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M 245.

Fulda, Montaa den 25. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

S Der Grotzblock in Baden.

Die liberale Presse schlägt Purzelbäume vor Ver- znügen über den Ausfall der badischen Landtagswah- len. Landauf, landab hört man die Sieg^fanfaren blasen und Viktoria schießen.

Ja, haben denn die Liberalen einen so herrlichen Lieg errungen? Das nun freilich nichts im Gegenteil, sie sind fürchterlich in die Pfanne gehauen worden. Aber das sind sie von alters her so gewöhnt und neuerdings kennen sie es gar nicht mehr anders, als daß sie bei jeder Wabl diejenigen sind, die die meisten Hiebe kriegen. Und dennoch Siegesjubel? Ei gewiß — das Zentrum hat ja eine Niederlage erlitten! So meinen sie wenigstens.

Nun wollen wir keineswegs sagen, daß das Zen- tmm mit dem Ergebnis der Wahl besonders zuftieden ju sein brauchte, aber immerhin hat unsere Partei sich nicht schlecht gehalten. Von den 28 Mandaten, die sie besaß, hat sie im ersten Wahlgang 23, (nicht, wie am Samstag verlautete, 22) behauptet, barunter Bonndorf, (Wittemann), Rastatt-Baden, (Zehnter) und Frei- l'urg-Emmendingen (Schüler), auf welche die Natio­nalliberalen sich bereits Hoffnung gemacht hatten. In den übrigen Kreisen ist sie in die Stichwahl gedrängt worden: Freiburg I (Fehrenbach), Bruchsal-Stadt (Wiedemann), Ettlingen-Rastatt (Belzer), Säckingen (Jterle) und Eugen (Gießler). In allen diesen Krei­sen hat sie die höchste Stimmenzahl erreicht, nur in Ettlingen-Rastatt hat die außerordentliche Agitations- tätigkeit der Sozialdemokratte diesen einen Vorsprung von 56 Stimmen verschafft. In Freiburg I und Bruch- sal-Stadt hat auch die Stimmenzahl gegenüber 1905 zugenommen. Also von einer .zerschmetternden Nie- berlage* kann nicht wohl die Rede sein.

Am allerwenigsten haben die Liberalen Anlaß, scha­denfroh zu jubeln, denn ihnen ist es doch, wie wir schon sagten, am schlechtesten gegangen. 1905 gewannen die Nationalliberalen 14 Mandate im ersten Wahlgange, jetzt nur 4. 11 Mandate, die sie 1905 in der Hauptwahl erstritten, müssen sie vetteidigen, in 6 dieser Wahlkreise haben sie nicht die höchste Sttni- menzahl erhalten, so nicht in Lörrach-Land, dem Wahl­sriese deS Patteiführers Obkircher. Von den 1905 in »er Stichwahl eroberten Kreisen haben sie in 4 die Höchststimmenzahl erhalten, in 1 die zweite, in 2 echt die dritte Stelle während sie in Freiburg überhaupt nicht mehr in die Stichwahl kommen. Neben den Na- ttonaUiberalen sind es die D e m o k r a t e n, die in der Hauptwahl einen definitiven Verlust erlitten haben: in Schwetzingen ist der Demokrat Jhring, der 1905 In der Stichwahl siegte, vollständig ausgefallen. Die Demokraten, die 1905 im ersten Wahlgange zwei Sitze krhielien, tonnten nur Mannheim III behaupten, in Konstanz-Stadt dagegen ist ihr Führer Venedeh erst In die Stichwahl an zweiter Stelle gekommen, ebenso in den 1905 in der Stichwahl eroberten Wahlkreisen Offenburg-Stadt und Lahr-Altenheim. Die F r et- sinn i z e n sind in Karlsruhe III — ihrem einzigen 1905 in der Stichwahl eroberten Sitz — an zweiter Stelle wieder in die Stichwahl gekommen. Während die Liberalen aller Schattierungen also nicht besonders freudig gestimmt sein können, ist dies durchaus aus sei- ten der Sozialdemokratie der Fall. 1905 er­oberten sie 5 Sitze in der Hauptwahl, 7 in der Stich­wahl. Jetzt brachte ihnen der erste Wahlgang bereits 9 Sitze. Dazu stehen sie in 28 Stichwahlen. Die M i t- telstandsvereinigung in Karlsruhe hat sich nur in Karlsruhe II die zweite Stelle verschaffen können.

Allgemein Ivar man darauf gespannt, ob es wie­der wie 1905 zu einem Großblockabkommen d. h. zu einem Bündnis des Liberalismus mit der Sozialdemokratte kommen würde. Ein solches Bünd­nis würde die Großblockparteien in die Sage versetzen, tlle Mandate unter sich zu besetzen. Konserva­tiven und Zentrum würde es jedenfalls sehr erschwett, irgendwo die Mehrheit zu erringen. Die Frage, ob

ein solches Abkommen Zustandekommen würde, ist in­zwischen bereits entschieden. Die Linksliberalen waren von vomherein für das Bündnis der Sozial­demokratie. Run haben auch die N a t i o n al- liberalen sich für die Erneuerung des Großblocks zu den Sttchwahlen entschieden. In einer Versamm­lung deS Engeren Ausschusses der nationalliberalen Pattei nebst den Landtagskandidaten, Vettrauensmän- nern usw. wurde dieser Abschluß gegen drei Stimmen gefaßt. Am gestttgen Sonntag bereits erfolgte eine informatorische Besprechung zwischen den Natio­nalliberalen und der sozialdemokra­tischen Patteileittrng in Heidelberg. Die entschei­dende Gesamtsitzung aller beteiligten Patteien findet in Karlsruhe Montag vormittag statt. Die Sozialdemokraten sind dem Vernehmen nach bereit, sich mit etwa 18 Sitzen zu begnügen.

Der Erfolg dieses Großblockabkommens wird sein, daß die Sozialdemokraten zur ausschlag- gebenden Stellung im neuen Landtag ge­langen. Der Liberalismus wird vollständig von ihm abhängig werden; und er wird für dieses Endergebnis bei den Sttchwahlen noch schwere Opfer Bringen müs­sen. Allerdings wenn er das Abkommen nicht ge­troffen hätte, würde es ihm n o ch schlimmer ergangen sein und er nur ein paar klägliche Ueberreste aus der Schlacht heimgetragen haben. Der Gedanke an die Folgen einer übermäßigen Erstarkung der Sozialdemo­kratie in der Kammer hat die Herren von Bildung und Besitz jetzt ebensowenig zur Einsicht kommen lassen wie bei der blöden Steuerhetze, deren Soften die einst allmächtige Regierungspattei am 21. Oktober zu be­streiten hatte.

_ Was schert es sie, wenn künftig zu einem guten Teile das Geschick des Landes und der Regierung in die Hände der Sozialdemokratie gelegt ist. Eine Herr­schaft der „Klerikalen' wäre ja noch viel entsetzlicher gewesen und muß darum um jeden Preis verhindert werden!

Deutsches Reich.

----- Rücktritt Nieberdings.

Der Staatssekretär des Reichsjustizamies Dr. Nieberding beabsichtigt nach der,Nordd. Allg. Zig/ mit Rücksicht auf sein vorgerücktes Alter demnächst in den Ruhestand zu treten.

Dr. Nieberding, der im Alter von 7t Jahren steht, hat seit mehr als 17 Jahren der Reichs- justizverwaltung vorgestanden. Er war bekannt­lich der einzige Katholik unter sämtlichen Ministern und Staatssekretären zu Berlin. In seinem Amte hat er Großartiges geleistet; unter ihm kam das Bürgerliche Gesetzbuch zustande, die Revision des Handelsgesetzbuches, die gesetzliche Regelung des Versicherungsvertrages; er arbeitet an der Reform des Strafgesetzbuches und diese wäre schon längst fertig gewesen, wenn ihm nicht Preußen so viele Schwierigkeiten bereiten würde. Umsomehr ist es zu bedauern, wenn er nun vor Abschluß dieser Arbeit aus dem Amt scheidet.

)( Tas neue Strafgesetzbuch.

Der Vorentwurf zum neuen Strafgesetz­buch ist soeben im Buchhandel erschienen. Es besteht aus 310 Paragraphen. Die alte Drei­teilung der strafbaren Handlungen in Verbrechen, Vergehen und Uebertretungen ist beibehalten worden. Die Strafmündigkeit wird vom voll­endeten 12. auf das vollendete 14. Lebensjahr verlegt. Die bedingte Verurteilung wird gesetzlich sestgelegt, sodaß die Begnadigung nicht mehr von der Willkür der Richter und der Verwal­tungsbehörden abhängt. Leider bestätigt sich eine frühere Meldung, daß der Entwurf den

Nachweis der Böswilligkeit zur Voraussetzung der Strafbarkeit von Gottesästerungen und Beschimpfungen der Religionsgemeinschafen macht. In der Begründung dazu wird ausgeführt, das Gesetz dürfe einer erlaubten Kritik der ernsten, wissenschaftlichen Forschung kein Hindernis be­reiten, der Endzweck des Täters müffe darauf gerichtet fein, zu lästern und zu beschimpfen. Welchem Gotteslästerer kann man nachweisen, daß er die religiösen Gebräuche beschimpfen wollte?

5 Berlin, 24. Okibr. 1909. Das Staats­ministerium ist gestern zu einer Sitzung zu­sammengetreten. — Der König von Sachsen wird den Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg am Montag in Audienz empfangen. — Staatssekre­tär Dernburg ist von seiner Reise durch die amerikanischen Südstaaten nach Newyork zurück- gekehrt. Am Dienstag beabsichtigt er, der ,Frkf. Ztg/ zufolge, nach England abzureisen.

)( Der Reichstag soll nach einer sonst gut informierten Berliner Korrespondenz erst in den letzten Tagen des November durch den Kaiser eröffnet werden. Die Tagung vor Weih­nachten würde nur wenige Sitzungen aufzuweisen haben.

* Fürst und Fürstin von Bülow reiften Sonntag abend von Berlin über Frankfurt a. M.- Slraßburg zunächst nach Bern ab. Von dort geht die Reise nach Italien weiter.

* Großadmiral v. Köster, der von seiner Amerikareise zurückkehrt ist, erklärte einem Berichterstatter: Es sei ihm eine hohe Freude gewesen, zu sehen, mit welcher Liebe, Hochachtung und Freundlichkeit man ihn überall in Amerika als Vertreter des deutschen Reiches aufgenommen habe. Sein Besuch in Amerika sei von großer Bedeutung gewesen und werde sicher dazu bei­tragen, die Bande guter Beziehungen zwischen beiden Nationen noch zu befestigen. Auf poli­tische Fragen zu antworten, lehnte Großadmiral v. Köster ab.

+ Die Stichwahlparolen in Sachsen. Der konserv ative Landesverein für das König­reich Sachsen hat beschloffen. Überall dort, wo Sozialdemokraten in der Stichwahl stehen, für den bürgerlichen Kandidaten zu stimmen. Eine gleiche Entschließung wird von der national liberalen Partei gemeldet, lieber die Stich­wahlparole der Sozialdemokratie ersähr- das berliner Tageblatt', sodaß sie votaussichtt lich dahin lauten werde, den am weitesten link­stehenden bürgerlichen Kandidaten zu unterstützens Die Sozialdemokraten stehen mit den Konser­vativen in 18 (5 städtischen und 13 ländlichen), mit den Natiolialliberalen in 27 (21 städtischen, und 6 ländlichen) und mit den Freisinnigen in 7 (5 städtischen und 2 ländlichen) Wahlkreisen in Stichwahl. In 2 Kreisen stehen sich Konser­vative und Nationalliberale gegenüber, in einem Natioualliberale und Freisinnige.

)( Die sechste ordentliche protestantische Generalsynode trat am Samstag in Berlin zusammen, um einige für die protestantische Kirche höchst wichtige Gesetzentwürfe durchzu­beraten. Vor allem handelt es sich um den Ge­setzentwurf betreffend die Beanstandung der ßeljre von Geistlichen. Der Präsident des evan­gelischen Oberkirchenrates, Voigts, führte zu diesem Entwurf aus, er verfolge de» Zweck, für den der Kirche unentbehrlichen Schutz gegen

Lehrirrungen das Verfahren und die Zuständig- feit in einer dem gegenwärtigen Rechtsbewußt, sein entsprechenden, die beteiligten Geistlichen moralisch und finanziell schonenden Weise umzu­gestalten.

(*) Guben, 23. Oft. 1909. Der national- liberale Landtagsabgeordnete Kommerzienrat König ist am Freitag in feinem Heimatsorte gestorben. König vertrat den Wahlkreis Guben-Sorau-Forst seit dem Jahre 1894.

Ausland.

* Die Begegnung des russischen Zaren mit dem italienischen König Viktor Emanu* l

auf dem Schlosse Raceonigi sand am Samstag programmäßig statt. Der offiziöse Telegraph weiß von den üblichen Empfangsfeierlichkeiten, Hostafeln, Theatervorführungen und großartigen Illuminationen zu berichten. Gestern begaben sich die Herrschaften zur Jagd.

In Belfort war der Zar von einer Ab- ortmung des Präsidenten Falliöres auf französi­schem Boden willkommen geheißen worden. Der unvermeidliche französische Journalist Marcell Hut in fuhr von der Grenzstation Petit-Croix aus im Hofzuge eine Strecke mit und fragte die Begleitung des Zaren aus. Es wurde ihm er­zählt, daß in Frankfurt der Großherzog von Hessen und seine Schwester, die Prinzessin Hein­rich mit ihrem Gatten zum Zaren einfliegen und ihn eine Strecke begleiteten. Sie sprachen be­sonders über die Gesundheit der Kaiserin von Rußland, die viel zu wünschen übrig läßt. Eine Persönlichkeit von Rang erklärte Hutin, daß bet Besuch des Zaren in Italien eine sehr ernst­hafte politische Bedeutung habe, und daß alle Fragen, die die italienisch-russisch- französische Politik berühren, besprochen werden sollen.

Die große Maffe des italienischen VolkeS und die meisten Blätter, die sich vor wenigen Tagen nicht genug über die spanische und russi­sche Despotie entrüsten konnten, sind von einer gewaltigen Begeisterung für den Selbstbeherrscher aller Reußen erfaßt worden. Und diese Stim­mung ist verursacht durch den Haß gegen Oesterreich. Der Diplomat, der dem Zaren riet, bei feiner Fahrt nach Italien jeden Fuß­breit österreichischen Gebietes zu umgehen, war ein feiner Kenner der italienischen Volksseele. Von dem Augenblick, wo man im Lager der italienischen Ueberpatioten fühlte, man habe einen Bundesgenoffen gefunden, vergaß man alles Ueble, das man dem Beherrscher Rußlands an­gedichtet hatte, und fühlt nur noch Sympathie für ihn.

Besonnener wird in den leitenden Krei­sen das Ereignis betrachtet. Man weist dort mit Nachdruck alle dem Dreibund ungünstigen Auslegungen zurück und betont, daß die Ver­bündeten über Italiens Loyalität vollkommen be­ruhigt sein dürfen und die Sachen des Friedens nur gewinnen könne, wenn die Fäden zwischen den verbündeten Mächten sich mit denen zwischen den befreundeten Mächten verflechten

* Ein Zollkrieg zwischen Frankreich un den Bereinigten Staaten steht in Aussicht, ba im nächsten Monat die Giltigkeit des bisherige" Handelsabkommens zwischen den beiden Staate"

Sie Miße 8rm uon Mensive.

$8] Original-Roman von O. Elster.

(Schluß.)

„O, Sie törichter Mensch . . . weshalb haben Sie nicht schon langst so zu mir gesprochen? Wie viel Schmerzen und Leid wäre uns allen erstatt geblieben! Und doch, wie gut, wie edel Sie sind! Jetzt verstehe ich Sie erst ganz; jetzt erst weiß ich Ihre Handlungs­weise ttchttg zu beurteilen — und ich danke Ihnen aus iefftem Herzen für Ihre Liebe . . .'

Sie reichte mir die Hand, die ich tief bewegt küßte! Amalgunde, Du, Du liebst mich?"

„Schon lange, Du lieber, törichter Mensch! '

Ich sank vor ihr nieder. Da erklang von dem Lager der Kranken ein leiser Ruf:

„Meine Kinder . . .'

Edith war aus ihrem Schlummer erwacht und hatte sich empor gerichtet, die Arme nach uns ausstreckend.

„Meine Kinder, kommt zu Eurer Mutter!'

Ich eilte zu ihr und kniete neben ihrem Lager nie­der. dem Antlitz der Kranken war eine selffame Veränderung vor sich gegangen. Es war, als wenn klne himmlische Verklärung über ihm ausgebreitet Wäre, als wenn das Licht der so lange entschwundenen Vemunst wieder in ihren Augen leuchtete.

Sie legte die Hand auf mein Haupt. Die andere Hand streckte sie nach Amalgunde aus: diese ergriff ne und küßte sie, um dann ebenfalls neben mir auf die Knie zu sinken.

„Meine Kinder — ich segne Euch — werdet glück­lich!' — so rangen sich die Worte in voller Klarhett von ihren Lippen. „Mir ist es, als sei ein Schleier, der lange Zeit vor meinem Geiste gelegen, gerissen — ich sehe in die Vergangenheit — ich sehe in die Zukunft die Vergangenheit ist voll Nebel und Dunkelhett, Poll Kummer und Leid, voll eitlen Wahns und Schuld ir~ die Zukunft leuchtet im glänzenden Lichte, rein und hell wie der geöffnete Himmel, unb Ihr, meine Kinder, Wandelt darin, umflossen von dem Glanze der Liebe,

der Treue — ich sehe Euch — ich baute Euch — wer­det glücklich — glücklich — glücklich!'

Ihre Stimme erstarb. Wir fühlten ihre Hände schwerer und schwerer werden auf unseren Scheiteln, ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfloh ihren Lip­pen und nut geschlossenen Augen, aber ein seliges Lä­cheln auf dem ehrwürdigen Greisinnenangesicht, sank sie in die Kissen zurück.

Ich richtete sie empor; sie öffnete noch einmal die Augen und sah mich mit einem Blick unendlicher Liebe an. „Mein Sohn — meine Kinder —' kam cs wie ein Hauch über ihre Lstpen, dann schlossen sich ihre Augen wieder, ihr Haupt sank schwer auf die Brust nieder.

Noch atmete sie leise unb mühsam, aber immer schwächer wurde ihr Atem, immer mühsamer hob sich ihre Brust und nach wenigen Minuten lag sie still da — totenstill.--—

Erschüttert stunden Amalgunde und ich an ihrem Lager. Amalgunde hatte meine Hand umfaßt und lehnte leise weinend, das Haupt an meine Schulter

„Ihr Segen wird uns Glück bringen, mein Gun- dokar . . .' flüstette sie mit zuckenden Lippen Und ich schätze mich glücklich, ihre letzten Augenblicke mit Freude erfüllt zu haben.'

Ich preßte Amalgunde an mich, keines Wortes mächtig. Zuviel war an diesem Tage auf mich ein- geftürmt, ich vermochte die Tränen nicht zurückzuhal- ten, sank auf einen Stuhl und weinte heftig.

Da legte Amalgunde den Arm um meinen Nacken und ihre Lippen berührten in innigem Kuß meine ©tirn. „Du Lieber —' flüstette sie. „Jetzt kann uns nichts mehr trennen . . . Du bist mein, wie ich Dir auf ewig gehöre! Laß jetzt die Welt zwischen uns tre­ten, laß die Vergangenheit ihre Schatten über uns werfen, sie hat keine Gewalt mehr über uns, die Sonne unserer Liebe vettreibt die Schatten — die Vergangen­heit ist tot — die weiße Frau hat ihren Frieden ge­sunden . . .'

Dann tniete sie vor mir nieder, ergriff meine Hände und schaute mir liebreich ins Gesicht.

„Hier, Du Lieber, angesichts der Toten, die un­tere Liebe segnete, schwöre ich Dir, daß nichts mich von

Deiner Seite reißen soll, luie es auch kommen mag, ich bin Dein und Du bist mein '

Ich zog sie in meine Arme und küßte ihre Lippen. Doch rasch entwand sie sich meiner Umarmung.

„Nicht hier.. . nicht angesichts des Todes! Komm. Lieber, wir wollen zu den Andern gehen, zu meinen Eltern, die jetzt auch deine Eltern werven, wenn Du — setzte sie mit leichter Schelmerei hinzu — auch nicht mein Bruder wirst . .

Noch einmal küßten wir die Hand der so rasch Verschiedenen, dann gingen wir, und ich benachrich­tigte die Pflegerin von dem Vorfall.

„Ich fürchtete schon lange ein plötzliches Ende', sagte die erfahrene Frau, „derartige Zustände pflegen gewöhnlich mit einem Gehirnschlag zu endigen und die letzten Tage war die Kranke besonders unruhig, so­daß ich jeden Augenblick auf ein solches Ende vorbe­reitet war. Nun Friede ihrer Asche, Friede ihrer armen ruhelosen Seele . . ."

Die Gräfin-Witwe unb alle anderen waren tief be­wegt von dem rasch-n Hinscheiden Ediths. Aber schließlich, welch glücklicheres, fchöneres Ende hätte man dem altersmorschen Körper und dem ruhelosen Geist wünschen können? Einmal mußte ja ihres Le­bens Uhr stillstehen, und daß es geschah in dem Augen­blick, wo sie die lichte, glückliche Zukunft ihrer Kin­der sehen durste, wo sie befreit von den dunklen Schat­ten der Vergangenheit, ihres ruhelosen Geistes Wunsch erfüllt sah — wer hätte einen schöneren Tod sterben können?

In stiller Feierlichkeit und tn würdiger Weise wurde sie in der Stuft des gräflichen Geschlechtes bei- gesetzt neben den letzten Erben des alten Namens, sie, die Mutter eines neuen Geschlechtes.---

Amalgundens und meine Verlobung tarn ihren El­tern und der Gräfin-Witwe nicht unerwartet. Der Graf hatte seiner Gattin und seiner Mutter mein Geständ­nis mitgeteilt und die Gräfin-Witwe hatte lächelnd gemeint, bann solle man bet Sache nur seinen Sauf lassen, es würde sich alles von selbst entwirren. Mit Amalgunden hatte man natürlich nicht über meine Liebe zu ihr gesprochen; der Graf und ihre Großmut­ter hatten ihr nur die Beweggründe meines Handelns

auseinandergesetzt, und sie mußte zugeben, daß diesel­ben lauter und rein gewesen waren. Die Gräfin-Witwe hatte sie dann zu Edith gefühtt, die sie in ihrem Wahn als ihr liebes Töchterchen begrüßte.

So schien alles sich in glücklichster Weise entwickelil zu sollen. Am Tage unserer Vermählung wollte mir der Graf das Eigentum über Schloß Oldensloe über­geben, wir sollten auf dem Schloß wohnen bleiben, während et mit seiner Gattin wieder in die Residenz ziehen wollte. Aber ich merkte Amalgundens Vater doch an, daß ihm der Gedanke, daß das alte Geschlecht der Oldensloe aussterben und an dessen Stelle eine einfache bürgerliche Familie treten sollte, peinlich war. Auch fühlte et sich in seiner ehrenfesten Gesinnung durch diese Lösung des Konfliktes nicht befriedigt. Wohl hatte er mir das Erbe unserer Väter übergeben unb in dieser Beziehung wat ich voll in meine Rechte ein­gesetzt. Aber das empfand er nicht als volle Wieder- hcrstellung seiner und meiner Ehre, konnte er mit doch meinen rechtmäßigen Namen nicht verschaffen und dadurch jeden dunsten Schatten aus der Vergangen­heit auslöschen.

Seinen Vorschlag, ich solle den Namen annehmen, und um die Erlaubnis zur Führung dieses Namens bei der Regierung nachsuchen, glaubte ich ablehnen zu müssen, um seinen eigenen Namen, seine eigene Ehre vor übler Nachrede zu schützen.

Kutz vor unserer Vermählung reifte der Graf nach der Residenz. Et habe noch einiges zu besorgen, gab et vor, erstatte sich jedoch nicht näher darüber.

Am Tage vor unserer Hochzeit kehrte er zurück. Strahlenden Gesichtes dttickte er mir eine Urkunde in die Hand, von welcher das große herzogliche Siegel herabhing Grftaunt öffnete ich die Pergamentrolle unb ein Ausruf der Ueberraschung entfloh meinen Lippen. Der Herzog, unser Landesherr, hatte die Gnade ge­habt, mir die Führung des Namens meiner zukünftigen Frau zu gestatten. Ich hatte mich fortan v. Decker- OldenSloe zu nennen, der gräfliche Titel sollte nach dem Tode des Grafen Lothar auf mich und meine Kin­der übergehen. Als Grund dieser Namensvetleihung war in dem Diplom angegeben, daß man den Namen des alten berühmten Geschlechtes nicht aussterben las»