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Fulda, Donnerstag den 28. Oktober 1909

36. Jahrgang

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üotationrdruckund Verlag der Fuldaer At- üendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

Monairbellage: „Zuldaer SeschlchKblatier"

Aus dem Nachbargebiete.

)"( Geisa, 26. Okt. 1909. Mit dem Beginn >es nächsten Monates übernimmt Herr Apotheker i Zad ber g aus Münster in Wests, pachtweise die hiesige, Herrn Dr. Herbet gehörige Apotheke.

Hetzerei wirklich nicht? — Noch toller fast haben es die Nationalliberalen im badischen Wahlkreis Triberg-Wolfach getrieben, wo sie nach dem ,Bad. Beob/ Nr. 242 folgendes Stücklein in reli-

volkswirtschastliches und Soziales.

)( Bon einer völligen Sonntagsruhe will die Reichshauptstadt nichts wissen, die Ergeb- niffe.der Erhebungen über die Verhältnisse der Sonntagsruhe in den offenen Ladengeschäften Berlins liegen jetzt vor. Die Fragebogen wurden im Anfang dieses Jahres von derGewerbedeputation entworfen und dann an 31414 Firmen verteilt. Bon diesen haben sich 15915, d. h. über 50%, ür die Sonntagsarbeit im bisherigen Umsange rusgesprochen. Für eine verkürzte Sonntagsge. chäftszeit waren 11116 Ladenin aber usw. oder 35 v. H., für vollständige Sonntagsruhe nur 4332 gleich 13 v. H., während 51 Firmen, d. h. 0,16%, keinen Wunsch äußerten. Gegenwärtig dürfen die offenen Ladengeschäfte in Berlin an Sonn- und Feiertagen geöffnet sein von 7—10 Uhr und von 12—2 Uhr.

erscheint täglich mit rluruahme 6et Somi- udö Feiertage. Viertel» jährlicher Ve5-i«spre>s ohne vriugerlohn «nb vefteSgel» in Fulda so- ^oaurwärts t-5vMt.

perantw Redakteur r «arr Schütte»

Wie wir hören, hat Herr Padberg die Absicht, genannte Apotheke später käuflich zu erwerben.

* Dermbach (Rhön), 25. Okt. 1909. Herr Bürgermeister Pfaff dahier wird vom 1. Novem. ber d. Js. ab in den Ruhestand versetzt Als Ruhegehalt sind ihm 79% feines Gehaltes zu gewähren. — Ein hiesiger Einwohner, welcher an einem Halsgeschwür litt, war gezwungen, sich den Kehlkopf entfernen zu lassen.

* Kassel, 27, Okt. 1909. In einem Garten vor dem Leipziger Tore übten sich gestern nach­mittag eine Anzahl Schulknaben an einem Reök. Dabei brach die Reckstange durch und ein Knabe stürzte so unglücklich zu Boden, daß er erhebliche Verletzungen an Kopf und Rücken davontnrg.

* Fechenheim, Kr. Hanau, 25. Okt. 1909. Der 25 Jahre alte, kaum ein Jahr verheiratete Fabrikarbeiter Konrad Brost von hier erschoß sich auf der sogenannten Oberwiese.

* Coburg, 27. Okt. 1909. In der Frage des Wiederaufbaues der Feste Coburg ist die höchste Entscheidung so gut wie getroffen. Der Herzog hat den ihm unterbreiteten Plänen feine Zustimmung gegeben.

* Duderstadt, 26. Okt. 1909. Nicht weniger alS achtzig Bewerbungen um die Stelle des hie­sigen Stadtsekretärs, sind It ,Südh. Vztg/ eilige- gangen.

* Diez (Lahn), 24. Okt 1909. Im nahen Birlen­bach ist ein Fall von Kinderlähmung Borge» kommen. Auch in Holzheim soll ein Fall leichterer Art zu verzeichnen fein.

* Mainz, 27. Okt. 1909. Die am 23. Okto­ber stattgehabte Sitzung von Gewerkschastsführeru und Wirten wegen Erledigung der Bierpreis­frage verlief ohne Resultat. Der Bierkonsum soll in Main; und Umgebunö um 40% zurück­gegangen fein.

* Aus Westfalen und Waldeck, 26. Okt. 1909. In Alfen bei Paderborn wurden während eine- Gewitters drei Pferde eines Gutsbesitzers durch Blitzstrahl getötet, als der Besitzer auf seinem Acker mit Eggen beschäftigt war. — In Hemer (Sauerland) stürzte ein Klemvnergeselle von einem Neubau und starb an den Verletzungen. — Ein „Bankbeamter" warb in Plettenberg Leute zum Einkassieren von Lebensversicherungsbeiträgen an und ließ sich ein Eintrittsgeld von 4 bis 8 Mk. bezahlen, womit er verschwand. — Auf der Straße zwischen Warburg und Volkmarsen wurde ein Arbeiter von zwei Passanten überfallen und einer Barschaft sowie seiner Schuhe beraubt. Der Uebersallene nahm unverzüglich die Verfol­gung der Räuber auf und am vierten Tage stellte er sie in Arnsberg, wo die Polizei die weiteren Schritte unternahm.

„_____ ____ Westphal gehört,

daß sein Schüler und Sekretär die Bombe in

ffitMeXnytge*: ,,

Z parzeller in Fulda. wochenbettase: „illustrierte §onntag5zettung"

Ausland.

* MiMnde in der englischen Kriegsmarine werden aufgedeckt durch die Veröffentlichung eines Schriftwechsels zwischen dem früheren ersten Seelord Beresford und dem Premierminister Asquith, worin jener Klage führt, daß trotz gegenteiliger Versicherungen Asquiths die Karriere der bei der jüngsten Enquete über die Verhältnisse der Kriegsmarine als Zeugen vernommenen Offiziere ungünstig beeinflußt worden sei. Zwei Kapitäne eien ihrer Stellungen enthoben und auf Halbsold gesetzt worden. Auf eine Anfrage Beresfords hatte Asquith diesem eine Erklärung der Admiralität übermittelt, worin gesagt wird, daß die beiden Offiziere im ordnungsmäßigen Dienstgange zur Disposition gestellt wurden. Lord Beresford be- zeichnet diese Erklärung als den Verhältnissen nicht entsprechend und führt noch andere Beispiele an, durch die seiner Meinung nach bewiesen wird, wie ehr ein System der Einschüchterung bezw. Be- günstigung in den letzten Jahren sich bei der Ad­miralität eingebürgert habe. Selbstverständlich ist es vor allem die konservative Preffe, die diesen Briefwechsel zwischen Beresford und dem Minister­präsident scharf kommentiert.

giöser Verhetzung leisteten. Den liberalen Wahl­zetteln lag ein knallrotes Zettelchen bei, worauf lesen war:

„Der nationalltberale Kandidat ist katholisch, der konservative evangelisch, der demokratische freireligiös, dem Sozialdemokraten ist Religion Nebensache! Katholiken, wählt den Katholiken!"

Dieser Jammerlappen von Nationalliberalis­mus schämt sich also nicht, das zu tun, was er anderen mit Unrecht vorzuwerfen sich erdreistet, nämlich in der schmutzigsten Weise Religion und Politik zu verquicken! Interessant ist es, daß die nationalliberalen Herren nicht bemerkt haben, daß der sozialdemokratische Kandidat ein Jude ist! Die Sache ist aber höchst einfach: in der Stichwahl hoffte man auf die Anhänger des jüdischen Kandidaten und darum---Noch

eine dritte Verquickung von Politik und Religion ist aus liberalen Kreisen zu melden. In Greisen- berg, im Reichstagswahlkreis Cammin-Greifen- berg, hielt dieser Tage der konservative Reichs- tagsabg. v. Normann eine Versammlung ab, um sein Verhalten in Sachen der Reichsfinanzreform zu rechtfertigen. Gymnasialdirektor Dr. Conrad, Lehrer Beffe (Wittenfelde) und Pastor Knaack- Ribberkaut traten ihm nach der ,Frankf. Zig/ sJtr. 295 entgegen, „wobei sie besonders auch aus konfessionellen Gründen das Zusammen­gehen der Konservativen mit dem Zentrum leb­haft bedauerten." Da ist wohl die Frage erlaubt: wer verquickt Politik und Religion?

(*) Blockpolitik und Protestantismus. Wie ist vom kirchlichen Standpunkte über den Zu­sammenbruch ber Blockpolitik zu urteilen? Auf diese Frage antwortet der protestantische Theo­logie-Professor Grützmacher aus Rostock in einer prinzipiellen Betrachtung der kirchlichen Lage in der Septembernummer der »Konseroat. Monatsschrift' folgendermaßen:

„Die politischen Ereignisse der letzten Zeit be­rühren auch das kirchliche Gebiet. Bersolgte der Block doch auch „Kulturzwccke", die vom Liberalismus im Sinne einer möglichsten Zurückdrängung religiös-christ­licher Einflüsse in den verschiedenen Provinzen des öffentlichen Lebens ausgefaßt wurden. Zwar wollte man sich offiziell nur gegen das Zentrum wenden und ganz „tolerante" Naturen sich auch bei diesem auf die Abwehr seiner antinationalen (!) Züge beschränken. Aber ein Blick in die kleinere Preffe und ein wenig geschichtliches Minnerungsvermögen zeigten, daß ent­schieden evangelisches Christentum genau so bekämpft werden sollte, und daß diesem gegenüber wegen seiner geringeren Organisation und seines tat­sächlichen wie gewollten Verzichtes auf alle äußeren Machtmittel viel eher auf Erfolge zu rechnen war. (Sin neuer Kulturkampf war in Sicht, und der gleiche Verlauf von ehedem stand zu erwarten, daß man Rom meinte und Wittenberg traf."

kommen oft trotz aller mütterlichen Sorgfalt nichts so voran, wie sie sollten, ja, manchmal scheinen fb) geradezu zurückzugehen. In diesem Falle ist ein Versuch mit Scotts Emulsion am Platze. Scotts Emulsion ist nahrhaft und so leicht verdaulich, daß sie den Kindern oft die fehlende Kraft gibt und eine Wendung zum Besseren eintreten läßt. Man gebe dem Kinde Scotts Emulsion so lange, bis es sich zu einem kräftigen und fröhlichen Geschöpfchen entwickelt hat. .

6cott« Smulflon wird von :m» aurichUebUch tm rroßen vtf lauft und zwar nie lofe nrch Gewicht oder Matz, sondern nur t» »erstegetten Ori^traiflaschen tn Karton mit n vierer Schutz» »art« (SUchi mit dem Dorsch). Scott u. Borone,». m. b. H. Frankfurt o. SR.

BeftandteUe: steinst« Medijinat-8ed«tran 150,0, prima ®li)»«t» äOA unterphorvhortgiaurer «all <A unterpstorphötl,. saures Natron 8,0, pulv. Itagant 1,0, feinster arab. SrzmM duld. 8^>. beidO. 129,0, HltoboI UA Hierzu arom Swulfio» »ft Mutt, ä anbei« und Battllberiaöl je a Dropsen

Herr Cahn betritt schon die Tribüne, Herr Richards tritt zwei Schritt zurück, zieht eine Zünd­schachtel aus der Tasche und zündet sich gelassen mit einem Ausdruck der Wurstigkeit eine Zigarre an. (Gellendes Geheul. Es klatschten Stöcke auf das Ge­länder der Rednerbühne. Das Publikum bedrängt den Journalistentisch vor der Tribüne. Die Mitglieder des Borstandes beugen sich über ihre Tische, als wenn sie eifrig am Lesen wären. Psaffenknecht! Bankert! Jun­kerbengel! Raus!

Herr Eahn beginnt zu reden: Ich will gern den Mut des Herrn Vorredners anerkennen. Hier — allein (die weiteren Worte gehen in dem wieder ausbrechenden Spektakel verloren. Endlich etwas Ruhe.) Hr. Cahn erzählt, rote er Ferrer persönlich kennen gelernt habe, der fei ein Idealist gewesen, keiner Schandtaten fähig gewesen, also unschuldig. kBravo!)

Dasselbe sagen die beiden letzten Redner Hermes und Heiges. Letzterer hat sogar in Paris spanischen Unterricht bei ihm gehabt. Er sei ein lieber Lehrer gewesen, also schuldlos. (Bravo!)

Inzwischen hat sich Herr Richards gedrückt, er ver­zichtet wohl auf die weitere „freie Diskussion". Als er von der Tribüne langsam herabtrat und auf die 15 Schritt entfernte Türe zuging, begann der Skandal von neuem. Er geht! Hauk ihn! Schuft infamer! Ein Dutzend „Herren" stürzen ihm nach. Sie haben ihn, wie Augenzeugen berichten, unter Drohungen und Schimpsreden bis kurz vor die Wilhelmsbrücke verfolgt, wo vier Schutzleute den „freien Diskussionsredner" unter ihre Fittiche nahmen.

„Kulturmen sch heil"!

vermischtes.

* Eine geradezu unglaubliche Geschichte erzählen die »Kieler Reuest. Nachr/ Der Arbeiter Trulsen aus Gallehus hatte bei einem Brande fünf Menschen gerettet und wurde dabei fo schwer verletzt, daß eine längere Arbeitsunfähigkeit eintrat. Jetzt wurde er mit seinem Antrag auf eine Unterstützung abgewiesen, weil er von der Gemeindebehörde „keine Order" erhalten hatte, sich in das brennende Haus zu begeben — Leider kann man, sagt dazu die ,Freis. Ztg/, über diesen Vorfall nicht reden, wie man möchte, da sich sonst der Staatsanwalt hineinmischen würde. Hoffentlich bekommt der Mann wenigstens eine Rettungsme­daille, die allerdings nicht einmal einen Versatz­gegenstand bildet.

* Ei« empfindlicher Magistrat herrscht in Neu­markt in der Oberpfalz. Er hat dem Publikum einmütig eine Rüge erteilt wegen des Räso­nierens über Magistratsbeschlüsse in den Wirts­häusern. Das sei geeignet, die „Würde der Ratsherren zu untergraben", so heißt es in ber gravitätischen Resolution der Hochwohlweisen von Neumarkt.

* Das Pferd im Korsettgeschäst. Von dem Wagen einer Geflügelhandlung scheute in Berlin plötzlich das Pferd und raste in wilder Jagd in das Schau­fenster eines Korsettgeschäftes in der Kommandanten­straße hinein. Die Feuerwehr und herbeigeholt« Schutzleute befreiten schließlich das schwer verletzt« Tier aus feinem eigenartigen Gefängnis.

— Kasernenhosblüte. Unteroffizier: „Kerls, fun­keln müssen eure Knöpfe, daß ich mir die Zigarre daran anstecken kann--(mit gehobener Stimme)

ich habe allerdings keine mehr."

stiegen Papierballen auf die Rednerbühne. Niemand sitzt mehr. Alles steht auf Stühlen und Bänken oder umsteht gestibtlierend, brüllend, pfeifend die Redner, bühne. Der Borsitzende schwingt beftändig die Schelle: „Herr Richards, die 15 Minuten sind um!"

Herr Richards: „Aber mit zu vielen Pausen!" (Stöcke und Regenschirme werden sichtbar. Der Red­ner sieht gleichgiltig zu, wartet einen günstigen Augen­blick ab und ruft lächelnd dann in die Versammlung hinein: „Ich habe Ihren Mut überschätzt." (Minuten­langer Mordsspektakel.)

Der Borsitzende: „Die 15 Minuten sind längst

Ich erteile das Wort Herrn Cahn!"

(Höllenlärm, Raus! Bravo! Louis! Das ist Der Richtige! Haut ihn! Elender! Grüner Junge! Wicht! Schindluder! Wo kommt der Kerl her? Haut ihn!)

Deutsches Keich.

— Auch wo dos Zentrum an einer Wahl gar nicht beteiligt ist, versuchen es die Liberalen, Geschäfte zu machen durch eine Hetze gegen das Zentrum. Vor der Reichstagsstichwahl in Koburg veröffentlicht der Abg. Müller- Meiningen im,Koburger Tageblatt' folgenden reifinnigen Auftuf:

„Ganz Deutschland blickt mit Spannung auf dir Vorgänge im Koburger Wahlkreis. Durch eine bei. piellos niederträchtige Agitation, die die schlimmsten Mittel nicht scheute, hat die Sozialdemokratie den liberalen Parteien die Annahme der logenannten Reichs- inanzreform augedichtet. So richtet sie ihre ganze Stoßkraft wiederum gegen den Liberalismus. Die frei- innige und «ationautberale Partei haben in redlicher äusammenarbeit die unerhörte Belastung des deutschen olkes durch die sogenannte Finanzreform auf das Energischste bekämpft. Die Sozialdemokratie dagegen hatdwJesuitenpartei, dasZentrum, wiederum in den Sattel gefetzt. Dem Volke droht als größte Gefahr eme polnisch-ultramontane-sozialdemokratische Mehrheit! usw."

Dr. Müller kennt seine Pappenheimer. Er weiß, daß auf die Protestanten in dem ganz protestantsschen Wahlkreis Koburg das Wort „Jesu ten" wirkt, wie das rote Tuch auf den »ekannten gehörnten Vierfüßler, und deshalb „brandmarkt" er das Zentrum fiugS als „Jesuiten- >artei". Geholfen hat diese blöde Kulturkämpferei a nun nichts. Aber schämt sich denn Herr Dr. Müller einer solchen wüsten konfessionellen

den Hochzeitszng des Königs geworfen hat. . . Also warten Sie doch die Veröffentlichung der Akten ab . . . warten Sie, bis Sie die Sache kennen . . . mehr wird nicht verlangt. (Schurke, Elen­diger, Bube! Haut ihn!) ... Ein für Sie sicher un­verdächtiges Blatt, die.Frankfurter Zeitung' (relative Ruhe), hat während der Verhandlung erklärt, die Aus­sagen der 19 Zeugen seien bedenklich . . . Das müßte Sie doch wenigstens stutzig machen und zur Vorsicht mahnen. (Elender Wicht! Raus! Langanhaltendes, ohrenbetäubendes Geschrei. Der Redner steht während deffen ruhig auf der Tribüne, endlich benutzt er eine kleine Abflammg, um mit mächtiger Simme zu rufen:) Daß mal endlich einer zur Sache redet, ist Ihnen wohl unangenehm. (Frenetisches Geheul. Eine Frau steigt auf den Stuhl, ballt die Fäuste und kräht, dann klappt sie zusammen und wird niedergesetzt, sie hat augenscheinlich einen Nervenchoc. Bon der Galerie

S-rr Richards fährt fort: „Seit 25 Jahren platzt arcelona durchschnittlich alle sechs Wochen eine Bombe. (Rufe: Das tut die Polizei!) Auf den Stra­ßen, in den Fabriken, Kirchen .... In einem Theater 12 Tote, darunter 8 Frauen, 44 Verwundete, einer Frau sind die Augen ausgebrannt (Hu! hu!). . . Bis jetzt 247 Tote .... Kinder .... Unschuldige . . Sie sind für die Ordnung in Spanien nicht verantwortlich, aber die spanische Regierung ist es ... . Wenn der ursächliche Zusammenhang zwischen der Agitation Ferrers und diesen Morden festgestellt sein sollte, dann wäre er auch noch der Anstiftung zum Mord schuldig . ... Um das zu beurteilen, muß man doch warten bis . . . (Geheul.) Ferrer hat in einem Brief an einen Freund geschrieben: „Ich nenne meine Schulen, um das Bolt nicht zu erschrecken und um der Regierung keinen Vorwand zu geben, „moderne Schulen" statt anarchistische Schulen, denn ich gestehe es offen, ich bin Anarchist. ... In die Köpfe der Jugend muß man dre Idee der gewaltsamen Aufräumung bringen. . . . Das Volk muß wissen, es gibt nur ein Mittel: Dolch oder Gift!" . . . Das schreibt ein unverdächtiges Blatt, die „Kölnische Zei­tung" (Furchtbarer Tumult, Gelächter, Geschrei, Mufti! Schandblatt! Lump! Raus! Haut ihn!. — Ihnen wenigstens unverdächtig, denn das Blatt hat auch die Entrüstung mitgemacht . . . (Schluß! Raus! Wetterfahne! Lump! Was ist das für ein Kerl? Verdammter Hund!) Wäre da nicht ein ur­sächlicher Zusammenhang zwischen den Lehren Ferrers und den Mordtaten möglich? ... Eie haben doch von

* Bon der Frankfurter Ferrer- Kundgebung im Hippodrom,

Aber die wir bereits berichtet haben, entwirft das Frkf. Volksblattt folgendes anschauliche Bild:

Wir sind pünülich um halb 9 Uhr zur Stelle. Stark 2000 Personen. Eigentlich nicht viel für das demokratisch-sozialistische Frankfurt mit seinen 860000 Einwohnern und bei all der Reklame. Etwa ein Viertel Frauen; „besseres Publikum". Flugblätter liegen au ®en Sitzen. Broschüren werden ausgerufen: „Der After­glaube der katholischen Kirche!" „Spanien unter dem Joche des Papsttums!" usw.

Die reservierten Plätze zu 50 Pfg. und 1 Mk. sind spärlich besetzt. Sie werden durch einen Ordner gegen 9 Uhr freigegeben. Das Publikum erstürmt sie mit Gedränge. Die letzten 3—400 Sitze des Saales bleiben infolgedessen leer.

Endlich, gegen 9 Uhr, beginnen die Reden. Wir hören, loyal und geduldig, bis halb 12 Uhr zu, hoffend etwas vom Material des Prozesses Ferrer zu erfahren. Hunderte enthallen sich jeglrcher Zustimmung. Auch keine gegnerischen Zwischenrufe, abgesehen von dem Seckbach-Intermezzo.

Inhalt der Reden in Stichworten:

Dr. Westphal (Freidenker-Vereinigung): Ledens- xang des Marryers, Geburt, Heirat, Armut, große Erb­schaft, Millionär, Gründung freier Schulen, (nonchalant:) Bombenattentat seines Schülers und Sekretärs auf den Hochzeitsjug des Allerchristlichen Königs (fein Pfui), Ferrer mit verhaftet, nichts nachgewiesen, römische Finsternis (Pfui!), es lebe die moderne Schule! (Bravo!) Frau Cauer (Verein für Frauenstimmrecht: Spanien, Deutschland, Italien, Orient, Japan, China, Küche, schwarze Gefahr, (geheimnisvoll:) wo hat das Zentrum die Wurzeln ferner Kraft, (Ruf: „in Seck­bach !" Raus mit dem Kerl!) ... in Rom! (Sehr richtig! Bravo!) Orden, Klerilalismus (Psui>, heraus aus der Kirche; Frauen, eifert eure Männer an! (Bravo!)

Justizrat Dr. Meyer (Fortschrittspartei): Frei­denker, Deckmantel der Justiz (Pfui!), schwarz-blauer Block, Mittelalter, Dreysus, Klertkalismus, Muckerei, Brüderlichkeit, Freihett des Denkens (Bravo!)

Redakteur Burger: (Demokratischer Verein): Spanien unter Klerilalismus, also kein Selbstbestim­mungsrecht, folglich Einmischung trotz demokratischem Programm gestattet, Erzberger (Psuü), abscheulicher Richterspruch (dröhnendes Pfui!), der edle Mensch lebt nicht vergebens! (Bravo!) Wer gegen unsere Resolu­tion stimmt, der ist entweder ein moralisches Ungeheuer, oder er hat feine fünf Sinne nicht zusammen. (Dröh­nender Beifall.)

Herr Wenzel (Nendemokr. Bereinigung): Inqui­sition, Don Carlos, Junker und Pfaffen, Ritter und Hellige, evangelische Mucker, schwarzdlaues Brüder­paar (Pfui!), Steuern (Pfuiy, Hoch der Märtyrer! (Bravo!)

Prediger «taute (Freireligiöse Gemeinde): Em­pörung der gebsidelen Welt, graues AUettum, Huma- nltät, Menschenopfer (Pfui!), Kulturreinheit, Ethck, Beinunst, der Mörder ist der Klerikalismus (Pfui), Scheiterhaufen, Zentrum (Pfui!), Luther, Lessing, Schil­ler, Goethe, Bismarck, Kanossa, Sokrates, Jesus, Bruno, HeiEs aus der Kirche! (Bravo!)

Dr. Hochstädter vertieft einen Bries Haeckels, ver den Justizmord verurteilt (Bravo!), dann sährt er fett: Verehrte Anwesende! Wir hatten freie Dis­kussion verbrochen. Aber Sie find souverän. Um Den Eindruck der letzten Worte nicht zu schwächen, schlage ich vor, wir schließen. (Allgemeines Bravo! Grope Begeisterung.) Das Kriegsgericht von Barcelona »st überführt, der Justizmord klar erwiesen.

Der Vorsitzende schickt sich an,das tMdt zu ver­künden: „MeineDamen und Herren, die Resolution..."

Da dröhnt es: „Diskussion!' „So! na! Wie heißen Cie?" „Richards!" „Also denn, Herr Richards hat's Wort!"

Herr Richard-: „Meine Damen und Herren, vor allem meine Damen! Können Sie einen Wider­spruch ertragen!" (Dröhnendes Geschrei: „Nein! Staats! Ja! Reden lassen! Nein!") Der Borsitzende schwingt die Schelle: Bitte, lassen Sie den Herrn reden, er hat's Wort. Herr Richards mit Stentorstimme in die tobende Menge, rasch immer einen Satz hinschmet­ternd, wenn der Tumult einen Augenblick abflaut: „Wenn Sie nicht eine Gegenrede anhören wollen, dann hat die Resolution, die schon um 9 Uhr fix und fertig war, nicht einen Pfennig Wert!" (Gejohle, Pfeisen, raus!) Eme ältere Dame schreit in einem fort: „Zur Ge­schäftsordnung !" Sie wnd vor dem Redner auf einen Stuhl gehoben, wendet sich zum Publikum, hebt beide Arme hoch m 6te Luft, bewegt die Lippen, ohne daß man em Wort versieht (Dröhnender Beifall), fällt dann aber herunter. (Gejauchzt Pfeifen.)

Der Vorsitzende: „Herr Richards, das ist eine Beleidigung, ich gestatte Ihnen ja das Wort!"

H«r Richards: „Aber die da nicht! .... Ich habe zwei Stunden vergeblich gewartet, daß end­lich jemand zum Thema rede.... So will ich es tun .... Die entscheidende Frage für Sie muß die sein, ob Ferrer schuldig oder nichtschuldtg war. (Ge­johle, Pfeifen, doch wird alles von dem dröhnenden Organ des Redners übertönt.) .... Und um das zu beurteilen, muß man erst wissen, wessen er angeklagt war und was die Beweisaufnahme ergeben hat ... . Sie waren mit Ihrem Urteil schon vor acht Tagen fertig, ehe Sie eines von beiden tannten .... Sie haben sich «ft nachttäglich etwas orientiert, wissen aber auch heute noch nichts .... Fünf Zeugen haben ausgesagt, daß Ferr« versucht hat, die Bevölkerung ih«s Orts zur Proklamierung d« Republik zu be­stimmen mit der falschen Angabe, in Valencia, Barce­lona und Madrid sei sie schon prollamiert .... Das wäre schon Stoff zur Anklage wegen Hochver­rats ... . Und der wird unter dem Belagerungs­zustand mit dem Tode bestraft (Gejohle).... Nicht nur in Spanien, sondern überall, in den radikalsten Ländern (Gebrüll, raus! Schuft!) .... Neunzehn ( (Zeugen haben eidlich ausgesagt, Ferrer habe sie in (ihrem Ort dazu aufgestachelt, die Kirche und das (Kloster in Brand zu stecken. DaS wäre schon Aufforde- ' tung zur Brandstiftung und zum Laudftiedensbruch .. Wer dieses B«drechen unter dem Belagerungszustand begeht, der wird an die Mauer gestellt, auch bei uns, Ptompt (Greuliches Getobe, die ganze Volksmenge hak sich in d« einen Hälfte des Saales zusammen- gebrängt) .... In Spanien bestimmt dies das Ge- fttz über di« öffentliche Ordnung, das die radiale Aegienutg von 1870 gegeben hat (Furchtbares Geschrei SÄ-ftl Dem sehtte die Kutte! Raus!) ’

4- Der Vorsitzende schwmgt beständig die Schelle rtnd beschwört das Publikum, den Redner sprechen zu Men, Jeder könne ta nachher das Wort nehmen. .