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ZuldaerW Zeitung

wochEaz« Illustrierte 5omstagszeltu«g" m°«°kixllag«: „Sulbaer Geschichtsblätter"

Lnzu-en: vie et» fpaltige Petitzeile ober bereit Saum 15 pfg. Sefiamenbiepetitzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wirb entspr. Habart gewährt.

Hotationsbruckunb Verlag der Fuldaer Ak- tienbruSerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Freitag den 5. November 1909.

M 254.

36. Jahrgang.

Hvstes Wtcrtt

vom 3.

es

Schlöffe gegeben. Die Eröffnung des Reichs­tages erfolgt durch den Kaiser persönlich im weißen Saale.

Blättermeldungen zufolge wird die Thronrede ; nur eine Aufzählung der dem Reichstage zuge- !chachten Vorlagen enthalten, mit dem Wunsche, daß alle Parteien zum Wohle des Reiches ge­meinsam arbeiten möchten. Das Plenum des Reichstages dürfte bis zum Eintritt in die Weih­nachtsferien nur 10 bis 12 Sitzungen abhalten, und neben der Präsidentenwahl nur die erste Lesung des neuen Etats und die Verabschiedung des portugiesischen Handelsvertrages und des englischen Handelsprovisoriums auf die Tages­ordnung setzen. Das Etatsgesetz soll dem Reichs- tage am Tage deS Wiederzusammentritts zu­gehen.

Wie versichert wird, ist es für das bevor­stehende Jahr gelungen, den Etat mit einem Matrikularbeitrag von 80 Pfg. pro Kopf der Bevölkerung zu balanzreren. (Es wäre doch auch gar zu kläglich gewesen, wenn bereits.der erste Etat nach der großen Steuerreform und nach den großen Sparsamkeitsversprechungen wie­der mit einem Defizit gekommen wäre.)

noch in deiner Schreiberei — das ist schrecklich. Das Herz auf dem reckten Fleck haben, aber ihm nur nicht erlauben, jeden Augenblick mit uns durchzugehen. Bei dir entwickelt sich diese Neigung, dir geht's zu gut.'

Sie verläßt das Zimmer und geht ins Freie. Drüben im Zwillingshaus stehen alle Fenster offen.

.Rena', ruft sie hinüber, „bift Du da?'

.Jawohl, Tante', antwortet eine jugendliche Stimme, .ich komme.'

Gleich darauf guckt ein Mädchenkopf zum Fenster heraus. Kaum ist der kleinen 9tenate Kindergesicht in den Zügen des jungen Mädchens wiederzustnden. Die rehbraunen Augen find's noch, ste blicken nicht mehr so tragend, aber ebenso ruhig und ernst in die Welt, wie einst die Kinderaugen, aber das überaus üppige' wundervolle Haar, das den kleinen Kopf ziert, ist viel dunkler und das Gesicht viel ovaler geworden. Ein hübsches Mäochen ist aus der kleinen, mageren Renate geworden, schlank und ebenmäßig gewouhsen.

.Brauchst Du mich, Tante? *

.Nein, Kind, aber komm doch lieber ins Freie.

Der Morgen ist köstlich.'

Ich möchte schon, Tante, aber meine Sachen lie­gen wie Kraut und Rüben durcheinander, aufgeräumt muß ja doch werden. Ich war ja schon ein paar Stunden am Strande, die Vertrödelung muß ich nach- holcn. Nicht einmal das Klavier habe ich bis jetzt an­geschlagen.'

.So wurde es schon gebracht?'

„Ja, während ich am Strande war. Onkel Wall­dorf muß es geradezu gestern abend noch bestellt haben.'

„Oder Werner heute ganz in der Frühe. Sahst Tu ihn noch nicht?'

.Doch! Wir waren ja die ganze Zeit zusammen unten. Er ist ganz der alte, liebe Junge von einst. Herrlich, daß ich der habe! Wir haben schon bespro­chen, daß wir tüchtig zusammen bummeln werden'

„Und Sigurd?' fragte Beate.

In das schmale Mädchengeflchi trat auf einmal ein hochmütiger Zug.

.Der Herr Freiwillige hat mir noch nicht die Ehre erwiesen, sich zu zeigen, ebensowenig, wie er es gestern

Ausland.

: Bürgermeister Dr. Lueger von Wien hatte am Donnerstag eine Audienz beim Kaiser Franz Joseph: er überreichte ihm eine Festschrist der Stadt über die humanitären Akte der S'.adt im Jubiläumsj rbr. Dr. Lueaer nahm dabei die Gelegenheit wahr, dem Kaiftr für die Sanktion der Schutzgesetze der deutschen Landessprachen in den deutschen Kronländern zu danken. Daraus erwiderte der Kaiser, er habe dies gern getan. Allgemein glaubt man, der Kaiser habe mit dieser Antwort ausdrücken wollen, wie sehr er die tschechische Opposition tznd Hetzerei gegen hie Schutzgesetze mißbillige.

t. Ter französische Unterrichts - Minister Toumergue führt seinen Kampf für feine Schulen mit Eifer fort. In einem neuen Rundschreiben an die Schulbehörden wünscht er eine Untersuchung darüber, ob der Hirtenbrief der französischen Biscköie gegen den Besuch der neutralen Schule und gegen den Gebrauch der Lehrbücher von der Kanzel verlesen worden sei, wie er von den Leuten ausgenommen sei und welche Ereignisse er ge­heiligt habe.

Deutsches Reich.

D Einberufung des Reichstages.

Eine Kaiserliche Verordnung über die Ein­berufung des Reichstages zum 30. November wird im ,Reichsan;eiger' veröffentlicht. Sie ist November datiert und im Berliner

Ein Hauptschreier hielt sodann eine große Rede, aus der man immer nur beraushörte: .Hier wohnt der Mann, nieder mit den Pfaffen, nieder mit dem Zentrum, Pfui' uh».! Das Pfuirufen, Pfeifen, Jobien war das einzige, was man hörte. Natürlich wurde tüchtig über Zähringen loSgezogen, daß sich dieses unter das „schwarze Joch' gebeugt. Nach lan­gem Spektakel zog die Gesellschaft allmählich, ab in eine Wirtschaft, wo bis zum Morgen gezecht wurde

% Tie Stichwahlen in Sachsen

sind gestern zu Ende geführt worden. Nach dem jetzt vorliegenden Gesamtergebnis setzt sich die zweite Ständekammer zusammen aus: 30 Konservativen (einschließlich 2 Angehörigen des Bundes der Land- wirte und einem Mittelstandsparteilers, 28 National- liberalen, 8 Freisinnigen und 25 Sozialdemokraten.

Die Konservativen sind also die stärkste Partei geblieben, haben iedoch nicht mehr entscheidenden Einfluß und fl d ab ängig von den Nationalliberalen oder den Sozialdemokraten. — Gegen die Kandidatur des einzigen kath »lisch en Abgeordneten, der seit fast 25 Jahren den 8. ländlichen Wahlkreis (Elstra, Kamenz und Königsbrück-Land) vertritt, war vom Bund der Landwirte ein Gegenkandidat ausgestellt worden. Wie der Verlauf des Wahl­kampfes ergab, geschah dies nicht aus politischen Gründen — denn beide Kandidaten sind konservativ — sondern lediglich wegen der Konfession des Guts­besitzers Michael Kockel-Crostwitz. Dieser Mann war bisher vom Vertrauen de? ganzen Wahlkreises der Katholiken und Protestanten, Deutschen und Wenden, getragen; nun sollte das Ausspielen der protestantischen Jntereflen ihn zum Sturze bringen. Das Mittel des konfessionellen Haders bat diesmal noch nicht den Sieg davongetragen: Kockel siegte mit 5890 Stimmen gegen den Bündler Brühl, der 5406 Stimmen erhielt. Die Wahlschlacht war eine der hitzigsten. Hatte doch am letzten Abend vor der Stichwahl der Wahlausschuß des Herrn Brühl im Amtsblatt ein Inserat veröffentlicht, dessen letzter Absatz lautet:

Evangelische Wähler, bedenkt, daß es das Wohl oder Wehe nnsererevanaelischenKirche gilt. Wählt einen Kandidaten, der für den gesicherten Weiter­bestand unserer evangelischen. Kirchenaemeinden als ganzer Mann eintrilt, wählt Herrn Brühl!

Schon, wenn ein ein zi ger Kath olik im sächsischen Landtage sitzt, dann ist die evangelische Kirche bedroht!

.Du wolltest in der letzten Zeit nichts mehr von mir wissen, Beate, ich habe Dir gegenüber ja auch wohl gefehlt, aber meine Schuld ist geringer, als Du sie aufzubauschen für nötig fandest. Es ist gut, daß Tu jetzt wieder einmal zu uns gekommen bist. ' Wir wollen das Band, das uns von Natur zusammenbin- det von nun an wieder fester ziehen und alle Vitter- keit versenken, denn lieb haben wir uns ja doch nickt wahr?' ’• '

Ob sie ihn lieb hatte?

Sie Mhlte es so recht, nun sie ihn toiebergefeben und in die alte Kmderwelt geschaut 9 ' , Dort in der Ecke das Beet, das hatte et ihr ange-

VritA'Z QOni IT3 Mädchen gewesen blühten mich heute noch dort: sie hatte als Kmd eine große Vorliebe für diele Blume g^abt, immer hatte et ein williges Ohr für ihre klei- nen Wunsche und Liebhabereien gehabt und war nie ungeduldig geworden. Wie sie das alles hatte ver­gessen können!

Ihr traten Tränen in die Augen

„D du Heimaterde', flüsterte sie bewegt wie hältst du de« Menschen Seele fest mit unsichtbaren Fä dm und wäre deine Scholle noch so klein, ein ganseS Reich schließest du ein von Erinnerungen und Juaeud- träumen und was gutes in Menschen erstarkt in dei­nem Odem.'

Sie geht im Zimmer umher Mit fast zärtlichem Mick streift sie die alten Möbel, die auf bemfeFben Fleck stehen, wie einst Etwas abgenutzter noch sehen sic aus, aä von 6 Jahren, aber sie sind doch da sogar die alte blaue Plüschdecke liegt noch auf dem altmodi­schen Sofatisch, als wäre sie in all den Iahten dort anzewachsen. Beate fährt mtt streichelnder 5oand dar­über. Sie ertappt sich auf einmal bei dem Wunsch den ganze« alten Kram mitnehmen zu können in ihr elegantes Meininger Heim. Dort gah'z solch ein kleines Zimmer, in dem sich das alles hätte unter­bringen lassen. Ein Stück Heimat hätte sie dann doch dorthin versetzt. Sie schüttelt gleich herauf energisch den Kopf. Will sie fenttmental werden? Ihr As als höre sie ihres Mannes warnende Stimme- Nut nicht sentimental werden, Liebling, weder im' Leben,

Irrende Seele.

9] Ronan von H. Teichert. Ja, sie war eine andere geworden, sie fühlte

selbst. Die Liebe, die sie in den letzten sechs Iahten umgeben, das reine, bisher ungetrübte Glück einet eigenen Häuslichkeit und die eigene, erfolgreiche Gei­stesarbeit hatten allen Trotz, alle Bitterkeit, die sich dort während ihrer Mädchenjahte gesammelt, ver­drängt und einen frohen Menschen mit frohen Augen aus ihr gemacht. Und mit der Wandlung in ihr war auch das Sehnen nach der Heimat wieder erwacht und von Jahr zu Jahr stärker geworden. Wie alles Ver­gangene dem Menschen in lichtetet Beleuchtung er= fäcint fo kam es ihr jetzt oft vor, als hätte auch ste Men schuldanteil an dem schlechten Verhältnis zwi- schen ihr und den Geschwistern. Sie suchte dann in rhter Erinnerung all die guten Stunden hervor, die

£e3 Inders Güte, vor seiner Heirat noch, ver- L^'t-. ®eine tieben, treuen Augen sah sie dann vor sich und nahm innerlich Kartei für ihn wegen seiner Schwache der Frau gegenüber. Sie wußte jetzt ja aus eigenster Erfahrung, daß das Glück in her Ehe nut m dem gegenseitigen Verstehen beruht, daß einer be3 andern Schwachen mit Geduld und Ruhe ertragen und mit Siebe zu bekämpfen versuchen muß. Wat'» Denn nun ein so großes Verbrechen, daß er im Be- rampfen müde getoorbtn und mit Resignation ertrug, !»a5 doch einmal nicht zu ändern wat? Er hatte sie gestern abend bei ihrer Ankunft mit großer Herzlich- fnt empfangen und ste hatten sich mtt leuchtenden Augen geküßt, wie ein paar Menschen, die sich trotz allem und allem doch so recht von Hetzen nachein­ander gesehnt haben.

|djautanÄ W t?On geschoben und ange- „ 'M- Du blühst, Beate, Dir schaut das Glück aus den Augen!'

L And wieder hatte er sie an sich gezogen und die Mrahlenden Auaen geküßt. i

** Die Auflösung des englischen Parla- menlS ist bestimmt in den Feldzugsplan des liberalen Ministeriums ausgenommen worden, von dem der Unierstaatssekretär Pease in einer Rede Mitteilung machte. Er führte aus, das Haus der Gemeinen erkenne das Recht deS Königs oder des Oberhauses, die Finanzvor­schläge deS Unterhauses zu verwerfen, nicht an. Falls diese Anerkennung doch erfolge, werde die Regierung Anfang Januar Neuwahlen ausschreiben. Die liberale Partei werde nicht ruhen, bis die Volksvertretung, wenn nötig, vom König die Vollmacht erhalten habe, um auf alle Zeiten das vom Oberhaus beanspruchte R?cht einzuschränken, nicht nur die Finanzbill, sondern auch andere von den Volksvertretern genügend durchberatene Gesetze zu verwerfen. Aehnlich sprach Minister Samuel, der außerdem betonte, von einem Kompromiß mit dem Ober­haus könne keine Rede sein.

* Kapitän Typaldos, der Rädelsführer bei dem griechischen Marineputsch, ist gestern zu­sammen mit seinem Vertrauten Demoulis verhaftet worden. Die beiden Offiziere versuchten in schlechter Kleidung nach Athen hin­einzugelangen. Dabei wurden sie von der Polizei­wache erkannt. Beim Fluchtversuch zog Typaldos den Revolver, er wurde ihm aber abgenommen. Mit Pferdezügeln gebunden, wurde er nach dem Gefängnis gebracht. Der Begleiter versuchte ebenfalls, zu entfliehen, blieb aber stehen, als man einen Schuß auf ihn abfeuerte. Die beiden Meuterer erklärten, sie seien im Begriffe gewesen sich der Behörde zu stellen, um ihre Handlungs­weise zu rechtfertigen.

* Das Regiment in New-Hark ist durch die letzten städtischen Wahlen den Händen der korrupten demo­kratischen Partei-Organisation, die unter dem Na­men „Tammany Hall' feit Jahrzehnten ihren unheilvollen Einfluß geltend machte, entrissen wor­den. Mögen manche der haarsträubenden Dinge, die den Beherrschern New-Dorks von den Gegnern nachgesagr wurden, auch übertrieben gewesen fein, und mag man noch so sehr daran erinnern, daß in Amerika überhaupt der Grundsatz gilt: Dem Sieger gehört die Beute — die dokumentarisch nachweis­baren Bestechungen, Aemterschacher usw. von Tarn« many genügten, um seine Herrschaft zu einem Skan­dal für die Union zu stempeln. Tammany Hall hat in kritischen Zeiten, wenn der Ansturm der em­pörten Wähler es über den Haufen zu werfen drohte, stets die geschickte Taktik befolgt, an di« Spitze seiner Kandidatenliste einen Mann von tadel­losem Rufe und großem Ansehen, der sich aus plau­sible Art mit dem Scheine völliger Unabhängigkeft umgeben kann, zu stellen, um derart vor den Wäh­lern Ehrbarkeit und Zuverlässigkeit zu markieren. Diesen Trick hat Tammany auch jetzt wieder rau gewendet, aber die New-Iorker sind ihm nicht auf den Leim gegangen. Sie wählten zum Bürger­meister Gaynor, den Tammany vorschlug, weil es ein allseitig geachteter und populärer Mann ist uni' gerade deshalb zum Köder ausersehen war. Im übrigen aber wählten ste lauter Gegner Tammany Halls, sodaß die große Stavtverwaltung vollständig gereinigt erscheint. — Anders wie in New-Iork ist in San Franzisko die Wahl für den Posten eines Grafschaftstaatsanwaltes ausgefallen. Dort gelang es der Korruptionspartei, den jetzigen Staats­anwalt, der sich durch scharfes Vorgehen gegen die Korruption, besonders gegen den berüchtigten Bürger- meffter Schmitz, ausgezeichnet hatte, zu beseitigen und einen genehmeren Bewerber durchzusetzen

der Wahl am Stichwahltage enthalten. Er persönlich werde sich freuen, wenn der konservative Kandidat nicht gewährt würde. DaS ist genügend deutlich. Nach einer nationalliberalen Versammlung zu Poffen­dors im 5. städtischen Wahlkreise soll der nattonallibe- rale Versammlungsleiter einem Genossen gesagt haben, daß die meisten seiner nationalliberalen Parteifreunde für den Sozialdemokraten stimmen würden; er wolle deswegen selbst noch mit dem Vorsitzenden des sozialdemokratischen Wählkomitees sprechen. Das Dresdener Sozialdemokratenblatt fügt hinzu, daß diese Besprechung auch stattgesunden habe. Im 14. länd­lichen Wahlkreise hat am Mittwoch die Stichwahl zwischen Konservativen und Sozialdemokraten ftatt- gefunden. Bei der Hauptwahl fielen auf den konser­vativen Kandidaten 3356, auf den sozialdemokratischen 3973 und auf den nationalliberalen Kandidaten 3182 Stimmen. In der Stichwahl erhielt der konservative Kandidat 5248, der sozialdemokratische 5343 Stimmen. Damit ist unwiderleglich und offenkundig bewiesen, daß fast die Hälfte der nationalliberalen Wähler für den Sozialdrmokraten gestimmt haben.

Die »Deutsche Tagesztg/ schließt: „Das sind prächtige Ruhmesblätter in der Geschichte der liberalen Partei, die sich national zu nennen beliebt.*

** Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland mit dem Prinzen Alexander und der Prinzessin Helene sind gestern nachmit­tag auf der Station Wildpark angekommen und haben im Neuen Palais Wohnung genommen.

* München, 4. Nov. 1909. Die Kammer der Abgeordneten hat mit 130 gegen 20 Stimmen das Einkommensteuergesetz end- gültig angenommen, durch das eine allgemeine progressive Einkommensteuer im Königreiche Bayern eingesührt wird.

(*) Freiburg, 3. Nov. 1909. Lieber den Schluß oft der Stichwahl zum badischen Landtag in der Stadt Freiburg wird berichtet: Dem Wahlresultat wurde mit größter Spannung entgegengesehen. All­mählich waren die einzelnen Bezirke eingetroffen bis auf Zähringen. Winkelmann (ntl.) war Fehrenbach (Ztr.) um etwa 100 Stimmen voraus. Schon wähn­ten die Gegner unfern bewährten Führer Fehrenbach geschlagen zu haben. Immer größer wurde die Span- nung. Da plötzlich sauste das Auto heran und brachte das Zähringer Resultat: „242 für Fehrenbach. 94 für Winkelmann'. Brausender Jubel tönte ihnen entgegen. Im Katholischen Vereinshmis, wo unsere Parteifreunde mit Spannung das Resultat erwarte­ten, wollte, als der Sieg Fehrenbachs verkündet wurde, die Freude und der Jubel kein Ende nehmen Minu­tenlang rauschte der Beifall durch den Saal, der sich von neuem erhob, als der nenaewählte Abgeordnete sich zeigte und herzliche Dankesworte an alle Partei- freunbe richtete, die hingebend und opferwillig sich in den Dienst der Sache gestellt hatten. Ein anderes Bild bot die Entgegennahme des Fehrenbachschen Sieges auf dem Münstervlah, wo das Freiburger Großblock-Organ, die „Freiburger Zeitung', die Re­sultate verkündete. Geradezu empörenb war das Ver­halten der nattonalliberal-sozialdemokratischen Ver- brtlderimgsgesellschast. Als beim Verkünden des Feh­renbachschen Sieges einige Freudenausruse von Zen­trumsseite sich bekunden wollten, wurden sie n i ed er­geb r Ü l 11 und niedergepfiffen. Geradezu ohrenbetäubend war der Lärm. Rufe wie „Pfui', „Pfaflengesindel', Ferrerknechte' usw. wur­den laut Später, als die Menge sich zerstob, mar­schierten einzelne Teile derselben über die Kaiser­straße, abwechselnd „Deutschland. Deutschland über alles' und die „Marseillaise' singend. Gegen 3 Uhr nachts zog dann der .edelste' Teil der natio- nalliberal-sozlaldemokratischen Gesellschaft, mehrere hundert Personen, darunter auch „Damen', nach Z ä h r i n g e n vor das Vfarrhaus des Herm Geistl. Slates W a ck e r, wo sie wie eine trunkene Meute wilde Szenen aufführten. Alsbald begann ein wüster Lärm

-<• uu, 4. Roo. 1909. Der Bundesrat hat Donnerstag den Entwurf einer Fernsprech- gebührenordnnngden zuständigen Ausschüssen überwiesen. — Die Staatssekretäre Delbrück und Wermuth werden Samstag in Stuttgart ein- j treffen und vorn König empfangen werden. — Zur ' ©teuer der übermäßigen Kreditgewährung wird beabsichtigt, bei der Reichsbank eine Zentrale ; einzurichten, auf der die dem Konzern angehörigen Banken und Firmen Auskunft über die bisherige Kreditinansprnchnahme einzelner Firmen erhalten können. Dem Konzern sind bereits verschiedene erste Banken und Finnen beigetreten.

§ Die Helfer der Sozialdemokratie. Die ,Postt stellt die Behauptung auf, daß die badischen Sozialdemokraten ihre Erfolge zum Teil der Unterstützung des Zentrums bei den Stich­wahlen verdanken. Einen Beweis für diese Be­hauptung bringt das Blatt natürlich nicht, wie es überhaupt bei Verdächtigungen des gehaßten Zentrums regelmäßig sich der BeireiSpflicht über- hoben glaubt. Wenn die ,Postt wiffen will, aus welchen Kreisen die Sozialdemokratie Hilfe bekommt, so mag sie sich an eine andere Adresse wenden, an die Adresse der ihr so eng befreun­deten natfonalliberalen Partei. Richt blos in Baden haben die Nationalliberalen die Sozial­demokratie kräftig unterstützt, sondern auch in Sachsen. Die„Deutsche Tagesztg/ gibt heute dafür eine Reihe interessanter Belege:

Im 22. ländlichen Wahlkreise, hat ein Vertreter der bei den Hanptwahlen ausgefallenen nattonallibe- ralen Kandidatur sich dahin geäußert: jeder ernsthafte liberale Politiker könne in dieser Situation nicht dem Konservativen seine Stimme geben, den er vorher am schärfsten bekämpft habe, sondern er müsse sich

abend bei unserer Ankunft für notig hielt, am Hafer zu sein. Er wird jedenfalls in der Mittagsstunde eine steife Visite bei Dir machen — stilvoll, wie immer Mir kann et gestohlen bleiben.'

»So?' Beate lächelte. Sie mußte daran denken, wie früher Sigurd, immer nür Sigurd bei Renate überhaupt in Betracht kam.

»Liese hat ihn schon gesehen ,er fei sehr schön, aber auch sehr stolz geworden, sagt sie.'

„Meinetwegen, ich werde ihm nicht den Gefallen tun, ihn zu bewundern.'

Beate stand vor dem Fenster und sah in die Studv

„Soll das Piano so stehen bleiben? Schiefer gings wohl nicht?'

„Findest Du es nicht hübsch so, Tante?'

„Nein. Aber mir ist'S völlig gleich, wenn es Dir so zweckdienlich scheint.'

„Die Träger hatten es glatt an die Wand gestellt -- einfach scheußlich! Werner und ich, wir haben l beide daran henimgezerrt, bis wir es in diese Stel- I lang gebracht haben. So habe ich gutes Licht beim Heben und die Stimme hat auch Spielraum. Soll ich es einmal anschlagen?'

„Tu es, Kind.'

„Du glaubst gar nicht, Tante, wie mich der kleine Raum hier anheimelt Die alte Heimat ist eS doch und wenn mir das Häuschen auch diel, viel kleiner vockommt, als es in meiner Erinnerung stand, wie sehr es mir ans Herz gewachsen ist, rnecke ich erst jetzt.'

Sie zog sich einen Stuhl an das Instrument und ließ präludierend die Hände über dasselbe gleiten.

Schlanke, weiße Finger waren es, die die Tasten berührten, fast noch Kinderhände, aber man hörte dem kraftvollen Anschlag an, daß das Klavierspielen ge­wohnte Arbeit für sie war.

„,..»®ar "iA übel, Tantchen, nattirlich nicht mein Muthner, der wäre aber auch zu wuchtig für dieses Mauselochchen. Zum Neben ganz gut und fleißig muß ich fein, trotz der Sommerfrische. Professor Her­tag war in der letzten Zeit gar nicht so recht mit mir zufrieden, die Scharte muß die Fertenzett auswetzen.'

(Fortsetzung folgt)