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w°ch«il>ellaev,Mufttiekte §onntag;zeitung" ’^||ägS|||6' Moxakbeuagi: „8uldaer Geschichtsblätter"
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Rotationrdruckunb Verlag der Kuldaer Ak- tienbtndetei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.
Fulda, Samstag den 23. Oktober 1909;
J\6 244.
36. Jahrgang.
Zweites Wt'crtt.
Wochen-Rundschau.
[:] Fulda, 23. Oktober 1909.
Die letzten Tage haben einen entsetzlichen Einblick tun lassen in den infernalen Haß, der gegen die kmho- iische Kirche in weiten Kreisen der europäischen „Kul- •ur"Nationen herrscht. Wie ein Blitzlicht hat es hineingeleuchtet in die sich ballenden und stetig anwachsenden Massen der Kirchen- und Klosterstürmer. Die internationale Freimaurerei gibt die Parole aus und spinnt die Fäden zu den Regierungskrisen Die Anarchisten terroristeren mit Gewalttaten und Schreckensszenen die ruhigen und die gleichgiltigen Bürger. Die Sozialisten und freien Gewerkschaften bilden das Massenaufgebot und die „Freidenker" bereiten stetig den Boden vor und suchen das Fundament der Kirche und damit der staatlichen Ordnung zu unterwühlen. Der Anlaß aber, her die gegen die Kirche gegrabenen Minen vorzeitig zum Sprengm brachte und wie ein Scheinwerfer ben heimlich heranschleichenden Feind verraten hat, ist die Erschießung des spanischen Anarchisten Ferrer. Niemand kann leugnen, daß Ferrer einer der wütendsten Revolutionäre Spaniens Dar, der vor keinem Gewaltmittel, nicht vor Dolch und Bombe zurückschreckte, um seine Ziele zu erreichen. Niemand kann leugnen, daß er der geistige Urheber von Hunderten von Mordtaten ist und höchstwahrscheinlich auch bei dem niederträchtigen Mordanschlag auf das spanische Königspaar an dessen Hochzeitstage, der die Entrüstung der ganzen Welt erregte, feine Hand mit im Spiele hatte. Es ist ferner allgemein bekannt, daß er eine Buchhandlung leitete, die nur revolutionäre Schriften enthielt, und daß er eine „Schule" eingerichtet hatte, zur Unterweisung der Jugend in anarchistischem und staatsfeindlichem Sinne. In einem Aufrisse forderte er sogar die Soldaten zu einem allgemeinen Soldatenstreik und das ganze Proletariat zur Besitznahme alles Eigentums bet Klöster, der Banken, der Militär- und Zivilbehörden auf. Man sollte nicht glauben, daß mit einem solchen Vaterlands- Verräter und Mörder überhaupt noch ein Mensch sympathisieren könnte. Und doch, Ferrer war Freimaurer, und nun bekommen seine Schandtaten sofort ein anderes Licht. Jetzt sind plötzlich die blutigen Greuel der Revolution in Barcelona, die Hinschlach- hmq unschuldiger Nonnen, die Brandstiftung an den Klöstern vergessen, jetzt steigt eine internationale Welle fürchterlicher Entrüstung über den „Justizmord" an dem Freiheitshelden im Volke auf und setzt sich fort über die verschiedensten Länder, die mit Spanien und Ferrer fort ft nicht das Geringste zu tun haben. Da haben wir einen Beweis für die gewaltige Macht des internationalen Freimaurertums. Ein Druck auf den Knopf seitens des „Meisters vom Stuhl", und in allen Zandern regt sichs zu Protestkundgebungen. Taufende von Blättern aller möglichen Länder füllen sich mit furchtbaren Drohungen gegen Spanien und mit St mpathiekundgebungen für den „Märtyrer". Mau glaubt in einem Narrenhaus zu fein. Und doch, wir habr-i hier nur ein Symptom des unbeschreiblichen Hasses gegen die katholische Kirche und 'ihre Bekenner. Ein Haß, her sich auch auf diejenigen Negierungen erstreckt, die Bedenken tragen, dir katholische Kirche zu verfolgen. Von einer katholischen Regierung in Spanien zu reden ist der reinste Unsinn. Der spanische Botschafter in Berlin hat schon darauf hingewiesen, daß erklärte Atheisten und Republikaner Don dem Ministerium Maura in hohe Aernter eingesetzt worden sind. So etwas passiert in Deutschland nicht. Atheisten macht man freilich auch hier zu Pro
fessoren und Exzellenzen, aber als Republikaner dürfen sie sich offen wenigstens nicht bekennen. In dem „klerikalen" Spanien ist das anders. Nichtsdestoweniger wird gegen das Ministerium Maura gehetzt, weil sich Maum weigerte, die katholische Kirch« nach fran= zöfifchem Muster zu verfolgen. Darin liegt des Rätsels Lösung. Ferrer war „der Todfeind des spa- nifchen Klerus und hat dessen Einfluß feit Jahren auf das heftigste bekämpft". Ja, da ist es begreiflich, daß die liberafen und sozialdemokratischen Blätter den ^Freimaurern beispringen. Und das ist die zweite, wichtige Lehre, die sich aus dem Falle Ferrer ergibt. Hinter dieser Eigenschaft Ferrers, „ein Todfeind des spanischen Klerus" gewesen zu sein, da muß seine anarchistische imd rebolutionäre Gesinnung zurücktre- ten. Seine Kirchenfeindschaft umgibt ihn plötzlich in den Augen des Liberalismus mit einem solchen Glorienschein, daß seine Schandtaten dagegen verblassen. Run hat er plötzlich die Sympathie dieser Blätter, die nicht müde werden, gegen ben „Justizmord", über das „Bluturteil" in Tränen heißer Entrüstung zu toütcn. Man ersieht hieraus wieder einmal, wie sehr Frei- maurertum, Liberalismus, Sozialdemokratie und Anarchismus Gesinnungsverwandte und bündnis- sahig sind. Der Liberalismus tritt für einen Mann ein, der in bet allerschärffien Weise Revolution und Nmsttirz predigt, die Absetzung und Ermordung der Fürsten und die Besitznahme aller staatlichen Güter verlangt. Mit einem solchen Mann wagt die liberale Presse zu sympathisieren, die sich sonst immer als den Hort des Patriotismus und die Stütze von Königsthronen aufzuspielen pflegt! Man kann es kaum begreifen, daß die liberal« Presse nicht selber merkt, in welch schlimmes Licht sie sich durch die Vetteidigung eines solchen Revolutionärs setzt. Aber die Kirchen- feindschast ist ihr so ins Blut gedrungen, daß sie selbst Vaterlandsfeinde und Königsmörder zu „Helden" stempelt, wenn sie nur gleichzeitig wütende Kirchenverfolger sind. Wohl verstecken sich diese Blätter hinter den Mantel von Humanität und Gerrchtigkett, indem sie vorgeben,Ferrer fei nicht ordnungsmäßig gerichtet und darum widerrechtlich verurteilt. Aber wer gibt ben ausländischen Blättern und fremden Nationen das Recht, ohne genaueste Kenntnis der Vorgänge ein so verleumderisches Urteil zu fällen? Würde die deutsche Presse nicht aufs Schärffte sich die Einmischung fremder Länder in unsere Gerichtsbarkeit und in die Oberhoheit des Königs verbitten? Es ist fest- gestellt worben, daß ber Prozeß gegen Ferrer über einen Monat gedauert hat, und daß die klarsten Beweise ber Schuld Ferrers an den entsetzlichen Greueln in Barcelona erbracht sind. Die Verhandlung hat auch nickt, wie behauptet wurde, hinter verschlossenen Türen, sondern in Gegenwatt der Zeitungsberichterstatter stattgefunden Die Ausreden der liberalen Presse sind gar zu durchsichtig. Das „Berliner Tageblatt", das am meisten den Ferrer. verherrlicht und am giftigsten gegen alle positiven Gläubigen, Katholiken wie Protestanten hetzt, hat es offen zugegeben, daß ber ganze Ferrer-Rummel nur ein Zeichen des Hasses gegen die katholische Kirche ist. In Nr. 240 spricht es front und frei: „Arn Morgen ward Ferrer von ben spanischen Jestiitenknechten erschossen — unb schon am Abend des nämlichen Tages hallte die Welt wieder von ben Kundgebungen, die — wie immer sie geartet ober entartet sein mochten — hn Grunbe doch nichts anderes waren, als bas tausenb- söltige Echo des alten, zornigen Kampfrufes Voltaires: „Ecrassez 1'infame*" Das heißt zu deutsch: „Zertretet die Verruchte", nämlich die katholische Kirche. — Bei uns in Deutschland blamiert sich mit dem Ferrer-Rummel nach Kräften die liberale Heber-Intelligenz. Einzelne kluge liberale Blätter, wie die „Köln. Zig." unb bet „Schwab. Merkur",
haben schon längst zur Vorsicht gemahnt, aber den „Intellektuellen" geht bas Hetz mit dem Verstände durch. Nachdem die Professoren Brentano und Häckel, die „Dichter" Dehme! und Hauptmann, der Maler Liebermann usw. den Einfall gehabt hatten, die „Kultur- gemeinschast aller freien Denker" zu einer Protestadresse gegen die „Bluttat spanischer Willkür* aufzufordern, durfte der G ö t h e b u n d, ber s. Z. gegründet worden ist zur Konservierung des Schmutzes in Dort und Bild, nicht zurückbleiben. Sein Vorstand, „i. A. Ludwig Fulda und Hermann Sudermann", veröffentlicht eine „Entschließung", die an stelzbeiniger Geschwollenheit nichts zu wünschen übrig läßt. Es ist darin die Rede von einem „unter dem Deckmantel ber Justiz begangenen Morde", von einem „Schlag ins Gesicht ber europäischen Zivilisation", einer „grausigen Bluttat". „Freunde der Bildung unb des freien Geistes" sind natürlich nur die Ferrer-Verehrer. Fetter ist „der Volksbildner und Volksauflläret"; der ehemalige Eisenbahnschasfnet, Bänkelsänger, Kneip- witt, Erbschleicher und Lehret bet Bombenfabtikation unb bes Fürstenmordes wirb als „geistiger Erbe" des spanischen Dichters Cervantes bezeichnet. Der Schluß ber Resolution bet Männekens, die mit dem Namen Göthes ihr literarisches Unvermögen zu verdecken suchen, ist geradezu albern. ES heißt da: „Wir aber, die wir dicht vor dem sestlichen Tage stehen, an dem vor 150 Jahren der Sänget des Don Carlos geboren wurde, Wit erheben lauten Protest dagegen, daß men im Staate Philipps TI. noch immer bie Posas aus dem Hinterhalte erschießt, wenn sie Gedankenfreiheit fordern. Gegenüber dem brutalen Vorstoß jener ewig dunklen Mächte, die heute wie ehemals kein Verbrechen scheuen, wenn es gilt, ben EtobenmgSgang des Lichtes zu hemmen, rufen wir alle Gleichgesinnten auf, in rastloser Arbeit wehrhaft mit uns zusammenzuwirken, um dem verderblichen Wüten der Finsterlinge ben Weg zu weiteren Freveln an ber Kulturmenschheit zu versperren." — Wenn der spanische Dichter Cervantes auS dem Grabe auserstänbe, würde er um die Modelle zu einem neuen Don Quixote nebst Sancho Pausa nicht in Verlegenheit fein. Zinn Sancho Pausa würde Cervantes aller Wahrscheinlichkeit nach den braven Graf Paul Hoensbtoech erwählen, ber an der Sette ber roten Generalstochter Lily Braun bei dem Ferrer-Rummel gegen Ultramontanismus, Zentrum und Papsttum vom Leder zog. Es trifft sich gut, daß zum Bunde der liberalen Heber-Intellektuellen, denen die rote Intelligenz schon lange ben Rang abgelaufen hat, sich auch die hochroten Genossen meldeten. Als dritte im Bunde der FerrerProtestler hatten sich am Montag bie Anarchisten Berlins versammelt, beiten mehrere ber angenehmen russischen Studentinnen zu- gesellt hatten. Der Anarchistenführer Rubolf Lange feierte Ferrer». als Anarchisten unb revolutionären Sozialisten, ber schon vor vielen Jahren ein eifriger Mitarbeiter an anarchistischen Zeitungen gewesen sei. Hierauf ettlätte er: „Nach dem, was wir wissen, wird die Hinrichtung bas Signal zu einer ganzen Reihe von Einzelattentaten geben' Wir gratulieren ben Vertretern brr liberalen Intelligenz aus ganzem Herzen zu biefer Bundesgenossen schäft.
In Oesterreich-Ungarn wirb es sich nun- niehr zeigen, welche Richtung bie innere Politik in nächster Zeit einzuschlagen hat. Am Mittwoch ist ber Wiener Reichsrat eröffnet worben, wobei es schon zu Disserenzen zwischen den Tschechen und ben Deutschen gekommen ist. Welchen Verlauf ber Kabinettsrat genommen hat, bet im Anschluß an bie Eröffnung des Reichsrats unter dem Vorsitze des Monarchen ftatifanb, ist bis zur Stunde nicht bekannt. Desgleichen fragt es sich sehr, ob bie Konferenz ber Parteiobmänner einen Weg gefunben hat, ber die Arbeitsfähigkeit des Parlaments sicherstellt. Was bie ungarische Krise betrifft,
so werden zwar die verschiedenarttgsten Meldungen Oer* breitet, bie aber fast durchgängig auf Vermutung beruhen.
Der russische Zar hat endlich die Jtalienreise angetreten, bie schon feit Wochen soviel Staub aufge- wirbelt hock Die italienische Presse begrüßt mit Ausnahme bet radikalen Blätter ben russischen Herrscher äußerst wohlwollend und stellen dabei allerlei Betrachtungen über den Zwei- unb Dreibund an. Unter dem Zweibund versteht man aber bemerkenswerterweise Oesterreich und Deutschland, während Italien als Bundesgenosse Frankreichs und Rußlands hingestellt wirb. Daß ber Zarenreise politische Bedeutung beizumessen ist, geht schon daraus hervor, daß mehrere italienische Minister bet Begegnung des Kaisers Nikolaus mit dem italienischen König Viktor Emanuel beiwohnen sollen. Im übrigen geht in Rußland noch alles im alten Schlendrian. Die Verwaltungsskanbale sorgen schon dafür, daß die Sensationsblätter genügenden Stoff bekommen, unb bie Terroristen sind wieder fest an der „Arbeit". Wenn man all den Meldungen glauben könnte, so würde kein Tag vergehen ohne Ermordung eines Spitzels.
In E n g la n d ist es im Budgetstreit etwas ruhiger geworden. Anscheinend versucht König Eduard eine Verständigung der beiden Parteien herbeizusüh- ren, wird aber deswegen besonders von der Arbeiterpartei scharf angegriffen. Ein Teil der Londoner Presse versucht immer noch das englische Volk mit bet deutschen Gefahr graulich zu machen, man muß aber von Tag zu Tag immer mehr ein sehen, daß auch auf diese Weise der Militärenthustasmus ber jungen Engländer nicht geweckt werden kann. — Der Zudrang zu bet Territorialarmee, von deren Errichtung man sich so viel versprochen hat, wirb immer geringer.
In Spanien hat bemerkenswerterweise die Erschießung bes Anarchisten Ferrer weniger Aufregung verursacht als im übrigen Europa. Es ist bas ba8 beste Zeichen dafür, daß die Mehrheit des spanischen Volkes in dieser Frage auf Seiten bet Regierung steht. Dadurch wirb auch am treffendsten ber ganze Ferrertummel gekennzeichnet. Freilich bie Anarchisten glauben bie Zeit wieder für gekommen, wo sie mit Bombenattentaten das Land abermals in Unruhe versetzen können.
Die Balkanländet haben in letzter Woche etwas weniger von sich hören lassen, nichtsdestoweniger ist die Aussicht auf baldige Wiederkehr der Ruhe nrch sehr gering. Die griechische Kammer hat durch ihren Beschluß betreffend die Heeresotganisatton gezeigt, daß ihre Mehrheit aus Seiten der Offiziere steht, welche seinerzeit revoltierten. Auf Kreta droht abermals eine bewaffnete Bewegung für die Selbständigkeit ber Insel auszubrechen. Die türkische Regierung muß noch alle Macht aufroenben, um ben Aufständen in Kleinasien Herr zu werden. Aus Serbien werde« weiterhin kleinere „Affären" gemeldet, die erkennen lassen, daß der Exkronprinz Georg immer noch sein Unwesen treibt. Das Kabinett trat zurück.
In China ist trotz des chinestsch-japani scher Mandschureiabkommens die Sympathie für die Japaner noch ketneswegs gewachsen; im Gegenteil, bei Boykott japanischer Waren nimmt vor allem in bei Mandschurei an Ausdehnung ständig zu. Die Bewegung soll bereits einen derartigen Umfang angenommen haben, daß mehrere chinesische Kaufleute sich genötigt gesehen hätten, ihr Gelchäst daselbst aufzugeben.
In Mar okko geht der wirtschaftliche Konkurrenzkampf der europäischen Mächte weiter, ohne daß d ju größeren Differenzen kommt. Die Spanier scheine» im Rifgebiet in den letzten Tagen abermals größer» Mißessolge gehabt zu haben.
Unpolitische Zeitlause.
(N.) Berlin, 21. Oktober 1909.
(Nachdruck verboten.)
Kaffeekochen und Kaffeetrinken ist auch eine Kunst. Mancher kann es, und andere lernen es nie.
In Deutschland, wo überhaupt das Leben unb Treiben sich recht mannigfaltig entwickelt, sind auch in ben verschiedenen Gegenden die Gebräuche und Ge- schrnäcke auf dem Gebiete der Kaffeekanne recht verschieden. Die bekannte „Spezialität" ist der sächsische „Bliemchcnkaffee". über den so viel gefpötidt worden ist, daß alle Welt glaubt, die biederen Untertanen des Königs von Sachsen brauchten zu einem Liter Kaffee nur zehn Bohnen. Soeben sehe ich, daß wieder eine Abhcmdlung über den Äliemchenkaffe? durch bie Presse läuft Allerdings wird diesmal der Wahrheit die Ehre gegeben. Der Kaffeetrank ist, alles in allem genommen, bei den Sachsen durchaus nicht schlechter, als bei ben andern deutschen Stämmen, sogar nicht schlechter, als bei ben Berlinern. Im Gegenteil, man be- lommt außerhalb Sachsens oft eine ganz jämmerliche SBrüIje unter bem Namen Kaffee vorgesetzt. Geht man den Ursprung bes Namens „Bliemchcnkaffee" zu- F11“' flegt bann ein gewisser Vorzug an gedeutet bas Getränk ist nämlich so getauft worben von einem Kann ber burch ben Kaffee hindurch das Blümchen sehen konnte das vielfach auf dem Grunde der Tasse angebracht ist. Aus solchen Taffen in dem sog. Meißener Zwiebelmuster habe ich in meinen Kinderjahren auch den häuslichen Trank der Labe geschlürft, und wenn ich dabet das Blümchen unten im „Käppchen" nicht immer gesehen habe, so lag das nicht etwa an dem llebermaß von Kaffeebohnen, sondern an dem Zusatz ■»n Zichorie, der bei uns üblich war. Die Sicht- »«rkeit des Blümchens ist ein Bewis, daß der Kaffee »war dünn, aber rein ist, und diese Reinbett halte ich «°ch meinem heutigen Geschmack für einen Vorteil, ^inen verdünnten Bohnenaufguß als einen 6er* - ben» ber Kaffee so dick und stack fein wie der ksi* ,bie«?ren^Icn E ganz winzigen
£2$“ schufen? Diese Orientale» betrachten imd dchandeln ihren starken Kaffee in ähnlicher »eise, wie Mr ben echten Kognak oder sonst einen kräftigen 21» Rr. Der vernünftige Mann nimmt davon zu gelegener
Zett eine Kleinigkeit, aber er trinkt davon nicht in großen Schlucken eine ganze Masse, als ob es Wasser rum Durstlöschen wäre. Nach einem kräftigen Festessen wird gewöhnlich eine Tasse Kaffee herum gereicht, um die Verdauung zu befördern, wie man sagt. Ein solcher Rachtisch-Kaffee, der eine besondere Wirkung auf Magen, Herz und Nerven ausüben soll, wird wenig Wasser und viel Koffein enthalten. Aber wenn ich mich früh morgens an den Kaffeetisch setze, um den ersten Imbiß zu genießen, so will ich kein beizendes Gift haben, sondern nur eine wohlschmeckende Anfeuchtung beS inneren Menschen Unb Wenn nachmittags bei Kuchen ober Brot gevespert wirb, so ist eine gewisse Masse von harmloser Flüffigkett nötig; man will doch in Ruhe, ohne Augst vor einem Koffeinfieber, eine ordentliche Taffe — ober auch zwei ausschlürsen können. Man muß also unterscheiben zwischen den Ta- geszctten und bem Zwecke des jeweiligen Kaffeege- nuffcs Mau muß auch unterscheiben zwischen dem Haustrank in der großen Kanne und der vereinzelten Taffe Kaffee, bie man sich als Gast in ber Wirtschaft bestellt. Der Haustrank beim Frühstück ober bei der Vespermablzeit braucht nicht stack zu sein unb soll nicht stark feto. Der Wirtschastskaffee ist in ber Regel stärker; barum muß man von ihm nur wenig auf einmal genießen. Gäste, bie besonders vorsichtig ober schutzbebürstig sind, helfen sich dadurch, daß sie halb und halb" ober einen „verkehrten" Kaffee bestellen - bann gibt es nämlich ebensoviel Milch, wie Kaffee ober gar noch etwas mehr Mich. So kann man auch in ber Koffein-Kneipe sich einen harmlosen Hauskaffee Herstellen.
Der Unterschied zwischen WirtshauSkasfee unb Familienkaffee tritt recht schön zutage in ber Berliner Sitte be8 Selbstkochens im Gasthause. Ein« sehr em* pfehlenswerte Sitte, welche auch in anderen Landesteilen eingefühtt werden sollte. An zahlreichen Ausflugslokalen liest man: Die Kaffeeküche ist an den Werktagen geöffnet. Oder die Einladung ist in den beliebten Vers gekleidet:-
Mit altem Brauch wird nicht gebrochen: Hier tonnen Familien Kaffee kochen.
Manchmal steht auch der Preis gleich dabei: Liter 60 H oder Liter 1 Mk. Das soll nicht etwa ein Liter Kaffee bedeuten, sondern ein Liter Milch. Denn in der Kaffeeküche, die der Wirt den Gästen zur Verfügung stellt, braucht nur die Milch bezahlt zu werden; in dem
hohen Preis für die Milch ist die Entschädigung für das heiße Wasser und das Geschirr, da? der Wirt liefert, einbegriffen. Ten gemahlenen Kaffee und den Zucker (nach Belieben auch die Zichorie ober ben Feigen- ober Malzzusatz) bringen sich bie Leute selber mit; ebenso bie Kuchen ober bie Butterbrote, bie sie zu bem Trank verzehren wollen. Wenn eine größere Familie ausfliegt, so ist ber Futterkorb (auch „Freßkoker" genannt) von beträchtlichem Umfang unb Gewicht; aber er wirb gern mitgeschleppt, weil man weiß, baß es nun ordentlich was au präpeln gibt mit einer dauerhaften Svulung. Die Mutter verschwindet in die Küche, läßt sich dort eine große Kaffeekanne geben, tut den mitgebrachten Kaffee hinein und bricht das Getränk so auf, wie sie es zu Hause gewöhnt ist. Ist die erste Kanne leer, so wird das Verfahren wiederholt. Die Kotten für die Milch sind verhältnismäßig klein im Vergleich zu ber Annehmlichkeit unb Ausgiebigkeit biefer Kaffeefabrikation. Tatsächlich wirb mancher kinderericken Familie erst bnrch biese Sitte ber gemeinsame Ausflug ermöglicht. Anbererseits ist bie Kaffeekocherei ein schätzbares Mittel zur Beschränkung des Alkoholgenusses Menn die Leute nicht in dem selbst- gekochten Kaffee ausgiebig ihren Durst löschen könnten, so würden sie schon im ersten Teil des Ausflugs sich bem Bier- unb Schnapsgenuß zuwenben. Die alkoholischen Getränke kommen aber zum Schluffe bes Ausflugs noch früh genug an bie Reihe. Im allgemeinen öerbienen die Berliner Ausflügler bas Lob, baß man von anstößiger Trunkenheit wenig bemertt; bazu trägt bie Selbftkaffeekocherei wesentlich bei. Der Wirt tirrbient ja an einem Bier- unb Schnapstrinker mehr, als an ben Mitgliedern einer Familie, die nur die Milchgebühr bezahlt. Aber bie Wirte leben doch und bezahlen für die sog. Kaffeegärten oft riesige Miete. Die Masse muß eS bringen, unb wenn die Kaffeezeit verstrichen ist, so kommt doch ber Bierzapfer noch in Arbeit. Ich weiß nicht, ob hier ober ba schon eine Ausflugswirischast ben Versuch gemacht hat, eine Kaffecküche nach Berliner Muster zu eröffnen. Jeben- faHs könnte bie Verbreitung ber Sitte nicht schaben; baut wo Hausmütter Kaffee kochen, ba laß dich ruhig nieder; da trinkt man keinen Rausch sich in die Glieder. —
Aber fm Kaffee steckt doch baS giftige Koffein! Freilich, allzuviel Koffein ist ungesund, namentlich für das Herz. Darum sehe jeder, wie eris treibe, bafe w-
funb er bei ber Kaffeetasse bleibe. Nicht zu starken Kaffee unb nickst zu zahlreiche Taffen trinken 1 Wer bas Bebürfnis fühlt, seinen Magen mit einer großen Menge Kaffee zu burchschwemmen, ber muß den Trank der Labe deshalb um so dünner nehmen,
Da gibt es nun einen Widerstreit ber Wünsche und Interessen. Man will sich nicht durch Koffein vergiften, aber man will doch auch ein kräftiges Getränk haben, das den Augen unb ber Kehle als „voll" vorkommt. Der eine greift nun nach ben Zusätzen ober Surrogaten (Zichorien, Feigen, Malz usw ), bie bem Getränk eine ähnliche Fülle unb Stärke geben sollen, wie sie von einem reichlichen Bohnensatz ausgcht. De, anbere aber läßt sich bestechen burch die Rekllame für einen „koffeinfreien Kaffee" unb glaubt, er könne Oon biefem angeblich entgifteten Kaffee so viel trinken als er wolle, ohne feinem schwachen Herzen zu schaben. Ich für meinen Teil glaube nicht an bie Koffeinfrei- heit. Bei ber Ausmergelung ber Bohnen geht wahr» fchcknlich von bem erfrischenden Aroma viel mehr vev Irren, als von dem tief versteckten. Giftstoff. Gift steckt wie neulich noch ein Fachmann barlegte, auch in bei vermeintlich so harmlosen Zichorie. Rur kein blinde- Vertrauen auf Surrogate ober sonstige Kunstwerke! Die Mäßigkeit ist bie einzige Bürgschaft gegen Gesunbheitsstörungen. Keiner barf mehr Kaffeeauszug zu sich nehmen, als ihm gut bekommt, unb dieses Maß richtet sich nach ber Eigenart seines Körpers unb seiner Tätigkeit. Hat er viel Wasserbebars, so ist es am be- sten, er gewöhnt sich an einen bünnen Bohnenaufguß. Dann entgeht man auch ber Versuchung, bie Kaffeebohnen allzu gründlich auszukochen. Was bei der verlängerten Brüherei noch herauskommt, ist Weber wohl- schmeckenb noch gesunb. Die Koffeeingefahr wirb vermindert durch den reichlichen Gebrauch von Milch Gerade die Leute, die den Kaffee schwarz trinken, sind auf ein starkes Gebräu erpicht und wollen eine bedenkliche Rervenreizung.
Mr Deutsche sind nun mal ein Kaffeevolk unb werden uns an ben Tee (ber übrigens auch giftig ist) wchl nicht gewöhnen. Auch bas bischen neue Steuer wird das Kaffeetrinken nicht einschränken. Wenn tl schon beim massenhaften Kaffeetrinken bleiben muß dann möchte ich doch wünschen, daß wir unS mit dem „Bliernchen-Koffee" befreundeten. Lieber etwas mehr Wasser, als zweifelhafte Zusätze.