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Fulda, Dienstag den 5. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

Und Seietiage. viertel» jährlicher Bezugrprel» ohne Vriugeckohn und veßeLgtld lu Zuida so­wie ouswtoS l^o

verautw. Reda'tem t v.: 2L wetzlerr

kÄlEwdirPeStzerw 28 Pfg, M wieder» Holmgen wirb ttrtfpfc SÄmtt gewährt.

KetetieastaitfjflA Verlag der Mdaer A.

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Erstes Matt.

— Der Kulturkampf in der Schule und die Wahlreform in Preutzen.

In Frankreich und in Deutschland ist gleichzeitig die Schul frage auf die parteipoliti­sche Tagesordnung gekommen.

In Frankreich hatten die Bischöfe einen Hirten- j brief erlassen, der die Katholiken auffordett, ihre Kinder in die freien Schulen zu schicken, wo ihre religiöse Erziehung gesichert ist, und nicht in die Staatsschulen. Die Bischöfe raten also den Eltern, von einem Rechte Gebrauch zu machen, das ihnen von Gesetzeswegen zusteht. Die radikalen Blätter aber finden in dieser Betätigung der gesetzlichen Unterrichts-Freiheit eine „Kriegs­erklärung" und fordern einen neuen Kultur­kampf. Der Staat soll sich das Unterrichtsmono­pol beilegen, d. h. er soll die Kinder der gläu­bigen Katholiken zum Besuche der Staatsschulen und zur Teilnahme an dem glaubensfeindlichen Unterrichte zwingen. Darin kündigt sich eine wei­tere Schwenkung des Liberalismus an, der seine alten freiheitlichen Grundsätze verleugnet und immer Itejer in die kulturkämpserische Gewaltpolitik ge­rät. Jntereffant ist die Bemerkung eines deut­schen liberalen Blatte?, die sranzöfischen Radi­kalen hätten bisher sich gegen das staatliche Un­terrichtsmonopol ablehnend verhalten, aber „nicht rtwa aus instinktiver Abneigung gegen jede Vergewaltigung der Minderheiten, sondern viel« nehr aus heilsamer Furcht vor einem Stim­mungswechsel der Wähler, durch den die Klerikalen in den Besitz der Regierung und somit auch des gesamten Unterrichtes gelangen könnten." Diese heilsame Furcht scheint jetzt überwunden zu werden; wahrscheinlich rechnet man damit, daß der glaubensfeindliche Unterricht schon dafür sor­gen werde, daß es überhaupt nicht mehr eine Mehrheit von christlich gesinnten Wählern geben könne.

Während so die französischen Kulturkämpser auf die Vernichtung des letzten Restes von christ­lichen Unterrichtsanstalten sich rüsten, haben bei uns zu Lande auf der diesjährigen Versammlung des Protestantenvereins offenherzige „Aufgeklärte" eine ähnliche Parole gegenüber unserer kon­fessionellen Volksschule ausgegeben. Der Feld- zugSplan, der dort entwickelt wurde, geht kurz dahin: Die Schule muß vollständig entkirch­licht werden, und zwar hauptsächlich zu dem Zweck, um in der konsessions- und religionslosen Erziehung dem Katholizismus beizukommen. Damit dieser Kulturkampf in's Werk gesetzt werden könne, sollten die Evangelischen ihre konfessionellen Interessen auf dem Schulgebiete fahren lasten, also aus Haß gegen den Katholi­zismus sich den liberalen Bestrebungen nach konsessions- und religionslosen Volksschulen an- schließen.

Die Herren, die da getagt haben, stehen sowohl in kirchlicher, als in politischer Hinsicht auf der Linken. Der Schwerpunkt des Libera­lismus ist aber bekanntlich in neuerer Zeit, unter dem Einflüsse der Jungliberalen und der Frri- flnnigen, sehr weit nach links gerückt. Wenn die nationalliberale Fraktion von heute noch einmal Aber das jüngste preußische Schulgesetz zu ent­scheiden hätte, so würde zweifelsohne manche von den Garantien für den konfessionel->

len Charakter der Schule und den positiven Religionsunterricht keine Gnade mehr finden.

Eine Aenderung der preußischen Schul- poliük in liberalem und kulturkämpferi- sch em Sinne ist der Herzenswunsch des wo- dernen Liberalismus. Das Hindernis für die liberale „Schulreform" ist zurzeit noch die sog. konservattv-klerikale Mehrheit im preußi­schen Abgeordnetenhause. In dem Augenblick, wo letztere gebrochen ist, wird der Kampf um die Seele des Nachwuchses alsbald entbrennen. Daher trat mit der Katastrophe im Reich von 1906/07 sofort der Plan zutage, die Blockpolitik auf Preußen zu übertragen. Die Blockpolitik war nämlich, wie jetzt auch wohl die Begriffsstutzigen eingesehen haben, auf nichts anders gerichtet, als die Selbständigkeit der konservativen Partei zu brechen und dem Liberalismus die Vormacht zu verschaffen. Daher hatte der Liberalismus, so- bald er durch Bülow an die Staatskrippe ge­rufen wurde, keinen dringenderen Wunsch, als die Reform des preußischen Wahlrechts. Zu dem durchsichtigen Zweck, die konservativen Mandate im Abgeottmetenbause zu vermindern, daß eine rein-liberale oder wenigstens eine liberal - sozialdemokratische Mehrheit sich ergebe. Und die erste Aufgabe einer solchen Mehrheit würde die Auslieferung der Schule an den halben und ganzen Unglauben sein.

Diejenigen Staatsbürger, die ihre Kinder im christlichen Glauben erzogen wissen wollen, müffen sich darüber klar fein, was unS im Kultur­kämpfe auf dem Schulgebiete bevorsteht und daß die preußische Wahlreform den Libe­ralen die Macht zur Aenderung der Schulpolitik geben soll.

Deutsches Reich.

D Eine bemerkenswerte politische Rede hielt der bayerische Thronfolger Prinz Ludwig bei einer Denkmalsenthüllung in Helmstadt am Sonntag zur Erinnerung an die Verwundung des Prinzen Ludwig im Jahre 1866. Er kam auf die große deutsche Idee zu sprechen, welche den deutsch-österreichischen Krieg bervorgerufen habe. Durch das Ausscheiden Oesterreichs aus dem deutschen Bunde habe sich das Schicksal der Deutschen in der Donau-Monarchie höchst unheilvoll gestattet. Prinz Ludwig schil­derte nun, wie der Einfluß der Deutschen in Oesterreich immer mehr zurückgedrängt wurde, und fuhr sodann fort:

„Die Deutschen sind dadurch in eine schwere, man möchte fast sagen, trostlose Lage versetzt worden. Was ist da zu tun? Meiner Ansicht nach bleibt den Deutschen in unserer Nachbarmonarchie nichts an­deres übrig, als was allen, die nicht im Deutschen Reiche sich befinden und mit anderen Nationen zu- ammenleben, übrig bleibt, nämlich daß fie fest zu- ammenhalten, eins bleiben, Streitigkeiten, die ja unvermeidlich find, zurückhalten und sich ver­tragen. Ich möchte hier noch etwas anderes daw agen: sie müssen trachten, treue Staatsbürger und tüchtige, hervorragende Menschen zu sein. Dann wird es ihnen wieder gelingen, die Stellung einzunehmen, die ihnen zukommt. Aber etwas dürfen sie nicht tun. Sie dürfen durchaus nicht über die Grenzen chielen; das ist Hochverrat und eine Schädigung aller guten staatstreuen Deutschen in Oesterreich- Ungarn. Es ist auch nicht zulässig, daß von feiten des Deutschen Reiches in die Verhältniffe unserer Nachbar­monarchie eingegriffen wird."

Zum Schluß feierte Prinz Ludwig den Drei­bund, der jahrelang fortbestehen möge, zur Ehre

der Nationen, die in ihm vertreten feien, und zur Wahrung des Friedens. — Diese Rede des bayerischen Prinzen dürfte bei den österreichischen Alldeutschen ein wahres Wutgeheul Hervorrufen. Für sie ist ja vor allem die Mahnung des Prinzen, daß sie ttachten müßten, treue Staats- bürget zu fein. Ihnen wird auch indirekt der Vorwurf gemacht, daß sie an der Zurückdrän- gung des Deutschtums in der Donaumonarchie schuld seien. Aber wir glauben kaum, daß die alldeutschen Hetzer in Wien endlich davon Ab­stand nehmen, „über die Grenze zu schielen". Erfreulich ist es, daß der Vertreter des zweit- größten deutschen Bundesstaates mit nicht miß- zuverstehenden Deutlichkeit erklärte, von fetten des Deutschen Reiches werde nicht in die Ver­hältnisse unserer Nachbarmonarchie eingegriffen werden.

® Bülow soll Belhmann-Hollweg in Rom vorstellen! Der römische Berichterstatter des ,Berl. Tagebl." schreibt seinem Blatte:

„Ein interessanter Artikel des ,Giornale d'Jtalia, besckäftigt sich mit der Romreise des Reichskanzlers v. Bethmann, deren Verschiebung vom November in den Dezember sich aus dem Wunsche erkläre, sie mit der Anwesenheit des Fürsten Bülow in Rom zusammen­fallen zu lassen. Fürst Bülow werde in Rom eine Reihe von Empfängen und Diners zu Ehren Bethmanns geben und bei dieser Gelegenheit den neuen Kanzler mit den italienischen Politikern in persönliche Berüh­rung bringen. Herrn von Bethmanns Romreise werde also, meint das,Giornale' unter der Aegide des Fürsten Bülow statt find en, der gewiflermaßen auch in Zukunft der Schutzgeist der deutsch-italienischen Beziehungen sein werde. Das ,Giornale' schließt seinen Artikel mit dem Hinweis, Herr von Bethmann werde nach seinen Wiener Interviewerfahrungen in Rom wohl derartig zugeknöpft sein, daß ihm selbst der geschickteste italienische Journalist kein Wort entlocken werde. Diese reservierte Haltung Bethmanns werde indessen seinem Besuche nichts von seiner hohen politischen Bedeutung nehmen und seine wohltätigen Folgen für den Zusammenhalt des Dreibundes und für die Herzlichkeit des Verhält­nisses der verbündeten Mächte nicht schmälern können."

□ Die Wiederbelebung des Blocks wird in der,Schlei. Zig/ angeregt. Das gemäßigt konservative Blatt schreibt: „Der Block ist frei­lich tot, aber der Blockgedanke kann deswegen doch in irgend einer Form lebendig bleiben". Nach Ansicht der ,Schlel. Zig.'

„muß irgend etwas geschehen, um von Fall zu Fall eine Vereinbarung zu ermöglichen und das wieder herzustellen, was am Block nützlich und gut war."

Die Schnapsjunker werden von den Parteien der Linken also doch noch für wert erachtet, ihnen von Zeit zu Zeit Vorfpanndienste zu leisten. Ob aber die Konservativen die bei der letzten Etappe der Reichssinanzreform von den Linksparteien inszenierte gehässige Polemik so leicht wieder vergessen werden?

-s- Die „früheren Grundsätze" des Frei- sinns. Am Samstag sand in Berlin die Be­rufungs-Verhandlung in dem Beleidigungs-Pro- zesse derReichsiags-Abgeordneten Mugdan und Kopp sch gegen Franz Nehring statt. Es kam ein Vergleich zustande, der die Kosten beider In­stanzen dem Beklagten auferlegt und eine Zurück­nahme der beiderseitig beanstandeten polemischen Ausdrücke enthält. Insbesondere erkennt Nehring an, daß Dr. Mugdan in der 151. Sitzung des Reichstages vom 6. Mai 1908 nicht davon ge­sprochen hat, daß die freisinnige Partei ihre früheren Ueberzeugungen geändert" hat, vielmehr hat Dr. Mugdan, zu den Sozialdemokraten ge- wandt, sich dahin geäußert: „als wir noch die

früheren Grundsätze hatten — nach Ihrer An­sicht — ist die Sozialdemokratie ebenso über uns hergesallen wie gegenwärtig."

® Eine bodenlose Frechheit leistet sich bei »Tägl. Rundschau" in iyrem Bericht über die jüngste Zentrumsversammlung in Stuttgart, in der bekanntlich die Sozialdemokraten einen fürchterlichen Tumult herbeigeführt haben. Sie schildert nämlich den Schluß dieser Versammlung: „Die Sozialdemokraten fangen die Marsailleise, die Zentrumsleute leisteten sich die Blasphemie, Deutschland, Deutschland über alles!' zu singen!"

)(Zum „Fall Schack"'teilte Schacks Fraktions­kollege Abgeordneter Sattmann in einer Ver­sammlung in Kassel mit, daß Schack, wie auch ein vorläufiges ärztliches Gutachten eines der ersten Hamburger Nervenärzte bestätigte, die fraglichen Briefe nicht im Vollbesitze seiner geistigen Kraft, sondern aus einer krankhaften Schwärmerei heraus verfaßt habe, weshalb man ibn auch nicht moralisch verantwortlich machen könne. . Es werde sich sicher ergeben, daß Schack nicht ein Unwürdiger, sondern ein Kranker sei. An die Niederlegung des Reichstags­mandats werde vor Fällung des gerichtlichen Urteils nichtgedacht, umsomehr, als es anderen Parteien in den Fällen der liberalen Abgeord­neten Seibott, Sartorius und Held gar nicht eingefallen sei, die Niederlegung der Mandate vor Fällung des Urteilsspruchs zu verlangen. — Letzteres stimmt nicht ganz, aber jedenfalls läge es ohne Zwei;'.-! im Interesse nicht nur des Reichstags, sondern vor allem auch der deutsch- sozialen Partei, daß Schack sobald wie möglich sein Mandat niederlegt. Selbst den Fall ange­nommen, daß er für sein Treiben icht moralisch verantwortlich gemacht werden kann. Dürfte ein ge­deihliches Wirken eines so schwer beschuldigten Abgeordneten im Parlamente gut ich ausge­schlossen fein.

+ Heber Wahlterrorismus werden gegen­wärtig in der Berliner Presse schwere Klagen erhoben. Den aktuellen Anlaß dazu geben Die bevorstehenden Neuwahlen zum Landtag in Ber­lin. Die freisinnige Presse beschwert sich über den Terrorismus seitens der Sozialdemokratie, der ,Vorwärts" dagegen erinnert an Fälle des reifinnigen Terrors. — In der Tat ist nicht zu leugnen, daß das aegenwättige Wahlrecht in Preußen zu Wctt ssuffungsversuchen geradezu anreizt. Dem W crrorismus beizukommen ist nur dadurch mögiidi, daß die öffentliche durch vie geheime ©’-mmabgobe ersetzt wird. Wir meinen, der Erfahrungen wären genug ge- ammeli, um die Einsührung der geheimen Stimmabgabe als allerdringlichste Forderung er» cheinen zu lasten.

— Ein Vorschlag zur Güte. Die «Kreuz- eitung" bespricht die Mannheimer Generalver« ammlung des Evangelischen Bundes in einem der bekannten Auslassung der Köln. Ztg." ent- prechenden Sinne und fügt hinzu:

Das Zentrum als tatsächlich konfessionell-katholische Partei ist Unglück genug für den Staat und das Reich. In seinen eigenen Reihen beginnt man bedenklich in üe Zukunft zn sehen, da auf Vie Dauer eine ton» essionelle Partei, namentlich wenn sie eine vnfesstonclle Minderheit vertritt, nur solange lebens- ahig sein kann, als fie fich gegen konfessionelle Be­druckung durch die Mehrheit und durch die Staats­gewalt zu verteidigen hat. Hört dieser Gegendruck auf, o hat eine solche Partei keine politische Existenzberech­tigung mehr. Auf dieser Erkenntnis beruht das aus­sichtslose und innerlich unwahre Bestreben, das Zen-

Sie weifte Frau ton $lhen$loe.

21] Original-Roman von O. Elster.

Ich schicke diese Bemerkungen voraus, um Dir die «folgenden Ereignisse erklärlich zu machen.

Meine Eltern nannten sich der Förster Franz De­cker und seine Frau Christiane.

Der Förster, welcher früher Soldat gewesen war und mit dem Grafen Oldensloe mehrere Feldzüge zu­sammen gemacht hatte, war ein roher, wilder Mensch, bessen breiter, brutales Gesicht ein fuchsroter Bart zur ^Hälfte bedeckte und dessen graugrüne Augen wild unter den buschigen Augenbrauen hervorleuchteten. Seine Frau Christiane war früher Macketenderin bei einem französischen Regiment gewesen. Sie stammte vom Rhein und mußte in ihrer Jugend eine schöne Er­scheinung gewesen sein.

Das Verhältnis, in dem sie lebten, war nicht das beste. Ost kam es zu Zank und Streit und es fielen Worte, deren Sinn ich erst viel später verstehen lernen JoHte. Nach jedem solchen Streit griff der Förster Äur Branntweinflasche und trank, bis er sinnlos be­trunken auf das Bett fiel. Ich fürchtete meinen Vater, jber mich oft hart behandelte und schlug. Meine Mut­ter dagegen liebte ich, denn fie war im Grunde geuom- tnen eine heitere gutmütige Natur und erzählte mir ihrem abenteuerlichen Mattedenterleben manch u*h8e8 und manch schauerliches Histörchen.

*yat mit dem sogenannten Fürstenregiment, Str ben Kontingenten der kleinen deutschen Für- aewes-n^ngesetzt war, in Spanien und Portugal der SlnffaM bamal8 Et Unterstützung der Engländer timentK.9 »«-»Napoleon tobte. In diesem Re- fiS d-r Graf Oldensloe, der Besitzer

Ä* b" Vater des jetzigen Grafen,

' «rschall am Hofe des Herzog» lebt

r®tt3 Fürstenregunent wurde in der Schlacht bei Salmnanca fast ganz aufgerieben. Was nichtmf der Wahlstaü tot oder verwundet liegen blieb, fiel in die d-r Engländer Unter den Gefangenen Wanden sich auch der Leutnant Graf Oldensloe Fran,

Decker und die Macketenderin Christiane. Diese letztere wollten die Engländer laufen lassen. Sie erklärte je­doch, sie wolle ihr Regiment in die Gefangenschaft be­gleiten und die Engländer ließen sie gewahren.

Die Gefangenen wurden nach England gebracht und bort in verschiedene kleine Ortschaften rinquartiert. Graf Oldensloe kam in ein Keines Städtchen in Schott­land, Franz Decker nach Irland, und da die Englän­der nicht dulden wollten, daß Christiane als unver­heiratete Person unter den gefangenen Soldaten lebte, fo entschloß sie sich kurz und heiratete den Korporal Franz Decker, der schon lange um sie geworben hatte.

Das alles erzählte mir meine Mutter — ich hielt Christiane damals noch für meine Mutter —, an den einsamen dunklen Winterabenden, wenn wir eng an einander geschmiegt neben dem riesigen Kachelofen sa­ßen, während der betrunkene Franz Decker schnarchend auf dem Bette lag. Gespannt horchte ich auf ihre Erzählungen und forschte nach, wie sie denn hiehcr in das einsame Waldhaus gekommen seien.

„Ich habe es auch ost bereut", fuhr meine Mutter dann fort, „daß ich mich hier in dieser Einöde habe begraben lassen. Aber ich hoffe ja, nicht immer hier zu bleiben und wenn der Graf Oldensloe nicht so früh gestorben wäre, bann wären wir auch wohl noch mal in die Stabt gekommen."

„Hat Euch der Graf hierher geschickt?"

„Ja, natürlich, wer benn sonst? Er war boch der Herr unb Besitzer. Als der Friede geschloffen war, wurden die Gefangenen nach Deutschland zurückge­schickt. Da trat bann Franz in die Dienste des Grafen und — und wurde hier Förster. Ich war mit ihm ver­heiratet und mußte ihm folgen. So sind wir denn hierher gekommen und hier sitzen geblieben."

„Was war denn der Graf für ein Herr?"

Meine Mutter versank in Nachdenken, bann sagte sie mit einem Seufzer: „O, et war ein lustiger, fröh­licher Herr, al» er jung war. Nur war er leichtsinnig unb leidenschaftlich Er hat in Spanien mehrere Abenteuer gehabt, die ihn in sehr peinliche Lage brach­ten. Auch in Schottland soll ,.. Doch das verstehst

du nicht und es ist am besten, man schweigt darüber. Zu änbem ist ja doch nichts mehr."

Weiter war aus meiner Mutter nichts herauszu­bringen. und wenn ich mich mal in einer vertraulichen Stunde an meinen Vater wandte, blickte er mich wü­tend cn unb befahl mir, zu schweigen.

Ich aber grübelte weiter nach über bie Erzählungen meiner Mutter, ich ahnte, daß fie mehr wußte, als sie sagen wollte, unb meine knabenhafte Phantasie erfand bie kühnsten Märchen unb Abenteuer.

Der Graf Gunbokar Lothar von Olbensloe kam selten auf bas Schloß. Er war vermählt mit Amal- gunde Freiin von Löwenhagen unb lebte mit ihr in bet Residenz in glänzenden Verhältnissen. Schloß Oldensloe war für jedermann unzugänglich; nur in .in Vater unb meine Mutter gingen zuweilen hin, es hieß sie besuchten den Parkwächter Martin, einen Freund und Kriegskameraden meines Vaters.

Alleckei wunderbare Gerüchte über das Schloß wurden erzählt, es hieß, eine gespenstische weiße Frau treibe dock ihr unheimliches Wesen. Wenn ich aber meine Mutter darnach fragte, sagte fie: „Dummes Zeug — das ist die verrückte Frau des Parkwächters Martin, die in dem alten Schlosse urnherspuckt" — unb ich mußte mich mit dieser Antwock zufrieden geben.

Ich wat etwa 12 Iahte, als der Graf Oldensloe starb. Ich erinnere mich noch der prunkvollen Bei­setzung seiner Leiche in dem alten Familienbegräbnis. Ich sah bei dieser Gelegenheit auch zum erstenmal die Frau Gräfin Amalgunde, eine schöne, stolze, ernste Frau, bie ihren einzigen Sohn, ben jetzigen Grafen Lothar, an bet Hand führte. Graf Lothar wat wohl sechs Jahre jünger als ich und ein schönet, schlanker Junge, der mit seinen großen dunklen Augen erstaunt in das Gepränge des Leichenzuges schaute.

Die Gräfin-Witwe nahm einige Zeit nach dem Tode ihres Gatten Wohnung auf Schloß Oldensloe. Wenn die Leute aber meinten, jetzt werde eS lebhafter dock werden, dann sahen fie sich getäuscht. Die Gräfin lebte sehr zurückgezogen, du hast ja selbst ihr Leben beobachten Hanen. So lebte fie von dem Augenblick an, wo fie das Schloß bezogen hatte.

Ich kam bald darauf bei einem Förster in die * Lehre, besuchte später die Forstschule und wurde dann als Adjunft meinem Vater zugeteilt, bet, obgleich er durch seine Trunksucht" fast unfähig geworden war, seinen Dienst zu versehen, dennoch nicht entlassen wurde.

Nach einigen Jahren starb mein Vater plötzlich an einem Schlaganfall.

Ich wurde zum Revierförster ernannt.

Ich war damals ein junger, lustiger Bursche, bet üch um bie alten Geschichten, welche mir meine Mut­ter einst erzählte hatte, nicht mehr tümmede. Ich lebte in bet Gegenwart unb wußte nichts anderes, als daß rch der Sohn des Försters Franz Decker war, wie das ja auch in dem Kirchenbuch unserer Gemeinde stand.

Da wurde ich plötzlich aus meiner Harmlosigkeit gerissen durch das Geständnis meiner Mutter, baß ich ihr Sohn nicht sei.

kränkelte schon feit einiger Zeit. Schließlich würbe sie bettlägerig unb fühlte ihr Ende nahen. Ich liebte bie gute Frau unb wachte bei ihr. Es war eine finstere, stürmische Winternacht; meine Mutter hatte lange Zett regungslos bngelegtn unb schien auf das Heulen unb Brausen bes Sturmes zu lauschen. Ich glaubte, sie schliefe, aber plötzlich seufzte jie tief unb schmerzlich auf unb rief meinen Namen.

Ich eilte an ihr Bett unb fragte, ob sie etwas wünsche. Da ergriff fie meine Hanb unb zog mich zu sich auf ben N-mb ihre» Bettes.

„Ich muß bir etwas sagen, Gunbokar", flüstecke sie mtt heiserer Stimme. „Es brückt mir das Herz ob unb ich will nicht mit einer Lüge in bas Grab fahren. Wäre ein Priester hier, so würbe ich es ihm beichten, aber weit unb breit ist kein Priester zu haben. Mein Geheimnis liegt mir jetzt, da ich vor meinen Gott treten soll, schwer auf der Seele. Du sollst meine Beichte hören."

„Ihr könnt mir alles sagen, Mutter", entgegnete ich, um sie zu trösten. „Bei mir ist Euer Geheimnis sicher aufgehoben."

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