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HS

Jahrgang

Fulda, Mittwoch Len 13. Oktober 1W9

M 235.

Erstes Matt

i. Brennerei in Baden 8800 hl k 20 X 176,000 X

Das

der vielverleumdeten Liebesgabe.

172,000

152,600

128,000

114,000

94,000

140,000

beleidigungsklagen gegen einige Zeugen angestrengt. Sonnt wird die Oeffentlichkeit noch genug Gelegenhest haben, sich mit der Berliner Revolverjvurnalisttk zu beschäftigen.

— Die weitere Ausgestaltung der Berechtigungen für Frauenberufe bildet, Berliner Blättermeldungen zufolge den Gegenstand von Erwägungen der Unter- richtsverwaltung. Es ist dies als eine Folge der Mädchenschulreform anzusehen, die auf an- dere angemessene Frauenberufe vorbereiten will, in­dem ste die Schulbildung erweitert und den praktischen Bedürfnisse des Lebens mehr anpaßt. Als abge- chlossen darf in dieser Beziehung die Frage des Bio- iothekarinberufes angesehen werden, für den inzwi- chen feste Normen aus Grund ausgiebiger Versuche geschaffen stnd. Der Bundesrat dürste stch schon sehr bald mit der Frage des A p oth eke rb e rufe s ür Frauen beschäftigen, indem er über den Antrag Preußens entscheidet, der dahin geht, die neuen höhe­ren Mädchenschulen mit den Studienanstalten und Lyceen, den Gymnasien und Realschulen inbezug auf die Prüfungsordnung für Apotheker vom Jahre 1904 alcichzustellen. Wenn der Bundesrat in diesem Sinne entscheidet, ist in Zukunft nicht mehr der Besuch eines anerkannten Mädchengymnasiums erforderlich, um für den Apothekerberuf zugelaflen zu werden.

)( Mit der Aufstellung gemeinsamer „nationaler Wahlkandidaten hat man kein Glück. Selbst im Wahl­kreis Halle, woselbst als gemeinsamer Kandidat ein Freisinnsmann aufgestellt wurde, tritt jetzt ein Gegenkandidat der „Bürgerlichen" auf. Die Ver­trauensmännerversammlung des Bundes der. Hand­werker beschloß, gegen den von allen Parteien als Kandidaten für die Reichstagsersatzwahl angenomme­nen freisinnigen Volksparteiler Reimann-Berlin einen Gegenkandidaten in der Person des Halleschen Klemp­ner-Obermeisters Grecke aufzustellen, da Reimann die Forderungen des Bundes abgelehnt habe. Auch in der Reichshoupfftadt befehden sich weiterhin angesichts der bevorstehenden Landtagsersatzwahlen die „bür­gerlichen" Parteien aufs heftigste, sodaß an eine Eini­gung nicht zu denken ist. Auf diese Weise wird na­türlich den Sozialdemokraten der Sieg nur noch leich­ter gemacht. Man kann aber aus all diesen Vorgängen ersehen, wie alle Einigrmgsbestrebungen an dem Man­datshunger der einzelnen liberalen Gruppen scheitern.

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ersgtz zu zahlen hatte. Das war die Vergünstigung, welche diese Staaten für den Verzicht aus ihr Reser­vatrecht erhielten, und es wäre nicht gerecht gewesen, heute ihnen diese Veraünstigung zu nehmen. Man durfte dies umsoweniger tun, als die Beseittgung des Kontingents ein Unglück für die mittleren und klei­neren Brennereien im Süden zugunsten der Groß­brenner des Ostens sein würde, weil im Süden sowohl die Kattoffelpreise als auch die Arbettslöhne erheblich höher sind. Und diejenigen, welche immer über die Liebesgabe an die Schnapsjunker, wie der schöne Ti­tel lautet, schimpfen, vergessen ganz, daß die größten Kontingente, welche also den größten Votteil gewäh­ren, nicht die Brennereien des Ostens, sondern die des Südens haben. Die Deutsche Tageszeitung stellt dar­über fest: Rach der amtlichen Brennereisteuerstattstik besitzen die größten Kontingente:

Hollstein 8600 Sachsen 7600 Schlesien 6400 Bayern 5700 Baden 4700 Badenzuf.7000

1 gern.

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Deutsches Reich.

** Berlin, 12. Okt. 1909. Der Reichskanz­ler hat der deutschen Schule in Madrid, wie halbamtlich gemeldet wird, für die Dauer der Amtstätigkeit des Direktors Dr. Fromme die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen über die Befähigung für den einjährig-freiwill. Dienst im deutschen Heere (und zwar mit rückwirkender Geltung für den Prüfungs-Termin im Juni 1908) verliehen. — General-Leutnant z. D. Gerhard v. Pelet-Rorbonne ist am Montag gestorben. Mit ihm ist nicht nur ein hervorragender Reiter- General, sondern auch ein bekannter militärischer Schriftsteller dahingegangen. Namentlich sei« großes Werk über die Geschichte der branden­burgisch-preußischen Reiterei hat berechtigtes Auf­sehen hervorgerufen und die Aufmerksamkeit aller Fachmänner auf sich gelenkt. — Auf der Werst von Blohm & Voß in Hamburg ist heut« das neue Schulschiff Prinzeß Eitel Friedrich des deutschen Schulschiff-Vereins glücklich vom Stapel gelaufen. Die Taufrede hielt Prinz Eitel Friedrich.

** Der Besuch des österreichischen Thronfolgers. Wie Berliner Blättern aus Wien gemeldet wird, trifft der Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Ge­mahlin, der Herzogin Hohenberg, am 12. November in Berlin ein. Der Erzherzog führt mit dem Kaiser von hier aus zu den Hofjagden in der Provinz Han­nover, während die Herzogin von Hohenberg vier Tage bei der Kaiserin verbleibt.

4- Vorläufig kein neuer Vizepräsident des preußi­schen Staatsrnmisteriums. Einer Berliner Korre­spondenz zufolge wird der Posten eines Vizepräsiden­ten des preußischen Staatsministeriums wahrscheinlich in nächster Zeit unbesetzt bleiben. — Der 5poffen war bekanntlich schon ftüher oft lange Zeit hindurch nicht besetzt.

a Der Blockvater. Auf eine Huldtgungs- adresse des Vereins Berliner Kaufleute

Ausland.

** Der internationale Friedenskongreß hat in Brüffel in seiner Schlußsitzung beschlossen, seine nächstjährige Versammlung in Stockholm abzuhallen. Vor dem Auseinandergehen hat ' sich der Kongreß noch kurz mit der englisch- deutschen Frage beschäftigt, und zwar auf Anregung allgemeiner Zustimmung in die beste Grundlage zu Verhandlungen über die Ein­schränkung des maritimen Wettrüstens zwischen England und Deutschland sei darin zu erblicken, daß England die Bedenken fallen lasse, die eS wegen Aufgabe des Kaperrechtes auf Privat­eigentum habe, und daß Deutschland seinerseit- sich dazu entschließe, fernerhin nichts mehr gegen das Aufheben des Verbotes des Seeminenlegens einzuwenden.

* König Eduard hat nochmals in dem Streit um die Finanzbill zu vermitteln gesucht. Der König hat Dienstag vormittag Lansdowne und Balfour und nach ihnen den Premierminister Ausquith in Audienz empfangen.

* Ein Handschreiben des Zaren an den «Sultan überbrachte nach einer Meldung des „Otomouischen Lloyd" die ans Livadia zurückgekehrte türkische Sondergesan.dtschaft. In dem Schreiben gibt der Zar dem Bedauern Ausdruck, in diesem Jahre nicht nach Konstantinopel kommen zu können. Al- Geschenk des Kaisers überbrachte die Mission dem Sultan zwei Fäfler Kaviar.

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___größte landwirtschastl. Brennereikontingent beträgt 4400 Hktl., es liegt in Bahem. Dann folgt ein Kontingent mit 4300 Hktl. in Rheinpreußen, bann wieder zwei Kontingente mit je 3100 Hktl. in Bayern, bann 3 Kontingente mit je 2800 Hktl. ebenfalls -in Bayern, wettere 4 Kontingente mit je 2200 Hktl. wie­derum in Bahem. Demgegenüber befinden sich im ganzen Ostelbien nur 3 landwirtschaftliche Kontingente mit 2000 bis 2200 Hktl. Man sieht daraus, daß stch über nichts so gut schimpfen läßt als über das, wovon man nichts kennt. Und das gilt für die ganze Frage

Die Liebesgabe.

Gar vielen ist sie ein Gegenstand großen Slerger- nisses, aber mit vielen bestgehaßten Jnstitutionenteilt sie das Schicksa, daß diejenigen, welche über sie schimpfen, gar nicht wissen, um was es sich bei ihnen eigenttich handelt. Man frage doch einmal dre be­rufsmäßigen sozialdemokratischen und liberalen Hetzer, was es mit der sogenannten Sranntto.uhebeSgabe für eine Bewandtnis habe, und man kann sicher fern, alles mögliche zu hören, nur nicht ine Wahrheit.

Bis »um Jahre 1887 hatten Bayern, Württemberg und Baden eigene Branntweinsteuern. .Sie mußten dafür an das Reich einen Ausgleich zah- len der sich berechnete aus der Kopfzahl ihrer Bevöl­kerung und dem Betrag, der im norddeutschne Brannt- 'weinsteuergebiet auf den Kopf der Bevölkerung ent­fiel Im Jahre 1887 wurde die Branntweinsteuer 'um 80 Millionen Mk. für das Reich erhöht und gleich­zeitig für das ganze Reich einheitlich geregelt, indem die süddeutschen Staaten auf ihre Branntweinsteuer­reservatrechte verzichteten. Wenn man auf einen Kon- sumartikel eine hohe Steuersumme legt, so ist es klar, daß der Konsum zurückgehen wird und daß damit auch die Produttion in ihrem Gewinn beeinträchtigt wird Um letztere unerwünschte Folgewirkung zu ver­meiden, hat man im Jahre 1887 nach einem Wege 'gesucht, um die bereits vorhandenen Branntweinbren- nereien tunlichst vor Schaden zu sichern, und hat ihn in folgendem gefunden:

Man berechnete, wieviel Branntwein im Deut­schen Reich im Jahre getrunken wird, — die Summe betrug damals 2 Millionen, heute 2,3 Millionen Hekto­liter reinen Alkohol — und setzte für diesen Bedarf an Trinkbranntwein im Gesetz eine niedrigere Ver­brauchsabgabe fett in Höhe von 50 Mack für den Hek­toliter reinen Alkohol, während bet Steuerersatz für «ben Branntwein, bet über ben Bedarf an Trinkbrannt- wein hinauserzeugt würde, 70 Mk. betrug. Die Dif­ferenz der beiden Sätze ist das, was man als die Lie­besgabe bezeichnet. Als im Sommer die Btanntwein- befteuerung neu geregelt wurde, hat man verlangt, diese Differenz zu beteiligen. Die Mehrheitsparteien, Konservative und Zentrum, sind dem entgegengetreten. Und es unterliegt doch keinem Zweifel, daß das, was im Jahre 1887 bei bet Steuererhöhung um 80 Mil­lionen notwendig war, bei der neuen Steuererhöhung um 100 Millionen ebenso dringlich im Interesse bet Brennereien benötigt wurde. Die gleiche Rücksicht auf ben Schutz des durch die Steuerbelaftung gefährdeten Gewerbes hat man auch im Branntweinsteuergefetz unb im Zündwarensteuergesetz genommen. Im ersteren ist bestimmt, baß neuenfftehenbe Brauereien eine um 50 Proz. bezw. 25 Proz. erhöhte Steuer zu zahlen ^Ha­chen; in dem letzteren Gesetz ist bestimmt, baß die über die bisherige Produktion der Fabriken hinausgehende Produktton einen um 30 Proz. erhöhten Steuersatz zu tragen hat. Hier ist also auch eine ungenannte Liebes­gabe vorhanden, die aber viel glücklicher daran ist, in­dem über sie nicht geschimpft wird. Die Beibehaltung der Differenz in ben Vranntweinsteuergesetzen (jetzt 105 unb 125 Mk.) war aber noch aus einer anberen Rücksicht geboten Die süddeutschen Staaten traten 1887 nur unter der Bedingung in die Branntweinsteu- ktgemeinschaft ein, daß ihnen bestimmte Vor­teile garantiert wurden. Da? gesamte Quan­tum an Branntwein, welches zu dem niedrigen Steuer­sätze hergestellt werden darf, wird das „Gesamt- lontingent* genannt. Dieses Gesamtkontingent wird nach Maßgabe des Verbrauchs an Trinkbrannt- roein auf die einzelnen Bundesstaaten »erteilt, so ent­stehen die Landeskonttngente. Diese Landeskontin- gente sind nun für die süddeutschen Staaten besonders günstig bemessen; sie wurden 1887 so hoch bemessen, daß im Jahre 1887 aller in Bayern, Württemberg und Baden erzeugte Branntwein nur den niedrigeren Steu-

nnh Jnoustrieller und des Zentralausschuffes Berliner kaufmännischer, gewerblicher und m- duftrwller Vereine hat Fürst Bülow em Ant- wortfchrckben gesandt, in dem es u. a. heißt.

narmen Worte, mit denen darin meines SL-w'e^S ans dem Amte gedacht wird, haben mich wtt aufriSttarr Genugtuung erfüllt. Sie bestärken mich in der ÜeberMgung, daß, d'e von ™r »erfolg e moiitik der lleberbtüdang scheu-barer wirtschaftlicher «eaeniäfte und der dadurch erstrebten Zusammen- Nuna aller nationalen Kräfte trotz mancher gegen- zylicher Erscheinungen nicht erfolglos geblieben tft unb wie ich hoffe, auch in der Zukunft noi^ gute ftrücbte tragen wird. Dem deutschen Handel unb ber deutschen Industrie wünsche 4ch von Herzen -Stützen und Gedeihen?'

Q Konservative unter sich. Unter diesem -ttel hat die Buchhandlung der nationallioeralen Packer eine Flugschrift herarrsgrgevrn, in der „ine Ausstands­und AbbcöckelunzsLewegung im konservativen Lager geschildeck werben r r. Auch für uns bietet bie Zu­sammenstellung m- ch-s Interessante ^Insbesondere fir.dm wir darin Den aktenmaßigen Nachweis tote tack die Angst vor dem Zentrum unb ber fanatische Katholikenhaß auch in konservativen Krei­sen wirksam sind In ber Hauptsache sind es das Zusammengehen mit dem Zentrum und die Oppo­sition gegen den Fürsten Bulow. welche die Auf­lehnung in der konservativ?-. W-hlerschcsst gegen die Politik ber Reichstags fmlum geweckt haben. Für die Konservativ m liegt jetzt bie Versuchung nahe, auch einmal da» Thema „ Nalionalliberale unter sich einer Erörterung zu unterziehen. Diese würde zwei­fellos nicht weniger interessant aussallen. Gleichzeitig wäre bann mich eine passende Gelegenheit gegeben, das Thema „Die Wahrheit über ben Fürsten Bülow" etwas eingehenber zu behandeln, da über die Duali­täten unb Verdienste dieses Staatsmannes in weiten Volkskreisen noch eine arotze Unkenntnis besteht.

△ Daß selbst in den Am.b?täfreifen der Hansa- bund große Abneigung findet, zeigt der Verlauf ber letzten Plenarsitzung ber Oppelner Handelskammer. Ein Bergrat ertlärte. die Kowm-r habe sich nicht mit politischen Angelegenheiten zu befassen, der Hansa- bvnd fei aber eine politische Gründung. Ein anderer Redner fühck aus, es ständen bei weitem nicht sämt­liche Mitglieder ber Kammer auf dem Boden des Hansabundes, die Kammer habe auch die Jitteressen des Kleingewerbes zu vertreten, und dieses Gewerbe habe nicht die Ansicht, daß der Hansabund nötig sei. — Das ist völlig wahr. Trotzdem wird sich der Hansa­bund auch weiterhin dainit brüsten, daß er alle wirt­schaftlichen Kreise tiertrete.

' )( Mit ber Aufhebung der geistlichen Ocksschul-

inspektion im Regiemngsbezick Arnsberg, die bekannt­lich große Srregung hervorgerufen hat, beschäftigte sich am Montag auch eine zahlreich besuchte Versamm­lung der Zentrumspartei des Kreises Hörde. Es wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in der die christlichen Familienväter «Hären, daß zur Erziehung ll)rer Kinder ein enger Zusammen­schluß zwischen Kirche und Schule erhal­ten werden müsse. Cs luicb ein gesetzliches Recht für den Pfarrer zur Ausübung und Leitung des Religionsunterrichts gefordert, wie es in der Ver­fassung festgelegt ist. Die auf dem Boden chckstlicher Weltanschauung stehenden Abgeordneten ber beiden Häuser des Landtages werden ersucht, gegen die Maßnahmne ber Regierung Stellung zu nehmen.

) ( Der Erprefferprozeß Dahsel, der am Montag mit ber Verurteilung bes angeklagten Revolverjournalisten Dahsel enbete, ist äußerst belastenb für ben Reichs- tagdabgeorbneten Brüh n, den Herausgeber des Berliner Sensaiionsblaiies „Dir Wahrheit", gewesen. Die Staatsanwaltschaft hat auch bereits ein Ermitte­lungsverfahren eingeleitet. Der Staatsanwalt hat bie von ber Verteidigung gestellten Beweisanträge, burch bie Bruhn ber Erpressung beschuldigt wirb, zur Kenntnis genommen unb die Untersuchung ungeord­net. Ferner hat Bruhn seinerseits mehrere Privat­

gegangene Verbindung rechtskräftig lösen — da kam die Krankheit Ediths — et schämte sich, feine übereilte Handlung einzugestehen — es kamen die bösen Ein- flüstemngen Martins unb anberer Leute — fein Herz wurde von ber Liebe zu mir in Besitz genommen — unb bann geschah das. was Sie wissen — unb was ihn bis an fein Lebensende gequält unb gefoltert hat. Vergeben Sie ihm, wie ich ihm vergeben habe!"

Ich atmete wie befreit von einem finsteren Gedan­ken auf.

„Er hat mehr an Ihnen gesündigt als an mir', entgegnete ich. „Sie haben ihm verziehen, wie sollte ich ihm nicht vergeben? Fckede und Ruhe feiner Seele. ... er war der Vater meines Vaters, ich habe kein Recht, rhm zu zümen.'

Geckihck schloß mich die Gräfin in bie Arme. Es war mir, als habe ich jetzt erst bie Mutter gefunben.

Am Abend holte mich bie Gräfin aus der Biblio­thek ab und fühcke mich zu der Mutter meines Vaters, die in einem Lehnstuhl saß unb mit beide Hände ent- gegenfttäfte, als ich eintrat, während die Gräfin in dem Vorzimmer blieb.

„Ich wußte es, daß Du kommen würdest, mein Sohn,' sagte die Unglückliche. „Die böje Frau hat jetzt keine Macht mehr übet Dich.'

Ich küßte ihre hageren Hände und setzte mich neben ste, ihr beruhigend zusprechend. Mit glücklichen Augen und einem heiteren Lächeln schaute sie mich an. Alle Hast unb Unruhe mar aus ihrem Wesen gewichen. Man hätte sie für geistig gefunb halten können, wenn sie nicht an ber fixen Idee festgehalten hätte, daß ich ihr Sohn sei. Sie sprach auch von nichts anderem. Ihr Geist war nur mit diesem einen Gedanken be­schäftigt unb es wäre vergeblich gewesen, sie von den wahren Verhältnissen überzeugen zu wollen.

Als ich mich nach einet Weile entfernen wollte, wurde sie wieder unruhig unb aufgeregt.

„Aber es ist schon spät unb Du mußt Dich zur Ruhe legen,' sagte ich. „Ich werde toieberfommen."

„Wich Du ganz gewiß toieberfommen?'

„Ja, ich verspreche es Dir.'

„Run, bann will ich gebutbig Wacken. Ich weiß. Du wich Deine Mutter nicht vergeffen, Du bist ja

ein guter Sohn unb bie böse Frau hat keine Macht mchr über Dich.'

„Die Frau ist nicht böse, Mutter', sagte ich. „Sie ist seht gut.'

„War sie es gegen Dich?'

„Ja, sehr gut unb freundlich. Sie ist auch nicht böse "zu Dir, Sie will Deine Freundin, Deine Schwe­ster sein. Du mußt auch gut gegen sie fein unb ihr gehorchen.'

Die Arme blickte eine Weile sinnend zur Erbe. „Hat sie Dich mir nicht fockgenommen?' sagte sie bann.

„Im Gegenteil — sie hat mich Dir wieder zuge- fühck'

„O, wenn sie das getan hat, bann ist sie nicht böse' bann will ich ihr gut fein! Wo ist sie, baß ich ihr danken kann?'

Ich rief bie Gräfin und bie Kranke wollte ihr in stürmischer Dankbarkeit die Hand küssen. Die Grä­fin wehcke ihr unb schloß sie gütig unb freundlich in bie Arme.

Aller Groll unb Zwist war vergessen, unb wie ein leicht versöhntes Kind ließ sich bie Anne jetzt zu Bckt bringen.

Am andern Morgen reifte ich ab, um zu hören, welche wichtige Angelegenheit mein Onkel mir mitzu- teilen hatte.

Das Haus meines Onkels staub noch auf demsel­ben Platz, befand sich aber in einem gänzlich veränder­ten Zustande. Es hatte fein vornehmes Aussehen eingebüßt unb bie wohltuende Ruhe und Ordnung hotten einer fortwährenden Unruhe, einem Hasten unb Treiben Platz gemacht, welches ben Charakter des Hauses vollständig geänbert hatte. An Stelle des klei­nen Bankgeschäftes war ein Bierausschank mit all­abendlichen Konzerten einer „Damenkapelle' getreten. Der Hof lag voll leerer Bierfässer, Wagen unb Starren stauben umher, zwischen beiten Stinber, Hunde unb Hühner ihr Wesen trieben. Der schöne stille Gacken war zu einem Restaurattonsgacken umgetoanbelt, ben abends eine lärmende Menge erfüllte.

Der erste Stock, ben früher Gras Olbeusloe be-

Sie weitze Fm m Sliensloe.

28] Original-Roman von O. Elster.

„Ich danke Ihnen ,Frau Gräfin I Ich wollte Sie schon um diese Gefälligkeit bitten.'

„Es ist keine Gefälligkeit, fonbem meine Pflicht. Sie wollen morgen reifen, vielleicht möchten Sie Ihre arme Großmutter noch einmal sehen?'

„Das ist allerbings mein Wunsch!'

„So- werde ich Sie beute abend zu ihr führen. Eine merkwürdige Aenderuug hat sich bei ber Armen vollzogen, eine gänzliche Abspannung, ste liegt heute fast ben ganzen Tag in einem traumähnlichen Halb­schlummer. ... Doch Sie werden ja selbst heute abenb scheu.'

Als wir Abschied nahmen, faßte sie noch einmal meine Rechte mit beiden Händen unb sah mir bittend in bie Augen.

„Nicht wahr,' sprach ste mit bebender Stimme, „Sie denken nicht allzu schlecht von uns?'

„Ich liebe unb verehre Sie, Frau Gräfin,' unter­brach ich ste. Welche Frau, welche Mutter hätte an­ders unb — edler gegen jene Unglückliche handeln .können?'

„C, ich baute Ihnen! Aber mein Gatte — ber IGraf — Ihr Großvater . ..?'

Ich blickte düster zur Erde. Ein Gefühl des zorni- geu Unmuts wollte in mir emporquellen.

., ”®r ist vielleicht weniger schuld als es scheint,' tffiuir-j. ""t leiser, sanfter Stimme fort. Als leiben» ftyaftttcher Jüngling verliebte er sich in ein einfaches Lcmdmadchen. Damals — als er als gefangener Of- tijter m (Snglanb weilte — dünkte ihm eine Verdin- einfachen Mädchen nicht so unmöglich als spater. Er besaß ja fast nichts als seine Offiziers­gage, die, es schloß, diese Herrschaft war überschuldet, rs war die Frage, ob er je wieder in ihren Besitz ge- langen wurde. . . . unb bann kam er in die Heimat, iss die alten Verhältnisse zurück! Er sah die Schwie- ngreiten, welche aus seiner Verbindung mtt dem ein- pichen Mädchen entstehen mußten. Er wollte die ein-

wohnte, war in mehrere Wohnungen geteilt, bie ein­zeln vermietet wurden, ebenso wie ber zweite Stock. Es war so in dem Hause ein Aus-und-Ein von Gästen, Bewohnern, Köchinnen, Dienstmädchen, Kindern unb Geschäftsleuten entstanden, eine ewige Unruhe, welche bas Wohnen im Hause nicht gerade angenehm machen mußte.

Mein Onkel schien sich aber in dem Wirckvar sehr behaglich zu fühlen. Nicht nur, baß er bie Einnahmen aus seinem Hanse verboppelt hatte, so paßte ihm auch biefe Bewohnerschaft besser, als die ruhige, vornehme gräfliche Familie, die sich kaum herabließ, mit ihm ein Wort zu wechseln. Wie fein Haus, so hatte stch übrigens auch mein Onkel verändert. Er war nach­lässig in seinem Anzüge geworden unb die Trunk­sucht, der er sich immer mehr hingab, hatte feinem schwammig-feisten Körper und seinem aufgedunsenen Gesicht ihre Spuren aufgedrückt. Seine Praxis al8 Rechtsanwalt war mehr unb mehr zurückgegangen, e8 wurden ihm nur solche Angelegenheiten übertragen, mit denen sich kein anderer Anwalt abgeben wollte. Sein Ruf war dadurch noch schlechter geworden unb seine Kollegen gingen ihm gern aus dem Wege.

Er empfing mich in den mir bekannten Vorder- zimmern, deren Pracht allerdings bedenkliche Einbuße erlitten hatte. Ueberall Unordnung, Schmutz unb Staub! Die Fenstervorhänge schmutzig unb zerrissen, die Teppiche abgetreten und staubig, bie Bezüge der Möbel verblaßt unb abgenützt.

„Hallsh, mein Junge', rief er mit entgegen, „kommst Du endlich. Deinen alten Onkel und zweiten Vater zu besuchen? — Triffst aber gerade zur rechten Stunde ein. Nimm Platz und greif zu.'

Auf dem Tisch stand eine Flasche Portwein,' Schinken unb Wurst, Brot, Butter und Käse bewiesen, daß mein Onkel gerade mit einem kräftigen Frühstück beschäftigt war.

Ich bantte für bie Einladung, da ich schon im Hotel gefrühstückt hätte. „Mer ein Glas Portwein kann nicht schaben', fuhr et fort. „Hier, laß uns an- stoßen — auf das Andenken deiner guten Mutter. Sie war eine brave Frau — schade, daß sie uns so rasch verließ. (Fortsetzung folgt)