndatsgewinn von 5 Sitzen ge­

bracht. Das veranlaßt die „Freisinnige Ztg." zu dem Jubelruf:

„Das Königreich Sachsen hat bis vor einigen Jahren als ein Gebiet gegolten, das für den entschie­denen Liberalismus äußerst steril war. Die Erfahrung hat aber jetzt gezeigt, was frischer Wagemut, fleißige Aufklärungsarbeit und straffe Organisation vermag. So kann die freisinnige Volkspartei des Königreichs Sachsen jetzt schon ein Vorbild abgeben für die Partei­freunde im übrigen Reiche."

Ein nettes Vorbild! spottet darüber die „Kreuzztg.". Der Freisinn hat nämlich in Sachsen wie auch anderwärts aus eigener Kraft gar nichts erreicht. Er hat geerntet, wo andere gesäet haben, und gesäet, wo andere ernten werden. Von den 8 Mandaten, die er besitzt, hat er 7 erst in den Stichwahlen ge­wonnen und zwar nur dadurch, daß die sämt­lichen bürgerlichen Parteien ihn herausgerissen haben. Zum Dank dafür aber hat der brave Freisinn in den Stichwahlen zwischen Sozial­demokraten und Kandidaten der anderen bürger­lichen Parteien seine Unterstützung den roten Brüdern zuteil werden lassen.

Lauterbach, 5. Nov. 1909. Allerliebstz Märchen bringt der ,Lauterbacher Anzeiger' in seiner letzten Nummer über die Wahlen in Baden. Unter der Rubrik „Verquickung von Re­ligion und Politik" erzählt er dem in Oberkirch er­scheinenden ,Renchtaler' nach, rote da ein Geistlicher währ end (!) der Einsegnung der Leiche eines Kindes ein selbstverfaßtes Wahlflugblatt unter die tiefbetrübten Angehörigen verteilt habe und wie man ob solcher agitatorischer Aufdringlichkeit fana« tifierter Politiker es begreifen könne, warum Tau­sende sich vom Zentrum abgewendet und durch Ab­gabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels gegen geistlichen Terrorismus und gegen Verquickung von Religion und Politik Einspruch erhoben hätten. In derselben Nummer steht ferner unter der Rubrik: „EmLo'hring. Pfarrer als Schweinehirt" zu lesen, wie ein Zentrurnsp.arrer (nach dem „Messin") einem Schweinehirten die Schweine gehütet habe, .damit dieser seiner Wahlpflicht genügen könne und wie der „Undankbare" sich bann vor dem Wahllokal einen Stimmzettel des gegnerischen Kandidaten habe geben lassen.— Was sollen denn solche abgeschmackte, offensichtlich erfundene Märchen, die ohne Angabe des Ortes und der Personen aus anderen Klatschblättern abgedruckt werdend Sie sollen offenbar den urteilslosen Leser gegen das Zentrum anfhetzen, sie sollen die tath. Geistlichkeit lächerlich machen! Sie sollen aber auch die Schäden in der eigenen (hier nattib.) Partei dem Volke verhüllen. (Die plumpe Wahllüge von der angeblichen Verteilung von Flugblättern am Grabe ist von einer Reihe von liberalen Blättern bereits widerrufen worden. Vielleicht bequemt sich der „L.-Anz." auch dazu. Der verleumdete Geistliche, der Pfarrer von Oppe­nau hat bereits b e nötigen Schritte getan, um die Verleumder vor den Richter zu ziehen.) Der „L.- Anz." würde besser daran tun, seine Leser aufzu­klären über das glänzende Fiasko, das d e National- liberalen trotz ihrer Verbrüderung mit den Sozial­demokraten in Baden gemacht haben, und wie es kommt, daß die einst so stolze nationallib. Partei nur noch mit einem Viertel ihrer früheren Sitze mit Krücken in den Landtag humpelt! Es ist wohl ivahr, daß infolge der liberal-sozialdemokratischen Hetze gegen die Finanzreform einige tausend Stim­men dem Zentrum in Baden für dieses Mal ver­loren gingen, wenn man jedoch bedenkt, daß das Zentrum aus guten Gründen in vielen Bezirken keine eigenen Kandidaten aufgestellt hat und gleich im ersten Wahlgang für andere Kandidaten stimmte, so ist der Verlust des Zentrums dort geringer, als der der Nationalliberalen. Auch können ivir ver­raten, daß man es noch gar nicht solange in aller

Nähe sehr gern gesehen hätte, wenn die „Zentrums­pfarrer" für den Liberalismus eingetreten wären. — Ja, immer das Zentrum hat's ihnen angetan! Die Katholiken läßt man ja ungeschoren! Und doch, welchen Zweck hat es dann, wenn dasselbe Blatt („L.-Anz.") vor ein paar Wochen die Bemerkung brachte, Frau Steinheil gedenke nach ihrem Prozeß in ein Kloster einzutreten; welchen Zweck hat es, wenn dort angebliche Mißstände in entern russischen Nonnenkloster breitgetreten werden usw. Doch nur den Zweck, den Katholiken eins anzuhängett, die Religwn und deren Einrichtungen lächerlich zu machen! Daß die Bemerkung über Frau Steinheil ein bummer Witz ist, daß die russischen Klöster keine römisch-katholischen Nonnen beherbergen, das weiß ja die Mehrzahl der Leser nicht. Semper aliquid haeres — es bleibt immer was hängen. — „Es ist kein Geschreibsel so dumm, es findet halt doch sein Publikum" — das ist die Losung, nach der man vorgeht.

* Halle o. S., 5. Nov. 1909. Bei den heutigen Wahlmännerwahlen zur Landtagsersatzwahl wurden nur freisinnige Wahlmänner gewählt, so daß die Wahl des freisinnigen Volksparteilers, Ober- Postassistent Delius, zweifellos ist.

* Breslau, 5. Nov. 1909. Der Oberpräst- dent und frühere Kultusminister Graf Zedlitz« Trützschler wird sein Abschiedsgesuch zum Jahresschluß einreichen.

In der Ferrer-Hetze

hat sich die „Frankfurter Zeitung" ganz besonders her­vorgetan. Neuerdings läßt sie sich aus Madrid mel­den:

Um die Lehrbücher der modernen Schulen Francisco Ferrers hat sich eine Legende gebildet, die den Begründer der Lehranstalten und Herausgeber der Bibliothek das Leben kosten sollte. Da ist denn ein Brief von großem Werte, der den Beweis liefert, daß diese Lehrbücher von einem Bischof der ka­tholischen Kirche approbiert worden sind.

Von einem Bischof bet katholisch en Kirche! Nun biefer Bischof ist der „oberste Bischof ber unab­hängigen Philippinenkttche, Gregorio Aglipay zu Ma­nila". Das ist ber „Bischof ber katholischen Kirche"! Und ber Brief? Hier einige Stellen daraus:

Mein Beauftragter in Barcelona hat mir Proben, der prächligen, von Ihnen heranSgegebenen Werke ein» gesandt. Hätte die Bevölkerung ber Philippinen aus solchen Lehrbüchern studiert, statt des muffigen, abergläubischen Formelkrams der Frai«' les und Jesuiten, dann würden sie in wenigen, Jahren einen Kulturgrad erreicht haben, den sie im Laufe von vier Jahrhunderten durch dkd Lektüre der phantastischen Tüfteleien des hl. Thomas von Aquino' und anderer nicht zu erlangen vermochten. Der oberste Rat unserer Bischöfe hat bejchloffen, für unser Seminar und unjere Schulen die naturwissenschaftlichen und, geographischen Lehrbücher des Professors Odon be' Bue einzuführen, ebenso eine Reihe weiterer Werke, die besonders ausgeführt werden. Wir werden nur einige atheistische und antireligiöse Ten­denzen in diesen Büchern beim Unterricht richtig stellen. Ich begrüße respektvollst in Ihrer verehrten' Persönlichkeit die gesamte Lehrerschaft der modernen Schulen Spaniens!

So etwas wird als die Kundgebung eines Bi­schofs der „katholischen" Kirche aufgetischt. Weiter bemüht sich das Blatt, „klerikale Zeugnisse" beizu-' bringen für den „unnatürlichen Müßiggang" und bie, „Aussaugung und Zerstörung Spaniens" durch Mön­che und Nonnen. Und was bringt es als Beweis bo- ür? Eine Auslassung eines beutschen katholischen Geistlichen, der bedauert, daß einige ber Kirchen in Spanien nicht in Dcutschlanb stehen, uitb baß kein Millionär sich ftnbet, ber eine Renovierung ber pracht­bollen spanischen Kirchen unb Dome übernimmt. Dar­aus soll bann bie Schuld der Kirche an der Verarmung des spanischen Volkes hergeleitet werben. DaS Blatt weiß keinerlei Beweis bafttr, aber es macht seinen Lesern vor, die Kirche trage an dieser Verarmung bie Schulb: „unzählige herrliche Kirchen unb Klöster —

Irrende Seele.

10] Roman von H. Teichert.

„Nun, nun, hier ist vor allen Dingen „Ausruhen" erste Pflicht, Rena. Seeluft unb Seewasser sollen Dich ein bischen rotbackig machen, blese bleichsüchtige Farbe nimmst Du mir nicht wieder mit nach Meinin­gen, hörst Du? Du bist schon zu gewissenhaft."

Das Mäbchen schüttelte ben Kopf. Ein Sonnen­strahl fällt eben barauf, er umsäumt ihn mit golbenem Schein unb läßt das dunkle Haar lichter erscheinen.

„Nein, Taute, noch immer viel zu wenig." Sie seufzt so recht aus Herzensgrund. „Mir kommt es im­mer mehr unb mehr zum Bewußtsein, baß ich mich früher selbst überschätzt habe. Eine große Klavier­spielerin wirb nie aus mir werben."

„Aber eine Sängerin! Glaubst Du baran?" fragte Beate lächelnb.

In bein jungen Gesicht leuchtete es wie Verzückung.

„Ach, Tante, wenn mir bas vergönnt wäre! ES ist boch eklvas anberes, was bie Mmschenstimme bem Hörer zuträgt, als waS aus ben toten Tasten hervor­zuholen ist. Nie im Leben werbe ich ben Eindruck vergessen, den Lula Gmeiners Liederabend auf mich gemacht hat. Tante Beate, wenn ich je in meinem Leben ein Lied so fingen könnte, mit so süßer Stimme, mit solchem Vortrag!"

„Kleine Enthusiastin, waS noch nicht ist, kann wer­den! Die Stimme ruht nur noch, aber ba ist sie unb um baS Erlernen bes Vortrages ist mir bei Dir auch nicht bange. Bist nicht umsonst Onkel Heinz' Pflege­töchterchen unb seiner Kunst Verehrerin."

Renate brückte bie Hände sekundenlang an die STugen, als wolle sie das Bild fixieren, das ihr vor- schweote. Dann legt sie sie wieder auf die Tasten und intoniert eine schmiegsame, weiche Melodie. Leise summt sie dazu, dann wird die Stimme lauter und lauter, weich und voll Hingt sie in dem niedrigen Raum:

„In meiner Heimat, da wird eS jetzt Frühling, Der arünt auf den ältesten Gräbern fogar.

Da Hingen die Brunnen, da locken die Lieber, Da wanbert mit Kätzchen die Kinderschar. In meiner Heimat, da lachen bie Mädchen, Die wilden Rosen erblühn am Gesträuch, Uni) nachts die Sterne, die glänzen viel golb’ner, fBiel tausendmal gold'ner als hier bei Euch!"

Subelnb überzeugend Hingt der Endreim durch daS Zimmer. Beate hat wieder feuchte Augen. Daß sie dieses Lieb gerabe eben gewählt, bie Rena, sie trifft immer bas Passenbe, errät ihrer Mitmenschen Denken unb Fühlen! Eine echte, echte Künstlematur mht in dem Mäochen. Noch ist sie nicht völlig erwacht, sie kämpft noch mit bem, was Kind ist in ber jungen Seele, aber ist ber Bann erst einmal burchbrochen bann wird sie Herrliches, Großes leisten. Mit mütter-' sicher Zärüichkeü umfassen Beates Augen das junge Geschöpf am Klavier. Der Himmel hat ihr ein eige­nes Kind versagt, aber dieses gehött ihr, als wäre es chr eigenes, und schon jetzt bangt ihr vor der Zeit in der sie eS einst wird abgeben müssen. Nicht der Mutter, bie ist tot, umgekommen bei ber großen Schiffs- katastrophe, schon bei ber Hinreise nach Amerika bie macht keine Rechte mehr geltenb, aber bie Kunst, bie Selbstänbigkett ober ber Mann, ben sie einst sieben wirb. Rauben wirb man eS ihr schon, sie weiß, bas Naturgesetz wirb auch an sie heran treten, wie an olle Mütter.

„Tante!" Renate unterbricht ihr Sinnen, sie steht vor ihr unb legt bie Arme um ihren Hals. „Tante Herzenstante, bekomme ich im Herbst Gesangstunben?"

„Ja gewiß, Liebling. Wenn ich nur wüßte, bei wem? In unserer Heinen Residenz ist Mangel an einet kompetenten Lehrkraft."

„Aber Signor Lomperti? Et hat boch Ruf!"

Beate Wiegte ben Kopf. „Ich bin nicht musikalisch genug, seine Fähigkeiten als Lehrer beurteilen zu kön­nen. Onkel meint aber, baß er nach veralteter Me­thode unterrichte und Neuer nicht gelten lasse. Jeden­falls hat et fiLhet Erfolge zu verzeichnen gehabt, für ben Anfang wirb et schon genügen. Später schicken wir Dich nach Berlin zu bet Herzog."

„Macht Ihr schon wieher Plane?"

Dotmm steht auf einmal neben seiner Frau unb steckt ben Kopf in bie Stube.

„Himmlische Pläne, Onkelchen", sagte Renate unb zieht ben Änkommenben mit in bie Umarmung. „Nur von Trennung bars nicht die Rebe dabei sein. Wenn ich nach Berlin muß, müßt Ihr mit. Dock ist auch für Onkels Begabung ein weiteres Felb Das König­liche Schauspielhaus wirb Dich mit offenen Armen aufnehmen, Onkel, fei überzeugt!"

Dornau lachte herzlich.

„Schau einer bie kleine Weisheit an! Nein, Kind, vorläufig bleibe ich, wo ich bin, unb werbe wohl blei­ben, solange unser alter Herzog unb feine kunstsin­nige Gemahlin leben. Ans Fortgehen bente ich nur in bem Falle wenn mein Drama durchschlägt, bann, ja bann ist Berlin wohl ein geeigneteres Felb für mich. Aber bis bahin! Hast Du eine Ahnung, wie lange man an einer solchen Arbeit schuftet, unb wie viel längere Zeit noch vergeht, bis man einen Ver­leget bafür ftnbet unb schließlich eine Buhne, bie sich baS Aufführungsrecht erwirbt? Bis bahin bist Du wohl schon ein Gesangsstern erster Größe unb längst flügge geworben. Dann sehen wir Dich nur in Dei­nen Erholungspausen ober aber wir reifen zusammen burch aller Herren Länber. Ich als Dein Geschäfts­führer, Tante als Sammelbiene."

„Pfui, Onkel, wie Du wieber spottest!"

„Durchaus nicht. Eine Berühmtheit willst Du boch febenfalls werden?"

„Daran denke ich vorläufig nicht einmal im Traum, Onkel. Ich will nur fingen. Singen für Euch, für mich selbst, meinetwegen auch für sonst jemand, der es hören will. Singen, nicht nur mit der Stimme, die in meiner Kehle ist, sondern mit dem Herzen, mit ganzer Seele, und um das zu können, muß ich singen lernen." Sie preßte die Arme fest um die beiden vor ihr stehenden Gestalten und legte ihre Wange an Beates Scheitel. „Ihr meine beiden Lieben, für Euch hauptsächlich will ich singen. DaS Liebste seid Ihr mit auf ber ganzen großen Wett."

„Einstweilen", sagte Dotnmi, „einstweilen, lange wirb'S nicht mehr bauern, bann kommt ber Rittet, hoch unb bebt. Aber sag mal. Nena, wie muß er

denn aussehen? Schwarz wie bie Nacht ober blonb- lockig?"

Renate zog ihren Arm zurück unb ging Weiter inS Zimmer.

„Rothaarig ober pockennarbig", sagte sie trotzig. „Ich werbe ja wohl ben ersten besten nehmen müssen, um Dir ben Triumph zu gewähren, balb nicht mehr ZU Euch zu gehören. Ich glaube, Du willst mich nur los werden, Onkel. Sag'? boch offen, bann kann ich ja weglaufen."

Jetzt lachte Domau belustigt laut auf.

„Ach, Du bummes Ding, lauf boch, benkst Du, Wir hotten Dich nicht wieber ein? Du weißt ja, daß ich Dich immer necken muß. Komm, sei Wieder gut, und wenn Dir's lieber ist zu hören, so sei Dir gesagt, daß wir Dich überhaupt keinem Mann abgeben, mag er schön fein tote Apoll, reich wie Krösus oder bucklig wie ber Glöckner von Rotte Dame. Unser bist unb bleibst Du. Bist Du nun zufrieden. Du Kindskopf?"

„Aber ja doch, Onkel, wenn Ihr mich nur lieb habt, mehr verlange ich nicht."

„Du warst schon in der Stabt, Heinz?" fragte Beate ihren Mann.

„Ja, Frauchen, auf ber Post. Ich habe unsere Abresse aufgegeben. Ich will in ber Zeit hier viel Korresponbenz treiben."

„Du hast auch wohl wieder Pläne?"

„Wer hätte die nicht? Nur fchlafende Geister pla­nen nicht für bie Zukunft"

„Unb wie gefällt Dir das Städtchen nach all ben Jahren?"

„O, sehr gut! Es ist bebeutenb gewachsen unb hat sich verschönert. Es kommt mit ordentlich groß vor, nach unserer Mintatur-Ressbenz. Unb ein ande­rer Geist, wie vor Jahren, herrscht hier jetzt. Der neuerbaute Kriegshafen und all die Behörden unb Schulen verleugnen ihren Einfluß nicht. Großstäbtisch ist es hier geworben. Dazu kommt noch bas kaufmän­nische Sprachgewirr, eine Großstabt im Heinen mit internationaler Färbung."

»Den Kriegshafen müssen wir uns boch ansehen, Onkel. Werner sagt, et fei eine Stabt für sich."

(Fortsetzung folgt)