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BotatkourdruSnift Verlag der Fuldaer Ak» tiendruckerei ht Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Freitag den 22. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

Grstes WLcrtt.

S Die Landtagswahleu in Baden nnd Sachsen.

Gestern haben im Königreich Sachsen und im Großherzogttrm Vaden Landtagswahleu stattgefun- bcn. Ja beiden Fällen wird dem Wahlergebnis in weiten Kreisen mit Spannung entgegengesehen. Han­delt es sich doch in Sachsen um die Probe aus eia neues, lange Zeit heiß umstrittenes Wahlsystem und um die Frage, ob die Konservativen ihre Mehr­heit unter einem Pluralwcchlrecht behaupten werden. In Baden dagegen besteht das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht, nnd die Frage ist, ob es mit Hilfe dieses Wahlrechts gelingt, die jahrzehnte­lange Herrschaft der Liberalen im „Musterlandle" zu brechen. Es galt einen erbitterten Kampf. Das Zen­trum ging mit der numerisch freilich schwachen Rechten gemeinsam vor, wahrend der Liberalismus auf die Hülfe der roten Brüder rechnete.

Im Königreich Sachsen gingen die Mitglieder her zweiten Kammer nach dem Gesetz von 1868 aus dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl­recht hervor. Unter diesem Wahlrecht brachte es die Sozialdemokratie auf 15 unter 82 Abgeordneten. Das schien den Liberalen und Konservativen gefährlich. Flugs ßihrten sie 1896 das Dreiklassenwahlrecht ein, das zwar die geheime Abstimmung beibehielt, aber die Urwähler in drei Abteilungen schachtelte. Das Ergeb­nis dieses Wahlsystems wird durch die Zusammen- setzung der Kammer bei Schluß chrer letzten Session ge- kcnnzeil^iet. Die Konservativen, die früher gar über eine Zweidrittelmehrheit verfügten, zähsten 46, die vrationalliberalen 31, die Freisinnigen 3, die Sozial­demokraten 1 Mandat. /

DaS Gesetz von 1896 erregte im Lande so viel böses Blut, daß sich die sächsische Regierung der Verpflich­tung zu einer volkstümlichen Wahlreform umsoweniger entziehen konnte, je allgemeiner der glänzende Sieg der Sozialdemokratie im „roten Königreich' bei den Reichstagswahlen von 1903 auf die nachhaltige Ent­rüstung über den „Wahlrechtsraub' zurückgeführt wurde. Eine ganze Reihe von Wahlgefetzentivürfen ving in dec Folge dem sächsischen Landtag 'zu, bis in Diesem Jahr ein neue? Gesetz Zustande kam.

Das Wahlrecht, wonach heute zum ersten Male gewählt wird, ist direkt und geheim, aber weder allge­mein noch ^eich. Die Kammer besteht fortan aus 43 Abgeordneten der städtischen und 48 der ländlichen Wahlkreise. Alle diejenigen, die keine direkte Staats­steuer entrichten, sind vom Wahlrecht ausgeschlossen. Das Wahlrecht der einzelnen Wähler wird nach Ein­kommen, Beruf, Bildrmg, Mer so abgestust, daß der einzelne bis zu vier Stimmen abzugeben hat. Die Mahl erfolgt mit absoluter Stimmenmehrheit, ist diese nicht erreicht, in der üblichen Stichwahl.

Wie dieses Pluralwahlrecht wirkt, muß sich jetzt zeigen. Man hat ausgerechnet, daß etwa drei Viertel der gesamten Wählerschaft nur eine Stimme haben, die Zrrfatzstkmmen mithin lediglich einem Mertel zugute kommen. Aber hinsichtlich der Schätzung der Wahl­ergebnisse gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Hier heißt es, die Konservativen feien eines großen Sieges gewiß; dort wird als ebenso gewiß vorausge- sagt, daß sie eine schwere Niederlage erleiden und die Mehrheit verlieren werden. Ein Dresdener Blatt prophezeit, daß es in 60 von 91 Wahlkreisen zu Stich­wahlen kommen und die Sozialdemokratie bei Un­einigkeit der bürgerlichen Parteien 30 Mandate erlan­gen werde. Die Ratkonafliberalen haben 72, die Frei­sinnigen 31 Kandidaten aufgestellt.

Auch in Baden hat das Wahlrecht in neuerer Zeit eine Veränderung erfahren: doch wird das jetzt geltende Gesetz heute nicht zum ersten Mal erprobt. Es besteht seit 1904. Die Wahl ist allgemein, gleich, geheim und.direkt. Daß der Bürger überhaupt zu Steuern veranlagt ist, bildet keine Voraussetzung des

Wahlrechts. E» wird nur erfordert ein Wer von mehr als 25 Fahren und Staatsangehörigkeit feit mindestens zwei Jahren. Es hat in Vaden eine Zeit gegeben, in der niemand, auch entschiedene Zentrmnsleute nicht, an 'emen Rückgang des Einflusses des Rationallibe- ralismnS glaubte. Aber das war nur so lange der Fall, bis man die Gefährlichkeit des LiberalisnmS erkannte und durch eigenen Schaden klug geworden war. Noch bei der Wahl im Fahre 1887 errang der Nationalliberalismus 52 von den 63 Kammerfitzen, daS Zentrum dagegen mir 9, wie es sie schon 1871 be­sessen hatte. Da taten die Liberalen, was sie noch nie lassen konnten, wenn sie die Nebarmacht hatten, sie machten in Kulturkämpferei. Diese Tatsache schweißte die damalige „Katholische Bo lksp artet" rüg zusammen. Kampf gegen den badischen Nationallibe­ralismus war der Schlachtruf dieser Voltspartei, die sich von da an .Zentrum' nannte. Von dem Tage an ■ — es war der 14. Oktober 1888— begann die Rück­wärtsbewegung des Nationallibera­lismus; das zeigte zum erstenmale in voller Deut­lichkeit eine wenigs Wochen nachher stattfindende Reichstagserfatzwahl, die dem Zentrum einen glänzen­den Sieg brachte. In den bald darauf stattfindenden Landtagswahlen wurden den Nationalliberalen fünf Sitze entriss«; immer abwärts ging es mit ihnen in reißendem Lauf, bis sie bet den Wahlen von 1893 nur noch 30 Sitze gegen 33 der Gegner erhielten. 1899 hatten sie nur mehr e i n Mandat mehr als das Zentrum allein. Um die aste Macht wieder zu er­langen, gab der Nattonastikeralismus seinen Wider­stand gegen das direkte Wahlrecht auf und fand so wieder den Anschluß an den Linksliberalismus, mit dem er bisher in heftigster Fehde gelegen war. So sah sich das Zentrum allein dem GesamüiberalismuS gegenüber. Unerschrocken nahm es den Kampf auf. Bei der Wahlühlackt 1905 stand es mit 43,5 Proz. der abgegebenen Stimmen an erster Stelle; es erhielt so- fott 28 Mandate. Von weiteren Wahlsiegen in den Stichwahlen blieb es ausgeschlossen, weil die Natio- nastiberalen in chrer Hilflosigkeit ein offenes Bündnis mit den S o zi a l de m o k r a te n schloffen. So stan­den jetzt 41 Mandate auf der Linken (Liberale, De­mokraten, Sozialdemokraten), 32 auf der Rechten (Zentrum, Konservative und Landwirtbündler). Ob es diesmal gelingen wird, die Liberalen in die Minderheft p» drängen, wird sich erst bei den Stich­wahlen zeigen.

Wir erhalte« folgende Drahtnachrichten:

# Karlsruhe, 21. Ott 1909. (Telegr.) Im vorigen Landtag besaßen: Zentrum 28, Konserva­tive 3, Bund der Landwirte 1, Nationalliberale 23, Demokraten 4, Freisinnige 1, Sozialdemokraten 12 Mandate; im ersten Wahlgange waren gewählt worden: Zentrum 28, Konservative 1, National­liberale 14,' Sozialdemokraten 5 und Demokraten 2 Mandate. — Bei der gestrigen Wahl ist nur in 38 von 75 Wahlkreisen ein endgültiges Ergebnis erzielt worden, in 37 Wahlkreisen hat Stichwahl stattzufinden. Den Löwenanteil hat das Zentrum eingeheimst. Gewählt find 23 Zentrum, 4 Rativ- nalliberale, 1 Demokrat, 10 Sozialdemokraten.

]:[ Dresden, 21. Okt. 1909. (Tel.) Bis Mitter- nachl sind die Ergebnisse der sächsischen Land­tagswahlen aus 71 Wahlkreisen bekannt: Danach find gewählt, 14 Konservative, 6 Rational- liberale, 10 Sozialdemokraten. Erforderlich sind 41 Stichwahlen. Daran find beteiligt 20 Konservative, 21 Nationalliberale, 6 Freisinnige, 35 Sozialdemo, buten nnd ein Kandidat vom Bund der Landwirte. Rach dem Ergebnis dieser Haupkwahlen kann man sich noch kein BUd davon machen, wie die en.» gültige Zusammensetzung des Landtags sein wirt.

+ Steuern und Knltnrzwerke

Die Sozialdemokratie sucht die neuen Steuern vielfach dadurch als überflüssig und schädlich hinzu- ftellen, daß sie behauptet, fie dienten in erster Linie

wieder Rüfiungszwecken; die neuen Summen würden unnütz dem .Militari smus' und „M a r i n t Sm u8* geopfert. In diesem Sinne paß­ten sie allertings in das deutsche System hinein, Un­summen von Geld auf Rüstungen zu verwenden, da­gegen für Kulttkrzwecke fo gut tote gar nichts, oder doch nur wenig übrig zu haben.

Eine bcrartige Behauptung ist aber bei näherem Zusehen ein völliger Unsinn. Wenn man sich zunächst einmal die Stellung Deutschlands hinsichtlich seiner Bevölkenrngszahl, seiner Industrie-, See- und Handelsinteceffm genauer ansieht, so wird man bald schon zu der Einsicht gelangen, daß auch die Rüst- ungsauSgaben für die Kulturaufgaben insofern von aller Höch st er Bedeutung sind, als ohne eine genügende Sicherung nach außen hin die Kultur- entfaltung stets aufs äußerste gefährdet und in ihrer Entwickelung gehemmt ist.

Eine solche Behauptung ist weiter eine breifte Lüge. Denn für Kunst und Wissenschaft, Kultur und Schule, also für die Pflege der EeisteSkultur allein wurden in Reich, Staat und Ge­meinden mit über 10 000 Einwohnern im Jahre 1907 ausgegeben 727 Millionen Mark. Das sind je­doch noch lange nicht alle Aufwendungen für die­sen Zweck. Wollte man genauere Zahlen erhalten, so müßte man mich die Summen dazu zählen, welche für die Verzinsung der für die genannten Zwecke ge­machten Schulden aufgewendet worden sind. Diese Summen find sehr bedeutend, wenn man nur bedenkt, daß gerade die vielen und zahlreichen Bauten, die sol­chen Kulturzwecken dienen, im allgemeinen auf Schul­den genommen werden. Es müßte also ein erheblicher Teil der Aufwendungen für den Schulden dienst (für alle Arten von Schulden find 955 Millionen Mark an Verzinsung nfw. notwendig) hier eingerechnet werden.

Und dann hat man erst die Ausgaben für die Pflege der Geisteskultur. Die Arme n-. Kran­ken- und Waisenpflege gehören ebenfalls hier­her. Sie erfordert 151 Millionen Mack. Desgleichen die Gesundheitspflege mit 150 Millionen Mark. Ganz zu schweigen von den Aufwendungen ftir die Förderung der einzelnen wirtschaftlichen Be- nlfsfttmde, für die Pflege der Sozialpolitik und die mannigsachen sonstigen Kulturzwecke. Für Kunst und Wissen swast, Schule und Kultur, für Gesundheits­wesen, Armen-, Kranken- und Waisenpflege ergibt sich bann insgesamt in 1907 ein direkter Auf­wand von 1028 Millionen Mack. Für Rüstungs­zwecke im gleichen Fuhre 1104 Millionen Mack. Da­bei muß man immer wieder. die letzteren unter dem Gesichtspunkt der durch sie erst' ermöglichten Kultur- entroirfelung und -entfaltung betrachten.

Die obige Bebaupttmg erweist sich also bei näherer Betrachtung sofort wieder als eine sozialdemokra­tische Tendenzlüge, die neben vielen andern dem verwerflichen Zweck dient, die Massen instinktmäßig gegen die notwendigsten Steuern aufzuhetzen.

Deutsches Reich,

4- Die Blockreparatur-Arbeiten

sind eifrig im Gange. Am Mittwoch abend haben, gleich zwei große Verkammlungen in Ber lin statt gesunden, die diesem edelen Werke gewidmet waten.

Tie Ortsgruppe des Akkdeutschen Ver­bandes nahm nach einem Referat des Gr ssen Revenllow eine Entschließung an, die besagt:

„Es ist Hobe 5eit, daß die nationalen Parteien, die früher den Block gebildet haben, von der gegen* wattigen Zerfleischung ablasten, der sie sich allzulange hmgegebe» Haden, und ivreder gemeinsam den Reichs­gedanken gegen die Wühlarbeit der Feinde unseres Bolles verleidigen. E- ist Pflicht aller wirklich auf das Wohl des Deutschen Reiches bedachten deutschen Männer und Frauen, allen iReftri bangen entgegenzu­

treten, die geeignet find, den unheilvollen Zwist zu verlängern, durch den als lachender Erbe einzig und allem die Sozialdemokratie den Vorteil haben kann.'

Bemerkenswert war die Forderung des Refe­renten; der Silvester-Brief (der sich be­kanntlich gegen Zentrum und Sozialdemokratie richtete) müsse wieder in Erinnerung gebracht weiden, damit die bürgerlichen Parteien von Fall zu Fall sich in nationalen Fragen wieder zusammenfinden können. Zur gleichen Stunde beschäftigte sich eine Versammlung des Evan­gelischen Bundes mit der Frage: «Soll und wird das Zentrum wieder Trumpf werden?" Bundesdirekior Reichstagsabg. Everling führte nach dem Bericht in der.Täglichen Rundschau^ als Referent aus:

.Wir hatten die Blockpolitik für eine Not­wendigkeit. Der Evangelische Bund ist durch­drungen von der Notwendigkeit der Blockpolitik, wenn er sich auch mit ihrem Schicksal nicht zusammenbindet. Was sollen wir nun tun? Gelähmt bleiben? Ach, nein, wir sehen die Gefahr und lassen uns nicht ent» mutigen. Jetzt muh sich die tapfere Treue des Bundes erst recht bewähren. Auf zur tatenftohen Sammlung! Wir brauchen eine protestantische Gesinnungsgenoflen- schast, so unbequem es auch der Kölnischen Zeitung' fein mag. Wir müssen uns doch wieder zusammen­finden, und schließlich besteht doch noch die alte Block­mehrheit im • Reichstage. Der neue Reichskanzler scheint nach Berssangenheit und Perfönlichkett nicht gewillt, fich unter die Vorherrschaft des Zen­trums zu beugen. Sind wir einig, so wird uns ein­mal der Friedensbogen leuchten!'

Anhaltender stürmischer Beifall folgte diesen Ausführungen. Aus der Diskussion sind be­merkenswert die Ausführungen eines konservativen Rechtsanwalts Bredereck:

Der Blockgedanke, der sich gut bewährt habe, muffe wieder lebendig werden; der Block sei eine Er­ziehung des Bürgertums zur nationalen Politik gewesen; es müsse alles getan werden, um die konservative Partei auf den Blsckgedanken zurückzuführen und der Evangelische Bund möge das seine tun, um diesen Blockzedanlen immer weiter hinauszutragen in daS Land!

Ein Herr Osteroth bezeichnet es als die Hauptsache:

Konservative und Liberale müssen unter die Ver­gangenheit einen dicken Strich machen. Wolle man den Kampf gegen Sozialdemokratie und tUtramonta« nisrnns, so müsse man das Kriegsbell begraben. Es gelte, die Blockmehrheit wieder zusammenzuschweißen.

Frisch auf an's Werk!

i Berlin, 21. Oft. 1909. Der Kaiser hat heute vormittag im Reuen Palais bei Potsdam die Vorträge des Kriegsministers, des Chefs des Generalstabs der Armee, des Chefs deS Militär­kabinetts und deS Präsidenten derArtillerieprüfungS- Kommission gehört. — Die Blättermeldung, daß die sächsische Regierung den Antrag gestellt habe, die Beratung des Gesetzentwurfes über die SchiffartSabgaben zu vertagen, entspricht, wie die „Deutsche Tag.-Ztg." hört, den Tatfach«! nicht. — Die internationale Post-Scheckkon­ferenz ist Donnerstag im Reichspostamt zu Berlin «öffnet worden. Zweck der Konferenz ist die Einrichtung eines internationalen Postgiro­verkehrs zwischen Deutschland, Oesterreich, Ungarn und der Schweiz.

(*) Rechnungsbüros und Steuerhinter­ziehungen. In' den preußischen Jahrbüchern hatte Professor Delbrück die Steuerverwaltung auf die Rechnungsbüros aufmerksam g emacht, die es unternähmen, auf Grund einer scheinb ar exakten Buchführung den Steuerpflichtigen nachzuweisen.

Die weitze grau von MnÄot.

36] Original-Romau von O. Elster.

„Rein, nein, Herr Graf, mrf keinen Fast! Sehen Sie hier — nehmen Sie die Dokumente?'

„Ich nehme fie nicht, fie gehören Ihnen!'

„Sv zerreiße ich fie und vernichte mft ihnen alle .Ansprüche für jetzt und für alle Zeiten."

Ich ließ meinen Watten die Tat folgen, zerriß die Papiere und streute fie auf 6en Fußboden.

Der Graf ließ es ruhig geschehen.

„Mit dem Zerreißen der Papiere,' sprach er mit edlem Stolz, „vernichten Sie nicht Ihre Rechtsan­sprüche. Die Papiere können erneuert werden. Sie .sind ja nicht der einzige, der um die Angelegenheit weiß, Ihr Oheim weiß davon . .

„Ich werde ibn zwingen, darüber zu schweigen!'

-Sie sehen ans der Tassache, daß er die Angelegen- Heft meiner Tochter enthüllt hat, wie er Ihr Vertat ouffnfjt. Soll ich mich dem aussetzen, daß er unseren tn^er'2 Schmach, unsere Schuld der Oessent- lichkett prersgkbt. Wie wollen Sie ihn zwingen?'

«Er hat schon einmal eine Erpressung und eine Unterschlagung, die mtt dieser Angelegenheit zufam- «nenhängt. begangen. Ich werde ihm mit der Staats- vnwaltschast drohen, wenn er weiter spricht.'

„Und wenn Sie diese Klage gegen ihn anhängig wachen wollten, würde dann nicht unsere Angelegen- lveit auch zur Sprache komme? Würde nicht alle Welt erfahren, ans Grund welcher Tatsachen Ihr Onkel jene POergehen begangen?'

3ch sah da? Richtige dieser Bemerkung ein und schwieg betroffen still.

w ” suhr der Graf fort, „daß es keinen an?

leren Ausweg Obt als der Wahrhett die Ehre zu ge- kein» Schuld an dem Geschehenen, die Folgen tragen muffen. Der Väter wchmü erbt sich fort auf Kind undKurteskinder — dos Mahren wir jetzt.'

Ich war tief bewegt von dem stolzen Edelmut und M ruhigen Würde, mit der der Graf das Unvermekd-

liche trag. Da blitzte mir ein Gedanke durch die Seele, und wenn er mich auch schmerzlich erregte, fo erschien er mir doch ine Rettung aus all diese» Wirren zu bie­ten. Ich brachte dabei ein Opfer — daS größte meines Lebens, aber ich hatte mir geschworen, Amalgunde glücklich zu machen, ihr und ihrer Familie durch die Gtttendmachung meiner Rechtsansprüche niemals Kum­mer zu bereiten — deshalb nmßtä das Opfer gebracht werten.

„Herr Graf.' sagte ich stockend und zögernd und mtt dem Ausdruck kämvfend, „Sie waren vorhin so gütig, mir einen Vorschlag zu machen . . .*

„Welche» Vorschlag?'

„Sie wollte» ich sollte . . Ihren Ralen tra­gen, ich sollte Ihr Sohn werden . . *

„Ja, altes Unrecht sollte durch diese Adoption ge­sühnt werde». So war eS zwischen meiner Matter und mft verabredet worden. Jetzt verstehe ich meine Mutter! Jetzt weiß ich, daß fie beiden Teilen gerecht werten wollte. DaS geht mm nicht mehr an.'

„Weshalb nicht, Herr Graf?'

Er sah mich groß an.

„Well dadurch das wirkliche Unrecht nicht gesühnt wird', sagte er nach einet Weile. „Well die Unehre, welche auf dem Namen, auf dem Leben Ihres Vaters lastet, ni<§t von ihm genommen wird. Es wäre ein neuer Betrag, den wir der Welt vorfpiegelten. Ich mag mich nidjt dazu hergeben. Soffen Sie wich den geraden Weg zch-n, er kann unS beiden mit zur Ehre gererchen. Morgen schon werde ich nach der Residenz fahren, m» die geeigneten Schritte vorzubereiten. D« Herzog wirt mir ein gnädiger Herr fein . . .'

„Nein, nein,' rief ich in Verzweiflung, .es darf auf keinen Fall geschehen.'

„Und doch schienen Sie vorhin selbst Bedenken zu tragen, «f meinen Vorschlag der Adoption etnzu- gefjen?'

„Ja, aber aus einem ganz anderen Grunde.'

„Darf ich den Grund wissen''

„3b, Sie solle» alles wissen, Herr Graf Ihr Edel­mut macht rt mir zur Pflicht, offen und frei zu ihnen M sprechen. Ich dm» ja jetzt auch frei de» Grund

meines Bedenkens sagen, denn Amalgunde liebt mich nicht. . .'

^Bie soll ich Sie verstehen? Was hat Amalgunde damit zu schassen?'

„Ich trug Bedenken, Ihren edelmütigen Vorschlag anzunehmen, well--weil ich Amalgunde nicht wie

eine Schwester lieben könnte . . .*

„Nicht roi: eine Schwester?"

„Nein, sondern wie dasjenige Wesen, von dem man das höchste Glück seines Lebens erwartet — wie meine Brant — meine Gattin. .'

Das Wort war gesprochen. Ich atmete tief auf, und stand in zitternder Erregung da.

„Und davon haben wir nichts geahnt?' fragte der Gras, rote in einem Traum befangen. „Und weiß Amalgunde von Ihrer Liebe?"

„Ich glaube, sie ahnt sie — aber ich habe niemals gewagt, von meiner Liebe zu sprechen — und jetzt — jetzt ist ja doch alles vorüber — sie selbst sagte es ja vochin..." <

Des Grasen Auge ruhte mit tiefem Ernst auf iijir. Dann reichte er mir die Hand und sprach mft vor Rührung bebender Stimme:

„In dieser Stunde habe ich Sie erst ganz kennen rmb Urten gelernt, C-undokar. Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung — ich danke Ihnen aus vollem Her­zen. Lassen Sie uns für heute unsere Unterredung abbrechen — wir sind beide verwirrt imd betäubt — e8 war zu viel auf einmal. Sie sollen meinen Ent­schluß in wenigen Tagen hören, bis dahin bitte ich Sie, noch hi« zu bleiben Wollen Sie mir das versprechen?"

„Ja, ich verspreche es.'

„Ich danke Ihnen. Uno nun verlassen Sie mich, ich muß mit mirjelbft ins Reine kommen."

Er gab mir nochmals die Hand, die ich gern in ehrerbietigem Kuß an die Lippen geführt hätte. Dann wandte er fich ab undverließ das Zimm«, durchwühlt von einem Sturm der verschiedensten Gefühle und Ge­danken. —

Auf meinem Zimmer fand ich folgenden Brief:

Mein lieber Neffe und Stiefsohn!

Obgleich Du mich im Zorn verlassen und jede» Verkehr mit mir abgebrochen hast, habe ich mir doch ge­nug verwandtsckiastlicheS Gefühl für Dich bewahrt, um für Deine Zukunft zu sorgen. Du hast mir verboten, über das Geheimnis Deiner Abstammung zu sprech«. Du hast mir sogar gedroht und ich mutz gestehen, daß ich eine Zeit lang so ärgerlich über Dein Betragen war, daß ich beschloß, mich gar nicht mehr mit der Angelegenheit zu befassen. Nach und nach aber kam mir zum Bewußtsein, daß Deine Drohung nur leere Worte waren, denn wolltest Du Deine Drohung wahr machen, dann würde ja gerade der Zweck, jenes Ge­h' imnis nicht der Oeffentlichkeit Preis zu geben, verei­telt. Ich dachte auch an Deinen Vater, der sein gan- zrs Leben gestrebt hatte, jene Papiere zu bekommen, die ich Dir übergeben habe. Er würde rücksichtslos seine Rechte geltend gemacht uitb die Ehre seiner Mut­ter und seine eigene wieder hergestellt haben. Dos olles erwog ich bei mir und kam zu dem Entschluß, daß man Dich auch gegen Deinen Willen glücklich machen müsse. Ich wartete nur auf eine paffende Gelegenheit, denn ich wollte nicht den Anschein erwecken, daß ich aus eigennützigen Gründen handelte. Mein Vorteil oder Nachtell bleibt dabei ganz aus dem Spiele.

Die Gelegenheit fand sich bei dem Begräbnis des jungen Grafen, der Tod desselben enthebt Dich jeder Bedenflichkett, Deine Rechte geltend zu machen, denn nun bist Duderletzte Erde des alten Namens. Ich kam zur Beisetzung. Durch ben alten Martin, bessen Freundschaft ich mir zu erwerben wußte, erfuhr ich, in welch freundschaftlichem Verhältnis Du zu der gräflichen Familie stehst, erfuhr auch, baß Deine Groß- mutt« noch lebt und baß Du auch mit ihr in Verkehr stehst. Durch ben alten Martin wurde mir auch die Zusammenkunft mit d« Jungen Komtesse ermöglicht. Diese, als letzte ihres Stammes, schien mit die ge­eignetste Persönlübkeit, ihr diejenigen Mitteilungen zu machen, beten Geheimhaltung Du mir aus ganz un­begreiflichen Gründen anbefohlen hattest. Sie nahm die Mitteilung zuerst sehr ungläubig auf, bis ich ihr unzweifelhafte Beweise der Wahrheit gab. Ihr Et-