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Fulda, Samstaq den 16. Oktober 1-^09,
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und Seiertage. öterttb «ährlicher vezugrprei, gb«e Vringerioh» und vesiellgeld in
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Führung der Ansiedlungen wird von den Kreis' verbänden übernommen.
△ Auch zur Entlastung des Reichsgerichts wird die möglichst baldige Erledigung der neuen Zivilprozeßreform von den Richterkrelsen verlangt. In dieser Reform wird nämlich auch die Reichsgerichlsfrage entschieden. Da an einer Ueberlastung des Reichsgerichts nirgends mehr gezweifelt wird, fo erwartet man ganz bestimmt, daß i-ie Zioilprozeßreform noch in diefem Winter rur Verabschiedung gelangt.
♦ Pirmasens, 15. Ott. 109. Auf einer hier ab gehaltenen ZentrumSversammkung kam es, wie auch in anderen Städten, zu tu mul tu arischen Kundgebungen der Sozialdemokraten die durch Brüllen, Pfeifen, Bellen, drc Versammlung schließlich sprengten Die liberale Preffe stellt nun in einem längeren Artikel, der die Runde auch durch große liberale Zeitungen macht, in eckt liberaler Unehrlichkeit die Angelegenheit so dar, als hotten Zentrumsanhänger gegen die Ausführungen des Redners, des Reichstagsabgeordneten Göhring, protestiert Für die liberale Preffe ist die Versammlung ein Beweis dafür, „welche Erbitterung argen das Zentrum wegen der Finanzreform herrsche". In Wirklichkeit ist der Vorgang in Pirmasens nur ein Beispiel dafür, daß rote Radaubrüder die Aufllärung Verbindern wollten und sich ,das Gastrecht mißbrauchend, wie wilde Tiere gebärdeten. Ein Wort des Tadels für das rüpelhafte Verhalten, so wird der Augsb. Postztg." geschrieben, findet man in dem libe- wlen Bericht nicht: in bewußter Unehrlichkeit und bodenloser Dummheit stellt man den Vorfall vielmehr so dar, als ob Zentrumsanhänger die Spektakelmacher gewesen wären. Bemerkt sei noch, daß die Jungliberalen von Pirmasens dem Abg. Göhring in einer Resolutton die „Befähigung" zum Abgeordneten „abgesprochen" haben, wohl deshalb, weil er die Unfähigkeit des Liberalismus, die Reform zustande zu bringen, in der Versammlung betont hat. Die „Resolution" hat im Zentrumslager schallende Heiterkeit ausgelöst; sie zeugt, so schreibt das Augsburger Blatt, mit bajuwarischer Deutlichkeit von einem Größenwahn der liberalen Jugend, für den eine Kaltwasserkur das einzige Heilmittel wäre.
* Kolmar, 13. Okt. 1909. In dem Beleidigungsprozeß des Profestors Gneisse-Kolmar gegen den Abgeordneten Wetterlb» der seinerzeit einem Schüler des hiesigen Lyzeums Karikaturen von Gneisie gegeben hatte, wurde heute das Urteil gefällt. Weiterlö wurde mit einer Gesamtstrafe von zwei Monaten Gefängnis und Tragung der Kosten verurteilt.
„Mr. John Rodmend, der Führer der irischen Abgeordneten hat an die united irisch League in Amerika ein Kabeltellegramm gerichtet, in dem es heißt, daß das Haus der Lords jetzt g rabe im Begriffe sei, das irische Landgesetz zu zerstören, von dem man gehofft habe, daß es den allen Krieg, um den Boden in Jr- land, beenden, daß es die Zurückerstattung alles Bodens an das irische Volk vollenden werde. Für die nächsten Wochen sei die allgemeine Wahl sicher. In dieser Wahl würde es sich um das Vetorecht des Ober-
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schreiben Nach Parvus und der sozialdemokratischen Preffe Erleuchtung sollen diese Parteien die „Mitarbeit der Sozialdemokratie an der Gesetzgebung nicht dulden" wollen „Genofle" Parvus stellt hier die Dinge einfach auf den Kopf. Niemals wird eine Partei, die Vertretung einer zahlreichen Arbeiterschaft, als die nun einmal die Sozialdemokratie angesehen werden muß, von der parlamentarischen Mitarbeit ausschalten wollen. Wohl wird sie es sich tausendmal überlegen bezw. wird es ihr unmöglich sein, eine Politik mitzumachen, die nicht sachlichen Gesichtspunften entspringt, sondern den Rücksichten auf die nackten Parteiinter- effen, eine Sozialpolitik zu unterstützen, die nicht von dem Bestreben dikttert wird, wirklich etwas Positives zustande zu bringen, sondern von der Sucht, möglichst solche übertriebenen Anträge zu stellen, die eine ernsthafte Partei einfach nicht stellen kann. Wie unsinnig, skrupellos und leichfferttg die Sozialdemokratie bei einer solchen Antrags-Sozialpolitik, wie wir sie nennen möchten, zu Werke geht, hat sie ja noch kürzlich bet der Beratung der Tabaksteuervorlage mit ihrem Tabakarbetterentschädigungsantrag zu ihrer eigenen größten Blamage bewiesen.
Eine solche Uebertrumpfungspolitik, wie sie die Sozialdemokratie jahrzehntelang in den Parlamenten bei der Beratung sozialpolitischer Gesetzesvorlagen getrieben hat, zu unterstützen, verbietet jeder ernsthaften Partei schon die Rücksicht auf ihr politisches Renommee. Wenn jedoch die sozialdemokratische Preffe glaubt, für ihre polittsche Ohnmacht andere Parteien verantwortlich machen zu dürfen, die sie nicht zur par- lamentarischen Mitarbeit zuließen, so lügt sie einfach ihre „Genossen" an. Wohl mag ein solcher dicker Schwindel zur Verdeckung der selbstverschuldeten Un= fruchtbarkeit der Sozialdemokratie auf dem Gebiete der Sozialpolittk recht bequem erscheinen, der Wahrheit schlägt er jedoch direkt ins Gesicht. Allerdings ent- fpricht eine solche Praxis den Worten des „Genossen" Quark auf dem Mainzer Parteitag 1900 (Protokoll S. 224), der hier erzählte: „Ich habe dieser Tage mit einem ausländischen Sozialdemokraten gesprochen, der sagte: Wir Sozialdemokraten sind eine ausgesprochen prinzipientreue Partei; aber mir m o - geIn, wo wir mogeln Tonnenl"
Deutscher Reich,
+ Tie Einbringung des Fischereigesetzes. Das Landesökonomiekollegium hatte bekanntlich an die Staatsregierung das Ersuchen gerichtet, das Fischereigesetz gleichzeitig mit dem Wasser- gesetz dem Landtage vorzulegen. Wie die,Post' hört, hat sich jedoch bei der Regelung der gesetzgeberischen Materie beider Gesetze herausgestellt, daß eine gleichzeitige Einbringung der Entwürfe nicht tunlich ist. Man wird daher das Fischereigesetz erst nach Erledigung des Wassergesetzes zur Beratung im Parlament vorlegen. Da das Waflergesetz frühestens in der letzten Zeit der Landtagstagung eingebracht werden wird, so geht hieraus hervor, daß das Fischerei- gefetz in der nächsten Session das preußische Parlament noch nicht wird beschäftigen können. An und für sich steht einer Fertigstellung des Fischereigesetzentwurfes, in dem auch das Privatrecht der Fischereiberechtigungen geregelt wird, zur nächsten Tagung nichts entgegen.
)( Die kleinen Rentengüter, die man probeweise in Ostpreußen zwecks Ansiedelung von
Ausland.
** Die Iren
verfolgen die augenblickliche Krise in England mit dem größten Interesse. Auf die zu er- wartenden Neuwahlen setzen sie nicht geringe Hoffnungen, da sie mit einer Niederlage des Oberhauses.rechnen und damit bessere Aussichten der Home R u l e (Irischen Selbst- Verwaltung). Die ,Krsuzzeitung' berichtet nun über die irische Agitation folgendes:
* Bekenntniffe einer „roten" Seele
Unter der Ueberschrist „Taktik und St^em" gibt
Parvus Raum, der wegen ferner O s f Y »«f Gdtett bÄS'fft parlamentarische Beurteilung vonGesesoorlaen sowie die Stellungnahrne zu dm- ungm maßgebend sind .„Daher", s° schreibt er sind alle Parteitage mit Kämpfen um dre Takttk gefüllt, während die speziellen, oft hochwrchtrgenGe- ketzesvorschläge kaum mehr Beachtung finden, vls daß ein Nachmittag für ein Referat und eine Resolution eingeräumt wird." Ist dieses Geständnis einmal fchon werwoll im Hinblick auf die sonst m der sozialdemokratischen Preffe fo viel gepriesene „gediegene" und „gehaltvolle" Behandlung, die hier die Sozialpolitik erführt — höchstens einen Nachmittag hat man für ein hochwichtiges Gesetz übrig, die übrige Zeit verschlingen die bekannten „Auseinandersetzungen" über die Taktik — so gewinnt es erst seine volle Bedeutung angesichts des Verhaltens der Sozialdemokratie gegenüber der Reichsfinanzreform.
- Auch hier waren und sind vornehmlich auch heute für die Stellungnahme der Partei nicht etwa sachliche Gesichtspuntte besttmmend, fonbem taktische, politische. Das betont auch ausdrücklich „Genosse" Parvus, indem er nach einer Schilderung der Situation, wie sie sich im Lause der Zeit in der Frage der Finanzreform gestaltet hatte, schreibt, . . . „daher konnte für die Sozialdemokratie eine sachliche B eurteilung nicht mehr maßgebend fein und mutzte die tattifche, die politische Beurteilung in den Vordergrund treten"; und weiter: „Politische Fragen sind Fragen des Klassenkampfes und dürfen nur von diesem Standpunkt aus behandelt werden." Dieselbe Sozialdemokratie, die die ganze Frage der Finanzreform ausschließlich unter dem rein persönlichen Gesichtspuntte betrachtet und behandelt hat: wie beute i-h sie wohl am besten für die sozialdemokratischen Parteizwecke aus, diese Sozialdemokratie geht jetzt hin und tut so, als habe sie bei ihrem Sturmlauf gegen die neuen Steuern lediglich aus Rücksichten auf das Volkswohl, also aus sachlichen Gründen gehandelt. Höher hinaus gehen Pharisäertum und Heuchelei bei den „Gen offen" nimmer! Und dieselbe Sozialdemokratie, deren „Dort- Nnunber Arbeiterztg." (Nr 226) eben noch erklärt, daß die parlamentarischen Kunbgebungen in der Frage der diretten Besteuerung bis heute lediglich agitatorischer Natur gewesen seien, gibt sich in einem fort den Anschein, als habe sie feit langem in ihrem Steuerprogramm die Wünschelrute besessen, die man bloß anzuwenden brauche, um das denkbar beste und sozial gerechteste Finanzsystem hervorzu- zaubern.
Mit seinen Offenherzigkeiten geht „Genoffe" Par- ous nun noch weiter. Denjenigen, die von der Sozialdemokratie bedangen, sie solle sich durch positive Mitarbeit an der Gesetzgebung beteiligen, erwidert er:
„Unsere Kraft liegt nicht in der Starke unserer Fraktion, sondern in unfean Prinzip, in unserer grundsätzlichen Stellung" . . . „in der posiitiven gesetzgeberischen Arbeit ist unser birefter Einfluß gleich Null" . . . „in ber sogenannten positiven Arbeit sind wir machtlos".
Obwohl „Genoffe" Parvus erklärt, bie ganze sozialdemokratische Starke läge in ihrer grundsätzlichen Stellung, bas heißt auf bas parlamentarische Gebiet übertragen, in ber hier von ben Genossen geübten Kraft- und Uebertrumpfungspolitik, so wagt er für bie sozialdemokratische Unfruchtbarkeit in der Sozialpolitik bie Schuld noch ben andern Parteien zuzu-
Arbeitern gebildet hat, sollen gute Erfolge gezeitigt haben. Man will daher auch in den Provinzen Westpreußen und Pofen solche Renten- güter schaffen. Zur Unterstützung derartiger An- ,
siedlungen sind bekanntlich im preußischen Etat I Hauses handeln, und mit diesem Vetorecht würde auch namhafte Summen ausgeworsen. Die Durch. | das letzte Hindernis für Home Rule verschwinden. Am
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Schluffe ber Botschaft werden die in Amerika lebenben Irländer aufgefordert, ihre Landsleute in der Heimat zu unterstützen. Die Regierung kann daher erwarten, daß die Iren alle Kräfte einsetzen werden, um ihr wieder zum Siege zu verhelfen. Die liberale Regierung macht sich das auch schon jetzt zu nutze, und zwei Minister haben sich bereits beeilt, ben Iren Versprechungen nach bieser Richtung hin zu geben. Der eine war der Handelsminister, Winston Churchill, der am Freitag im National Liberal Klub eine Rebe hielt, in ber er unverhüllte Drohungen an bas Haus der Lorbs richtete. Dann erklärte er, die Regierung werb« zu einer Verständigung mit Irland kommen, wie sie zu einer solchen mit Südafrika gekommen sei. ^n biefelb« Serbe schlug der Staatssekretär für Irland, der erklärte, baß bie Zeit kommen müßte, in ber irisch« Fragen in Irland erledig! würden. Die oben erwähnte Botschaft an die in Amerika lebenden Iren hat unter diesen die größte Erregung hervorgerufen. Sre hat die Bewegung unter den Jrisch-Amerikanein, Irland von England zu trennen, einen neuen Anstoß gegeben, wie nichts in den letzten Jahren, Mr. Robert O Flaherty, der Leiter der nationallistischen Propaganda und einer der einflußreichsten Irländer in Amerika erklärte, und daß alle Kräfte daran gesetzt würden, um das Haus der Lords zum Wohl Irlands zu stürzen. Wenn dem Oberhause das Vetorecht genommen wurde, so halt« Irland in einigen Jahren Home Rule. Dre Lords seien immer das einzige Hindernis gewesen, das sich ihren Hoffnungen entgegengestellt habe. Wenn diese ans dem Wege geräumt seien, könne die >rren nichts mehr aufhalten. An Geldmitteln für ben Kampf soll« es nicht fehlen."
Das ist allerdings sicher, daß auch für daS so lange hart unterdrückte Jrenvolk .die Freiheit nun bald anbrechen wird. Falsch wäre es allerdings, wenn die Iren mit ihren Forderungen über das Maß hinausgehen würden. Eine völlige Lostrennung Irlands von England, wie sie von manchen Iren betrieben wird, liegt nicht einmal im Interesse Irlands selber, und eine dahingehende Agitation würde natürlich den englrschen Widerstand bedeutend stärken. ,
* Neue Ausgaben für militärische Zwecke m Rutz- land. Wie der „Rjatsch" erfährt, wurde während der Anwesenheit des Zaren in Sewastopol beschlossen, aus Militärkrediten im Betrage von 600 Millionen Rubel für die Anlage v on Festungen, Wersten und den Bau von vier weiteren Dreadnoughts von der Reichsduma zu Verlagen.
** Der schweizerische Staatshaushaltsetat für 1910 bilanziert mit 154 Millionen Franken Einnahmen gegen 156i/> Millionen Ausgaben, also nut einem F ehlbetrag von 3^ Millionen Franken. Zu diesem Fehlbetraoe kommen noch die Mehrkosten für die Aufbesserung der Bundesbanten im Betrage von 3 Millionen hinzu.
K Sozialdemokratische Gewerkschafts- miiere.
Der sozialdemokratische „Deuffche Textilarbeiters Verband" hat die Reichsfinanzreform zum Anlaß und Ausgangspuntt einer wüsten Hetze gegen die christliche Konkurrenzorganisation und deren Vorsitzenden, Reichstagsabg. Schiffer, genommen. Es stellt sich indessen immer klarer heraus, daß die Lettung des so- zialdemokratischen Verbandes diese feine Aktion in der Hauptsache aus dem Verlegenheitsgmnde unternommen hat, um schreiende Mißst and e im eigenen Lager zu verschleiern. Die sozialdemokratische Textilarbeiterorganisation leidet unter einem ungeheuren Mitgliederschwund. Trotzdem der Verband im Jahre 1908 genau 37 810 Mitglieder neu ausgenommen hat, ist seine Mitgliedsziffer fett Anfang hörigen Jahres von 129295 auf rund 78 oOO gesunken, der Gesamtverlust beziffert sich (in etwa li/> Jahren) mithin auf rund 88 500 Mitglieder. Aus allen Textilbezicken des Reiches werden an- dauernd noch zahlreiche weitere Austritte bisheriger Mitglieder des sozialdemokrattschen Verbandes gemeldet.
Sie weiße 8m von Mensloe,
31] Original-Roman von O. Elster.
Ich traf alle in tiefster Betrübnis. Ein schmerzens- voller Zug lagerte auf dem stillen Antlitz des Grafen, tränengerötet waren die Augen der Gräfin udn Arnal- gundeuS und dir Gräfin-Witwe ging mit einem ernsten, feierlichen, blaffen Gesicht umher, drückte mir die Hand und sprach leise zu mir: „Die Vergeltung naht, der falsche Stamm der Grafen Oldensloe ist dem Verdorren nahe — aber die Wurzel hat ein echtes Reis betrieben, welches weiter grünen und blühen soll."
Ich verstand damals noch nicht, was sie mit diesen Worten meinte.
Meinen armen Freund fand ich in einem trostlosen Zustande. Er konnte das Bett nicht verlassen und mit imattem Lächeln streckte er mir die Hand entgegen, die schon der eines Toten glich.
„Jetzt werden es bald zwei Jahre, daß ich den Bajonettstich erhielt", sagte er mit heiserer, klangloser Stimme. „Du hättest mich nur ruhig auf dem Felde ton Mars la Tour liegen lassen sollen, Freund, bann märe ich einen ehrlichen Solbatentob gestorben und chatte mich nicht noch zwei Jahre hinzuquälen brau- 'chen.'
Ich suchte ihm den Gedanken an den Tod auszu- ceben.
.Laß es gut fein, Freund", unterbrach er mich. »Fch danke Dir für Deine freundlichen Worte, aber V weiß, wie es mit mir steht. Brauchst auch keine soorge unb Trauer um mich zu tragen, ich sterbe gern, 2eben, wie ich es die letzten zwei Jahre geführt, ist de« Lebens nicht weck Und nun laß unS pon etwas anderem sprechen. Erzähle mir, was Du wo wir uns nicht sahen, getrieben hast. Du ®a^3MClo-®$amen .btfwnden, ich gratuliere . . ." r, * ^a8e. vergingen langsam und fchwer. Unser geben war tote mit einem Trauerflor umhüllt; wenn £ r Abends zur Ruhe nieberlegten, wußten toir nicht, ob wir am anderen Morgen unseren armen Mauken noch lebend wiedersahen. " ~
Ich bewohnte dieselben Zimmer wie früher und war ost bei meiner Großmutter, deren umnachteter Geist sich nicht mehr erhellen wollte, die sich aber glücklich in dem Gedanken suhlte, ihren Sohn wieder gefunden zu haben. Sie war ruhig und gefügig geworden, verließ ihr Zimmer kaum noch und irrte nicht mehr, wie früher, ruhelos umher.
Mir war jetzt auch der alte, verwilderte Pack geöffnet und an schönen warmen Tagen führte ich meine Großmutter in seinen schattigen Gängen auf und ab. Niemand störte uns; nur die lauernden Augen des alten Mackin folgten uns und beobachteten heimlich unsere Schritte.
Ich war daher sehr überrascht, als ich eines Tages— ich hatte meine Großmutter auf ihr Zimmer gebracht — dem Grafen in dem Packe begegnete.
„Sie sind erstaunt, mich hier zu sehen", sagte er lächelnd. „Aber ich suchte Sie . . ."
„Herr Graf wußten, daß ich hier war?"
„Ja, mein Freund, ich weiß schon lange, wem Sie die Stunden widmen, welche Sie nicht bei Lothar ober in unserer Gesellschaft zubringen. Zürnen Sie mir nicht, daß ich nicht schon längst über bie unglückliche Frau dock in dem alten Schlosse gesprochen habe."
„Sie toiffen auch, daß jene Frau meine Großmutter ist?"
„Ich weiß alles. Ich weiß, daß mein Vater diese Unglückliche aus England mitgebracht hat und daß Ihr Vater der Sohn dieses illegitimen Verhältnisses war . . ."
„Illegitim, Herr Graf?"
„Nun ja, aber glauben Sie nicht, daß ich deshalb einen Stein auf Sie werfen will, glauben Sie nicht, daß ich meinen Vater entschuldigen will, oder daß ich Ihren Vater, der ja eigenllich mein Halbbruder ist, ober Sie, meinen Neffen, deshalb geringer schätze. Ich nis getreten, aber er war ein schroffer Charakter und wäre gern mit Ihrem Vater in ein näheres Verhält- wieS alle meine Annäherungsversuche zurück. So sorgte ich denn im geheimen für ihn, so gut ich konnte, wie meine Mutter für jene unglückliche Frau sorate. Es
freute mich aber sehr, als ich Ihnen näher treten konnte und als Sie mit meinem Sohn Freundschaft schloffen. Das, mein lieber Neffe, wollte ich Ihnen schon lange sagen, ich wußte aber nicht, ob ich Sie nicht verletzen würde. Ich entschloß mich erst, als mir meine Mutter mitteilte, was zwischen ihr und Ihnen vorgefallen ist"
Während er sprach, hatte ich meine Fassung wie- bergetoonnen. Ich merkte, daß er ben wahren Zusammenhang nicht ivußte, daß er noch immer an die illegitime Geburt meines Vaters glaubte. Sollte ich ihm diesen Glauben tauben? Sollte ich als Ankläger feines Vaters auftreten? Sollte ich feinen Stolz auf feinen Name, auf seine Familie zerschmettern? Sollte ich ihm, feinen Sohn, seiner Tochter, den Namen rauben, den'sie so lange mit Stolz geführt hatten? Sollte ich gleichsam als Rachegeist vor der Gruft stehen, in welche man bald ben letzten des alten gräflichen Namens hinabsenken würde, rufend: „Hinweg von hier!" Nicht einmal ber Tote hat hier ein Recht zu ruhen!"
Ich schaubecke vor dem Gebanken zurück, wie vor einem Verbrechen. Ich verstand es auch, daß die Gräfin-Witwe ihrem Sohn nicht die volle Wahrheit gesagt hatte, ja, ich war ihr sogar dankbar dafür. Ich bantte auch dem Graen für seine Freundlichkeit und sprach mtine Freude darüber aus, daß ich jetzt nicht mehr mit einem Geheimnis belastet die Gastfreundschaft des Grafen in Anspruch zu nehmen brauchte.
„Was das an betrifft, mein lieber Gundokar", fuhr der 'Graf fort, „so betrachten Sie Schloß Oldensloe als Ihre Heimat. Ich werde ja bald keinen Sohu mehr haben, und dann sollen Sie mir den Sohn ersetzen."
„Herr Graf?!" rief ich überrascht, erstaunt aus, während mit das Blut heiß zum Herzen quoll. Eine felige Hoffnung wollte ernpockeimen ... ich der Sohn des Grafen? Was anderes konnte er meinen, als daß ich Arnalgundens Gatte werden sollte? Hatte er unsere Liebe erraten? Wollte er großmütig die Vergangenheit in diesem Bunde der Kinder versenken? War das die Meinung ber alten Gräfin, als sie von dem frischen echten ReiS bes alten Stammes sprach?
Mir pochte das Herz zum Zerspringen. Fast hatte ich mich betraten. , ,
„Lassen Sie es aut sein", fuhr der Graf fort „Fragen Sie mich nicht. ^Roch ist es nicht an ber Zett und noch — lebt mein Sohn."
Schweigend kehrten wir in das Schloß zuruck. AIS der Graf mir beim Abschied die Hand reichte, sagte er:. „Noch eins — meine Frau, Amalgnnde und Lothar toiffen nichts von unserem Geheimnis. Ich brauche Sie wohl nicht zü bitten, mit ihnen nicht darüber zu sprechen. Die Zeit wird ja kommen, wo auch sie eS erfahren werden — durch mich selbst fetten sie es erfahren."
Dann schieden wir und es war in der Folgezcrt nicht mehr die Rede von dieser Angelegenheit zwischen uns. Es war auch in der Tat die Zeit nicht dazu angetan, übet die Vergangenheit nachzugrübeln, wir hatten genug mit der Gegenwart zu tun. Der Zustand Lothars verschlimmerte sich von Tag zu Tag, bie (Sta* fm, feine Mutter, war außer sich vor Schmerz, auch sie mußte jetzt einsehen, daß es mit ihrem armen Sohne zu Ende ging.
Arn Jahrestage der Schlacht von Mars la Tour, too er die TodeSwunde empfangen hatte, verfchied Lothar in meinen Armen.
O wäre et doch damals im brausenden Lärm ber Reiterschlacht gestorben, das Sterben wäre ihm dann nicht so furchtbar schwer geworden. Es stirbt sich leicht auf dem Felde der Ehre, umbraust von dem Jubel des Siegers, umdonnert von dem Krachen der Geschütze — inmitten der Kameraden, deren Blut sich mit dem un- frigen mischt. Mitten aus dem frischen, vollen Leben werden wir hinweageriffen! Unser Herz, das in vollen Schlägen pocht,' stebt plötzlich still! Unsere Gedan- len voll Kühnheit, Mut und Ehre kleben nicht an dem Gemeinen dieser Erde. Sie sind nicht erfüttt von dem Schmerz des Scheidens, von der Bitterkeit des Ab- schiednehmens. , „ .
Wir sehen keine Träum, wir hören kerne Seufzer, ein Schlag, ein Stoß, eS ist vorüber und die Gedanken an Ruhm und Ehre begleiten uns durch die Finsternis des Todes in das strahlende Licht des Jenseits i
(Fortsetzung folgt.)