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Sotatlonsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- üendruckrrei l« Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Montaq den 18. Oktober 1909.

M 239.

36. Jahrgang.

Reichs-Finanzreform. Grwerkschaftssekretär Im- busch sprach über die Fortführung dec Sozial­politik, Abg. Trimborn über die Lebensfähig­keit des Zentrums.

# Karlsruhe, 17. Okt. 1909. Der Aufmarsch der politischen Parteien zu den Landtagswahlen in dieser Woche ist jetzt beendet. In den 73 Wahl­bezirken des Landes streiten im ganzen 232 Kandidaten um die Palme. Die Höchstzahl von Kandidaten weist die S o z ia ld e m o k r a t i e auf! Sie will im gan­zen Land ihre Stimmen zählen und hat daher in je­dem der 73 Bezirke einen Kandidaten aufgestellt. Die Nationalliberalen haben in 62 Wahlbezirken eigene Kandidaten aufgestellt; in sechs Wahlbezirken werden sie für die Kandidaten der Demokraten od. Frei­sinnigen schon im ersten Wahlgang eintretcn. Eine überaus lebhafte Tätigkeit haben bei den bevorstehen­den Wahlen die Demokraten entfaltet; in nicht weniger als neunzehn Bezirken haben sie eigene Kan­didaten ausgestellt. Trotz leidender Gesundheit haben sich die beiden Führer der Demokraten, Heimburger und Muser, wieder am Wahlkampf beteiligt. Die F r e i s i nn i z e n sind in sieben, die National- Sozialen in fünf Bezirken mit der Ausstellung eige­ner Kandidaten vorgegangen. Die Aussigen auf Er­folg sind bei keiner der linksliberalen Gnippen beson­ders groß. Wenn die Demokraten zwei, die Freisin­nigen einen Bezirk erobern, können sie schon zufrieden fein. Mit nur 46 Kandidaten begnügt sich diesmal das Zentrum; das hat seinen Grund darin, daß das Zentmm sich entschlossen hat, in solchen Bezirken, in denen Zentmms-Änhänger aus eigener Kraft nicht siegen können, schon im ersten Wahlgang für den kon­servativen oder biindlerischen Kandidaten einzu- tietcn. DteKonservativen haben neun Kandidaten aus­gestellt, der Bund der Landwirte sechs, die Freikon­servativen, deren Parteileitung in Freiburg ihren Sitz hat, bisher einen, den Pfarrer Karlum evangelischen Tiakonissenhaus in Freiburg. Unter der Flagge der fngenannten Mittel st andspartei segeln endlich fünf Kandidaten, von denen vier entf die Stadt Karls­ruhe fallen. Das Zentrum wie die Konservativen ha­ben erklärt, schon im ersten Wahlgang für diese Mit- telstandskandidoten einzutreten. — Das Zentrum veröffentlicht soeben seinen Wahlaufruf. Er be­tont, daß die Wahl von 1909 darüber entscheiden solle, ob

die Zusammensetzung der Kammer so bleibt, daß auf der linken Seite die Mehrheit ist, oder ob die Mehrheit an die rechte Seite fällt. Das Zentrum gibt sich alle Mühe, eine Verschiebung der Mehrheit nach rechts herbeizuführen .... Es könnte ja nur bedauerlich und gefährlich werden für das Wohl des Staates und des Volkes, wenn die Mehrheit der Volksvertretung auf der Seite wäre, auf welcher die SozialdemolraUe steht.

Der Ausruf verlangt insbesondere eine Erweite­rung des Gemeindewahlrechts und auf wirtschaft­lichem Gebiete Schutz den Schwachen, Erleichterung und Förderung allen Erwerbsständen! Zum Schluß heißt es:

Di« Wahl am 21. Oktober ist von geschichtlicher Bedeutung, wie keine der bisherigen gewesen ist! WaS für das Zentrum selbst gewonnen werden kann, muß auch tatsächlich gewonnen werden. Wo für andere rechtsstehende Parteien mit Hilfe deS tentrums ein Erfolg zu erreichen ist, muß mit gleichem ifer die Hilfe des Zentrums geboten werden.

d3 Die Wahlrechtsreform in Hessen.

In wenigen Wochen tritt die Zweite hessische Kam­mer zur Verabschiedung eines wichtigen Gesetzeswerkes zusammen, das nun bereits dreimal gescheitert ist, aber voraussichtlich diesmal den langjährigen Verfassungs- kämpfen in Hessen ein Ende bereiten wird. Es ist die R es o r'm des hessischenWahlrechts.

Der Zentmmsabg. v. Brentano hat als Vor­sitzender des Gesetzgebungsausschusses einen umfassen­den Set icht erstattet, der das Ergebnis der gemein­samen Beratungen der Ausschüsse beider Kammern und die endgültige Stellungnahme des eigenen Ausschusses wiedergibt. Einleitend enthält der Bericht eine ge­treue Schilderung der langjährigen Verfaffungskämpfe in Hessen und betont nachdrücklichst, daß die Reform nur auf dem Wege der Verständigung zwischen beiden Kammem und der Zurückstellung von Sonderwünschen zu erreichen ist. Im einzelnen beschäftigt sich dann der Berichterstatter ausführlich mit jenem Teil der Ge­setzesvorlage, der die von der ^Regierung vorgeschlage- nen Berfas fungSänbetun gen enthält. Es handelt sich um die Artikel 67 und 75 der Verfassung, welche die Mitwirkung der Ersten Kammer bei der Verabschiedung des Staatsbudgets und deS Finanz­gesetzes betreffen. Besonders bemerkenswert ist hier die auf Gmnd eines Antrages des Abg. Wolf (Bauern­bund) angenommene Bestimmung, wonach die Regie­rung einen auf einem Ladtag abgelehuten und auf dem nächsten von der Zweiten Kammer mit wenigstens % der Stimmen angenommenen ober abgelehnten Ge- setzesvorschlog, bem die Erste Kammer ihre Zustim­mung versagt, in einer Versammlung der beiden Kammem zur Abstimmrmg bringen lassen kann. Hier­bei entscheidet die absolute Mehrheit der Stimmen. Er­folgte jedoch die Annahme ober Ablehnung in ber Zweiten Kammer mit weniger als % aller Stimmen und verweigert die Erste Kammer ihre Zustimmung, so entscheiden für die Ablehnung oder Annahme des Gesetzes % der in gemeinsamer Sitzung abgegebenen Stimmen. Dieser Beschluß bedeutet ein Nachgeben gegenüber den Wünschen der Standesherm, wenngleich diese nicht in vollem Umfange damit befriedigt werden. Es ist aber begründete Aussicht vorhanden, daß auf Grundlage des Antrages Wolf, welcher das äußerste Entgegenkommen ber Zweiten Kammer bebeutet, eine ffierftänbigung zustande kommt.

Der zweite Teil des Berichtes beschäftigt sich mit bem Gesetzentwurf betreffenb bie £ a n b ft ä n b e. Von wichtigeren Neuerungen, bie gegenüber bem derzeitigen Gesetzentwurf beschlossen wurden, feien folgende wie- bergegeben: Das Ansinnen ber Regierung, ber Tech­nischen Hochschule in Darmstabt einen besonderen Ver­treter in der Ersten Kammer zu gewähren, wird abge­lehnt; dagegen ist man damit einverstanden, daß Land- wirtschast, Handel und Gewerbe in dieser Körperschaft Vertreter erhalten, die von den berufsständigen Ver­tretungen gewählt werden. Der Ausschuß wünscht auch die Entsendung eines Arbeitervertreters in bie Erste Kammer, sobald Arbeitskammem eingeführt sind. Die Städte Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach und Worms erhalten je einen Abgeordneten mehr, während für das Land zusammen drei Abgeordnete mehr vor­geschrieben sind. Die Privilegien der Städte Singen, Friedberg und Alsfeld auf Entsendung je eines be­sonderen Vertreters in die zweite Kammer sollen auf­recht erhalten werde,i Die Mitgliederzahl der 2. Kam­mer wird damit auf 58 erhöht . Für die genannten größeren Städte des Landes soll die Verhältnis­wahl eingeftihrt werden. Der Ausschuß ftimmr den von der Regierung an bie Gewährung desdirekten aj; lrechts, das mit bet Vorlage eingeführt wird, zeknüpsten K au t e l e n trotz gewichtiger Bedenken zu. Danach werden als Voraussetzungen für bie Ausübung bt§ Wahlrechts die hessische Staatsangehörigkeit seit 3 JAen. der 3jährige Wohnsitz in Hessen, das Alter won 25 Jnhren sowie das Heranziehen zu einet direkten ©taatg= ober Gemeindesteuer verlangt. Abgelehnt wird die Vorstellung der Frauenvereine auf Erteilung des

Wahlrechts zum Landtag an die Frauen und dabei die in einer Eingabe aufgestellte Behauptung zurückgewie- sen, als sei ber gegenwärtige Zustande eine „Gleich­stellung der hessischen Frau mit Unmündigen, Banke­rotteuren und Verbrechern". Ein Antrag Dt. Fulda's (Soz.), die Wahlhandlungen an Sonntagen vorzu­nehmen, fand keine Zusttmmung. In dankenswerter Weise wirb ein seitheriger Streitpunkt erledigt, indem btftimmt wirb, daß zur Stimmenabgabe alle bie Wäh­let, bie um 7 Uhr nachmittags im Wahllokal noch an- wesenb stnb, gut Wahl zu gelassen werben müssen. Nach ber Regierungsvorlage gilt berjenige als gewählt, ber im ersten Wahlgang mehr als bie Hälfte ber abge­gebenen Stimmen auf sich vereinigt. Trifft bies nicht zu, so ist ein zweiter Wahlgang notwendig, bei dem be­liebig viele, auch neue Kandidaten austreten können und bei welchem die relative Mehrheit dann entscheidend ist. Der Ausschuß hat gegen diese Neuerung Bedenken und möchte das bayerische System angenommen wis­sen, bei welchem dirett die relattve Mehrheit der abge­gebenen Stimmen entscheidet, wenn der Gewählte min­destens ein Drittel derselben auf sich vereinigt. Die Abgeordneten werden wie seither auf 6 Jahre gewählt, und alle drei Jahre wird die Hälfte der Kammer er­neuert. Die neu hinzutretenden städtischen Abgeordne­ten werden zum ersten Mal im Jahre 1911 auf drei Jahre gewählt; in den privilegierten Städten zum ersten Mal im Jahre 1914. Weitere Bestimmungen betreffen die Neuwahlen in den einzelnen Wahlkreisen des Landes, wie solche 1911 und 1914 stattzufinden haben. Ter Ausschuß beantragt ferner, daß die Wahl­rechtsvorlage in zwei Lesungen von der Zweiten Kam­mer verabschiedet wird. •

Der dritte Teil des Gesetzwerkes, die N e u e i n- teilung ber Wahlkreise, ist vom Ausschüsse noch nicht verabschiebet worben. Zweifellos stellt er eine ber strittigsten Materien des Reformwerkes bar unb beansprucht wohl noch längere Verhandlungen zwischen der Regierung und den verschiedenen Fraktio­nen. Nachdem es auf dem vergangenen Landtag ge= lungeinvar, eine nahezu einmütige Verständigung über diese Frage herbeizuführen, darf wohl ermattet wer­den, daß auch diesmal eine Verständigung zu Stande kommt und an dieser Frage die Reform nicht scheitern wird.

Deutsches Reich.

** Berlin, 18. Oft. 1909. Der Kaiser nahm am Samstag vormittag im Neuen Palais bei Potsdam den Vortrag des Chefs des Marine- Kabinetts, Vize-Admirals v. Müller, entgegen. — Die Großherzogin Luise von Baden ist gestern vormittag von Karlsruhe nach Potsdam abgereift. — Bei Gelegenheit der Einstellung der Rekruten hat der,Milit.-Polit. Korresp/ zufolge daS preußi- sche Kriegsministerium die Truppenteile besorders darauf aufmerksam gemacht, daß Mannschaften, deren Dienstuntauglichkeit festgestellt ist, nicht länger als unbedingt erforderlich im Dienste zurückbehalten und mittels eines beschleunigten Verfahrens seitens deS General- Kommandos entlassen werden sollen. — Während in den Monaten Juli und August an Zöllen rund 74 und 61 Millionen Mark eingekommen sind, betrug die Einnahme für September nur 52 Millionen Mark. Allerdings muß dabei be­rücksichtigt werden, daß im Juli und August eine erhebliche Voreinfuhr an Kaffee und Tabak statt- gesunden hat, die einen entsprechenden Ausfall für die nächsten Monate unvermeidlich macht.

)( Wann der Reichstag zusammentreten wird, darüber wird noch nichts bestimmtes ge­meldet. Nach einer Berliner Korrespondenz soll es, wie schon früher mit geteilt, am 23. No­vern ber geschehen. Außer dem Etat habe der

Reichstag vor allem das ArbeitSkammer- gesetz und die Strafgesetznovelle zu er­ledigen. Die Reichsoersicherungsordnung dürste wohl kaum in dieser Session zustande kommen.

4- Dir braven Nationalliberalen. In diesen Tagen sind 50 Jahre verflossen seit der Gründung des deutschen Nationalvereins. Diesen Anlaß benutzt die ,Tägl. Rundsch/ um mit Pauken und Trompeten einen Jubelhymnus auf die nationalliberale Partei loszulaffen. Begeistert singt sie:

„Wo finden wir bei den heutigen Parteien außer bei den Nationalliberalen (unb bei der späteren frei- konservativen Reichspartei) die Methode der natio­nalen Opfermütigkeit um jeden Preis, des Verzichts auf alle parteipolitischen Egoismen, sobald diese mit dem Gemeinwohl in Widerstteit geraten."

Ach, lieber Herr, Euer Gedächtnis ist kurz. Wo war denn die nationale Opferwilligkeit bei der nationalliberalen Partei, als es sich darum han­delte, dem Reiche die größte Summe neuer Steuern, die es nach ihrem eigenen Bekenntnis unbedingt notwendig hatte, zu bewilligen? Die hat sich damals in allzugroßer Bescheidenheit, die nicht immer eine Tugend ist, schämig in den Hintergrund gestellt und andere Parteien be- willigen laffen. Das war bequem, aber von „nationalliberaler Opferwilligkeitum jeden Preis" zeugte eS nicht.

* Der runde Tisch. Ueber einen besonderen Fall von „altpreußischer Sparsamkeit" wird der ,Mil. pol. Korr/ aus einer nordwestdeutschen Garnison berichtet:

Vor etwa Jahresfrist wurde ein unverheirateter General zum Kommandierenden des X-ten Armeekorps ernannt. Für die Herrengeselligkeit, die der General liebte, wurde auf besonderen Antrag durch die Inten­dantur ein runder Tisch von fünf Meter Durch­irr esser bestellt, der als „K. U." — „Teil der König­lichen Utensilien" — gerade Platz in dem großen Saale des Generalkommandos sand. Die Abferligungskosten betrugen rund 900 Mark. Natürlich paßle für den Riesentisch kein im Generalkommando vorhandenes Tisch ged eck; die Intendantur mußte also ein solches weben laffen, was wiederum den Etat nicht unerheblich belastete. Als der Tisch eingeweiht wurde, stellte es sich heraus, daß erst besondere Vorrichtungen not­wendig waren, um die Tafeldekorationen usw. auf die Mitte des Tisches zu stellen, denn mit den Armen konnte niemand bis dorthin langen. — Wenige Monate später wurde der Kommandierende General — was übrigens bereits bei seiner Ernennung bekannt war — zu einem anderen Armeekorps versetzt. Der neue, verheiratete Kommandierende ließ das Monstrum von Tisch auf den Boden schaffen, wo es nun wohl so lange stehen wird, bis einmal rvieder ein unverheirateter Gastgeber in das Generalkommando etnzieht. Dem Staate aber hat der Fall etwa 1700 Mark gekostet.

][ Jena, 16. Ott. 1909. Heute trat hier die Vertreterversammlung der Vereine der na- tionalliberalen Jugend zusammen. Nach dem Geschäftsbericht umschließt der Reichsver­band jetzt 111 Vereine gegen 102 im verflossenen Jahre. Viel ist es also trotz der regen Agitation nicht, zumal die meisten Vereine gar keine Be­deutung haben. In den einzelnen Referaten wurden, wie üblich, scharfe Worte gebraucht, und eS wurde erklärt, die Zeit der Kompromiffe fei vorüber. Die liberale Einigung müffe erstrebt werden, koste es, was es wolle. Der Gesamt- Vorstand der nationalliberalen Partei war bei der Tagung nicht vertreten, sondern hielt in Eisenach eine Vorstandssitzung ab.

* Duisburg, 17.Okt. 1909.DerZentrums- parteitag für den Regierungsbezirk Düsseldorf wurde heute hier durch eine große Volksversamm- lung eröffnet. Abg. De Witt sprach über die

Ausland.

** Die ungarische Krise wird endlos. Der Ministerpräsivent Wekerle hat dem Kaiser in seiner Audienz von Samstags mit geteilt, daß alle Entwirrungsversuche, die die Krone angestellt, vollständig fehl geschlagen seien, und daß ein außerparlamentarisches Kabinett auf den Bei­stand der Parteien nicht rechnen könne. Der Kaiser hingegen lehnte es ab, irgend welche

Iie weifte 8m m MiM.

32] Original-Roman von O. Elster.

O, wäre er damals im brausenden Lärm ber Rei­terschlacht gestorben. Er hätte nicht hier auf bem Krankenlager ben furchtbaren Kampf mit bem Tobe kämpfen muffen, ber tagelang mit finster brohendern Antlitz zu Häupten seines Lagers stanb.

Die Kraft ber Jugend war in ihm noch nicht ganz gebrochen. Der Wille zum Leben lebt- noch fort in ihm — unb diese Kraft ber Jugenb, bieser Wille zum Leben, kämpften einen furchtbaren, entsetzlichen, aus­sichtslosen Kampf mit bem Tobe.

Seine Mutter unb Amalguube — sie konnten ben Anblick dieses verzweifelten Tobeskarnpfes nicht ver­tragen. Weinenb saßen sie im Nebenzimmer, während fein Vater unb ich an Lothars Bett saßen, seine zu- ckenben Hände faßten, seine heiße Stim kühlten, seine chrennenben Lippen näßten, ihn emporrichtetea, wenn ” zu ersticken drohte - ihn unterstützten, wenn er rö- chclnb dasaß, nach Lust ringend unb mit verglasten Augen vor sich hinstterte.

Endlich konnte es auch ber Vater nicht mehr er- .tragen; ich blieb allein mit bem Sterbenden, in meinen Armen hauchte er ben letzten Seufzer aus.

Armer Freunb, wärest Du gestorben bamals im brausenden Sturm ber Reiterschlacht, Du hättest einen seichteren unb schöneren Tob gehabt!

,, ®ruft in welche bie irdischen Ueberreftc Lo- «ar3 betgefefct werden sollten, befand sich unter einer Kapelle, welche in bem alten Schloßteile lag. Diese Kapelle, welche noch aus bem Mittelalter stammte, .purbe nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten, Ver­mahlungen, .-Zausen! ober Beisetzungen von Mttglie- ?“niiIie benutzt. Zum letzten Mal mm be§ Grafen Gunbokar Lo-

f fahren benützt worben, hi, 9-mS(“n9 beS fetzigen Grafen Lothar, so- Kaufen ferner Kinder waren in bet Residenz gefeiert worben. Nun sollte sich bie alte Kapelle unb

bie Gruft wieber öffnen, um ben letzten Erben bes alten Namens aufzunehmen!

Die Aufbahrung und ber Trauergottesdienst soll­ten in ber Kapelle selbst ftattfinben. Der alte Park mußte geöffnet, bie Wege gereinigt, unb bie Kapelle in Staub gesetzt werben. Die neugierigen Augen ber Arbeiter durchforschten jetzt bie so lange verschlossen ge­haltenen Gänge bes Partes unb suchten einen Einblick auch in bas alte Schloß zu bekommen. Aber ber alte Martin gab gut Obacht, daß niemand bas Schloß be­trat. Nur bie Tür ber Kapelle war geöffnet, bie übri­gen Zugänge zum Schloß waren fest geschloffen unb tor sämtlichen Fenstern waren bie Läben zugezoqen ober unburchsichtige Vorhänge befestigt

Von allen Seiten kamen prachtvolle Kränze unb Blumenarrangements mit kostbaren, in Golb unb Sil- Atbenschleisen, welche ben Sarg des Entschlafenen schmucken sollten. Das Garbedragoner- Regiment schickte einen großen Kranz mit einer Schleife in ben Regimentsfarben unb ber Aufschrift- Sur Erinnerung an den tapferen Kameraben." Auch zeiqte es an, baß es bei ber Beisetzung sich durch eine De­putation von Offizieren und Dragonern vertreten las­sen wurde Auch der regierende Herzog sandte einen Kronz unb in feiner Vertretung einen Adjutanten im Beisetzung. Verwandte unb Bekannte ber gräflichen Familie trafen ein, es herrschte ein Leben auf bem Schlöffe, wie seit langer Zeit nicht, unb ber Graf unb bie Gräfin fanden kaum Zeit, sich ihrem Schmerze hinzugeben. Ich suchte ihnen bei ben vielfachen Ge­schäften, welche bie Feierlichkeit erforberte, so viel als möglich behilflich zu fein unb kam in diesen Tagen nicht dazu, meine Großmutter zu besuchen. Auch bie Gräfin-Mtwe sah ich nicht, sie hielt sich in ihren Ge­machem auf, ohne sich zu zeigen.

Am abenb vor bet Beisetzung waren noch einige Kränze angekommen, welche noch in ber Kapelle auf- gchängi werben sollten. Der Graf bat mich, dies zu besorgen, was ich bereitwillig übernahm.

„Ich begleite Sie*, sagte Amalguube. „Ich möchte bie Aufbahrung unb bie Ausschmückung ber Kapelle sehen, ehe fie von bet Menge des Gefolges angefüllt wirb Ich sehne mich damach, ein stilles Gebet am

Sarge meines armen Brubers zu verrichten. Bitte, nehmen Sie keinen Diener mit, wir können ja bie Kranze selbst tragen."

Ich erfüllte ihren Wunsch unb so schritten wir al­lein burch ben stillen Pack, auf ben sich schon das Dun­kel der Nacht niedersenkte, nach der Kapelle, in der die Kerzen rings um den Katafalk ein rötliches Licht ver­breiteten.

Mir wat feierlich und ernst zu Sinn, wie ich neben der schwatzen schlanken Gestalt des geliebten Mäd­chens, dessen blasses Gesichtchen bie Spuren ber Tränen zeigte .durch den stillen, dunklen Park schritt unb in bie vom rötlichen Schein ber Kerzen erhellte Kapelle trat. Ich buchte mit keinem Gebauten an das Unrecht, an die Schuld ,bie hier gleichsam ihre Sühne finden sollte, indem der Erbe des fälschlich getragenen Na­mens in ein frühes Grab sank und damit der Glanz bes alten Namens im Dunkel bet Tobesgmft erlosch. Ich bachte mit keinem Gedanken daran, daß ich be­rechtigt war, den alten, hier erloschenen Namen wieder arffzunehmen. Mein Hetz wat nut erfüllt von Liebe unb Mitgefühl, unb als Amalguube still weinenb am Sorge ihre» Brubers niebersank, übet bas Glück unb ben Frieben bes geliebten Mädchens zu wachen unb schützeub meine Hände über ihrem Leben auszubreiten, sollte jemand freventlich versuchen, seinen Frieden, seine Ruhe anzutasten. Um Amalgunde in ihrer stillen An- bacht nicht zu stören, trat ich in ben Schatten eines starken Pfeilers, setzte mich auf eine Bant unb stützte bie Stirn in bie Hanb, mich ernstem Sinnen überlas- scnb Ich mochte einige Minuten so gesessen haben, als mich ein Auffchrei Amalgunbens erschreckte. Ich erhob mich rasch, ba flog auch Amalgunbe schon auf mich zu, erfaßte trampfhaft zitternd meinen Arm unb flüsterte mti bebenber Stimme:

„Du — ba — sehen Sie — o sehen Sie! — Die weiße Frau! . . ."

Zu Häupten des Sarges stand von bem Lichte bet Kerzen grell beleuchtet bie hagere Gestalt eines Wei- bes, besten Haupt ein weißes Tuch fast ganz ver­hüllte. - ■= x"

Ich erkannte meine unglückliche Großmutter, bie1

sich auf irgenb eine Weise in bie Kapelle eingeschliche» haben mußte.

„Beruhigen Sie sich, Amalgunbe", flüsterte ich bei vor Schrecken fast Ohnmächtigen zu, „es ist kein Geist nur eine Unglückliche, bie noch immer keine Ruhe fin­den kann."

Das scharfe Ohr bet Irrsinnigen mußte meine lei­sen Worte gehört haben. Sie richtete pch empor und sagte mit ihrer tonlosen Stimme:

„Wer spricht ba? Hier am Grabe meines Gatten unb meines Sohnes? Sinb es bie Geister ber Ver­storbenen? Kommt nur. o kommt! Ich fürchte mich nicht vor Euch Dich, meinen Gatten, haben ste ge- morbet, unb Dich, meinen Sohn, haben fie jetzt auch getötet unb wollen Dich in bie dunkle Gruft senken! Aber ich dulde es nicht, mit meinen Nägeln öffne ich Deine ©ruft, mein Sohn — mein Sohn!"

Ihre Worte erstarben in einem leisen Wimmern, unb sie sank neben bem Katafalk uieber, bie Steine mit ihren Nageln zerkratzend.

„Entsetzlich!" flüsterte Stmalgwibe. Ich will mit ber Unglücklichen sprechen. Ich muß ste auf ihr Zimmer bringen, sie barf hier nicht bleiben."

Ich trat auf bie Irrsinnige zu.

„Mutter, was tust Du hier?" fragte ich mit lauter Stimme.

Mit einem gellenben Aufschrei fuhr sie empor.

„Mein Sohn — mein Sohn! — Du lebst — 0 nun ist alles gut! Sie haben Dich nicht genwrbet?"

„Du siebst, baß ich lebe. Aber, was tust Du hier? Weshalb bist Du hierher gekommen?"

„Ich hörte ben ganzen Tag hämmem unb pochen unb sah bie Menschen hin unb her gehen, gerade wie bamals, als sie meinen Gatten ermorbet hatten unb hier in bie Gruft sentten. Unb ba Du nicht zu mir kamst, glaubte ich, sie hätten Dich auch ermorbet unb ich wollte nicht, baß sie Dich in bie Gruft sentten unb so schlich ich mich hierher."

„Wie kamst Du hierher?"

„Durch jene Tür..." unb sie zeigte auf eine kleine Seitentür, welche auf einen buntten Korridor führte. Mau mußte vergessen haben, bie Tür zu verschließen. • ^ Fortsetzung folgt.) - *