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Fulda, Mittwoch den 20. Oktober 1909.

36. Jahrgang

Grstes Watt

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= Zum Ferrer-Wahnsinu.

In den sozialdemokratischen Ferrerversammlungen in Frankfurt haben einige Redner bekanntlich ihren geduldigen Zuhörern von dem „Jubel" der Zcntrums- Preffe über die Hinrichtung Ferrers vorgeschwindelt. Die Herren hätten angeben füllen, wo sie etwas von diesem Jubel vemommen haben. Aber das können fie nicht. Die Zentrumspreffe hat lediglich wie die übrige Presse, die sich in diesem Ferrertaumel die ruhige Ueberlegung bewahrt hat, betont, wenn dem Ferrer eine Mitschuld an den Greueln von Barce­lona oder sonstigen revolutionär-anarchistischen Blut­taten nachgewiesen und in einem gesetzlichen Gerichts­verfahren das Todesurteil gefällt war, so hatte die spanische Regierung das Recht, die vechängte Strafe vollstrecken zu lassen. Vom Auslande her kann man dem spanischen Mnisterrate nicht vorfchreiben, was die spanische Staatsraison in dem einzelnen Falle ge­bietet und verbietet. Die spanische Regierung hat allein die Entscheidung in der Hand gehabt und trägt des- halb auch allein die Verantwortung.

Auf der anderen Seite allerbingS, bei den vereinigten Anarchisten und Freigeistern, dort hat eine unbedingte Parteinahme stattgefunden, und zwar nicht allein gegen die spanische Regierung, sondern auch gegen die ganz unbeteiligte Geistlich- keit und Kirche. Das Vorgehen der berufenen Verteidiger der Staatsordnung wurde von vornherein in den leidenschaftlichsten Ausdrücken als „ruchloser Rachemord" verurteilt und der Ferrer als der un­schuldvollste Märtyrer gepriesen, ohne daß man über den Verlauf des Verfahrens und über die Taten des Verurteilten etwas näheres wußte: die gleichzeitige und gleichmäßige Ausbeutung des Falles in den ver­schiedensten Ländern macht es zur Gewißheit, daß hinter der sog. Entrüstung eine internationale K a m p f g e n o s s e n s ch a f t von überraschender Ak­tionsfähigkeit steht. Wenn die vereinigten Kräfte der sog. Freidenker von der anarchistischen Linken bis in den gemäßigten Liberalismus hinein die Gelegenheit benutzen, um das Feuer eines neuen Kulturkam­pfes anzufachen, so muß die Zentrumspresse gegen diese Bedrohung ihrer heiligsten Güter natürlich ener­gisch Stellung nehmen. Das ist aber etwas ganz anderes, als eine „unbedingte Parteinahme" für den spanischen Ministerrat, der seine Politik nach spanischer Manier und nicht nach deutschem Rezepte betreibt.

Die Zentrumspreffe hat nicht nur die religiösen Interessen zu vertreten, sondern auch die staat­lichen imb gesellschaftlichen. Wir müssen gegen das jetzige Treiben Front machen, weil es hinausläust auf eine Verherrlichung der Revolution und auf eine Begünstigung der sozialistischen und anarchistischen Gewalttaten. Die Verehrer Ferrers m Paris, die mit Meuchelmord, Plündemng und Brandstiftung ihr „Heiligenfest" begingen, Mafien deutlich gezeigt, wohin die Bewegung geht. Die Ausrede der liberalen ftanzöflschen Regierung, die alle Mchetaten bei der Demonstration auf Rechnung des irreltstadtrjchen Raubgesindels setzen will, ist eine un­haltbare Notlüge. Der bekannte Sozialistensührer Hervs erklärt öffentlich, daß die Sozialdemokraten die Gewalttaten begangen haben und noch weitere folaen lassen werden.

r, systematisch darauf hin gearbeitet, die öffent­liche Meinung zu gunsten aller revolutionierenden und ^fortschrittlichen" Verletzungen der Ruhe und des Menschenlebens zu stimmen, dagegen jeden Att der ' Gegenwehrzu brandmarken. Während man über 1 Ferrers Grab das Mitleid der ganzen Welt aufpeitscht ' werden die unschuldigen Opfer der Umstürzler, so auch - der meuchlings erschossene Polizist in Paris, keines i Blickes gewürdigt. Gegen diese hochgsährlichr Ver­giftung der Geister und Herzen muß mit allen Kräf- 1 teil gearbeitet werden. ;

essen Amalgundens, die dann Ihre Schwester sein wird, werden durchaus gewahrt bleiben. Den Grund­besitz würde sie ja auch, wenn Lothar am Leben ge­blieben wäre, nicht geerbt haben, das übrige Vermögen bleibt ihr aber auch so ungeschmälert erhalten. Ich denke auch," fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu, „Sie werden für Ihre Schwester schon brüderlich sorgen."

Mir pulste das Blut in den Ohren. Der Ge­danke, daß Amalgunde meine Schwester fein sollte, daß ich an sie nur mit brüderlichen Empfindungen denken sollte, war mir unfaßbar. Ich sah ja den großen Edel­mut des Grafen sehr wohl ein, ich erkannte auch den lmgeheuerlichen Vorteil, dec mir aus der Adoption er­wuchs, ich erkannte, daß die Gräfin-Witwe, welche die­sen Gedanken angeregt hatte, auf diese Weise mir eine volle Sühne verschaffen wollte, ohne das Geheimnis Ihres verstorbenen Gatten preiszugeben, und ich er­kannte dankbar das Vertrauen an, welches sie in meine Verschwiegenheit gesetzt hatte — aber die Vorstellung, Amalgunde meine Schwester nenrn zu müssen, ließ mir den Plan dieser Adoption unannehmbar er­scheinen.

Und doch, — wie sollte ich alles dieses dem Grafen klar machen? War es nicht die größte Undankbarkeit, wenn ich seinen edelmütigen Vorschlag zurückwies?

Konnte ich andererseits den wahren Grund meiner Weigerung angeben, ohne einen falschen Schein auf mich zu werfen? Und wußte ich denn, ob Amal­gunde mich wieder liebte? Hätte sie mich in den letz­ten Tagen nicht in auffallender Weise gemieden? War sie mir nicht mit der strengsten Förmlichkeit entgegen- gctreten? Ja, war in ihren Augen nicht oft ein Aus­druck von Stolz, Hochmut und gar Haß aufgeblitzt, wenn wir uns zufällig begegneten.

Wäre es nicht anmaßend von mir gewesen, von einer Lieb: zu Amalgunden zu sprechen, obgleich alle Anzeichen dafür sprachen, daß sie meine Liebe nicht erwiderte? Ich befand mich tn einer solchen Ver- Wirrung, daß ich vergeblich nach Worten suchte.

Der Graf sagte in gütigem Tone: „Ich fordere jetzt keinen definitiven Entschluß von Ihnen, Gundo-

krschemt täglich mft MiisnaNt der $o.m-- U»S Feiertage, viertel­jährlicher Vemgrpreir ohne Sringerloh« und Bestellgeld in Fnlda so­wie auswärts t-Sv Alk.

Verantw. Redaktemr Lart Schütter

Ausland.

* Die ungarische Krisis wird. allem An­scheine nach nun doch noch eine nur vor­läufige Lösung finden. Es verlautet, daß der Kaiier in dem heute stattfindenden Minister­rat den eindringlichen Wunsch an die ungarischen Minister richten, die Koa lition auch weiter­hin aufrecht zu erhalten, die Wahlreforrn durchzuführen und die Kosten der bosnische» Annexion vom Parlament bewilligen zu kaffen. Der Kaiser will jeden außerparlamentari- sch en Lös ungsversuch vermeiden. Dieses offenkundige Bestreben des Kaisers wird auch im radikalen Lager der Unabhängigkeitspartn

anerkannt und vollständig gewürdigt, und schon zeigt sich die Frucht dieser Erkenntnis darin, daß Abgeordnetenhauspräsident Justh, der früher von einer Vertagung des AbgeordnetenhauseS bis zur Ernennung einer neuen Negierung nichts wissen wollte, selbst den Antrag gestellt hat, daß das Abgeordnetenhaus sich auf unbe-

Deutsches Reich.

* Berlin, 19. Oktober 1909. Der Kaiser nahm am Dienstag an der Parforcejagd in Döberitz teil. — Der Entwurf der Reichsver- icherungsordnung soll wie die „Post" hört.

kor. Ueberlegen Sie in Ruhe alle Verhältnisse, und Sie werden gewiß meinem Vorschlag zustimmen."

Er reichte mir die Hand, die ich unwillkürlich ehr­erbietig an die Lippen führte.

„Ich weiß," sagte er bewegt, „daß Sie mir ein guter Sohn sein werden . . ."

In diesem Augenblick wurde die Tür heftig auf­gerissen und Amalgunde trat ein.

Ihr Geficht war blaß, aber in ihren Augen sprühte die Flamme zomiger Erregung.

Erstaunt sah der Graf zu ihr auf.

„Ich muß Dich sprechen, Papa," sagte sie mit bebender Stimme. „Verzeih dm Ungestüm meines Eintritts."

„Halle das, was Du mir zu sagen hast, nicht Zeit?" fragte der Graf. „Du stehst mich m einem ernsten Gespräch mit Gundokar . .

„Gerade aus dem Grunde duldete das, was ich Dir zu sagen habe, keinen Aufschub. Durch Mama weiß ich, was Du beabsichtigst."

„Und billigst Du meine Anstcht nicht?"

Eine glühende Röte überflammte ihr Angesicht, Dann sprach sie weiter in zitternder Erregung: „Mei­ner Zustimmung bedurfte es nicht. Ich würde mich Deinem Willen auch gefügt haben, obgleich . .. doch

*5? ruchts zur Sache. Jetzt aber widersetze ich mich Seiner Absicht."

„Amalgunde, welche Sprache?"

„Ich kenne jetzt das Geheimnis des alten Schlos­ses, das Ihr so lange vor mir und Lothar geheim ge­halten habt."

„Du würdest ohnehin nicht mehr lange auf die Enthüllung dieses Geheimnisses zu warten gehabt haben," versetzte ihr Vater lächelnd. „Aber ich seh« nicht ein, in welchem Zusammenhang Deine Entdeck­ung mtt meinem Plane steht."

»So weißt Du eben nicht alles. Mr hat Doktor Lippold dm ganzen schändlichen Plan dieses Herr« da enthüllt."

'(Fortsetzung folat.)

Antwerpen» 19. Okt. 1909. In Ser vergangenen Nacht machte nach Schluß einer Protestversämmlung ein Trupp junger Leute den Versuch, die Fenster des spanischen Konsulats einzuwerfen. Dabei kam es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, wobei Revolver- schüsfe auf beide» Seiten abgegeben ivurden. Es sollen einige Personen verwundet wordrn sein.

* Paris, 19. Oktbr. 1909. Im Senat interpellierte der Sozialist Flayfferes wegm der Hinrichtung Ferrers. Der Minister des Aeußeren, Pichon, erwiderte darauf. Die Regiernng habe die unveränderliche Richtschnur, niemals in die innere Politik fremder Regierungen ein­zugreifen. Dabei befinde fie sich in Uebereiustimmung mit dem Völkerrechte, wonach die einzelnen Völker allem das Recht haben, über die Handlungsweise ihrer Regierungen ein Urteil zu fällen. (Beifall.) Der Senat beschloß daraus, die Interpellation fallen zu lassen.

W Rom, 16. Oktober 1939. W e andere Städte Italiens, so war auch die Hauptstadt in diesen letzten Tagen der Schauplatz wüster Kundgebungen des auf­gehetzten Pöbels gegen Spanien und die Kirche. Be-

Sie Witze Fr«« m MMe.

34] Original-Roman von O. Elster.

Er ging einige Male im Zimmer auf und ab. Dann fetzte er sich nieder und fuhr fort:

„Sie wissen oder dürften es doch fühlen, daß wir alle Sie gerne haben — meine Mutter liebt Sie, ich habe Sie als einen bmven, wackeren, ehrenhaften jun­gen Mann kennen, achten und lieben gelernt, auch meine Frau hegt große Sympathie für Sie als dm besten Freund tmfeces armen Sohnes. Nicht wahr. Sie haben sich hier niemals als Fremder gefühlt?"

„Niemals, Herr Graf," rief ich. „Undlch habe stets Ihre und der Ihrigen Freundlichkeit mit innigem Dank anerkannt."

„Unsere Lebenswege haben sich in-mmder ver­schlungen," fuhr er gedankenvoll fort, „daß sie kaum noch zu trennen sind. Die Vorsehung, deren Wege unerforschlich iind, hat es so gefügt, — vielleicht, da­mit uns geboten wurde, ein altes Unrecht zu süh­nen ... ."

„Herr Graf... ich bitte ... ich habe tue daran gedacht..."

Er erhob die Hand.

»Ich weiß," sagte er, „daß Sie viel zu edelmütig denken, als daß sie Ansprüche erheben sollten, worauf Sie vielletcht durch Ihre Abstammung ein Anrecht — wenigstens ein moralisches Anrecht besitzen. Slber tn unseren Adern fließt nun doch einmal gemeinschastli- ches Blut und — dieses gemeinschaftliche Blut läßt sich nicht verleugnen. ES soll auch nicht verleugnet werden und wir sind mtschloffen, ein Unrecht gut zu Archen, Elches an Ihnen, an Ihrem Vater, an der “et!» V cte? V"krs begangen wurde.

®rafen sprachlos an. Roch immer wußte ich nicht, wohin er zielte.

. Me fuhr der Graf nach einer Welle fort, > , Gedanken, den mir meine Mutter eingab, reiflich f£L,?rJJrtoOker ben $Ian auch meiner Frau 0$ «ach einigem Zögern damit «einverstanden erklärt, denn, wie ich schon sagte, sie

hegt große Sympathie für Sie. Und so frage ich Sie denn: wollen Sie unser Sohn fein?"

„Herr Graf — ich — ich Ihr Sohn? Verzeihen sie mir, ich weiß nicht, was ich erwidern soll — so­viel Glück, so viel Liebe habe ich nicht verdient."

Das Blut wallte mir so stürmisch zum Herzen, daß ich zu ersticken meinte, die Tränen traten mir in die Augen, daß ich die Hand über dir Augen legen mußte.

.'Sie sind überrascht, Gundokar - ich glaube es »vvhl. Und ich sehe daraus, daß Ihre Seele rein von tgrgeijigen Plänen ist. Ich danke Ihnen - hären muh weiter. Die Vorsehung hat uns unseren sohn genommen Mit ihm starb auch der Erbe unse­res alten RamenS und wenn sich meine Tochter ein- lnQJ?er"*' biefe Herrschaft an eine Familie, lutfdje mit der unsengen nichts gemein hat. Aber in Ihnen lebt ja noch ein Sproß der Oldensloe, wenn Sie auch den Kamen nicht führen können. Sie sind nrrin Reffe, dasselbe Blut fließt in Ihren Adern, wie in denen meines Sonnes- Ihnen will ich daher den alten Namen nnd Besitz der Oldensloe vererben in­dem ich Sie allen Rechten nach als meinen Sohn' an­nehme und adoptiere. Ich gestehe, daß mir dieser Ge­danke erst gekommen ist, nachdem meine Mutter ihn in mir ermeße. Dann aber war er mir sofort sympathisch und ich frage Ste hiermit nochmals: wollen Sie mein Sohn sein?"

„Sie — Sie wollen mich adoptieren?"

Ja ist Ihnen der Gedanke so ungeheuerlich? Sie find doch auch em Oldensloe — freilich, die Oeffent- lichkeit braucht von dem eigenllichen Verwandtschafts- Verhältnis, in dem wir zu einander stehen, nichts zu erfahren. Die Behörde und der Herzog, der die letzte Entscheirmngzu treffen hat, soll es jedoch erfahren und ich bin überzeugt, daß der Herzog, der mir stets ein gnädiger Herr war, meinen Schritt billigen wird Das alte Unrecht wird gefühnt werden, ich werde wie^ der einen Sohn haben . . ."

„Und Amalgunde?", stieß ich hervor.

Der Graf sah mich etwas übenafdjFen. Dann aber sagte trr- „Seien Sie unbesorgt. Die Inter-

: reits am Mittag des 13. Okt. hatte die sozialistssche ; Arbeitskammer für 24 Stunden den Generalstreik pro­klamiert, um gegen die drohende Bestätigung des Todesurteils an Ferrer zu protestieren. Für ben Nachmittag war eine Volksversammlung am Denkmal Giordano Brunos geplant; doch da die Polizei ben Platz nicht freigab, wählte man mit ihrer Zustimmung einen anberen mehr außerhalb bet Stabt gelegenen Versammlungsort (Orto Ahrieoka). Unter ben Rebnern fanb sich alles, was Rom an sozialistischen, anarchi­stischen und freimaurerischen Agitatoren aufweist; auch der Redakteur des Schaubblattes „Asino" (Esel', Podreeca, fehlte nicht. In allen Tonarten würbe Ferrer als ein Märtyrer beS freien Gebankens gefeiert, hingegen Spanien mit seiner „Jesuiren- unb Priester- Herrschaft", bie Kirche mit ihren Priestern unb Mön­chen in Grunb unb Boben verbonnert; auch die Re­genten einzelner Länber würben hergenommen, der Zar, weil er Rußland unter der Knute halte, Kaiser Wilbelm, weil er ben Frieben Europas störe (!). Wüstes Gejohl begleitete jedesmal bie gewohnten Kraftsprüche von der Knechtschaft bet Kirche; bie Worte Pavst, Priester, Mönch, Jesuit brauchten nur zu erklingen, unb sogleich folgte ein wütenbes „Abasso!" (Nieder!), ober es er­tönte schrilles Pfeifen. Bezeichnend war es, baß selbst bas italienische lenkbare Militärluftschiff, bas gerade nach Rom kam unb über bet Versammlung einige Manöver ausführte, mit Pfeifen unb Johlen empfangen wurde. Daß übrigens alle Kundgebungen einen mehr antireligiösen Charakter hatten, beweist der Satz des.Messaggero", daß bet Kopf Feirers mehr wert sei als der aller „preti e frati" (Priester und Mönche.) Die Polizei hatte im Einverständnisse mit bet Regierung nmiassenbe Vorsichtsmaßregeln getroffen: alles verfügbare Militär war herangezogen unb nament­lich bie Umgebung bet beiden spanischen Gesandt­schaften bewacht, damit bie bort geplanten Kunb- gebungen nicht bie Grenze überschritten. Trotzbem kam es an einzelnen Orten zu Ausschreitungen, beson- bers in bet Via bei Tritone, woselbst Fensterscheiben unb Laternen zertrümmert unb u. a. auch bas Schau­fenster bet deutschen Buchhandlung Btetfchneibet ein- geschlagen würbe. Am folgenben Mittage schien Ruhe eiuzutreten. Aber kaum wat bte Nachricht von der erfolgten Ausführung bes Tobesntteiles verbreitet, ba begann bet Rabat» von neuem; es gelang sogar, auf kurze Zeit am Kapitol bie Trauerfahne zu hissen. Wiebet würbe G enetalstreik proklamiert nnb von lärmenben Pöbelhaufen auch erzwungen. So herrschte benit in den abgelegeneren Teilen Roms leit Donnerstag mittag eine unheimliche Stille: kein Tram, kein Wagen, kein Auto wat zu hören, keine Fabrik in Tätigkeit; selbst bie Postboten unb Zeitungs- dtucker streikten; nur von Zeit zu Zett ertönten von ferne schrille Pfiffe unb wüstes Johlen. Die Regierung hatte ben Ernst bet Lage erfaßt unb an verschiedenen Zentren bet Stabt Kanonen auffahren lassen. Es roumn zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Dies energische Auftreten verhinderte größere Unordnungen, konnte aber nicht wehren, baß ernzelne Priester unb Orbensleute, wenn sie sich notgebrungen hinauswagten, insultiert unb sogar mit Stock'chlägen bedacht würben. Am Freitag morgen beschlossen bte Streikenden m öffentlicher Versammlung, drei Forderungen zu stellen: 1. Der berühmte „Spanische Platz" soll von jetzt an „Ferrer- Platz" heißen; 2. bie deibeir (spanischem Karbtnäle Merty bei Val unb Vives y Tuto muffen sofort von Rom; 3. bie beibett spa­nischen Ge,a>ibtschaften werben aufgehoben. Es scheint aber, daß man es mit ben Kunbgebungen wollte genug ein lassen: Freitag abenb würbe vetkünbet, baß bet Streik in bet kommenben Nacht ein Enbe nehme; Samstag morgen bot bettn bie Stadt wieder das ge­wohnte Bild. — Es ist ein trauriger Gedanke, daß die revolutionären Elemente hier unb in anderen Städten Italiens sich zu einer musterhaft straffen Organisation zusaminenschließen können, während bte guten Elemente immer noch nicht zu einer Einigung kommen wollen. Es wäre höchste Zeit!

auf jeden Fall noch diesen Winter dem Reichs­tag zugehen.

(*) Eine gute Antwort erteilt die „Konservattve Korrespondenz" ihren nationalliberalen Kollegen, welche gege.ttoärtig viel Geschrei von Vorgängen im Wahlkreise des Reichstagspräfidenten Grasen Stol­berg machten. Sie führt aus, daß es sich nur um die Anmaßung einer lächerlichen Minderheit handele, die den Vertreter des Wahlkreises aufgefordert hat, sein Mandat niederzuleoen, und fügt hinzu, daß sehr viele Mitglieder gerade der nationalliberalen Par­tei allen Gnind hätten, aufderHutzu sein. Wenn Herr Baffermann an seine Wähler die Vertrauensfrage stellen wollte, so werde er erfahren, daß die überwäl­tigende Mehrheit derselben sein Verhalten nicht billige. Auch Herr Fuhrmann werde wohl seine guten Gründe haben, warum er sich nicht mehr in anderen Wahlkrei­sen als in seinem eigenen rednerisch und agitatorisch betätige.

** „Deutschland, deine Sitte." Unter diesem Titel gibt soeben ber Volksvcrein für bas katholische Deutsch­land ein neues apologetisches Flugblatt heraus. Das­selbe behanbeft im ersten Teile bte Naturgemäßheit bes sechsten Gebots unb bie natürlichen unb Übernatürlichen Folgen seiner Übertretung, schilbert fobann die Ge­fahren des Lasters unb ihre Ursachen unb forbert bie breiten Massen bes Volkes zur energischen Abwehr bet tutfec Volk unb seine Gesundheit bedrohenden sittlichen Gefahren auf. Angesichts ber Tatsache, baß eine ge­wissenlose Mache bie sittliche Pest in immer weitere Bolkskreise zu tragen sich bemüht, unb baß weite Kreise bes Volkes bem drohenden Gespenst noch teilnahm- unb verstänbnislos gegenüberstehen, wirb das Flugblatt eine Waffe für alle, welche ben Kamps gegen bte Un» sttilichkeit zu führen berufen ftnb. Die Zusenbung bes vorstehenb migezeigten Flugblattes erfolgt gratis nui nach solchen Orten, welche ben Volksverein ein geführt haben ober in ber Agitation zur Einführung sich be- finben. In anberen Fällen erfolgt die Franko-Zusendung nur gegen Unkostenvergütung.

H Dresden, 19. Okt. 1909. Zu den sächsischen Landtagswahlen, die am Donnerstag statt- finden werden, hat der Gesamtvorstand der Evangelischen Arbeitervereine zu Leipzig eine« Beschluß gefaßt und veröffentlicht, durch den die Mitglieder des Verbandes vor einer läsfigen Be­teiligung an den Landtagswahlen gewarnt wer­den. In dem Beschlüsse wird die Nichtbeteiligung an der Wahl als eine Gefahr für das Vaterland rezeichnet. Ferner werden die Mitglieder aufge­ordert, nur nationalen Kandidaten ihre Stimmen zu geben. Bon der Empfehlung einer bestimm­ten bürgerlichen Partei hat der Vorstand ab­gesehen.

** Madrid, 19. Okt. 1909. In der spani­schen Kammer kam die Verurteilung Ferrers gestern eingehend zur Sprache. Ministerpräsident Maura kegle die Vorgänge bei den Unruhen in Barcelona und in anderen Gegenden dar und führte d» zu ihrer Bekämpfung getroffenen Maß­nahmen an. Er rechtferttgte die Verurteilung FerrerS und erklärte, er werde als Minister- Präsident solange die Macht behalten, als die öffentliche Meinung ihn unterstütze. Eine Ge­legenheit, ihren Willen kund zu tun, werde die öffentliche Meinung bei den nächsten Wahlen finden. Me Debatte wurde auch von feiten der Opposition mit großer Ruhe geführt. Nac i dem Ton der Rede des liberalen Führers More ist kaum anzunehmen, daß die Opposition in der Kammer sich die im Auslands wegen der Er- fchießung des Anarchisten Ferrer erhobenen Be- schuldigungeu zu eigen macht. Morek verurteilte entschieden das katholikenfeindliche Gebühren der ausländischen Prefle. Selbst in Barcelona, Dem Herd der Revolution, herrscht weiterhin Ruhe. Es finden zwar mehrere Protestver- fammlungen wegen Ferrers Erschießung statt, aber fie verlaufen int Gegensatz zu den Protest- versammlungeu im Auslande vollständig ruhig.

* Lissabon, 19. Oktbr. 1909. Gestern abenb gegen 11 Uhr »st in der Nähe ber französischen St. Ludwigs- kirche eine Bombe explobiert. Die Fensterscheiben ber Kirche und bet benachbarten Gebäube würben zer­trümmert.

. " Brüssel, 19. Okt. 1909. In welche Tollhäusler- Stimmung der Ferrer-Rummel bie Roten versetzt hat, zeigt bie heutige Sitzung ber belgischen Kammer Der Sozialist Furttemont wollte über bie Ferreraffäre interpellieren. Die katholische Partei protestierte, es gab eine erregte Diskussion hin unb her. Als dabei ter Minister des Aeußeren, Davignon, von einer Kund­gebung gegen Spanien abriet, weil kein anderes Land Belgien, so wie Spanien es tat, mit Zeichen der Sym­pathie und Freundschaft überhäuft habe, machte die ganze Linke wilden Radau. Furnemont (heiser vor Entrüstung) schrie: Sie wagen uns von der Freund- ffchast Spaniens zu reden? Haben Sie bie furchtbaren Zeiten Karls V. nnb Philipps II. vergessen? Niemals wirb ein Morb ben Weg ber Freiheit unb bes freien Gebankens arrfhatten können. (Minutenlanges Gebrüll der gesamten Linken.) Kammerpräsident Coreman: Wir dürfen eine fremde Regierung nicht des Mordes anklagen! (Sämtliche Sozialisten springen auf unb schreien in einem fort: Es sind Mörder! Es ist eine Regierung vor» Mördern!) Desiree /So,;.) (in wilber Erregung zum Minister bes Aeußeren): Sie Haden den traurigen Mut, hier aufoutre'en unb Spanien zu loben, jenes Spanien, baS Tausenbe bet Unseren ver­folgt, hiugemetzelt und verbrannt hat unb bas mit Feuer und Schwert den freien Gedanken bei uns aus­zurotten suchte? (Minutenlanger Spektakel der gesam­ten Linken.) Deftree fortfafte b: Erlauben Sie mir, baß ich dem edlen Monarchen vor Verachtung tn§ Gesicht speie. (Die Liberalen heulen vor Vergnügen.)

......Mdaer W Zeitung

3,K»Ä«. wochenb«i-ase:,MustrierteZomtagrzeitung Monatrbeilage: „Fuldaer Seschichtsblätter"