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M 249.

Fulda, Freitag den 29. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

Zweites ZStcrtt.

+ Lehren.

In vielen Blättern finden wir lange Betrachtun­gen über die Lehren der letzten Wahlen. Das ist durch­aus erklärlich. Denn das hervorstechendste Charakte­ristikum der letzten Wahlen ist der gewaltige Machtzu­wachs der Sozialdemokratie, eine Erscheinung, die jeden Anhänger der bürgerlichen Parteien, wie auch jeden treubesorgren Freund des Vaterlandes nur mit großem Bedauern erfüllen kann.

Aus geschehenem Mißgeschick Lehren zu ziehen, ist durchaus vernünftig; denn soll weiteres Unglück vermieden werden, so gilt es die Wurzeln zu besei­tigen, aus denen es kommt. Mer Zweck hat dies doch nur unter der Voraussetzung, daß man auch vor­urteilslos und mit unerbittlicher Strenge gegen sich selbst den Dingen auf den Grund geht. Wenn man, wie die liberale Preffe es tut, von vorneherein es darauf anlegt, nur „Lehren für die anderen* zu ziehen, leistet man wenig fruchtbare Arbeit.

Die liberale Presse erblickt nahezu einmütig in der Stärkung der Sozialdemokratie den Beweis für die Grundjchlechtigkeit der F i n a n z r e f o r m und für die Vortrefflichkeit ihrer eigenen ablehnenden Haltung gegen diese. Daß dieser Beweis für die Güte der liberalen Politik sehr daneben geht, da doch bei allen Wahlen dtö Hauptleidtragenden nicht die Par­teien der Steuermehrheit, sondem sie selber sind, kommt ihnen in ihrer Naivität gar nicht zum Bewußt­sein. Aber mich der Beweis für die große FeUer- hastigkeit der Finanzreform geht durchaus daneben. Zunächst muß doch zugegeben werden, daß nach je d e r großen Steuererhöhung, gleich wie sie vorgenommen wird, in den Kreisen der von ihr Betroffenen M i ß- st i m m u n g Einzug hält, die sich in einem An­schwellen der sozialdemokratischen Stimmen kundgibt. Man denke doch nur zurück an das Jahr 1903,, an die 0 '-Ten, die unter der Nachwirkung des Zolltarifs i .en. Alse, es ist durchaus nichts überraschendes und spricht nicht im geringsten gegen das Werk der Steuermehrheit, daß die Sozialdemokratie wieder großen Zulauf erhält. Der Wahlerfolg vom Jahre 1907 ist doch wohl längst von jedem urteilsfähigen Politiker als ein Scheinerfolg erkannt worden.

Fragt sich nur, ob die Mißstimmung gegen die Fi­nanzreform, das unter normalen Umständen zu er­wartende Maß überschritten hat. Nur dies könnte füglich gegen das Werk der Steuermehrheit ins Feld geführt werden. Es ist zuzugeben, daß die Mißstim­mung im Volke sehr groß ift Aber weshalb? Etwas wegen der Ablehnung der Erbanfall- heuer, oder wie die liberale Preffe sich ausdrückt, wegen des Mangels einer »gerechten* Besitz- steuer? Nein, dies spielt eine ganz untergeordnete Rolle Den Nichtbesitzenden kann es gleichgültig fein, in welcher Form der Besitz getroffen wird, wenn nur Sc selbst frei bleiben, und die Besteuerung des Gatten- inb Ktndesecbes ist durchaus nicht so populär, wie man liberalerseits glauben machen möchte. Der Un- mut der Wählermassen richtet sich in der Hauptsack« gegen die Erhöhung der Konsum steuern. Aber in diesem Punkte wollten die Liberalen es ja selbst gar nicht besser machen, im Gegenteil, sie waren be­reit, noch höhere Konsumsteuern zu bewilligen. Es ist allerdings richtig ,daß die Liberalen ihre Steuer- Hetze ganz besonders gegen die Konsumsteuern gerichtet haben, allein sie konnten dies nur in Betätigung einer im politischen Leben nahezu unerhörten Unehrlichkeit Erreicht aber haben sie damit nicht eine Stärkung ihrer eigenen Partei, sondem nur die Vermehrung des gro­ßen Heeres der Unzufriedenen.

So darf mit Fug und Recht aus den letzten Wah- fen die Lehre gezogen werden, daß die Steuer- Hetze der Liberalen an den Wablerfolaen der Sozialdemokratie ein vollgerütteltes Maß von Schuld mitträgt. Aber auch für unS selbst dürfen wir aus den letzten Wahlen eine Lehre ziehen. Und diese geht dahin: Mit der Bewilligung weiterer indirekter Steuern recht vorsichtig zu sein. Diesmal ging es ohne die geschaffenen Konsumsteuern absolut nicht, das ist richtig, und wir tragen gern

Der folgsame Lehrling. -

Em Schreinermeister hatte im letzten Sommer einen jungen Hund angekauft, der sehr nett heran­wuchs und seinem Herrn durch treue Anhänglich­keit und drolliges Wesen viel Vergnü, en machte. Richt so sehr der Gattin des Meisters. Sie liebte das Tierchen garnicht, es war ihr immer im Wege und wurde sogar nicht selten die Ursache zu einem kleinen Zwist zwischen den sonst so friedfertigen Ehegatten. Als nun gar im Januar die Zeit ge­kommen war, wo der Hund versteuert werden mußte, nahm das Brummen und Schimpfen über den Hund kein Ende. Der Mann sagte garuichts — der Friede des Dauses war ihm heftig. Ader heimluh gab er entern seiner Lehrbuben fünfzehn Mark und befahl ihm, am nächsten Morgen mit dem Hund das Haus zu verlassen, ohne daß bie Meisterin es merke (er werde schon dafür sorgen, daß feine Frau nicht in der Nähe fei), und den Hund auf dem Rathaufe zu versteuern. Wenn daS »Unglück geschehen fei', werde sich die Frau schon darein fügen. »Mehr wie schimpfen kann sie auch nicht,' meinte der Schreinermeister, »und schließlich muß sie jja gute Miene zum bösen"Spiel machen, wenn das Geld nun doch einmal bezahlt ist." Die Frau aber wußte auch, daß am nächsten Tage der Steuertermin für die Hunde fei. Früh morgens sagte fie zu demselben Lehrbuben: „So — der Sache mit dem Hundevieh will ich jetzt ein Ende machen! Nimm den Hund heimlich fort (ich werde schon dafür sorgen, daß mein Mann nichts merkt!), führe chn zum Schinder und laste ihn'umbringen!' Der Bub nahm gehorsam den Hund an die Leine und ging bitterlich weinend mit chm aus dem Hause. DaS arme Tier tat ihm gar leid: er hatte eS sehr

für sie die Verantwortung. Aber wir sind nahezu am Ende des Weges angelangt. Wenn wiederum für das Reich neue Einnahmen erschlaffen werden müs­sen, so wird man fie in der Hauptsache nicht dem Kon­sum, sondern dem Besitz auferlegen müssen: dem Besitz, da wo er heute eine ungerechtfertigte Bevor­zugung genießt: dem mobilen Kapital und dem Veckehrsgewinn.

Deutsches Reich.

* Goethes Erben und der Erbe des Cer­vantes. Der Goethebund hat nämlich in seinem geschwollenen Ferrer-Protest, der losge­lassen wurde von den „großen" Dichtern Ludwig Fulda und Sudermann, den spanischen Anarchisten­häuptling als geistigen Erben des Cervantes be­zeichnet. In trefflicher Weise ironisiert das ein Mitarbeiter der .Schles. Volksztg/:

.Die großen Dichter und Künstler Velasquez ufro. wurden sich sehr bedanken, als geistige Ahnen Fran­zisko Ferrers zu gelten, sie waren sämtlich glaubens­eifrige Katholiken und glühende Anhänger des König- tums, was man ihrem Erben gerade nicht nachsagen kann. Und daß etwa Miguel Cervantes von dieser Regel eine Ausnahme macht, können nur die Herren vom Goethebund in ihrer Unwissenheit annehmen. Ein wie loyaler Spanier Cervmites war, das bezeugten die ehrenvollen Narben an seinem Körper, die er kämpsend unter den Fahnen seines Königs erlitten, und wie er zur katholischen Kirche stand, das bezeugen nicht nur seine Werke, sondern auch sein Leben. Bon beidem scheinen Goethes „Erben' keine blasse Ahnung zu haben. Einen großen Teil seiner Bildung verdankte Cervantes dem Prälaten Julius Aquavia, der ihn mit sich nach Rom nahm. Als der Dichter gefangen war beim Dey von Algier und jahrelang im Kerker und in Ketten schmachtete, befreiten ihn der Pater Juan Gil, der Generalprokurator der Trinitarier und Leiter der Gesellschaft zmn Rückkauf der Christenskaven, sowie der Pater Antonio; sein eifrigster Beschützer und Förderer in Spanien, aber auch der Er-bischof von Toledo. Cervantes hat seine Anhänglichkeit an die katholische Kirche auch noch im Tode bezeugt; seine Tochter Isa- della nahm den Schleier und er ließ sich bei den Trinitarierinnm begraben. Cervantes macht also keinen Anspruch darauf, der geistig« Baler Fran­zisko Ferrers zu fein. — Mit den Kenntnissen, die Goethes .Erben' m bezug auf di« spanische Ge­schichte besitzen, ift es nicht weit her, aber ihr Protest- nütchen zeigt auch, daß sie nicht einen Schimmer von der deutschen Literatur-haben. Die gemeinsam« Weis­heit des versammelten Verstandes sagt: „Wir aber, die wir dicht vor dem festlichen Tage stehen, an dem vor 160 Jahren der Sänger des Don Carlos geboren wurde, wir erheben lauten Protest, daß man im Staate Philipps II. noch immer die Posas aus dem Hinter­halte erschießt, wenn sie Gedankenfreiheit fordern." Diese Unkenntnis der Schillerschen Werke ist sogar sür die „Erben" Goethes unerlaubt! Posa wird nämlich nicht erschossen, — Herr Sudermann kann sich darüber von irgend einem Tertianer belehren lassen — wenn er Gedankeusreiheit fordert, und auch nicht deshalb, weil er sie fordert, sondern weil der Dichter den König Philipp in die Falle, die ihm Posa stellt, um getötet zu werden, hineingehen läßt: „Wenn ich den König irrte ? Wenn «s mir gelänge, selbst der Schuldige zu scheinend Wahrscheinlich oder nicht! — Für ihn genug", so sagt Posa selbst; und der König hält ihn sür schuldig, nicht weil Posa Gedankenfreiheit fordert, sonder weil Philipp fälschlich annimmt, annehmen muß, daß Posa för die Königin in Liebe entbrannte. Also, verehrte Goethebündler, erst den Schiller lennen, eh. man ihn zitieren will, engagiere» Sie sich einen tüch­tigen Lektor, im Alter von etwa 14 Jahren, der Ihre Manuskripte korrigiert, ehe st- in den Druck wandern!

5 München, 27. Oki. 1909. Die Abgeordnetenkam­mer beschäftigte sich in zwei Sitzungen auf Grund von Interpellationen des Zentrums und der liberalen Fraktion mit den jüngsten Streikunruhrn in Nürnberg. Ministet v. Brettreich trat natürlich für den Schutz der Ordnung ein, bei voller Respek­tierung des Äoalitionsrechts. In seiner Rede recht- fertigte et bett Nürnberger Magistrat, doch klang auch leiser Tadel hindurch: künftig soll der Magistrat vor­beugen! Dir Regierung richtet an alle die dringende Mahnung, den Lohnkämpfen unnötige Schärfen zu nehmen. Nun ist man so klug, wie zuvor. Sozial­demokrat Dom vertrat natürlich die Streftenden, hieb auf die Polizei und die Arbeitswilligen ein und maß

den Interpellationen scharfmacherische Tendenz bei. Abg. Walterbach (Ztr.) erklärte, daß man mit der Rede des Ministers von Brettreich nichts anfangen könne, woraus der Mutisier erwiderte, er könne hier nur die allgemeinen Grundsätze bekannt geben, die Ausführung sei Sach: der äußeren Behörden. Er werde Sorge tragen, daß sich solche Vorfälle nicht mehr wiederholten Die der Zentrumspartei angehö­renden Atbetterfekretäte Königbauer, Oswald und Schwarz unterzogen sich mit großem Geschick der Auf­gabe, nachzuweisen, daß der sozialdemokratische Ter­rorismus, wie er in Nürnberg fein Unwesen trieb, die Interessen der Arbeiter auf das empfindlichste schädigt. Leute, die sür sich Koalitionsfreiheit beanspruchen, müßten auch anderen die Freiheit der Organisation gewähren. Wie es aber die Sozi damit halten, wies Abg. Oswald an einer Reihe von Beispielen schlagend nach Wo immer es geht, suchen die Sozi den christ­lich Organisierten die Arbeit zu verekeln. In Nürnberg allein kamen 18 Fälle vor, in denen christliche Arbeiter durch die Roten nms Brot gebracht wurden, 12 weitere Fälle find aus Bayern, im ganzen besitzt Abg. Os­wald 210 Fälle. Die sozialdemokratischen Redner be­fanden sich angesichts dieses erdrückenden Materials in schwerer Verlegenheit und die Genossen suchten den Abg. Oswald durch unausgesetzte Zwischenrufe aus dem Konzept zu bringen. Aber es gelang ihnen nicht, und Oswald rief ihnen zu, sie sollten sich schämen, bei so ernsten Dingen zu lachen. Minister von Brett- reich nahm noch zweimal das Wort; aber er hatte seine Sache nicht besser gemacht. Er erklärte, daß er zu keinem Tadel gegen den Nürnberger Magistrat kom­men konnte, da derselbe nach bestem Willen und Ge­wissen gebandelt habe. Auf jeden Fall steht fest, daß der Minister in dieser Sacke die Staatsautorität nicht mit der nötigen Entschiedenheit gewahrt, und daß seine (Srflärung ans keiner Seite des Hauses — die Sozial­demokraten ausgenommen — besriedigt hat.

Ausland.

* Für vier neue lenkbare Luftschiffe sollen in den außerordentlichen italienischen Etat 114 Acill. Lire eingestellt werden.

»Bei dem Zarenbesuch in Racconigi gab es einige merkwürdige Episoden mit den sozialistischen Journa­listen Die Journalisten mußten einen Platz auf der Terrasse der Station einnehmen. Auch ein sozialisti­scher Journalist, Alesso, Vertreter, des „Avanti", er­hielt eine Eintrittskarte. Gegenüber einigen Bekann­ten prahlte er damit, daß er angesichts des Zaren von der Terrasse herunterpfeifen werde. Dieses Vorhaben kam zu Ohren eines Beamten, der zwei Carabinieri zu Alesso schickte, um ihm die Eintrittskarte wieder ab- zunehmen. Der „Avanti" schickte nun eiligst einen an­deren Journalisten, Piva, nach Racconigi. Er prä­sentierte sich bei der Behörde, um eine Eintrittskarte zu erhalten, erhielt aber leine. Auch die anderen Jour­nalisten mußten erfahren, daß eine Zcklenreise viele Unannehmlichkeiten im Gefolge hat. Sie speisten zu­sammen an der Kable d'hote in der Albergo reale und hatten gerade den ersten Gang zu sich genommen, als ein Kommissär die sofortige Räumung des Gasthofes verlangte weil er in dem Umkreise liege, der absolut freigehalten werden müsse. Mes Protestieren nutzte nichts, mit hungrigem Magen mußten die Journalisten stci über den Umkreis hinausbegeben, wo der Zar keine Angst mehr vor ihnen hatte.

* Die Greuel im Kongo. In dec belgischen Kam­mer antwortete Kolonialmlnister Nenkij auf die An­frage Vanderveldes bezüglich der Anklage des Dr. Dordinghllus, in her löt biefe Annögen menen Mordes, Grausamkeit berechtigt seien. Acht der angeklagtm Personen waren bereits nach Europa rurückgekehrt, als die Beschuldigungen echoben wurden. Der M-listrr hat wahrend seines Aufenthaltes in Afrika von der Angelegenheit Kenntnis erhalten und bereits dort das Verfahren ein geleitet____

Aus dem Rachbargediete.

* Gelnhausen, 28. Oft. 1.909. Von den 72 Land­gemeinden des Kreises Gelnhausen besitzen jetzt 16 zentrale Hochdruckwasserleitungen,

lieb, denn es war auch ihm e n treuer Freund und ein geduldiger Spielkamerad. Aber was war zu machen? Der Wille der Meisterin ist das höchste Gesetz. Zunächst aber sührte der Bursche den Auf­trag des Meisters aus. Er geleitete den treuen Hausgenossen zur Versteuerung, erlegte pflicht» schuldigst die empfangenen fünfzehn Mark, empfing eine Steuermarke und trollte ab. Dann zog er schweren Herzens, Quittung und Marke sür den oerffcuetten Delinquenten sorgfältig in die Tasche bergend, mit dem Hunde zur Stadt hinaus, über Felder und Wiesen bis vor daS Anwesen des Schinders. Dem übergab er das arme Tier mit der von der Meisterin empfangenen Weisung — es umzubringen. Und laut heulend lief er davon, um der Vollziehung des grausamen Urteils nicht beiwohnen zu müssen. Welcher Art der Empfang gewesen, die dem treuen Diener seines Herrn und seiner Herri» zuteü geworden ist, läßt sich leicht denken.

— Ein Glasmacher über seine Arbeit. Das Glas­machen hat immer, auch nachdem es schon aus dem mystischen Dunkel d Geheimnisses herausgetreten war, als eine besonders interessante Arbeit gegolten, und die Glasarbeiter selbst haben ein Auge dafür, wie eigenartig und individuell ihre Arbeit ist und daß sie ein entschieden künstlerisches Element enthält. In einem demnächst bei Eugen Diederichs in Jena er­scheinenden, sehr anziehenden Wecke über „Die Glas­industrie in Jena" aus der Feder von Eberhard Zschim- niet findet sich eine sehr hübsche Schilderung, wie ein einfacher ZhlinVermacher dem Verfasser von seiner Ar­beit gegeben hat. In meiner langjährigen Tätigkeit in Glashütten — so erzählt dieser Glasarbeiter — habe ich ost Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wel­chen Eindruck die Arbeit des Glasmachers auf den

Laien macht. Personen, die durch ihre Lebensstellung ausreichend Gelegenheit hatten, sich in allen Fabrik- betrieben umzusehen (seien es Eisenwecke, Porzellan- sabriken usw ), tote Arbeiter — und mögen es solche sein die die schönsten Sachen, die heute fabriziert wer­den' selbst hecktellen — alle waren sich einig, noch nie etwas Interessanteres gesehen zu haben. Der Glas­macher arbeitet nicht nach einem bestimmten System. Er kann niemals einen Zollstock anwcnden, kann nie­mals eine Wage in Gebrauch nehmen usw., ehe der Jylindeck nicht fertig ist Bei ein und derselben Sorte machen veckchiedene Glasmacher niemals dieselben Handgriffe, dieselben Bewegungen. Wie es gemacht werden muß, gebietet stets der Augenblick. Den rich­tigen Moment versäumen, einen Handgriff nicht zur reckten Zeit cmwenden, hat zur Folge, daß aus dem betreffenden Stück Mas kein Zylinder mehr gemacht werden kann. Der eine arbeitet ganz ruhig, man sieht ihm fast gar keine Bewegungen an, während der an» bete die Beweglichkeit selbst ist Rur das eine Wien alle gemeinsam, daß bei ihrer Arbeit kein Glied und keine Muskel in Ruhe ist. Der Glasmacher braucht die Atme die Beine, er biegt sich bald vorwärts, bald rückwärts oder zur Seite, je wie es der Augenblick ver­langt Er braucht die Lippen und die Backenmuskeln und hauvtsächlich in angestrengtem Maße die Lungen. Und dennoch steht alles ans, als ob es eine Spielerei märe. Tatsächlich ist es auch eine, das heißt, wenn man unter dem Worte Spielen versteht, mit einer Sache leicht umzugehen. Soweit dcr Glasarbeiter, aus des­sen anschaulicher Schilderung eine Künstletsreude an her eigenen Arbeit hervockeuchtet, wie cs in diesem Zeitalter der proletarisierenden Arbeit nur zu selten ist. Zschimmer fügt hinzu, daß mehrere Jenaer Glas­arbeiter ihm von ihrem Handwecke nicht nur sachlich, sondem auch logisch und stilistisch vorzügliche Darstel- lungen gegeben haben.

während der Bau weiterer fünf Wasserleitungen be­schlossen oder in Angriff genommen ist. In Anbe­tracht der mannigfachen Vorteile, die sich für die Ge­sundheit, die Wirtschaftsführung, insbesondere Vieh- haltung, und für die Feuecsicherheii ergeben, ist zu erwarten, daß auch andere Gemeinden, die sich nach ihrer örtlichen und finanziellm Lage durchaus dazu eignen ihrerseits der Anlage von derartigen Wasser- leitungen näher treten werden.

* Frankfurt a. 3R, 28. Ott. 1909. Die Ausläufer Rütting und Klett erschwindelten sich in Ber­lin durch Urkundenfälschung 700 Wk. und kauften sich neue Sportkleider, Fahrräder usw. und fuhren nach Franffurt, wo sie festgenommen wurden. Die Aus­reißer hatten vor, sich als Rennfahrer auszubilden.

* Grotzselden, 25. Ott. 1909. Der hiesige Bürger­meister. Herr Bieker, der wegen der eigentümlichen Art seiner Amtsfühmng wenig beliebt war, hat heute sein Amt niedergelegt. Herr Dicker war schon einmal durch seine Vorgesetzte Behörde auf längere Zeit von seinem Amte suspendiert worden.

* Mühlhausen (Thür.), 26. Ott. 1909. In einem fetten Konkurse soll jetzt die Schlußverteilung erfolgen. Es handelt sich um den Zusammenbruch der „Amerikanischen Dampfwäsckrrei rmd Bleicherei Graf und Becke". Bevorrechtigte Forderungen waren 1245 Mark, Forderungen ohne Vorrecht 35418 Mark vor­handen. Diesen mnd 36 600 Mack steht eine Vertei­lungsmasse von 531 Mark gegenüber, sodaß mehr als 36 000 Mack gänzlich ausfallen.

* Darmstadt, 25. Ott. 1909. Eine unsin­nige Wette trugen zwei Studenten vom Sams­tag auf Sonntag aus. Sie spielten 24 Stunden lang Karten. Dec Gewinner sollte damit feine dauernde geistige Frische beweisen. Tatsächlich gelang es einem der Wettenden auch, die meisten Spiele zu gewinnen, was ihm 20 Mark einbrachte.

* Wiesbaden, 27. Okt. 1909. Falsche Hun- dertmarkscheine sind im Umlauf, die sehr gut nachgemacht sind, nur ist auf der vorderen Seite das Wort „Lcgitimationsprüfung" mit „z" statt mit „s" gedmckt. Die Rückseite ist etwas undeutlicher.

* Erfurt, 28. Okt. 1909. Der Magistrat zu Erfurt hat beschlossen, an der im Enfftehen begriffenen Aktiengesellschaft für den Betrieb von lenkbaren Luftschiffen mit mindestens 5000 Mack sich zu beteiligen.

vermischter.

* Der „Lehmpastor" vor Gericht. Vor dem Land- gericht Krefeld begann ein Prozeß gegen den unter dem Namen „Lehmpastor" bekannten evangelischen Pfarrer Felke aus Repelen bei Moers. Er wird der fahrlässigen Tötung angeklagt. Durch falsche Be­handlung soll er den Tod des 18jährigen Bäckerlehr­lings verschuldet haben, dessen Blinddarmerkrankung er für eine Lebereckrankung hielt und demgemäß falsch behandelte. Pastor Felke hat eint eigene Methode. Er äußert sich ausführlich über sie. Er stellt nämlich jede Krankheit aus dem Auge des Patienten fest. Er führte folgendes aus: Meine Augendiagnose ist haar- icharf. Was das Auge zeigt, tft und bleibt zuverläs­sig. Es gibt mir die schnellste Auskunft, ehe noch der Kranke gesprochen hat, ich habe die klarsten Anhalts­punkte und deshalb frage ich die Kranke erst, nach­dem ich das Auge untersucht habe. Was ich verordne, ist neben homöopathischen Mitteln Lust, Licht, Erde und Wasser. Lehm benutze ich mit mancherlei Zu­sätzen, weil es das Beste und Properste ist. Ich stelle die Diagnose meist mit dem bloßen Auge, zum Teil auch mit dem Vergrößerungsglas fest. Die Dichtigkeit der Iris spielt dabei eine große Rolle. In der Pu­pille zeigen sich z. B. die Veränderungen des Darms, in dem Hof um die Pupille herum die Veränderung des Magens. Wenn man von der Pupille schräg her- unterfieht, sieht man die Beine, daneben kommen dann die Veränderungen der Niere und je nach dem Ge­schlecht die Unterleibsorgane zur Erscheinung. Wenn man von der Pupille gerade durch nach innen sieht, sieht man die Partie, die vom Magen nach dem Halse geht. Der Angeklagte, der nach seiner Angabe bie Kranken unentgeltlich behandelt, hat einen ungeheure» Zuspruch. Zu ihm kommen durchschnittlich 30 Pa­tienten täglich, nicht selten aber bis zu 50. Der zur Verhandlung stehende Fall hat bereits einmal die Ge­richte beschäftigt. Am 14. Januar d. I. hat ihn die Strafiammer in Cleve fceigesprochen, da der Ange­klagte von der Richtigkeit seiner Methode überzeugt und diese bisher wissenschaftlich noch nicht widerlegt fei. Das Reichsgericht hob jedoch das freisprechende Urteil auf und verwies die Sache an das benachbarte Landgericht Krefeld Zu der neuen Verhandlung ist eine große Anzahl medizinischer Sachversrändiger gela­den. Unter den Zeugen befand sich der Zauberkünst­ler Bellachini, der angab, durch den Angeklagten von einer Blinddarmentzündung geheilt zu fein, nachdem er Jahre lang daran gelitten hätte. Er sollte von den Sachverständigen untersucht werden, reiste aber wäh­rend der Sitzimgspause einfach ab zu einer Zauber­vorstellung beim Fürsten zu Lipve. — Wir werden das Urteil mitteilen.

Vteflameu» und Anzeigenteil

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