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Fulda, Montag den 11. Oktober 1909
Jahrgang
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lagen nicht zur Erledigung brachte. Die Regiemng wird nicht umhin können, in der neuen Session neue Vorlagen zu machen. Aber wer weiß, wie diese aussehen werden? Die Rücksichten, welche auf dem sozialpolitischen Gebiete die Regiemng sowohl wie die Blockmehcheit wegen der bevorstehenden Steuerbelastung zu nehmen sich veranlaßt sehen, sind heute nicht mehr nötig. Ein zweiter Punkt, in dem die Regiemng stets für eine Mehrheit ohne das Zentmm Sorge getragen hat, ist das Gebiet der H e e r c s f o r d e - tun gen. Eine offiziöse Ankündigung, daß neue Anforderungen für Heereszwecke im Winter zu erwarten sind, ist zwar noch nicht erfolgt. Aber wir müssen gestehen, daß uns vor einiger Zeit eine Auslassung der »Freisinnigen Zeitung- stutzig gemacht hat, in der angedeutet wurde, daß der Wechsel im Kriegsministerium ein Zeichen sei,' „daß etwas vorgehe". Sollte dies richsig sein, so kann e? keinem Zweifel unterliegen, daß die Regierung die alte bewilligungsfreudige Mehrheit des- Blocks wieder zu gewinnen suchen wird.
Auf jeden Fall werden die nächsten Vorlagen, die der Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt vorfinden wird, einen Prüfstein dafür abgeben, welcher Kurs gesteuert werden soll.
Am 15. August d. I. ist da? neue Steuergesetz in Kraft getreten, wonach der Wert der Rohtadake mit 40 Prozent belastet worden ist. Da nun neben diesem Wertzoll von 40 Prozent auch der GewichtSzoll von 85 Mark pro Doppelzentner erhoben wird, ist die Belastung der Tabakbranche außerordentlich groß. Aber dennoch ist Deutschland
Ausnahme der Sonn» und Feiertage. viertel, jährlicher Sezugrprelr ohne vriugerlohu und vestellgeld in Fulda so» Vie MiwärtS 1-50 mt
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unter Reserve wieder und halten sie persönlich für unzutreffend. Daß Aufklärung darüber kommen muß, erscheint uns zweifellos.
□ Die Einlegung von Berufungen gegen Strafkammerurteile seitens der Staatsanwaltschaft will man in Württemberg einschränken. Wie es heißt, sollen zur Einschränkung der Berufungen seitens der Staatsanwaltschaften nun Vorschriften herausgegeben werden, in welchen die Staatsanwaltschaften angewiesen werden, nur noch dann Berufung einzulegen, wenn sich aus der Beschaffenheit des einzelnen Falles oder aus der allgemeinen Bedeutung von Rechtsfragen überwiegend sachliche Gründe ergeben. Die Tatsache, daß der Angeklagte seinerseits Berufung eingelegt hat, darf für die Entschließung, ob die Staatsanwaltschaft Berufung einlegen soll, nicht entscheidend sein. Solche Einschränkungsbestimmungen bestehen auch schon in anderen Bundes-' floaten. Hoffentlich werden übereifrige Staatsanwälte auf diese Weise davon abgehalten, un»- bedeutende Sachen, in denen eine Freisprechung^ erfolgte, vor die Berufungsinstanzen zu bringen.
[| Die Zahlung der Gehälter, der Pensionen und der Hinterbliebenenbezüge auf Postscheckkonti soll nach Möglichkeit erleichtert werden. In einem Erlasse erklärt der Finanzminister, Anträgen der Inhaber von Postscheckkonten, ihnen ihre Gut-' haben bei den staatlichen Kaffen unter Verwendung' von Zahlkarten auf ihr Postscheckkonto zu über-« weisen, könnte unbedenklich entsprochen werden. . Die Königliche Oberrechnungskammer ist damit, einverstanden, daß der der Zahlkarte augeschlosfene Post- einlieferungsschein als ausreichender Rechnungsbelegs angesehen wird, und zwar bis zu dem im § 3 Ziffer 1 der Postscheckordnung vorgesehenen Höchstbelrage von 10 000 Mk. Der Kontoinhaber ist von bet’ Einzahlung auf sein Postscheckkonto in jedem einzelnen Falle zu benachrichtigen. Das Porto für diese Benachrichtigungen, . zu denen Postkarten verwendet werden können, trägt die Staatskaffe. t
* Eisenach, 9. Oft. 1909. Für den Fall einer Reichstagsersatzwahl in Eisenach- Dermbach (dem Wahlkreise des Abg. Schack, der bis jetzt sein Mandat noch nicht niedergelegt hat,) will auch die Demokratische Vereinigung als Bewerberin um das Mandat auf dem Plant erscheinen. Wie ein hiesiges Blatt meldet, hatte eine dort vom Oberst Gädke im Auftrage seiner Erfurter Parteigenossen abgehaltene Bersamm- lung den Zweck, in Eisenach einen ausgesprochen! demokratischen Verein ins Leben zu rufen, und' eine demoftatische Reichstagskandidatur vorzubereiten. Für diese Kandidatur soll Oberst? Gädke oder der frühere Husumer Bürgermeister, jetzige Rechtsanwalt Schücking-Dort- mund, in Aussicht genommen fein.
Ausland.
* * General d'Amade gemaßregelt.
Die Aufklärung, die General d'Amade über seinen Alarmruf gegen die spanische Marokko- Politik gegeben hat, scheinen dem französischen Kriegsminister nicht sonderlich gefallen zu hasten^ denn General d'Amade ist vom Ministerrai ohne Frist zur Disposition gestellt worden. General d'Amade war zum Nachfolger beS kürzlich verstorbenen Generals Guillain ausersehen, doch macht seine Bestrafung dieses Avancement unmöglich. Auch in Spanien scheinen d'Amades Äußerungen wenig Gefallen gesunden zu haben, denn der spanische Minister des
O Die politische Lage.
Die Kämpfe um die Finanzreform haben eine völlige Verwirrung auf dem Gebiete des innerpolüffch Lebens im Gefolge gehabt. Trotzdem bereits nahezu Ein Vierteljahr ins Land gegangen ist, haben bis Ml die Parteien sich von der Erschütterung, die jene Tage in ihre Reihen hineingetragen haben uoch nicht völlig erholt. Noch viel weniger klar ist'welche Ruck- Wirkung die wichtige Entscheidung in der Finanz^ form auf die Stellung der Parteien zu einander und zur Regierung haben wird. Der in unserem politischen Verhältnis die Richtung des politischen Lebens maßgebend beeinfluflende Faktor, die Regierung, hat bislang eine offene Stellungnahme vermieden, womu natückich nicht gesagt sein soll, daß sie unter der Hand schon lange intensiv für die Winteckampagne vorgearbeitet hat. Seit der Wahl von 1907 bestehen drei Möglichkeiten einer Mehrheitsbildung innerhalb der bürgerlichen Parteien. Eine Mehrheit kann sich zu- sammenfügen aus Zentrum und Liberalen. Praktisch aber ist diese so gut wie ausgeschlossen, umsomehr als unsere Liberalen für liberale Forderungen kaum mehr zu haben sind. Die zweite Mehrheit würde Zentmm und Konservative bereinigen. Es ist die Mehrheit, welche die Reichsfinanzreform zum glücklichen Ende gebracht hat.
Wenn wir hier im deutschen Reiche rein parlamentarische Verhältnisse hätten, so würde es selbstverständ- sich sein, daß diese Mehrheit zunächst die Geschäfte zu führen hätte. Aber eben.das, was in parlamentarisch regierten Ländern selbstverständlich M, ist bei uns das Gegentell der Selbstverständlichkeit. Wir betonen nicht so sehr das Bestehen mancher Differenzpunkte zwischen uns und den Konsewativen; bei einigem guten Willen würden sie wohl kaum zu einer Krisis führen. Aber wichtig ist, daß in der konservativen Presse bereits offen wieder der Blockgedanke genährt wird. Damit ist die dritte der in Betracht kommenden Mehrheitskonstellationen genannt. Daß die Liberalen mit Freuden den Block neu begründen würden .braucht nicht besonders betont zu werden. Sie wissen zu gut, daß nur eine Blockära der parlamentarischen Vertretung des Liberalismus soviel Hülfe zeihen kann, wie notwendig ist, um seine Fordemngen durchzusetzen. Die Konservativen dagegen sehen gmndsätzlich in dem Block nur das kleinere liebet.
Bestände nicht die traurige konfessionelle Verhetzung, so mürben sie zweifellos die Mehrheitsbildung mit der ihnen gmndsätzlich am nächsten stehenden Zentrumspartei vorziehen. So aber müssen sie den Furor protestantims fürchten, von dem ein oßer Teil ihrer Wählerschaft ergriffen ist. Maßgebend aber für die Reuaufrichtung des Blocks wird die Haltung der Regiemng werden. Die Regiemng arbeitet nicht gern mit dem Zentmm, es ist ihr zu selbständig und widerstandskräftig. Es würde dämm t int Sinne der 1907 Inaugurierten Politik sein, wenn die Regierung jetzt, nachdem die Finanzreform glücklich unter Dach und Fach fft, wieder mit der Mehrheit wechseln wollte. Dazu würde sie um so mehr Veranlassung haben, wenn sie für die neue Session Pläne hegen sollte, bei deren Durchführung sie er- fahmngsgemäß auf die Hülfe des Zentrums nickt bauen kann. Möglich wäre dies nach zwei Richtungen.
ES ist kein Geheimnis, daß die Regiemng mit den sozialpolitischen Fordemngen, die das Zentmm vertritt, in wichtigen Punkten nicht einverstanden ist. Sowohl die Gewerbeordnungsnovelle wie das Arbeitskammergefetz hatten in den Kommissionsverhandlungen des Reichstags eine Gestalt erhalten, die der Regiemng nicht paßte. Es ist deshalb vielleicht nicht ganz ohne Absicht geschehen, daß der Schluß des Reichstages diese beiden Vor-
veutsches Reich.
* Ter Vatikan und Herm von BethmanuS Reise. JedeSmal, wenn ein Besuch deutscher politischer Persönlichkeiten beim Vatikan in Aussicht steht, hat der römische Korrespondent des ,Berl. ZagebL' das Glück, eine »wohlinformierte vatikanische Persönlichkeit befragen zu können. So natürlich auch jetzt. Die .wohlinformierte vatikanische Persönlichkeit erklärt also, Herr von Bethmann-tzollweg dürste sowohl beim Papste wie bei Merry del Val einer überaus freundlichen Aufnahme sicher fein, im Vatikan glaube man, Bethmann-Hollweg wolle sich dem Zentrum nähern, worüber niemand glücklicher sein würde, als der Vatikan; nur ein Punkt erfülle die Kurie mit einer gewissen Sorge, nämlich die Möglichkeit, daß Herr von Bethmann-Hollweg ,gu agteffiu- gegen die Po len vorgehen könnte; die Posener Frage werde wohl erst dann gelöst werden, wenn auch die polnische Frage schlafen werde. Es bedarf wirklich nicht vielen Nachdenkens, um zu erkennen, daß so wie es der Korrespondent des ,B. in den Mund legt, ein Mitglied der Kurie sich niemals aussprechen, kann. Uebrigens wäre der Korrespondent des ,B. T/ der letzte, dem eine wirllicftwohl informierte vatikanische Persönlichkeit Mitteilungen machen würde.
* Eine interessante Beleuckftung der neuen Tabaksteuer entnehmen wir einem Zirkular, das eine Bremer Zigarrenfabrik dieser Tage an ihre bisherigen Abnehmer versandt hat. In demselben heißt es nach der,Augsburzer Poftztg/ u. a.:
)( Mit dem Entwurf eines Stellenvermitt- lungsgesetzes foll sich der Reichstag in der be- vorstehenden Session u. a. zu beschäftigen haben. Angeblich will durch eine gesetzliche Definition des Begriffes Stellenvermittler der Entwurf da- für sorgen, daß die Herausgeber von Stellen- listen und Vakanzenlisten den Vorschriften für Stellenvermittler unterstellt werden. Der Erhe- bung übermäßiger Gebühren soll durch eine den Behörden einzuräumenden Befugnis, die Gebühren zu regeln, entgegengetreten und die Erlaubnis für den Betrieb des Stellenvermittler, gewerbes von dem Nachweis einer vorhandenen Bedürfnisses abhängig gemacht werden, das insbesondere dann nicht anzuerkennen ist, wenn für den betreffenden Ort oder wirtschaftlichen Bezirk öffentliche gemeinnützige Arbeitsnachweise in aus- reichendem Umfange vorhanden find. Ferner wird die Möglichkeit der Ausdehnung der von den Landeszentralbehörden über den Umfang der Befugniffe und Verpflichtungen fowie über den Geschäftsbetrieb der Stellenverrnittler zu erlassen- den Vorschriften auf nicht gewerbsmäßige Arbeits- nachweise und ein gesetzliches Verbot des Betriebes gewisser Nebengewerbe vorgesehen werden. Hierdurch wie durch eine Verschärfung der Strafbestimmungen hofft man den vielfachen Mißständen, welche sich beim, Betriebe des Stellen- Vermittlungsgewerbes gezeigt haben, begegnen zu können, ohne zu dem von mehreren Seiten ge- forderten äußersten Mittel des Verbots des Gewerbebetriebs greifen zu müffen.
(*) Eine sonderbare Behauptung. Der srühere Bürgermeister Dr. Lothar Schücking hat kürzlich folgende Behauptung aufgestellt:
„Der Oberpräsident der Provinz Sachsen, Herr Hegel, bis vor kurzem Regierungspräsident in Allenstew, frage jeden Refendar, der^sich zur Verwal- lung meldet, ob er „„unbedingte Satisfaltion gäbe.""
„Dor uns", so schreibt dazu die ,Liberale Korrespondenz' „liegt das neueste, vierte Mitgliederverzeichnis des Schwarzburgbundes, heraus« gegeben im Dfober 1918. Der Schwarzburgbund ist eine Vereinigung von neun sarbentragenden studentischen Verbindungen an ebenso vielen deutschen Hochschulen. Er steht auf dem Standpunkt, daß der Zweikampf in jeder Gestalt mit der christlichen Sittenlehre unvereinbar und deshalb grundsätzlich abzulehnen sei. Auf Seite 38 des Verzeichnisses der „alten Herren" aber steht unter 826 eingetragen: „Hegel, Wilhelm, Wirklicher Geheimer über» regierungsrat, Präsident der Königlichen Regierung in Allenstein, Göttinger Germane im Jahre 1869." Diese Darstellung ist so außerordentlich befremdlich, daß eine amtliche Aufklärung nicht auf sich warten lassen darf. Die Aufklärung muß aber auch Über die Grundbe- hauptungen gegeben werden, ob wirklich ein Regierungspräsident die Referendare nach ihrer Satisfaktionsbereitschaft befragt. Ist das wirk- kich der Fall, dann schließt sich daran die zweite Frage, wie lange ein solcher Oberpräsident noch in seinem Amte belassen werden wird. Dis- ziplinarbestiinmungen sind doch wohl nicht ausschließlich dazu da, um gegen solche Beamte angewandt zu werden, welche die Mißstände im Staatswesen kritisieren, sonderen unseres Er- achtens vornehmlich gegen diejenigen, welche an diesen Mißständen beteiligt sind." — Wir geben die Mitteilung der Lib. Korrespondenz vorläufig
den bisherigen Zollverhältniffen hat sich die deutsche Tabak- und Zigarrenindustrie zu großer Blüte entfalten können, so daß es derselben möglich war, Zigarrenfabrikate zu produzieren, an deren Güte die Erzeugnisse keiner anderen Nation heranreichen. Wenn nun auch diese neue Tabaksteuer von 40 Prozent auf den Wert des Rohtabaks die bisherigen Preise eine Steigerung erfahren müssen, so bleibt doch nach wie vor die Tatsache bestehen, daß man in Deutschland zu niedrigem Preise eine gute Zigarre rauchen kann.
Wir brauchen diesen Ausführungen nichts hinzuzusügen.
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Die weifte Frau von Mnsloe.
B6] Original-Roman von O. Elster.
„Schwester Marte, die Pflegerin Ediths", sagte die Gräfin. „Wie gehi's unserer Krankm?"
„Die letzten Rächte waren sehr bös, Frau Gräfin", entgegnete die Pflegerin, ein sympathische Erscheinung. „Miß Edith fand keine Ruhe, jetzt ist es besser, sie schläft."
„Sieh selbst, Gundokar", sprach die Gräfin emst und hob den Vorhang des Himmelbettes auf.
! Da lag die Mutter meines Vaters im friedlichen Schlummer, die Hände über der Bmst gefaltet, das schneeweiße Haar iimschmiegte das eingefallene Gesicht, auf das ein schöner Traum ein Lächeln gezaubert haben mochte.
Sie schlief und die Spuren des Irrsinns, welche im Wachen ihrem Antlitz aufgeprägt waren, schienen jetzt ganz verschwunden.
Gerührt beugte ich mich über sie und küßte ihre Hände. Da schlug sie plötzlich die Augen auf und fah mich groß an. Regungslos blieb sie liegen, ihre Augen leuchteten in mildem Glanze, der Wahnsinn war daraus verschwunden. Sie lächelte.
„Mein Sohn", flüsterten ihre Lippen und ihre Hände streckten sich nach mir auS.
Ich sank vor ihrem Bett auf die Knie nieder, beugte mein Haupt und fühlte ihre zitternden Hände auf meinem Scheitel.
--Mein Sohn . . .", hauchte sie mit Geisterstimme.
-d»tt segne dich. . . .'
^wollte sich aufrichten, doch kraftlos sank sie m die Kissen zurück Ihre Augen schlossm sich, ihre Sinne verwirken sich wieder und sie begann irre zu reden, blieb aber ruhig liegen.
Erschüttert erhob ich mich und mußte unwillkürlich an die -sage von der weißen Frau denken, auf die sich Ruhe und Frieden niedersenkte, nachdem sie ihren SoyW wieder gefunden.
u. „Wollen wir sehen?" sagte die Gräfin.
Ich nickte ihr schweigend zu und folgte ihr wieder in das Archiv.
„Stelle die Lampe hin und gehe!" befahl die Grcffin dem alten Martin. Dieser gehorchte. Wir waren wieder allein.
„Habe ich meine Schuldigkeit Deiner Großmutter gegenüber erfüllt?" fragte die Gräfin.
Ich ergriff ihre Hand und küßte sie ehrerbietig.
„Nicht Deinen Dank fordere ich," unterbrach sie mich. „Ich wollte Dir nur zeigen, daß nichts in der Pflege Deiner unglücklichen Großmutter versäumt wird. Und nun laß uns scheiden für heute. Wir haben uns jetzt kennen gelernt, ich verstaue und liebe Dich, ich bitte Dich, auch mir zu verstauen. . .
„Von ganzem Herzen tue ich das, und ich schwöre Ihnen, nie soll ein Wort von dm Erlebnissm dieser Nacht über meine Lippen kommen."
„Ich danke Dir, aber ick verlange kein Versprechen. Du könntest anderm Sinnes werden. . .
„Niemals!"
„Wer kann „niemals" fagen? — Nur eines verlange ich als einen Beweis Deines Verstauens: ehe Du irgmd einen Schritt unternimmst, komme zu mir, ich werde von jetzt ab stets für Dich zu sprechm sein. Ja, ich bitte Dich, recht ost zu mir zu kommen."
„Und Ihr Sohn, der Herr Graf . , ."
„Er kennt Deine Herkunft, aber nicht das Ver- brechm seines Vaters. . .
„Er soll e8 niemals erfahren!"
„Und wmn Dein Oheim zu ihm kommt?"
„Er weiß von der Heirat?"
„Er könnte sie in Erfahrung gebracht haben."
„So werde ich ihn verhindern, etwas verlaut- barm zu laffm."
„Versprich jetzt nichts. — Du weißt nicht, wie Du noch einem Jahre denken wirst. Ich aber danke Dir von ganzem Herzen für Deinen Edelmut — Du bist heust Rächt mein Sohn geworden. Lebe wohl — noch eins! Diese Tür bleibt fortan für Dich offen, Du kannst Deine Großmutter so oft besuchen wie Du willst — Lebe wohl .. .
Sie reichte mir die Hand. Als ich sie aber küssen wollte, zog mich die Gräfin in die Arme und küßte mich herzlich auf die Wangen. Dann nahm sie die Lampe und schritt hasttg davon, ehe ich noch ein Wort sagen kannte.
Ich schaute mich um, als sei ich aus einem wunderbaren Traum crivacht.
Das erste Morgengrauen blickte durch die schmalen Fenster, die an der einen Seite offen standen. Ein eiskalter Wnd pfiff durch dieselben, mich schaueste und ich trat in die Bibliothek zurück, wo ein erwärmendes Feuer in dem Kamin brannte. Ich warf mechanisch einige Scheiter Holz auf die Kohlen, so daß das Feuer hell auflodestc. Dann rückte ich einen Sessel an den Kamin und setzte mich nieder. Die Stirne in die Hand stützend, versank ich in tiefes Sinnen, ick mußte meine eigenen Gedanken erst einmal ordnen, die ganze Welt erschien mir verändert. Ich fühlte eine Müdigkeit in allen meinen Gliedern, meine Nerven warm abgespannt und überreizt, ich hätte weinen können wie ein Kind.
Die tiefe Stille, welche mich umfing, das flackernde Feuer, die wärmende Glut, die halbe Dämmerung, welche in dem Gemach herrschte, beruhigten mich allmählich; die Erregung und die darauf folgmde Abspannung schläferten meine Sinne ein. Ohne daß ich es wollte und merkte schlief ich fest ein und fand in dem tiefen traumlosen Schlummer Erquickung und neue Kraft
Als ich erwachte, war heller Tag. Die Sonne strahlte fteundlich in Die Fenster und die Wipfel der Bäume im Pack rauschten leise.
Vor mir stand ein Dimer.
„Verzeihen, Herr Dottor", sagte er lächelnd, „wmn ick störe. Aber die gnädigste Komtesse schickte mich, um zu fragen, weshalb Herr Doktor nicht zum Frühstück herunter kämm. Es sei ein sehr schöner Herbsttag, ob Herr Dottor mit der Komtesse nicht ausrettm wollen."
„Ich sprang empor. Mit einem male standen die Erlebnisse der letzten Nacht wieder in lebhaften Farben vor meiner Seele. Ich schaute nach dem Tisck.
Dost brannte noch die Lampe, dock Ingen noch die Briefe meines Großvaters an meine Großmutter. Ich glaubte jeden Augenblick die hohe Gestalt der Gräfin wieder aus dem düsteren Winkel hervortretm zu sehm; aber alles blieb still, alles war, wie am Tage vorher und doch tote verändert war mein Leben, mein Denken!
Das lächelnde Geficht des Dieners brachte mich In die Gegenwart zurück. Ich schämte mich vor ihm.
„Ich lasse Komtesse Amalgunde um Verzeihung bitten", sagte ich, mich zusammennehrnmd. „Ich war auf dem Sessel eingeschlafen. Aber in einer Viertelstunde werde ich unten und bereit fein zu dem Spazierritt."
Der Dimer tiemeigte sich und ging.
Ich bmchte rasch meinen Schreibttsch in Ordnung, verschloß die verhängnisvollm Papiere in eine Schublade und eilte dann in mein Schlafzimmer, um mich zu waschen und anzukleidm.
Mein Kopf war noch wüst und befangen. Abei als ich mir mit dem frischen Wasser Kopf, Nacken und Bmst übergossen, da schwandm die Nachwehen der gespenstigen Nacht und die goldige Herbstsonne draußen tat das übrige, um meiner Seele neue Spannkraft zu verleihen. Und als ich in dm Speisesaal trat und mir Amalgunde freudestrahlend die Hand reichte, indem sie sagte: „Denken Sie sich, dem armen Lothar geht es heute viel besser, er hat eine sehr gute Nacht gehabt. Mama ist ganz glücklich. Und Sie, LangesGäfer, too bleiben Sie so lange? Ich erwaste Sie schon seit einer Stunde." Da wußte ich, daß mein Entschluß, dm ich in dieser Nacht gefaßt hatte, unwidermflich war, und daß ich nie imstande sein würde, das Glück und dm Frieden dieses holden Geschöpfs zu stören.
Und dann ritten toir in dm herbstlichen Wald hinaus. Die Satter raschelten auf uns nieder.
Es hatte in der Nacht stack gereift und Feld und Wald war mit weißem Zucker überstreut. Die Sonne blickte auf dm Reif, taute ihn bald fort und überall glänzte es wie von tausend und abestaulend Diommit» tröpfchm.
(Fortsetzung folgt.) *