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üotationsdruckund Verlag der Luldaer N- ttendruckerel in Lnlda Zernsprecher Rr. 9.

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Fulda, Donnerstag den 21. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

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die Diestbotennot sehr empfindlich ist. So kamen z. B. in der Stadt Berlin auf 100 offene Stellen nicht mehr als 48 Arbeitssuchende, in der Provinz Brandenburg mit Ausschluß Berlins sogar nur 37. Auch die Provinz Hessen-Nassau leidet unter großer Dienstbotennot: der Andrang auf 100 offene Stellen bezifferte sich hier auf nur 37.

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Aur dem Nachbargebiete.

* Hünfeld, 20. Oft. 1909. Am 28. Oktober findet unter dem Vorsitz des Landrates von Trotha hier eine Vresammlung von Teilnehmern an dem Eisen­bahnplan Meiningen — Helmershau­se n - Kaltensundheim - Kaltennordheim -Hünfeld statt.

* Frankfurt a. M., 20. Oft. 1909. Der Rekru- tenfürforgje wdmet de Militärbehörde neuer­dings ihre Aufmerksamkeit. So fand gestern eine Kon­ferenz des Verens für innere Mission, des Charitas- verbandes und des jüdischen Vereins Monteftore statt, in welcher darüber beraten wurde, wie man die neu» eingetretenen und anderen Soldaten Sonntags nach­mittags sammeln undu nterhalten kann, um sie beit schädlichen Einflüssen der Großstadt zu entziehen. Maa beschloß, zu der nächsten Beratung die Militäcgeist- lichen zuzuzieben, um deren Ansichten zu hören.

* Rinteln, 20. Oft. 1909. Auf der Kohlenbahn beim Georgschachte versuchte der sechs Jahre alte Sohn des Glasmachers Franke einen leeren Wagen des im Abfahren begriffenen Kohlenzuges zu erklettern. Er stürzte ab und erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß er kurz darauf starb

* Hann.-Münden, 18. Oft. 1909. Bei dem Nach­barorte Wilh e lms hau se n fuhr ein Steinfuhr­werk einen steilen Berg hinab. Die Bremse Platzte. Der Wagen rollte hinab auf ein bergauf fahrendes Kuhgespann. Beide Wagen wurden stark beschädigt. Ein Pferd und eine Kuh wurden auf der Stelle getötet.

♦ Erfurt, 18. Oft 1909. Der Photograph Guericke war mit seinem siebenjährigen Sohne in den Elgers­burger Wald gegangen, um Pilze zu suchen. Plötzlich sah er den in einiger Entfernung von ihm stehenden Jungen in die Erde versinken. Er sprang hinzu, fand aber nur noch ein tiefes Loch in der Erde vor. Wie sich herausstellte, Ivar das Erdreich über dem alten Schachte eines längst außer Betrieb ge­setzten Kohlenbergwerks zusammengebrochen und hatte den Knaben mit in die Tiefe gezogen. Er wurde nach angestrengten Arbeiten in einer Tiefe von Über 20 Me­tern gefunden, war aber so schwer verletzt, daß er bald darauf starb.

* Aus Thüringen, 20. Oft. 1909. Sechs SchÜ I e r einer Lehranstalt in Gera sind verschwun­den, sie wollen eine Weltreise antreten und haben sich mit Dolchen und Revolvern versehen. Gewiß hat schlechte Lektüre den dummen Jungen die Köpfe ver­dreht. — Die Hebammen des Großherzogtums Sachsen-Weimar wollen zu einem Verband zusam­mentreten. Die konstituierende Versammlung soll am 25. Oktober in Weimar stattfinden.

* AuS Rheinhessen, 20. Oft. 1909. Eine Kreuz- nacher Elektrizitätsgesellschast beabsichtigt, nunmehr ein zweites Gruppen-Elektrizitätswerk in unserer Provinz zu errichten. Wegen des Anschlusses an dieses Gnippenwerk ist die Gesellschaft mit 24 rhein- hessischen Gemeinden in Unterhandlungen getreten-

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volkswirtschaftlicher und Sozialer.

* Die Dienstbotenuot ist in mancher Gegend wieder recht empfindlich; es kommen im Reichsdurchfchnitt auf je 100 offene Stellen noch nicht einmal 80 Ar­beitsuchende. Es darf aber licht übersehen werden, daß keineswegs alle deutschen Landesteile unter Dttnst- botennot leiden. Ein Blick auf Angebot und Nach­frage in den verschiedenen Gegenden lehrt vieimehr, daß vereinzelt sogar ein Ueberangebot an Dienstmäd­chen besteht. Männliche Dienstboten gibt es fast aller­orts zuviel' einen Ueberfluß an weiblichen Dienst­boten weist namentlich der Arbeitsmarft in Posen, Wesffaleu, im Rheinland, im Königreich Sachsen und in Elsaß-Lothringen auf. In Westfalen ist das lieber- angebot nur unbedeutend, im Rheinland aber beträcht­lich. Es komme,! hier, soweit die öffentlichen Arbeits­nachweise darüber Auskunft geben, auf je 100 offene Stellen 110 Arbeitssuchende. Diesen Landesteilen steht nun allerdings eine Reihe anderer gegenüber, in denen |

Ausland.

** Die mitteleuropäische Zeit will man in Oester­reich am 1. Mai 1910 einführen. Der Wiener Ge- mcinderat hat den Beschluß gefaßt, an alle Behörden und Anstalten mit der Bitte heranzutreten, die ge­nannte Zeit von jenem Tage ab einzuführen. Er selbst wird ste im gesamten städtischen Amtsverkehr zur Ver­wendung bringen. Auch der industrMe Klub ersuchte seine Mitglieder, sich diesem Vorgehen anzuschließen.

** Der Urheber der AuSschreittmgen gegen die englischen Katholiken seitens des protestantischen Mob in Liverpool, der protestantische Pastor W i f e, bekam vor dem Lord Oberrichter einen tüchtigen Denkzettel. Wise hatte gegen das Urteil des Richters in Liver­pool, der chn als Hetzer kennzeichnete, seine Umzüge untersagte, und eine biennonotige Gefängnisstrafe über ihn verhängte, Berufung eingelegt. Der Lord Ober­richter stellte fest, daß die Urteilsbegründung des Rich­ters in Liverpool so ausführlich und klar sei, daß abso­lut nichts daran auszusetzen sei. Die hetzerische Tätig­keit Wises sei vollkommen nachgewiesen, ebenso die Tatsache, daß diese Hetze den Frieden in Liverpool ge­stört habe. D'e Berufung Wises sei also abzuweisen. Der oberste Gerichtshof beschloß dann in diesem Sinne. Wise muß die Gefängnisstrafe von vier Monaten ab- sitzen und hat sie wohl verdient. Er streute bekanntlich u. a. die Behauptung aus, im Vatikan würden jähr­lich einige neugeborene Judenkinder geschlachtet.

* Die Friedensverhanblnngen im Rif, von denen schon mehrfach die Rede war, scheinen jetzt tatsächlich durch Vermittelung Mulav Hafids in Fluß kommen zu sollen. An Bord eines spanischen Kriegsschiffes sind Gesandte des Sultans nach Melilla abgefahren. Die Abordnung hatte vorher mit dem spanischen Ge­sandten in Gegenwart des Vertreters des Sultans eine Besprechung und soll den Frieden mit den Rif­leuten vermitteln. — Inzwischen nehmen die Kämpfe bei Melilla ihren Fortgang. Spanische Kriegs­schiffe bombarbierten die Ortschaften zwischen Kap Negro und Kap Abdame. Auf spanischer Seite wur­den 19 Mann, bei den Marokkanern mehr als 300 außer Gefecht gesetzt.

vermischtes.

* Das gemeingefährliche Treiben einer angebliche« Geisterbeschwörerin und die unglaubliche Dummhett ihrer Opfer wurde in einer Neruftmgsverhandlung bot dem Landgericht in Hannover gezeigt. Die Ange­klagte behauptete, die Schwarzkunst erlernt zu haben, Krankheiten anhexeu, verhaftete Menschen be­freien, jungen Mädchen Ehemänner beschaffen und andere hübsche Dinge ausfühven zu können. In einem Falle wollte ste den braunschweigischen Staats­minister Dr. v. Otto derartig „bannen", daß er die Freilassung eines geisteskranken Mannes verfügen sollte. Sie verschaffte sich auch tatsächlich Zulassung zu dem Bureau des Ministers und wollte dort mit ihrem Hokuspokus beginnen, wurde aber schleunigst an die frische Luft befördett. Das Schöffengettcht hat die große Leichtgläubigkeit der Opfer der Angeklagten trafmildernd berücksichtigt und die Angeklagte nur zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. In der Beruf­ungsinstanz wurde sie zu acht Monaten Gefängnis berurte:It. Das Gericht betonte, daß derartige ge­meingefährliche Umtriebe exemplarisch bestraft werden müßten.

* Dem Baier nach Sibirien gefolgt. Die Tochter des früheren Chefs der russischen Geheimpolizei Lopu­chin ist in Begleitung ihrer englischen Gouvernante über Moskau nach Sibirien gereift, um das Exil ihres zu fünfjähriger Zwangsarbeit berurtellten Vaters zu teilen.

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Kamttstratze 5.

Barbier, Der seit seiner Aussage spurlos verschwun­den ist, (vielleicht hat er sich aus Angst vor den Ferristen geflüchtet) erklärt, daß er Ferrer während seiner revo­lutionären Agitation am 26. Juli in Barcelona beglei­tet hak, daß Ferrer ihm gejagt habe, alles sei zur -Revolution und Proklamation fertig; er habe ihn nach

Masnou begleitet, wo Fer.er in seiner Barbierstube bekannte Republikaner, die er Habs rufen lassen, aufge­fordert habe, im Rathaus die Republik zu pro­klamieren, was jedoch erfolglos gewesen sei; er sei auch mit nach Premia de Mar gegangen, wo Ferrer sogar mit dem Bürgermeister und Sladträten den gleichen Versuch tntt demselben Mißerfolg gemacht habe; endlich habe Ferrer gesagt, daß alle Revolutio­näre, die ihre Pflicht nicht erfüllten, bie gleiche Strafe treffen weide, die von den russischen Revolutionären, auf die Verrälerangewandt worden fei . . Ardid, einer der Führer der radikalen Republtkaner in Barcelona, sagt aus, daß Ferrer am Abend des 26. Juli ihn aufgesucht habe, um allein mit ihm zu sprechen und ihn zur Be­gehung revolutionärer Handlungen aufzufordern, was seinerseits aber mit Entrüstung zurückgewlesen worden sei. Der Bürgermeister von Prema De Mar erklärt noch, daß Ferrer zu ihm gesagt habe, er selbst könne sich nicht an Die Spitze einer revolutionären Gruppe stellen, da ihm ein wichtiger Posten Vorbehalten sei. Verschiedene Offiziere und Soldaten erlläten, daß sie Ferrer, der ihnen nach seiner Verhaftung in einer Reihe von Gefangenen gegenübergestellt wurde, den Mann wiedererkennen, der an verschiedenen Stellen an der Spitze revolutionärer Gruppen stand.

Die wahrheitsliebende liberale Presse wird sich auch hüten, diese Angaben abzudrucken. Sie würde ihr ganzes Gebahren als Schwindel und ihre Entrüst­ung als Komödie entlarven. Sie lügt weiter von dem „Justizmorde" und dem Opfer „klerikaler Tyrannen" und klatscht Beifall zu den Kundgebungen der Um- stt'irzler.

z Immer «och Ferrer

Der Spektakel über den „Justizmord" und das „Verbrechen" dauert fort. Die Gesinnungsgenossen Ferrers im anarchistischen, sozialdemokratischen und freimaurerisch-liberalen Lager find in fast allen Län- bem in Tobsucht verfallen. Am meisten in Frank­reich und Italien, wo die Anhänger Ferrers sich geradezu geberden, als wenn sie Tollhäusler wären, und blutige Straßenszenen mit der Polizei aufführen. In Deutschland betrachtet man den Fall Ferrer ruhiger, nur die sozialdemokratischen und ein Teil bet liberalen Presse ist bttrch bie Erschießung des spa­nischen Revolutionärs aus dem Häuschen gebracht. So schreibt ein wahres Hetzgenie in der fozialdemokm- tifchen „Frank. Tagespost":

„Die ganze Kulturwelt zittert in dem Gefühl des unerträglichen verbrechens, daß am Anfang des 20. Jahrhunderts ein stiller Gelehrter (!!) schuldlos (!) hingerichtet worden ist, weil er den freien Gedanken, hellere Bildung unter dem unwissenden Volk auszu­breiten bemüht war. An diesem erhabenen Lebenszweck ist der Spanier Ferrer zum Märtyrer (!) geworden. Die Kirche und ihre staatlichen Werkzeuge trinken das Blut der Freiheit (!) Alle gesitteten Menschen bäumen sich auf unter diesem Hereinbruch mittelalterlicher Finster­nis und Barbarei. Nur das deutsche Zentrum erklärt sich solidarisch mit den spanischen Justizmördern. (!) Seine Preffe schrie nach Dem Kopf des edlen Mannes (!), und jetzt, da sie ihre Begierde erfüllt sieht, gießt sie in tollem Jubel eine Flut von Lügen und Beschimpfungen über den Geopferien (!), ja es droht mit derselben Rache an den Bekennern und Kämpfern des freien Geistes in Deutschland. Eine Schande, daß eine solche Partei Deutschland befleckt (!), Daß ste Macht hat und mit ihrer Unbesieglichkeit sich brüstet!"

.Wahrlich, ein Meisterstück verlogener Hetzer! Fer­rer, „der schuldlos hin gemordete, stille Gelehrte", er­blickte bekanntlich fein „erhabenes Lebenswerk" darin, daß er, wo es nur immer anging, eifriger und zielbe­wußter Förderer und Führer des 'revolutio­nären Anarchismus war. Nach besttmmten Blättermeldungen war der Gerichtete auch der Ur­heber einer ganzen Reihe entsetzlicher Massen- hiuschlachtungen feiner eigenen Landslertte durch anarchistische Mordanschlage. Der reiche, „edle" Mann hatte sogar für seine Tochter nichts übrig; als Fabrikarbeiterin muß sie mit ihren drei Kindern, ver­lassen von dem treulosen Vater, mit einem Tagelohn von zwei Franks ihr kärgliches Leben friften. „Tod dem König, Tod den Pfaffen!", das war die Losung, das war das „erhabene Lebenswerk" dieses „Frei- heitshelden". Wie muß es unter solchen Umständen doch in den Köpfen gewissenloser Agitatoren aus- schen, die es lediglich zum Zwecke des raffinierten Gimpelfangs fertig bringen, den angeblichen „spa­nischen Justizmord" dem deutschen Zentrum an die Rockschöße zu hangen, weil ein Revolutionär feine verdiente Strafe erlitt?

_ Ferrer war ein Anarchist s ch l im inst e r Sorte Tas wagt kein einziges Blatt, auch nicht bie „Frkf. <ptg." (Nr. 288) in Abrede zu stellen, daß die mo­dernen Schulen", bk er gründete, religions­los e Schulen waren, „die weder Dogma noch Ueber- heferung kannten"; daß er selbst „bei mehreren revo­lutionären Versuchen beteiligt war", daß er das Houpt, bet geistige Leiter der revolutio­nären Bewegungen und anarchisttscher Fre­veltaten war, welche den Abscheu der ganzen gesitteten Wilf erregten. Besonders Barcelona, der Wohn­sitz Ferrers, zeichnete sich dadurch aus. Wie nötig es toa., nut fester Hand zuzufassen, haben die grauenhaften Vorgänge in Barcelona gezeigt. Um bie unschuldigen

»srl’r? Greuel kümmert sich die sozialistisch- ^ffe nicht. Aber daß der schuldige Anstifter der Revolution, Ferrer, die verdiente Todes- Prcfe erhalten hat, darüber brechen bie revolutionären Sczmlbemokmten, Freidenker und Freimaurer aller Lander tote auf Kommando in rasende Entrüstung aus

-irim5sten europäischen Nachrichtenagenturen tSXrii f Prozeß Ferer in tendenziöser Weise

Das betont auch der in Parts wellende spanische Senator Mila y Campo der sich :n emem Pariser Blatte in folgenden Watten über Ferrer auslaßt:

„Ich bin erstaunt Über die Aufregung, bie bie Exekution oes /ferrer hier in Paris verursacht hat. Ich bin er- fiaunt über die Leichtigkeit, mit ber sich bie öffentliche Meinung nicht nur m Frankreich, fonbern in gant Europa ein unrichtiges Urteil gebilbet hat. Wenn man den oollttandtgen Bericht ber Debatten lieft, so gewinnt man tofort einen anderen Eindruck. Man gewinnt bie Ueberzeugung, daß das Kriegsgettcht nnmöglich diesen prosefstoueilen Anarchisten freisprechen, daß rhn bte Muttster unmöglich zur Begnadigung vor- ^lagen konnten. Seit langem war Barcelona der Schauplatz anarchistischer Attentate, die von Ferrer t n 1 p i r t e 11 wurden. Eine große Majorität in Spanien hätte es nicht »erstanden, wenn man einen gerrer begnadigt hätte, während bie von ihm verführten

I Komplizen, bie von ihm „Erleuchteten", deren Arm er bewaffnete, meistens arme Teufel, schon längst füsiliert | wurden.

Dieser Tage wurde im Schettschen „Tag" die Unterredung eines Vertreter? dieses bekanntlich sicher nicht „klettkalen" Blattes mit dem spanischen Botschafter in Berlin veröffentlicht, wonach dieser sagte:

„Nur Unkenntnis der gegenwärtigen politischen Sage Spaniens kann Zeitungen, bie nicht ausgesprochen anarchistischer Tenbenz stnb, zu ihrer jetzigen Haltung veranlassen. Ter Anschein wirb erweckt, als fei in Spanien bie systematische Verfolgung irgendeiner miß­liebigen Person möglich. Wer aber die spanische Ver­fassung kennt, ber muß auch wissen, baß sie bem Volke bedeutend größere Freiheiten garantiert, als die Ver­fassung vieler anderen Länder, die zu den zivilisierten gerechnet werden. Die Professoren seien durchweg liberal und viele von ihnen extreme Republikaner. (Wenn wir dem Botschafter gegenüber gestanden hätten, würden wir ihm bemerkt haben, daß dies vieles von den spanischen Zuständen erkläre, und daß die Preu­ßen nicht so dumm sind, republckanische Professoren zu besolden.) Freischulen gebe es zur Genüge, i Stimmt! Die englisch-amerikanischen Sehen treiben mit Hilfe derselben ihre Propaganda, was fte in Preu­ßen nicht tun dürsten. Auch ein gewisser Pastor Fliedner aus Deutschland betrieb mit Hilfe von solchen Schulen die „Evangelisation Spaniens"; der Mann war sogar deutscher Bolschastsprediger in Madrid, was ihn jedoch nicht hinderte, auf einem jahrelang betriebenen Bettelfeldzuge bie ungeheuerlichsten Dinge über Spanien zu erzählen. Die spanische Regierung ließ sich das gefallen; Preußen würde in gleichem Falle einen Botschaftsprediger, der etwa die Katholisierung Deutsch­lands betrieben hätte, über bie Grenze spediert haben.) Aber bie sogenannten modernen Schuten — so fuhr der spanische Botschafter fort —, deren Haupt Ferrer war, trugen einen ausgesprochen anar­chistischen Charakter, die Zerstörung jeder existieren­den sozialen Ordnung wurde dort gelehrt. Die Toleranz, welche die Regierung dieser revolutionären Propa­ganda entgegenbrachte, ging weiter, als es in irgend einem anderen Lande möglich gewesen wäre. Die schrecklichen Szenen in Barcelona waren das Resultat. Erst als in den Julitagen die Ehre des Vaterlandes und die Aufrechterhaltung der Ordnung in Frage ge­stellt wurden, griff die Regierung zur Durchführung des Gesetzes „Orden publico“, ein Gesetz, baS im Jahre 1870 von den rabikalistischen Machthabern selbst geschaffen wurde. Dieses Gesetz bedingt, daß jede rebellische Tat vor einem militärischen Tribu­nal verhandelt, werden soll. Und so geschah es. Aber fein Protest, keine Manifestation wurde zugunsten des Verurteilten laut, obwohl manche von ihnen gewiß schuldloser waren als die, welche sie zu ihren Taten angestijtet. Sobald aber Ferrer an bie Reihe kam, ba konnte es bie „anarchistische Aristokratie" nicht fassen, baß einer ihrer oberen Vierhunbert genau so behandelt werben sollte, wie a n b e r e Sterbliche. Uub fast scheint es jetzt, als sei ber ganze Erdball in eine schreckliche Gefahr geraten, weil em verfassungsmäßiges Tribunal einen schuldigen Mann laut Gesetz zum Tode verurteilt hat. Denn das können nur gewisse Zei­tungen herausrechnen, daß ein von Armeeoffizieren einstimmig gefälltes Urteil, das dann von tüchtigen Rechtsauwätten noch einer gründlichen Revision unter­zogen wurde, um dann wiederum einstimmig an­genommen und an das oberste Armeegericht in Madrid, bestehend aus Generalen und Richtern, weitergegeben zu werden — daß ein solches Urteil rin gewalt­sames sein könne. Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, daß im Falle Ferrer irgend »was unternommen wurde, was nicht in jeder Beziehung ber Verfassung unb den Gesetzen entsprach."

Von dem „Justizmorde", der auf Kommando der Mönche und Jesuiten an Ferrer verübt worden sein soll, bleibt nichts übttg. Die liberale Preffe, die gegen Spanien und die katholische Kirche wütet, unterschlägt selbstverständlich die Aufklärung des spanischen Bot- fchasters; ste paßt nicht in ihren Lügenfeldzug hinein. Auch das Wolff'sche Bureau, das sonst jeden Quark aus den Scherlblättern weitewerbreitet, hat von dem Interview keine Notiz genommen.

Ferrer ist übttgens nicht bloß als geistiger Ur­heber der Redolution von Barcelona verurteilt worden, es ist ihm vielmehr auch die direkte Teilnahme und A n st i f t u n g nach gewiesen worden. Das bezeugt uns die „Tägl. Rundschau", die im übrigen als Apostatenblatt und Organ des Evangelischen Bun­des nattirlich auf der Sette der Freunde Ferrers steht. Die „Tägl. Rundschau" veröffentlicht einen Bttef Barcelona über die Kriegsgerichtsverhand­lung vom 9. Oktober, der neben anderen Bettcht- erstattern auch der Korrespondent des Organs des Evangelischen Bundes beiwohnen konnte. Ein Be­weis dafür, daß keineswegs hinter ver - chlofsenen Türen die Verhandlung und Ver- utteilung ftattgefunben hat. Wie gründlich die Unter- uchung gegen Ferrer geführt worden ist, beweist der Mnstand, daß nach dem Bettchte der „Tägl. Rund- <9™' die Verlesung der Untersuchungsakten allein drei Stunden in Anspruch nahm. Als Beweis für die Schuld Ferrers gibt befer Bericht folgendes wieder:

„Ein Gendarmerie - Sergeant erklärt baft Ferrer am 28. Juli verschieben Revolutionäre in Masnou aufgeforbert habe, bewaffnet nach Barcelona zu gehen um chren bort kämpfenben Genossen beizustehen Ein

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