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36. Jahrqanci

Tulda, Mittwoch 3en 27. Oktober 1909

«rfäelttt »glich mir Ausnahme der §o.m- Wd Feiertage viertei- lihrllchee Bezugspreis ohne «ringrriohn und Bestellgeld in Zuldasü- mie auswärts 1-5° Blk.

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Verlag der Fuldaer Ak- .. tiendruckerei in Fulda Monatsbeilage: „Fuldaer Eeschichtsblatter"

Irrende Seele.

2] Roman von H. Teichert.

Die Kleins fing bitterlich zu weinen an.

„Bitte, lieber Onkel, laß mich nicht hier, ich fürchte mich so schrecklich. Der Wind rüttelt am Schlafstuben- fcnster, als hätte er zornige Hände, ich kann nicht ein­schlafen. Nimm mich doch mit zu Dir hinüber — bitte — bitte — ich werde ganz still sein, daß nie­mand aufwacht — bitte — bitte —"

„Mein Kind, das geht nicht!"

Merkwürdig energisch kam das heraus. Er schob die Kleine von sich und rieb die Hände aneinander.

„Wie kann ich Dich jetzt mitnehmen? Wo soll ich .Dich denn lasten? Was — was —'

Er sprachs nicht ans, was er dachte. Ja, was würde seine Frau wohl für ein Gesicht machen, wenn er mitten in der Nacht das Kind mitbrächte. Das hochmütige, kühle Gesicht, das seelischen Regungen nur selten Ausdruck verlieh — diese abweisende Miene. Er sah sie ordentlich vor sich und hörte den herben Ton, den ihr modulationsfähiges Organ annehmen konnte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging: „Schleppst .mir das Schauspielerkind ins Hau- und weißt, daß Mir diese Sorte in der Seele zuwider ist!'

Sie hatten es in der Nachbarschaft alle lieb, das Keine, temperamentvolle, braunäugige Ding, das so klug plappern konnte imd mit seinem weichen Herzchen mlcs liebte, was mit ihm in Berührung kam. Alle, dis auf Fmu Ema Walldorf! Die hatte nie ein fteundliches Wort für die Kleine, litt nie, daß ihre , „ J16,*™/ *n§ Zimmer brachten, und sah es stets ZÄ*" Unzufriedenheit an, wenn, was sie En* rtoTn nicht hindern konnte, gemein- dk Kleinen im Freien zusammen- kÄ?n'h./krea ?b'"'L"ng galt weniger der Person Stande, dem eS seiner Geburt ÄS « bünkk flch weit erhaben über L^ia sein Im^te eben leicht-

S"nig sein, hätte ste sonst gegen den Willen der Eltern

geheiratet? Und der Vater! Ein Mime! Ein Mensch, der durch Schminke und Perücke, von papie­renen Wänden umgeben, auf die leichtlebige Menge zu wirken suchte — auf Menschen, die Nervenkitzel für Erbauung hielten! Sie ging nie ins Theater. Sie laS zu Hause, was Neues und Bedeutendes auf den VüchermaUt kam, legte sich mit ihrem kühlwägenden Verstände das „für und wider" der Erzeugnisse zu­recht und bildete sich ihr Urteil, das niemand und nichts umstoßen konnte

„Eine Selbstgerechte" nannte ihr Mann sie im Innern und fragte sich ost staunend, wie er, gerade er, mit seinem frohen, frischen Sinn, seinem warmen Her­zen und nie versiegenden Humor zu solch einer Moral­predigerin gekomnen war. Sie war vor Zeiten seine Schülerin und dann Lehrerin an der Schule, an der er angestellt, gewesen. Ihr rasch fastender Verstand hatte ihn gefeffelt und ihr hübsches Aeußere seine Sinne gefangen genommen. So war's gekommen, daß er das völlig mittel- und elternlose Mädchen mit dem vor­nehmen Namen geheiratet hatte. Wie oft ecks schon bedauert! Seiner Knaben, seiner Herzensjungen wegen trug er das Ehejoch mit unzerstörbarem Gleich­mut und unterdrückte machtvoll das Gefiihl, daß ihn das Geschick doch wohl eigentlich umS echte, rechte Glück betrogen. Und zu dieser Frau verlangte das Kind gebracht zu werden — nicht nur für die paar Nachtstunden, vielleicht fiir lange — für immer.

Walldorf schüttelte wiederholt den Kopf.

„Ich kann Dich nicht mitnehmen, Renate. Sei verständig!'

Sie bat nicht mehr. Schluchzend kauerte sie in einer Ecke, die Hände ins Gesicht geschlagen, der ganze Seine Körper bebte.

Ueber ihnen toste der Sturm mit unverminderter Gewalt. Der leichte Bau krachte in allen Fugen und laut brüllend drang der See cufgeregter Wogenanprall zu ihnen her.

Walldorf bmte ratlos an seinem Schnurrbart. Er starrte in die unwirtliche Rächt hinaus. Da lag sein HauS in friedlicher Stille. Seine Jungens schliefen

Erstes Matt.

= Der Zarerrbesuch in Italien.

Der Zar nimmt auf der Rückreise denselben Weg den er für die Hinreise gewählt hat. Ggenwärtig wird er wohl die russtscheGrenze wieder erreicht haben.

Der nächste und wohl auch der beguemste Weg »on der Krim, wo der Zar in der Sommerfrische weilte, nach Italien, fiihrt durch Oesterreich-Ungam. Der Zar aber macht geflistentlch den Umweg, um Oesterreich-Ungarn zu umgehen. Als er französisches Gebiet berührte, hat er sowohl auf der Hinfahrt, als auch auf der Rückfahrt französische Politiker begrüßt. Auf der Rückreise fuhr der französische Minister Pichon eine längere Strecke mit. Eine Begegnung mit einer offiziellen deutschen Persönlichkeit, etwa dem deut­schen Reichskanzler, ist auf der Fahrt durch Deutsch­land dagegen nicht erfolgt. Erwägt man ferner, daß die Vorstellung des deutschen Reichskanzlers am italienischen frofe verschoben worden ist — und daß dies sicherlich nicht geschehen ist auf Wunsch des Hrn. Son Bethmann-Hollweg —, so kann man über das Ziel das der Zärenbesuch verfolgte, nicht im Zweifel sein. Oder richtiger gesagt: man kann nicht im Zwei­fel sein über den Stand der internationalen Lage. Alle schönen Versicherungen, die die Offiziösen beim 30- jähri;en Gedenktage des deutsch-österreichischen Bünd­nisses über die Treue des dritten Bundesgenoffen ab- gaben, können uns nicht über die Tatsache Hinweg­täuschen, daß Italien mal wieder eine Extra­tour mit dem russisch-französischen Zweibunde tanzt.

Der Zar hat die Jtalicnfahrt nicht aus Vorliebe ftir das Land der Zitronen gemacht. Im Gegenteil, di: Reise ist beinahe gescheitert an den Bedenken über die persönliche Sicherhett des russischen Kaisers die in dem sozialistisch und anarchistisch unterwühlten Ita­lien fast noch mehr sich ausdrängen, wie in dem von den Terroristen bedrohten Rußland selbst. Soeben hat der Mob in Rom und den übrigen italienischen (Srn'-'trWen. unter der Anführung des Bürgermeisters von Rom. gegen die Hinrichtung des Anarchisten Fer- rer durch Straßentumulte, Ausstände, Lahmlegung des öffentlichen Verkehrs, Beschimpfung und Mißhand­lung von Priestem, Plünderung von Läden und Brandlegung an Kirchen protestiert. Wenn trotzdem der energischste Vertreter des legitimen Herrschertums sich gerade in diesem Augenblick zu einer Jtalienfahrt versteht, dann müssen ihm seine Berater die politische Notwendigkeit, d. h. den politischen Nutzen für Ruß­land wohl Sar gemacht haben.

Die Zusanunenkunst in Raeconigi bedeutet, das ist gar nicht zu leugnen, eine Gefährdung des Drei­bundes. Die leitenden Kreise Italiens haben mit beson­derem Nachdruck betont, daß ein engeres Einverneh­men zwischen Italien und Rußland durchaus nicht im Widerspruch mit dem gegenwärtigen System der Bünd­nisse stehe- es werde vielmehr auf dieses belebend ein­wirken. Aber alle diese Versicherungen können den Eindruck nicht aus der Welt schaffen, daß zwischen Oesterreich und Rußland auf der einen, und zwi­schen Oesterreich und Italien auf der anderen Seite nicht alles stimmt. Rußland hat den Oesterreichem die Annexion Bosniens nicht vergessen, obwohl es ihr drei Jahrzehnte vorher zugestimmt hatte, und Ita­lien. das ewig hungrige, symvathisiert mit der „Jrre- benta", die Südtirol für Italien gewinnen möchte. Die italienische Presse stellt bereits eine Revision des Dr - r, n n d v e rtrag e s, zum Teil in recht scharfer Form, zm ^r^-nmtnq. Die Turiner „Siampa" nennt die Zusammentunst von Raeeonigi ein histo­rische Ereio-üs. von großer Bedeutung und sagt:

7 habe dasselbe Interesse wie Italien, daß sich Qeslerreichs Einfluß auf dem Balkan nicht weiter ausdehne. Mit der Annexion Bosniens sei das Kalkandrama noch nicht beendet, Oesterreich bereite den Marsch aus Saloniki vor. Nur ein Zusammenhalten Rußlands mit Italien könne verhindern, daß die

Adria ein österreichisches Meer werde. In drei Jahren laufe der Dreibundvertrag ab, und es sei nötig, daß Italien dafür vorbereitet sei.

Die radikale,Mta' sagt

sie wolle einmal klar sprechen, da alle Versiche­rungen, daß die Zusammenkunft von Raeeonigi sich mit dem Dreibund vertrage und in Oesterreich ange­nehm ausgenommen wurde, doch niemand überzeugten. Kurz gefaßt, der Dreibund könne wie er sei nicht erneuert werden. Die Verhältnisse, unter denen Italien dem Dreibund beigetreten sei, hätten sich total geändert, Frankreich sei für Italien keine Drohung mehr. Italien wäre dem Dreibund ohne ausdrückliche Zustimmung Englands nicht beigetreten, und würde ohne diese, die heute sicher fehlen würde, ibn nicht erneuern. Heute hätten Deutschland und Oefterreid) Bestrebungen, die Italien nicht mitmachen könne. Tentickland stehe im Gegensatz zu England, Oesterreich butte seinen Einfluß auf den Balkan immer weiter aus. In einigen Fahren, nach Ablauf des Ver­trages, könne es auch geichehen, daß Italien und die beiöen Zentralmächle es für notwendig halten, sich wieder aneinanderschließen, mit gleichen Nutzen für alle. Das werde aber ein neuer Pakt fein, denn der gegenwärtigeDreibund hat seine Seele ausgehaucht. Italien müsse feine Zukunft schützen, deswegen betrachte man die Entrevue von Racconigr mit Jubel.

Die Triuksprü che von Raeconigi beftätigen die Auffassung, daß es sich bei dem Besuche um weit mehr, als den Austausch von Höflichkeit handelt. Dort wird so warm geredet von der „Gmeinsamkeit der An­sichten und Interessen", von zielbewußtem und ver­trauensvollem Zusammenarbeiten usw., als ob schon eine richtige Bundesgenvfsenschaft bestände.

Der Möglichkeit, daß Italien ans dem Dreibunde ausscheibe, sehen wir mit Gemütsmhe entgegen. Es geht auch ohne diesen längst unsicheren Kantonisten. ?lber es geht freilich nut, wenn die beiden Verbün­deten Kaiserreiche so stark bleiben, daß sie die Geg­ner ringsum in Schach halten können. Und da ist es eine Beruhigung, daß die scharfe Probe anläßlich der letzten Balkankrisis gezeigt hat, daß Deutschland und Oesterreich für sich allein die Auftechterhallung des Friedens erzwingen können.

Auch die .ängstlichen Naturen im deutschen Reich und in der habsburgischen Monarchie haben das Fürch­ten verlernt.

Deutsches Reich.

* Die Berliner Landtags-Ersatzwahlen, die durch die Ungültigkeits • Erklärung von vier sozialdemokratischen Mandaten erforderlich ge- worden waren, fanden am gestrigen Dienstag unter ungewöhnlich starker Beteiligung der Wahl­berechtigten statt.

Endgültige Ergebnisse dieser Urwahlen liegen noch nicht vor; doch ist die Wiederwahl wenig­stens dreier sozialdemokratischer Abgeordneten (Bergmann, Heimann und Hirsch) zweifellos; es sind dies die Kandidaten im 5., 6. und 7. Wahl­kreise. Im 12. Wahlkreise, wo dem sozialdemo­kratischen Zehngebote-Hoffmann drei bürgerliche Kandidaten gegenüberstehen, wurden in den beiden Abteilungen gewählt 118 freisinnige, 121 sozial­demokratische, 46 nationalliberale und 5 konser­vative Wahlmänner; 80 Stichwahlen müssen statt­finden. Die 3. Klasse ist nahezu ausschließlich die Domäne der Sozialdemokratie.

L Berlin, 26. Oktober 1909. Der Kaiser nahm Dienstag vormittag im Neuen Palais bei Potsdam die Vorträge des Chefs des Militär- kabinetts und des Chefs des Admiralstabes ent­gegen. — Der König von Sachsen hat dem Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg den Haus­orden der Rautenkrone verliehen. — Staatsekretär

Dernburg hat heute von New-Iork aus die Heimreise angetreten. — Der Reichstagsabg. Freiherr von Gamp (Maffauen) kann am Donnerstag auf eine 25jährige Vertretung des Reichstagswahlkreises Deutsch-Krone zurückblicken.

)( Zur inneren Lage gibt eine Berliner Korrespondenz beachtenswerte Aeußerungen des leitenden Ministers eines Bundesstaates wieder, worin es u. a. heißt:

„Wenn die Befehdung unter den bürgerlichen Par­teien nur ihre Dezimierung zugunsten der Sozialdemo­kratie zur Folge haben kann, fo ergibt sich daraus tue zwingende Notwendigkeit einer Sammlung. Worin soll diese aber bestehen? In einer Wiederbe­lebung des Blockes? Das wäre meines Erachtens keine Realpolitik, denn sie ließe die gegen das Jahr 1907 erheblich veränderte Situation außer Betracht. Man mag Über die Blockpolitik des Fürsten Bütow den­ken, wie man will; daß sie aber nach den Ereignissen dieses Jahres noch die Grundlage zu einer neuen natio­nalen Mehrheit werden kann, muß man als ausge­schlossen ansehen. . . . Wenn schon die Rerchstags- mehrheit des Blocks auf fo schwachen Fußen stand daß jede Absplitterung von rechts oder links ihr gefährlich wurde, fo ist heute überhaupt nicht mehr auf eine Mehrheit zu rechnen. Darüber kann kein Zweifel be­stehen. Eine Ueberroinbung der Sozialdemo­kratie mit gleichzeitiger Front gegen das Zentrum ist heute ein Hirngespinst. Es darf nach eine Front geben. Und darum kann es sich me- nesErachtens nur um eine Sammlung aller bur« «erlichen Parteien einschließlich des Zentrums handeln. Das allein ist Realpolitik, wie sie auch Bis­marck getrieben hat; eine Politik, die sich nicht von Gefühlen leiten läßt, sondern die Dinge nimmt, rote sie nun einmal sind."

Hier gibt ein leitender Staatsmann offen zu, daß Bülows Blockpolitik verfehlt war. Trotzdem wird man lange darauf warten können, bis alle bürgerlichen Parteien sich auf ihre Pflicht be­sinnen und vor allem den Kampf gegen die Sozialdemokratie auf ihre Fahne schreiben werden. Das zeigen ja auch die gegenwärtigen Vorgänge in Spanien. Der Haß gegen das Zentrum schweißt die „staatserhaltenden Nationalen" und die Umstürzler immer wieder zusammen.

4- Der Umweg des Zaren über Deutsch­land enthält nach Ansicht der ,Frankf. Zig/ keineswegs eine Unfreundlichkeit gegenüber Oester­reich, sie erklärt die Sache „viel einfacher und ungewungener" dahin:

„Der Zar reist stets mit einem ungeheuren Auf­gebot von Vorsichts- und Absperrungsmaßregeln; er hat diesen Aufwand Oesterreich und der Schwei, nicht zumuten wollen, aber er hat ihn von Deutschland an­genommen, das in solchen Maßregeln sehr bewandert ist, und sie ganz vortrefflich durchzuführen versteht, und er hat sie von Frankreich angenommen, mit dem er ja befreundet und verbündet ist."

Wir wissen nicht, ob damit dem deutschen Reiche em besonderes Kompliment gemacht wird.

♦ Für die Einführung einer Reichs-Wertzuwachs­steuer, die nach dem letzten Rcichsfinanzgesetz für das Jahr 1912 in Aussicht genommen ist, werden die Vor- icreitungen bereits getroffen. Das Reichsschatzamt hat die Bundesstaaten um beschleunigte Erhebungen zwecks Einführung einer Reichs-Wertzuwachssteuer er­sucht, die einen steigerungsfähigen Mindestertrag von 20 Millionen Mark zur ReichSkasse lefern soll, wobei denjenigen Gemeinden, die mindestens seit 1. April 1909 eine solche Abgabe erheben, deren Durchschnitts­ertrag auf weitere fünf Jahre nach Einführung der Reichsstener belassen würde.

)( Tie Ausnahmen vom Verbote der Sonntagsarbeit im Gewerbebetriebe sollen einer eingehenden Prüfung unterzogen werden. Nach offiziöser Darstellung hat sich ergeben, daß in einer Anzahl von Fällen ein Bedürfnis für die ungeminderte Aufrechterhaltung der bisher zuge-

lasfenen Ausnahmen nicht mehr besteht. Anderer­seits hätten sich die Verhältnisse bei einzelnen Industriezweigen, insbesondere bei der chemischen Industrie, in technischer Beziehung derart ge­ändert, daß die bisherigen Bestimmungen nicht mehr voll anwendbar sind. Wie mitgeteilt wird, sollen zu den noch für diesen Winter geplanten Beratungen Arbeitgeber und Arbeitnehmer der beteiligten Industriezweige zugezogen werden. Hoffentlich gelingt es den Vertretern der Arbeiter- schäft, die Ausnahmen von dem Verbote der Sonntagsarbeit auf das Mindestmaß herabzu­drücken.

E Dr. Götz und die katholischen Turner. Bekanntlich haben Dr. Götz und die,Turnzeitung' jeden gläubigen Christen und besonders die Katholiken und ihre Priester durch das unver­schämte Gedicht „Exzelsior" schwer beleidigt. Darauf entschuldigte sich der Führer der Deutschen Turnerschaft mit der Ausrede, er habe nicht be­leidigen wollen, fügte aber, wenn vielleicht auch unbewußt, neue Beleidigungen hinzu. Darauf aufmerksam gemacht, betonte er nochmals seine „Unschuld" und tischte, wie zur Entschuldigung, allerhand zusammengefischte Geschichten aus be­kannten Märchenfabrikcn auf. Ein Mitglied der „Deutschen Turnerfchast" ging diesen nach und stellte fest, daß Götz und die,Turnzeitung' blind­gläubig sich zum Verbreiter dieser Märchen ge­macht haben. In der Kausen'schen.Allgemeinen Rundschau' veröffentlichter aktenmäßiges Material, das die Unwahrheit der unter dem Titel „Tatsachen" in der,Turnzeilung' veröffentlichten Schauergeschichten aufs gründlichste dartut. Es stellt sich heraus, daß die unter der Spitzmarke „Turnen eine Schweinerei" gebrachte Notiz eine jener frei erfundenen Klostergeschichten ist, wie sie in der liberalen Presse mit Vorliebe zuweilen gebracht werden. Ein anderer Artikel, der kath. Geistlichen vorwirfi, in einem Fall in Schlesien von der Kanzel herab und im Beichtstuhl die Turnsache bekämpft zu haben, strotzt von Un­wahrheiten und Verdrehungen. Dir Geschichte von einer „stillen Vereinigung katholischer Turner", vmi der als von einer internationalen Kamarilla gesprochen wurde, trägt das Zeichen der Erlogen- heft und Lächerlichkeit auf der Stirn. Angesichts der Aufdeckung von soviel Unwahrheit fordert der Turner in der .Allgemeinen Rundschau' un­bedingt den völligen Rücktritt Dr. Götz ton der Leitung der deutschen Turnerschaft. Nur dadurch tonne den aufs schwerste beleidigten katholischen Turnern @enuatmma a-»Teiltet

* Bamberg, 24. Oft. 1909. Der heuie hier ab- gcMtene 1. Oberfränkische Parteitag der Zen­trumspartei erledigte verschiedene wichtige Aaitations- unb Orgamsalionsfragen. In der sich anschließenden öffentlichen Versammümg sprach Abg. Dr. Pichler über die Rorchsfinanzreform. Bzüglich der geg­nerischen Behauptung, daß 65 Prozent der bäuerlichen Bevölkerung von der Erbschaftssteuer nicht betroffen worden wären, stellte Redner fest, daß in seiner Heimat Niederbayern 85 Proz. von den Bauern diese Steuer hätten entrichten müssen. Abg Frhr. v. M a l s en sprach über die bayerische Steuerreform, er betonte namentlich, daß es der „allergrößte Schwindel" sei, wenn man behaupte, der Besitz werde geschont. In begeisternder Rede sprach dann der Abg. Dr. Pfeif- f e r über das Zentrum, seine Geschichte und sein Pro­gramm. Mit besonderer Wärme sprach sich Redner für die Jnteckonfcssionalität des Zentrums aus und schloß: „Das Zentrum ist keine Agitation?-, sondem

dort drüben den festen, sichern Schlaf der behüteten Jugend und hier dies armselige, kleine Geschöpf — allein wollte er es kaffen mit seiner grausen Furcht vor der Einsamkeit? Wollte seinem eigenen Gewiffen entgegenhandeln, nur um sich drüben den kalten Augen gegenüber nicht verantworten zu müssen? Er schämte sich auf einmal.

„Nimm ein warmes Tuch um, Rena," sagte er polternd, „aber fix. Hast Du auch feste Schuhe an? Draußen schwimmt'S. Und dann komm, viel Zeit zum Schlafen haben wir nicht mehr. Ich bringe Dich in mein Kabinett, da kannst Du heute schlafen, morgen — morgen —'

Er kraute sich schon wieder den Kopf. Ja, was morgen werden würde?

Hastig schraubte er den Ofen zu und löschte die Lampe, dann nahm er Renate an dec Hand und tappte mit ihr aus dem Zimmer. Draußen schloß er die Tür mit dem Schlüffel. den sie ihm eingehändigt, und nun gingen sie eng aneinander geschmiegt die paar Stufen zum Garten hinunter.

„Himmel, daß ich nicht an Beate gedacht habe!"

DaS Licht im zweiten Hinterbau brannte noch immer. Walldorf zerrte das Kind vollständig, fo be­lebend wirkte dieser Anblick auf ihn. Daß er die Schwester vergessen konnte! Nun war er ja auf ein­mal aus aller Not.

„Beate," rief er, und klopfte mit feinem Stock an die Scheibe. „Beate!"

Drinnen wurde ein Stuhl gerückt und gleich darauf erschien ein Kopf zwischen dem zurückgeschobenen Vor­hang. Die Gerufene legte die Hände an die Augen, um besser sehen zu können, und rief dann sichtlich er­staunt: „Henrik, Du?"

„Mach auf, Beate," mahnte er, „ich bringe Dir etwas."

„Nm diese Zett?" hörte er sie noch sagen, dann verschwand der Lichtschein aus dem Zimmer, eilige Schritte kamen in» VorhauS und gleich daraus wurde die Haustür aufgeschlossen.

„Geh mit der Lampe in das Zimmer zurück, ehe ich öffne, Beate, der Sturm löscht sie unfehlbar. Ein Hundewetter, sage ich Dir."

„Wer heißt Dich, bei solchem Wetter umherzu­steigen?"

„Diese hier!"

Er schob die Kleine vor sich her. Der Sturm läßt sie nicht schlafen, Beate, nimm sie zu Dir, für diese Nacht. Bei Dir kann ich ste immer noch eher unter­bringen, als bei mir drüben."

„Allerdings "

Ueber das hübsche, ernste Gesicht flog ein sar­kastischer Zug, einen Moment nur, dann hatte es wie­der seinen ursprünglichen Ausdruck. Eine hohe, schlanke Gestalt war Beate Walldoff. Wie sie neben dem viel alteren Bruder stand, gab sie ihm kaum etwas an stattlicher Größe nach. Sie war in ein dunkles Mor­gengewand gekleidet, dem hochftisierten dunklen Blondhaar sah man an, daß sie sich noch nicht zur Nachtruhe fertig gemacht hatte.

„Wie kommt es, daß Du noch nicht schlafft?"

„Ich lege mich nie früh hin."

Sie setzte 'die Lampe auf den Schreibtisch zurück, an dem sie gesessen. Eine Menge mit Bleifeder be­schriebener Blätter füllten seine Fläche.

Walldoff toarf einen Blick darauf.

„Du schriftstellerst?" fragte er erstaunt, und trat näher, eines der Blätter in die Hand zu nehmen.

Fast zomig riß die Schwester es ihm fort. Eine Blutwelle stieg ihr jäh in die Stirn.

„Kümmere ich mich banttn, was Du in Deinen Mußestunden treibst?" fragte sie hastig und trug die Lampe auf den Sophatisch. „Du spielst Deinen Skat, ich suche mir andere Beschäftigung, um den Schlaf zu locken — er flieht mich in den Nachtstunden gewöhn­lich und stllt sich erst des Morgens ein."

„Roch immer, Beate?" Walldorf nahm liebevoll der Schwester Gesicht zwischen die Hände. Er sah, daß es schmal geworden und die Augen dunkel um­schattet waren. „Läßt Dich'» denn gar nicht los, Beate?"

Aortsetzuug folaM