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Fulda, Mittwoch den 6. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

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Erstes Matt.

Deutscher Reich.

)( Die äußerste Sparsamkeit soll im nächsten Etat zur Anwendung gelangen. Ursprünglich war, wie eine Berliner Korrespondenz an .unterrichteter' Stelle er­fahren haben will, in einzelnen Ressorts der Retchsver- valtung eine Vermehrung von Beamten- stellen mit Rücksicht auf die Vermehrung der Ge­schäfte und aus sonstigen Gründen geplant. Entspre­chende Wünsche werden aber im neuen Etat keine Berücksichtigung finden können. Der Reichs­kanzler hat in einer allgemeinen Anweisung an die Aemter usw. angeordnet, daß Anträge auf Vermehrung und Neueinrichtung von Beamtenst-llen im Situ nicht erst gestellt werden sollen, da die Rücksicht auf äußerste Sparsamkeit solchen Anforderungen entgegensteht. Hof­fentlich richten sich auch die Reichsämter danach.

O Den Beamten - Ausschüssen steht Eisen­bahn-Minister B r e i t e n b a ch augenscheinlich nicht freundlich gegenüber, wie folgender von ihm an die Eisenbahn - Direktionen gerichteter Erlaß be­weist:

.Ich habe Anlaß, erneut daraus hinzuweisen, daß es zu den wesentlichsten Pflichten der Vorgesetzten ge hört, Wünsche der unterstellten Beamten, Hilfsbeamten und Arbeiter, die auf dem vorgeschriebenen Dienstwege mündlich oder schristlich vorgebracht werden, bereitwil- ligst anzuhören und auf ihre Erfüllbarkeit zu prüfen. Bei sorgfältiger Beachtung dieser Bestimmungen seilens der berufenen Stellen wird die ordnungsmäßige Gel­tendmachung berechtigter Forderungen fia «gestellt und das Vertrauen gestärkt, welches zwischen der Vermal- tung und ihren Angestellten bestehen soll. Auch wird dann ein Bedürfnis nicht hervortreten oder anzuerken­nen sein behufs Erörterung von Wünschen der Beam­ten, deren Verhältnisse überall durch Gesetze und all­gemeine Anordnungen geregelt sind, Beamten-Ausschüsse zu bilden."

-r- Die Reichskassenscheine zu 10 Mk. sollen, wie der Staatssekretär des Reichsschatzamtes dem Deutschen Handelstage mitgeteilt hat, künftig auf einem halt­bareren Papier hergestellt werden, das ungefähr die­selbe Stärke wie die im Verkehr befindlichen Reichs­banknoten zu 100 Mk. besitzen wird.

r%- Haußmann und Bebel. Der Führer der süddeutschen Volkspartei, der Abg. Hauß­mann, hat vor einigen Tagen Herrn Bebel in einem offenen Briese ausgesordett, den Ent­wickelungsprozeß der Sozialdemokratie zum Revisionismus zu fördern. Bebet soll darauf dem „großen Kind aus Schwaben" — wie sich der ,Vorwärts" ausdrückt — in einem persönlichen Briefe geantwortet haben, Ißicht öffentlich also. Man kommt deshalb um den Genuß, zu erfahren, wie der greise Sozialisten- häuptling die verstiegene Hoffnungsfreudigkeit des süddeutschen Demokraten auf den festen Boden der platten Realität zurücksührt. Mit handlicher Rücksichtslosigkeit besorgen dies unter­dessen für die Oeffentlichkeit die sozialdemokra­tischen Blätter. Der .Vorwärts" kommt noch- mals auf den Haußmann'schen Brief zu sprechen und nennt ihn ein „naives Geschreibsel", das zeige, „wie wenig selbst die größten Kapizitäten des heutigen sogenannten entschiedenen Liberalis­mus die soziale Entwickelung und die aus dieser herausgewachsene Gedankenwelt des Sozialismus begreifen, wie sie nichts sind als kindliche Illusionäre, von denen uns eine Welt voll grundverschiedener geschichtlicher und politischer Auffassungen trennt und mit denen deshalh auch >ine Verständigung absolut unmöglich ist". Und die Mehringsjünger in der ,Leipz. Volksztg." lassen sich also vernehmen:

Sie weise Mu non Slteitfloe.

22] Original-Roman von O. Elster.

„Rmne mich nicht Mutter in dieser Stunde, denn ich bin nicht deine Mutter", flüstette sie.

Ich glaubte, sie rede im Fieber und suchte sie zu beruhigen.' Doch sie wehrte mir und sagte mit trübem Lächeln: .Du glaubst, ich rede irr? Aber dem ist nicht so, ich bin vollständig bei klarem Verstände. Weder ich bin deine Mutter noch der Franz Decker war dein Vater."

Noch immer glaubte ich nicht an die Wahrheit ihrer Wotte.

.Wer ist denn mein Vater?" fragte ich mit zwei­felndem Lächeln.

.Der Graf Gundokar Lothar von Oldensloe", kam zs wie ein Hauch über ihre Lippen.

Ich sprang auf.

-Ihr redet Unsinn, Mutter!" rief ich. „Wer sollte denn meine Mutter sein?"

.Komm", bat sie mit bebender Stimme, .setze dich dicht zu mir, das Sprechen wird mir schon schwer und niemand braucht zu hören, was ich dir zu sagen habe."

Ich setzte mich wieder zu ihr. Sie ergriff meine Hände und fuhr flüsternd fort:

„Ich habe dir früher von unserem Aufenthalt in oer englischen Gesandtschaft erzähft. Auch der Graf war dott — in einem kleinen schottischen Landstädt- chen, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Vielleicht habe ich ihn auch nie gewußt, er tut ja auch nichts zur Sache. Kurz, der Graf hatte in diesem Städtchen ein Mädchen kennen gelernt, die Tochter eines ein­fachen Pächters eines Meierhofs und hatte eine Lieb­schaft mit chr angefangen. Das Mädchen war dem Grafen zu liebe dem elterlichen Hause entflohen, die Näheren Umstände weiß ich nicht, auch ihres VaterS Namen weiß ich nicht. Der Graf sprach sie mtt Edith M. AlS wir nun aus der Gefangenschaft entlassen tzurhen, kam der Graf au mir und meinem Mann, und

.Ein fkurrieller ^possenhafter) Einfall. Und da sage man noch, es gäbe keine Kinder mehr! Setzt sich der gute Konrad Haußmann, her bekannte Blockführer der süddeutschen „Demokratie", — man verzeihe das hatte Wott — hin und schreibt in der Zeitschrift ,März' an den Genossen Bebel einen „offenen Brief", in dem er ihm gut zuredet, doch Revisionist zu werden und die Pattei aus den „Widersprüchen" herauszu­führen, in denen sie jetzt stecke. — Für eine Operette eine köstliche Idee!"

Also ein „Operettenpolitiker", das ist der Dank! Armer Haußmann!

(?) Die antimilitaristische Agitation der Sozialdemokraten wird gegenwärttg durch zwei Flugblätter vertrieben, die sich an die mili­tärpflichtigen jungen Leute und ar. die vom Militär Entlassenen richten. Sie sind in der Berliner Verlagsanstalt Paul Singer in einer Millionenauflage hergestellt und man kann daraus ermessen, wieviel an Verhetzung durch diese Wische wieder geleistet wird. Den miliär- pflichtigen jungen Leuten wird in dem ersten Flugblatt vor dem Militarismus graulich ge­macht. Was da den Kriegervereinen alles in die Schuhe, geschoben wird, ist unglaublich. Sie werden selbst für die neuen Steuern verantwortlich gemacht. „Durch die Politik der Kriegervereine "ist ein Reichstag gewählt worden, der dem Volke eine unerhörte Teuerung der Nahrungsmittel brachte und der jetzt die neuen Steuergesetze gemacht hat, durch die dem Volke abermals 4Ö0 Millionen Mark neuer Steuern auferlegt sind." — Ein größerer «Un­sinn ist uns wirklich noch nicht zu Gesichte ge­kommen.

+ Der Führer der Revisionisten, Eduard Bernstein,^ wird sich jetzt auf das Drängen der radikalen Genossen hin der praktischen Partei­arbeit zuwenden. Er hat sich für die Stadt­verordnetenwahlen in Schöneberg im 4. Bezirk als Kandidat ausstellen lassen. Da der Stadt­bezirk als ziemlich sicher für die Sozialdemo­kraten gilt, ist es wahrscheinlich, daß Bernstein gewählt wird. Man hofft ihn damit von seiner parteischädigenden „kritischen" Arbeit etwas äbzu- bringen.

-T- Gegen die Nationalliberalen wendet sich die halbamtliche Leipziger Zeitung" in einem Artikel, in dem es u. a. heißt:

Es ist bedauerlich, daß ein Teil der Libe­ralen noch immer die Reichsfinanzreform für die Zwecke einer Agitation benutzt, mit der doch nur der Sozialdemokratie gedient wird. Wenn kürzlich der Führer der nationalliberalen Pattei, Abg. Basser­mann, in einer Mannheimer Versammlung bemerkte, die Reichsfinanzreform sei ein Pfuschwerk, die neuen Steuern seien nut Konsum- und Mittelsinndssieuern, so stimmte das schon nicht recht mit der Angabe des Redners, die sogenannte Steuerhetze der Natwnallibe- ralen solle nicht die Gegensätze vertiefen, sondern nur zeigen, daß es auch bürgerliche Parteien gebe, die für national gerechte Stenergrundsätze einträten, sonst würde die Sozialdemokratie die größte Plattform er­reichen. Die verschiedenen Ersatzwahlen zum Reichs­tage und der Verlauf des Leipziger Sozialiftentages haben aber nach unserem Dafürhalten gezeigt, daß auf diese Weise der Sozialdemokratie nicht der Wind aus den Segeln genommen werden kann. Und wenn die nationalllberalen Führer gleichwohl von ihrer Meinung nicht abgehen wollen, dann sollten sie nicht gar noch der Sozialdemokratie agitatorische Phrasen wie „Psuschwer!" und „Mittelstandssteuern" liefern, nachdem sie ihr schon das Hauplschlagwort von dem „Raubzuge auf die Taschen des arbeitenden Volkes" geliefert haben; was soll dabei herauskommen, wenn nationaüiberale Parlarnentssührer den sozialistischen Agrlatoren die falsche Behauptung bestätigen, daß bte Verbrauchsabgaben meist nur den Arbeiter träfen, daß der Arbeiter den Löwenanteil an den 500 Millionen neuer Steuern zu tragen hätte?

vertraute uns an, daß Edith seine Gattin geworden sei, die Stauung habe in größter Heimlichkeit stattge­sunden und niemand dürfe ttwas von dieser Heirat erfahren. Standesrücksichten veranlaßten ihn zu der Heimlichkeit. Der Graf bat uns, seine Gattin nach Schloß Oldensloe zu begleiten, da er durch andere Pflichten bei seinem Regiment festgehalten würde. Er bezahlte uns diesen Dienst in reichlichster Weise, so daß wir darauf eingingen. Ich habe nie ein solch rei­zendes Mädchen gesehen, wie Miß Edith, wie wir die Gattin des Grafen nannten, und es war gar nicht zu verwundern, daß sich der Graf leidenschaftlich in sie verliebt hatte. Goldblondes, seidenweiches gelocktes Haar umrahmte ein wahres Engelgestchtchen. Die Gestalt war schlank und biegsam, wie eine Weide und doch von einer sanften Fülle, die jedes Männerauge entzücken mußte. Ihr Wesen war still und freundlich, cst aber weinte sie und war so melancholisch, daß man fürchten mußte, sie werde noch tieffinntg werden. Wir begleiteten sie nach dem damals einsam und verlassen tm Walde liegenden Schloß. Nur noch Mattin, der tiertraute Diener des Grafen, der später Packwächter geworden ist, war mit uns.

Im Schloß lebte Edith vollständig zurückgezogen. Wir dursten mit niemand über ihre Anwesenheit spre­chen. Ich allein bediente sie und mein Mann und Martin besorgten den übrigen Haushalt. Der da­malige Oetonomiebirettot wußte allem von ihrer An­wesenheit, durch ihn'empfingen wir die Befehle des Grafen und die reichliche Bezahlung. Ediths Sttm- tnung ward immer schwermütiger. Sie glaubte sterben zu müssen.

In ihrer schottischen Heimat soll ja die Krankheü der Schwermut sehr verbreitet sein. Auch soll es dott Leute geben, denen durch das sogen, zweite Gesicht die Zuttmst eröffnet wird, welche Gabe sie aber halb wahnsinnig machen soll. Diese unselige Gabe schien auch Edich verliehen zu fein, sie wurde wenigstens durch die seltsamsten und traurigsten Ahnungen er­schreckt und geängstigt.

Es war im Winter deS Jahres 1814, als der Graf zum etflenmal nach Schloß Oldensloe kam.

Ob die Leipziger Zeitung" mit ihren Er­mahnungen bei den Nationalliberalen großen Erfolg haben wird, bezweifeln wir.

§ Ein großes Lob hat der neue Kultus- Minister Trott zu Solz der Gesellschaft für christ- liche Kunst gewidmet. Er nahm an dem offiziellen Schluß der Düsseldorfer Ausstellung für christ. liche Kunst teil und hielt im Verlaufe des sich daran anschließenden Festmahls eine längere Rede, in der er seine Anerkennung für das, was in der Ausstellung geleistet wurde, aussprach. Be- sonders erwähnte er die Ausstellung für kirchliche Kunst, die bestimmt gewesen wäre, nach langer Zeki einmal wieder einen Ueberblick über den Stand des künstlerischen Schaffens auf religiösem Gebiete zu geben. Es wäre nur zu wünschen, daß folgende Worte des Kultusministers über die religiöse Kunst die nachhaltendste Beachtung in sämtlichen Künstlerkreksen fänden.

„Die Kunst soll alle Zweige des mensch­lichen Lebens verschönernd und veredelnd durchdringen; aber sie hat doch wohl — und da? zeigen gerade die herrlichen Kunstschätzs des Rhein­landes — in der Darstellung religiöser Vorgänge und in dem Schmuck kirchlicher Bauten vielleicht ihren tiefsten und ergreifendsten Ausdruck gefunden. Fast will es allerdings scheinen, als wenn die monumen­tale Kunst den heutigen Künstlern nicht mehr den­selben Reiz wie ehedem bietet, wenigstens scheint man vielseitig den Mangel an geeigneten Kräften zur Wiederherstellung alter und Schöpfung neuer kirchlicher Kunstwerke zu empfinden. Da abzuhelfen und mit« zuwirken, das scheint mir ganz besonders nach ihrer ganzen Tradition von Peter Kornelius bis Eduard von Bebhardt Aufgabe der Düsseldorfer Kunstakademie."

Diesen beherzigenswerten Worten des Kultus­ministers wird wohl jeder wahre Kunstfreund ohne Vorbehalt zustimmen. Nur wenn die Künst­ler sich ihrer Aufgabe mehr bewußt werden, daß sie vor allem veredelnd auf den Menschen wirken sollen, wird der Kampf gegen die verderben- bringenden und unsittlichen Schmutzbilder mit größerem Erfolge geführt werden können.

** Landtagswahl in Meiningen. Bei den allgemeinen Wahlen zum Landtage wurden 5 bürgerliche und 9 sozialdemokratische Kandidaten definitiv gewählt. Zwei sozialdemokratische kommen mit bürgerlichen Kandidaten zur Stich­wahl. Bisher haben dem Meininger Landtag nur Sozialdemokraten angehört. Im ganzen besteht der Meininger Landtag au3 24 Abgeord­neten. Nachdem jetzt in Meiningen die Schule von der Kirche getrennt worden, dürste der Zeit­punkt abziflehen sein, da die Sozialdemokraten die Mehrheit im Landtage haben und dann wohl auch die Negierung übernehmen werden.

A Die Jungliberalen in Bauern wollen nichts von einer Unterwerfung unter die liberalen Führer wissen. Eine Montag abend in München abgehaltene Ver­sammlung der Jungliberalen verntteilte den Aus­schluß des Abgeordneten Hübsch aus der liberalen Par­tei aufs schärffte, verlangte die Einberufung eines De- legierientages und die Ablehnung der bahe- rischenSteiierreform in ihrer jetzigen Gestalt. Aehnlich sprach sich auch der nationalsoziale Verein München aus.

|] Der Rat des bayerischen Prinzen Ludwig an die Deutschen in Oesterreich, die er in seiner Helmstadter Rede am vergangenen Sonntag zur größeren Einigkeit aufforderte, hat, wie wir es voraussahen, bei den alldeutschen Hetzern starke Verschnupfung hervorgerusen. So bemerkt das Prager Tageblatt:

„Die Aufforderung, treue Staatsbürger und tüch­tige, hervorragende Menschen zu sein, hätte viel rich­tiger die Form einer gerechten Anerkennung der mit

Selbstaufopferung gehaltenen Staatsbürgettreue tit Oesterreich sowie der Tatsache, daß cprch heute noch die Deutschen auf allen Gebieten der Kulturlebens in Oesterreich die führend« Stelle haben, annehmen solle«. Die Warnung aber, daß die Deutschen nicht über di« Grenze schielen mögen, well es Hochverrat sei, ist ein« atte, von den Gegnern aufgebrachte Verdächtigung, die, auS dem Munde deS Prinzen erneuert, die Deut­schen in Oesterreich ungerecht schädigt."

Ach, die armen Alldeutschen! Wie kann man sie auch nur verdächtigen, daß sie gegen di« Habsburger Monarchie sich auflehnten und Hilse vom Deutschen Reiche erwarteten? Hat denr» das.Prag« Sägeblatt nicht dir VkrbroderungS- scene auf dem letzten alldeutschen Kongreß im Gedächtnis behalten, wobei die bekannten Führer der österreichischen Alldeutschen in einer Weise gegen die Habsburger Dynastie loszogen, btt sogar unseren alldeutschen Herren höchst unan­genehm war. Und das heißt doch schon viel.

Ausland.

** Das ungarische Parlament hat in seiner Sitzung am Montag den Beschluß gefaßt, w e i t eie zu tagen, obwohl die Kabinettskrisis noch fort« dauert, ja sich noch verschärft hat. Dies ist um so bemerkenswerter, als es bisher konstitutionelle Go- wohnhett war, daß das Abgeordnetenhaus in kri­tischen Zeiten keine Sitzungen abhielt.

** Die beabsichtigte Stärkung der fron' zösischen Ostgrenze erregt in Elsaß-Loth' ringen nicht geringes Aussehen. Der franzö­sische Kriegsminister beabsichtigt, die Garnison Pont-L-Mouffon, die kaum 12 Kilometer von den Metzer Forts entfernt liegt, bedeutend zu ver­stärken. Es soll in allerkürzester Zeit ein Ba­taillon Infanterie dorthin kommen. — Es fragt sich noch sehr, wieweit diese Nachricht zutrifft. Aber selbst, wenn sie ganz auf Wahrheit beruht, kann sie doch nur Chauvinisten Anlaß zu Be­fürchtungen geben. Ebenso wie wir unsere Grenze nach Möglichkeit stärken, haben auch die Franzosen ein Recht dazu.

•* Die englischen Angstmeier. Wie phantastisch sich selbst in manchen englischen Köpfen, denen matt etwas mehr Sinn für Realpolitik zutrauen sollte das Bild der nächsten Zukunft malt, zeigt eine Red«, die soeben der Generalgouverneur von Kanada, Lord Grey, hiell. Ein Krieg sei für England nahe bevorstehend, und da .müsse Kanada ffil England nicht bloß einen oder zwei „Dreadnoughts" bereit stellen, sondern eine eigene Marine zu seinem eigene« Schutze besitzen. — Lord Grey steht wohl bereits im Geiste eine deutsche Flotte an den Gestadev Kanadas vor Anker gehen. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Kraft seiner Phantasie oder die Größe seiner Angst.

** Trotz der jungiürtischen Proteste gegen die Zu­lassung der Christen znm Heeresdienste ist das Ge­setz über die Rekrutierung der Christen in der Türkei nunmehr in Kraft getreten. Man darf gespannt darauf sein, wie die mazedonischen Christen es aufnehmen werden. Wahrend es früher hieß, daß die in Mazedonien lebenden Griechen, Bul­garen und Serben selbst die Zulassung zum Heeres­dienste forderten, wird jetzt gemeldet, daß die In­kraftsetzung des Gesetzes über die Rekrutierung in der Türkei bei den Griechen dort eine große Be­wegung hervorgerufen und sie zu Maffenabwande- rungen bewogen habe.

** Serbische Liebenswürdigkeiten. Da der Jahres­tag der Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich-Ungarn herannaht, so können sich die lieben Serben nicht enhalten, diesen Tag in ihrer Weise zu begehen, das heißt neue Haßorgieu gegen den großen Nachbarstaat zu veranstalten.

Edith lag krank zu Bett. Ich war Sag >md Nacht um sie beschäftigt.

Der Graf begrüßte sie auch. Aber ich bemerttc sogleich, daß seine Gesinnungen inbezug auf Edith sich sehr geändert hatten. Er gab die strengsten Be­fehle, Ediths Aufenthalt und die etwaige Geburt eines Kindes geheim zu halten. Dann reiste er wieder ab und am Tage darauf wurdest du geboren. . ."

Mit atemloser Spannung hatte ich ihrer Erzählung gelauscht. Als sie jetzt erschöpft innehielt, stieß lch ein rasches „Weiter! Weiter!" hervor.

„Ja, du sollst alles wissen", fuhr sie fort. „Höre nur." Am Tage nach deiner Geburt ließ uns der Oeko- nomiedirrttor rufen. Edith lag an einem heftigen Fie­ber darnieder, wir zweifelten alle an ihrem Aufkommen. Der Oekonomiedirektor eröffnete uns im Namen des Grafen folgendes: Mein Mann sollte Förster in die­sem Revier, damals eines der unzugänglichsten, wer­den, mit einem Gehalt, der dem eines Oberförsters gleichkam. Dafür sollten wir den Sohn Ediths als unser eigenes Kind ausgeben und bei der nächsten Pfarrei anmelden. Wenn Edith, wie nicht zu erwar­ten, genesen sollte, würde man ihr sagen, daß ihr Kind gleich nach der Geburt gestorben sei. Später wollte der Graf noch besser für uns sorgen, wir sollten dann eine Stellung in der Residenz erhalten und sor­genfrei leben können.

Mein Mann ging sofort auf den Vorschlag ein. Ich zögerte, indessen waren die Anerbietungen so ver­lockend, „daß ich schließlich meine Einwilligung gab. Wir zogen in das einsame Waldhaus und nahmen dich mit. Nach einigen Wochen meldeten wir dich als unser Kind bei dem Pfarrer an und du wurdest als unser Sohn auf den Namen Gundokar Decker getauft. Niemand kümmerte sich dämm, wann und wo du ge­boren. Der Graf war ärgerlich, daß wir dir seinen Namen gegeben hatten, aber es war nicht mehr zu ändem."

„Und was wurde aus meiner Mutter?" fragte ich mit bebender Stimme.

„DaS ist das Traurigste an der Geschichte", ent­gegnete sie.,.. Sie genas körperlich von ihrer Krank­

heit, aber ihr Geist blieb zerstört, ebenso wie ihr« Schönheit vemichtet war. Sie lebte in tiefster Ein­samkeit im Schlosse weiter, nur bedient von Martin und dessen Frau. Zuweilen sah ich sie und wenn fic dann ihre lichten Stunden hatte, dann weinte sie herz, zerbrechend und flehte mich an, ich möchte ihr ihren Sohn wieder verschaffen^ den man ihr geraubt. Si« glaubte nicht an den Tod ihres Kindes; sie behauptet« auch, daß sie durch eine regelrechte Heirat mit deinem Vater verbunden sei. Wir hielten das sür krankhaft« Einbildung — denn in Wirklichkeit hatten wir an­fangs die Erzählung des Grafen von seiner heimlichen Vermählung nicht geglaubt — aber mit der Zeit sind mir doch Bedenken aufgeftiegen und ich glaube jetzt auch fest an diese Heirat. Der Martin, der damals in England stets um den Grafen war, machte zuweilen ganz seltsame Andeutungen. Der Martin erhielt auch von dem Grafen alles, was er wollte. Er muß jetzt ein reicher Mann sein, seine Kinder sind alle gut ver­sorgt. — Nun weißt du alles. . ."

„Nein, nicht alles", stteß ich mit halberstickter Stimme hervor. „Meine Mutter lebt noch?"

„Ja — fie ist die „weiße Frau", von der so viel gefabelt wird. Aber sie ist vollständig wahnsinnig."

Mir brannten die Augen von verhaltenen Tränen.

„Und mein Vater?"

„Oh, er lebte in der Residenz und heiratete zwei Jahre nach deiner Geburt die jetzige Frau Gräfin, die ihm ein großes Vermögen zubrachte."

„Und weiß die Gräfin . . ."

„Ich glaube, sie weiß, daß du der Sohn ihres Gatten und der unglücklichen Edith bist. Deshalb lebt fie so zurückgezogen hier int Schloß, um selbst über das Geheimnis wachen zu können. . ."

Erschöpft sank sie in die Kissen zurück und schloß die Augen. Ich wollte fie noch mehr fraßen, aber ich sah, daß ihre Kraft zu Ende war.

„Morgen, morgen", flüsterte fie mit zu, „wem» ich noch lebe. . .

(Fortsetzung folM