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Jahrgang
Fulda, Sanlstag den 30. Oktober 1909.
JV3 250
Macht danach streben, landwirtschaftlichen Kleinbesitz zu erwerben. Verwunderlich endlich, daß die Agrar» tatistik aller westeuropäischen'Staaten eine nicht unbedeutende Zunahme derlandwirtschaftlichen Kleinbetriebe aufweist. _______'
Ob der .Vorwärts" sich endlich diesen unumstößlichen Tatsachen anpassen wird? Wohl schwerlich! Denn es paßt ihm einfach nicht in sein .Programm" hinein!
Dir Heiligen lehren uns, daß und ivie man mit den anvertrmiten Pfunden wuchern soll, und wenn die schwachen und sündigen Brüder aus ihren Gräber zu uns reden könnten, so würden sie rufen: Benutze besser, als wir es getan, die kostbare Zeit Deines Erdenwallens, die Dir als Schlüssel einer glücklichen Ewigkeit gegeben ist. Scheue nicht den Schweiß und die Not, wirke uni) schasse und ringe mit ganzer Kraft, raffe Dich aus, wenn Du gestrauchelt bist, und hole mit verdoppeltem Eifer ein, was Du versäumt hast. Denn groß muß Dein Eifer sein, da ungeheuer Großes auf dem Spiele steht: eine Elvigkeit voll der größten Herrlichkeit sollst Du begründen mit Deinen schwachen Händen in der kurzen Zeitlichkeit."
Der Blick auf die Gräber am Allerseelentag lehrt uns Ringen, Büßen, Sühnen und wiederum Ringen — ein fortgesetztes Ringen und Streben in Gottes Namen bis zum letzten Atemzug, der zum ersten Atemzug in der Lust der Ewigkeit werden soll. Und der Blick in die Höhen der Seligen am Allerheiligentag stärkt uns die Hoffnung; wenn so viele mit Gottes Gnade so Großes vollbracht haben, so werden wir ja auch wohl beim guten Willen zu einem seligen Uebergange gelangen können.
„Friede den Menschen, die eines guten Willens sind." Wie von den Ehrenschreinen der Heiligen, so leuchtet auch von den Grabsteinen der vecklärten Büßer dieses tröstliche Wort unserm geistigen Auge entgegen.
•fc Die Biehwirtschaft im Groß- mib Kleinbetrieb im Lichte sozialdemokratischer Anschauungen.
Kaum jemals hat die Sozialdemokratie eine größere Blamage erlebt als mit ihrer als unabänderliche Wahrheit aufgestellten Prophezeiung, daß die wirtschaftliche Entwicklung mit Naturnotwendigkeit zur Aufsaugung der kleinen durch die Großbetriebe führe, und daß ebenso wie in der Industrie auch in der Landwirtschaft der Kleinbetrieb dem Untergänge geweiht sei.
Vor kurzem hat nun ein etwas aufmerksamerer sozialdemokratischer Beobachter, Arthur 'Schulz, in einem Artikel „Großbetrieb und Kleinbetrieb In der Viehhaltung und Viehzucht" („Sozialistische Monat- heste", 1909, 1. Band 4l7) darauf hinqewiesen, daß entgegen der sozialdemokratischen Behauptung der Klein- und Mittelbetrieb in der Viehwirtschaft dem Großbetrieb überlegen ist. Er erhielt darauf vom „Vorwärts" zur Antwort, das seien nur Ausnahmen, und die sozialdemokratische „Breslauer Volksmacht" richtete an den „Genossen" Schulz die Worte:
Wann und wo wurde je schon das Vieh eines norddeutschen bäuerlichen Besitzers zum Beispiel auf den Ausstellungen der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft mit Preisen bedacht? Genosse Schulz wird uns n cht einen derartigen Fall anführen können.
Um nun wirklich objekriv festzustellen, was die verschiedenen Betriebsgrößen in der Viehzucht zu leisten vermögen, hat Schulz gerade die 23. Ausstellung der deutschen Lmldwittschaftsgesellschast in Leipzig vom 17.-22. Juni 1909 zum Gegenstand einer Studie gemacht, da bei den alljährlich von der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft unter planmäßigem Wechsel des Ausstellungsorts in den verschiedenen Gauen des Reiches veranstalteten Wanderausstellungen alle Zufälligkeiten und einseitigen Auffassungen ausgeschlossen sind, und die Prämiierung durchaus sorgfältig und zuverlässig ist. Hierbei kommt Schulz zu einer rückhaltlosen Anerkennung der Ueberlegenheit des .Kleinbetriebs, und die Beweise für feine Behauptung, die er in einem Artikel „Der landwirtschaftliche Groß- und Kleinbetrieb im Spiegel der Leipziger Wanderausstellung" (Sozialistische Monatshefte", 19.—20. Heft 1909. 1238 ff) niederlegt, dürften als unumstößliche gelten. Bezüglich der Pferde-
t Himmel und Gruft.
Aufwärts lentt der Allerheiligentag den hoffenden Blick; abwärts zu den Grüften senkt sich das sorgende Auge am Allerseelentag. Tie Auserwählten, welche am glücklichen Ziele angekommen sind, laden uns ein, ihnen zu folgen. Unter den Gräbern aber lernen wir, daß der Weg durch Buße und Tod führt. Wir muffen sterben, um zum Leben zu gelangen. Die Gruft ist bet Vorraum zum Jenseits; die Verwesung bereitet die Verklärung vor. Die letzten Dinge Wer Welt sind di- ersten Dinge der anderen Welt Wer die Krone empfangen soll, muß erst sein Hmipt beugen ;.— tief beugen bis in das Grab.
! „Denn hier ist keine Heimat!" So klagt der Dichter unter dem natürlichen Eindruck der allgemeinen Sterblichkeit. Der Christ sagt auch, seine Heimat sei nicht im irdischen Jammertal. Aber wenn auch Christ tinb Welikind die gleiche Gruft vor sich sehen, so betrachten sie den Endpunkt des irdischen Lebens doch mit verschiedenen Augen und Gefühlen. Dem Einen ist Begräbnisplatz eine Rumpelkammer für verschlissenes Gerät; dem Andern ein Gottesacker, wo Verwesliches gesäet ist zu einer Blüte der Unverweslichkeit und einer Frucht der Vollkommenheit.
Den Christen wirst die „Aufklärung" vor, daß sie Zwiespalt setzten zwischen diesem Leben und einem zukünftigen, und daß sie das Diesseits herabwürdigten zugunsten des erhofften Jenseits. Der Vorhalt zeugt von Unkenntnis. Denn gerade das Christentum verbindet die Welt des Todes mit der Welt des ewigen Lebens; es ü b e r b r ü ck t das Grab, welches für die „Aufllärung" ein bodenloser Abgrund bleibt; es stellt die E i n h e i t her zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen dem kämpfenden und dem unsterblichen Menschen; es sichert uns den Ausgleich zwischen Iben Wünschen und der Wirklichkeit, zwischen Tugend Tugend und Glück, zwischen dem Unsterblichkeits- Bewußtsein und den vorübergehenden Schatten des Todes.
„Gemeinschaft der Heiligen!" Diese erhabene Lehre erweitert da? armselige Erdental zu einer Vorhalle des Himmels. Was vor uns der Sterblichkeit seinen Tribut, zahlen mutzte, ist nach dem trostreichen Wort im Evangelium „nicht tot, sondern rg schläft". Wie der Schlaf von dem einen Arbeitstage zu dem anderen überleitet, so bildet der Todes- fchlaf den Uebergang von dem irdischen Wirken zu der himmlischen Tätigkeit. Denn luenn der Christ von der himmlischen Ruhe spricht, so benft er dabei nicht an ein bewußtloses und tatenloses Nirwana nach Art der heidnischen Träume, sondern er weiß, daß gerade im Jenseits alle seine Kräfte in der Erkenntnis des Allerhöchsten und in der rückhaltlosen Hingabe .an den Schöpfer und Erhalter des Alls sich in ihrer höchsten Blüte entfalten werden — ohne Schweiß und Kampf, aber in einer Reihe von wunderbarer Fruchtbarkeit und vollkomenftee Befriedigung. Wenn wir uns ganz durchdringen mit dem Gedanken, daß das irdische Dasein die erste, kurze und doch so folgenschwere Abteilung unseres unendlichen Daseins ist, damr werden wir uns erst recht angespornt ffchlen zur iüchtigsten Ausbildung und regsten Entfaltung lll' unserer guten Kräfte im Diesseits, damtt wir selbst und unsere Mitwelt möglichst gut vorbereitet werden für die Stellung im Jenseits, die wir von Gottes Güte erhoffen. Schon jetzt, von unserer Taufe in, flehen wir in Gemeinschaft mit denen, die vor Ms den Vorbereittingslauf vollendet haben, und dieser Gemeinschaft muffen wir Ehre machen, indem wir hier auf Erden wuchern mit allen Talenten, die uns der Schöpfer gegeben hat, damit einst, wenn der Tod zur Uebcrgangsprüfting ruft, das Wort des Richters laute: Weil Du Weniges getreu verwaltet, will ich Dich über Vieles sehen!
zücht erwähnt Schulz zunächst die Aeußerung eines großen vstpreußischen Pferdezüchters:
Der Kleinbauer, der mit feinen Stuten selbst ackert' die Pferde selbst besorgt, hat die besten Abfohlreful- tate. Der Großbesitz zieht auch; hier verdirbt ,edoch die Hand der Pferdepfleger viel, Jo daß tm Verhältnis viele Stuten versetzen.
Und eine andere Autorität auf dem Gebiete der Pferdezucht urteilte:
Da die Lucht in Hannover fast nur durch Kleinbesitzer geschieht, liegt die Aufzucht lediglich in den Länden der Züchter und feiner Familienmitglieder, was wiederum zur Folge hat, daß die Aufzucht rationell gehandhabt wird.
Schulz hat sich davon überzeugt, und einer der besten Kenner der beugen Pferdezucht hat es ihm bestätigt, „daß in den Bezirken Düsseldorf, Aachen, Trier und Koblenz sich die Zucht mit wenigen Ausnahmen in den Händen der Mittlern und kleinern Züchter befindet". Er spricht von „Meisterstücken bäuerlicher Züchtungskunst".
Hinsichtlich der R i n d e r z u ch t macht sich Schulz die Aeußerung Ruhlands zu eigen, daß nur im bäuerlichen Zuchtbetrieb eine so ausgezeichnete Rasse hcrausgebildei werden kann, wie wir sie auf den Aussiellunaen vor uns sehen, und daß die hervorragendsten'Züchter ihre Zuchtherde nie über eme gewisse engbegrenzte Stückzahl ansdehnen. Als sehr bezeichnend siir die Meinung, die der Großbetrieb selbst von feiner viehzüchterischen Leistungsfähigkeit im Vergleiche zum Klein- und Mittelbetriebe hat, führt Schill, in llebereinftimmung mit dem Landestierzuchtinspektor Dr. Dettweiler die Tatsache an, daß sächsische Großbetriebe ihre Zuchtprodukie nicht für die Klassen nnmelbeten, wo sie eigentlich hingehörten, weil sie deshalb lieber in Klassen ausstellten, wo sie unter sich waren. Zuchtverbände ausgesprochen bäuerlichen Charakters und Gutsbesitzer mit geringer Herdenzahl hatten den meisten Erfolg.
Was die S ch we i n e z u ch t anbelangt, so weist Schulz auf die Behmivttmg der Ansiedlungskommis- >ion in ihrer amtlichen Denkschrift von 1907 hin: „Schweinezucht und -mast wird vom Großgrundbesitz wenig betrieben; sie ist das eigentliche Arbeitsfeld des Keinen Bauern " Neben dem Schwein bezeichnet Schulz die Z i e g e als das typische Tier des Kleinbetriebs. welche daher auch in Leipzig von Kleinbesitzern, ländlichen Arbeitem, Handwerkern und kleinen Beamten ausgestellt war. Desgleichen behauptete sich der Kleinbetrieb auch in der Nuhgeflügelzucht siegreich, da diese ja ohne die Fürsorge des Bauers und der Fran des grundbesitzenden ländlichen Arbeiters verloren ist. Selbst in der Abteilung der Schafe, deren Zucht wegen der erforderlichen extensiven Weidewirtschaft eigentlich dem Großbetriebe zusteht, machte sich bereits eine Konkurrenz der Kleinbetriebe bemerkbar. — In einem neuern Artikel von Arthur Schulz, „Das dänische Beispiel" („Sozialisttfche Monatshefte" 1909, Heft 21), hebt er nochmal die Ueberlegenheit der bäuerlichen Viehwirtschast hervor, indem er schreibt:
Mit zunehmender Arbeitsintensität und besonders mit wachsender Bedeutung der Viehhaltung ist die Tendenz zur Verkleinerung der Betriebe und zur Entstehung neuer Kleinbetriebe erforderlich; diese Anschauung wird durch die Tatsachen der Enttvickelung Dänemarks bestätigt. Doch ist die Stärkung des Kleinbetriebs nicht, wie manche meinen, durch den Freihandel, sondern trotz seiner erfolgt.
Der „Vorwärts" glaubt alle diese Beweisführungen abfun zu können mit dem Worte: „Es ist immer die alte Geschichte: Der Bauer besteht, weil er seine Arbeitskraft in unrentabler Weise vergeudet." Darauf antwortet Schulz mit Recht:
Verwunderlich ist dabei nur, daß der Bauer ba§ nicht einsieht und des vergeblichen Mühens müde, seine Scholle an den Gutsherrn verkauft. Verwunderlich, dasi im Gegenteil die Austeilung von Großgrundbesitz trotz des höheren Getreidepreisniveaus der letzten Jahre einen so beträchtlichen Umfang angenommen hat, und daß Bauernkinder und Landarbeiter mit aller
Deutsches Reich.
+ Reichstags-Abgeordneter Lehmann hat, sein Mandat, wie nachträglich bekannt wird, im Einverständnis mit dem Vorsitzenden des Jenaer nationalliberalen Reichsvereins, Justizrat Dr. Zeiß, beibehalten, obwohl er, wie bekannt, wegen seiner Stellung in der Erbschastssteuersrage aus der nationalliberalen Fraktion ausgetreten ist. Dr.Zeiß hat seinerzeit selbst darauf hingewiesen, daß es sehr die Frage sei, ob der von den Konservativen, Nationalliberalen und dem Bunde der Landwirte ausgestellte Abgeordnete Lehmann eine von der Mehrheit seiner Wähler abweichende Meinung vertreten habe, selbst wenn man die bei der Stich- wähl für ihn gefallenen linksliberalen Stimmen mit in Betracht zieht.
P5 Als ein neues Beispiel, wie viel der preußische Staat für die katholischen Ansiedler im Osten aufwendet, hält das „Fuld. Kreisblatt" seinen Lesern die neugegründete katholische Gemeinde Marienbronn, die 800 Mitglieder umfaßt, vor die Augen. Das Blatt zählt ganz genau auf, wie viel Tausend Mark hier für die Katholiken ausgegeben werden: Für den Bau der Kirche, des Pfarrhauses nebst Wirtschaftsgebäuden, Gehälter usw. hat der Staat über 140000 Mark bewilligt. Außerdem hat die Gemeinde vom Staate eine Landstäche von fast 12 Hektar im Werte von 12800 Mark und einen Friedhof von zwei Morgen erhalten. Aus diesen Angaben sieht man wieder, meint das „Fuldaer Kreisblatt", daß es auf seilen des Staates am guten Willen nicht fehlt und daß die Klagen über die Zurücksetzung der Katholiken bei dem Ansiedlungswerk an die unrechte Stelle gerichtet werden. — Mit diesem Einzelsall ist noch gar nichts bewiesen, und wenn man ihn noch so sehr ausbauscht. Wenn für die Errichtung dieser einen katholischen Pfarrei so viel Geld ausgegeben ist, welche Millionen wüsten dann für die ungezählten protestantischen Pfarreien und Kirchen vom Staate ausgegeben worden sein? Der Generalsuperintendent von Posen hat neulich die 126. und der Generalsuperintendent von Westpreußen die 100. evangelische Kirche eingeweiht, von denen ein großer Teil im An- siedlungsgebiet liegt. Um wie viele Millionen aus Staatsmitteln werden da die Katholiken gegenüber den Protestanten benachteiligt?
■+• Ueber eine „auffallende antisemitische Entgleisung" entrüsten sich die »Franks. Ztg/, ,Vossische Ztg/, freisinnige Ztg/ und andere freisinnige Blätter. In einem Urteil der sechsten Kammer für Handelssachen des Landgerichts Dresden heißt es nämlich:
..... zudem Betraten die Namen der wucherischen Ausbeuter, daß sie zu einem Bevölkerungsteile gehören, der weit mehr als andere Bevölkernngskreife Wucher betreibt und von altersher betrieben hat. Das ist auch ein Anzeichen für die Annahme des Wuchers.....“
Auch wir halten dafür, daß eine solche Aeußerung aus dem Urteil bester ferngeblieben wäre. Interessant ist aber, mit welchem Eifer sich die
Drittes Wtcrtt
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Irrende Seele.
5] Roman von H. T e i ch e r t.
Ob er damals recht getan? Er hatte es geglaubt cber wat ihm dieser Glaube wirklich nur durch Frau Erna inspirirt worden? Er hatte ihr Beatas Verlobung mitget-ilt und daß am Abend der präsumtive Bräutigam bei ihnen — Viel weiter war er nicht gekommen. Mit eiserner, tödlicher Ruhe hatte sie ihr Veto eingelegt und mit der ihr eigenen stets winkenden UeberzeugungSgabe auf ihn eingeredet. Damit war die Sache für das Haus aus — gesprochen wurde nie mehr darüber. Tot und aus der Welt geschafft war das ^Sensationskapitel. das dem ehrenfesten Hause gedroht. Kühl und verständnislos begegnete Frau Gma in der Folge jeglicher darauf bezüglichen Andeutung und brachte dadurch das Gerede in der Stadt schnell zum Schweigen, lind zum Schweigen hatte ste auch die Strohfeuer-Neigung des leichtsinnigen Paares darüber gebracht — rühmte sie sich — auch dort war aus und im Entstehen zertreten, was wild aufgeschossen. Und so hatte sich schließlich auch Walldorf selbst geglaubt. Und nun war Tornau wieder in der Stadt — der Klatsch würde von neuem beginnen und Beate — was sie nur vorhat? Wenn sie jetzt seinen Beistand doch noch erbäte? Er sinnt und sinnt, bis er süß und Selig einjdüummert.
2. Kapitel.
. Der stürmischen Nacht war ein ruhiger, freundlicher *'agj!efi'Igt. Schon in den frühen Morgenstunden hat- un^ Regen nachgelassen und jetzt blmite der und sandte goldene Sonnenstrahlen auf die durchschüttelte Erde, als wolle er den ^ssm machen.
Uu2”L Walldorssschen Hause hatte der Briefträger m 8ruhe drei Briefe abgegeben, einen für ^beiden anderen im Hinterhaufe, Mf Becttens Adresse lautend.
schlief noch den festen Schlaf des kl ^at leine Nachtruhe ausgesucht, als
KöbaWne Kuvert, das sie neben des HauS- gefunden, prüfend in Augenschein nahm.
Ein Stadtbrief, auf dem Bahnhof in den Kasten geworfen — von Damenhand adressiert.
Kopfschüttelnd drehte sie den Brief hin und her. Ihre stark gezeichneten Vrmien zogen sich nervös zusammen
„Was da wieder dahinter steckt!" murmelte sie. „Ich müßte eigentlich —"
Sie versenkte den Brief schnell in ihre Tasche und wandte sich ihrem Aektesten zu, der eben in die Stube trat. Der hochaufgeschossene Knabe küßte der Mutter dargereichte Hand, setzte sich schweigend auf seinen Platz und fchlug eines der mitgebrachten Schulbücher auf, noch ehe er seine Kaffeetasse an den Mund setzte, der dunkle Haarschopf fiel über seine hohe Stirn, auf der die Falte zwischen den Brauen — sein mütterliches Erbteil — tief einfchnitt. Ein interessanter Knabenkopf mit hellen Augen, die, dunkel umrandet, überlegt, etwas hochmütig in die Wett schauten. Frau Ernas Muttergefühl schwoll jeden Morgen miss neue, wenn ihr Nettester ihr unter die Augen trat. Das war ihr Sohn, Blut von ihrem Blut, in jeder Faser Abkömmling eines vornehmen Geschlechtes, das sich ins Bürgerliche hatte verlieren müssen, weil ihm die adligen Mittel fehlten. Ihre Zukimstsboffnungen wurzelten einzig und allein in diesem Sohn, er war lernbegierig und ehrsüchttg, Aristokrat in jeder Linie: der mußte Großes erreichen, davon war sie schon heute überzeugt
„Und wo bleibt Wemer?" fragte sie, da der jüngere noch immer ausblieb.
Sigurd zuckte die Achseln . „Hat wieder mal verschlafen."
„Gar nicht verschlafen, da bin ich schon."
Mit dem ftöhlichen Knaben kam ordentlich Leben in das Zimmer. Mit lachenden Augen überflog er den Frühstückstisch, biß herzhaft in sein Weißbrot und tränt mit einem Zug seinen beinahe schon kalten Kaffee aus.
„Hast Du was vom Sturm gehört, Mutter? Lene sagt, es soll fürchterlich die Nacht gewesen sein, das Seewaffer sei bis an ihr Kammerfenster gespritzt."
„Dummer Schnack," verwies Frau Erna, „bist Du deshalb wieder so spät zum Frühstück gekommen, weil
Du erst wieder mit dem Mädchen konferieren mußtest? Nimm Dir doch endlich einmal ein Beispiel an Sigurd, der nimmt jeden Morgen seine Bücher vor."
„Und ochst sich dumm und dämlich —"
„Wemer! Lemst Du denn keine Manieren?"
"’3 ist aber doch wahr. Kein Jungensspiel kann er mitmachen — immer nur büffeln und büffeln. Blau und grün würden ihn die Jungen verhauen, wenn ich nicht ein paar solche Fäuste hätte"
Er hielt der Mutter lachend seine kräftige Hand hin.
„Vor denen haben sie Respekt, ich sage Dir, Mama, das sind ordentliche Danenpfoten."
Frau Ema griff nervös nach der Stirn.
„Junge, Du bist entsetzlich, wirst täglich rüder. Beherzige doch endlich einmal, daß nur geistiges lieber* gewicht dauernd Ansehen verschafft, die rohe Kraft hat schließlich jeder Bauer vor euch voraus."
„Hobo! Ick nebm's mit dem Stärksten auf, Mutter! Wenn ich so einem ein Paar boxe, der kommt mir das zweite Mal nicht mehr nabe. Und nur weil di- Jungens das wissen, lassen sie den Sigurd in Frieden. Den haue ich raus und wenn die ganze Klaffe gegen ihn ist. Ist» wahr, Sig?"
Sigurd klappte sein Buch zu und stand auf. Halb abweisend schüttelte er den Kopf.
„Möchtest Du doch nicht immer so stark auftragen, Werner, schließlich stehe ich doch selbst meinen Mann, wenn's drauf ankommt."
Wemer lachte schallend. „Beim Lernen wohl, Sig, aber beim Keilen niemals! Dabei heißt« zufassen, ohne Besinnen, Du mußt ja aber alles erst überlegen, was Du tust, ur'.d derweilen hast Du Deine Schmiere !veg und bist der Reingefallene. Watte nur, wenn Du fo bleibst, wird Dir später einmal einer sogar die Braut vor der Nase wegschnappen."
„Dummer Junge," fuhr die Mutter dazwischen und schüttelte des Knaben erhobenen Arm. „Hast Du nichts Besseres im Kopf als Raufereien und Dummheiten? Denk lieber an Deine Schulaufgaben, mach überhaupt, daß Du fortkommst, sowieso kommst Du dreimal in der Woche zu spät."
Wemer griff nach dem Ranzen, der ihm die ganze Zeit schief über der einen Schulter gehangen, und zog
die Riemen fester. „Zu spät? Kann gar nicht passieren, im letzten Augenblick bin ich immer da und drucke mich rein, ehe die Klasse zugemacht wird. Ich kann furchtbar laufen, Mutter, viel mehr als Sigurd, und jetzt muß ich noch erst einen Augenblick auf die Strandtreppe, muß doch sehen, wie's dort nach dem Sturm auSilebt."
Der wilde Junge stürmte fort. Don der Haustreppe aus warf er einen Blick auf die Hinterhäuser. Gewöhnlich stand um diese Zeit Renate schillbereit vor der Tür und er rief ihr dann irgend eine wichtige Neuigkeit zu oder sie gingen auch wohl ein Stückchen zusammen, bis ihm die kleinen Mädchenfüße zu langsam vorwärts kamen. Oft blieb sie aber auch von selbst zurück, um auf Sigurd zu warten, dem ihr Kin- dcrherz noch mehr zugetan war als dem wilden Werner. Dann konnte dieser ordentlich zornig werden und drohte, nie mehr mit ihr zu spielen. Der Zorn verrauchte bis zum nächsten Morgen, an dem er getreulich wieder nach ihr ausschaute.
Heute stand seine kleine Spielgefährtin nicht vor der Tür, sondern an Tante Beatens Fenster. „Na, die kommt beute wirklich zu spät," dachte er und winkte energisch.
Sie schüttelte den Kopf.
Mit ein öaat Schritten stand er unter dem Fenster.
„Ich geh noch an den Strand, kommst mit, Rena?"
Sie schüttelte wieder den Kopf. Er sah, daß sie rotgeweinte Augen hatte; das tat ihm weh.
„Komm doch mit, Rena," sagte er bittend, „jetzt istts gerade schön unten. Vielleicht finden wir Bernstein."
Drüben wurde die Hausttir geöffnet. Frau Walldorf begleitete ihren Aeltesten bis zur Schwelle. Ihre Brauen zogen sich unwillig zusammen, als sie Wemer stehen sah.
„Mach, daß Du fortkommst," rief sie scharf hin- über, „was fällt Dix ein, hier noch herumzustehen?"
„Und Du komm vom Fenster zurück," gebot Beat« und zog das Mädchen tiefer ins Zimmer.
Sie sah sehr blaß aus und ihre Hände waren kalt, wie wenn heftige Erregung ihr alles Blut zum Herzen