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Fulda, Samstag den 9. Oktober 1909

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JW 232

Gesetzgebung I triebe, indem diese damals 95,9 Prozent der Betriebe n Licht und darstellten gegen 3,8 Prozent der mittleren und 0,3

Zweites Wtcrtt

Prozent der großen; diese Veränderung ist jedoch,

v Ist der Mittelstand existenzfähig?

Der Mittelstand kann und darf vorwärts schauen; denn die Statistik sagt ihm, daß er nicht verloren ist, sondern zu neuem Leben sich entwickelt, daß er i m -

mer kräftiger wird, wenn nur < und Verwaltung ihm dasselbe Maß von Luft geben wie dem Großbetriebe. Das ist das erfreu­liche Resultat der letzten Betriebszählung vom 12.

Verschwörung gegen das Leben des Zaren entdeckt worden sein.

In Dänemark hat die ordentliche Session des Parlaments am Montag wieder begonnen, nachdem die außerordentliche erst vor wenigen Tagen geschlossen worden war. Letztere hat bekanntlich end­lich die Landesvertetdigungsfrage im Sinne der Re- giemng gelöst. Aber die Proteste eines großen Teiles der dänischen Bevölkerung, der durchaus nicht mit der erfolgten Lösung der Frage einverstanden ist, wollen noch nicht aufhören.

In Eng 1 and tobt der Kampf zwischen Oberhaus und Unterhaus um das Budget weiter, ohne daß man sagen kann, wie er enden wird. In politischen Kreisen des Landes vermutet man, daß König Eduard in den Kampf der beiden großen Par­teien eingreifen werde. Bei der Eigenart des engli­schen Nerfaffungswesens wäre dies zwar ein unge­wöhnlicher Schritt des Monarchen, aber nachdem er ohne Widerspruch des Parlaments sich in den letzten Jähren so manchen riefgehenden Eingriff in die aus­wärtige Politik erlauben konnte, wird der König Eduard auch nicht davor zurückschrecken, in den Partei- kampf einzugreifen, wenn er es für gut befindet. — Neue Kämpfe scheinen den Engländem in Indien bevorzustehen. Die Unruhen, welche in den letzten Tagen wiedemm aus Afghanistan gemeldet werden, laffen erkennen, daß die englische Herrschaft in Nord­indien noch keineswegs gesichert ist.

Frankreich beschäftigt sich augenblicklich sehr eifrig mit der Frage, ob in ihren afrikanischen Kolonien eine Rekrutierung ihres Heeres möglich ist. In der zu Ende gehenden parlamentarischen Ses­sion scheint man aber eine Lösung der Frage noch nicht herbeiführen zu wollen. Immerhin verdient her­vorgehoben zu werden, daß der Gedanke, die schwarzen Eingeborenen nach Möglichkeit zum Heeresdienste her- onzuziehen, in den maßgebenden Kreisen bereits gro­ßen Anklang geftmden hat.

Spanten dürfte nach den letzten Vorgängen in N o r d ma r o k k o endlich einsehen, daß ein Kolonial­krieg kein reiner militärischer „Spaziergang" ist. Man befürchtet jetzt sogar, und zwar nicht ganz mit Un­recht, daß Sultan Muley Hafid in den Krieg eingrei- fen werde. Welche Pläne die spanische Regierung eigentlich in Marokko verfolgt, darüber herrscht noch völlige Unklarheit. Anscheinend ist es ihr aber darum zu tun, festen Fuß in Nord-Marokko zu fassen.

Wie sehr es auf dem Balkan noch gährt, zeigen die verschiedenen Meldungen, die von Verschwörungen sowohl in Serbien wie in Montenegro berichten Wie- Iveit diese Meldungen auf Wahrheit beruhen, läßt sich bis jetzt freilich noch nicht erkennen, aber immerhin geht aus ihnen hervor, daß dec Wirrwarr auf dem Balkan noch ziemlich groß ist. Die türkische Regierung hat trotz des Protestes der Iungtücken das Gesetz nunmehr veröffentlicht, wonach die Christen zum Heeresdienste berangezogen werden können. Bulya- rien beging dieser Tage den Jahrestag seiner Er­hebung zum Königreich. In Griechenland wird die Aussicht immer geringer, daß die gegenwärtige Negie­rung zum Wohle des Landes längere Zeit am Ru­der bleiben könnte.

wie es scheint, fast ausschließlich dadurch ein getreten, daß die

Kleinbetriebe sehr stack zurückgegangen sind, näm­lich von 62,5 auf 42,2 Prozent. Ob das aber eine irgendwie bedenkliche Tatsache ist, erscheint uns sehr zweifelhaft, sie kann vielleicht sogar als ein Vorteil bezeichnet werden, als eine Folge materiellen Fort- schrtttes, der dem Besitzer ermöglichte, eine oder meh­rere Hilfskräfte einzustellen.

Sicher ist, daß eine große Anzahl von Kleinbetrie­ben zu Mittelbetrieben aufgestiegen ist; denn die Mittelbetriebe find durchweg und überall im Auffteigen begriffen. Gewiß, auch die Großbetriebe, aber da die anderen Betriebsgrößen nummerisch nicht zurückgegangen, sondern auch fortgeschritten find, fo läßt sich daraus schließen, daß das Wachsen der Groß­betriebe an Zahl und Umfang keineswegs auf Kosten der kleineren und mittleren erfolgt. Von deren Auf­saugung und Vernichtung kann also gar keine Rede sein, es läßt sich vielmehr ein erfreuliches Neben­einander der verschiedenen Betriebsformen kon­statieren.

Gewiß gibt es mehrere Industrien, in denen das Kleingewerbe unrentabel arbeitet und sich infolgedes­sen im Abstiege befindet: aber ebenso gewiß gibt es auch wieder andere, in denen es seine volle Berechti­gung hat unb sich eine herrschende Stellung auch be­wahrt. Es ist nun Sache der Gesetzgebung und der Regsamkeit des Mittelstandes selber, nun diese er- fteullche Tatsache dauernd zu machen und immer mehr zu entwickeln

Juni 1907.

Das Programm der sozialdemokratischen Partei beginnt mit dem Satze: „Die ökonomische Entwick­lung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Natur­notwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebes, des­sen Gmndlage das Privateigentum des Arbeiters und seine Produktionsmittel bilden." Nunmehr veröffent­licht das „Reichsarbeitsblatt" eine Reihe von stati­stischen Angaben über die Entwicklung der Klein-, Mittel- und Großbetriebe nach den Ergebnis­sen der Betriebszählungen von 1882, 1895 und 1907. Es zeigt sich daraus, um es gleich vorweg zu sagen, daß die von links ausgesprochenen Befürchtungen und Hoffnungen gewaltig übertrieben sind und daß der Klein- und Mittelbetrieb auch unter den gegen­wärtigen Verhältniflen seine Existenz nicht nur zu behaupten weiß, sondem an Zahl und Bedeu­tung sogar noch zugenommen hat. Zum Beweise besten geben wir aus derLZeröffentlichung einige Da­ten wieder, wobei wir noch bemecken, daß Betriebe mit bis 5 Personen als Kleinbetriebe, solche von 6 bis 50 Personen als Mittel-, solche mit mehr als 50 Personen als Großbetriebe hezeichnet werden.

Zieht man lediglich die in diesen drei Abteilungen beschäftigten Personen in Betracht, so scheint das Re­sultat für die Kleinbetriebe allerdings nicht sonderlich günstig. Die in ihnen gewerbetätigen Personen haben sich nämlich in den Jahren von 1882 bis 1907 von 4 335 822 nur auf 5 353 576 vermehrt, in den Groß­betrieben dagegen von 1613 247 auf 5 350 025, wäh­rend die Zahl in den Mittelbetrieben von 1391 720 auf 3 644 751 stieg. Dadurch ist relativ die Anzahl der gewerbetätigen Personen im Kleinbetriebe von 59,1 auf 37,3 Prozent gesunken, während sie bei den Mittelbetrieben von 18,9 auf 25,5 Pro­zent, und bei den G r o ßb e t r i e b e n von 22 auf 37,3 Prozent stieg. Es erhellt daraus, daß die in das Gewerbe neu eintretenden Personen sich haupt­sächlich dem Großbetriebe zugewandt haben, der von 1882 bis 1907 : 3,73 Millionen ausgenommen hat, während die Mittel- und Kleinbetriebe in derselben Zeit zusammen nur 3,26 Millionen an sich ziehen konnten.

Jedoch diese Zahlen sind noch nicht entscheidend, wenngleich schon sie die Unrichtigkeit des sozialdemo­kratischen Lehrsatzes bartun; es kommt ja nicht nur auf die Zahl der beschäftigten Personen an, sondern für den Mittelstand ist die eutscheidende Frage: wie viele selbständige Existenzen können noch existieren? Die Großindustrie hat natürlich immer mehr Arbeiter und sie braucht auch den großen Zu­strom. Der Handwerker unb Kaufmann aber sagt: kann ich in meinem Geschäft noch leben? 8Hfo muß man die Zahl der Betriebe ins Auge fasten unb da sagt uns die neueste Stastitik, daß alle Arten von Betrieben sich seit 1895 vermehrt haben, auch die der K l e v n betriebe. Diese vermehrten sich in der Zeit von 1882 bis 1907 von 2 882 733 auf 3124 198, die mittleren Betriebe nahmen von 172 715 auf 267 430 zu, die Großbetriebe von 9974 auf 32 007.

Somit machen heute immer noch die kleinen Betriebe 9 1,3 Prozent der sämtlichen Be­triebe aus, die mittleren 7,8 Prozent und die gro­ßen nur 0,9 Prozent. Allerdings war 1882 das Verhältnis noch etwas günstiger für die kleinen Be-

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Deutsches Reich.

(*) Zum Direktor im Neichsversichenmgsamt ist bet Senatsvorsitzende in dieser Behörde, Geh. Regie- nmgsrat W i t o w s k i, und zu seinem Nachfolger als Senatsvorfltzender das ständige Mitglied des Reichs- vecsichemngsamts, Geh. Regierungsrat Dr. Wey- mann, ernannt worden.

♦ Keine Staatsbeihilfe für aviatische Zweckel In den letzten Tagen war in aviatischen Kreisen das Ge­rücht verbreitet, der deutschen Flugplatzgesellschast Johannisthal sei von der Regierung eine Bei­hilfe in Aussicht gestellt worden. Wie die „Post" erfährt, ist dieses Gerücht leeres Gerede. Die be- trtffenbe Gesellschaft erfreut sich wohl hohen Schutzes, aber Staatsbeihilfen werden nur gewährt, wenn nationale Gründe für die Gewährung maß­gebend find. Aber auch üfr die Hebung der deuffchen Flugtechnik werden Beihilfen vorläufig nicht gewährt werden.

+ Korfantys Blätter in Konkurs? Nach brr „Oberschl. Grenzztg.", der die Verantwortung für ihre Meldung überlasten bleiben muß, stehen die beiden Blätter des polnischen Abg. Korfanty in Konkurs. Korfanty gibt die beiden Organe „Polak" und „Ku­rier Schlinski" heraus, bei denen die gesamte Schul­denlast 160 000 Mk. betragen soll, während an Ak­tiven 10000 Mk. vorhanden sein soll.

(*) Der weiße Nachttopf. Der .Vorwärts bringt eine ungemein geschmackvolle Polemik deS Genoffen Kautsky gegen einen Herrn Qnessel, der die verwegene 'Behauptung aufgestellt zu haben scheint, die Lage der Arbeiter habe sich

wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 9. Oktober 1909.

r Auch die deutsche Volkspartei hat nun­mehr ihren Patteitag abgehalten, und darauf in schö- fner Weise über ihr Verhältnis zur Sozialdemokratte und zu Blockgedanken sich geäußett. Besonders stand der Taa in Heidelberg unter dem Zeichen der liberalen Einigung. Auch die deutsche Volkspartei ernannte die Notwendigkeit der Einigung der libe- 'ralen Pattei an, und zwar wünscht sie vor allem, daß die Einigung auf Grund eines freiheitlichen Pro­gramms erfolge und ferner, daß eine Bewegungs- Keiheit der einzelnen Landesorganifationen auch fer- merhin bes chm bleibe. In diesem Programme des Programmes der vereinigten Liberalen stimmt die deutsche Volkspattei also mit den anderen linkslibe- sralen Parteien ziemlich überein, und es wäre daher Iben Liberalen zu empfehlen, nunmehr an die Aus­arbeitung ihres eigentlichen Programmes heranzutre- tzcn Dabei wird sich nämlich Herausstellen, was d,e meisten Linksliberalen auch schon vorher eingesehen haben, daß niemand auf sein bischen Sondernisten und Sondertenntniffe verzichten will, und daß deshalb idas Programm der liberalen Einigung entweder ^überhaupt nicht zustande kommt, oder aber, daß, wenn !es zustande kommt, ihm nur ein kurzes und kümmer- skicheS Leben beschieden sei. Und wie könnte eine flinkslibecale einige Partei bestehen, ohne ihr Pro­gramm Mit anderen Watten, wir können nicht daran /glauben, daß in Deutschland unter den bestehenden tWerhältnisten eine wirkliche und dauernde Einigung ^dieser kleinen liberalen Partei möglich ist.

■ Die ungarische Krisis geht inzwischen den Meg weiter, den alle ungattschen Kttsen zu nehmen spflegen. Es finden unaufhörlich Audienzen der Füh- lrer des ungattschen politischen Lebens beim Kaiser iftntt, ohne daß doch etwas dabei herauskäme. Der (Kaiser hat den bringenben Wunsch, eine parlamen­tarische Regierung in.Ungarn herzustellen, und da eine solche nur mit Unterstützung der einflußreichen Unabhängigkritspattei möglich ist, so ist der Kaiser immer wieder auf den nachgiebigsten der Unabhängig­keitsleute, auf Franz Koffuth angewiesen. Kostuth - ,kber ist zugleich auch der allerunzuverlässigste Patron, Dec in ungattschen Landen sein Unwesen tteibt, und /es kann nicht wundemehmen, daß mit seiner Unter- istützung nichts rechtes zustande kommen will. Wie die s Krisis enden wird, ist auch gar nicht abzusehen, am i wahrscheinlichsten ist, daß auch das neue Kabinett nur seinen Uebergangscharakter haben wird, sodaß die Kri- ssis wieder mal nur verschoben wird.

Ueber die Reise d es Zaren von Ruß- 't c n b nach Italien kann man noch immer nichts Bestimmtes sagen. Allem Anschein nach ist sie aber endgültig ausgegeben worden, sicherlich indes weniger wegen der Krankheit des Zaren, wie offiziös dargestellt °wird, sondem weil die italienische Regiemng nicht bafür garantieren will und auch nicht kann, daß der Zar mit heiler Haut wieder in fein Petersburger Palais zurückkehren würde. Aber auch selbst in seinem Petersburger Winterpalast, der doch sicherlich genug bewacht wird, ist der Zar seines Lebens nicht sicher. So soll noch in den letzten Tagen in dem Palais eine

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Unpolitische Zeitkäufe.

(N.) Berlin, 7. Oktober 1909.

(Nachdruck verboten.)

r Weil man etwas für seine Bildung tun muß, bin sich vorige Woche zum Berliner Flugplatz hin- jausgefahren. Nebenbei konnte man sich da in der Tugend der Geduld üben. Erst eine umständliche Meise in den Osten mittels Straßenbahn, Untergrunb- chahn und Vorottbahn; bann ein Marsch durch die sHcide, bei dem man nicht auf Blumen, aber auf mas­senhaft verstreutem Einwickelpapier wandelt. Nach­dem man viel Staub verschluckt und ein ordentliches Eintrittsgelb von sich ergeben hat, will man doch et­was sehen. Aber das ttefige Flugfeld liegt verödet ba; kein Flieger rührt sich. Ein Stündchen unb' noch länger steht man sich die Beine in den Leib, ohne et­was von dem Flügelschlag eines Vogelmmschen zu wetten. Endlich, endlich rühtt sich da drüben etwas. ,Alle Zuschauer nehmen ihre Glieder zusammen und reißen die Augen auf. Richtig, da hüpft eine Flug- Maschine auf dem Boden hemm. Das Ding möchte Dem in die Höhe, aber es kann nicht. Es bleibt ein Frosch und wird kein Vogel. Wieder eine lange Gwischmaktspause. Dann ein neues „Ah". Jetzt kommt Wittlich einer etliche Meter hoch; er rattert sogar an uns vorbei. Aber wie er die nächste Biegung Macht, geht ihm die Puste aus. Er flüchtet sich wieder an den Busen der Mütter Erde, und wir warten wie­der. Wo bleiben denn die bewährten Matadore? Sie rauchen noch Zigaretten. Endlich bequemt sich einer, seine Maschine der letzten Vorprüfung zu unterwerfen. Der Motor geht im richtigen Takt, die verschiedenen Steuer sind beweglich, der Wind ist günstig, weil es Ungefähr windstill ist. Also entschließt sich der be­rühmte Mann, einen Dauerflug zu unternehmen. Un­glücklicher Weise ist es Nr. 1, der Franzose Henry Barman. Das ist ein Kriecher, ein Schleicher; er hat nämlich die häßliche Gewohnheit, sich immer in I er Höhe von ungefähr 1 Meter über dem Erdboden M$a8 ist Wittlich nicht erhebend. Man der gute Mann könnte über einen SüAHn C? stolpern, und wenn auch sein Motor frÄ ^cifeIt man doch an der Kraft und ^nleW.tt-^Knechflug dauert nun eine lange, fcof t »fr $nt endlich ein zweiter

fTnrt M'0eo9^U0tcr' stine Siesta beendigt.

Lust unb umkreist das Feld in rmsehnliche. Höhe Nun kann man doch die Augen mal ordentlich aufwärts richten. Rougier fliegt und Mgt in einem fort seine Runden ab. Alle zwei bis

drei Minuten kommt er wieder an uns vorbei. Erst folgt ihm der Blick mit Interesse: bann ohne Inter­esse; zuletzt gar nicht mehr. An dem Tage, als ich da war, hat der brave Mann über 2% Stunden lang seine Kreise beschrieben; ich habe das Ende nicht ab= gewartet, sondem habe mich nach Einnahme einer Taffe Kaffee (ziemlich koffeinfrei für 30 H) in das schreckliche Gedränge der Rückfahrt gestürzt.

Soeben lese ich, daß die Neugierigen auf den Flugplätzen von Köln und Frankfurt a. M. auch Geduld und Entsagung lernen müssen. Anschei­nend sind dort die Schicksalsschläge noch ärger. Wir hatten hier wenigstens gutes Wetter, ja sogar ein wunderbar schönes Wetter, was für die Flugplatzge­sellschaft einen Prosit von Hunderttausenden bedeutet haben wird. Und dann muß man den hiesigen Lei­stungen von Rougier und Latham alle Ehre ange­deihen taffen. Das sind offenbar die tüchtigsten Füh­rer der zwei vettchiedenen Systeme. Rougier fährt in einem Zweidecker, den man sich als eine Vereinig­ung von mehreren Kastendmchen verstellen kann. La­tham benutzt einen Eindecker, der richtig wie ein gro­ßer Vogel mit mlsgespannten Flügeln aussieht. Der erstere hat die längste Fahrt, der zweite die schnellste Fahrt geleistet. Die beiden sind auch auf die größte Höhe gekommen. Rougier erhielt dm Höhenpreis^ für einen Aufstieg bis zu 158 Meter; Latham über' trumpfte ihn bann zum Schluß noch mit 178 Meter, wofür er aber keinen Preis mehr erhalten konnte, weil er erst nach Ablauf der Wettbewerbsfrist den Höhen­flug unternommen hatte Auch zu Anfang der Flug- woche hatte Latham ein Kraftstück ohne Aussicht auf Prämie geleistet. Er war vom Tempelhofer Feld, wo er bis dahin Flugvorstellungen gegeben hatte, eines schönm Morgens in aller Sülle aufgefHegen, um über das südöstliche Bettin hinweg nach dem etwa 10 Kilometer entfernten Wettbewerbsplatz bei Adlers­hof zu fliegen. Eigentlich hätte er für diesen Streich in Strafe genommen werden muffen, da die Polizei nur Flugversuche auf ab gesperrten Plätzen gestattet. Klugerweise hat die Polizei ein Auge zugedrückt. Im Gmnde war dieser freie Flug von einem Ende Groß- Berlins zum anbern die wirksamste von allen Leistun- gen. Die Flugmaschine zeigte da ihre Fähigkeit, über Häuser, Straften, Kanäle, Wälder ec. hinweg ein meilmwettes Ziel zu erreichen.

MerdingS fand dieser Ueberlandflug bei günsti­gem Wetter ftaft. Wer weiß, wo der Lathamsche Schmetterling geblieben wäre, wenn ihn unterwegs starke Böen ober ein schwerer Regen betroffen hätte! Die Abhängigkeit der Flieger vom Wetter fft der schwache Punkt. Auch die lenkbaren Luftschiffe kön­

nen nicht jedem Wetter trotzen, wie sich das sogar bei Zeppelin mehrfach gezeigt hat. Doch ist bei ihnen die Wetterfestigkeit viel, viel größer, als bei den empfind­lichen Flugmaschinen, die durch einen kräftigen Wind­stoß zum Kentern und infolgebeffen zum jähen Sturz gebracht werden können. Darum hängt auch der ganze Betrieb auf den Flugplätzen von der Windmes­serei ab, die mit einer zimperlichen Sorgfalt betrieben wird. Eine Maschine, die nur bei ruhigem Wetter einen Flug riskieren kann, ist noch nicht kriegsbrauch­bar. Somit erklärt es sich auch, warum unsere Heeres­leitung zwar lenkbare Luftschiffe mit riesigen Kosten ankaust, aber noch keine Flugmaschine erwirbt. Sie beschräntt sich auf die Unterstützung von Flugver­suchen durch Einräumung von geeigneten fiskalischen Plätzen 2c. Man will eben abwarten, bis sich auf den Versuchsfeldern die Maschinen und ihre Führer soweit vervollkommnet haben, daß ein militärischer Flugapparat es riskieren kann, über die feindlichen Truppen hin und her zu fliegen. Soweit sind wir noch lange nicht; vor diesem Ziele wird noch viel Geld, Schweiß und Blut vergossen werden.

Nun, wenn auch die „Erobemng der Luft" nur langsam und mühselig vorwärts geht, sie geht doch vorwärts, und darüber darf man sich freuen. WaS zuerst wie eine waghalsige Spielerei miSsah, ist jetzt zu einem zielbewußten Streben geworden. Man darf hoffen, daß wirtlich etwas brauchbares und nütz­liches dabei herauskommt, — wenigstens für unsere Kinder oder Enkel.

Trotz aller Fehlschläge und Unglücksfälle bietet doch dieses zähe Ringen nach einem Kulturfortschritt ein angenehmes Bild. Im Gegensatz dazu steht ein anderes Bildchen aus dem modernen Leben, aus das die Nachricht vom Tode des Schäfers Ast die Aufmert- samkeit richtet. Dieser Mann war der weitbekannte Mmberdoktor von Radbruch, der au8 den Nacken- Haaren alle Krankheiten erkennen unb mit drei oder vier harmlosen Kräutern alles heilm wollte. Er hat feine Mitmenschen zwar nicht gesund, aber sich selber reich gemacht. Als armer Teufel fing er an zu ku­rieren, und als Rittergutsbesitzer unb Millionär hörte er auf. Da sitzt so mancher Arzt, der fleißig studiert unb tüchtig sich geübt hat, in seiner öben Stube und wartet vergebens auf die Pattenten, die ihm unb sei­ner Familie bas tägliche Brot bringen sollen. In Radbruch aber strömt e8 in Hellen Scharm zu dem Hause des Schäfers; die Kranken oder deren Abge­sandte kampierten vielfach die ganze Nacht hindurch vor der Schwelle deS Wunderhauses. Ein halbes Tausend Pattenten hat der Mann oft an einem Tage „behandel?', Er brauchte ja auch bloß die Nacken-

Haare zu besehen, eines von seinen wenigen feststehen- dcn Rezepten oder Mitteln zu überreichen und daS Honorar einzustteichen. Wer nicht ganz bemagelt war, mußte doch diese Heilkomödie durchschauen; aber Angst und Aberglauben können die Krankm unb ihre Angehörigen vollständig blind machen. Der große A st ist nun tot, aber zahlreiche Zweige blühen und gedeihen noch an dem Baume der Kur­pfuscherei. Trotz aller modernen Bildung und Kul­tur! Es hilft nichts, wenn man den Leuten sagt:; Dein Körper ist noch viel kostbarer und viel kunswoller, als Deine Uhr, und die kranke Uhr bringst Du doch nicht zu einem täppischen Schäfer oder einer alten Hexe, sondern zum gelernten Uhrmacher! Auch Leute, die sich „aufgeklärt" nennen und über die Wunder in der hl. Schrift nur lästern und spotten, laufen zu einem Wunderdoktor. Unglaube unb Aber­glaube vertragen sich ausgezeichnet, und in dem grü­nen Wald dec vielgepriesenm Kultur gedeihm die Pilze des Blödsinn? unb Wahnsinns vortrefflich.

Ein Freund, mit bem ich ben Zulauf bei Kur­pfuschern besprach, wollte die Sache mit der Schmerz­losigkeit erklären. Er meinte, die Kranken gingen nicht gern zum richtigen Arzt, weil ste die Furcht hätten, er werde schmerzhafte Operattonen vorneh­men, während sie beim Wunderdoktor nur sanfte Trünkchen ober Pillen zu erwarten hätten. Ich er- toiberte aber, baft manche Kurpfuscher ihre Pattentm mit Streichen, Kneten, Zerren usw. recht derbe heirn- suchen. Eine kurpfuschende Frau in meiner Nähe, die jetzt auch schon tot ist, widmete sich mit Vorliebe der gewaltsamen Behandlung von verstauchten, ge­quetschten und gebrochenen Gliedern, wobei sie die stehende Trosfformel anwendete: „Ja, bet geht nich anders; wer bei mir kommt, der muß weenen". Und die Lmte kamen zahlreich. Das Meffer wenden aller­dings die Kurpfuscher nicht an, unb es mag wohl die Scheu vor bem Messer des Chirurgen und bem eigenm Blnwerlust manchen Kmnkm -auf dm Irrweg zum Pfuscher treiben. Immerhin bleibt es noch rätselhaft, warum diese Leute mit ihrem unsinnigen Treiben einen so großen und nachhaltigm Zulauf haben. Ver­nünftige Eltern solltm schon den Keim dieses Aber- glcmbmS bei ihren Kindern bekämpfen, indem sie ihnm flar machen, baft dm kranken Körper nur der­jenige heilen kann, der die Einrichtungen des Körpers und die Wiiksanckeit berj&eümittel gründlich studiert hat, und baft der „Wunderdoktor" nut die eine Kunst versteht, seinen eigenen Geldbeutel auf ben Damm zu bringen. , - ■