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Fulda, Samstaa den 16. Oktober L)09.

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Grstes Matt.

d Gefahr im Verzug!

Die Arnsberger Negierung hat bekanntlich am 11. August die katholischen Pfarrer ihres Re­gierungsbezirks, die bisher in Städten mit mehrklas- sigen Schulsystemen (Nettorensystemen) im Nebenamte die Ortsschulinspektion führten, ihres Amtes ent­hoben, indem sie die Rektoren der betreffenden Schu­len direkt der Kceisschulinspektion unterstellte. Diese Verfügung hat in dem katholischen westfälischen Volke eine große Erbitterung hervorgemfen. U. a. hat sich, wir schon mitgeteilt, die Zentrumspartei des Kreises Hörde in einer zahlreich besuchten Versamm­lung mit der Angelegenheit beschäftigt. In einer ein- ! stimmig angenommenen Resolution erklärten die ka­tholischen Familienväter, daß zur Erziehung ihrer : Kinder ein enger Zusammenschluß zwischen Kirche und 'Schule erhalten werden müsse; sie forderten ein ge- isetzliches Recht für die Pfarrer zur Aus­übung und Leitung des Religionsunter- -lichtes, wie es in der Verfassung festgAegt sei, und ersuchten dir auf dem Boden christlicher Weltanschau- uirg stehenden Abgeordneten der beiden Häuser des s Landtages, gegen die Maßnahmen der Regierung Stellung zu nehmen.

Was die Angelegenheit für das ganze katholische Volk so überaus wichtig macht, das ist die Tatsache, -daß es sich bei dem Vorgehen der Arnsberger Regie- !rung keineswegs um einen vereinzelten Fall hrmdelt. Die Maßnahmen der Düsseldor­fer Regiemng zur Beseitigung der geistlichen Orts­schulaufsicht sind bekannt. Eine ähnliche Anordnung wie in Arnsberg ist im Regierungsbezirk Minden erlaffen worden. Auch im Regierungsbezirk Trier ist die Regierung mit Erfolg bemüht ,die Ortsschulauf­sicht der katholischen Geistlichen zu beseitigen. Man muß dies im Ange behalten, um in der so überaus m-chtigen Frage klar zu sehen. Das katholische Volk sitzt den Versuchen, die geistliche Schulaufsicht zu be­seitigen, den schärfsten Proteit entgegen, weil es darin einen weiteren Schritt zur Lähmung des für die Schule rmd die E r'-na der Jugend not­wendigen und segensreich.Einflusses der Kirche erblickt. Aber wir dürfen uns nicht ver­hehlen, daß cs mit diesem Protest nicht genug sein darf.

-Werden unsere Proteste überhaupt gehört wer­den und Erfolg haben? Daß bei der Regierung nicht auf Unterstützung zu rechnen ist, bedarf keines weite­ren Wortes. Im Abgeordnetenhause tritt die Zentrumsfraktion mit aller Entschiedenheit für das Recht der Kirche an der Schule, wie es in der geist­lichen Schulaufsicht anerkannt ist, ein. Aber sie besitzt im Landtage noch nicht ein Viertel der Stimmen. ^Hat sie in ihrem Kampfe auf die Unterstützung an­derer Parteien zu rechnen? In Betracht kom­men nur die Konservativen, da Freikon - servative und Nationalliberale die Stützen des sogenannten Kulturblocks find. Wie nun steht es mit den Aussichten auf die Hilfe der konser­vativen Fraktion?

Wir möchten da vor allen Illusionen warnen. Es ist zwar im vorigen Jahre viel bemerkt worden, daß die Konservativen von den 11 neu angesorderten hauptamtlichen Kreisschulinspektionen eine Stelle (Potsdam) gestrichen haben. Aber dies bedeutete nicht so sehr ein g r u n d s ä tz li ch e s Bekenntnis zur Beibehaltung der geistlichen Schulauf­sicht, sondern mir eine allgemeine Warnung an den Minister, in der Rücksichtnahme auf die liberalen For- drrungm etwas vorsichtig zu sein. Es ist bekannt, daß ein großer Teil der evangelischen Geistlichen an der geistlichen Ortsschulaufsicht kein Interesse hat, und diele Tatsache ist für das Verhalten vieler Konservativen maßgebend. Am meisten aber fällt ins Gewicht, daß die Frage, in der wir Unterstützung heischen, praktisch ausschließlich eine Sorge des katho­lischen VoUsteiles ist. In der Theorie ist ja die Lage der protestantischen Kirche in chrem Verhältnis zur Schule ganz dieselbe wie die der katholischen Kirche, aber in der Praxis ist sie grundverschieden. Die Maß­nahmen der Regierung gegen die geistliche Schulauf­sicht find tatsächlich nur gegen die Schulaufficht der katholischen Geistlichen gerichtet.

In Preußen find unter 330 Kreisschulinspektoren im Hauptamte sehr viele frühere protestantische Pfar­rer, ebmso auch in den Stellen der Dezernenten für das Schulwesen bei den Regierungen, aber nur -zwei karholische Geistliche sind zur Kreisschul­inspektion im Hauptamte zugelaffen. Daß unter den Kreisschulinspektoren im Nebenamte sich sehr viele evangelische Pfarrer befinden, ist ebenso bekannt, wie dir Tatsache, daß nur in ganz seltenen Fällen katho­lische Geislliche mit der nebenamtlichen Kreisschulin- spektion betraut werden. Der Regierungsbezirk Arns- berg beispielsweise hat 21 Kreisschulinspektoren im Nkbenamte. Diese find s ä m t l i ch bis auf den Dort- nmnder Stadtschulrat evangelische Pfarrer. Die unterschiedliche Behandlung der evangelischen und der katholischen Geistlichen bezüglich der Betrauung mit der Schulmifstcht wird recht deutlich durch die Tatsache illustriert, daß der Arnsberger Regierungs- präfident zu derselben Zeit, da er den katho­lischen Geistlichen die Ortsschulinspektion nahm, den protestantischen Hauptpfarrer von Ams- berg zum Kreisschulinspektor über die evange­lischen Schulen der Kreise Arnsberg, Brilon und Meschede e i n s e tz t e.

Ebenso konnte auf dem Zcntrumsparteitag für den !Regierungsbezirk Trier Dechant Hansen darauf hinweifen: an der Saar erlebe man es, daß der lEtholieche Parier in demselben Augenblick von der Ortsschulinspektion entfernt werde, wo sie dem $farrer übertragen werde.

, ber Protestantischen Kirche also wer­

den durch die Maßnahmen der Preicßischen Regiemng ckemeswegs gefährdet, sondem nur die I n t e r e s s e n der katholischen Kirche. Man muß dies im -Auge behaltm, um die Frage beantworten zu können, ob die Konservativen geneigt sein werden.

gegen die systematische Beseitigung der geislliche» Schulaufsicht in den katholischen Gegenden Front zu machen. Wir müssen gestehen, daß wir nicht allzu große Hoffnung hegen.

Es ist ja auch nicht zu verkennen, daß die Regie­mng rechtliche Handhaben genug besitzt, um die völlige Beseitigung der geistlichen Schulaufficht nach und nach durchzuführen. Vor allem dient dazu das Rektoratssystem. Wo mehrklaflige Volks­schulen unter der Leitung eines Rektors stehen, hat die Regiemng das Recht, die geistliche Ortsschulauf­sicht aufzuheben. Sie braucht also ihre Sorge nur darauf zu richten, daß m ö g l i ch st viele Rek­toratssysteme bestehen. Dazu kann dienen die Einfühmng der Koedukation, die Zusammenlegung mehrerer Schulen nahe zusammenliegender Gemeinden. Im Regiemngsbeziick Düsseldorf hat man diesen Weg bereits mit Erfolg beschritten, und der gleiche Weg ist überall möglich. Es liegt eben System in der Sache, und wenn die Regierung auch Gründe hat ,den Ausbau dieses Systems langsam und vor­sichtig zu betreiben, so müssen wir doch damit rechnen, daß wir eines Tag.es vor die Tatsache ge­stellt sein können, daß die geistliche Schulaufficht in den katholischen Gegenden so gut wie voll st än- dig beseitigt ist.

Deutsches Reich.

** Berlin, 15. Okt. 1909. Der Verein Deutscher Maschinenbauanstalten fya: beschlossen, in einer öffentlichen Sachverständigen- Sitzung die Frage der Reform deS Patent­rechts zu beraten. Es soll in dieser für dm Monat Dezember geplanten Versammlung be­sprochen werden das Recht des Erfinders auf das Patent anstelle des Anmelders, die Ent­schädigung der Angestellten für ihre Erfindungen, das Vorprüsungsverfahren und der Ersatz der Anmeldeabteilung durch Einzelprüfer, Gebühren und Schutzdauer des Patents, Ausübungszwang und Gerichtsbarkeit. Zu der Versammlung sollen auch Vertreter der Regierung, sowie der Parteien des Reichstags eingeladen werden.

* Der Kaiser ist am Freitag aus Hnbertus- flock im Neuen Palais zu Potsdam wieder ein­getroffen.

* Zwei polnische Abgeordnete sollen mandats­müde sein. Nach polnischen Blättern legt Reichstagsabgeordneter Graf Mielzynski aus Gesundheitsrücksichten sein Mandat nieder; des­gleichen v. Chrzanowski, dieser wahrschein­lich auch die Advokatur. Beide Herren soller. zu Vorstandsmitgliedern der Bank Przemyslowcow gewählt sein. Graf Mielznynski vertrat den Wahlkreis Samter-Birnbaum, der andere man­datsmüde Abgeordnete den Wahlkreis Posen- Stadt. Die beiden Wahlkreise gelten als bomben­sichere polnische Kreise.

Auf die nationalliberale Agitations- broschüre „Konservative unter sich" gibt die ,Kreuzztg/ folgende Antwort:

Weshalb verschwenden die Nationalliberalen so viel Zeit und Papier, um die angeblichen Abbröcke­lungen im konservativen Lager zu ichildern? Geschieht dies lediglich auS Schadenfreude? Ach nein! Die Nationalliberalen wollen die Blicke nicht allein ihres Anhanges, sondern auch gewisser anderer Stellen von dem Zustande der eigenen Partei ablenken. Wir meinen, die braven Broschürenschreiber sollten ihre Zeit und ihr Geld lieber dafür verwenden, i in eigenen Hause Ordnung zu schaffen. Sollen wir ihnen etwa zuhilfe kommen und eine ausführliche Schilderung der „Nationalliberalen unter sich" zusammenstellen? Unser Material für eine solche Arbeit ist jedenfalls er­heblich reichhaltiger, als das des nationalliberalen Parteibureaus für die erwähnte Broschüre gewesen ist. Dasselbe kann auch der Freisinn sich gesagt fein lassen. Er hat ebensowenig wie alle anderen libe­ralen Gruppen Ursache, die Meinungsverschiedenheiten im konservative» Lager, die bereits im Schwinden sind, mit reiner Schadenfreude zu beurteilen, denn im eigenen Lager der Linksliberalen, die trotz aller Einigkeits­schwärmerei nicht zusammenkommen können, und deren Wähler, wie die der Nationalliberalen, kolonnen­weise zur Sozialdemokratie hinüber „chan- § ter en", sieht es gar traurig aus. Deshalb ist es zum achen, wenn die »Freis. Ztg/ zu der einmütigen Ver­trauenskundgebung der konservativen ostpreußischen Delegiertenversammlung an die Reichslagsfraktion schreibt: „Durch solche Ergebenheitsresolutionen wird man den Rebellen kaum imponieren." Das Impo­nieren" soll man wohl vom Liberalismus lernen9 Da würde man sich aber bald genug das Lehrgeld aus­zahlen lassen müssen.

* Steuerhinterzieher und ihre Gehilfen. ProfessorHanS Delbrück hatte bekanntlich vor kurzem von „Treuhandgesellschaften und Rechts- dureauS" erzählt, die einem schwerreichen Manne, der ein Einkommen von Hunderttausenden, ja von Millionen habe, hätten nachweisen wollen, daß das Einkommen, das er zu versteuern habe' nur 20000 Mk. betrage. Die sozialdemokratische »Leipziger Volkszeitung^ glaubt die Ausführungen Delbrücks ergänzen zu können. Sie teilt mit, daß der von Delbrück erwähnte sehr hohe Herr der schlesische Magnat Graf Henkel o. Donn ers- marck sei, dessen Buchführung von dem Leip­ziger Professor Howard überwacht werde. — Nun wird eS aber Zeit, daß Herr Delbrück Namen nennt.

□ Z« der Angelegenheit des Leipziger Tendenz- Professors, die gegenwärtig in der Presse nach den Mitteilungen auf dem Hochschullehrertage so großen Staub aufwirbelt, veröffentlicht ein Dresdener Blatt einen Artikel, wonach der Vorschlag zur Besetzung eines Lehrstuhles an der Leipziger Universität weder von dem Zentmlverbande der Industriellen, noch von dessen scharfmacherisch gesinntem Sekretär Bueck aus­ging. Es soll sich um eine „Vereinigung" handeln,

die aus Mitgliedern des Handels, der Industrie, der Banken, der Technik und der Landwirtschaft, Hoch­schulprofessoren, Mitgliedern des Reichstages, des preu­ßischen Herrenhauses und des preußischen Abgeord­netenhauses verschiedener Parteien „zum Zwecke der Unterstützung von Forschungen aus dem Gebiete der gesamten Wuffchastsgeschichte" bestehe. Die Sache wird so dargestellt, als ob man keineswegs irgendeine wirtschaftliche Richtung habe unterstützen wollen. Es mag sein, wies will, daß man den Mut hatte, dem säch­sischen Kultusminister 30 000 Mack anzubieten, wenn er dem vorgeschlagenen Professor (es soll sich um den bekannten Rostocker Professor Ehrenberg handeln) den Lehrstuhl an der Leipziger Universität verschaffe, ist auffallend genug. Freilich noch weit schlimmer ist es, daß ein Kultusminister auch tatsächlich auf ein solches Anerbieten eingeht. Damit endlich volle Klarheit in die Angelegenheit kommt, muß verlangt werden, daß der sächsische Kultusminister eine mühentische Darstel­lung gebe.

+ Bon weitgehender Bedeutung für die Bekämpfung der Schundliteratur wie auch zur Bekämpfung der Kindermtßhandlungen könnte die Verwirklichung eines von der rheinisch-west­fälischen Gefängnisgesellschast in ihrer letzten Jahresversammlung gefaßten Beschlusses werden. DieVersammlung erklärte es für wünschenswert, den Gesellschaften zur Bekämpfung der Unsitt­lichkeit, Volksbildungsvereinen usw. bei Reform der Slrasprozeßordnung das Recht der selb­ständigen Klage einzuräumen. Dadurch hofft man namentlich die Schundliteratur energischer als bisher bekämpfen zu können, auch eine kräf- tige Handhabe zu gewinnen, um gegen das lieber» Handnehmen der Kindermißhandlungen erfolgreich einzuschreiten.

+ „Ein polnischer Nationalrat für das deutsche Reich" soll ins Leben gerufen werden, um Zwistig­keiten, wie sie gegenwärtig im politischen Lager herr­schen, unmöglich zu machen. In dem „Nationalrate" soll eine von allen Parteirichtungen anerkannte Organi­sation geschaffen werden, der in strittigen Frageri die Entscheidung zustehen soll, die dann unbedingt bindend für alle Polen sein müßte. Dem „Nationalrate" sollen angeboren die polnischen Abge­ordneten des Reichstages wie des Landtages, die Mit­glieder des Provinzialwahlkomitees, die Vertreter aller mindestens dreimal wöchentlich seit zwei Jahren erscheinenden polnischen Blatter, die Vorsitzenden der großen politischen und sozialen Vereine, endlich alle', vom Nationalrate selbst berufenen, um das Polenturn verdienten Personen. Der Vorschlag geht von dem Reichstagsabgeordneten Breski aus und findet in pol­nischen Kreisen geteilte Aufnahme.

** Das amtliche Ergebnis der Reichstagswahl in Ko bürg ift im Freitag festgestellt worden. Von 15 861 Wahlberechtigten wurden 12 739 Stimmen ab­gegeben Davon waren 67 Stimmen ungültig und 12 672 gültig. Es erhielten Arnold (Fr. Vpi) 3043, Ouarck (ntl.) 3445, Zietsch (Soz.) 6183 Stimmen. Dem Sozialdemokraten fehlten also nur 155 Stimmen an der absoluten Mehrheit.

O 150 neue Zollämter sollen an der hol­ländischen Grenze errichtet werden. Infolge der neuen Steuern hat nämlich der Schmuggel an der holländischen Grenze, besonders in Tabak und Kaffee, derart überhand genommen, daß die Zahl der Zollbeamten schon seit einiger Zeit erheblich verstärkt worden ist. Diese Verstärkungen haben aber ebensowenig wie besondere neue In­struktionen eine Zunahme des Schmuggels verhindern können, sodaß sich die preußische Re­gierung jetzt veranlaßt sieht, 150 neue Zollämter an der holländischen Grenze zu errichten.

[] Die bayerische Abgeordnetenkammer beschloß ein- timmig trotz des Widerspruchs des Ministerpräsi­denten die Kündigung des Auslieferungs­vertrages mit Rußland.

<p Darmstadt, 14. Okt. 1909. Der Wahl- Prüfungsausschuß der zweiten Kammer hat be< änntlich die Wahl des Zentrumsabgeordneten Dr. Frenay im Wahlkreis Mombach-Jngelheim ur ungiltig, die des Bauernbündlers Sens- elder im Wahlkreis Groß-Gerau für giftig er- lärt. Bei der im November 1908 stattgef.nde- neu Wahl siegte das Zentrum in der nunmehr in die Stadt Mainz eingemeindeten Gemeinde Mombach mit 414 gegen 412 Stimmen über die sozialistischen Wahlmänner, die infolge eines Abkommens mit den Freisinnigen sich bereit er- lärt hatten, im Falle ihrer Wahl für den frei- innigen Kandidaten Dr. Wolf in Gonsenheim u stimmen. Ein sozialistischer Wahlmann wurde >ei Stimmengleichheit durch das Los in dieser Gemeinde gewählt, während das Zentrum 11 erhielt. Bei der Abgeordnetenwahl siegte dann Dr. Frenay mit 34 gegen 19 Stimmen über den reisinnigen Kandidaten. Die Sozialdemokraten egten gegen die Wahl Protest ein, der zu um« angreichen Erhebungen Veranlassung gab und zu dem Resultat führte, daß in Mombach einige Nichtheffen gewählt haben; da die Mehrheit eine geringfügige war, die durch jene ungiftigen Stimmen beeinflußt worden sein kann, so kam der Wahlprüfungsausschuß zum Entschluß, die Ingiftigkeit der Mombacher Wahl und angesichts der gesamten Stimmenverhältnisse auch der Wahl Dr. Frenay'S beim Plenum zu beantragen. Die Kammer wird zweifellos diesem Beschlüsse bei« treten. Das Zentrum wird im Falle der Un« giltigkeitserklärung der Mombacher Wahl alles ausbieten, um Mombach und damit das Inge!« Kirnet Mandat zu behaupten, das es nunmehr chon seit 14 Jahren gegenüber dem Freisinn stets siegreich behauptet hat.

d" München, 15. Okt. 1909. Der katholische Pfarrer und liberale Landtagsabg. Grandinger ist als „Gast" auf der Jahrestagung des libe­ralen Kreisverbandes für Oberfranken erschienen, der am 11. Oktober in Kulmbach abgehalten wurde, und hat dort in einer Rede behauptet, „daß Religiosität und Liberalismus ein­ander nicht feindlich sind". Die Liberalen dürf­ten jetzt keinen Rückschritt machen; Oberfranken müsse wieder voranschreiten in der einigenden Tat. In einer zweiten Rede pries Pfarrer Grandinger die Einmütigkeit der Versammlung aus vollem Herzen und betonte, daß das Nürn­berger Programm völlig ausreiche, alle Liberalen in der Tat zu einigen. Grandinger übertrat damit das an ihn ergangene erzbischöfliche Ver­bot. Et will offenbar ein neues Faktum schaffen durch ein Einschreiten der kirchlichen Oberbehörde gegen ihn. Was et getan, ist nach allem, was vorausgegangen, eine starke Herausforderung bet oberhirtlichen Stelle.

Ausland.

— Der Ferrer-Taumel.

Die deutsche liberale und SensationS- presse bringt spaltenlange Attikel über die Hinrich­tung des spanischen Anarchisten und unterläßt dabet natürlich nicht die gehässigsten und ungerechtfertigsten Angriffe gegen Spanien. (Auch das Fuldaer K r e i s b l a 11 macht den Ferrer-Rummel munter mit Es berichtet über den Fall in seinen letzten drei Num­mern ganz nach Att der liberalen Blätter. In feiner Freitagsausgabe spricht es von den „Dummheiten" der spanischen Regierung. D. Red.) Die S traß en­de m o n st r a t i o n e n für Ferrer machen auch weiter» hin in Frcmkre'ch und Italien den öffentlichen Verkehr unsicher. In Rom wurde ein Proteststreik zum Zeichen der Trauer für Ferrer proklamiert, infolgedessen Frei­tag früh nur wenige Zeitungen erschienen. Die spa­nischen Anarchisten glauben offenbar, daß die Zeit für Bombenattentate wieder günstig sei. Nicht weniger als drei Bombenattentate haben seit Ferrers Hin- lichtung in Madrid stattgesunden. Bereits Mitt­woch abend ist eine Bombe explodiert, durch die jedoch Personen nicht verletzt wurden. Eine zweite Bomb« wurde Donnerstag nachmittag aufgeftinden und in den gepanzerten städtischen Laboratoriumswagen gebracht. Kaum war sie darin untergebracht, als sie explodierte. Die dritte Bombe wurde an einem anderen Punkte auf­gefunden. Auch diese wurde in den städtischen Labo- retoriumswagen geschafft und explodierte dort, ohne Schaden anzurichten. Es ist wahrscheinlich, daß noch mehrere Bombenattentats erfolgen werden. Maa ist allgemein der Ansicht, daß diese neuen Gewalttätigkei« ten neue Todesurteile vor dem Kriegsgericht zur Folge haben werden. Das Kriegsgericht wird die Gelvalt- tüter zur Verantwortung laden Aus Neapel trifft die Meldung ein, daß während des Gottesdienstes in ber Kirche von Mantesanto ein Anarchist eine Bombe unter die Menge schleuderte. Zum Glück verletzte die explodierende Bombe niemand. Es wurden zahlreiche Fenster der Kirche zerttiimmert. Es brach dagegen unter den Kirchenbesuchern eine große Panik aus, wo- bei zahlreiche Personen verwundet wurden. Der Atten­täter Vanguardia wurde verhaftet; er erklärte, die Tat als eine Protestkundgebung gegen die Hinrichtung Fei­rers ausgeführt zu haben.

Angesichts dieser systematischen Hetze der revolutio­när gesinnten Kreise aller Länder gegen den Staat und die Kirche ist es nur zu begrüßen, daß auch endlich die staatserhaltende und kirchlich gesinnte Presse Euro­pas gegen diese Propaganda der Anarchie ganz ent­schieden protestiert. Außer ber deutschen Zentra ms- und konservativen Presse ist es vor allem die e n g l i s ch e konservative Presse, die die Tätigkeit Feirers einer schaffen Kritik unterzieht und der spani­schen Regiemng vollständig recht gibt. Ohne Zweifel Unrb dir ganze Angelegenheit auch in der spanischen Kammer, die am Freitag zusammentrat, eine schaffe Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Parteien dcrbeiführen.

Eine aufsehenerregende neue Meldung bringt die »Voss. Zig/, die bekanntlich mit größter Entschiedenheit die Unschuld FerrerS behauptet und seine Verurteilung einen Justizmord nennt. Sie berichtet aus Paris:

„Angesichts der umlaufenden Gerüchte» daß tn Barcelona auch Franzosen standrechtlich erschossen wor­den seien» forderte der Minister des Aeußern Pichon den ftanzöfischen Botschafter in Madrid drahtlich auf» ihm über die Sache schleunigst Bericht zu erstatten. Nach 36 Stunden hatte er noch keine Antwort. Man hegt hier den Verdacht, daß die D«peschenzensur auch die diplomatischen Drah tun gen auf« hält und beabsichtigt von dem hiesigen Botschafter über diesen Punkt amtlich Aufschluß zu ver­langen."

Die »Voff. Ztg/ ist stets sehr zuverlässig über die Angelegenheiten des Auslandes informiert, man kann ihr meistens trauen. In diesem Falle möchten wir aber noch zunächst noch zweifeln, bis zuverläs- sigere auch anberfeitige Meldungen vorliegen. Die Sache klingt allzu unwahffcheinlich. (Siehe auch Letzte Nachrichten.)

* Bon ber englischen Marine. Der Prinz von Wales hat am Freitag den neuen Kriegs Hafen von Do­ver eröffnet. Der Hafen ist bei jedem Wassrfftande in der Sage, Dreadnoughts aufzunehmen. Der Bau hat mehr als zehn Jahr: in Anspmch genommen; die Ko­sten betragen 3^2 Millionen Pfund.

♦ Griechische Finanzreform. Der Finanzminister hat der griechischen Kammer ein Exposö vorgelegt, in dem von den geplanten Ersparnissen, die, wie bereits gemeldet, zehn Millionen Drachmen betragen sollen, die Rede ist. Bei jedem einzelnen Ministerium sind Ab­striche vorgesehen. Unter ben wirtschaftlichen Refor­men ist besonders bemeckenswert, daß ausländische Fachleute mit einer Neuorganisation des Zollwesens betraut werden sollen. Verschiedene