WWk W Zeitung
»WÄN. w-cheÄMr« .Mstrierke SonntaMümg"
B
Fulda, Donnerstag den 14. Oktober 1909
36. Jahrgang
J\8 236.
mus bauern noch an. Der Landesausschuß der jung- liberalen Vereine des rechtsrheinischen Bayern hat
Man könnte sich mit dieser Feststellung genügen (affen, wenn nicht der Verleger dieses so gekennzeichneten Blattes ein Reichstagsabgeordueter wäre, das Mitglied der Wirtschaftlichen Vereinigung Bruhn.
Herr Bruhn hat gegen die Zeugen, die in dem Prozesse ungünstig über ihn ausgesagt haben, 'Sttaf- antrag wegen Beleidigung gestellt. Zugleich, wird bekannt daß bei Staatsanwalt gegen ihn auf Grund bet Feststellungen während des Prozesses daS Ermittelungsverfahren wegen Erpressung, begangen durch die .Wahrheit', eingeleitet habe. Es wird der Ausgang dieser Strafprozeffe abzuwarten fein, ehe man den Fall Bruhn näher zu behandeln haben wird. Aber er ist wichtig genug, daß man ihn wird im Auge be- halten müssen.
tzxMgePetltMeodet der« Kaum ISPfg.' BdtomenbiepeftiyUt 25 pfs-, ber wieder harwlgen wird enffpc, Babatt gewährt»
«PMtttsNch * Smnahme du toiw ttnb zeiertage. viertel- sährttchu verngrprei« ohne Bringerloh» und veßellgeld i» SMlbafo- Bit auswärts 1-50 litt
Verants. Ued altern 11)4 X® «HW
Verlag der Fuldaer N»
Monatrbellager „$uIbGCI Seschkchtäbläüer"
menhinge. war richtig gewesen. Ich wünschte, bet Aufforderung meines Oheims überhaupt nicht gefolgt zu fein. Aber jetzt war nichts mehr zu ändern. Ich entgegnete daher: „Ich habe davon gehört, lege aber keinen Wert darauf. Ich will Dir sogar sagen, daß ich die nachgelassenen Aufzeichnungen meines Vaters gelesen habe und daher mit all den Geschichten, Vermutungen, Hoffnungen und Enttäuschungen bekannt bin, die meinem armen Vater das Leben verbitterten.'
„Dein Vater hat Aufzeichnungen hinterlassen?! — Und davon hat mit Deine Mutter, hast Du mir nie etwas gesagt?'
„Meine Mutter kannte die Aufzeichnungen nicht.' „Und wie bist Du in ihren Besitz gekommen?' „DaS tut nichts zur Sache. Genug, daß ich sie
gelesen habe, daß ich auch die Nolle kenne, welche Du in dieser ganzen Angelegenheit, auf die ich, ich wiederhole es, nicht den geringsten Wert lege, gespielt hast.'
„So — hm — so weißt Du also, daß Dein Großvater der Graf von OldenSloe war?'
-Sa • - /
„Und Deine Großmutter ein schottisches Land- madchen namens . . .'
„Edith Maclean — ja. ich weiß das alles. Aber welchen Wert hat diese Geschichte aus alter Zell noch für mich? Am besten ist es, man gibt sie der Vergessenheit anheim.'
„Du sagtest, Dll wüßtest auch die Rolle, welche ich gespielt habe . ..'
„Ja. Und ich sage Dir, daß, wenn Du diese Rolle bei mir weiter spielen willst, dies vergebliche Mühe ist. Ebensowenig, wie mein Vater, lasse ich mich auf einen ErprrssuugSoersuch ein.'
„Nicht so hitzig, mein Sohn', entgegnete mein Onkel mit hämischem Lachen. „Dein Vater war ein Dummkopf, und auch Du scheinst von derselben Art zu sein. Aber die Verhältnisse haben sich jetzt verändert. Was wir damals nicht wußten, wissen wir jetzt. Gras OldenSloe war mit Edith Maclean in rechtmäßiger Weise verheiratet. Dein Vater war sein
nerhin die Gegner eines freiheitlicheren Wahlrechts nicht zugeben.
)( Die Freunde der Leichenverbremmng werden sich wieder mal auf spätere Zeit vertrösten müssen. Der preußische Kultusminister und der Minister des Innern haben dem Verein für Leichenverbremmng in Hagen i. W. mitgeteilt, daß sie dem Anträge auf Aufhebung des Polizeiverbotes betreffend die Ingebrauchnahme des Krematoriums nicht ftattgeben könnten. Sie müßten eS ablehnen, in einem Einzelsalle ihre in der Frage der Leichenverbrennung bisher eingenommene Stellung aufalt geben, bevor eine allgemeine gesetzliche Regelung der für die Zulassung der Leichenverbrennung zu fordernden Voraussetzungen erfolgt fei. Eine gesetzliche Regelung wird hier also in Aussicht gestellt. Die liberale Presse meint nun, die Regierung, die der Leichenverbrennung mehr Sympathie entgegenbringe, als man an- nehme, wolle die Vorlage erst dann einbringen, wenn sie auf Erfolg rechnen könne. — Darauf dürfte man aber noch lange warten können. Denn einstweilen sind die Vertreter der christlichen Weltanschauung im preußischen San Mag doch noch in der Mehrzahl.
(♦) Wie es mit der Gleichberechtigung der Ka- choliken in Preußen aussieht, dafür wieder ein Beispiel. Dank der Freigebigkeit des Direktors der dortigen Zuckerfabrik wurde, wie dem „Dziennik Pozn ' berichtet wird, an der Schulstraße in Kruschwitz ein Haus erbaut, welches zu wohltätigen Zwecken verwandt werben sollte. Man wollte bie katholischen Grauen Schwestern bort ansiebeln, benen die Krankenpflege und die Führung einer Kleinkinderbewahranstalt übertragen werden sollte. Als jedoch, trotz mehrmaliger Gesuche des Propstes Reyfowski, die Regierung hierzu ihre Genehmigung versagte, versuchte' man die Leitung der Kinberbewahranstalt einer weltlichen Person zu übertragen. Auch dieses verbot die Regierung mit dem Hinweise, daß in Kruschwitz ein Bedürfnis hierzu nicht bestehe, da dort eine evangelische Kinberbewahranstalt unter der vorzüglichen Leitung einer Diakonissin bereits bestehe. Mit Recht fügt der Einsender hinzu: Für eine viertausend Seelen zählende katholische Pfarrei, die sich meist aus Arbeitern zusammensehi, deren Eltern zur Arbeit gehen, liegt kein Bedürfnis zur Errichümg einer Kleinkinderbewohranstalt vor, dagegen würbe für einige evangelische Kinder eine solche errichtet und bie Leitung derselben einer Diakonissin übertragen.
— Die „farblose", „unparteiische" Presse. Die 8. Generalversammlung des Kalhol. Presi- vereins für Bayern hat unter anderem folgende Resolution.-gefaßt:'
Die 8. Generalversammlung. . . richtet an alle katholischen Vereine die Bitte . . ., in jeder Versammlung nachdrücklichst auf die Gefahren der . . . farblosen Presse hinzuweisen.
Wie notwendig der Hinweis gerade auf die „farblose, unparteiische" Presse war, das zeigt auch folgendes Urteil, das im ,Türmer' (Oktoberheft sJlr. 120) über diese Blätter gefällt wird. Es heißt dort:
Da tauchten sie eines schönen Tages ans und überschwemmten das deutsche Haus, jene schmalzigen, „unparteiischen' Blätter, die „Parteilosigkeit' fügten und „Charakterlosigkeit' meinten. Sie stellten ja in jeder Hinsicht so bescheidene Ansprüche an die Leser, daß diese förmlich gerührt werden mußten. Sie verlangten keinerlei positive, intellektuelle oder moralische Leistung, nein, nur negative, nur geistige Bedürfnislosigkeit und politische Gesinnungslosigkeit. Das war alles. Wer hätte da widerstehen können?
Das ist eine ehrliche und rückhaltlose Sprache. Sie läßt keinen Zweifel darüber, wie diese Arl von Blättern auch von anderer Seile gewertet wird.
□ Die Unstimmigkeiten im bayerischen Liberalis-
veutsches Reich.
4- Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg bleibt, wie der „National-Ztg." berichtet wird, jetzt ständig in Berlin. Aus Urlaub wird er also in diesem Jahre nicht mehr gehen. Er wird Berlin höchstens vorübergehend auf kurze Zeit zu dienstlichen Zwecken verlaffen, und es ist möglich, daß er noch im Laufe des Herbstes einen oder den anderen der deutschen Höfe besucht, an denen er sich noch nicht vorgestellt hat.
+ Wiederbeginn der Bundesratssitzungen. Nach Beendigung der Sommerferien, die allerdings nur kurz waren, denn es haben noch im Juli und Ende August Beratungen ftattgefunben, nimmt der Bun- cesrat am Donnerstag feine regelmäßigen Sitzungen im Plenum wieder auf. Die Ausschüsse haben bereits am Mittwoch ihre Tätigkeit mit den Beratungen über die Ausführungsbestimmungen über die neuen Steuergesetze begonnen.
□ Das System des Dreiklassenwahlrechts, wie es in Preußen besteht, wird wieder grell durch eine Nebersicht beleuchtet, welche der Berliner Magistrat soeben aus Anlaß der bevorstehenden Lanbtags- ersatzwahlen ht der Reichshauptstadt über die Urwohlbezirke mit ihren Abteilungsgrenzen und ihren Wählerzahlen veröffentlicht. Die krassesten Gegensätze, wie sie bei den Hauptwahlen hervortreten, fehlen hier aber, da bie Stadtteile Berlins, in denen die reichsten Wähler wohnen, nicht zu den jetzt in Frage kommenden Landtagswahlbezirken gehören. Immerhin weist die Ueberstcht nicht weniger als 16 Falle auf, in denen tatsächlich ein einziger Wähler die erste Abteilung darstellt. Die Bezirk-, in denen die erste Abteilung mis nur 2 ober 3 Wählern bestehen, sind noch zahlreicher. Der „Vorwärts' hebt bie stärksten Gegensätze hervor. Danach stehen in ben Listen: für •bie erste Abteilung eines Bezirkes ein Wähler, für bie zweite 44, für die dritte 324. Ein anderer Bezirk weist in der ersten Abteilung ebenfalls nur einen Wähler auf, in der zweiten 6 und in der dritten 352. Der Wahlbezirk, in dem der bekannte sozialdemokratische Dauerredner, der Zehngebote-Hofftnann, als 'vzialbemokrattscher Kandidat fungiert, hat in der ersten Abteilung einen Wähler, in der zweiten 14 und in der dritten 416. Es dürfen also Wöhler erster Abteilung jeder für sich allein 324mal, 353mal und 416mal so viel Recht ausüben wie ein Wähler dritter Abteilung. In anderen Blicken ist natürlich die erste Abteilung sehr viel stärker besetzt, sodaß der Gegensatz zur dritten Abteilung nicht so scharf hervortritt. Auch das K u r i o s u m, daß durch die alphabetische Reihen- olge der Name und sogar auch der Vorname der Wähler mit derselben Steuerleistung verschiedenen Abteilungen zugeteilt werden, ist zu verzeichnen. So gehören in einem Bezirk bie Wähler mit 52 Mk Steuer
Ausland.
* Der Bankerott der französischen KirchenräubeL Die Liegenschaften und die berühmte Likeurmarke der Mönche der großen Karthause spielten eine große Rolle bei der verheißenen „Milliarde' Waldeck-Rousseaus. Man bewertete ihre Immobilien mit fünf Millionen und ihre industrielle Macke mit acht Millionen. Es sollten also 13 Millionen fein, die mühelos in die Staatskassen eintraten. Der Liquidator kam, er nahm Besitz von den Immobilien und beA Magazinen. Unb heute, nach 4% Jahren, wie stellt sich die Bilanz bet „Granbe EHartreuse'? Aktiven find, so schreibt man bem „Vaterland", 750 000 Franken vorhanden, während die Passiven mehr al» 5 Millionen betragen. Das sind amtliche Angaben, die dieser Tage dem Tribunal in Grenoble vorgelegt wurden. — Fürwahr, eine nette Wirtschaft!
♦♦ Gegenüber den tschechischen Vorstößen scheint man deutscherseits energisch darauf dringen zu wollen, daß die kerndeuffchen österreichischen Landesteile vor der Tschechifierung bewahrt bleiben. So sollen in ben Landtagen von Nieder- und Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg Gesetzentwürfe eingebracht werden, durch welche die deutsche Sprache als Landessprache für alle Aemter und Behörden festgelegt wird.
* Fischer, der erste englische Seelord, der besonders durch seinen Streit mit dem Seelord Beresford bekannt wurde, soll innerhalb zehn Tagen mit dem Titel eines Barons in den Ruhestand treten. Die Organisation eines Marine-Kriegsrates, die am Dienstag bekannt gemacht wurde, soll die letzte Tat diese- Admirals gewesen fein, der die große Aufgabe unter-
legitimer Sohn, Du bist der legitime Enkel. „Was sagst Du nun?'
Ich wußte ja schon längst, daß das, was er sagte, bit Wahrheit wat; dennoch war ich überrascht von seiner Kenntnis dieser Tatsache. Ich wollte sie jedoch keineswegs als wahr zugestehen und entgegnete achselzuckend: „Wie willst Du das beweisen?'
Er schlug ein amtliches Papier auseinander und reichte es mir hin. „Da hast Du den Trauschein Deines Großvaters!' sagte er lächelnd.
„Mit Erstaunen las ich die beglaubigte Abschrift einer Urkunde aus bem Kirchenbuch von Roxborough, einem Dorfe der Grafschaft Berwick in Schottland, über eine Trauung zwischen bem deutschen Offizier Gundokar Lothar Oldensloe und der Edith Maclean, Tochter des Pächters William Maclean in Berwick..“
„Wie kommst Du zu dieser Urkunde?' fragte ich »ach einer Weile.
„Das will ich Dir erklären', entgegnete er mit einem schlauen Lächeln. „Mir ging diese Geschichte seit Jahren im Kopse herum. Deine Mutter wollte nichts davon wissen ,daß ich weitere Nachforschungen anstelle. Ich konnte erst nach ihrem Tode meine Nachforschungen fortsehen. Ich habe viel Zett, Mühe und Kosten aufgewandt, ehe ich durch das bcktische Kriegsministerium die Liste der Gefangenen und derjenigen Otte erhielt, wo sie interniert waren. Als ich diese Liste in Händen hielt, forschte ich in den verschiedenen Ockschaften Schottlands nach. Es war eine schwierige Arbeit, denn ich kannte den Namen Deiner Groß- mutter nicht, auch war es nicht wahrscheinlich, daß Dein Großvater sich in dem Ocke, wo er interniert war, hatte trauen lassen. Ich scheute sogar eine Reise nach Schottland nicht, wo ich mit Hilfe eines geschickten Kollegen die Nachforschungen fortsetzte Ein glücklicher Zufall führte uns auf die Spur, die wir eifrig verfolgten. Das Resultat liegt vor Dir — der Trauschein Deines Großvaters, als Zeugen der Trauung sind angegeben der damalige Diener be8 Grafen, Martin, und der Küster des Ortes. Dieser lebt nicht mehr, Mackin lebt noch jetzt auf Schloß Oldensloe — nun, was sagst Du letzt?'
■ 29] Original-Roman von O. Elster.
Um chn nicht zu verletzen, stieß ich mit ihm an unb leerte mein Glas, für ein zweites dankend.
„Ich bin nicht hierher gekommen, um mit Dir zu frühstücken, Onkel', sondern um von Dir die Angelegenheiten zu erfahren, über welche Du mir geschrieben hast.'
Er lachte laut auf, trank ein weiteres Glas Wein, ^wischte sich mit der Hand die fettglänzenden Lippen, knüllte eine schon sehr schmutzige Serviette zusammen, warf sie auf den Tisch und sagte dann mtt geheinmis- . vollem Emst: „Ja, mein Sohn, das ist eine verdammt wichtige und emfte Sache. Wir müssen dieselbe ;in meinem Kontor besprechen, meine Wirtschafterin, bie alte Schlange, ist so neugierig wie eine Fliege 'unb hat ihr Ohr stets am Schlüsselloch, wenn ich hier Besuch empfange. Komm in mein Kontor — da find wir sicher, und du wirst Wunderdinge hören.'
Das Kontor war mit einer Doppeltüre versehen, bie mein Onkel sorgfältig verschloß, sodaß ein Lauschen unmöglich war.
„Setze Dich, Gundokar', sagte er, immer in dem Ton eines geheimnisvollen und wichtig tuenden Ern- ^pes. Dann schloß er einen feuersicheren Schrank auf ,unb Holle mehrere Papiere hewor, setzte sich auf ben ©effel vor den Schreibtisch, flopste auf die Papiere, fab mich verschmitzt und lächelnd an unb sagte: „Was weinst Du, was ich hier habe?'
»Wie kann ich bas wissen?'
frhob die Papiere. „Ich Halle hier ein Verwogen m der Hand . . .'
Rätseln, Onkel', entgegnete ich Ä '®u schriebst mir, daß es sich um eine Erbschastsangelegenhett meines Vaters handele.'
sp t e$- ~ Haft Du nie davon gehört, daß Dem Vater nicht der Sohn des Revierförsters Franz X-ecker war . . 3
, Ich erschrak. Meine Ahnung, daß der Bckef deS Senkels mit bem Geheimnis unterer Abkunft infam«
ö* Prozeß Dahsel.
Nach frmftägiger Verhandlung ist am Montag in Deriin ein Prozeß zu End? gegangen, dessen Bedeutung über die Aburteilung der begangenen Straftat weit hinausgeht. Angcklagt waren der Schnststel- ler" Hermann Dahsel und eine Frau Schuwardi, bie bet wiederholten vollendeten und versuchten Erpressung, Dahsel auch des Betruges beschuldigt sind, be- ‘gangen durch Artikel der Wochenschckst „Wahrheck, welche über gut situierte Persönlichkeiten kompromittierende Enthüllungen brachten, und im Anschluß daran durch Versuche, durch die Drohung weiterer Veröffentlichungen von den Betroffenen Geld zu erlangen. Das Geckcht Hai die Angeflagten für über- führt erachtet und zu schweren Gefängnisstrafen ver- uckeill.
Der Prozeß verdient zunächst einige Beachtung (bem juristischen Standpunkt. Für die Verhandlung war wegen Gefährdung der Sittlichkeit bie 'Oeffentlichkeit ausgeschlossen worden, jedoch wurde ;einem Gerichtsbeck chterstatter erlaubt, der Verhand- ;hing beizuwohnen und über sie an die Presse zu beachten. Diese halbe Oeffentlichkeit scheint (uns keine nachahmenswecke Einrichtung. Weder ist [mit ihr dem öffentlichen Interesse gedient, welches bei derartigen Skandalaffären vollständige Abschließung des Schmutzes hinter den Türen des Geckchtssaales verlangt, noch den Interessen des Angeflagten und der Zeugen, die in einem unvollständigen Verhand- lungsbeckchte leicht in ein falsches Licht gestellt werden können. Daran knüpft sich eine legislatorische Bemerkung. Der Prozeß Dahsel scheint uns geradezu ein Musterfall für die in der Strafrechtsnovelle verlangte Ausschließung des Wahrheitsbeweises bei Beleidigun- Kn. Es ist kein Zweifel ,daß die Tätigkeit eines evolverblattes, wie es die „Wahrheit" darstellt, so- fert lahmgelegt werden würde, wenn unbefugte Ver- Mentlichungen über das Privat- und insbesondere das Familienleben, die geeignet sind, einzelne Personen stn der öffentlichen Achtung herabzusetzen, ohne weiteres und ohne daß dem Angeflagten die Erhebung hes WahrheitsbeweifeS gestattet ist, bestraft werden. In solchen Fällen handelt eS sich nicht um sch u tz- werte Interessen, sondern um verdammens- tzvecke Interessen des Erpreffertnms. Der Prozeß Dahsel hat ein Musterbild des Wirkens der Revolverpresse enthüllt. Blätter wie die „Wahrheit' sind Sumpfpflanzen, die den Niedemngen des Großstadtlebens entsprießen. Daß sie so unheilvoll Wicken können, ist nicht allein die Schuld der traurigen Existenzen, welche ihre Feder und ihre Arbeit in den Dienst des Verbrechens stellen, sondern ebenso bie Schuld des sensationslüsternen Publikums, das die ! Schundware kauft und damit die Erpressung erst er- möglicht, indem eben das Bekanntwerden der kompro- mittterenden Ackikel die Betroffenen veranlaßt, flir gutes Geld das Schweigen jener Presse zu erlangen.
Unrecht wäre es dagegen, aus den Verhältnissen, die der Prozeß enthüllt hat, Schlüsse zu ziehen auf das Wicken der Presse im allgemeinen. Die ernste Presse hat mit den katilinarischen Existenzen der Revolverpresse nichts zu tun, vielmehr sieht sie in ihnen ihren ärgsten Feind, einen Auswuchs, den sie nicht scharf genug bekämpfen kann. Leider wahr 'unb traurig ist allerdings ,daß mancherocks bie Erfahrungen eines Prozesses, wie des soeben zu Ende gegangenen, verallgemeinert werden und Anlaß dazu geben, den Beruf des Journalisten herabzusetzen und verächtlich zu machen. Aber der Mitarbeiter der cm- ften Presse hat mit Leuten a la Dahsel nie und nimmer etwas zu tun. Die „Wahrheit" ist durch einen Beschluß des Gerichts als Revolverblatt gekennzeichnet worden, indem das Gericht als wahr unterstellt hat, daß Angriffe seitens der Wahrheit auf bestimmte Personen unterbleiben, wenn seitens der Betreffenden sJnseratenaufträge an die Zeitung erteilt werden, und baß die Wahrheit so, wie sie geführt wird, in weiten Kreisen deS Publikums als Bedrohung erachtet wird.
tei ausgeschlossenen Landtagsabg. Hübsch beschlossen unb verlangt nochmals die Einberufung eines allgemeinen liberal-demokratischen Vertreteckages, bee im Interesse der Geschlossenheit des bayerischen Liberalismus notwendig sei. — Na, auf die „Geschlossenheit" des bayerischen Liberalismus wird man noch lange warten können.
) ( Der deutsche Hochschullehrertag trat am DieuS- tag in Leipzig zusammen und beschäftigte sich vor allem mtt der Frage, inwieweit die Zulassung als Lehrer an den Hochschulen von politischeu ober religiösen Voraussetzungen abhängig gemacht werden dürfe. Der Referent, Prof. Wach-Leipzig, forderte, daß die Zulassung eines Lehrers ohne Rücksicht auf seine religiöse oder polittsche Ueberzeugung erfolge. Der Regierung fei nur insoweit eine Kontrolle zu überlassen, als, abgesehen von Formalien, Tatsachen vorlägen, die den Disziplinaren- ausschluß vom Lehrerberuf zu begründen geeignet wäre. Der Korreferent dagegen, Privatdozent Hartmann-Wien, forderte, daß auch das persönliche Leben eines Lehrers nicht ausschlaggebend für die Zulassung als Dozent an den Hochschulen sei, daß also auch Anarchisten und ausgesprochene Religionsfeinde an den Hochschulen lehren könnten. Dieser Forderung trat man indessen in der Diskussion scharf entgegen. So weit wollte man doch nicht gehen.
** Die Pfandbestellung bei öffentlichen Lieferungen. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat über die Pfandbestellung bei Lieferungen folgendes bestimmt:
„Zum Pfände bestellt werden entweder Forderungen, bte in das Reichsschuldenbuch oder in das Staatsschuldbuch eines Bundesstaates eingetragen sind, oder bares Geld, Wertpapiere, Depotscheine der Reichsban^ der IßntgL Seehandlung (Preußische Staatsbank) oder der preußischen Zentralgenoffenschaftskaffe, Sparkassenbücher oder Wechsel, Depotscheine der Reichsbank oder der königl. Seehandlung über hinterlegte verpfändungsfähige Wertpapiere werden angenommen, wenn gleichzeitig eine Verpfändungsurkunde des Unternehmers und eine Aushändigungsbescheinigung der Reichsbank oder der königl. Seehandlung oder der preußischen Zentralgenossenschaftskaffe nach Anordnung der Verwaltung überreicht wird."
noch zur zweiten Abteilung bis zum Namen Kari Hoffmann, aber die übrigen mit derselben Steuer zur dritten Abteilung vom Namen ©uftab Hoffmann an.
Daß durch solche Mlle unser ganzes Landtagswahl- itBeraten «seretne »es recgisttjetntiajen Bayern gar recht lächerlich gemacht wirb, werden indes auch fer= 1 einstimmig ein Vertrauensvotum für den aus der Par-
Jch mußte alle meine Fassung zusammennehmen, um nicht erregt aufzufahren.
„Die Trauung kann fingiert gewesen fein', antwortete ich, indem ich fühlte, wie meine Stimme zttteie.
Mein Onkel lachte laut auf.
„Fingierte Trauungen trägt man nicht in amtliche Kirchenbücher ein", sagte er spöttisch. „Es steht unwiderruflich fest, daß die Trauung stattgefunden hat unb daß Du der Graf Gundokar von Oldensloe bist.'
„Roch eins — wie willst Du beweisen, baß mein Vater der Sohn des Grafen und er Edith Maclean ist? Er ist als Sohn des RevierförsterS Franz Decker und feiner Frau in das Kirchenbuch eingetragen."
„Das wird nnS der Martin, seine Frau und art- bere Personen bezeugen können."
„Unb wenn sie dieses Zeugnis verweigern?'
„Oho, man hat Mittel und Wege, sie. zum Sprechen zu bringen. Ein Meineid ist doch keine Kleinigkeit."
„Gewiß nicht. Ebensowenig eine Unterschlagung."
„Was willst Du damtt sagen?"
„Nichts — doch erfläre mir, was Du zu tun gedenkst?"
-Hm — es gibt zwei Wege: ein Prozeß auf An- afennung Deiner legitimen Abstammung von bem Grafen — ober einen privaten Vergleich mit der gräflichen Familie."
„Und zu welchem Wege würdest Du mir raten?"
-Der Prozeß ist eine schwierige unb langwierige Sache, well, wie Du ganz richttg bemerfteft, die Abstammung Deines Vaters schwer zu erweisen ist. Ja, wenn ich dieses Dokument 20 Jahre früher in Händen gehabt hätte! Da lebten noch mehr Personen, welche Kenntnis von dem Sachverhalt hatten! Der Pwzeß wirb auch einen großen Skandal im Gefolge haben — die gräfliche Famllie ist sehr angesehen bei dem Herzoge unb im ganzen Lande, die Geschichte würde ungeheuren Staub aufwirbeln . . . Alle- in allem genommen bin ich mehr für den Vergleich.
„Me denkst Du Dir diesen?" «
IFockfeLung folgt).