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Betetteiebnüimb Verlag der Fuldaer D- tiendruckerei tit Fulda Fernsprecher Rr.»

M 237,

Fulda, Freitag den 15. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

Iwertes ^Matt.

\ Der soziale Kamps in England.

Das englische Volk sieht vor einer schweren Zeit. Der schon seit Monaten währende Kampf um daS Budget ist weniger ein Kampf, in dem die beabsichtigte Finanzreform oder das Sein oder Nichtsein des Oberhauses in Frage steht; auch die der Regierung am feindlichsten gesinnten LordS im englischen Oberhause verkennen keineswegs die Notwendigkeit einer Finanzreform, während stch andererseits die liberale Partei im Unterhause durchaus nicht so schroff zu der Frage des Ober­hauses stellt, wie es hier und da geschildert wird. Die Heftigkeit des gegenwärtigen politischen Kampfes zwischen den einzelnen Parteien läßt sich nur dadurch erklären, daß es dabei sich um die Richtlinien der ganzen zukünftigen englischen Politik handelt. Man kann es sehr gut begreifen, daß die konservativ gerichteten Kreise gegen eine Regierung mobil machen, die vollständig im sozialistischen Fahrwaffer fährt. DaS liberale Kabinett sucht sich eben zu retten, indem eS sich vor allem an dieArbeitermasse wendet.

So erklärte der englische Schatzkanzler Lord George in seiner Rede am vergangenen Sams­tag, zwei Klassen seien es, die gegen das Budget eingenommen seien, die einen, die eine vollstän­dige Aenderung in dem fiskalischen System des Landes verlangten und die Nahrungsmittel be­steuern wollten, die andere, die mächtigere Klaffe, aber feien die Großgrundbesitzer. Was haben sie dagegen einzuwenden? Würde doch die Steuer in diesem Jahre nur 13 Millionen be­tragen haben. Woher denn also all' der Aerger? Daher, daß diese Steuern wachsen würden. Der Reichtum würde bester verteilt werden und die Arbeiter würden bessere Heimstätten verlangen; sie verlangen keine Paläste, seien aber der Löcher überdrüssig. Wenn sich diese fruchtbringenden Ideen erfüllten, würde mehr Land erforderlich sein und mehr Steuern würden bezahlt werden, 20 % mehr. Aber der Haupteinwand der Land­herren fei der, daß das Budget Einschätzungs- Vorschläge enthalte. Die staatliche Einschätzung würde zum ersten Male eine unparteiische Fest- stellung des Wertes des Landes zur Folge haben, und drcse könne man den Landherren entgegen­halten, wenn sie exorbitante Pachten und Preise verlangen; dagegen bezahlten die Landherren nicht einen Pfennig zu den schweren wachsenden Steuern ihres Distriktes.

Selbstverständlich ließ die konservative Preste diese Angriffe auf die Lords nicht unerwidert. Die ,Datly Mait" nennt Lloyd George den ^falschen Propheten" und sagt, daß seine Reden mit Trauer und Entrüstung von allen rechtlich denkenden Menschen würden gelesen wer- den. Der Schatzkanzler des britischen Reiches habe gewagt, britischen Wählern gegenüber den Ton des „Demagogen an der Straßenecke an- zuschlagen, als ob britische Wähler eine Bande miserabeler Strolche wären, die nur auf die Ge­legenheit lauern, ein Hemd von der nächsten Bleiche zu stehlen. Das war eine Entehrung seiner selbst und eine Beleidigung seiner Zuhörer." In demselben scharfen Tone wird dem Schatz- kanzler auch von der übrigen konservativen Preste erwidert. Die konservativen Kreise sind sich wohl bewußt, daß die liberale Regierung bei einer solchen Agitationsweise vor allem die große Ar-

Kleines Feuilleton.

— Die Großstadt, das Grab der Volksgesundheit. Wie zerrüttend das Großstadileben auf die allgemeine Gesundheit einwirkt, davon geben die schulärztlichen Berichte aus Schöneberg für das Jahr 1907=08 be­deutsame Kunde. Bei der Aufnahmeuntersuchung der Schulkinder waren von 1790 Kindern 83 geistig min­derwertig, 202 körperlich zurückgeblieben, 416 rhachl- itsch, 541 skcophulös, 3 tuberkulös; bei 145 konnte ein herabgesetztes Sehvermögen, bei 127 geschwächtes Ge­ihörvermögen, Lei 92 Sprachstörungen, bei 160 Lun- stzenerkrankungen, bei 36 Lungentuberklstose, bei 80 Werzerkrankungen, bei 79 Unterleibsbrüche, bei 137 Derkrümmungen der Wirbelsäule festgestellt werden. .Won diesen wurden 566 der ärztlichen Kontrolle be­dürftig befunden. Dazu kommen in den übrigen Klaff jsen 1961 Kinder, sodaß die Schulärzte, abgesehen von Pen regelmäßigen Klassenrevisionen, stch im Berichts- Zähre im ganzen mit 2527 Kindern berufsmäßig zu (oeschäftigen hatten. Besondere Fürsorge nehmen die die geistig Minderbegabten in Anspnch, deren Unter- prtcht in Hilfsklaffen stch bewährt hat. Wenn auch amr ein geringer Bruchteil wieder der normalen Schule Mgefuhrt werden konnte, so erreichte doch die Mehr­zahl die Reife für eine Höhere Hilfsklaffe. Ein volle? ^Sechstel der Kinder, bei denen auch die gänzlich man­gelhafte häusliche Pflege und Sorgfalt in Rechnung Hu stellen ist, bleibt dauernd auf der niedrigsten Stufe <der Bildungsfähigkeit. Um sie zu relativ brauchbaren Menschen zu erziehen, erweist sich die Errichtung be- sfonderer Anstalten als angezeigt, heißt es in dem Be­richt. Aus den autoritativen Angaben der Schulärzte /'geht also hervor, daß man in Schöneberg von gesun­den Kindermkaum noch reden kann. Die kranken sind so sehr in der Mehrzahl, daß die wenigen gesunden 'kaum in Betracht kommen. Und diese Zustände be­obachtet man in einem der besten und auch in hygie-

beitermaffe des Landes hinter sich haben wird. Sie versuchen eS daher auch, die ganze Politik des Kabinetts als völlig verfehlt hinzustellen; fie weisen auf paralele Schauspiele aus der französi- scheu Revolution hin, um dem Volke die bedenk- lichen Schritte der Regierung vor Augen zu halten.

Ohne Zweifel wird jetzt der Kampf noch schärfer, und an eine Verständigung zwischen den Lords und der Regierung ist wohl kaum mehr zu denken. Wie der Kampf aber auslaufen wird, darüber ist man selbst in den bestunterrichteten Kreisen Londons im unklaren.

Deutsches Reich.

) ( Der obligatorische Besuch der ländlichen Fort­bildungsschulen soll demnächst auch auf die Provinzen Schlesien, Westfalen und Pommern aus ge dehnt werden. Bckanntlich ist der Besuch der ländlichen Fort­bildungsschulen nur in Hesse n-N assau und in Hannover obligatorisch. Die Regierung scheint nun­mehr die Einführung des obligatorischen Unternchts nach und nach in ganz Preußen zu veranlassen. Daß man auf dem Lande immer mehr Verständnis für die Fortbildungsschulen zeigt, geht schon daraus hervor, daß die Zahl der Schulen ganz bedeutend gestiegen ist, auch ht den Provinzen, in denen bisher kein Schul­zwang besteht. Um die weitere Aufklärungsarbeit un­ter der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu ermögli­chen, soll die Aufsicht über die ländlichen Fortbil- dungSschulm den Kreisschulinspektoren übertragen werden, für die zu diesem Zwecke kurze Ausbildungs­kurse eingerichtet werden. Ferner werden Grundzüge vorbereitet, nach denen der Unterricht unter Berücksich­tigung der besonderen lokalen Bedürfnisse eingerichtet werden sollen.

+ Die Gärtnerei als Frauenberuf. Das Mini­sterium für Landwirtschaft hat soeben eine Verordnung erlassen, die geeignet ist, in vermehrtem Grade die Gärtnerei zu einem Frauenberuf zu machen. Während bisher an den königlichen Lehranstalten für Garten- und Obstbau zu Geisenheim, Proskau und Dahlem Frauen nur als Hospitantinnen zugelassen wurden, sollen sie der „Rational-Ztg." zufolge, in Zukunft auch an den Abschlußprüfungen teilnehmen dürfen, um für eine spätere berufliche Verwertung des dort Erlernten einen amtlichen Ausweis zu haben. Es ist dabei oon der Verpflichtung zu einer vorherigen Absolvierung eines oder zweier praktischen Lehrjahre, wie sie für die Eärtnereieleven der Lehranstalten Vorschrift ist, ab­gesehen. Immerhin ist aber eine praktische Vorbildung vor dem Besuch der Anstalt erwünscht, und wo eine solche vorhanden war, wird dies durch einen entspre­chenden Vermerk in dem Abgangszeugnis bestätigt.

Ausland.

* Eine griechische Militärvorlage, die im wesent­lichen die Forderungen der Offiziere erfüllt, ist am Dienstag der Kammer zugegangen. Danach werden die königlichen Prinzen, die im Heere oder in der Marine dienen sollen, in Bezug auf die Beför­derung denselben Bestimmungen unterworfen fein, wie die übrigen Offiziere. Die Prinzen, die schon im Heere bienen, können vom König ohne irgendwelche Beschränkung befördert werden, können aber nicht wirk­liche Kommandostellen bekleiden. Die Vorlage hebt das Oberkommando der Armee auf und überträgt die Rechte, die bisher dem Oberkommandantrn zustanden, eines auS de» Divisionskommandeuren und dem Chef des Generalstabes gebildeten Rat.

Aus dem Nachbargebiete.

* Aus der Rhön, 14. Okt. 1909. Mitte dieses Monats schließt Frau Sorg die Pforten des S ch u tz h a u f e s auf der Wafferkuppe.

* Babenhausen 6. Hanau, 12. Okt. 1909. Nachdem erst vor wenigen Tagen infolge Blitzschlages in der

nischer Hinsicht gutgestellten Vororte von Berlin, der sich soeben erst aus bäuerlichem Boden heraus zur Großstadt entwickelt hat. Man ersieht daraus, mit welchem Fluch der Andrang zur Großstadt und die vielgelobte Industrialisierung der Bevölkerung behaf­tet ist.

— Ein Erlebnis des Craft« Haeseler. Eine hübsche Episode erlebte Gras Haeseler, der ehe­malige Kommandierende des 16. Armeekorps, während feines jetzt beendeten Aufenthalts in Metz. Am 30. September begab sich der Feldmarschall mit seinem Adjutanten, Oberleutnant Böckelmann nach dem nach ihm benannten Fort Graf Haeseler, das auf dem St. Elaife erbaut ist und das Moseltal beherrscht. Er steigt per pedes apostulorum die steile Höhe hinan und fleht vor dem Posten, der den Eingang bewacht. Der Posten präsentiert. Graf Haeseler winkt grüßend ab und will an ihm vorbei ins Fort gehen. Bescheiden, aber mit fester Stimme sagt der Posten: „Ich bitte nm die Einlaßkarte!" — Im Moment ist der Feldmarschall perplex, er saßt sich jedoch so­fort und antwortet: „Das ist gut mein Sohn. Aber sagen Sie mal Ihre Instruktion, welche Per­sonen dürfen da? Fort betreten ?" — „Der kom­mandierende General, der Gouverneur von Metz und die direkten Borgefetzten der in dem Fort lagernden Truppen," sagt die Schildwache auf. — „Ich sehe," erwidert darauf Graf Haeseler, „daß Sie Ihre Jnstruttion kennen. Aber mich müflen Sie doch auch kennen!" — „Zu Befehl," sagt der Posten, „Sie sind Seine Exzellenz Generalfeld- marfchall Graf Haeseler, bet alte kommandierende General des 16. Armeekorps; aber, um in das Fort eintreten zu können, haben Sie eine Eintrittskarte notwendig."' — „Tas ist richtig, bestätigt der Marschall, aber ich habe sie oergeffen." — Die Schildwache, getreu ihrer Instruktion, blieb uner­bittlich ; der Graf mußte unverrichteter Weise wieder abmarschieren. Aber er hat die große Genugtuung

Hofreite des Landwirts Jakob Schroth I in Sicken- hofen ein schwerer Brand gewütet hat, gingen geftem nacht die mit Getreide und Futtervorräten ge­füllten Oäonomiegrbäude der Witwe Schroth in Flammen auf. Der Brandschaden ist beträchttich, soll aber durch Versichemng zum guten Teile gedeckt fein. Ter in der Vorwoche vom schweren Brandunglücke be­troffene Jakob Schroth I hafte das seit 10 Jahren be­standene Vecsicherungsverhälinis mit der Hamburger Feuerversicherungs-Gesellschaft leider vor einiger Beit gelöst und kann darum keinerlei Schadenersatzansprüche erheben.

* Rotenburg, 12. Okt. 1909. Nach längerem Leiden starb heule früh im 60. Lebensjahre Herr Landes-Rentmeister Matthäus. Am 1. April gedachte derselbe in Pension zu gehen, und es war als Nachfolger Herr Landes-Rentmeister Stietz tn Gersfeld ernannt.

* Büdingen, 14. Okt. 1909. Der Eisenbahn­tunnel der Oberhessischen Bahn zwischen hier und der Station Mittelgründau, vor 38 Jahren erbaut, wird gegenwärtig einer gründlichen Revision unterworfen. "Heber dem Tunnel ist ein Wald, welcher bei durchlassendem Erdreich große Waffer- massen an den Tunnelwänden abtröpfeln lägt, so daß zu befürchten steht, die Nässe verursacht mit der Zeit Fäulnis der Steine. Eine Summe von 300 000 Mark ist für die umfangreiche Trocken­legung vorgesehen und sind die Arbeiten eben in Angriff genommen.

* Wabern, 14. Okt. 1909. Ein junger Mann von hier stieg gestern in den Schnellzug 3.36 in Kassel, dachte aber nicht daran, daß der Zug seit dem 1. Oktober nicht mehr hier in Wabern hält. Als er merkte, daß der Zug durch Wabern gefahren war, riß er die Wagenlürr auf, sprang ans dem in voller Fahrt befindlichen Zug. Er zog sich schwere Verletzungen zu.

* Eschwege, 13. Okt. 1909. Aus eine recht originelle Art ist ein hiesiger Fabrikant gegen einen säumigen Kunden vorgegangen. Dem letzteren waren gegen Ausstellung eines Akzeptes Waren im Werte von 80 Mark verkauft worden. Am Fällig­keitstage ließ der Käufer das Akzept unter Protest gehen. Der Fabrikant erhielt von ihm einen Brief des Inhaltes, daß er wegen Zahlungsunfähigkeit nicht in der Lage fei, den Betrag von 80 Mark zu zahlen und er rate dem Fabrikanten, damit er nicht in Ver­lust komme, die gelieferten Waren wieder zurückzuneh- nten. Der Fabrikant durchschaute jedoch feinen Mann und forderte denselben auf, innerhalb drei Tagen zu zahlen, widrigenfalls er auf Grund der abgegebenen Erklärung der Zahlungsunfähigkeit beim zuständigen Gericht ungesäumt die Eröffnung des Konkursverfah­rens beantragen werde. Dies Mittel half überraschend schnell. Am nächsten Tage kam ein Telegramm: „Habe das Gel) soeben abgeschickt" Das Geld traf ein mit der passenden Zuschrift auf dem Abschnitt: „Besten Dank für freundliches Entgegenkommen."

* Homburg v. d. H., 13. Oft. 1909. Vor dem Kriegsgericht in Frankfurt erfolgte vor kurzem die Aburteilung der Reservisten der 12. Kompagnie des Füsilierregimentes v. Gersdorff (Kurh.) Nr. 80, die, wie wir berichteten, an ihrem Entlaffu ngs- tagesich verschiedene Ausschreitungen hatten zu schul­den kommen lassen. Von den 10 Angeklagten wurden 3 zu Gemeinen degradiert, die Reservisten erhielten 10 bezw. 7 Tage strengen und 10 Tage Mittelarrest.

* Aus Rheinhessen, 12. Ott. 1909. Rund 95 Ge­meinden haben jetzt bereits ihren Beitritt zu der gro­ßen rheinhessischen elektr Ueberland- zentrale definitiv beschlossen. Hiervon gehören 26 Gemeinden dem Kreise Alzey, die übrigen den Kreisen Worms, Oppenheim und Mainz an. Das groß­zügige Werk fcarf hiermit schon jetzt als durchaus ge­sichert und für die Zukunft als lebensfähig bezeichnet werden.

vermischtes.

* Die eiserne Hochzeit feierten in Unna in West­falen die Eheleute Drücke. Der Mann steht im 93., die

nach Haus getragen, daß ein einfacher Soldat selbst einem Feldmarschall zuliebe seine Instruktion nicht übertritt.

— Die Mode der .Mouches" ist wieder im Aus­leben begriffen und es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, bis wir die Schönheitspflästerchen wieder auf so mancher reizenden Wange sehen, denn die Mode ist praktischer, als sie im ersten Augen­blick erscheinen mag. Die Damen mit schönem Teint heben mit solchen Mouches die Schönheit der Haut durch den Gegensatz der Wirkung, und die Tarnen, deren Gesicht mit einem sogenannten .Schönhefts- mahl" verunziert ist, können diese durch die Mouches leicht verdecken. Die Mouches sind keine Schöpfung unserer Tage, sie stammen vielmehr schon aus der Zett des Kaisers Augustus, dessen Tochter Julia die Erfinderin der Mouches fein soll. Man hatte ihr nämlich Insekten zum Geschenk gemacht, die die sonderbare Eigenschaft befaßen, dort unbeweglich haften zu bleiben, wo man fie hinsetzte, Julia hatte sehr bald herausgefunden, daß die schwarzen Insekten auf den zarten weißen Wangen deren Zartheit nur umso schärfer hervortreten ließen und so wurde aus der anfänglichen Spielerei eine Toilettenkunst, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten und neben ihrem praftifchen Zweck schon Veranlassung zu mancher heiteren Szene gegeben hat. Eine Dame und ein Tottor der Rechte befanden sich in vornehmer Ge­sellschaft. Die Dame trug dicht über der rechten Lippe ein solches Schönheitspflästerchen. Ter Zu­fall wollte es nun, daß die Gesellschaft für einen Augenblick das Zimmer verließ. Als sie dann zurück« kehrte, brach alles in schallende Heiterkeit aus, denn das Schönheitspflästerchen war inzwischen von den Lippen der Schönen an die Stirne des Doktors der Rechte gewandert.

— Unbrauchbar fürs Korps. »Den neuen Fuchs follten wir möglichst bald wieder wimmeln. Der Kerl bat heute mittag im Safe mindestens 'ne halbe Stunde über Schiller gequatscht."

Frau im 88. Lebensjahre, und beide sind noch recht rüsttg. Der Jubilar war etwa 50 Jahre lang auf der Saline Königsborn beschäftigt.

* Ein Brieflasten stürzte in Koblenz auf einen kleinen Jungen, als dieser einen Brief hineinlegen wollte Der Knabe wurde schwer verletzt.

* Die Luftschiffahri wird allmählich gemeinge­fährlich. Kürzlich sah sich ein Landwirt veranlaßt zu flogen, weil ein Ballon seine Pferde zum Scheuen gebracht habe. Jetzt wurde in der bayerische» Stadt Pfreimd durch einen Ballon, der abends vorüber- fuhr ,die elettrifche Leftung berührt, Kurzschluß ver­ursacht und dadurch die Stadt stundenlang in Finster­nis gehüllt.

♦ Die höhere Tochter. In einem Ort an der Lahn kehrte in diesen Tagen die Tochter eines wohlhaben­den Bauern aus dem Pensionat in ihr Vaterhaus zu­rück. Anderen Tages stehl die Mutter des neugebacke­nen Fräuleins in der Haustüre, als ihre Nachbarin, die Haubengrete, gerade vorüberkam und ein Gespräch anknüpste. „Gelt, das Liesche is Widder do", meinte die Haubengrete zu der überglücklichen Mutter, „und wie is es so vürnehm worrn". „Jo", erwiderte diese, „denk derr emol ohn, se fät jo statt Sau — Schwein".

* Zwei Pfennige für die Postkarte zahlt man in den Berliner Warenhäusern. Die Karten sind auf bet für Text freigewordenen halben Vorderseite und aus einem Viertel der Rückseiten mit Reklamen bedruckt. Die Unternehmer, die der Post natürlich 5 $u bezah­len haben, müssen also aus jeder Karte durch Reklamen mindestens einen Verdienst von 3 ziehen, wenn sie überhaupt auf ihre baren Auslagen kommen wollen.

* Am Waxenstein bei Garmisch ist eine Dame aus Berlin a b g e st ü r z t. Sie wurde tot aufgefunden.

* Dem „göttlichen" Caruso liegt auch Berkin zu Füßen, wie die Vorgänge bei dem jetzt eröffneten Vor­verkauf zu dem Gastspiel des berühmten italienischen Tenors im Königlichen Opernhause beweisen. Schon um Mittemacht sammelten sich ganze Scharen an, um bei Eröffnung der Kasse die Ersten fein zu können. Viele hatten sich ganze Fouragekisten mitgebracht, die langsam „ausgesuttert" wurden. Morgens — die Zahl der Wattenden betrug schon gegen 1000 — kam eS sogar zu erbitterten Kämpfen, bei denen es zertretene Hüte, zerbrochene Schirme, zerrissene Schleier, ja sogar blutige Köpfe gab.

♦ Das Königliche Hofbräuhaus in München hat das Winterbier wieder zum alten Preise von zweiund­zwanzig Pfennig pro Liter verschäntt, während ander­wärts in München, je nach dem Range der Gasfftätten, 28, 30 und 40 Pfennig pro Liier genommen werden.

* Das „Einjährige" als Dichterpreis hat die öster­reichische Heeresverwaltung einem jungen Wiener Dich­ter namens Stoffel zuteil werden lassen. Für Kunst­handwerker, Kunstradfahrer und andere artistische Fähigkeiten ist bekanntlich die Verleihung der Berech­tigung zum einjährigen Dienst schon lange vorgesehen. Die Dichtkunst galt aber bisher noch nicht als gleich-, wertig und wurde daher auch nicht als vollgültiger Er­satz für den Gpmnastalbefuch angesehen. In Deutsch­land ist ein solcher Fall wie dieser bisher noch nicht vorgekommen.

* Ein Millionen-Schwindel ist in Belgrad ent­deckt worden. -Die Eisenbahn-Direktion, resp. ihre „geschmierten" Beamten, übernahm halb unbrauchbare, anderswo zurückgewiesene Lokomottven .mb Wagen. Der Schaden beträgt eine Million.

* DmchKonkurrenzneid wurde, wie sich jetzt her- ausstellte, das Bombenattentat gegen den schwedischen Fabrikanten Sjonholm veranlaßt. Ein Ingenieur hat das Postpaket abgefanbt, das die gefährliche Bombe enthieft.

Literarisches.

Kaustnännifche und gewerbliche Kalkulationskundt von W. Trempenau. Preis Mk. 2.75. Verlag der modernen kaufmännischen Biblio­thek (vorm. Dr. jur. L. Huberti) Leipzig-R., Eilenburgerstrabe 10/11.

Das vorzügliche Werk bietet eine verständliche Anleitung zur richtigen Aufstellung von einfachen und zusammengesetzten Einkaufs-, Produktions- und Verkauss-Kalkulationen, ferner prattische Nachweise der Unrichtigkeiten fehlerhaft aufgestellter Kalkula­tionen, Vorteile bei den Kalkulationsberechnungen durch Anwendungen des Kettensatzes und der ge­wöhnlichen Brüche, sowie eine Tabelle zur Berech­nung der Prozente vorn, auf und im Hundert. Der Verfasser gibt wenig Text und viel Beispiele.

G. Fretztag's Welt-Handels- und Berkehrskarte. 3. Ausl- Verlag von G. Freytag & Berndt, Wien VII., Schottenfeldgafle 62. Preis 2,10 Mk.

Die Karte gibt die bei den heutigen internatio­nalen Handelsbeziehungen für jedermann notwen­dige Nebersicht der Hauptbahnen und Dampfer« rauten (letztere mit Angabe der Fahrzeit in Tagen und Stunden), enthält Angaben über die Herkunft vieler wichtiger Handelsartikel, statistische Nachweise über den Umfang der Ein- und Ausfuhr verschiede­ner Staaten, Abbildungen der Kriegs- und Handels­flaggen usw. Das farbig ausgesübrte Kartenblatt gewinnt durch seine übersichtliche Darstellung für jedes Amt und Kontor, wie für Schule und Haus hohen praktischen Wert.