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Fulda, Samstaa den 16. Oktober 1109
Zweites Wlcrtt
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A. C. Moderne Gottsucher und „modernes Christentum".
Kein Zweifel. Die Wasser des radikalen Unglaubens beginnen sich zu verlaufen. In der öden Wüste einer entgotteten Welt und Natur lechzt man nach einem stärkenden Tmnke aus frischer Quelle. Der
Der aus dem bimsenden Leben, Darin unser Gut verscholl, Versunkene Tempel heben Und neu sie durchgöttem soll.*
Der „Schiffsherr von Nazareth* soll diese Gottessehnsucht stillen und das versunkene Gut des Herzensund Seelenfriedens wiedergeben. Der Schiffsherr aus Nazareth — wo und — was ist er? Diese Gottsucher nehmen das Wort auf. das einst Christus seinen Wi- dersachem entgezengehalten: Was dünket euch um Christus? Diesen hat man Ihnen einst verkündet als Helfer und Erlöser von aller Herzens und Seelen- uot. Jetzt wollen sie zu ihm: hören jedoch, daß dieser Christus Gegenstand des Streites ist, weil ihm gar viele seine GotteSwürde absprcchen wollen. Sie wollen Antwort auf die Frage: Was dünket euch -um Christus?
Das fühlen sie: mit Menschenwort und Men- schenwih ist ihnen nicht geholfen. Eines Gottes Wort: „Friede sei dir", wollen sie hören. Gewißheit wollen sie haben, daß ihrer Seele Pein geheilt wird. Eine neue Kraft wollen sie haben zu einer sittlichen Er- ncuemngsarbeit- an sich selbst und ihren Volksgenoffen.
Aber ihnen muß eine zersetzende und zerstörende Theologie, die den Namen „Leben-Jesu-Forschung" als Aushängeschild führt, zur Antwort geben: Wir haben nicht mehr, was ihr begehrt. Einen Menschen Jesus noch kennen wir. Seiner Gottheit haben wir ihn entkleidet. Wir haben euch nur Negatives zu bieten.
Sie haben recht: „Es gibt nichts Negativeres als das Ergebnis der Leben-Jesu-Forschung", so hat ein moderner liberaler Theologe (Schweitzer, Von Rei- marus zu Wrcde, 396) sein Verdikt gefällt über diese Zerftörungsarbeit.
Aber mit der Person Jesu steht und fällt sein Evangelium. Das Wes en des Christentums steckt in der Gottheit Christi und wer sie preisgibt, gibt das Christentum preis und es bleibt ihm nichts mehr in den Händen.
Was soll die Welt mit einem solchen der Gotk- heit baren Christus? Ein Schwärmer mehr! Und an religiösen Schwärmern ist kein Mangel! Was hätte das zu bedeuten? Und wenn man geglaubt hat, diesen Christus der Welt annehmbarer zu machen, indem man ihn zum bloßen Menschen degradiert, ist man
Mutter, der Göttin Natur hatte man sich verschrieben. Blumenbekränzt an ihren Altären geopfert. Jetzt kommt die E r n ü ch t e r u n g. Die brutale Naturmacht, die wie eine zermalmende Maschine über Menschenleben und Menschenglück Hinweggeht, hat sich nicht als die liebende Göttin gezeigt, die ihren Verehrem die ftohe Botschaft des Sieges über Tod und Grab verkünden könnte. Und siehe da! Das der Menschen- brvst von Nattir aus unrottbar eingepflanzte Sehnen nach Gott wird lebendig und beginnt wach zu werden. Dem sinkenden Petrus gleich streckt diese WeÜ ihre Hand dem menschgewordenen Gottessohn entgegen, von dem sie, wie aus weiter Ferne her, die wundersame Mär gehört, daß er Kraft habe und verleihen könne gegen die alles zermalmende, alles und alle mit Tod und Untergang bedrohende brutale Naturmacht. Und leise beginnen in der modernen Lyrik Heimwehlieder zu tönen nach — Christus.
Da singt einer, der vor kurzem verstorbene Prinz Sch önaich-Carolath:
„Wir wollen vom Haupt un? streifen Der Kränze sengenden Saum, Das fiebernde Luftergreifen, Den griechischen Schönheitstraum.
Wir wollen die Hand erfaffen
Des Schiffsherrn von Nazareth, Der, wenn die Sterne verblassen. Nachtwandelnd auf Meeren geht.
brachte die Mission dem Sultan zwei Fässer Sabiai. Wird der sich aber freuen!
In Schweden ist bekanntlich nach der Beilegung des Generalstreiks ein Teil der Arbeiter noch im Streike verblieben. Indes geht die Zahl der Streikenden fortgesetzt stark zurück. Nach dem jetzt veröffenüich- ten Ergebnis der amtlichen Arbeitslosenzählung vom 7. Ottober wurde bei Arbeitgebern, die dem schwedischen Arbeitgeberverein nicht angehören, seit dem 1. Oktober die Arbeit von 1602 Streikenden wieder ausgenommen. Die Zahl der Arbeitslosen, die früher von diesen Arbeitgebern heschästigt wurden, beträgt 10 243. In dieser Zahl sind nicht nur die eigentlichen Streikenden, sondern auch solche Arbeitswillige einbegriffen, die bisher keme Beschäftigung finden konnten
Der englische Budgettampf ist in ein neues Stadium eingetreten, indem König Eduard -ige ch' i- dig in den Kampf ein gegriffen hat, um eine Verständi- giwg zwischen den Lords im Oberhar.se und der liberalen Regierung herbeizuführen. Es fragt sich aber noch sehr, ob er damit Erfolg haben wird, zumal in dm Blättern sowohl der liberalen wir auch der konser- vativm Richtung dieser Eingriff des Königs in die Politik als ein Verstoß gegen die englische Verfassung bezeichnet wird. — Bekanntlich ist man in England schon fett längerer Zeit bemüht, einen Marinekriegsrat zu organisieren, der besonders das Studium der Kriegskunst und die Ausarbeittmg von KriegSplänm Pflegen soll. Mm scheint jetzt mdlich mit dieser Organisation zu Ende zu sein.
DaS neue französische Kabinett hat nunmehr im Verlaufe der vergangenen Woche sein politt- sches Programm dargelegt. In einer größeren Rede am vergangenen Samstag bezeichnete Ministerpräsident Briand als die vornehmste Aufgabe der Regierung die Durchführung der Arbeiterfürsorge. Damit will man offenhar die Arbeitermaffe wieder mit dem Regie- rungSsystem befteunden. Andererseits hat die Regie- nmgspartei auf ihre Tagung in Nantes klipp und klar zu ernennen gegeben, daß der Kampf gegen die Kirche weitergefühct werben soll.
Spanien mit seiner „Pfaffenwirtschaft" bildet wiederum ein Lieblingsthema der kulturkämpferischen liberalen Presse. Allmthalben-werden von den Reli- gionsseindm Demonstrationen gegen die spanische Re- giening hervorgerufen, weil sie den Urheber des letz- ten anarchistischen Ausstandes in Catalonien den bekannten Revolutionär Ferrer zum Tode verurteilte und erschießm liefe. Wie es mit der Kriegslage in Marokko eigmtlich steht, dariiber herrscht gegenwärtig große Unklarheit Anscheinend hat sich das Blatt wieder zu Ungunstm Spaniens gewendet.
Die Türkei hat noch keineswegs die inneren Schwierigkeitm überwunden, die ihr die Ausstände in Alhanim und in Kleinasien bereiten. Wie es heißt, soll die Kretafrage endgülttg im November zur Lösung gefangen. Was von den Gerüchten über bei bevorstehenden Wechsel in der Leitung der türkischen Politik zu haltm ist, läßt sich noch nicht übersehen.
China scheint wieder eine den Europäern freundlicher gesinnte Politik einschfagen zu wollen. Man bemüht sich nämlich, den angeblich auf spanische Jn- triguen hin abgesetzten Muan-schi-kai zurückzurusen. Wie sehr jetzt selbst die Vereinigten Staaten um die Gunst Chinas betteln, zeigt besonders deutlich die Meldung, daß der neue amerikanische Gesandte für China wegen feiner abfälligen Aeußerungen über das chinefisch- amkrikanische Mandschurei-Abkommen tatsächlich zu- riickberufen worden sei.
wochen-Rundschau.
[:] Fulda, 16. Ottober 1909.
Der Kaiser weilt gegenwärtig in bei Umgegenb bet Reichshauptstadt und hat auch bereits den Reichskanzler in einer längeren Audienz empfangen, worauf schon am folgenden Tage, am vergangenen Montag das preußische Staatsministerium feine erste Sitzung ab hielt- ein Zeichen dafür, daß die politische Sal- i o n'nunmehr begonnen hat. Auch der Bundesrat ist bereits wieder zusammengetreten, aber wann der Reichstag und bei preußische Landtag die Parlaments rische Arbeit aufnehmen werden, darüber kursieren noch die verschiedensten Gerüchte. Inzwischen vertreibt man sich in der Presse die Zeit mit allerlei politischen Kombinationen und Parteistreitigkeiten, während die Er- örtemng der Novemberereignisse und der Reichsfinanzreform mit dem Sturze Bülows endlich etwas nachgelassen bat Dafür boten mehrere größere Prozesse her letzten Tage, die fürwahr als ein trauriges Zeichen der Zett gelten können, wieder größeren Erörterungs- stoff. Besonders der Erpresserprozeß Dahsel mtt seinen belastenden Ergebnissen für den antisemitischen Reichstagsabgeordneten Bruhn wird von der liberalen Presse in ausgiebigster Weise dazu benutzt, um in allbekannter Weise gegen die rechtsstehenden Parteien zu agitieren. Sie bedenkt dabei aber nicht, daß eine solche Hetze mir den Sozialdemokraten Vorteile verschafft. Das hat sich auch wiederum im Reichstags Wahlkreise Koburg gezeigt, woselbst bet der Ersatzwahl am Montag der sozialdemokratische Kandidat nur um etwas mehr als 400 Stimmen hinter den vereinigten Nationalliberalen und Freisinnigen zurückblieb. Auch in den Berliner LandtagS- wahllreisen, in denen Ersatzwahlen bevorstehen, drohen die Streitigkeiten zwischen den „nationalen" Parteien den Sieg der Sozialdemokraten herbeizuführen.
Die Bezirkstagswahlen in Elsaß- (Lothringen find zum ersten Male tim Zeichen der Parteipolitik getätigt worden. Im Elsaß stritten drei Parteien — Zentrum, Liberaldemokraten und Sozialdemokraten — um die Mandate, in Lothringen Zentrum und Blockanhänger. Aber in sämtlichen drei Bezirken lautete schon fett Monaten die Losung: Gegen .das Zentrum? In der Wahlkampagne wurde von den Liberalen und den Sozialdemokraten hauptsächlich aus der Reichsfinanzreform gegen das Zentrum Kapital geschlagen, wie denn diese beiden Parteien anfangs unter der Hand, dann öffentlich und offiziell verbündet y$egen das Zentrum üorgiagen. Trotz ihrer wüsten Hetze hat das Zentrum zwei Sitze gewonnen, und ist nun die st ü r k st e P a r t e i im elsaß-lothringischen Parlament. Die Hauptsache aber ist, die überall bedeutende Vermehrung seiner Stimmenzahl, das beste beste Zeichen für eine gute Zukunft der Partei.
Die politische Sage in Oesterrei ch-U ngarn bleibt weiterhin unklar, da die Wiener Regierung sich anscheinend noch nicht entschließen kann, den böhmischen Landtag wegen Arbeitsunfähigkeit aufzulösen. Man versucht es abermals mit einer Vertagung des Landtages und hofft, daß es den Obmännern bet einzelnen Parteien gelingen werbe, den Landtag wieder flott zu machen. Bis jetzt ist aber die Aussicht dazu noch sehr gering.
Die russischen Vetwaltungsskandalr scheinen zu einer wahren Epidemie zu werden. Besonders die HeereSverwccktung hat neuerdings sich dazu genötigt gesehen, energisch gegen den Schlendrian vorzugehen. Der Zar hat endlich die Genugtuung gehabt, die tür- Ksche Sondergesaudtschaft, die ein besseres Verhältnis zwischen Rußland und der Türkei herbeiführen sollte, in feierlichster Audienz empfangen zu können, lieber die Ergebnisse bet Gesandtschaft verlautet auch picht baS Geringste. Als Geschenk bes Kaisers über-
36. Iahrq ana.
in schwerem Irrtum. Diese moberne Zerstörungstheologie muß schweigen, wenn ihr bie katholische Theologie zuruft:
„Bor bem ebionittschen (her Gottheit beraubten) Christus der modernen Christologie wird die Welt sich nicht beugen. Er imponiert keinem, weder den Ungläubigen noch den Gläubigen . .. Wenn Christus lebt in der Geschichte der Menschheit, wenn sein Kreuz auf die Türme unserer Kathedralen kam und auf bie Gräber der Verstorbenen, auf die Kronen der Kaiser und in die zitternden Hände der Sterbenden, aus den breiten Markt des Lebens und in die stille Klosterzelle, wenn Christus segnend schreitet über Länder und Meere, wenn heldenmütige Begeisterung fiir ihn und sein Reich den Missionar hintrieb bis zur Insel bet Aussätzigen, stille Ergebenheit einzog in das Herz des Leibenden und heiliget Gottesfiiede in das Herz des Sünders, so verdenkt er das dem alten Glauben bet alten unb wahren Christologie, nicht bem neuen Ebionttismus der neuen Christologie. Aus bem tiefsten Glaubensbewußt'ein der alten Kirche rief bet Zerstörungsarbeit des alten Gnostizismus Tertullian das Wort zu, das wir auch dem mobemen Gnostizismus zurufen: Farce unicae spei totius mundi („Schone der einzigen Hoffnung der ganzen Welt").*)
Das Wort wird — fürchten wir — ungehört verhallen. Auf dieser schiefen Gbene ist kein Halten mehr. So bleibt denn der katholischen Kirche die Aufgabe, der Welt, diesem versinkenden Petrus, diesem in seiner Gottessehnsucht nach Hilfe wider die Verzweiflung rufenben modernen Menschen zu verttinden, daß Hilfe ist und daß eine andere Antwort existiert auf bie Frage: Was dünket euch um Christus? Die Antwort, welche sie Kirche als echte Frohbotschaft bet Menschheit verkündet: Du bist Christus, bet Sohn bes lebenbigen Gottes!
*) Vgl. Jesus Christus. Vorträge auf bem Hoch« schulkuisus zu Freiburg 1908, Freiburg 1908, Herber, 264.
Ausland.
** Zur Reise des russischen Zaren nach Italien wird gemeldet, daß Stolipin sie mitmachen wird. Iswolski und der Oberzeremonienmeister des Zaren, Sa- winstt .werden sich schon am neunzehnten Ottober nach Italien begeben.
** Rußland. Mit dem Duma-Gebäude, in dem dir Sitzungen des russischen Reichstages statt- sinden, scheint man kein rechtes <Wick zu haben. Nach- dem schon früher mehrere Teile des Gebäudes eingestürzt waren, ist jetzt auch in der Bibliothek des Duma- Palastes die Glasdecke des Lesesaales eingestürzt. Da zu dieser Zeit kein Mensch in der Bibliothek anwesend war, so wurde niemand verletzt. — Unaufgeklärt ist noch eine Bombenexplosion im nördlichen Stadtteil von Petersburg. Die Explosion geschah in dem Hause eines finnischen Bahnwächters. Zwei Männer suchten aus dem Hause zu entkommen, und als sie sich verfolgt sahen, setzten sie sich mtt Revolvern zur Wehr. Dennoch gelang es, den einen festzunehmen. Er war verletzt und blutbedeckt. DaS Haus soll ein ganzes Lager fertiger Bomben gewesen sein, die alle explodiert find.
Reklamen- und Anzeigenteil.
)n keiner Kinderstube,
in keinem Hause sollte jetzt mit Beginn des Winters mein beliebter Jajfafen’s Aod Kisen-Aeöertra«, Marke „Aodessa" fehlen. Er verhütet ßrSSriung »ud Krarrk- 6 eit en. Preis Mk. 2.30 und 4.60. Verlangen Sie ausdrücklich Mir Le „Zodessa" und weisen Sie Nachahmungen zurück. Zu haben <« den Apotheke« Irrldas sowie in den Apotheken in Koföteller, Neuhof re.
Unpolitische Zettlaufe.
(N.) Berlin, 14. Oktober 1909.
(Nachdruck verboten.)
„Ob ich für Abschaffung der Todesstrafe bin? Nun freilich; nur müssen bie Herren Mörder den Anfang machen/ — Dieser alte Ausspruch eines ttugen Staatsmannes ist jetzt wieder zeitgemäß; denn augenblicklich dntrüstet sich die „aufgeklärte" Welt ganz fürchterlich darüber, daß die spanische Regierung einen Anarchisten- ftihier hat erschießen lassen, der zur Erschießung von vielen Hunderten an gestiftet hatte!
Wenn ich Ministerpräsident in Spanien wäre, so hätte ich dem König geraten, diesen verurteilten Vollsau shetzer zu lebenslänglichem Zuchthaus zu begnadi- tzcn. Richt aus Mitleid, sondern aus Vorsicht, um nicht den Umstürzlern und ihren liberalen Freunden einen zugkräftigen Agitationsstoff zu bieten. Aber der wirkliche Ministerpräsident von Spanien hat geglaubt, daß er das revolutionäre und mordbrennerische Treiben nur mit rücksichtsloser Gewalt unterdrücken könne und den Kopf des anarchistischen Bandwurms nicht verschonen dürfe. Er hielt die Hinrichtung des Häuptlings der Umstürzler für eine Staatsnotwendigkeit. Ob bie spanische Regierung klug gehandelt hat, weiß ich flicht; aber wenn man den dortigen König und seine Minister als „Mörder" beschimpft, so zucke ich die Achseln und sage: Wer das Blutvergießen gewerbsma- plg betreibt, darf sich nicht wundem, wenn sein Blut Mch einmal bergoffen wird! Und wenn es in den bcn. liberalen Hetzblättern heißt, die „Je- |v „et die Geistlichen hätten den Aufwiegler t... n.™0-' ~ f° kann man diese blanke Verleurn- K?“ Verachtung strafen. Die Staatsminister Ktm i,?heiJ°9eR?,^en Staats raison ihres Amtes CÄ“®/1'1,' i-suitischen oder ultramon- Ate noKL n0CWt Wen' l° würde Ferrer
UnS wie die Spanier ihre häusli- Aen Zwisttgketten auStragen? Auch die franzöfikcken Dozialist« und Freidenker geht das nichts
trotzdem haben sie in Paris einen großen Entrüstungs- Auflauf gemacht, wobei der Polizeipräsident selbst meuchlings erschossen werden sollte. Die Kugel tötete einen Gehilfen des Polizeipräsidenten; außerdem wurden mehrere Schutzleute, zum Teil schwer, verwundet. Der getötete Polizist war auch ein Mensch. Aber bie Volksmasse, die von Mttleid für den spanischen Anarchisten überschäumt, hatte kein Mitleid mit den pflichttreuen Beamten ihres eigenen Landes.
Mitleid ist eine Zierde des Menschenherzens und eine Tugend des Christen. D. h., wenn es aus echter Liebe hervorgeht und demgemäß allen Leidenden in gebührender Weise zuteil wird. In neuerer Zeit macht sich aber eine besondere Art von einseitigem Mifleid breit. Wenn z. B. in Berlin sich russische Revolutionäre und Nihilisten beiderlei Geschlechts Herumtreiben mb bie Polizei diese bedenklichen Gäste abschiebt, so gibt es Blätter, die über bie Verfolgung dieser „armen Flüchtlinge" uns blutige Tränen vorweinen möchten. Mer wieviel unschuldige Leute den Bomben dieser Nihilisten schon zum Opfer gefallen sind oder bei ungestörter Fortsetzung der „Propaganda der Tat" noch zum Opfer fallen würden — davon sprechen die sentimentalen Herrschaften nicht.
Oder nehmen wir ein ganz unpolitisches Exempel aus den jüngsten Tagen. Ein Frauenzimmer, das in bie tiefste Gosse geraten war, hatte sich an einen wasch- lappigen Jüngling geffammert, der sie entweder heiraten ober mit 10 000 Mk abfinden sollte. Der vielseitige Bursche wollte aber schließlich lieber eine Bekannte aus den Kinderjahren, eine Opernsängerin, heiraten. Darauf knallt bie erstgenannt; „Braut" ihre Nebenbuhlerin mit sorgfältiger Ueberlegung unb vollem Erfolg nieber. Und das Schwurgericht in Mecklenburg war „rückständig" genug ,um den Mord für einen Mord zu erklären und die heiratssüchtige Mörderin zum Tode zu berurteUen. Darob Entrüstung unb MitleidS- ergüffe in verschiedenen Blättern. Nicht etwa Mttleid mit der meuchfings erschossenen Sängerin, sondern vielmehr mit der Mörderin. Ein Blatt meinte, diese arme Mörderin fei deshalb dem Beil deS Henkers überliefert worben, „weil sie mit aller Gewalt wieber eine anständige Frau werben wollte." Anbere Zeitungen
sagten, so ein Tobesurteil habe nur in einer mecklenburgischen Kleinstadt gefällt werden können; in jeder Großstadt, vor allem in Berlin, würde die Verzweif- lungstat anders gewürdigt worden sein. Das letztere kann schon stimmen, leider! Denn auf dem großstädtischen Asphalt macht sich eine heillose Verwirrung der sittlichen Begriffe und Gefühle bemerkbar.
Ein Vorgang vom vorigen Jahr beleuchtet das schon recht grell. Die Grete Beyer aus Chemnitz hatte sich als eine gewohnheitsmäßige Mörderin von Männern erwiesen; die Unerbittlichkeit unb Raffiniertheit dieses blutdürstigen Mädchens war grauenhaft. Sie wurde berurteift und hingerichtet. Aber nun gab es eine wilde Hetze gegen den König von Sachsen, weil er diesen weiblichen Blaubart nicht begnadigt hatte. Und das Grab der grausamen Mörderin wurde von den zarten Händen mitleidiger Sächsinnen mit Blumen übersäet.
Wenn unschuldige Menschen ermordet werden, so ist das ein Malheur, über das die moderne Welt zur Tagesordnung übergebt. Aber wenn es schuldigen Menschen an den Kragen geht, so herrscht Mitleid ringsum, und das Mitleid macht sich um so lebhafter geltend, je größer die Schlechtigkeit der betreffenden Person ist. Die Schlechtigkeit macht die Leute erst interessant und liebenswert!
Die Dinge find auf den Kopf gestellt. Man schreit nach Schutz flir die Mörder, aber nicht für die Gemordeten. Man schreit nach Schutz für die Bombenfabrikanten und Bombenwerfer, aber man entrüstet sich über die Roheit der Behörden, die solche angenehme Mitmenschen unschädlich zu machen suchen! Der friedliche Bürger darf nicht mucksen. Wenn er gelegentlich einer Mordbrennerei von tatkräftigen „Pionieren der Kultur" zum Opfer fällt, aber die Herren Mordbrenner selbst müssen durchaus mit Sammethandschuhen angefaßt werden ,sintemalen es Freidenker und Kulturträger sind. Die neuzeilliche Parole heißt: Es leben die Mörder, nieder mit den Scharfrichtern.
Was ist denn die vielgepriefene Kultur? Ich habe friiher gelernt, das sei die Pflege deS Wahren, Guten unb Schönen, — eine Quelle der Wohlfahrt, bet Freude, der Ordnung und des Lebens. Wer neuer
dings werden als die besten Kulturträger diejenigen gepriesen, die sich am besten auf das Zerstören verstehen, — auf bie Vernichtung von Menschenwert unb Menschenleben. Wenn das die Blüte bet modernen Freiheit unb bes modernen Fortschrittes ist, bann danke ich für die ganze Freigeisterei. Der gewöhnliche Bürgersmann braucht es sich nicht gefallen zu lassen, daß man seinen Geist vorzeitig vom Körper frei macht ober bie Sicherheit seiner Angehörigen unb seines Hauses bedroht. Soll das Faustiecht wieder eingeführt werden, dann müssen die vernünftigen Leute in ihrer angeblichen Rückständigkeit so klug sein ,eher zum Hammer zu greifen, als sich zum Amboß machen zu lassen.
Mitleid soll man auch mit den schlechten und gefährlichen Menschen haben, aber das darf uns nicht hindern, sie rechtzeitig unschädlich zu machen. Nicht aus Haß oder Rache gegen die Personen, sondern aus Pflichtgefiihl. Denn Vernunft und Gewissen gebieten, das Böie nach Möglichkeit zu verhindern. Die nachträgliche Bestrafung kann freilich die bereits vollbrachten Missetaten nicht ungeschehen machen, ober sie ist doch ein unersetzliches Mittel, um der Fortsetzung des verbrecherischen Treibens entgegen zu treten.
Das beste ist und bleibt freilich die vorbeugende Tätjgkett „bie den Brunnen schon zuzudecken sucht, ehe das Kind hineingefallen iss. Alle Betrachtungen über Zeitkrankheiten und Verirrungen des menschlichen Denkens und Fühlens laufen schließlich darauf hinaus, daß für die richtige Erziehung des Nachwuchses mit Anspannung .oller guten Kräfte eingetreten werden muß. Und da handelt es sich nicht bloß um die Erziehung in ben Schuljahren, sondern in noch höherem Grade um die Erziehung in den Uebergangs- ober Flegeljahren, wo das Heranwachsende Geschlecht bereits den Einflüssen des falschen Zeitgeistes (durch Zeitungen, Bücher, Wertstatt- und Mrtschastsgespräche usw.) ausgesetzt ist. Mögen all: Eltern und Pfleger das ihrige tun, um die Jugend in ihrem Kreise gesund zu erhalten, auch gesund im Herzen und im Kopf; denn die moderne After- unb Ueberkultur gefährdet das vernünftige Denken unb Fühlen bis in bie Wurzeln hinein. ES stehl noch einer Entwickelung zum JrrenhauS aus.