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JW 249.
Fulda, Freitag den 29. Oktober 1909.
36. Jahrgang.
Erstes Wtalt.
s Auf der schiefen Ebene rollen die Nationalliberalen unaufhaltsam weiter ins rote Saget,
Der Ruck nach Links hat sich bei den badischen Sandtagswahlen zur förmlichen und offiziellen Verbrüderung der „3lational"=Si&eraIen mit den antimonarchischen und revolutionären Sozialdemokraten für die Stichwahl gesteigert. Das Ergebnis dec Hauptwahl schließt eine Mehrheit der Rechten von vornherein aus; mithin wird auch das fadenscheinige Mäntelchen: „es handle sich um notgedrungene Abwehr einer Mehrheit der Rechten und der Zweck heilige die Mittel" von diesem Techtelmechtel gerissen und die badischen „Rational'-Liberalen stehen in ihrer ganzen llnverhülltheit als Brüder und Helfershelfer der Roten da: Von Bassermann bis Bebel!
Wundern wird sich freilich niemand. Im „Muster- ländle" fft ja dieses Techtelmechtel alte Siebe, die bekanntlich nicht rostet, sanktioniert von dem badischen j Exminister Schenkel, der f. Zt. dem blau-roten Block den Segmsspmch gab: „Ich möchte die So- Mldemokraten in der Kammer nicht misten." Die gegenwärtige Regierung allerdings nimmt nicht mehr die wohlwollende Stellung gegenüber dem Bündnis mit der Sozialdemokratie ein, wie die von 1905. Die „Karlsruher Zeitung", das hochoffiziöse Regierungsorgan, brachte bekanntlich einen viel besprochenen Artikel, worin sie den Wunsch ausdrückte, die bürgerlichen Parteien möchten sich doch gegen die Sozialdemokratie einigen und den Parteihader vergessen. Aber der verbiffene badische Liberalismus verbündet sich lieber mit dem Teufel als mit dem Zentrum. Dian kann sich daher die Entrüstung denken, in die sich die liberalen, von der Sozialdemokratie protegierten Parteien über diesen Artikel des offiziösen Organs hineinredeten. Sofort erklärte man dies als eine Einmischung der Regierung in die Wahlarbeiten und applizierte ihr für ihren Frevel eine derbe Lektion. Die Herren Kompagnons der roten Internationale drohen nach bekanntem Muster mit Revision der monarchischen Gesinnung und erklären in der partei- offiziösen „Bad. Landesztg.", der Großherzog solle nicht im unklaren darüber gelaflen werden, daß der Ruf: Sammlung nach rechts „als Zeichen des Mißtrauens schmerzlich empfunden" werde. So erntet die badikche Regierung, was sie bei den früheren Wahlen gesät hat. A
_ Der Entschluß der Liberalen, wieder mit den Sozialdemokraten sich zu verbünden, ist nur dem Hasse gegen das Zentrum entsprungen. Das zeigt klar folgende Berechnung der offiziösen „Karlsruher Zeitung":
,Ein Zusammengehen der nationalliberalen und freisinnigen Partei (die Demokraten werden hier nicht genannt!) mit Zentrum und Konservativen könnte für die nationalliberale Partei acht Wahlkreise, für die Freisinnigen 2 Wahlkreis sichern (Stadt Lörrach, Freiburg HI, Emmendingen, Stadt Lahr, Karlsruhe II, Karlsruhe III, Karlsruhe-Land, Pforzheim I, Heidelberg-Wiesloch, Mannheim IX), wogegen dem Zentrum etwa drei Wahlkreise (Engen-Konstanz, Freiburg I und II, es käme also auf 25, drei weniger als jetzt), und den Konservativen vier (Durlach-Ettlingen, Bruch- sal-Durlach, Eppingen-Sinsheim, Mosbach) zu über« kaffen wären."
So ist es. Rach Sage der Verhältnisse könnten Zentrum und Konservative bei den Sttchwahlen eS höchstens noch auf sieben Mandate bringen, also im Ganzen höchstens 30 Sitze erhalten, während die Mehrheit 37 erfordert. Die nationalliberale Partei wäre also auch bei dem freien Spiel der Kräfte immer noch in der einflußreichen Stellung des „Züngleins an der Wage" geblieben. Aber nein, um dem verhaßten Zentnim einen vermeintlichen Schabernack zuzufügen, haben sie, die einst in Baden herrschende Partei,
sich von der Gnade der Sozialdemokratte abhängig gemacht. Diese steht infolge ihres großen Gewinns an Wahlstimmen und Mandaten jetzt als Haupt und Herrscherin auf der linken Seite der Kammer da. Der numerische Gewinn, den die liberalen Parteien etwa machen, wird doppelt und dreifach ausgewogen durch die moralische und politische Selbstniedrigung des Liberalismus gegenüber der Umsturzpartei.
Die nationalliberale „Straßb. Post" gibt in Nr. 1170 ganz offen zu, daß nur der Haß gegen das Zentrum die Triebfeder beim Abschluß des Großblock- kompromiffeS war. Sie schreibt:
„Diese eindringliche Warnung (der offiziösen.Karlsruher Zig.") vor der Sozialdemokratie bedeutet eine auffallende Rechtsschwenkung der Regierung. Die von der Regierung geprägte Wahlparole hat in den liberalen Reihen keinen Widerhall finden können. Gerade die Nattonalliberalen, an die der Artikel vorzüglich ae- richtet ist, haben es stets, auch noch in diesem Wahlkampf, betont, rote tiefe grundsächliche Gegensätze zwischen ihr und den Sozialdemokraten klaffen (?) Wenn sie trotzdem, unter den weitestgehenden Opfern, den Anschluß nach links genommen hat, so ist dies die konsequente Verfolgung ihres von Anfang an proklamierten Zieles: Bekämpfung des Zentrums auf der ganzen Linie."
Die Liberalen glauben wohl, daß sie das Zentrum durch ihr Bündnis mit der Sozialdemokratie besonders ärgern könnten. Im Gegenteil. Mit untern Freunden in Baden bedauern wir das liberal-sozial- demokratische Bündnis im allgemeine» Jntereffe von Reich, Staat und Gesellschaft. Aber wenn wir nur den Parteivorteil abschätzen, so bildet die Verirrung des Liberallsmus einen Vorteil für die Zentrums- Partei. Hätte» die Nationalliberalen ein Abkommen mit dem Zentrum gesucht und gesunden, so würde dasselbe unseren Freunden manche Last auferlegt und die Weiterentwicklung der Zentrumsfache in Baden erschwert haben. Jetzt aber ist volle Klarheit und freie Bahn für ein rücksichtsloses Vorwärtsstreben gegeben. Ob das Zentrum und die Konservativen einige Mandate mehr oder weniger haben, ist demgegenüber belanglos, daß die Erlangung der absoluten Mehrheit nach dem Ergebniffe des ersten Wahlgangs für die nächste Periode ja doch ausge- schloffen war. Also in der Gegenwart geht unseren Freunden nichts erhebliches verloren, während sie für die Zukunft ihre Aussichten verbeffert sehen.
Die Klärung erstreckt sich über die Grenzen Badens hinaus. Wir sehen jetzt, daß alle ehrlichen Verteidiger der Staats- und Gesellschaftsordnung sich zusammenschließen müssen, well der Liberalimus bei den nächsten Wahlen mit der Sozialdemokratie in weiterem Umfange gemeinsame Geschäfte machen wird. Saffen wir zusammen, die sich in Baden wieder zusammmgefunden haben und zusammen gehören: die Sozialdemokraten und die „National"-Liberalen! Lassen wir den Liberalismus in seiner Selbstzerfleischung, die sicher und nicht einmal langsam vor sich geht, nur so weiter machen. Unser Schaden ist es nicht.
Deutsches Reich.
* Berlin, 29. Oktober 1909. Der Kaiser hörte am Donnerstag die Vorträge des Kriegs- Ministers und des Chef des Militärkabinetts. — Der sozialdemokratische Reichstagsabg. Singer beging am Donnerstag den Gedenktag seiner 25jährigen Zugehörigkeit zum Reichstage. Er hat während dieser Zeit ununterbrochen den vierten Berliner Wahlkreis vertreten. *
(♦) Die Streichung des Kanzelparagraphen. Nach dem Vorentwurf zur Reform des Strafgesetzbuchs soll, wie erwähnt, der sog. Kanzel- Paragraph für die Zukunst völlig in Wegfall ommen. Dieser Paragraph drohte Geistlichen, die bei der .Ausübung ihres Berufes öffentlich
oder in der Kirche Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise" erörtern, Gefängnis oder Festungshaft bis zu 2 Jahren an. In der Begründung der Streichung des Paragraphen heißt es nun:
„Auf Grund des § 130» Str^G^B., des sogen. Kanzelparagraphen, find in den Jahren 1894 bis 1904 im Deutschen Reiche im ganzen vier Verurteilungen erfolgt. Dieser Umstand allein ist allerdings nicht entscheidend, um die Entbehrlichkeit des Paragraphen darzutnn. Denn dieser könnte schon durch sein Bestehen vorbeugend gewirkt haben. Immerhin aber läßt die äußerst seltene Anwendung dieses Gesetzes auf em geringeres Bedürfnis seiner Aufrechterhaltung schließen. Entstanden bt einer Zeit kirchenpolitischer Streitigkeiten und großer dadurch hervorgerufener Erregung, hat nach deren Aufhören und der Wiederkehr auch in dieser Hinsicht geordneter und beruhigter Verhältnisse der Paragraph seine besondere Ausgabe erfüllt. Es kann daher auf ihn verzichtet werden, zumal er eine Art von Ausnahmerecht gegenüber den Geistlichen und Religionsdienern eingesührt hat, welches diese in weitergehendem Maße beschränkt, als andere Staatsangehörige und in manchen Kreisen der Bevölkerung als drückend empfunden wird. Saab dieses Ausnahmerecht in den besonderen Verhältnissen feiner Entstehungszeit feine Rechtfertigung, so erfcheint jetzt nach dem Wegfall jener besonderen Berhältniffe die Rückkehr zu dem allgemeinen Recht um so mehr angezeigt, als dieses das Bedürfnis nach Schutz vor staatsgefährlichen Ausschreitungen von der Kanzel herab vollständig deckt. War dies nach dem bisherigen Recht auch nicht ganz der Fall, so gilt es doch von dem Entwurf, und zwar vornehmlich wegen der ersolgten Ausdehnung des § 131 (bisheriger § 110) auf das „Aufreizen". Andere Handlungen als Aufreizungen zur Auflehnung gegen Staatsgesetze oder Anordnungen der Obrigkeit sind auch aus dem Gesichtspunkt des bisherigen § 130 a kaum jemals zur Bestrafung gebracht worden. Für etwaige andere Fälle stehen aber auch der § 137 des Entwurfs und endlich die Strafbestimmungen über die Beleidigung zur Verfügung. Wenn, was kaum anzunehmen ist, selbst bei richtiger Auslegung und Anwendung dieser Vorschriften des gemeinen Rechts einige sehr seltene Fälle übrig bleiben sollten, die nur nach § 130 a des S.-G.-B. gestraft werden könnten und bezüglich deren also bei seiner Aufhebung die Strafbarkeit wegfiele, so würde zu erwägen fein, daß sich dann die Strafwürdigkeit ber als Täter allein in Betracht kommenden Geistlichen nsw. kaum noch rechtfertigte, denn bann würbe biefelbe Tat, begangen unter ganz ähnlichen Umständen durch einen Nichtgeistlichen, etwa einen Agitator vor einer Volksversammlung ober einen akabemischen Lehrer im gefüllten Hörsaale, straflos sein. Von Aufrechterhaltung des § 130a ist daher abgehen."
Diese Begründung stellt die denkbar schärfste Verurteilung des Kanzelparagraphen dar: sie gibt klipp und klar zu, daß man im Kulturkampf durch diesen Paragraphen ein Ausnahmegesetz gegen die katholische Kirche schaffen wollte. Es hat lange genug gedauert, bis man dieses Unrecht eingesehen und sich zu seiner Beseitigüng entschlossen hat.
)( Bußpredigten hält schon seit dem'Sturze BülowS oas Pastorenblalt der „Reichsbole" den Konservativen, weil sie die Finanzreform ohne die Liberalen gemacht haben. Die Vorwürfe, die das sonst konservative Organ gegen die Partei erhebt, werden jetzt angesichts der Wahlerfolge der Sozialdemokaten noch heftiger und bissiger. Allen Ernstes wird erklärt,
wenn bie Finanzreform anber3 gemacht worben wäre, so hätte ber Zustrom zur Soziokbemokratie nicht ftattgefunben. Die konservative Partei müfle auf irgenb eine Weife ben Fehler ber Finanzreform roieber gut zu machen suchen unb bamit beweisen, baß sie noch immer bie wahre staatserhaltenbe unb bie realen Interessen des Volkes schützende Partei sei. „DaS schlimmste, was sie jetzt tun kann, wäre, wenn jetzt in der agrarischen Presse fortwährend die bei ber Finanzreform gemachten Fehler geleugnet werden; denn das stößt ab unb erzeugt bie Meinung, daß mit den Konservativen nichrS zu machen ist; wenn sie aberzeigen, baß sie ben Fehler
bebauetn, so wirb im Hinblick auf bie sonstige Haltung der Konservativen das alte Vertrauen wieder zuruckkehren. Fehler macht jede Partei, bas schlimme ist aber, wenn man sie nicht einsehen will, sondern sich darin versteift.
Die konservative Presse kanzelt das Pastoren- blatt wegen seiner törichten Ausfälle nicht schlecht herunter. Helfen wirds freilich nichts. DaS Blatt ist einfach unbelehrbar, es ist ja weniger erbittert über die zustandegekommcne Reichsfinanz, reform als über den Sturz Bülows. Von Bülow erwarteten die Freunde des Reichsboten eben, daß er dem Zentrum den Garaus machen werde. Mit dieser Hoffnung sind sie schmählich hereingefallen und die Schuld daran sollen eben die Konservativen tragen, die durch ihr Zusam- mengehen mit dem Zentrum bei der Finanzreform den Rücktritt Bülows herbeigeführt hätten.
-4- Die nationalliberale Partei beabsichtigt, in diesem Herbst eine Massenagitation in dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet zu veranstalten. Die hervorragendsten Parlamentarier der Partei sollen Referate übernehmen. Bisher haben für diese Agitationsreis« zugesagt die Abgg. Bassermann, Hieber, Fuhrmann, Paasche, Stresemann und Weber.
vs. Der Disziplinarprozeß Zollitsch wurde am Donnerstag vor der Disziplinarkammer in Potsdam verhandelt. Oberpostassistent Zollitsch, der Vorsitzende des Verbandes mittlerer Reichs- post- und Telegraphenbeamten, wird bekanntlich beschuldigt, als Vorsitzender des Verbandes, dessen Organ die ,Deutsche Postzeitung', er zu kontrollieren hatte, sich gegen § 10 des Reichsbeamtengesetzes dadurch vergangen zu haben, daß er eine Reihe von Veröffentlichungen zuließ, durch die gegen die Postbehörde und andere Reichs- und Staatsbehörden böswillige Angriffe gerichtet wurden und die geeignet waren, das Ansehen dieser Behörden in den Beamtenkreisen herabzusetzen.
Die .Deutsche Postzeitung' hatte zu Ende beS vorigen unb zu Anfang dieses Jahres eine Reihe von Artikeln gebracht, bie sich mit der Lage der mittleren Post- unb Telegraphenbeamten, mit dem im Reichstage vorgelegten Entwurf eines Beamtenbesoldungsgesetzes, mit ber Vorbildung ber Beamten, bem Mangel an Beamten, einem neuen Dienstplan bei einem Bahnpostamt beschäftigt. In allen diesen Artikeln wirb an ber Postverwaltung herbe Kritik geübt; ber Entwurf beS Beamtenbesoldungsgesetzes wirb bas „ausreizenbste Schriftstück" genannt, „das je zur Kenntnis ber mittleren Post- unb Telegraphenbeamten gekommen ist". Der Postbehörbe wirb vorgeworfen, „sie ziehe durch einer Behörde unwürdige Lockmittel Bewerber heran, waS viel besser durch entsprechende Gehaltsaufbesserungen geschehe". In einem Artikel wird bie Disziplin ber Beamten gelegentlich einer Versammlung gerühmt unb hinzugesetzt: „Noch versteht sich bie mittlere Beamtenschaft auf bie Erfüllung ber unabänber« lichen Pflicht, noch läßt sie sich nicht burch zügellosen Unmut hinreißen unb durch ben Aufruhr ihrer Empfindungen in's Uferlose treiben — noch nicht!" In diesen unb anderen Stellen erblickt bie Anklage böswillige Angriffe unb Verunglimpfungen gegen bie Behörde, die zur Verhetzung der Beamten und zur Schädigung beS Ansehens ber Behörden führen müsse.
Der Vertreter der Anklage stellte sich auf den Standpunkt, Zollitsch wäre als Beamter des Reiches verpflichtet gewesen, zu verhindern, daß derartige Artikel in der Presse des Zentralver- bandeS und damit auch in die große Oeffentlich- feit gebracht würden. Er beantragte, den An- geskhuldigten wegen Dienstvergehens in vierfacher Beziehung zur Dienstentlassung zu verurteilen. Die Disziplinarkammer konnte sich zwar nicht zu dieser beantragten exemplarischen Bestrafung Zollitschs verstehen. Das in vorgerückter Abend-
Irrende Seele.
Roman von H. T e i ch e r t.
„Mimose, Du zarte! Zieh Dir doch bie Decke über die Nafe und laß mir meine Stiefel. Ich werde Dich übrigens von meiner Gegenwart befreien und sehen, ob die Bengels gut schlafen; bie haben hoffentlich nicht fo empfindliche Riechorgane, wie ihre Frau Mama."
„Du bist mir heute völlig unbegreiflich," kam's empört von Frau Emas Lippen, „entweder berauscht oder —"
oder zu nüchtern, geehrte Herrin." Er lachte in sich hinein und verschwand mit seinem Licht im Schlafzimmer seiner- Söhne.
Die beiden Jungens schliefen fest, sie regten sich nicht einmal bei dem nächtlichen Besuch. Walldorf leuchtete dem älteren ins Gesicht „Sin Sigurd!" Den dänischen Namen hatte er trotz heftigen Protestierens feiner Frau durchgefeyt, das war noch in einer Zeit, als sein Wille noch manchmal durchging. Ein schmales, seines Gesicht hatte der vierzehnjährige Knabe, keine Svur von Aehnlichkeft mit dem Vater Ganz die Mutter im Innern und Aeußem. Selbstbewußt und ehrsüchttg — korrekt im Benehmen und kühl denkend. Walldorf sah den Knaben fest an. Dieser rührte sich nicht. Tie langen, dnnflen Wimpern lagen wie ein Schleier auf den Wangen
Walldorf strichelte leise die schmale Hand, die auf oer Decke lag, und wandte sich dem anderen Bett zu. Da lag fein getreues Abbild, der blonde, vollwangige ein Jahr jüngere Werner. Er mußte des Vaters treuherzigen Blick haben, hinter den geschlossenen Lidern sah man ihn ordentlich leuchten. „Mein HerzenS- lunge! Er streichelte die heißen Wangen des Knaben und küßt- das volle Haar. „Mein Herzensjunge!"
Lmen Moment öffnete dieser die Auaen. „Vater," sagte er erstaunt und schlaftrunken. Dann drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter.
Walldorf eingebildeter Zorn war längst verraucht. Cr begriff augenblicklich gar nicht mehr, was ihn eigent- kW veranlaßt hatte, fo brüsk au' reten. Was hatte
ihm feine Frau denn getan? War'S heute irgendwie anders gewesen, als seit Jahren, wenn er von feinet Kartenpartie heimkam? Was hatte ihn eigentlich rebellisch gemacht, wars wirklich der Portwein gewesen oder war Beate die Aufwieglerin? Beate war die Schuldige — nur Beate allein! Im Aussehen eine eckte Nordländerin — blond, blauäugig, mit Zügen, wie die althistorischen Germanenweiber sie trugen — im Innern heiß pulsierendes Blut und di- aufreibende Begier, sich nur ja nicht unterdrücken zu lassen — ihr Menschentum zu wahren, stolz und frei, um einstens aus eigener Kraft herauswach fen zu können aus der Alltäglichkeit. Im paradoxen Zusammenhang damit stand ein gewisser träumerischer Hang, der ihr eigen war, unb stark entwickeltes ideales Innenleben Die Natur in ihren wechselnden Stadien, das Meer in 9kihe und Sturm — bie bildende Kunst — das Lied und vor allem die Dichtkunst — für alles hatte sie von Kindheit an eine warme Empfänglichkeit gezeigt ohne dieselbe in Worte kleiden zu können.
„Nieoerschreiben könnte ich eher, was ich empfinde," hatte fie einmal schon als kaum erwachsenes Mädchen dem ® ruber gesagt. „Ich beneide Dich oft um Deine Beredsamkeit; wer wenig spricht, kommt zu leicht in den Ruf, für dumm gehalten zu werden."
Davor schützte fie zwar ihr klares, kluges Auge und das Urteil ^ll-r derer, die fie naher kannten, aber sie blieb doch einsam inmitten ihrer Jugendgespielinnen' und schon damals hatte Hendrik Walldorf daran gedacht, daß die Zukunft sich noch ganz Besonderes fiir die Schwester Vorbehalte. Jetzt fing sie also an, den in sich gesammelten Stoff schriststellerifch zu verwerten — jetzt War’S also soweit.
Walldorfs Gedanken, einmal bei der Schwester an- g-kommen, blieben bei derselben hasten. Er vergaß darüber, daß er ja eigentlich seiner Frau heute einmal beweism wollte, daß er ber Herr im Hause ist, legte sich möglichst geräuschlos nieder und dachte an die Zeit zurück, von der Beate gesprochen.
Drüben bei den ArkoS hatte sie den Charakterdarsteller und ersten Liebhaber Domau kennen gelernt. Ein Schauspieler mit hoher Begabung unb schöpferische-- DarstellunOkast, ein Künstler, der das Niveau des
hier üblichen Ensembles weit überragte. Ein Breslauer Kind au? guter Familie, war er firrs Studium be- sttmmt gewesen, hatte dasselbe aber nach zwei Seme- stem unterbrochen, um dem unwiderstehlichen Drang zur Theaterlmifbahn nachzugeben. Während zweier Jahre hatte er dann eine Theaterschule besucht und dann an kleineren Theatern debütiert, um sich die nötige Routine zu schaffen — überall mit bedeutendem Erfolg und dem Prognostikum einer glänzenden Zukunft. DaS Üatte Henrik Walldorf so nach und nach von ihm selbst erfahren, noch ehe irgend Anzeichen von der Neigung zwischen ihm und Beate bemerkbar waren. Der rege Veckehr zwischen Dornau und dem Kollegen konnte ja niemand aufiallen, aber auch später, als Acko die Seinen im Stich gelassen, fand man es nur zu natürlich, daß er sich der Verlassenen annahm, und wohl erst in dieser Zeit hatte er Beate kennen gelernt.
Beate hatte damals gerade die Trauer um die Mutter abgelegt Jahre hindurch hatte sie am Leidenslager derselben zugebracht und nicht kennen gelernt, was „jung sein" heißt, unb nun, beim ersten Schritt in das Leben, war ihr Dornau entgegen getreten und fast beim ersten Sehen waren sich beider Herzen entgegengeschlagen. Wie es nur fo gekommen war! Walldorf hatte die sich nach und nach entwickelnde Neigung der beiden natürlich nicht bewerten können, da er fo gut wie nie mit beiden zugleich zusammcnkam, unb, hätte ihn seine Frau nicht aufmertsam gemacht, wohl noch lange nicht gemerkt, wie eS drüben stand. Erst als von der llngrijorigfeit des Verkehrs zwischen Beate und der Schauspielerfamilie fortwährend bei ihm gesprochen warb, wurde er aufmerksam. Von vorn eherein hatte Frau Walldorf es als int höchsten Maße unpassend erklärt, daß Beate, die bei der Mutter Tode erst dreiundzwanzig Jahre zählte, das Häuschen allein bewohnen wollte. Sie war aber bei dem Vorschläge, der Schwägerin das Erkerzimmer im eigenen Hause abtreten zu wollen, auf energischen Widerstand gestoßen. DaS Gnindftück mit den darauf befindlichen Gebäuden hatten die Gefchwister von der Mutter geerbt und zwar waren dem Sohne das große, Beate die beiden kleinen zugefallen. Um keinen Preis wollte
Beat« ihr Häuschen verlassen unb ihre Selbständigkeit aufgeben. Sie lebte mit der Schwägerin sowieso von jeher auf gespanntem Fuß, liebte dieselbe gar nicht und kam tagelang nicht herüber. Die kleine Mieten die das Zwillingshäuschen brachte, und bie Zinsei eines kleinen Kapitals im Verein mit den Erträgnisse« einiger dänischer Stunden, die sie erteilte, genügten für ihre Bedürfnisse und für die ihrer alten, treuen Magd, die in der kleinen Küche hauste.
Der Argwohn, den seine Frau, daß zwischen Beate und dem Schauspieler etwas im Gange sei, erregt hatte, wuriie^urch Sticheleien, die er so hin und wieder von der Seite fühlen mußte, verstärkt, aber ehe et sich noch entschloß, bei Beate selbst nach dem Grunde berartiger Gerüchte Nachfrage zu halten. War sie eines TageS in sein Zimmer gekommen und hatte ihm ohne Umschweife mitgeteilt, daß sie fich mit Domau verlobt habe. Sie war sehr blaß gewesen und hatte mit zitternden Händen nach seiner Rechten gefaßt.
„Ich habe ihn lieb, Henrik," hatte sie gesagt, „und wenn Du, nur Du mir beistehst, den Staub, den meine Verlobung aufwirbeln wird, zu sänftigen, und offen und treu zu mir halten willst, dann fürchte ich mich nicht vor der Meinung der Welt und will mit glücklichen Augen in die Zukunst schauen, die er und ich uns gründen Wollen."
Er Weiß nicht mehr so recht, Was er ihr in seinem grenzenlosen Erstaunen geantwortet hat. Sie hatte ihn auch nicht viel zum Reden kommen lassen, immer nur sein Geflcht und seine Hände gestreichelt und mit feuchten Augen gefragt, ob er ihr beistehen wolle. Nun, daß er ihr das Versv rechen schließlich gegeben, das weiß er — und daß sie ihn dann voll dankbarer Freude geküßt und gefragt hat. ob fie den Verlobten zu ihm bringen dürfe, er wolle selbst auch noch bei ihm, dem Stuber, um ihre Hand anhalten. Und daß sie vorläufig ans Heiraten nicht dachten, Domau werde erst unablässig nach einer gesicherten Stellung ausschauen, nur das Recht der öffentlichen Verlobung solle ihnen der Bruder zugestehen, damit sie ohne Scheu Brief wechseln und sich in DorauS Ferienzeit auch einmal sehen könnten. Er erinnerte sich nun doch, daß er der Schwester damals Vorstellungen gemacht habe, ob fte