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M 241.
Fulda, Mittwoch den 20. Oktober 1909.
36. Jahrgang.
Fweites HZlcrtt.
ZS Links schwenkt marsch!
Gleichzeitig waren in diesen ^Eagen, wie schon gemeldet, in Jena die Vertreter der nationalliberalen Jugend und in Eisenach die Vorstandsmitglieder der nationalliberalen Partei versammelt.
Die Stimmung war auf beiden Tagen ziemlich gedrückt; von einer jubilierenden Stimmung angesichts des 50. Gedenktages der Gründung des deutschen Nationalvereins merkte man herzlich wenig. Zu beneiden ist die Partei in ihrer Lag- gegenwärtig eben nicht. Ueberall, wo sie auf den Wahlkampfplatz getreten ist, hats Hiebe gegeben und bei den Wahlen, die dieser Tage in Baden vor sich gehen, werden auch wohl wieder die Nationalliberalen die sein, die die Zeche zu bezahlen haben. Ihre Führer haben durch ihr Verhalten bei der Finanzreform nur zu deutlich gezeigt, daß auf sie kein Verlaß mehr ist; und daher sehnt sich auch keine Partei mehr danach, die Freundschaft der nationalliberalen Herren zu erwerben. Die Links- liberalen haben sogar in der letzten Zett bei ihren Einigungsversuchen den Nationalliberalismus gänzlich ausgeschaltet.
Offenbar sollte der jungliberale Vertretettag in Jena nochmals den Versuch aufnehmen, mit dem Linksliberalismus mehr Fühlung zu bekommen. Die jungliberalen Radauhelden sind ja gerade für diese Aufgabe wie geschaffen. Sie haben von Anfang an wett mehr dem Linksliberalismus mehr gehuldigt, als den nattonalliberalen Prinzipien. Man kann sich daher auch nicht wundern, daß fast aus jedem dritten Warte, das in diesen Tagen in Jena fiel, der Wunsch nach einem Linksabmarsch herausklaag. Ein Antrag Köln bedangt von der nationalliberalen Reichstags- ftaSion, »daß sie Schulter an Schulter mit dem Linksliberalismus als dem natürlichen Bundesgenoffen ar- tieitet" Den Nationalliberalen in Hagen wurde ein Mißtrauensvotum ausgesprochen, weil sie bei den Stadtverordnetenwahlen ein Bündnis mit dem Zentrum eingegangen waren. Ein solches Zusammengehen mit dem „ersten Feind des Liberalismus" müsse Mißstimmung bei den Liberalen Hervorrufen. Es wurde erklärt, bei den Einigungsversuchen handele es sich um eine Existenzfrage des Liberalismus Nur wenige Stimmen wandten sich gegen eine Fusionierung der liberalen Parteien. Dafür waren die Stimmen, die sogar ein Zusammengehen mit den Sozialdemokraten befürworteten, um so zahlreicher. Unter stürmischem Beifall verkündete der Mannheimer Delegiette das G r o ß b l o ck b ü n d n i s für die bevorstehenden badische-, Wahlen. Gemeinsam mit den Sozialdemokraten werde man das Zenttum niederrin- gen. Der Düffeldorfer Delegierte machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, indem er erklärte:
„Wir müssen offen aussprechen, daß wir in Rhein- land-Wesffalen uns mit den Sozialdemokraten zu verständigen haben, wegen der Mandate bei den nächsten Reichstagswahlen. In Rheinland- Westfalen fliegen wir bei den nächsten Wahlen tot- sicher aus allen Wahlkreisen hinaus, wenn wir uns nicht mit den Sozialde- Moktalen in die Mandate teilen. Die Sozialdemokraten stehen uns in diesem Falle viel nÄher elS die Schwarzen."
Man könnte nun annehmen, daß auf dem Jenaer Tage nur die radikalsten Elemente innerhalb der pationalliberalen Partei zu Worte gekommen seien, daß aber die gemäßigten Element- von einer solchen Taktik nichts wissen wollten. Aber die E i s e n a ch e r Eesomtvorstandssitzunz ließ erkennen, daß auch die dort versammelten Herren nur dann auf eine glückliche Neberwindung der Krisis hoffen, wenn der Anschluß nach Links gefunden würde. Paasche gab seinem tie- fen Schmerze darüber Ausdruck, daß man bei dem Verbrich der „Einigung" des Liberalismus die größte liberale Partei, die nationalliberale, einfach beiseite
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schiebe. Selbstverständlich dürften die Nattonallibera- Icn nicht ihre Selbständigkeit aufgeben; mit anderen Worten, in der großen liberalen Pattei müßten die nationalliberalen Herren die erste Violine spielen. Das ift ja aber gerade die Klippe, an der bisher alle Einigungsversuche gescheitett sind. Keine von den liberalen Gruppen und Grüppchen will sich den anderen unterordnen. „Wenn die Einigung noch nicht erfolgt ist, ist schulo daran, daß überall Pattei- päpste 4. oder 5. Grades ihr Unwesen treiben." Mit diesen Watten bat Professor Weimal auf dem Jugend- verbandsiage die Einigungsvcrsuche der Liberalen sehr gut charakterisiert; und ein anderer Redner machte Oie treffende Bemerkung, daß der deutsche Liberalismus einig wäre, wenn er eben nicht der deutsche Liberalismus wäre. Eine jede liberal- Gruppe, mag sie auch noch so wenige Anhänger haben, glaubt eben, sie allein habe den wahren Liberalismus, die anderen seien Dummköpfe. Mag die „Einigung" zustande kommen oder nicht, auf jeden Fall ist di- national- liberale Partei die „gelackmeierte". Bei ein.r Fusion des Gesamtliberalismus würden die Nationalliberalen bald fast gänzlich von der Bildfläche verschwinden. Bei einer Verschmelzung der linksliberalen Parteien allein würden sie im politischen Leben auch keinen Ausschlag mehr zu geben haben, und wenn, was oaS Wahrscheinlichste ist, überhaupt alle Einigimgsvet- suche scheitern, dann sitzen sie ebenfalls noch tief in der Patsche drin.
Wie der Entwickelungsgang des Liberalismus eben ist, neigt er sich immer mehr der Sozia l>de in o- trotte zu; der Nationalliberalismus macht davon keine Ausnahme. Die wenigen rechtsstehenden Elemente dieser Pattei halten die Bewegung nicht auf, sie werden mit in den Strudel gerissen werden.
* 000 Mark Erbschaftssteuer?
Einer bewußten Lüge macht sich die sozialdemokratische Presse schuldig, wenn sie nnaiis- gesetzt die Meinung ,u nähren versucht, mir Deutschen hätten keine Erbschgstsfleuer. So war vor kurzem noch in derselben -vgl. $. B. .Dortmunder Arbeiterztg.' Nr. 228; in Fettdruck über die ganze Seite zu leien:
Tie Neichen bezahlen an Erbschastsiicner in England: in Frankreich: in Deittichland: 520 000 000 Mk. 300 000 000 Mk. 000 Mk.
Das ist ein ganz infamer Schwindel. Die sozialdemokratische Presse weiß ganz genau, daß in Deutschland nicht 000 M. Erbschaftssteuer bezahlt werden, sondern etwa 60 Millionen Mark. Und zwar besteht diese Steuer als Reichserbschaftssteuer auf Verwandte und Seitenlinien seit 1906 und steigt gar bis auf 25 Prozent. Für diese Steuer hat auch das Zentrum gestimmt.
An diesen ersten Schwindel, als zahte man in Deutschland überhaupt keine Erbschaftssteuer, hängt die sozialdkmokratlsttie Presse dann gleich noch einen zweiten. Denn die Erbkchaftgsteuer, die im Anstande gezahlt wird, gibt die sozial» demokratiiebe Presse viel zu hoch an, damit der Unterschied nur ja fr ß genug heroortritl. Sie schreibt, die Reichen bezahlen an Erbschaftssteuer in England 520 Millionen Mark, in Frankreich 300 Millionen Mark. Was ist nun aber Wahrheit? Nach den Vorschlägen für 1908 betragen die Ewnahmen k-erichietener Kulturstaa'en an Erbschaftssteuer:
Deutsches Rerch
und Bundesstaaten . ("0 -367,000 X nicht 000 3k Großbritannien . 381,100,000 „ nicht 320 Mill „
Frankreich. . . 181,763,000 ., uidjt 300 3Wi«. „
Oesterreich .... 21,547/MX) „
Ungarn..... 3,861,000 „
Italien..... 31,200,000 „
Wenn das Zentrum bei der jüngsten Finanz» reform gegen die Erbschaftssteuervorlage der Regierung gestimmt hat, so hatte eS hierfür seine gewichtigen sachlichen Gründe. Es handelte sich nämlich um den hochbedeutsamen Schritt der Ausdehnung der Erbschaftssteuer von 1906 auf Ehegatten und Kinder. Diesen Schritt glaubte das Zentrum aus wohlerwogenen Ursachen nicht mitmachen zu dürfen. Das alles wird in der sozialdemokratischen Presse absichtlich verschwiegen. Und ebenso wird hier und zwar gefliffentlich verschwiegen, daß dieselbe Sozialdemokratie, die dem Zentrum seine Gegnerschaft gegen die Erbschaftssteuer zum größten Verbrechen anrechnet, mindestens zur Hälfte ihrer Abgeordneten sich ebenfalls gegen die Erbschaftssteuer erklärt hätte, wenn es im Reichstag zu einer dritten Lesung der Erbschaftssteuervorvorlage gekommen wäre. So haben wenigstens die Verhandlungen des Leipziger Parteitags vom vorigen Monat an die Oeffentlichkeit gebracht.
Rur einem Glüässall haben es die „Genossen" zu verdanken, wenn sie dieser ihnen für die Agitation natürlich so unangenehmen Situation entronnen sind. Dieser Umstand sollte sie veranlassen, in der Verdächtigung anderer Parteien wegen ihrer Stellung zur Erbschaftssteuer doch ja recht bescheiden zu fein, statt dabei mit faustdicken und darum auf den ersten Blick greifbaren Vügen zu operieren und damit Parteiblamage auf Parteiblamage zu häufen.
Deutsches Reich.
* Sozialdemokratische Doppelmoral. Im sozialdemokratischen Lager hat es stets helle Empörung hervor- gerttfen, sobald gewisse gemeingefährliche Anarchisten und R e vo l u t i o n ä r e, namentlich wenn sie des Meuchelmordes, des Bombenwerfens und ähnlicher Verbrechen verdächtig waren, zwangsweise polizeilich photographiert wurden. Die sozialdemokratischen Organe nannten dieses Verfahren der Polizei eine brutale Vergewaltigung und das Photographieren gegen den Willen der Photographierten einen Akt mittelalterlicher Folter. Rasch änderte sich aber die Auffassung der Sozialdemokratie, als sie diese Folter gegenüber nichtsozialdemokratischen Arbeitern nachmachte. Nach einer Meldung des Westfälischen Kutter haben die sozialdemokratischen Metallarbeiter in Dortmund die Arbeitswilligen gegen ihren Willen photographiert und die Bilder in einem Streikbrecheralbum gesammelt, das in den Geschäftsstellen der sozialdemokratischen Geweck- schasten jedermann zur Ansicht auSliegt, damit die „Üebeltüter" unschädlich gemacht werden können. Wie verhalt sich nun die Sozialdemokratie zu dieser neuesten terroristischen Gewalttat? Findet sie auch den Genossen gegenüber die gleichen scharfen Worte der Ent- ruftung, wie bei der Polizei? Durchaus nicht. Mel- mehr wird von der sozialdemokratischen Geweckschafts- preffe, z B. vom Bmchilssarbeitcr, Organ des Zentralverbandes der baugewerblichen Hilfsarbeiter Deutsch- londs, dieses Verfahren im Dienste des Streiks als ein durchaus gesetzliches Mittel gepriesen. Dieser Vorgang beweist von neuem, daß die Sozialdemokratie eine doppelte Moral besitzt. Skruppellos wendet sie Mittel an, die sie beim Gegner mit heuchlerischer Entrüstung als unmoralisch und veriverflich brandmarkt.
ff- Sozial- und andere Demokraten. Wie nabe tue Leute um Breitscheid den Herren nm Kauisly flehen, kann man aus folgender Resolution ersehen, bie der Vorstand des „Demokratischen Vereins" in Schöneberg angenommen hat:
Die Kuckucksuhr.
Sie hing im Schaufenster bei Uhrmacher Wenzel änd war ein kleines Kunstwerk. Wenn ich auf dem Wege nach dem Büro dott vorüberkam, hatte ich immer 'einen bewundernden Blick für sie, denn ich bin ein Freund von schönem Schnitzwerk und die wunderbar feine Arbeit des Gehäuses entzückte meinen Blick. Besonders schön geschnitzt war das Türchen, das sich nicht nur jede Stunde, fonbecn auch viertelstündlich für den zierlichsten Kuckuck ,den ich je sah, öffnete. Das Werk ging und schlug, einmal aufgezogen, vierzehn bolle Tage und jeden Kucknsruf begleitete ein tiefer, schnurrender Ton — ein Ton, der---
Doch, ich will der Reihe nach erzählen.
ES war acht Tage vor meiner Hochzeit. Das Gesicht meiner Pensionsmutter, das seit dem Tage meiner Verlobung düstere Abschiedsschatten umhüllten, hatte einen Ausdruck, der mein Mitgefühl erweckte, und den ich als selbstverständlich der kommenden Trennung »uschtteb, beim ich war fett sechs Jahren Frau Meyers Zimmerherr. Ich suchte sie zu trösten, inbem ich rhr emen meiner Kollegen als vollgültigen Ersatz für mich in Aussicht stellte, aber sie schüttelte ben Koos.
»Ach ich dachte jetzt eigentlich an etwas ganz ra mein Wann hat nämlich morgen seinen Geburtstag und ich kann durchaus kern passendes Gescheh für ihn finden."
frit m?,Lme-letrei8entn^ ^n wenig beleidigten Eitel- tclt Eßte ich laut auflachen.
ba8" llnh1,-^-^ M-her - - nichts leichter als •Arn imh Ut zahlte erne ganze Reihe hübscher Sachen und «achelchen her, die jeder Männerherz er- fteuen mußten.
' Foch Frau Meyer schüttelte immer wieder den
' " schon " — „Das braucht er nicht."
„Das liebt er nicht.
, Plötzlich siel mir die Kuckucksuhr ein und zu meiner Genugtuung erstrahlte Frau MeyerS Antlitz in Heller .Begeisterung.
Ja gewiß — daß sie nicht früher darauf gekommen war, eine Uhr fehlte ihnen, und eine Kuckucksuhr war seit langem Gustavs Wunsch.
Am anderen Morgen machte ich Herrn Meyer meinen Geburtstagsbesuch. Ricbtig — die Uhr hing da cm der Wand, und gerade als ich mich bewundernd nähette, sprang das Türchen auf.
„Kuckuck."
Fort war er und ich bedauette, daß es nur ein Ruf war; ich hätte das reizende Bögelchen gern noch einmal gesehen.
O welch ein ahnungsloser Engel war ich da noch! --- Schon die erste Nacht lehtte mich, die Kuckucksuhr zum Kucklick zu wünschen.
Es gibt Menschen, vor deren Bett man eine Kanone abschießen kann, ehe sie erwachen. Ich gehöre leider nicht zu diesen Beneidenswerten, und so recht mit ntir empfinden werden auch nur die, die gleich mir den un- nihig leisen Schlaf kennen, den das Surren der Fliege stören kann.
WaS mir bei der Gebuttstagsvistte entgangen war, empfand ich in der Rächt mit schrecklicher Deutlichkett.
Die Uhr in Meyers Salon hing, nut durch die dünne Bretterwand, die das große Zimmer in zwei kleinere teilte, getrennt, gerade über meinem Bette.
Ich bin sonst sanften Gemütes, aber in dieser Rächt lernte ich schimpfen und wettern. Ich verwünschte, was meine Gedanken kreuzte. Frau Meyer, das Geburtstagskind, Uhrmacher Wenzel und mich selbst; und nicht zum mindesten den kleinen Vogel da hinter der Wand, den ich fähig hielt, mir eines seines Geschlechtes in den Kopf zu setzen.
Am nächsten Tage begleitete mich das „Kuckuck- Kuckuck^ ins Bureau, und auch dort verfolgte es mich mit einer Zähigkeit, die imch zur Verzweiflung brachte. Ich sann nach einem Mittel, wie dem abzuhelfen sei, denn schon der Gedanke an eine zweite solche Kuckucksnacht vermochte mich in Wut zu bttngen. Aber es war nicht so einfach. Meyers hatten außer dem „Salon" nur noch ein Zimmer, das sie als Wohn- und Schlafzimmer zugleich benutzten und wenn mein Plan,
die Uhr da hinüber zu bugsieren, nicht gelang — blieb mir nur noch ein ziemlich kostspieliges Mittel, Frau Meyer durch List zum Verkauf der Uhr zu bewegen.
Ich oing hinüber und versuchte zuerst daS billige Mittel.
„Meine liebe Frau Meyer — ich finde, daß die Uhr nicht vorteilhaft hängt. Die Tapete dieses Zimmers ist zu hell und da nebenan . . . ."
„Nein, das geht nicht." unterbrach mich Frau Meyer, "wir haben zwar beide einen gesunden Schlaf, aber gar so nahe würde sie uns stören."
Für mich Unglückswnrm hatte sie keinen Gedanken.' Resigniert versuchte ich nun das teuere Mittel. Ich bat Frau Meyer, mir die Uhr für ein paar Stunden zu überlassen; ich wollte sie nur einmal meiner Brant zeigen.
„Der Ton des Schlagwerks hat mich so entzückt, log ich, den Zorn, der mir dabei aufstieg, gewalffam zurückdrängend, „deshalb mochte ich für meinen neuen Hausstand ..."
„Ja, sie schlägt prächtig," fiel mir Frau Meyer ins Wort, „ich bin Ihnen auch sehr dankbar, denn ohne Ihren Rat wäre ich wohl gar nicht darauf gekommen, und Gustav freut sich so sehr mit der Uhr."
„So, so," brummte ich heimlich mit den Zähnen knirschend und meinen unseligen Einfall zum so und so vielten Male verwünschend.
Nebenbei erkundigte ich mich nach dem Preise der Uhr. Fünfzig Mark! Hm — ein bischen viel — aber meine Nachtruhe galt mir schließlich mehr. Ich nahm also die Uhr m mein Zimmer hinüber. Wie ich ingrimmig lächelnd das geschlossene Türchen betrachtete, sprang es plötzlich auf und der kleine Vogel rief mir fein „Kuckuck-Kuckuck" wie höhnend entgegen. Es fiel mir so auf die Nerven, daß ich die Ausführung meines Planes noch an demselben Abend beschloß.
Ich ging zu diesem Zweck ein paar Stunden später, mit einem 50-Markscheine versehen, zum zweiten Male zu Frau Meyer hinüber.
„Liebste Frau Meyer — Sie tuen mir einen großen Gefallen damit," bat ich, als Frau Meyer sich wei- gerte, die Uhr zu verkaufen. „Meine Braut war von
„Da der Borstand be3 Demokratischen Vereins Schöneberg au- verschiedenen Gründen, insbesondere, um alle Kräfte für die wahrscheinlich bevorstehend« Landtagsersatzwahl in Rixdorf-Schöneberg aufzusparen, für diesmal efne Beteiligung an den Schöneberger Stadiverordnetenwahlen nicht für ratsam häll, so fordert er die Mttglieder aus, bei ben Wahlen für bi« sozialdemokratischen Kandidaten zu stimmen oder der Wahl sernzubleiben.''
Dem steht ebenbürtig das zur Seite, waber ehemalige Oberst Gaedke neulich in Treptow ausgeführt hat. Gaedke sagte dort u. a.:
„Will man positive Erfolge für den Liberalismus erzielen, so muß man zuerst dir reaktionäre Regierung stürzen, denn nicht darauf kommt es an, kleine Fraktionen zu einigen, sondern darauf, eine Macht zu gewinnen, und das kann man nur gemeinj am mit der Sozialdemokratie. Darum ist der Kampf gegen zwei Fronten töricht und nutzlos. Was uns von der Sozialdemokratie trennt, kommt erst in Jahrzehnten zum Austrag. Jetzt aber muß man betonen, was uns eint, und das ist der gemeinsame Kampf gegen bie Reaktion."
Was trennt denn Herrn Gaedke ergenllich von der Sozialdemokratie?
* Schwerin, 19. Okt. 1909. Zwischen dem Großherzog Mecklenburg-Schwerin und dem König von Sachsen, der bei dem Großherzog zurzeit in Schwerin zu Besuch weilt, sind auf einer Galatasel Trinksprüche gewechselt worden. Auf die Ansprache des Großhetzogs, der aus seine freundschaftlichen Beziehungen zu den Königen Georg und Albert von Sachsen und zu deren Fortdauer unter dem jetzigen König Friedrich August hinwies, erwiderte der König von Sachsen u. a.:
Gerade in unseren schwierigen Zeiten ist es wichtig, daß wir deutschen Bundesfürsten in der schon vcn unseren Vätern ererbten Treue zusammen» ft eben. Dann sind wir imstande und in der Lage, für das weitere Wohl unseres herrlichen Deutschen Reiches, die Stellung und das Wohlergehen unserer Häuser und Länder zu arbeiten.
(♦) Ans Sachsen, 18. Okt. 1909. In Großschönau hielt der Sächsische Landesverein des Evangelischen Bundes eine Versammlung ab. Nach einem Berichte der Sächsischen Volksztg. (Nr. 229 und 230) hatten sich dazu nur etwa 25 evangelisch-lutherische Geistliche aus dem ganzen Lande zusammengefunden. Bei dem Gottesdienste schon klang es von der Kanzel herab: „Unser Feind ist Rom, der UltramontaniS- mus." Den Hauptvortrag hielt später der national* liberale ReichSiagSabg. Dr. Weber. „Ueberall sehen wir, daß das Zentrum für die Sozialdemokratie ein* tritt", wagte er zu sagen. Unglaublich, daß so etwa» möglich ist, zumal da die Bündnisse der Nationalliberalen mit den Sozialdemokraten doch wirllich sattsam genug bekannt sind. Doch selbst bis zur gewöhnlichsten Beleidigung des Zentrums ließ er sich hinreißen: „Welchen von ben Zentrumsrednern glaubt man überhaupt noch, was sie sagen", tief er aus. In der Hauptversammlung waren noch nicht einmal 100 Personen anwesend. Zunächst ergriff der bekannte Kirchenrat Dr. Meyer das Wort. Wieder ging eS gegen Zentrum und Katholizismus. Die katholische Weltanschauung, sagte er, ist schlecht. „Nur wenig ist ihr noch von der ChristMehre geblieben." Der Bundesdirektor Evecking (Halle) bornierte gegen das Zentrum. Es habe sich gezeigt als die .wohlorganisierte, diszipliniette Grundsatzlosigkeit". Darauf entschlüpfte ihm der Satz: Daß das Zentrum schwer zu bekämpfen sei, das wußte ich, aber welchen Mut, welche Geschicklichkeit, welche Hilfskräfte das Zentrum hat, habe ich erst im Reichstage erfahren. Der Kampf gegen dasselbe scheint aussichtslos. So ist denn auch auf dieser Tagung der Evangelische Bund seiner bisherigen Haltung treu geblieben. Mit Haß und Mißgunst schaut er nur in des Nachbar? Haus, obgleich es doch in seinem eigenen Hause an allen Ecken zu tun gäbe.
der Uhr so entzückt, da wollte ich ihr eine Freud« machen und ließ sie ihr dort."
Frau Meyer machte ein unschlüssiges Gesicht.
„Wer weiß, ob Wenzel noch eine solch« hat?"
„Aber sicherlich," sagte ich, innerlich triumphierend, denn ich hatte mich vorher bei Konstantin Wenzel überzeugt, daß kein zweites Exemplar des Ruhestörer- vorrätig war, und eine Bestellung nahm mindesten- acht Tage in Anspruch; dann war ich längst auf der Hochzeitsreise. .
Rach einigem Hin und Her nahm Frau Meyer dir fiinfzig Diack, und ich sah der kommenden Nacht mit wahrer Freude entgegen. Doch es galt noch, den Kuckuck verstummen zu lassen, und ich hatte nicht übel Lust, dem kleinen Kobold den Garaus zu machen. Aber die fünfzig Mack fielen mit zur rechten Zeit ein und ich sann nach einet passenden Verwendung bet Uhr. Es fiel mit nichts Besseres ein, als bet Geburtstag meinet Schwiegermutter. Der war aber erst in vierzehn Tagen, und ich wollte die unselige Uhr, beten lauter Schlag selbst durch das Kistchen, in das ich sie gebannt hatte, zu hören war — so schnell als möglich los werden.
Ich trug deshalb das Kistchen zum Uhrmacher Wenzel und bat ihn, es in vierzehn Tagen an meine Schwiegermutter zu senden, waS er bereitwilligst versprach, denn ich war sein Kunde.
Am Abend kam ich mit einem Gefühle von Befriedigung nach Hause und entfleibete mich mit einer Hast, als wäre jebe Minute Schlaf etwas Kostbares.
Jetzt empscmb ich erst, wie mir ber Schlaf bet vorigen Nacht fehlte. Ich streckte unb reckte mich in den Kiffen; dann schloß ich die Augen, unb ich glaube sicher, daß ein befriedigtes Lächeln meine Lippen umschwebte. Ich fühlte, wie der Schlummer sich sanft über mich senkte . . . noch ein Gähnen und bann . . .
„Kuckuck! Kuckuck!"
Beim ersten Ruf glaubte ich an einen Traum, beim zweiten fuhr ich in bie Höhe unb starrte, mit ben Händen um mich tastend, in das mich umgebende Nachtdunkel, beim elften Stufe wußte ich aber mit Bestinnnt- hett, daß da hinter der Wand meine Ubr — meint Kuckucksuhr hing