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EstatkonrdruSmL Verlag der Fuldaer«. Lendnraerel In Fulda

Fernsprecher Er. L j

M 234.

Fulda, Dienstag den 12. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

veutscher Reich.

= „Nachlese" betitelt der Freiherr v. Zedlitz einen neuen im „Tag". Die Ueberschrist läßt vermuten, daß er die Resultate des durch seine „Enthüllungen" einge- lciteten ZeUungsstreites zu sammeln gedenke. Aber Herr v. Zedlitz ist viel zu schlau, um eine solche Fest­stellung zu versuchen, die ja auf ihn selbst ein nicht ge­rade vorteilhaftes Licht werfen müßte. An den ihm unbequemen Tatsachen drückt er sich mit der mehr als oberflächlichen Bemerkung vorbei, daß von den zahl­reichen Mitteilungen, welche ihm in den letzten Wo­chen gemacht worden seien, bei sorgsältiger Nachprü- fung als für die öffentliche Erörterung geeigneter Nie­derschlag nur die Tatsache verblieben sei, daß zum Zwecke der Beseitigung des Fürsten Bülow planmäßig versucht worden sei, Zentrum und Konservativen die Ucberzeugung beizubringen, daß Fürst Bülows Rück­tritt anläßlich der Finanzreform durchaus dm Wün­schen des Kaisers entspreche. Wirklich sehr schlau, Herr v. Zedlitz, dmn da die in den Zeitungen veröf- sentlichten Tatsachen diesen Niederschlag zweifellos Nicht Hervorrufen konnten, ziehen Sie sich auf „Mit­teilungen persönlicher Natur" zurück, die „regelmäßig vertraulich und demgemäß auch so zu behandeln" sind.

Da wir die wertvollen Mitteilungen nicht erhal­ten können, werden Sie uns wohl gestattm, uns an das zu halten, was in der öffentlichen Diskussion fest- gestellt ist. Und das sicht allerdings anders aus, als Ihre Wissenschaft. Herr o. Zedlitz war von konser­vativer Seite aufgefordert worden, sich zu äußem, welche führenden Persönlichkeiten der Konservativen bet von ihm behaupteten Beeinflussung ausgesetzt ge- «vesen seien.

Er aber ignoriert vomehm diese Auffordemng unb brückt fein Bedauern aus, daß man in seinen Aus­führungen einen Angriff gegen die konservative Par­tei oder gegen deren Leitung herausgclesen habe, was absolut ungerechtfertigt sei. Die besondere Gutmütig­keit des Herrn v. Zedlitz ist nun allerdings viel zu sehr bekannt, als daß man ihm mit seiner Behauptung Glauben schenken könnte, daß er in Wirklichkeit kein Wässerlein habe trüben wollen. Ist somit die „Nach­lese" bis hierhin etwas dürftig, so weist sie Herr v. Zedlitz auf der anderen Seite dadurch gehalt­voll zu machen, daß er ein g a n z n e u e s Moment in die Debatte hineintragen will, von dem er selbst sagt, daß es in dem streit der Parteien bisher nicht ausreichend beachtet worden sei. Er behauptet näm­lich, daß dem Fürsten Bülow, obwohl er über dir Reichsfinanzreform gefallen sei, doch weitaus das größte Verdienst um deren Zustandekommen zuer- kannt werden müßte, und verwendet zur Begründung dieser Ansicht längere Ausführungen. Ob Herr b. Zedlitz selber daran glaubt, wissen wir nicht, aber er wird sich wohl keiner Täuschung darüber hingeben, daß seine Ausführungen jemand, der nicht daran glaubt, nicht überzeugen können. Eine einzige Frage möge Herr ö. Zedlitz uns beantworten. Wie will er rechtfertigen, daß Fürst Bülow, trotzdem er die drin­gende Notwendigkeit der Finanzreform erfannte, sie doch um mehr als ein Jahr hinauszögerte und damit dem Reiche eine Schuldenlast von 500 Millionen auf­bürdete? Und hält er es für richtig, einem Manne bas größte Verdienst an der Finanzreform zuzuschrei­ben, der den Minister, der in treuer Pflichterfüllung die sofortige Einbringung der Reform forderte, des­wegen aus dem Amte jagte?

’* Berlin, 11. Ott 1909. Demnächst trifft in Berlin eine von dem Bruder des chinesischen Regenten Prinz Zei Sun geführte Kommission"in Berlin ein, beten Aufgabe es ist, die Fortschritte aus dem Gebiete der Marine in den europäischen Ländern zu studieren. In der Begleitung des Prinzen befinden sich mehrere chinesische Marineoffiziere, zu

denen auch Admiral Sa Shen Bin gehört. Die Kommission trifft über Petersburg hier ein und wird später noch Frankreich, England, Italien und Oesterreich-Ungarn besuchen.

* Die Romreise des Reichskauzlers ver­schoben. Nach der »Süddeutschen Reichskorre­spondenz' hofft der Reichskanzler, im späteren Verlause des Winters oder zu Ostern Italien zu besuchen. Eine Reise im November, wie sie von Italien vorgeschlagen wurde,- würde dem Wiederbeginn des Parlaments in Berlin zu nahe liegen.

-T- Ueber das innerpolitische Pro­gramm des Reichskanzlers will der Berliner Korrespondent des »Petit Parisien' er­fahren haben, daß die letzte Beratung zwischen Kaiser und Kanzler zu Hubertusstock sich um die von dem Kanzler im Reichstage einzuschlagende Politik bewegte. Die Regierung wird fortan freie Hände haben und an keine Partei mehr ge­bunden sein. Die Regierung wird mit keiner Partei irgend eine bestimmte Vereinbarung ab» schließen; sie wird je nach Bedarf sich einer Gruppe oder Fraktion bedienen, um die Annahme dieses oder jenes Projektes durchzusetzen. Mit einem Worte, die Regierung wird vollständige Unab­hängigkeit bewahren. In diesem Sinne werden auch die Erklärungen, die der Reichskanzler im Reichstage bei seiner Vorstellungs-Rede abgeben wird, gehalten sein. — Wir meinen, daß Herr v. Beihmann-Hollroeg selbst noch nicht weiß, rote er sich in der kommenden Session einrichten wird; daß er vorderhand freie Hand behalten wird, ist selbstverständlich.

G) Eine ernste Anklage. Proseffor Del­brück, der in den Kampftagen der Reichs­finanzreform gegen die Landwirte den Vorwurf gewohnheitsmäßiger und fortgesetzter Steuer­hinterziehung erhob, kommt jetzt aus dieses Thema im allgemeinen zurück. Im neuesten Hefte der »Preußischen Jahrbücher' schreibt er: Den Rechnunasbüros und Treuhandgesellschasten, die mit den raffiniertesten Kunststücken auf Grund einer scheinbar exakten Buchführung den Landwirten und Geschäftsleuten Nachweisen, daß sie so gut wie keine Einkommen hätten, muß das Handwerk gründlich gelegt werden. Gerade von diesen Büros gehen in anscheinend legaler Form die schamlosesten Hinter­ziehungen aus. Einern Herrn im Westen, derJahr für Jahr seine 62000 Mark Einkommen deklariert hatte, wurde von einem solchen Büro berechnet, daß er von seinem Vermögen jährlich 2000 Mark zusetzte. Ein sehr hoher Herr, der, ich weiß nicht, wieviel, 100000 oder Millionen Mark jährlich versteuert, er­zählte mir, ein solches Büro habe ihm beweisen wollen, daß er nur 20000 Mark Einkommen habe.

Wir halten dafür, daß der Hinweis des Herrn Delbrück im Finanzministerium auf be- sondere Beachtung Anspruch habe.

K Eine Sitzung des preußischen Staats­ministeriums fand am Montag unter bem Vorsitz des Reichskanzlers statt.

-r- Die Sozialdemokraten und der Vier- mMionenfonds. Die,Tägliche Rundschau' meldet:

In der ersten Woche nach Inkrafttreten beä ®e» etzes, mit dem gleichzeitig der Unterstützungsanspruch arbeitslos gewordener Arbeiter der Tabakindustrie be­gann, wurden in Hamburg bei der zuständigen Zoll­telle 120 Arbeiter als entlassen „infolge der neuen Tabaksteuer" angemeldet. Nun gibt es dort abgesehen von den kleinen und weniger in Betracht kommenden Betrieben etwa 30 Fabriken, für die ungefähr dieselben Voraussetzungen in bezug auf Produktionseinschrän- kungen und Arbeitereptlaffungen vorliegen. Trotzdem entfielen von den 120 als unterstützungsbedürftig ange­meldeten Arbeitern allein 80 auf eine und zwar sozialdemokraftfche Fabrik.

" Während also die bürgerlichen Arbeit» geber zunächst noch bemüht waren, ihre Arbeiter zu halten und selbst unter persönlichen Opfern durch Fortsetzung der Produktion die Arbeits» gelegenheit zu wahren, hatte die sozialdemo­kratische Fabrikleitung nichts Eiligeres zu tun, als ihre Pflichten gegen die Arbeiter auf den Staatssäckel zu schieben, indem sie diese zu Staatspensionären machte, die wenigstens dre Viertel ihres Arbeitslohnes als Unterstützung er­halten. Dieser Fall beweist doch zur Genüge, daß eine automatische Befriedigung aller ange­meldeten Ansprüche auf die Dauer nicht in Frage kommen kann. Denn sonst müßte der Entschädi- gungsfonds eine Höhe haben, die den erhofften Steuerertrag des ganzen ersten Jahres absor­bieren würde.

0 Der Zusammenschluß der Reichsbank» beamlen, der nach einer von uns vor wenigen Tagen veröffentlichten Zuschrift aus den Kreisen der Reichsbankbcamten bevorzustehen schien, wird wahrscheinlich nicht zustande kommen. Stach einer Mitteilung der »Voss. Ztg.' hat nämlich der Präsident des Reichsbankdirektoriums seine Beamten warnen lassen, an der zum 16. und 17. ds. Mts. geplanten Versammlung von Vertretern aller Reichsbankbezirke in Dresden teilzunehmen; er billigt ihre Absicht nicht, auf bloße Gerüchte hin zu der bevorstehenden Ge- haltsaufbefferung Stellung zu nehmen und be- fürchtet, daß dabei Angriffe auf die Reichs» behörden ausgesprochen würden, die nur nega­tiven Erfolg haben könnten.

+ Eine Reform des Militärstrafrechts wird, wie verlautet, vorläufig nicht in An­griff genommen werden. Man will die Reform des Zioilflrasrechts abwarten und die Vor­arbeiten zur Reform des Militärstrafrechts erst beginnen, wenn daS Schicksal des Zivilstraf- rechts sich übersehen läßt. Die Vorarbeiten dürsten also nicht vor Jahresfrist ihren Anfang nehmen und werden, da eine durchgreifende Re­form beabsichtigt ist, auch geraume Zeit währen. Die Resormvorlage wird dem Reichstage vor­aussichtlich erst nach den Neuwahlen 1911 zur Beschlußfassung zugehen.

□ Eisenach, 12. Oft. 1909. Die deutsch­soziale Partei hielt am Sonntag hier die schon längst angekündigte Gesamtvorstandssitzung ab, um zu der Schack-Affäre Stellung zu nehmen. Es wurde dazu, nach Ausführungen, des Reichstagsabgeordneten Raab, einstimmig die nachstehende Entschließung angenommen:

„Der erweiterte Gesamtvorstand der deutsch-sozialen Partei erkennt dankbar denBeschluß derVertrauensmänner des Wahlkreises Eisenach-Dermbach vom 19. September 1909 an. Der Gesarnlvorftand ist mit den Vertrauens­männern der Ueberzeugung, daß auf Wunsch des Herrn Schack und mit Rücksicht auf seinen Getundheitszustand die Niederlegung seines ReiHstagsmandates un­vermeidlich geworden ist. Sie wird erfolgen, sobald die ärztlichen Beobachtungen abgeschlossen sind."

Ferner mißbilligte der Vorstand den Ueber- tritt des Frakt onsmitgliedes Dr. Böhme zum neugegründeten liberalen Bauernbund, durch den eine verhängnisvolle Spaltung in die deutsche Landwirtschaft hineingetragen worden sei. 'Den Vertrauensmännern des Wahlkreises Marburg- Frankenberg-Kirchhain wurde empfohlen, Dr. Böhme zur Niederlegung seines Mandats auszufordern. — Es fragt sich nur, ob der Führer des neuen Bauernbundes dieser Auf- forderung auch Folge leisten wird. In mehr

oder minder deutlicher Weise ist er ja schon zur Niederlegung seines Mandats ausgefordert wor­den — ohne daß dieses bisher geschah.

A Das Anerbenrecht im Fürstentum Waldeck soll eine andere Regelung erfahren. Das neue Gesetz soll den wiederholt geäußerten Wünschen des waldeckschen Landtages entsprechen, und im allgemeinen mit dem Höferecht der Provinz Hanover übereinstimmen.

d* München, 11. Okt. 1909. Die Steuerre­form scheint im Abgeordnetenhause keinen größeren Widerstand zu finden. Nur die sozialdemokra­tische Partei lehnt sämtliche Regierungsvorlagen ab. Die übrigen Parteien sind mit den Vorlagen im gro­ßen und ganzen einverstanden.

Ausland.

* Der französische Ministerpräsident Briand hielt am Sonntag in Perigueux vor seinen Wählern eine große Rede, deren Inhalt ein Programm für die nächste Kammersession bildete. Er erklärte, er wolle in der gegenwärtigen Periode der Ruhe die Republik hoch über die Parteien erheben. Der Ministerpräsident führte weiter aus, daß die unmittelbar notwendigste Reform das Gesetz, betr. die Altersversicherung der Arbeiter und der Bauern sei. Im wei«, ter en Verlauf seiner Rede berührte Briand die. soziale Frage und erklärte, er werde die Drga«, nisation der Arbeiter sördern und für ihren Anteil an den Vorteilen der Industrie wirken. Die Angriffe der extremen Parteien von der Rechten und Linken könnten ihn nicht verwirren. Wenn aber der Versuch gemacht werden sollte, diesen Angriffen Tatsachen folgen zu laffen, werde er da sein, um ihnen den Weg zu ver­rammeln. Der begeisterte Empfang, den die Bevölkerung den Truppen bei den großen Ma-^ növern bereitet habe, sei die beste Antwort an diejenigen, welche behaupten, daß das Land, wenn es einmal angegriffen würde, von manchem, seiner Kinder im Stich gelassen würde. Die Armee sei in der Lage, allen Schwierigkeiten zum Trotz ihre Aufgabe zu erfüllen.

** Ein tschechischer Skandalprozeß steht gegenwärtig in Prag zur Verhandlung, der grell! die Verhältnisse in der tschechischen Partei be», leuchtet. Ein Abgeordneter wurde von mehreren Blättern beschuldigt, sein Abgeordneten­mandat dazu mißbraucht zu haben, um von der Prager Eisenindustrie-Gesellschast geschäftliche Vergünstigungen für eine von Tschechen ge­gründete Schraubenfabrik zu erlangen. Auch der frühere Handelsminister Fiedler war seinerzeit in der Affäre verwickelt worden. Der Prozeß dürste mehrere Tage dauern.

* Die Vertagung des böhmischen Landtags ist am Samstag erfolgt. Aus dem offiziösen Begleit­schreiben zu dieser Maßnahme ergibt sich, daß die Regierung keine Hoffnung auf Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen hegt. Allerdings soll „im Laufe dieses Jahres" noch einmal ein Versuch ge­macht werden, die Streitenden zu versöhnen.

* König Eduard von England vermochte die Spannung zwischen Ober- und Unterhaus wegen des Budgets nicht zu beseitigen, weshalb für daS Uns terhaus Neuwahlen erforderlich sind.

* Ein erster Erfolg der türkischen Sondergesandt» Haft, die am Samstag in Livadia vom Zaren in Abschiedsaudienz empfangen wurde, ist bereits zu konstatieren. Wie ,Sadah' meldet, hat Rußland prinzipiell die Abänderung seines Vorrechtes sür Bahnbauten im Becken des Schwarzen Meeres be»

Sie weifte Frau von Mnsloe.

zur ewigen Ruhe beigesetzt. Gott gebe ihm Frie- ben."

27] Original-Roman von O. Elster.

Ich konnte nicht viel sprechen. Mer in meine Au­gen mußte wohl ein Abglanz jener Gefühle blinken, die mein Herz erfüllten; öfter sah mich Amalgunde -erstaunt von der Seite an. Endlich sagte sie:

„Wir wunderlich sind Sie heute morgenI Sie spre­chen fast kein Wort und doch leuchtet Ihr ganzes Ge- >sicht, als sei Ihnen ein unverhofftes Glück begegnet."

„Das ist es auch, Komtesse," entgegnete ich. „Ich lin seit der letzten Nacht ein anderer Mensch gewor­ben; ich bin mir über mich selbst klar geworden und sehe die Welt jetzt mit ganz anderem Auge an, wie ge­stern noch."

„Ich verstehe Sie nicht . .

„Ein großes Glück ist mir widerfahren, beim ich Darf jetzt über Ihr Glück wachen, Komtesse .. ."

„Aber Doktor, so reden Sie doch vernünftig."

„Ich kann eS nicht — In meinem Herzen lebt ein Befühl, welcher ich hinausjubeln möchte in alle Welt." i Sie sah mich erstaunt an. Dann lachte sie sröhlich

doch befangen auf, gab ihrem Pferde einen Schlag mit der Gerte und sprengte davon. Ich folgte ihr und eine Weile ritten wft schweigend in raschem Tempo dahin.

Plötzlich lichtete sich der Wald. Eine Wiese öffnete vor uns, an berem oberen Rand ein schwarzes Mreuz sich erhob.

stiatern Platz, hich mein Pferd an ujib

”uie zu Amalgunde

Ä g?' w» wir uns jetzt befinden?" Ä ote fal) sich um und errötete.

der Stelle wo Ihr Pater erschossen toat Nlcht meine Absicht .

ee^en'bat ^stetg-n und zu dem Kreuz

,®ir w PAbe und

Mitten durch daS feuchte Gras been ernsten Wahrzei- *en M Auf dem Streuy stand; Hier wurde der Re- Mrfökster Gundokar Decker «S Erfüllung seiner

Ich hatte das Grab schon öfter besucht; aber noch nie hatten mich die einfachen Worte so tief ergriffen wie an dem heutigen Morgen. Ja, hier hatte er den Ftteden gefunden ,deu sein ehrgeiziges und die Wahr­heit suchendes Herz im Leben niemals gefunden. Hier waren alle die Hoffnungen begraben, welche er im Leben für sich und feinen Sohn, der jetzt an seinem Grabe stand, gehegt. Hier war das Ende aller Pläne, alles Ehrgeizes, alles Hoffens, alles Wünschens — aber nicht das Ende der Liebe; denn was Ehrgeiz Hoffen und Wünschen, was hochfliegende Pläne für Unruhe, Sünde und Schuld bewickten, das sollte die Liebe gut machen, das sollte die Liebe versöhnen auch über das Grab hinaus.

„Sie sind bewegt, lieber Freund," sagte Amal­gunde mit inniger Teilnahme. .Ihres Vaters Name ist aber nicht vergessen bei uns, mein Vater spricht oft von ihm und nennt ihn einen freuen, braven Men­schen und den besten Waidmann, den er je gekannt."

„Ich danke Ihrem Vater für diese Worte. Aber bet Grund meiner Bewegung liegt in einem anderen Gefühl ,al8 in bem des Schmerzes um den frühen Tod meines Vaters. Ich weiß jetzt, daß ein großer Wunsch in feinem Herzen lebte, daß eine heiße Sehn­sucht fein Leben ausfüllte, und daß er um dieses un­gestillten Sehnens willen unglücklich wurde. Ich kann ihn jetzt versieben, weil auch in meinem Herzen ein Wunsch, eine Sehnsucht lebt. v."

»Die Sie unglücklich macht?" fragte sie wie cr- förettt.

„Die mich unglücklich machen würde ,w« meinen Vater, wenn ich nicht die Kraft gefunden hätte, zu verzichten, um ein Wesen, das ich Lebe, glücklich zu sehen."

Sie sprechen in Rätseln heute."

„Sie werden mich einst verstehen lernen" — wenn ich fern von Ihnen lebe — wir haben uns heute zum letztenmale gesehen, Komteffe!"

„Wie? — Sie wsltzs SwS® Lothar

nicht begleiten?"

„Ich kann nicht, ich darf nicht, Amagunde — um Ihretwillen und auch — um meinetwillen."

Eine jähe Glut umflammte ihre Wangen, sie ivandte sich ab, wollte sprechen, vermochte es je­doch nicht und bedeckte die überquellenden Augen mit der Hand.

„Ich muß fort. Amalgunde," sprach ich leise wei­ter, „um Ihr Glück nicht zu stören, um nicht selbst un­glücklich zu werden." —

„Und was nennen Sie mein' Glück nicht stören, wenn Sie so plötzlich davongehen . . .? fragte sie, indem sie ängstlich, mit schüchterner Zärtlichkeit zu mir aufblickte.

„Amalgunde — wissen Sie denn nicht, welche Flammen diese Ihre Worte in meinem Herzen ent­fachen müssen? Wissen Sie denn nicht, daß ich'Sie liebe mit jeder Faser meines Herzens — daß ich mich selbst zum Opfer bringe, um Ihren Frieden nicht zu stören? Wissen Sie das alles nicht, o, bann haben Sie niemals in meinen Augen gelesen!"

„Ich wußte es längst," entgegnete sie leise mit niedergeschlagenen Augen.

Ich ergriff ihre Hand und vreßte sie an meine Lip­pen. Ich mußte mich bezwingen, sie nicht in meint Arme zu schließen, aber kaum 25 Schritt von uns ent­fernt hielt der Reitknecht mit den Pferden, und blickte schon mit frecher Neugier herüber.

Ich besann mich mff mich selbst.

„Lassen Sie uns heimkehren, Amalgunde," sagte ich leise „Ich danke Ihnen für diese Stunde, die Erinnerung daran wird mich stets begleiten."

Sie preßte mit innigem Druck meine Hand und schaute mir mit Zärtlichkeit in die Augen.

„Auch ich werde Sie nicht vergessen, Gundokar," entgegnete sie. „Nie — niemals . .

Der Reiflnecht kam näher. _SBir mußten schweigen. Ich hob Amalgunde in den Sattel, sprang selbst auf mein Pferd, und schweigend ritten wir dem Schlosse zu. Aber wenn die Lippen auch schwiegen, unsere Herzen und Augen hielten eine geheime Zwiesprache, die ebenso beredt war. wie die Worte unserer Lippen.

Als wir in das Schloß zurückgekehrt waren, fand ich ÄM E WkivM J3 immer, welcher JB1U.W

Berlin nachgeschickt war. Er kam von meinem On­kel Karl, der nicht wußte, daß ich auf Schloß Oldens- loe weilte. Mein Onkel ersuchte mich, ihn in einer, wichtigen ,bie Erbschaft meines verstorbenen Vaters betreffenden Angelegenheit zu besuchen. Die Angele­genheit sei so wichtig, daß sie eine mündliche Unter­redung nötig mache. Schriftlich laffe sie sich nicht aus- einandersetzen.

„Ich weiß," so endete der Brief, „daß Du mir nicht sehr zugetan bist. Wenn ich aber Dir jetzt diese Angelegenheit entdecke, die mich Jahre lang Mühe und Arbeit gekostet hat, —- so wirst Du einsehen, daß Deine Antipathie mir gegenüber ungerechffertigt war, denn durch meine Arbeit kannst Du zu einem großen Vermögen gelangen. Ich hoffe, daß Du mir dann Gerechtigkeit widerfahren lassen wirst."

Der Bries machte auf mich einen unangenehmen Eindruck. Ich vermutete, nach dem, was ich von der Gräfin über das Verhalten meines Onkels gehört hatte, eine neue Schurkerei. Indessen gab mir der Brief doch die erwünschte Gelegenheit, meine schleunig« Abreise zu begründen.

Die Elfern Lothars sahen auch ein, daß ich reifen mußte, sie nahmen mir nur das Versprechen ab, rotes derzukommen, um Lothar auf feiner Reife nach dem Süden zu begleiten.

Lothar war sehr ärgerlich, mußte sich aber schließ­lich ber Notwendigkeit fügen. Amalgunde reichte mir. schweigend die Hand, in ihren Augen zitterte eine Träne, sie allein wußte den wahren Grund meiner plötzlichen Abreise.

Auch die Gräfin-Witwe sagte nichts, lieft mich aber später durch den Diener zu sich bitten.

Sie reichte mir die Hand, als ich bei ihr eintrat

„Ich danke Ihnen, lieber Gundokar," sagte sie, meine Hand mit warmem Druck umschließend, „für Ihren Entschluß, abzureisen. Es ist für uns alle daS Beste, wenn eine Zeit der Ruhe und Selbstschau uns trennt. Wir werden bann schon die rechten Wege fin- ben und stark in unseren Entschlüssen werden. Aber Sie müssen mir versprechen, oft an mich zu schreiben, auch ich werde Ihnen öfter Nachricht über daS B«s /ivdko. ÄA Kkämama üebM" M