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Verlag der Auldaer M» fn

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Fulda, Samstaq den 9. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

Erstes Wlcctt.

□ Hat die Sozialdemokratie ein Recht zu ihrer Steuerkritik?

Wenn man sieht, mit wie vollen Backen die Sozialdemokratie in den letzten Wochen sich bemüht hat, die jüngste Reichsfinanzreform und die an chr beteiligten Parteien herunterzureißen, dann drängt sich fast unwillkürlich die Frage auf: Hat denn überhaupt die Sozialdemokratie das Recht, eme solch' scharfe und einsestige Kritik an den neuen Steuern zu üben? Wir sehen hier ganz davon ab, daß diese Finanzreform einmal wieder Ordnung in die staatlichen Finanzen gebracht, daß sie dadurch das Ansehen unseres Vaterlandes auch nach außen hin wieder gehoben, und daß sie für eine Wieder­belebung unseres Erwerbslebens und damst für eine lohnende Beschäftigung unserer Arbeiterschaft neue Grundlagen geschaffen hat. Man sollte meinen, nach dieser Richtung hin sollte doch jeder Vater­landsfreund auch trotz der Steueropfer die endliche Neuordnung unserer Reichsfinanzen begrüßen! Aber wie gesagt, abgesehen von alledem: Hat die Sozial- demokratie als Partei, sowie ihrer ganzen Stellung nach in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft überhaupt em Recht, sich zum Generalkritiker der neuen Finanzreform aufzuwerfen?

Die Antwort auf diese Frage muß ein glattes Nein sein. Und zwar nach verschiedener Richtung hin. Die Sozialdemokratie ist eine Partei, von der Bebel noch auf dem Nürnberger sozialdemokratischen Partestage vom vorigen Jahre (Protokoll S. 288) sagte:

Wir find prinzipielle Gegner der heutigen Staats« und Gesellschaftsordnung. Wir find aus diesem Grunde Sozialdemokraten. Unsere ganze Tätigkeit ist darauf gerichtet, die bestehende Staats» und Gesellschastsordnang zu »et« Nichten.

Und wenn die Sozialdemokratie in voller Konse­quenz dieses ihres Programmsatzes der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung in jeder Weise die Lebenssäfte und Subsistenzmittel zu unterbinden sucht, indem sie gegen das Staatsbudget stimmt und damit alle Steuern ablehnt, sogar direkte und solche, die der Staat unbedingt notwendig hat für seine so­zialen und Kulturzwecke, dann stellt sich die Sozial­demokratie außerhalb der heutigen Gesellschaft und des heutigen Staates. Wer aber außerhalb des Hauses steht, wer dieses einzureißen nach allen Kräf­ten sogar bemüht ist, derbegibtsich aber auch voll­ständig des Rechtes, innerhalb dieses Hauses mitzureden oder gar hier noch den Weltver­besserer spielen zu dürfen. Eine Partei, die sonst immer betont: „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen", hat nicht die geringste sach­liche Berechtigung, bezüglich steuerlicher Maß­nahmen eben dieses „Systems" den Befferwiffer zu spielen!

Muß man also von dem allgemeinen Standpunkt an?, den die Sozialdemokratie der heuttgen Gesell­schaftsordnung gegenüber einnimmt, ihr die Berech­tigung zu ihrer augenblicklichen Krttikerrolle bestreiten, so erst recht im Hinblick auf die jüngste Reichsfinanzreform. Fragte doch vor eini­gen Tagen noch die radikale „Leipz. Volksztg." (Nr. 213) in einem Artikel zum Streit über dir Erbschafts­steuer auf dem sozialdemokratischen Parteitage?

Seit wann haben wir denn dem bestehenden System Geldmittel zu schaffen? Die Sozialdemo­kratie hat gar kein Interesse daran, daß die Mnanzreform zustande kommt. Sie hat im Gegenteil alles Interesse daran, daß sie nicht zustande kommt, daß der Ftnanzjammer chronisch wird.....

Schließlich ist eine derartige Verweigerung der Ein­nahmen nur eine Konsequenz der Verweigerung der Ausgaben, wie sie durch den Nürnberger Beschluß erst im vorigen Jahre als der Wille der Partei ausgespro­chen ist.

Und der offizielle Interpret des sozialdemokrati- schen Parteiprogramms, „Genosse" Karl Kautsky, wies in einem Artikel? „Zum Parteitag" in der „Neuen Zeit" "(Nr. 50) die „Genossen" an:i

Da ist unsere erste Pflicht die, zu trachten, jede „Finanzresorm", jede Steuererhöhung zu vereiteln, selbst in dem gar nicht in Betracht kommenden Fall, daß sie steuertechnisch vollständig den Anforderungen unseres Programms entspräche.

Also die Sozialdemokratie wollte auch im jüngsten Falle überhaupt keine neue Steuern bewilligen, sie wollte nur, daß „der Ftnanzjammer chronisch" wurde. Kann man eS anders als eine widerliche Heuchelei nennen, wenn sie sich jetzt anmaßt, über die neuen Steuern zu Gericht zu sitzen?

Ja, so wird man vielleicht einwenden, aber die Sozialdemokraten haben doch in zweiter Lesung für die Erbschaftssteuer im Reichstage gestimmt, und wie die Verhandlungen des Leipziger Parteitages ergeben haben, war ein Teil von ihnen bereit, auch in dritter Lesung für sie zu stimmen. Aber aus welchen Grün­den? Etwa auS sachlichen, um eine bessere Finanz­reform zu machen? Gott bewahre! Für die Sozial- demokratie kamen sachliche Gesichtspunkte bei der Reichsfinanzreform überhaupt nicht in Betracht. Schrieb doch in aller Offenheit wieder die „Leipziger Volkszeitung" 7Nr. 192) :!

. . . Daher konnte die sachliche Beurteilung nicht mehr maßgebend sein und mußte die taktische, die politische Beurteilung in den Bordergrund treten. Die erwünschte Sache einer Besitzbesteuerung sollte ja gerade als Köder dienen, um unsere Partei zu der verkehrten Politik zu verführen, einer bankerotten reaktionären Regierung wieder auf die Beine zu helfen. Damit werben die Einfaltspinsel in der Politik immer genasführt, daß man ihnen die rein sachliche Beurtei­lung politischer Fragen einzureden versucht. Politische Fragen sind Fragen deS Klaffenkampfes und dürfen nur von diesem Standpunkte ou3 behandelt werden. ..

Alles war Taktik, bestimmt, es zu einer ReichStagsauflösung zu bringen und einen Fischzug zur Auswetzimq der Scharte bei ben Wahlen vom Jahre 1907 zu machen. Das Partei Interesse ging über alles, und wo dies zum obersten Maß alles Handelns gemacht wird, da hört erst ganz jedes Recht zu einer sachlichen Steuerkritik auf.

Deutsches Reich.

** Berlin, 8. Okt. 1909. Generaloberst Freiherr v. d. Goltz, der bereits Anfang Juli eine vierwöchige Informationsreise nach Kon« stantinopel unternommen hatte, beabsichtigt nach dem .Tacfl am 16. ds. MtS. sich abermals nach der Türkei zu begeben. Generaloberst Freiherr v. d. Goltz hat zu diesem Zweck einen drei­monatigen Urlaub erhalten. — Die Versuche einer drahtlosen Verständigung zwischen einem nach Kamerun fahrenden Woermann- »ampfer und der Station Nauen sind, wie ver- autet, erfolgreich gewesen, so daß die Möglich­keit einer funkentelegraphischen Verbindung mit )en Kolonien gegeben erscheint. Angesichts >er englischen Monopolisierungsbestrebungen auf liefern Gebiete beabsichtigt die Telefunkengesell- chaft, ihr System in weiterem Maße bei Han­delsschiffen einzuführen.

♦* Der Kaiser stattete am Freitag von Sabinen aus dem ermländischen Bischof Blud au in Frauenburg einen Besuch ab.

Staatliche Wohnungsfürsorge. Kürzlich wurde im ,Staatsanzeiger" das Gesetz veröffent« ücht, durch daS der preußischen Regierung zur Verbesserung der WohnungSverhSltnisse von Ar« ' eitern der Staatsbetriebe und gering besoldeten Beamten wieder 16 Millionen Mark zur Der« sügung gestellt werben. Der preußische Staat

hat schon jetzt mittels der ihm burch biese Ge« sehe bewilligten Gelber Tausenbe von Wohnungen sür Angestellte in der Eisenbahn-, in der Bau- und in der Bergverwaltung, sowie im Reffort des Ministeriums des Innern erbaut ober er­bauen kaffen können unb bannt an recht vielen Orten dem Mangel an geeigneten Wohnungen nach Möglichkeit abgeholfen. Ebenso wie der preußische Staat verfährt auch bas Reich. Es hat in ben letzten Jahren alljährlich im Etat des Reichsamts des Innern Millionen von Mark für Förderung der Herstellung geeigneter Klein« Wohnungen für Arbeiter und gering besoldete Beamte in ben Betrieben und Verwaltungen des Reiche-, sowie in ben letzten Jahren auf An­regung bes Reichstags auch in ben Betrieben der Militärverwaltungen ausgeworsen und die bewilligten Summen auch verwendet. Man wirb in ber Annahme nicht fehlgehen, baß ber Etat für 1910 für ben gleichen Zweck Mittel ent» halten wirb.

x Die Gründung eines Reichsverbandes der Postagenten soll, wie bas ,Leipz. Tagebl/ mitteilt, am 10. Oktober in Leipzig erfolgen. Der Zusammenschluß ber bisher bezirksweise or« ganifierten runb 10 000 Postagenten bezweckt bie wirksamere Vertretung ber Standesinteressen, ins­besondere bie Durchführung einer zeitgemäßen Regelung ber Alters« unb Invalidenversicherung, in ähnlicher Weise, wie sie für bie Prioalange- stellten in Aussicht genommen ist.

)-( Zu der Arbeiterentschädigungs-Frage in der Tabak-Industrie geht einer Berliner Korre­spondenz ein Stimmungsbild aus Hamburg zu, welches Überaus charakteristisch für die sozialdemo- kratischen Praktiken ist. Es heißt darin: „In der ersten Woche nach dem Inkrafttreten des Ge- sehe-, mit ber gleichzeitig ber Unterstützungs-An- spruch arbeitslos geworbener Arbeiter ber Tabak- Industrie begann, wurden in Hamburg bei ber zustänbigen Zollstelle 120 Arbeiter als entlassen infolge ber neuen Tabaksteuer angemeldet. Nun gibt, eS dort, abgesehen von den kleinen und weniger in Betracht kommenden Betrieben, etwa 30 Fabriken, für die ungefähr dieselben Voraus­setzungen inbezug auf Produktions-Einschränkun­gen und Arbeiter-Entlassungen vorliegen. Trotz­dem entfielen von den 120 als unterstützungs­bedürftig angemeldeten Arbeitern allein 80 auf eine, unb zwar sozialbemokratische Fabrik. Währenb also bie bürgerlicher Arbeitgeber zu­nächst noch bemüht waren, ihre Arbeiter zu halten unb selbst unter persönlichen Opfern durch Fort­setzung ber Produktion bie Arbeitsgelegenheit zu wahren, hatte bie sozialdemokratische Fabrikleitung nichts eiligeres zu tun, als ihre Pflichten gegen die Arbeiter auf ben Staatssäckel zu schieben, in« dem sie biese zu Staatspensionären machte, bie wenigstens '/«ihres Arbeitslohnes als Unterstützung erhalten. Dieser Fall beweist boch zur Genüge, daß eine automatische Befriedigung aller enge» melbeten Ansprüche auf bie Dauer nicht in Frage kommen kann. Denn sonst müßte ber Entschäbi- gungs-Fonbs eine Höhe haben, die den erhofften ©teuerertrag der ganzen ersten Jahres aufheben würbe."

)( Die Fortbildungs-Schullehrer, die gegen« rofirttg in Danzig tagen, konnten sich über ihre Gehaltsforderungen nur schwer einigen. Schließlich wurde ein Vorstands-Vorschlag ange­nommen, der die schon mitgeteilten Forderungen des Referenten in manchen Punkten bedeutend

herabsetzt. Vor allem wurde es abgelehnt, daß die nebenamtlich beschäftigten Fortbildungs-Schul- lehrer ihr Gehalt an ben Fortbildungs - Schulen mit in die spätere Pension eingerechnet erhalten sollen. Was die gesetzliche Regelung des Fort­bildungsschulwesens, bie sicherlich nicht mehr lange auf sich warten taffen wird, betrifft, so forderte der Referent Reichstags-Abgeordneter Oberbürger­meister Cuno-Hagen die allgemeine Schulpflicht für alle schulentlassenen jungen Leute unter 18 Jahren. Die Schulpflicht müffe sich auf min­destens 3 Jahre erstrecken, unb für die Unter­richtszeit sei zu bestimmen, baß ber"Unterricht ber Pflichtschule nicht nach 8 Uhr abends stattfinden dürfe unb ber Sonntag freizulaffen sei. Von ber vielfach mit Recht erhobenen Forderung, baß bet Religions - Unterricht in den Fortbildungsschulen nicht unberücksichtigt gelaffen werden dürfe, er­wähnte er nichts. Das kann man auch von einem liberalen Oberbürgermeister nicht erwarten.

O Eine Geheimtagung polnischer Sozia­listen. Wie ein polnisches Blatt meldet, fand der zweite Kongreß der Partei der polnischen Sozialisten in diesen Tagen statt. Der Ort bet Tagung wird geheimgehalten, liegt aber wahr­scheinlich in Oesterreich. Ein Vertreter ber beut«' scheu Sozialisten Oesterreichs war zugegen. ES wurde beschlossen, im Falle eines österreichisch- russischen Krieges sämtliche Kräfte gegen Ruß­land zu richten. Der Schulflreik in Russisch- Polen soll weiterhin unterstützt werden.

* Meiningen, 8. Okt. 1909. Die Sozial­demokraten geben zu den bevorstehenden Land- tagsstichwahlen als Parole Stimmenthaltung aus. — Nach dem vorliegenden Gesamtresultat wurden am 4. Oktober Stimmen abgegeben: Bürgerliche 13768. Sozialdemokraten 16590. Die letzteren haben seit 1903 diesmal 6300 Stimmen mehr erhalten.

Ausland.

* Das Kabinett Wekerle will nunmehr selbst die provisorische Weiterführung der Ge­schäfte ablehnen. Wie es heißt, will Wekerle den Kaiser bitten, das Kabinett endgültig zu entlassen. Dadurch würde Kaiser Franz Joseph genötigt werden, auf bie eine ober andere Art eine Lösung der Krise herbeizuführen. Daß bie Unabhängigkeitspartei bie Regierung in Ungarn Übernehmen wirb, wird immer unwahrscheinlicher. In Wien ist man ganz unb gar gegen ein Kofsuth-Kabinett. Diese Haltung ist auch auf den Standpunkt bes Thronfolgers Erzher-og Franz Ferdinand zurückzuführen, ber am Freitag vom Kaiser in Audienz empfangen wurde, und einen Standpunkt in folgender Weise beleuchtete: .Man kann daS Schicksal eines Landes unmög- l ich in die Hände von Männern legen, die jeden Sonntag vor einem anderen Koffuth-Denkmal den feierlichen Eid leisten, die Politik von Koffuths Vater (dem bekannten Revolutionär) zu verwirklichen. Im Falle eines Thronwechsels würde ein Kossuth-Kabinett einfach den Beschluß assen, den neuen König von Ungarn nur in dem Falle krönen zu lassen, wenn er auf bie vollständige wirtschaftliche unb militärische Tren­nung Ungarns von Oesterreich ben Eid ablege, ober man kann auch im Parlament Personal­union proklamieren. Solchen Höflichkeiten batf nicht Tür unb Tor geöffnet werben."

** Der französischen Regierung ist es natürlich höchst unangenehm, daß sich General d'Amade.

Sie weise Frau von Musloe.

25] Original-Roman von O. Elster.

„Ja, Gundokar", sprach die Gräfin mit tiefer, bebender Stimme, „Sie sind Graf Oldensloe und mein Sohn, meines Sohnes Kinder find namenlose Geschöpfe und ich ein lügnerisches, verbrecherisches Weib. . . "

„Oh, sprechen Sie nicht so, Frau Gräfin!" rie ich tief erschüttert und sank in den Sessel zurück, die Augen mit der Hand bedeckend.

Eine Weile herrschte tiefe Stille in dem Gewölbe, unterbrochen nur durch meine hastigen Atemzüge, die ich zu unterdrücken nicht die Kraft besaß. Welche Gedanken mich in diesem Augenblicke bewegten, ich vermag setzt keine Rechenschaft mehr darüber zu geben. Ich dachte an das zerstörte Leben meiner Großmutter, «n das verdüstette Dasein meines VaterS, dem die Slhnung dieses Verbrechens die Ruhe und den Ftte- den, das Glück und die Zuftiedenheit geraubt hatte r- ich dachte auch an die Güte, die Liebe, welche mir in der Familie des Grafen zuteil geworden war an meinen armen, totkranken Freund — und mit einem mol tauchten aus dem Rebel meiner wirren Gedanken das blaffe, erschreckte und geängstigte Gesicht Amal- gundens auf das Wesen, das ich mit tiefer, reiner Leidenschaft liebte, und ich ächzte leise auf.

_ kglt sich die Hand der Gräfin auf meine Schulter und ihre tiefe Stimme sprach:-

Höre mich, Gundokar Oldensloe — denn mit Mefent Namen will ich dich fortan nennen - du M i-dt alles wlffen Ich bin der Lüge müde, ich stehe am Rande des Grabes und will die Lüge nicht mit in dre Ewigk-tt hinubernehmen. Du selbst soM Hann entföeiben, was geschehen soll und muß."

We aus weiter Ferne hotte ich ihre Stimme Ich preßte mich fester in ben Sessel hineta undfaß regungslos va.

„Ich war fejit jung', fuhr die Gräfin fort, „als ich mich dem glänzenden Kavalier, dem Grafen Mn«

dokar Lothar vermählte. Ich liebte ihn schwär­merisch, ich glmrbie an seine Ehrenhaftigkeit, ich ahnte nicht, daß eine schwere Schuld auf seiner Seele lastete und wunderte mich oftmals über seine Ruhelostgkett die ihn von Ott zu Ott ttteb. Ich liebte ein ruhiges' behagliches, schönes Heim und bat ihn mehreremale' Schloß Oldensloezu unserem ständigen Wohnfitz zu nehmen. Mit heftigen Wotten schlug er meine Bitte ab; bis zu seinem Tode habe ich das Schloß nicht betreten. Ich ahnte nicht, welches düstere Geheimnis es barg. Der Gras starb plötzlich an den Folgen eines Sturzes mit dem Pferde. Aber ehe er die Augen auf immer schloß, gestand er mir seine Schuld und beschwor mich, für die unglückliche Edith Maclean Sorge zu tragen. Ich versprach es ihm, ohne jedoch die Größe seiner Schuld zu ahnen. Erst nach seinem Tode erfuhr ich aus diesen Briefen, die er an S gerichtet hatte, daß er mit ihr verheiratet gewesen daß ich keinen Anspruch auf feinen Namen, daß unfet Sohn keinen Anspruch aus fein Erbe hatte - hier sind diese Briefe - lies sie!" M

Ich machte eine abwehrende Bewegung konnte mich nicht überwinden, die Briefe zu nehmen

.ES ist ja auch einerlei", fuhr sie fort, .ob du sie liest oder nicht. Hier lege ich sie nieder — sie gehören dir. Und nun höre mich weiter. Mellttcht findest du eine Entschuldigung für mich. Mein Er­setzen über dieses Verbrechen kannst du dir vorstellen Ich und mein Sohn — wir waren entehrt, wir waren arm — wir waren namenlos, wenn die Tatsache die­ser Heirat befannt wurde. Ich kämpfte mit mir — ,ch wollte alle, der Gnade unseres Fürsten anheimstellm — da kam Marttn, welcher allein um diese Heirat wußte und von jeher ber Vertraute des Grafen oe- wesen war, auch auf den Gedanken, die Täuschung die Lüge forizusetzen. Er wollte dafür sorgen daß die unglüMche Edith von niemanden gesehen in dem alten Schlosse wetterlebe; seine Frau, die er aus Frankreich mitgebracht, werde ihn dattn unterstützen von ber irrsinnigen Edith drohe keine Gefahr ihr Sohn fet bet den Förstersleuten Decker untergebracht die nichts Gewisses von der Heirat wüßten — so werbe jede .Gefahr vennleden, Nach l-mgem Kampfe

mit mtr selbst ging ich auf seinen Vorschlag ein — ich dachte weniger an mich als an meinen Sohn, der ehrlos, der namenlos, in der Welt dasteh-n sollte. Aber ich wollte mehr tun als Marttn, ich wollte bie Sühne ber Schuld auf mich nehmen, ich wollte der unglücklichen Edith eine Freundin, eine Schwester fein, und ich schloß mich mit ihr in das einsame Schloß ein, um fortan mit ihr zu leben. Wie ich gelebt habe, du weißt es! Aber was ich alle die Jahre hindurch gelitten habe, das weißt du nicht. Ich, eine junge, an glänzende? Leben gewöhnte Frau, — ich ver­bannte mich selbst in die Einsamkett, um eine Wahn­sinnige zu pflegen, die meine Sorge nicht einmal er« kennen konnte, die mich in ihrem Wahn für eine Ouä- lcrin, sür ihre Peinigerin hielt, die ganze Schuld an ihrem Unglück trug. — Ich mag nicht darüber spre­chen — fünftig Jahre habe ich eS getragen — meine Kraft ist zu Ende — urteile du, Gundokar Oldensloe, sprich du das Verdarnrnungsutteil . , ."

Ich blickte zu ihr empor. Nicht wie eine Schul­dige, wie eine Heftig«, wie eine Märtyrerin erschien sie mir und ich ergriff ihre Hände, die ich küßte und mit meinen Tränen verletzte.

„Du sprichst mich nicht schuldig?" fragte sie.

„Wer könnte es!" stammelte lch tief erschüttert. „Selbst vor Gottes Richterstuhl werden Sie schuldlos dastehen. . .

Da schlang sie di« Arme um meinen Nacken, ihr Haupt sank auf meine Schulter und sie weinte bit« terlich.

Ich führte sie zu einem Sessel, in dem sie tote ge­brochen niedersank. Ich kniete neben ihr nieder und streichelte liebreich ihr« hageren, weißen Häade, die jetzt so schwach in ihrem Schoße ruhten Es war mir, als kniete ich vor meiner Mutter. Ich konnte ihr nicht zürnen, daß sie die Lüge um ihres Sohnes nul­len auf sich genommen, und empfand tief die Sühne, mtt welcher dieser stolze Geist durch die ihn em'g he- drückende Schmach der Lüge auf sich genommen.

Sie legte ihre Hand auf inrtn Haupt, sah mir tief in die Augen und küßte mich auf die Stint.

„Du bist der Erbe des alten Namens — du bist das Ebenbild des Grafen, deines Großvaters, meine! unglückseligen Gatten. . . was willst du tun?"

„Nichts, teuerste Gräfin", entgegnete ich rasch. „Was würde es mir nützen, Str und alle die Ihrigen unglücklich gemacht zu haben? Mr liegt nichts an bent alten Namen; ich bin in bescheidenen Verhälb- nissen ausgewachsen und in ihnen glücklich gewesen« Wie könnte ich jemals glücklich werden, wenn ich die­jenigen unglücklich sähe, welche ich so sehr liebe?"

„Du liebst uns?" . - .

»Ich schlug die Augen nieder und meine Wangen erglühten. Ich dachte an Arnalgunde. Vielleicht wäre die Stunde günstig gewesen, der Gräfin meine Liebe zu Arnalgunde zu entdecken. Aber hätte es nicht scheinen können, als wollte ich mir jetzt unter den veränderten Umständen das Jawort zu einer Verbindung mtt Amalgunde erzwingen? Einen Augenblick schoß mir dieser Gedanke durch den Kopf, dann schämte ich. mich seiner und ich erwiderter

„Ich liebe Sie und alle die Ihrigen . . ."

H„®ie auch bie Deinigen werben sollen", rief die Gräfin lebhaft aus. „Ich werde dafür sorgen."

„Was wollen Sie tun?"

»Laß mich den Gedanken, der mir gekommen is^ erst reftlich überlegen. Laß mich für dich sorgen, laß mich über dein Leben, deine Zukunft wachen! Ich werbe bir seinerzeit alles sagen -» du bist in dieser Stunde mein Sohn geworden."

Und wieder berührten ihre Lippen meine Stirn.

»Was hast du über deine Großmutter beschlossen?" fragte sie nach einer Weile. Du hast das Recht der Besttmnmng über sie erhalten."

„Ich vettraue sie weiter Ihrer Sorge an, teuerste Gräfin. Die arme Frau könnte nirgends besser auf« gehoben fein. Nur Bitte ich, sie zuweilen besuchen zu dürfen."

„Komm", sagte sie, „du sollst sehen, wie für fle gesorgt ist"

Sie ergriff mick bei der Hand und fühtte mich durch die geheime Tür in das alte Schloß. In dem Archiv kam uns ein alter Mann entgegen, welcher eine Lampe trug.