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Jahrgang

F (lda, Mittwoch den 3. November 1909

M 252

Irlich empfundenen Verhaus nicht mehc zu ent«

Landtag;

übernehmen

im

(Fortsetzung folgt.)

gegangen sei.

mit ihr überlegen, was mit der Kleinen anzufangen sei. Das and're, Dornau betreffend, da half nun kein Reden mehr. Beate hcfffe ihn bei sich ausgenommen und war am Hellen Tage offen und frei an seinem Arm den Strand entlang gegangen, jetzt brr* e» Miene zum bösen Sp>el machen, wenn - .. fier nicht kompromittieren wollte.

« „Wie man sich bettet, so ruht map.", dachte er seuf­zend und wünschte der Schwester von Herzen, daß sie nie bereuen möge, sich ihr Lager so zurecht gemacht zu haben. Seiner Fran aufgeregtem, empörten Be­richt der Schwester schamloses Vorgehen hatte er mit euiv'm Faustschlag auf den Tisch ein Ende ge­macht. B.'ate sei selbständig, sie köne tun und laffen, was ihr beliebe. Da?'Wort „schamlos" verbäte er sich aber ein- für allemal, feine Schwester werde nie gegen Sitte und Moral verstoßen. Daß sie den Verlobten habe sehen wollen, sei natürlich und da ihr die nächsten Verwandten die Tür verschlossen, wäre ihr eben keine andere Wahl geblieben . Frau Erna hatte indigniert geschwiegen. Sie sand überhaupt, daß sich bei ihrem Mann m letzter Zeit die herbe, ordinäre Schiffer­natur seiner Vorfahren mehr und mehr kundtat.

Ruhig und ernst wie immer begegnete Beate dem Bruder. Er fragte nicht nach Dornau, sie fühlte sich nicht veranlaßt, ar.3 eigenem Antriebe von ihm zu sprechen, so umgingen sie den gestrigen Tag, als sei er nicht gewesen Nur von Renate war die Rede.

„Hast Du ketne Ahnung, wohin Frau Arko sich be­geben hat?" fragte er die Schwester.

Sie sah ihn erstaunt an. "

„Allerdings, sie hat es mir ja geschrieben. Aber daß Du fragst, wundert mich. Dir ist ja so gut eine Nachricht zugegangen wie mir."

„Mir? Keine Zelle habe ich empfangen "

„Du hättest gestern stütz keinen Brief empfangen?" Beate hat keinen Grund, an seiner Aussage zu zwei­feln, aber sie fft erstaunt, da Frau Arko ihr geschrie­ben hat, daß auch an ihn ein Brief, mit der Bitte, sich ihres Kindes anzunehmen, abgegangen sei. Sie reicht dem Bruder das kurze Billet. Er schüttelt den Kopf und versichert nochmal«, daß ihm keine Nachricht yv

Kämpfe auf das früherer Epochen zurückzustellen. Da Dynamit und der Revolver haben als politische Kampf Methoden überall Bankerott gemacht."

AuS dem Bernstein'schen Artikel spricht weit mehr Einsicht, als aus den Ferrer-Artikeln der liberalen und rötlichen Presse, die fast durchweg die widerlichste Art des Ferrer-Kultus pflegte.

X „Wenn unsere Partei stets den Grund­satz hochhalten wollte, daß das Wohl des Volkes das höchste Gesetz sein muß, dann würden den Roten nicht so viele Leute aus dem bürgerlichen Lager zulaufen. Parieitaktik muß mitunter sein" usw. — so sollte nach den Mitteilungen zen- trumsseindlicher Blätter die ,Oelber Glocke', ein Zentrumsblatt, geschrieben haben. Daran wurden dann Betrachtungen über Unstimmigkeiten im Zentrumslager geknüpft. Die Sache beruht aber auf einer Fälschung. Das OelderBlatt halte geschrieben: „Wenn unsere Parteien... wollten" Daraus kann niemand einen Vorwurf gegen das Zentrum lesen. Um sich am Zentrum reiben zu können, kommt es unseren Gegnern auf derartige Schwindeleien nicht an.

* Stichwahl in Sachsen.

Die Stichwahlen zur sächsischen Zweiten Kammer sind gestern fortgesetzt worden. Da die bürgerlichen Parteien im allgemeinen geschlossen gegen die Sozialdemokratie stehen, haben dies- keine großen Eroberungen mehr machen können. Es wurden gewählt: 10 Konservative, 1 Bund der Landwirte, 1 Mittelstandspartei, 13 Natio­nalliberale, 6 Freisinnige und 5 Sozialdemo­kraten.

Insgesamt sind nunmehr 80 Abgeordnete gewählt und zwar: 24 Konservative, 1 Bund der Landwirte, 1 Mittelstandspartei, 24 National­liberale, 8 Freisinnige und 22 Sozialdemokraten.

Die letzten Stichwahlen finden heute und morgen statt. Daran sind beteiligt: 5 Konserva­tive, 1 Bund der Landwirte, 6 Nationalliberale und 10 Sozialdemokraten. ,

manb, der Weg ist einsam für Spaziergänger. Im eifrigen Gedankenaustausch verlockender Zukunftsbil­der wandern sie ein paar Stunden. Sie besprechen alles wie ernste Menschen, auch über Renate rind deren eventuelles Verbleiben bei Beate reden sie und beschließen, beide vereint für das Kind sorgen zu wollen, wenn die Mutter nicht imstande dazu ist. Und dann erzählt Beate dem Verlobten noch, daß sie schriststellerischc Versuche gemacht und kleine Arbeiten fertig habe, ob er sie nicht mitnehmen und prüfen, vielleicht auch versuchen wollte, eventuell etwas davon vnterzubringen: für sie sei das von hier au8 völlig ausgeschloffen.

„Habe ich Erfolg, so verdienen wir später beide, Heinz', sagte se und mürbe über und über rot unter seinem staunenden Blick.

„Und das hast Du mir so lange verschwiegen, Beate? In Deinen Briefen nie ein Wort verraten? Du Heimlichtuerin I Gewiß nehme ich sie mit und wenn's gluckt, schicke ich sie Mr gedruckt wieder. In Breslau machen wir den ersten Versuch. Aber sage mir, wo nimmst Du den Stoff ber in Deinem stillen, an Abwechselung so armen Leben?"

Er ist noch immer voller Staunen und sagt sich, daß er die Braut doch wohl noch nicht kenne, wie er sich eingebildet. Dann übeckonnnt ihn jähe Freude. Für geistig schläfrig hat er sie eigentlich gehalten und von dem Zusammenleben erst ihr völliges Erwachen erhofft. Run war sie ihm innerlich aus eigener Initiative näher gerfaft. Was wird das Leben, in das er sie einführen wird, erst aus ihr machen! Er drückt sie ht überwallendem Gefühl an sich.

„Um den Erwerb sollst Du nicht sorgen, Beate, wenn mir ein gütiges Geschick nur Gesundheit ver­leiht, so stehe ich allein dafür ein. Aber für Dich selbst zur eigenen inneren Befriedigung arbeite! Geistesarbeit macht frei und hebt den Menschen über der Alltäglichktt Misere. Ein Haus wollen wir fpäter machen, mein Lieb, ein Heim für Kunst und geistige Bestrebungen, wie nut je ein- gewesen. Nur Geduld — Geduld! Die kurze Spanne Zeit bis zum Ziel soll unS in steter Arbeit nicht lang werden. Im September sehen wir unk wieder. Ich komme zu

Erscheint täglich mit wf

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Redakteur:

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beanspruchen, jetzt in die Hände der Sozialdemokratie als der stärksten Partei der Linken übergegangen. Die Großlüock- mehrheit müßte von rechtswegen zum ersten Präsi. braten einen Sozialdemokraten wählen. Sol..: sie „schänden halber" einen Liberalen wählen, so wäre daö nur ein Statthalter und Werkzeug de: maß­gebenden Sozialdemokratie.

Langsam aber sicher geht der Selbstmord des Nationalliberalismus vor sich.

riehen.

Tas hat für die dortige politisch; Entwick­lung via yt bedeuten. Ter in Boden einst allem herrschende Nationalliberalismus ist in den Troß der Sozialdemokratie geraten. Die Nationalliberalen sind au die dritte Stell: im Landtag, gerückt- roetst der „Großblock* die Geschäftsführung “"u“‘ ÄL h

will, so ist der Taktstock, b' r. 1905 noch bis Nationalliberalen h"“r—

Dir, ehe ich nach St. Petersburg gehe. Wer weiß, ob ich nicht dann schon feste Daten für unsere Zukunft bebe."

Mit dem Abendzug war Dornau wieder abgereist. Sic hatten zu Hause von einander Abschied genom­men, er war dann allein fortgegangen. Fest und stand- baft hatte Beate das Scheiden überwunden, nun sie allein wac, kam das Trenmmgsweh um so bitterer über sie. Nun wieder monatelange Einsamkeit! .Sie hatte das Gesicht in den Händen verborgen 'und schluchzte unterdrückt.

„Tante Beate!"

Renate stand barfuß und völlig entkleidet neben ihr. S:e hatte schon im Bett gelegen, aber nicht ge­schlafen.

„Liebe Tante Beate, soll ich Dich küffen, damit Du zu weinen mishörst? Rist Du auch traurig, wie Mama immer war?" Tie kleinen mageren Arme schließen sich fest um den Hals der Weinenden. „Sei gut, Tante, meine nicht, ich bin ja bet Dir."

Sie weint sich satt an ber Schulter der Kleinen. Sie sind ja beide einsam, zwei Hoffende, die das Schicksal zusammengeführt, daß einer der aitberen die Wartezeit ertragen helfe.

„Kleine, liebe Renate!" Beate streichelt das wei­che Gesichtchen und führt das Kind in das Bett zurück. „Wie, Tu frierst, Du zitterst ja. Laß Dich zudecken und schlafe süß und fest. Wir beide bleiben nun zu­sammen und lasten der Mama Zeit, recht viel Geld zu verdienen, damit sie nie wieder Sorgen hat. vnd wenn sie einmal ausruhen will, dann soll sie zu uns kommen, wir werden sie pflegen und lieb haben. Nicht wahr?"

Sie wischt dem Kinde die Tränen aus den dunk­len Augen, die sich dort elngeftmden, trotz des Be­mühens, sie zu unterdrücken. DaS Kinderherz sehnt sich nach der Mutter und will's nicht laut werden lassen.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Schon am Vormittag kam Henrik Walldorf zur Schwester herüber. Hauptsächlich Renates wegen. Seine Knaben hatten ihm hinterbracht, daß Frau Arko nicht zurückgekehrt sei, er wollte doch hören, ob Beate näheres wiffe, und

Deutsches Reich.

*♦ Berlin, 2. Nov. 1909. Der neue Polizei­präsident von Berlin, v. Jagow, hat am Dienstag fein Amt übernommen. — Oberbürger­meister Vos ber g (Potsdam) hat die Wahl zum Direktor des Hansabundes abgelehnt.

= Der ehemalige Abg. Metzner, der wie gemeldet, in diesen Tagen gestorben ist, war ein alter Zentrumsveteran. Er erblickte feine Haupt­aufgabe in der Vertretung der Handwerkerfragen int Reichstage wie int Landtage, und es ist nicht zum wenigsten fein persönliches Verdienst," wenn im Laufe des letzten Vierteljahrhundert in der Gesetzgebung zu Gunsten des Handwerks und des Handwerkerstandes erhebliche Fortschritte ge­macht worden sind. Allerdings sind die Ziele des Abg. Mehner noch nicht vollständig erreicht worden. Insbesondere wünschte er auch den allgemeinen Befähigungsnachweis, und der jetzt bestehende „kleine" Befähigungsnachweis erschien ihm nur als die Vernichtung feiner weilergehen- !ben Forberrmgen, als „ein Sarg mit Rosen umkränzt". In allen Handwerketkreifeu genoß ber Abg. Metzner durch seine parlamentarische und außerparlamentarische Tätigkeit für die wirt­schaftliche und soziale Hebung deS Handwerker­standes großes Ansehen. Wie die Zentrums­fraktionen fo werden auch die Handwerker ihrem verewigten parlamentarischen Vertreter ein treue8 Gedenken bewahren.

-t- Fürst Bülow und die Rcichstagsaus- lösung. Der konservative Führer Graf Sch merin- Löwotz hat am Samstag in Anklam vor einer Kreisversammlung des Bundes der Landwirte gesprochen. Dabei brachte er folgende Episode aus der Zeit der Kanzlerkrise zur Sprache:

„Als ich den Fürsten Bülow in einer längeren Unterredung, welche ich wenige Tage vor fernem Rück­tritt mit ihm hatte, darauf hmwies, daß doch im Fall einer Annahme der Erbschaftssteuer die ganze Finanz­reform nicht zustande gekommen sein würde, erwiderte er mir, diese Möglichkeit wolle er nicht bestreiten-, dann aber, wenn nur die Konservativen ihn nicht in der Erbschaftssteuerfrage im Stich gelassen und nicht mit dem Zentrum gemeinsame Sache gegen ihn gemacht hätten, würde er den Reichstag nicht nur einmal, son­dern, wenn nölig dreimal aufgelöst haben, um die Reform mit dem Block gegen das Zentrum zu­stande zu bringen."

Diese Mitteilung überrascht uns nicht im geringsten, und es wird gut sein, sie zu dauern­dem Gedächtnis zu merken. Es liegt kein An­zeichen dafür vor, daß die Stimmung bei den den maßgebenden Regierungsstellen eine andere geworden fei.

s Katzenjammer

hat m den Kreisen der nationalliberalen Partri Einzug gehalten. , m .

Durch die gesamte liberale Presse geht da-. Wehklagen landaus, landab über den Ausfa-i der badischen Stichwahlen. Nun die Herrschaften, die das Fell des Bären schon vorzeitig -erteilt hatten, sich mächtig geprellt sehen; nun nicht das verhaßte Zentrum, sondern sie selbst bte schwerste Niederlage sich geholt haben, beginnt man einzu- sehen, daß man einen recht dummen Stretch Öen hat. Der größere Teil der national»

;n Presse gibt heute, durch die bittere Er­fahrung belehrt, zu, daß die badische nationallibe­rale Partei sich auf einem gefährlichen Wege be­finde. Die „Nationalztg." schreibt:

Für die nationalliberale Partei bedeutet der Wahl­ausfall in Baden einen Pyrrhussieg, um nicht zu sagen, eine Niederlage. Um diese Erkenntnis soll man sich mit beschönigenden Worten nicht herum- drückeu. Der Einfluß der exttemen Linken wurde durch das Großblockabkommen gestärkt, aber nur zum Schaden der nationalliberalen Partei. Ein mate­rieller und ein moralischer Schade«, dessen Größe und Folgen sich noch nicht übersehen ! lassen. Für die Lage ist schon der eine Umstand be­zeichnend, daß es dem Zenttum gelungen ist, die Wahl fernes arg bedrängten Führers Fehrenbach doch noch vurchzusetzen, während der nationalliberale Parteiführer Obkircher unterlegen ist, zudem auch noch gegenüber stnem Sozialdemokraten. Zeichen der Zeit!

Ganz ähnlich äußert sich der ,Mannh. General' anzeiger', der bekannten nationalliberalen Führern sehr nahesteht:

i Zwar ist eine klerikal-konservative Mehrheit von Baden abgewendet worden, aber man wird sich der Tatsache nicht entziehen können, daß diese Gefahr schon durch den Ausfall der Hauptwahlen beseittgt war. Daß die liberalen Parteien, daß insbesondere der Nationalliberalismus sich damit nicht begnügten, daß sie vielmehr eine stürmische Bewegung gegen das Zentrum, wie sie im Volke platzgegriffen hatte, nach­gebend die unheilvolle Verbindung mit der Sozialdemokratie erneuerten, ist der schwere Fehler des Liberalismus gewesen, der sich bet den gestrigen Stichwahlen bitter gerächt hat. Besonders an der nationalliberalen Partei hat sich das erneute Großblockabkommen schwer gerächt; die gesttigen Wahlen haben gezeigt, daß die Führung der national- liberalen Partei nicht die rechke Einsicht besessen hat Hüt das: „Worauf es ankommt" . . . Sie machte Tak­tik lediglich mit dem Rechenstift. Vor vier Jahren mochte für die Partei noch der Schein des Rechts be­standen haben; bei den diesmaligen Stichwahlen aber war die Gefahr einer solchen Mehrheit völlig aus­geschlossen, und nur die Rücksicht auf den Man­datsgewinn bestimmte die liberalen Parteien, be­stimmte den Nationalliberalismus, ein erneutes Ab­kommen mit der Sozialdemokratie abzuschließen. Also nicht grundsätzliche, sondern Geschäftspolitik war da« Agens der diesmaligen Slichwahikonstellation. Im Zeichen des Großblocks aber wurde der Niedergang der nationallideralen Partei befiegelt

Das Blatt schildert die einzelnen Verluste der Nationallideralen und schließt mit dem wehmütigen Geständnis: „Mehr über denL ö ffel bearbeitet kann man wirklich nicht werden." Man sieht, der Katzenjammer ist groß. Zn spät. Jetzt, da die Herrschaften sich den Schaden besehen, schlagen sie jammernd dte Hände über den Kopf zusammen. Sie Hattert«,Ich die Sache vorher überlegen fallen. Wie die Dinge liegen, hat die Sozialdemokratie das Erbe der nattonalltderalen Herrschaft in Baden an­getreten, und aus eigener Kraft vermag der badische Nationalliberalismus nicht, wieder zu nennenswerter Beratung zu gelangen. Er ist unadweislich aus die Hilfe des roten Bruders angewiesen, wenn er überhaupt noch etwas bedeuten will, und aus diesem Grunde vermag er sich dem zwar als kompromit«

Ausland.

5 Die Abnahme der französischen Bevölke» rung wird durch jede statistische Feststellung aufs neue und immer augenscheinlicher bargetan. Nach einer Veröffentlichung der „Journal ossiziel" fan­den während der ersten 6 Monate des laufenden Jahres 6201 Heiraten weniger statt, als während der gleichen Zeitdauer im Vorjahre; aber 543 Scheidungen mehr. Noch schlimmer ist es jedoch, daß während dieses Halbjahres die Zahl der Geburten von 411402 auf 398710 herabgesun« kcn ist, also 12692 französische Bürger und Bür- gerinnen weniger geboten wurden. Die Zahl der Sterbefälle dagegen hat um 25019 zugenom­men. Aus diesen Zahlen ergibt sich auch, daß sich die Bevölkerung Frankreichs vom 1. Januar bis zum 30. Juni 1909 im ganzen um 22 203 Köpfe vermindert hat.

** Den Absinthgenuß sucht die hollän­dische Regierung durch ein Gesetz unmöglich zu machen, das in der Kammer einstimmig an­genommen worden ist. In Holland besteht schon ein Gesetz, das dem Branntweinkonsum scharf zuleide geht.

* Zu rücksichtslosem Borgehen gegen Fin- land scheint sich die Petersburger Regierung noch nicht stark genug zu fühlen. Wie verlautet, sollen noch zwei Garveregimenter und ein Regiment des Burja! en kosakenHeeres aus Transbaikalien

Irrende Seele.

7] Roman von H. Teichett.

,3a, Du Süßniäulchen," lachte die Alte. „Leg' nur schnell Deine Bücher fort, hier hast Du den Schlüs­sel. heute mußt Du noch drüben lernen. Bring' mich Dein Haar in Ordnung und komm bann schnell zu Mittag, bri uns ist Besuch, Du kennst ihn, et hat auch schon nach Dir gefragt. Armes Ding," murmelte sie dann, „wird sich auch dnrch's Leben quälen müs- >sen; gut, daß sie mein Fräulein hat, denn die bnl= ben —"

Ein verächtlicher Blick fliegt nach dem Vorder- hause und in zorniger Erregung schlägt sie die Sahne, daß sie steif steht wie die Wand.

Rach Tisch geht das Brautpaar Arm in Arm zum Strande hinunter. Kein Vertuschen, kein Verheim­lichen sollls mehr geben. Stolz und hochausgerichtet geht Beate am Vorderhause vorbei. Die Magd steht gerade vor der Tür und drinnen am Speisezinnner- fen}tet Sigurd. Nun ging'S drinnen über sie her! ,Gie drückt des Verlobten Arm fester, ste hat nun auf ber Welt nichts mehr, wie ihn unb sic will nichts mehr, wenn er ihr nur bleibt. In aufsteigender Angst sucht sie seine Augen. „Heinz!"

Er sieht sie an und faßt nach der Hand, die auf seinem Arm liegt.

„Was beunruhigt Dich, Beate?"

„Wenn Du mir die Treue nicht hieltest, Heinz!"

Er drückte sest ihre Hand. „Ich halte sie Dir, Beate, wenn Du nur fest bleibst."

Am Strande weht'S kühl und feucht ist der Ufer­sand, noch hat die Sonne nicht Zeil gehabt, ihn zu trocknen. Bis zu ben Molen geht sie, vorbei an Spa- -iergängern, die vor Staunen stehen bleiben. ES gibt -leinen, der den vorjährigen ersten Liebhaber deS Stadttheaters nicht kennt. Oben rasten sie und sehen dem Spiel der Wellen zu, die sich unablässig am harten Steinwall brechen und in rastlosem Auf und Nieder '.einen Sprüheicgen verspritzen. Dann zurück am Kur- chausetabliffement und den Badeanstalten vorbei, wett, wett bis zum nächsten Stranddorf. Hier stört sie nie»

»* Ein kouservativec Parteitag für die Pro­vinz Sachsen hat am Sonntag in Halle statt- gesunden. Bei Besprechung der ReichSfinanz- resorm erklärte der frühere Minister v. Wedel- Piesdors, daß die konservative Partei sich große D^dienstr um das Vaterland erworben habe. Für den Fürsten Bülow habe kein Grund zum Rücktritt Vorgelege, da ihm dir konservative Partei die 500 Millionen neuen Steuern in den Schoß legte. Bismarck wäre aus gleichem An­laß nicht gegangen. Es wurde eine Resolution angenommen, worin es heißt:

Wir begrüßen mit Stolz und Freude, daß es wesentlich durch das staatsmännische Geschick und die patriotische Arbeit der konservativen Partei gelungen ist, die Reichssinanzresorm rechtzeitig durchzufuhren. Wir stellen mit besonderer Genugtuung fest, daß dieses Ergebnis sich hat erreichen lassen, ohne daß ein Bündnis mit einer anderen Parte, geschlossen wäre. Tenn wir sind der Ueberzeugung, daß die konservative Partei weder mit dem Zentrum noch mit den Liberalen ein dauerndes Bündnis schließen Darf, sich vielmehr Darauf beschränken muß, Vereinbarungen von Fall zu Fall zu treffen."

Die Versammlung war schließlich ber Ansicht, daß die konservative Partei keinen Grund habe, eine Taktik der Aenderung in der Erbschafts- steuerfrage vorzunehmen. Graf Hey debrand wandle sich gegen den Vorwurf, als sei durch das Zusammenwirken mit dem Zentrum tue protestantische Sache gefährdet. Die evan- gelifche Lehre, Kirche und Schule, fo betonte er, habe durch den Katholizismus nichts zu befürch­ten, um so dringender notwendig sei es jedoch, sie vor liberalen Einflüsfen zu behüten. Die konservative Partei sei auch jetzt noch geneigt, mit den Liberalen positive Politik zu machen, doch habe der Liberalismus durch allzulanges Beharren in der Opposition die Fähigkeit zur positiven Mitarbeit verloren.

)( Unsere koloniale Gerichtsbarkeit soll be­kanntlich einer durchgreifenden Reform unterwor- stn werden. Das Reichs-Kolonialamt bereitet angeblich auch schon eine entsprechende Vorlage vor. Die Rechtsprechung in Bagatellsachen soll darin tunlichst den Häuptlingen oder Schieds- gerichlen überlassen werden, die aus angesehenen Eingeborenen zusammengesetzt werden. Zur sitt­lichen Hebung der Eingeborenen soll für sie auch die Vereidigung eingeführt werden, die bisher be­kanntlich unznsäjfig ist.

(*) Genoss: Bernstein über den Ferrer- Kultus. In Den ,Soz. Monatsheften" beschäftigt sich Eduard Bernstein mit dem Ferrer-Kultus. Er hält es für sehr verständig, daß die Sozial- demokraüe diesen Kultus nur in beschränktem Maße (?) mitgemacht habe. Bernstein wendet sich dann gegen die Auffassung, daß die Um­gebung Ferrers aus „unwissenden Geistlichen und ihrer abergläubischen Gefolgschaft" bestanden habe und bezeichnet die Katalonier als liberal- radikale Leute. gerrer ist nach Bernsteins Meinung ein Anarchist und „wildgewordener radikaler Separatist" gewesen. Am Schluß des Bernstein'schen Artikels heißt es:

„Den Ferrerkultus aber kann und wird die deutsche Sozialdemokratie nicht mitmachen. Ferrer ist mannhaft für feine Ueberzeugung gestorben; das haben jedoch Tausende vor ihm getan und werden wohl noch viele nach ihm Inn. Es ist vom polilischen Gesichts­punkte aus nicht gerechtfertigt, den Mut der letzten Stunde fo hoch einzufchätzen, daß man auf ihn hin Straßen benennt iinD Denkmäler baut. Die große Kulturbeivegung der Arbeite.klaffe hat andere Maß­stäbe für die Wertung von Vorkämpfern. Sie hat kein Jniereffe Daran, das kulturelle Niveau ihrer

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