MaerW Zeitung
Jahrgang
Fulda, Dienstag den 26. Oktober 1909
M 246.
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Bis jetzt sind die Bäume der Unternehmer noch nicht in den Himmel gewachsen. Ein guter Stern hat die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung darauf gelenkt, sodaß die Arbeiter sich zur Wehr setzen konnten bevor der Plan ausgereift war. Jetzt kommt es darauf an, wer der Stärkere ist. Die öffentliche Meinung wird den Bergabeitem in dieser schwierigen Lage energisch beizuspringen haben, wenn sie trotz der schlechten Konjunktur diesen neuesten Angriff der Un- temehmer auf ihr Vereinigungsrecht auf ihre Bestreb' ungen zur Verbeffenmg der Löhne abzuwehren in der Lage sein sollen.
an dem sich ein Schatten hin- und herbewegte. Er brückte sein Gesicht an die Scheiben und blickte in den
nicht?"
„Onkel Walldorf!" klang's von innen zurück. Ein paar aufgeregte Kinderaugen starrten ihn sekundenlang an. dann wurde der Türriegel zurückgeschoben und die kleine Nachtwandlerin — ein etwa neunjähriges Mädchen — stand in dünnster Bekleidung auf der Schwelle und streckte die Arme nach dem Draußen- siehenden aus. .
„Onkel Walldorf!"
„Willst Du wohl nicht rauskommen, Mädel! Du denkst wohl, 's ist Sommer, weil der Schnee fort ist? Kannst ruhig noch ein paar Monate warten, ehe Du um 2 Uhr nachts hier in solchem Kostüm herumspazieren kannst. Wo ist Mama, schläft sie schon?"
„Nein, Onkel, und ich habe so schreckliche Angst."
Er drängte die Kleine sanft in das Zimmer zurück und schloß die Türe hinter sich.
Zwei Stuben nur umfaßte die kleine Bude. Sie war jedenfalls von Anfang an für Sommergäste berechnet, die sich vom Haupthause beköstigen und verpflegen lassen sollten. Es war unmäßig heiß in dem ersten Raum. Im eisernen Ofen brannten noch eben hmeingeschobene Holzstücke. Der Sturm trieb auch zwischen ihnen sein Wesen, Prasselnd und knackend starben sie den Feuertod und sandten züngelnde Flammen aus der unverschlossenen Oeffnung.
„Willst uns wohl das Haus über dem Kopf an» zünden. Du unvorsichtiges Kind," schalt Walldorf und drückte die Ofentüre zu. „Wozu machst Du überhaupt solch unbändiges Feuer, willst Du hier braten Hat Mama denn befohlen, daß Du so heizen sollst?"
Die Kleine schüttelte den Kopf.
„Mama hat gesagt, ich solle ruhig schlafen, bi» sie wiederkommt — aber sie kommt ja gar nicht und weil ich nicht schlafen konnte, habe ich Feuer gemacht, mich fror so sehr und der Sturm machte mir angst. Hör nur, Onkel, wie er tobt — als wenn viele, viele Menschen weinten und schrien."
„Ein bischen weniger Phanwste wäre Dir schon
Lrscheint täglich mit Ausnahme bet So.m= ttnb Feiertage, vlertri- jährlicherSerngsprelr ohne vringerlohn unb VeMgelb in Zulba sowie aurwättslLiMk.
Verantw. Redakteur! «ark schütter
erzogen werden müßten, und die Mutter mußte die Erklärung abgeben, daß sie ihre Kinder in Zukunft in den katholischen Gottesdienst schicken und sie von dem Besuche des evangelischen Gottesdienstes zurückhalten werde. Nunmehr nahm die katholische Erziehung der Kinder anstandslos ihren Fortgang, bis das älteste Kind im Januar 1909 den Kommunionunterricht empfangen sollte. Es erschien in den ersten Stunden, blieb bann aber plötzlich aus, weil es nach dem Urteil der Mutter noch zu jung sei. Vor kurzem be»
• -uaelische Konfirmandenunterricht, und obwohl das Kind erst am 12. April 1910 14 Jahre alt wird, und sich gesetzlich über seine Konfession erklären kann, nimmt es auf Veranlassung seiner Mutter an diesem teil, besucht auch den evangelischen Gottesdienst im Widerspruch mit den nassauischen gesetzlichen Bestimmungen, den Anordnungen des Vormund- schastsgerichts Ems und den Versprechungen der Mutter. Auf die Beschwerde des katholischen Pfarramtes wurde nun das Kind wieder aus dem evangelischen Religionsunterricht in den katholischen zurückoerwie- fen, es besucht aber noch immer den evangelischen Konsinnandenunterricht und Gottesdienst. Und so ergibt sich die interessante Tatsache: Derselbe Geistliche, der als Kreisschulinspektor das Kind aus der evangelischen in den katholischen schulplanmäßigen Religionsunterricht verweist, läßt es als evangelischer Pfarrer an seinem Konsirmandenunterricht teilnehmen, und dasselbe Kind, das morgens von 8—9 Uhr katholischen Religionsunterricht empfängt, nimmt von 11—12 Uhr am evangelischen Aonfirmandenunterricht teil. Ist daS nun nicht vom Standpunkte bet Päbagogik eine Ungeheuerlichkeit und in religiöser Hinsicht geradezu eine Mißhandlung der Seele eines hilflosen Kindes von 131/9 Jahren? Was sagt die Königliche Regierung in Wiesbaden als Schulaufsichtsbehörde zu dieser Angelegenheit?
* Bamberg, 24. Okt. 1909. Abg. Domdekan Schaedler ist an einem Augenleiden erkrankt.
— Nürnberg, 25. Okt. 1909. Die bayerischen Nationalliberalen hielten hier am Sonntag eine Versammlung ab, um ihr Verhältnis zu den Jungliberalen zu regeln. In einer Resolution wurde Bereitwilligkeit zur Gesamtarbeit mit den übrigen liberalen Parteien zugesichert, aber hierfür u. a. verlangt: 1. Ausdrückliche Zusicherung, daß an dem bewährten Organisalionsstatut der vereinigten Liberalen und Demokraten festgehallen werde; Verpflichtung seitens der einzelnen Organisationen, Bestrebungen zu unterlaßen, die auf eine Aenderung deS grundsätzlichen Teiles des Organisationsstatuts des Blocks gerichtet sind; Genugtuung wegen der Ausschreitungen in jungliberalen Versammlungen und die Zusicherung sachlicher Austragung etwaiger Meinungsverschiedenheiten. Die Vertreter der nationalliberalen Partei im Zentralausschuß des Blocks wurden beauftragt, falls diese Bedingungen nicht erfüllt werden können, den Austritt der nattonalliberalen Partei alldem Block zu erklären. Der Landesausschuß hat ferner in Anwesenheit des zum Wort zugelaffe- nen jungliberalen Abgeordneten Hübsch dessen Ausschluß aus der nationalliberalen Partei mit allen gegen Stimmen gebilligt. — Bayerische liberale Blätter sehen durch diese Beschlüffe die Sprengung des bayerischen liberalen Blocks „in bedauerliche Nähe gerückt". Di« Münchener Zeitung' meint, daß die Beschlüffe zum Frieden führen, sei kaum anzunehmen. Die Junaliberalen dürften sich schwerlich den auf- gestellten Bedingungen fügen. Wenn nicht auf beiden Seiten ein weiteres Entgegenkommen sich zeige, müsse man mit dem Zerfall deS Blockes rechnen.
** Berlin, 25. Okt. 1909. Der Kaiser hörte am Montag mehrere Vorträge. Am Sonntag wohnte er den Schlußrennen auf der Grüne- Waldbahn bei. — Ter Reichskanzler ist am Montag nachmittag 6 Uhr vom König Friedrich August von Sachsen im Schloß Pillnitz empfangen worden. — Dem Domprobst Dr. Berlage in Köln ist gelegentlich seines goldenen Priesterjubiläums das Kreuz und der Stern der Komture des Königlichen HausordenS von Hohenzollern verliehen worden. — Zum Vorsitzenden des Ver- bandeS deutscher B e a m t e n v e r e i n e ist an Stelle des Staatssekretärs des Reichsschatzamts, Wermuth, der den Vorsitz kürzlich niedergelegt hat, der Direktor im Reichsamt des Innern, Just, gewählt worden.
4- Die Reichstagswahl in Koburg hat, wie gemeldet, mit einem Siege der Sozialbemokra- t i e ihren Abschluß gefunden Sie hat in der Stichwahl stark 800 Stimmen mehr aufgebracht, als in der Hauptwahl und noch 414 Stimmen mehr als die Nationalliberalen und die sie unterstützenden Freisinnigen. Ob freifinnige Wähler entgegen der Wahlparole in der Stichwahl den Genossen unterstützt haben, wird schwer festzustellen sein; uns scheint, daß man mit der hergebrachten Ansicht wird brechen müssen, die Sozialdemokratie habe für Stichwahlen keine eigenen Reserven zur Verfügung. — Das Ergebnis von Koburg ist deswegen so bemeckensweck, weil in diesem Wahlkreise nur Parteien gegenüberstanden, welche gegen die Reichsfinanzreform gestimmt haben. Es liefert den klarsten Beweis für die von uns immer behauptete Tatsache, daß der liberale VerbetzungSfeldzug gegen die Parteien, welche die Reichssinanzreform durchge- sührt haben, nicht im geringsten dazu bient, bie liberale Wählerschaft festzuhalten ober gar rechtsstehende Wäh-
moitdsbeaage: „glllbaet Eeschichtsblätter"
[] Gewitterwolke« am sozialen Himmel
„Wenn wir nicht in einer so schlechten Konjunktur wären, dann ständen wir heute wieder in einem großen Bergarbeiterstreik", das ist bie Auffassung, die heute in weiten Kreisen der Bergarbeiter des Ruhne- viers herrscht.
Den Unternehmern, repräsentiert durch den „Ze- chenverband". ist ein Unglück widerfahren. Irgendein Zeitungsschreiber ist ihnen mit schweren Kürassierstie- stiefeln in die zarten gäben ihrer feingesponnenen Netze gesprungen und hat die schönen Plane über bett Arbeitsnachweis aller Welt dargelegt. Die Unternehmer haben es nicht zu bestreiten gewagt, obgleich sie ein sehr stackes Pressebüro mit großen Mitteln unterhalten, daß sie die Gründung eines gemeinsamen Arbeitsnachweises für alle Zechen planen, den alle Bergarbeiter, die im Ruhrrevier Arbeit haben wollen, passieren müssen. Mit einem solchen Nachweis schafft man sich unbedingte Gewalt über alle Arbeiter, die im Ruhrrevier Arbeit suchen. Ein Arbeiter, der sich mißliebig gemacht hat, braucht jetzt nur diesem Nachweis als „verdächtig" ober als sonst verfehmt gemelbet zu werden, dann ist's um ihn geschehen. Der Arbeitsnachweis stellt ihm einfach keine ober nur gekennzeichnete Papiere auS, und bann bekommt er keine Arbeit mehr, mag er auch alle Zechen des Ruhrreviers abtraben.
DaS Schmerzenskind der Unternehmer sind die Vertrauensleute der Gewerkschaften. Ohne ein festes Fundament guter Vertrauensleute in den einzelnen Orten kann sich keine Geweckschast halten. Diese Leute ohne weiteres aufs Pflaster zu setzen, geht nicht immer an, außerdem hätte man ja gar keine Garantie, daß sie nicht sehr bald wieder auf anderen Zechen Arbeit finden würden. In den Zeiten der Hochkonjunktur sind Zechenverwaltungen, denen an einer möglichst hohen Förderung liegt, auch nicht so leicht dazu zu bringen, Arbeiter, bie sich anbieten, zurückzuweisen, weil ihnen ja badurch eine Ausnutzung ber Konjunktur erschwert werben würde. Zechen die bei der Annahme ber Arbeiter weniger peinlich verfahren, haben eben den größten Arbeiterzuspruch. Die Äus- merznng mißliebiger Leute ist viel einfacher, wenn man von einer durch Spezialrücksichten der Zechen nicht behinderten Zentralstelle aus einen Einfluß auf Arbeiterauswahl auszuüben vermöchte. Dann kann man es auch möglich machen, daß die Arbeiter häufig wechseln, wenn ihnen irgendwo ein höherer Lohn zu winken scheint. Hat man die Arbeiter in ber Hand mit der Sicherheit, daß sie auf Monate hinaus "ober vielleicht gar nicht auf andere Zechen unterzukommen vermögen, dann kann man bei der Festsetzung des Gedinges schon mal weniger weichherzig fein, als das gegenüber einer stack fluktuierenden Arbeiterschaft nölig ist. Man schlug also zwei Fliegen auf einen Schlag, als man seinerzeit die „schwarzen Listen" einfühcke. Man konnte auf diese Weise bie Funktionäre ber Organist Hon langsam, aber sicher aus dem Bergbau hin- ansgriulcn und unterbaub den lohnsteigernden Einfluß des Wechsels ber Arbeitsstelle.
Der Widerspruch ber Arbeiterschaft wie ber öffentlichen Meinung hat diese schwarzen Listen nicht im vollen Umfange zur Wirkung kommen lassen. Aber die Untemehmer sahen schon aus dem. was sie erreicht hatten, welche Bedeutung der Ausbau dieser Arbeiterkontrolle für sie haben mußte. Man hat sich im Laufe der Zeit eine Anzahl von Sekretären zugelegt, die doch alle etwas zu tun haben wollen, die eine Befriedigung ihres Ehrgeizes darin finden, neue Pläne zur Unterstützung der Arbeitgebermtereffen auszuhecken. Wahrscheinlich mit ihrer ausgiebigen Hilfe Ist denn jetzt der Plan ausgereift, den Zentral-Arbeltsnachweis zu schaffen.
Deutscher Reich.
r Der Wechsel in der Leitung des Reichs- Justizamtes.
Zum Nachfolger Dr. NieberdingS in der Leitung deS Reichsjustizamtes wurde der bis- herige Präsident des Kammergerichts Wirkt. Geh. Oberjustizrat Dr. Lisco ernannt. Der Amtswechsel erfolgt am 1. November d. Js. Der Kaiser, der das Rücktrittsgesuch des Staatssekretärs Dr. Nieberding gestern genehmigte, verlieh ihm seine Büste in Marmor.
Der neue Staatssekretär Dr. Lisco ist ein vorzüglicher Jurist. Er war, ehe er vor ungefähr drei Jahren an die Spitze des Kammergerichts kam, längere Zeit im preußischen Justizministerium, zuletzt als Direktor tätig. Er ist der Sohn eines liberalen Predigers in Berlin. Der neue Staatssekretär ist politisch nie hervorgetreten, dürfte aber, wie die,Frkf. Ztg/ meldet, der gemäßigt liberalen Richtung angehören. Er besitzt auch die Gabe wirkungsvoller Beredsamkeit, wird daher im Reichstag sein Ressort erfolgreich zu vertreten vermögen.
gut, mein Dlrnchen," sagte Walldorf, und zog das kleine, magere Ding an sich. „Hättest ruhig schlafen sollen, Mama komnit doch manchmal spät zurück."
„Ja, Onkel, aber heute hat Mama geweint, als si« fortging, und fo anders war sie, als sonst, und wenn sie einmal nicht wiedeckärne, dann solle ich zu Dir ober zu Tante Beata gehen, hat ste gesagt, Ihr hättet mich ja lieb, unb siehst Du, Onkel, ich habe so schreckliche Anost, daß Mama gar nicht wieder kommt. Sieh doch, alle ihre Sachen sind fort und das Theater ist doch schon längst aus."
Walldorfs Miene wurde emst. Er mußte sich sagen, daß er diesen Ausgang längst gefürchtet. Nur, daß ste gegangen fein sollte, ohne für das Kind gesorgt zu haben, das wollte ihm nicht glaubhaft erscheinen. Leichtsinnig war sie ihm nie vorgekommen, obgleich sie zur Theaterwelt gehörte. Eine vom Mann bertaffeue Frau, bie schließlich aus Not ein Engagement für kleine Rollen mit bentbar geringem Honorar angenommen. Des Mannes Beruf hatte ste in diese Laufbahn gedrängt. Er war ein guter Schauspieler, aber gewissenloser Mensch gewesen, ber eines Tages verschwunden, verschollen blieb unb nie lieber nach Frau unb Kinb gefragt hatte. Schon seit drei Jahren wohnte bie Schauspieleffarnilie in bem kleinen Hause, seit zwei Jahren ohne ben Mann unb Dater. Die arme Frau hatte sich reblich gequält, sich unb bas Kinb burchzubttngen; zur Schauspielerei fehlte ihr jegliches Talent und zu jedem anderen Erwerb die Möglichkeit.
Vornehmer Leute Kind — entlaufen ben Eltern, um ben Schauspieler zu heiraten, ben sie zu lieben glaubte, bie alte sich oft wiebetholenbe Geschichte von Verstoßung unb Enterbung.
Walldorf streichelte die schmalen Wangen des Kindes, das sich dicht an ihn geschmiegt hatte.
„Mrd schon wledeckommen, die Mama," sagte et tröstend, „leg Dich nur ruhig schlafen, Rena. Willst Tu, so warte ich, bis Du Dich hingelegt hast, und schließe dann von draußen zu. Mama hat chren Schlüffck ja doch wohl bei sich? Morgen früh komm« ich dann unb sehe nach, ob Du noch immer allein bist."
(Fortkeßuna folat)
Z.parr«ll«r in Fulda. U)od}Cltbd(0£t2 „riuftttette Sonntagsidtung"
UN verhüllten Raum.
„Rena," ries er, „Rena — warum schläfst
erlöst vom frostigen Bann fauchte fein stürmender Odem. Er knickte, was noch Trockenes an Bäumen und Sträuchern, und weckte den schlummernden Lebenssaft zu neuem Sprießen. Hochauf bäumten sich unter feiner Gewalt der See welßschäumlge Wellen. In weitem Bogen feuchteten sie den weißen Uferfan b und sprühten versprengte Tropfen auf das spärliche Dünengestrüpp und die breite Strandtreppe, bie zur .Stabt empofführte. In nächtlichem Dunkel lag ole- felbe. Mitternacht war längst vorüber, vorn Turme ber heiligen Trinitatskirche schlug eS zwei.
Die Selben Herren, bie bei ber kärglichen Beleuchtung ber obligaten Nachtlaterne bie Kurhausstraße ent- :Utng kamen, kämpften sichtlich mühsam gegen ben Sturm. In lang anhaltenden Stößen kam er von der Seeseite, zerrte an den breiten Mantelkragen und dm Karten der Wandernden und warf klatschende Regen- gusse in ihre Gesichter. Dann wieder eine sekunben- [lange Pause, wie tiefes Atemholen, und mit erneuter Kraft ein tosender Anfall.
»Der meint'S heute gut," keuchte der ältere ber Machtschwärmer und blieb an einer der Seitenstraßen, die sich in die städtischen Stnlagen verzweigten, stehen. »Der meint e8 heute schon zu gut! Würde mich gar flicht wundern, wenn er einmal eine von unseren klel- uen Sommerbauten über den Haufen würfe. ES ist hoch meckwürdig, baß stch ber Frühling bei unS an ber Btt nicht anberS als mit Gepolter einführen kann."
„Wohl überatt, nicht nur au ber See," bemerkte her anbere^abet ich weiß nicht, solch ein Ftühlings- flurm hat für mich ganz befonberen Reiz. Ich habe Mm« bie Empftnbung, als erwecke er mtt seiner »raftfümme alles noch halb vom Winterschlaf Be- Jtatgene unb trüge auf seinen Schwingen —'
.Rur nicht blchtm, Nebatteurchm, tun Sie mir W. flicht an, jetzt bei nachtschlafender Zeit wenigsten»
nicht. Machen Sle's zu Hause in der Stille ab, 's fällt mir auf die Nerven, besonders heute, wo Sie mich im Stammlokal ordentlich ausgeplündett haben. Hat man so was erlebt, bei unseren niedrigen Einsätzen, sechs Rubel im Skat zu verlieren! Nicht mit rechten Dingen ist's zugegangen. Oder sollte der Portwein in der Muffe in letzter Zeit so gepantscht sein, daß mir der Spiritus in ihm den Kopf verdunstet hat?"
„Nicht unmöglich, Walldorf."
Sie lachten beide auf und trennten sich dann mit Handschlag.
„Danke für Ihre Begleitung, Dottor, jetzt haben Sie's besser, nun treibt der Wind Sie zurück."
Oberlehrer Walldorf hatte ein Paar Schritte noch zu machen, bann ftanb er vor seinem Hause mit bem kleinen Vorgatten. Noch waren die Blumenrabatten und hochstämmigen Rosen auf den Beeten mit Stroh umhüllt, aber der Wind hatte auch hier seine Gewalt probiert, die Winterhülle hing an verschiedenen Stellen lose herab.
Walldorf öffnete die kleine, knarrende Gackenpforie und schritt auf die größte der kleinen Villen, deren ihrer drei auf seinem Grundstück lagen, zu. Es war ein einstöckiger Bau mit bceitangelegter Veranda, der wohl auch nur Raum für eine kleine Familie bot, aber im Verhältnis zu den beiden ftetnen Gebäuden, die tiefer im Gatten lagen, immerhin stattlich zu nennen war.
Da die Veranda noch winterlich verrammelt war, umschritt Walldorf das Hau«, um zum hinteren Eingang zu kommen. Seine Augen fielen dabei auf bie Hinterwohnungen, in beiben war je ein erleuchtetes Fenster zu sehen.
„Die können auch nicht bas Bett finben," murmelte er, „gerabezu unbegreiflich, was Beat« stets so lange wach erhält. Tagsüber schon nichts zu hin und bann noch immer die Rächt zum Tage zu machen. Ob bie wohl enbllch mal zur inneren Ruhe zurückkommt? Und bie da?" Er blickte nach ber anbeten Seite. „Da ist ja der Vorhang nicht mal zugezogen — leichte Sorte — leichte Sockel Aber ist da» nicht die Rena?"
Mit wenigen Schritten stand er an dem Fenster,
[er in bas liberale Lager hinüberzuziehen, sondern einzig und allein der Sozialdemokratie Vorspanndienste leistet. Die „National-Zeitnng" meint elegisch:
„Ein Unglück kommt selten allein. Der Niederlage m Neustadt-Landau ist die in Koburg gefolgt, dir nicht weniger schmerzlich empfunden werden wird. Aber trotzdem liegt kein Grund zum Verzagen vor. Die Nationalliberale Partei wird ungebrochenen Mutes ihren politischen Weg weitergehen, den sie für den rlch- tigen erkannt hat."
Und der — können wir hinzufügen — wie die Wahlresultate von Neustadt-Landau und Koburg sowohl, als auch in Sachsen und Baden klar erweisen, sie immer weiter dem Abgnmde zuführen wird.
)( Di« vier Berliner Nachwahlen zum Landtage finden heute statt. Der Freisinn sieht ihnen wieder mit Bangen entgegen. Die Lage hat.sich seit der Kassierung der Wahlen keineswegs z>" gunsten der liberalen Parteien geändert. Der einzige Wahlkreis, in dem die bürgerlichen Parteien siegen könnten, ist Moabit, der bei den Hauplwahlen den sattsam bekannten Zehngebote- Hoffrnann in den Landlag gesandt hatte.
Unterstützung für die Tabakarbeiter. Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Wer- muth, hatte am Freitag mit Vertretern der Tabakarbeiter-Verbände eine Besprechung über die im Tabaksteuergesetze vorgesehene Unterstützung beschäftigungsloser Arbeiter. Dt« Vertreter der Verbände gaben dabei ihre Bereitwilligkeit kund, die sachgemäße Verteilung des vom Gesetze geschaffenen Unterstütz ungssonds fortlaufend fördern zu helfen. Die in der gleichen Angelegenheit in den Regierungsbezirk Äinden entsandten Vertreter des Reichsschatz- amles, des Finanzministeriums und des Handelsministeriums sind nach Berlin zurückgekehrt. Ihre auf der Reise gewonnenen Informationen werden bei dem nunmehr auszustellenden end- giltigen Verleilungsplan Berücksichtigung finden.
) ( Die deutsch-chinesische Hochschule in Tsingtau Ist am Montag in Gegenwatt ber deutschen Milltär- vnd Zivilbehörden unb hoher chinesischer Provinzial- bcamter feierlich eröffnet roorben. Für biese Hochschule hat bekanntlich ber Reichstag zunächst einen Pauschalbetrag bewilligt. Die fortlaufenden Ausgaben sind bei Vollbetrieb der Hochschule auf 130,000 Mk. jährlich veranschlagt worben. Zu ben Einrichtungs- kosten trägt die chinesische Regierung 40.000 Mk. bei unb zu ben laufenden Ausgaben jährlich ebenfalls 40,000 Mk., zunächst auf bie Tauer von zehn Jahren. Die Anstalt wirb von bet chinesischen Regierung als solche amtlich anerkannt. Zunächst wirb bie Hochschule von etwa 200 Schülern besucht werden, die aus allen Provinzen des Reickies auszuwählen sind. Ob bie Hoffnungen, bie sich bie Rcichsregierung mit dieser deutschen Schule in China macht, in Erfüllung gehen werden, des wirb erst die Zeit lehren.
* Bad Ems, 24. Okt. 1909. Ein merkwür- blgcrSchulfall, über ben ber „Köln. Volksztg." berichtet wirb, erregt hier zurzeit Aufsehen unb zeigt wieder einmal, was alles den Katholiken geboten werben barf. Das Kinb Charlotte K., geboren 1896, stammt aus einer oemiftbien Ehe uno muß. ba ber Vater kath ollsch war, nach ben gesetzlichen Bestimmungen bes Nassauischen Ebiktes vom 22 /26. März 1808 in ber katholischen Religion erzogen werben. Die katholische Kinbercrzlehung war überbies von ber protestantischen Mutter schriftlich zugestanben worben. Die brel ans ber Ehe entsuroßten Kinder sind bis zu dem 1903 erfolgten Tode des Vaters auch katholisch erzogen worden. Rach dessen Tobe rersuchte bie Witwe bie Sinber protestantisch zu machen unb führte ste bem evangelischen Religionsunterrichte zu. Das gegen bieses Vorhaben angerufene Vormund- schaftsgericht Ems entschied, daß die Kinder katholisch
Irrende Seele.
1] Roman von H. Telchert.
1. Kapitel.
In den Lüften brauste bet Frühlingssturm.