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Fulda, Montag den 4. Oktober 1909.

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a. D.

rische Heer, dürfen die freundlichen Worte angesehen werden, die Kaiser Wichelm in München zu diesem Prinzen gesprochen hat. Mr hegen die Hoffnung, daß dies günstige Vorbedeutungen sind. Ein Entge­genkommen seitens Preußens wird eS vielleicht der Cumberländischen Familie ermöglichen, den in dem Bundesratsöeschluß vom L Juli 1885 geforderten ausdrücklichen Verzicht auf.Hannover ans- zusprechen. Damit würde der unerquickliche Streitfall zwischen Preußen und dem Hause Cumberland besei­tigt werden, und diese endgültige Lösung der braun­schweigischen Frage würde sowohl den Interessen der beiden Fürstenhäuser als mich den Interessen des Rei­ches und der braunschweigischen Landes dienen.

andere wie in Preußen, da durch das letzte Reichsgeseh dem Bundesrat die Ermächtigung erteilt ist, eine Abänderung der Reisekosten-Ent­schädigungen selbst vorzunehmen. Aus diesem Grunde dürfte wohl angestrebt werden, die An- gelegenheit noch vor dem Zusammentritt des Reichstages zu regeln. In Preußen dagegen bedarf es eines neuen Gesetzes, mit dem der Landtag sich jedenfalls in der kommenden Tagung beschäftigen wird. Bei den Reisekosten dürfte die Neuordnung so erfolgen, daß unter Fortfall der Kilometergelder nur die tatsächlichen Auslagen für die Fahrkarte ersetzt werden, wo­bei die Bestimmung über die von den Beamten zu benutzenden Wagenklaffe Vorbehalten bleibt. Durch die letzte Neuordnung der Reisegelder ist die Höhe der Kilometergelder schon auf einen Satz herabgemindert, der einer Benutzung der ersten Wagenllaffe entspricht. Dieser Satz soll aber in Zukunst auch nur dann gezahlt werden, wenn die erste Klaffe tatsächlich benutzt wurde. Die Höhe der Tagegelder ist im allgemeinen nicht bemängelt worden; jedoch dürften diese in Zukunft nur dann in Anwendung kommen, wenn die Benutzung eines Nachtquartiers außer­halb des Wohnortes unerläßlich ist.

— Die Novelle zum Gesetze bctr. Erwerb und Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit hat die Genehmigung der beteiligten Ressorts (Reichsamt des Innern, Auswärtiges Amt und Kriegsministerium) gefunden und wird dem Reichs­tage im Winter zugehen. Die Novelle verfolgt den Zweck, den Deutschen ihre Staatsange­hörigkeit auch zu belassen, wenn sie sich dauernd im Auslande aufhalten. Die vorgeschriebenen Fristmeldungen bei den deutschen Konsulats-Beamten, von denen die Erhaltung der Staatsangehörigkeit jetzt abhängig gemacht ist, werden fortfallen. Frühere deutsche Staatsbürger, die ihre Staatsangehörigkeit aus bestimmten Grün­den verloren haben, iönnen nach der Novelle wieder den Antrag stellen, in den Staats ver­band ausgenommen zu werden, wobei ihnen gewiffe Erleichterungen gewährt werden sollen. Die militärische Dienstpflicht der Auslands-Deut­schen wird neu geregelt; sie können ihrer Dienst­pflicht künftig in der nächsten deutschen Kolonie nachkommen, sofern sie eine weiße Truppe unter­hält. In ganz besonderen Fällen kann auch eine Entbindung von der Dienstpflicht Platz greisen. Frühere Reichsdeutsche, die die deutsche Nationa­lität zurückgewinnen und einer militärischen Dienst­pflicht vor Verlust ihrer deutschen Staatsangehörig­keit nicht unterworfen waren, sind auch jetzt dienst­frei, ihre Kinder werden aber bei der Aufnahme in den deutschen Staatsverband militärpflichtig.

-T- Aenderung der Postordnung. Die Post­ordnung für das Deutsche Reich vorn 20. März 1900 hat durch eine Anordnung des Staats­sekretärs des Reichspostamts vom 26. ds. Mts. einzelne Änderungen und Ergänzungen erfahren. Die wichtigste betrifft die Aufschrift der Briefe. Bisher besagte die Postordnung nur, daß in der Aufschrift der Empfänger und der Bestimmungsort so deutlich und so bestimmt be­zeichnet sein müssen, daß jeder Ungewißheit vor­gebeugt wird. Jetzt ist hierzu der Zusatz ge­macht, daß auf den nach großen Orten gerich­teten Sendungen auch die Straße und die Haus­nummer anzugeben sind; beim Fehlen dieser An­gabe besteht keine Gewähr für „unaufgehaltene" Zustellung der Sendungen. Wir möchten hierzu

23 pfo, del Meder» »abaü gewährt.

«otatkouibrnSm» Verlag derFuldaerw

Deutsches Reich.

** Berlin, 3. Okt. 1909. Dem Oberleutnant

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vschemrr-rrq «r rtmmch« der Sotrn« tttb Feiertage, viertel- Mrlich« vyugrprett el}tte vringerlohn und vesteL-üdwzwda so­wie auswärts 1-50 mt

Der antu». Redakteur LOjlOtlhtl

Heinrich Christian Wilhelm v. Zitzewitz, Kammerherrn und Mitgliede des Herrenhauses, ist die preußische Grafenwürde verliehen worden. — Der Staatssekretär des Reichspostamts Kraetke

X Die braunschweigische Frage.

Die Begegnung zwischen dem Kaiser und dem Hin­zen Emst August von Cumberland ist gewissen Ver­tretern des Deutschtums hart auf Retten gefallen. Die „Vossische Zeitung", Rheinisch-Westfalische Zei­tung', „Hamburger Nachrichten" und „Magdeburgsche Zeitung sehen sich veranlaßt, zum Schutze des gefahr beten Reichsgedankens den Kaffer weg«- Anes freund­lichen Entgegenkommens gegen den welfifchen Prinzen tu tadeln, und erneuern die alte tfotberung, die „un­erträgliche staatsrechtliche Situation des Herzogtum» Braunschweig dadurch zu beenden, daß die I amille Cumberland ein für allemal vom braunschweigi- fdien Throne ausgesch l o s s e n werde. Was da­nach mit Braunschweig geschehen soll wird nicht deut­lich ausgesprochen. Bemeckenswert ist ledoch, daß trte

Vossische Zeitung' daran erinnert, nach dem Tode des letzten braunschweigischen Herzogs Wilhelm 1884 hab' sich B i S m a r ck nur schwer dazu verstanden, die Einsetzung einer Reaentschast in Braunschwig als ein Provisorium anzusehen, die nationale Strömung sei damals stack in der Richtung einer Einverleibung in Preußen gegangen. Die Alldeutschen, die sich auf ihrem letzten Verbandstage mit der braunschweigischen Frage recht eingehend beschäftigt haben, forderten be­kanntlich die Erklärung Braunschweigs zum Reichs­lande, haben aber damit verdientermaßen allseitig nur Ablehnung gefunden. Daß der gegenwärtige staats­rechtliche Zustand Braunschweigs kein idealer genannt werden lann, darüber ist sich alle Welt einig, und so­wohl im Interesse des Reiches wie auch im Interesse des braunschweigischen Landes ist eine Beendigung des gegenwärtigen Provisoriums dringend erwünscht. Aber diese Beendigung darf nur in der Form statffinden, daß das in Braunschweig berechtigte Haus Cumber­land Thron und Regierrmg in Besitz nimmt. Dem Hause Cumberland das SuczessionSrecht ab­zusprechen, wäre nichts anderes als ein G e- waltakt, der auch nicht durch einen Schatten von Recht entschuldigt werden könnte. Und dieses Unrecht würde umso krasser sein, nachdem 25 Jahre hindurch das Recht der Cumberländischen Familie ausdrücklich meckannt worden ist.

Die „Vossische Zeitung' beklagt, daß anscheinend die ganze Angelegenheit „aus dynastischen Gesichts­punkten" geregelt werde, daß „die nationalen Kreise mit tiefem Befremden auf die „übermäßige Huldigung" blickten, die dem dynastischen Recht" er­wiesen werde. Nach unserer Meinung ist das beklagte „dynastische Recht" eines der Grundpfeller der Monar­chie, und es scheint uns, daß zu Unrecht die Leute sich als „national" bezeichnen, die diesen Grundpfeiler stur- zen wollen.

Bisher haben wir die Verneinung des dynastischen Rechts nur als Forderung von Sozialisten und Revo­lutionären gesehen. Wir und mit uns die große Mehr­heit des deutschen Volkes will an diesem dynastischen Recht nicht gerüttelt sehen. Die „Hamburger Nachrich­ten" und mit ihnen die „Magdeburgische Zeitung" plädieren dafür, daß die Familie Cumberland ihr SuczessionSrecht verwickr habe, weil sie nicht auf dem Boden der Reichsversassung treten wolle und deshalb -inen Mangel an „deutschpatriotischer Gesinnung" be­zeige. Man kann demgegenüber auf die Tatsache ver­weisen, daß Herzog Emst August von Cumberland, als er durch Patent vom 18. Oktober 1884 vom Herzogtum Besitz ergriff, dies den deuschen Fürsten mit dem Be­merken anzeigte, er wolle die deutsche Reichsverfas- fung anerkennen. Diese Proklamation ist ein­fach ignoriert worden. Wmn man an die Schuld des welfifchen Hauses erinnert, dann muß man auch so gerecht sein, zuzugeben, daß Preußen eS ihm nach Möglichkeit erschwert hat, sich in die neuen Ver­hältnisse einzufügen. Es scheint, daß in dem Verhalten Preußens eine Aenderung eintreten soll, daß es gegen­über der Cumberländischm Familie Entgegenkommen beweisen will

Als Zeichen der sich anbahnenden Aussöhnung dar der Eintritt des Prinzen Emst August in das bahe-

ist vom Urlaub zurückgekehrt und hat die Dienst- geschäste wieder übernommen.

△ Glückwünsche richtete aus Anlaß der Geburt des dritten Kronprinzensohnes namens d«S preußischen Abgeordnetenhauses Präsident vou Kröcher an den Kaiser sowie den Kronprinzen. Darauf sind von den beiden Dank­telegramme eingelaufen.

)( Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg soll nach Blättermeldunaen am 15. November in Rom eintreffen, und auch dem Vatikan einen Besuch abstatten. Es wird nunmehr so darge­stellt, als ob dieser Besuch deswegen erfolge, weil die deutsche Regierung der Mitwirkung des Vatikans zur Lösung der polnischen Frage sowie wegen der Opposition des Zentrums bedürft. Nach manchen Vorgängen der letzten Zeit glauben wir kaum, daß die preußische Regierung die Absicht hegt, einen anderen Kurs in der Polen­srage einzuschlagen; und was die Opposition des Zentrums betrifft, so ist es doch erstens noch ganz unbestimmt, welche Stellungnahme das Zentrum zu dem neuen Reichskanzler einnimmt. Dann aber weiß man doch aus früheren Vor­gängen, daß sich der Vatikan keineswegs in etwaige Differenzen zwischen der Regierung und dem Zentrum einmischen will. Man soll doch endlich aufhörrn, mit solchen Mätzchen die Zei­tungsspalien zu schmücken.

0 Die Verwendung des Biermillionen- Fonds für arbeitslos gewordene Tabakarbeiter hat, wie die ,9teae Polit. Korrefp/ hört, den be­teiligten Bundesregierungen Veranlassung zu Fest­stellungen über die Lage des Tabakgewerbes geboten. Das Ergebnis der Ermittelungen werde binnen kurzer Zeit bekannt gegeben werden. Schon jetzt darf sestgesteüt werden, daß von einem Darnieder liegen dieses Gewerbes zurzeit nicht gesprochen werden kann. Vielmehr ist gerade jetzt die Beschäftigung außergewöhnlich angespannt, weil die bis zum Inkrafttreten des Gesetzes durch Vorversorgung geräumten Lagerbestände zunächst wieder erseht werden müssen. Wie die Lage sich gestalten wird, wenn dies geschehen ist, läßt sich noch nicht mit Sicherheit übersehen; auch aus diesem Grunde sei besondere Vorsicht bei der Aus­teilung deS Viermillionen-Fonds geboten.

* Gegen Graf Oriola und Freiherr« v. Heyl, die sich in einer am 27. Seplbr. statt- gehabtm Sitzung des Landesausschusses der hes­sischen Nationalliberalen wegen ihrer Gegnerschaft gegen die Erbschaftssteuer rechtfertigten, bei

welcher Gelegenheit auch von „Aufsichtsratspolitik" im Reichstage gesprochen wurde, wendet sich die parteioffiziöse nationalliberale Korrespondenz mit einer Erklärung, in der es u. a. heißt:

„Wir müssen entfliehen Verwahrung dagegen ein« legen, als ob, wie es nach den Berichten klingt, die Fraktion jemals ein herabwürdigendes Urteil über den Fürsten Bülow gefällt hätte. Desgleichen dagegen, als ob der Abg. Baffermann ober die Fraktion den Rück­tritt des Fürsten von seinem Amte durch die November­vorgänge als sicher angesehen hätten, gleichviel welches der Ausgang der Reichsfinanzresorm würde. Das Gegenteil ist der Fall. Unbeschadet mancher Kritik an Einzelfällen ist die Fraktion sich immer über die Be­deutung dieses Staatsmannes einig gewesen und hat nichts sehnlicher gewünscht, al» den Fürsten Bülow im Amte zu halten. (Das glauben wir den Natwnallibe- ralen aufs Wort, denn Bülow war ja ihr guter Freund. D Red) Mit besonderem Behagen kommentieren einige Blätter ein angebliches Wort des Freiherrn von Heyl über die im Reichstage herrschende Aufstchts- ratspoluik. Wir würden keinen Augenblick zögern, die schärfsten Worte gegen eine solche Unterstellung zu saaen. gleichgiltig von wem sie käme, wenn sie sich gegen Mitglieder unserer Partei gerichtet hatte. Uns ist aber von maßgebender, a.t der Darmstädter Ver­sammlung leitend beteiligter Seite erklärt worden, daß eine ähnliche Aeußerung zwar gefallen sei, sich, aber, wie ausdrücklich sestgestellt wurde, gegen kem Mitglied der nationalliberalen Fraktion und Partei gerichtet habe."

Es wäre interessant zu wissen, wen Freiherr v. Heyl hierbei im Auge hatte.

Zu dem Entwurf der Reichsversicherungs- ordnung haben am Freitag in Berlin die Der- tretet der deutschen Betriebskrankenkassen unter Vorsitz des Direktors Justizrats Wandel Stellung genommen. In einer Resolution sprachen sich die Herren gegen eine Beschränkung der gesetzlich gewährleisteten Selbstverwaltung aus und for­dern die Beseitigung der Bestimmung, die eine Verschmelzung eines Teils der Betriebs­krankenkassen mit den Ortskrankenkassen herbei- führen soll. Eine andere Bestimmung zur Re­gelung des Verhältnisses der Krankenkassen zu den Aerzten und Apotheken wird als nicht aus­reichend erklärt. Mit der freien Apothekerwahl waren die Vertreter auch nicht einverstanden. Sie wandten sich auch dagegen, daß eine Er­höhung der Ersatzleistung bei Uebernahme von Heilverfahren durch oie Unfall-Berufsgenosfen- schasten und Invaliden-Versicherungsanstalten eintreten soll. Da auch d.e Ortskrankenkassen sich schon gegen den Entwurf der Reichsver­sicherungsordnung ausgesprochen haben, hat die Reichsregierung mit einer starken Opposition zu rechnen. — Mit derselben Angelegenheit be­schäftigte sich am Freitag in Düsseldorf die nord­westliche Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller. In einer Resolu­tion wurde die Hoffnung ausgesprochen, daß die schweren, gegen den genannten Entwurf geltend gemachten Bedenken in seiner ^Neubearbeitung Berücksichtigung gesunden haben oder finden werden.

[] lieber eine bevorstehende Neuordnung der Reisekosten und Tagegelder der Beamten im Reiche und in Preußen schreiben Berliner Blätter: Sowohl im Reichstag wie im preußi- scheu Landtag sind die erheblichen Aufwendungen des Fiskus durch die Dienstreisen der Beamten zum Gegenstand der Erörterungen gemacht. Und in den Reichsressorts sind bei den letzten Etats­beratungen Dispositionsfonds, aus denen Reise- kosten bestritten werden, durch den Reichstag herabgesetzt worden. Die Neuordnung der ein­schlägigen Bestimmungen ist aber im Reiche eine

Sie weise Fm m Sltoloe.

20} Original-Roman von O. Elster.

Sonst enthielt das gewölbackige Gemach nur einige alte, halbverfallene Lehnstühle und ein Reposttortum, auf denen alte, verstaubte und vergilbte Wenbündel logen. Es war augenscheinlich, daß dies« Raum das eigentliche Schloßarchiv darstellte, von dem mir Lothar gesprochen hatte. Der geheimen Tür gegenüber öff- (nete sich ein breiter Eingang, der auf einen düsteren Korridor mündete. Neugierig und erstaunt sah ich mich in dem eigenartigen Raum um.

Die Alte kicherte und lachte.

«Ja, die böse Frau glaubt, ich kenne ihr Geheimnis nicht. Aber ich habe alles ausgespäht. Hier verbirgt ,bit böse Frau ihre Schätze und hier die Schriften, in denen ihre Z-mbrrsprüche stehen. O, ich weiß alles, und wenn mich der alte Mann nur herausließe, dann sollte die böft Frau auch an den Galgen — ja an den Galgen sollt, sie, well sie Dich mir gestohlen hat. Siehst Du, da sind ihre Zaubersprüche."

Mt diesen Watten öffnete sie den alten Schreibtisch tmd zog ein Bündel Papiere heraus.

„In diesen Schttsten hat die böse Frau ost gelesen," fuhr sie geheimnisvoll flüsternd fort, „erst neulich noch, ehe Du tu den Turm kamst Nimm die Papiere, dann ist sie machttoS und kann nicht mehr zaubem. —'

Sie drängte mir die Papiere auf und ich warf neu» tziettg einen Blick auf dieselben. Es waren mehrere Pakete. Auf dem einen stand: „Bttefe meines Man­ner an Edith. — Nach meinem Tode ungelesen zu ver­brenne«. Amalgunde. Gräfin Oldensloe." Auf dem zweiten stand mit einer Männerhandschttst: „Nach Tod« ungelesen zu verbrennen. Amalgunde, Gräfin Oldensloe." Auf dem zweiten stand mit einer Männechandschrist: „Nach meinem Tode meinem Sohn Gundokar zu Übergeben. Gundokar Decker, Revierför­ster. Darunter hatte eine andere Handschrift gefchne- den: „Auf Befehl der Frau Gräfin beim Tode de- Revierförsters Decker an mich genommen und der Frau Gräfin Übergeben. Bickett, Oberförster

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Ich erkannte die Handschrift meines Vaters, ich wußte, daß meine Mutter sich stets gewundert hatte, daß mein Va­ter kein Testament, keinerlei Aufzeichnungen hinterlas­sen habe, da er doch oft davon gesprochen — und hier — hier hielt ich die Aufzeichnungen — vielleicht fein Testament — in der Hand, die mir, seinem Sohne, nach feiner eigenen Bestimmung Überliefert werden fetten.

Weshalb hatte man diese Papiere beschlagnahmt? Mit welchem Recht hatte die Gräfin mir di« Auszeich­nungen meines Vaters vorenthalten, die mein recht­mäßiges Eigentum waren?

Ich stauch vor einem Rätsel. Aber ich war ent­schlossen, daS Rätsel zu lösen und mein Eigentum — die Aufzeichnungen meines Vaters — mir nicht wieder nehmen zu lassen.

„Wissen Sie, waS in diesen Briefen steht?" fragte ich die Alte.

„Sein, nein,“ kicherte sie. „Ich kann die Zauber- sprüche nicht lesen, Du sollst sie lesen . . .'

„Diese hier werde ich lesen," entgegnete ich.

In diesem Augenblicke erscholl in dem finsteren Gang ein lauter Ruf. Die Alte schrick zusammen.

„Er ruft mich,' flüsterte sie ängstlich. „O, er ist eben so döse, wie die Frau ... ich muß fort — et darf Dich hier nicht scheu — morgen komme ich wieder . . .'

Damit ergriff sie die Lampe und eilte hinaus, die Tür hinter sich schließend.

Ich stand im Dunkeln und lauschte eine Weile atemlos. Mit wat es, als ob ich das Schelten einer tiefen männlichen Stimme und ba8 schrille Aufschreien der Alten hörte. Dann wat eS totenstill.

Ich bebte vor Aufregung übet dieses nächtliche Abenteuer. Ich glaubte geträumt zu haben, aber noch hielt ich die Papiere in der Hand. Endlich zündete ich ein Streichholz an und leuchtete mich in die Bib­liothek zurück Dann nahm ich die Lampe und trat wieder in das Archiv.

Die Briefe des Gatten bet Gräfin und einige an­dere Papiere legte ich an ihren alten Platz, aber die Aufzeichnungen meine» Baiers nahm ich mit

Ich versuchte die geheime Tür zu schließen. Ich suchte nach der Feder, sie war nicht schwer zu fin­den; ich drückte darauf, und mit einem dumpfen Ge­polter schloß sich die Tür, die so genau in die Mauer paßte, daß man keine Spur einer Furche entdecken konnte.

Und dann setzte ich mich zitternd vor Erregung an den großen runden Tisch. Die Aufzeichnungen mei­nes Vaters lagen vor mir; noch waren sie mit einer Schnur umwunden, die mit dem Wappen der Gräfin versiegelt war. Unter dem Siegel stand mtt ihrer Handschrift: Rach meinem Tode uneröffnet zu ver­brennen. Amalgunde, Gräfin Oldensloe.

Hatte ich ein Recht, dieses Siegel zu erbrechen? Ja, ich hatte es, das Recht, eS war mein Eigentum, was mir bislang widerrechtlich vorenthalten worden war.

Mtt entschlossener Hand löste ich Siegel und Schnur, ich fand ein sauber geschriebenes Heft von der mir bekannten Hand meines Vaters überschrieben:

„Das Geheimnis meines Lebens.'

"llnd ich las und las, daß mir die Hugen brannten und die Wangen glühten, ivaS ich hier wörtlich fol­gen lasse:

„Mein lieber Sohn! Rach meiner Bestimmung gehen Dir diese Aufzeichnungen erst nach meinem Tode zu, well ich Deine Jugend nicht mtt einem Geheim­nis beschweren wollte, welches mir das Leben verbit- tert und mich zu dem mürrifchm Mann gemacht hat, unter dessen Launen nicht nur Du, sondern auch Desiie Mutter leiden mußte. Ich weih es wohl, daß Ihr darunter littet, ost nahm ich mir vor, mich zu ändern, doch war der Gedanke an dieses Geheimnis meine» Daseins stärker als mein Wille und stürzte mich immer wieder in meine mürrischen Launen zurück

AndererfeitS wollte ich nicht, wie e» Deine Mutter wünschte, daß das Geheimnis mit mir ins Grab sinke. Du solltest e8 wenigstens kennen lernen, sei eS auch nur, um Deinen Vater richtiger beurteilen zu lernen. WaS Du mtt diesem Geheimnis beginnen willst, ob Du versuchen willst, den Schleier vollständig zu lüsten, ob Du « der Vergessenheit anheimfallen taffen willst, sei Dir allein überiaffen. Ich kann nicht wissen, unter

welchen Umstanden Deines Lebens Dir diese Papiere in die Hand« kommen; vielleicht bist Du noch ein Jüng­ling, von leidenschaftlichem Ehrgeiz gequält, vielleicht bist Du schon ein reifer Mann, der eingesehen hat, daß äußere Umstände das Glück eines Menschen nicht be­stimmen. Dann wich Du vielleicht, ebenso wie ich es nach schweren inneren Kämpfen getan habe, darauf

et-, .en :n Schleier zu lüsten, wich Vergangenes vergangen sein lassen und Dich mit der Gegenwart ab­finden. Ich gebt Dir in dieser Sache keinen Rat, handle nach Deinem Ermessen.

Und nun zur Sache!

Ich bin in demselben einsamen Waldhause aufgv» wachsen wie Du. Meine Kindheit vechoß in ähnli­cher Weife wie die Deinige, nur darfst Du nicht den Unterschied vergessen, dm die Reihe von Jahren, die zwischen meiner und Deiner Geburt liegen, bedingt.

Meine Geburt fällt in das Jahr 1814, die Deinige in das Jahr 1850, mehr als ein Menschenalter liegt zwischen Deiner und meiner Geburt und diese Zett hat manche Derändemng mit sich gebracht. Zur Zett meiner Geburt war der Wald, der Schloß Oldensloe umgibt, noch weit ausgebreiteter und wilder. Eine rationelle Forstknltur kannte man nicht, der Forst glich mehr einem Urwald, den nur wenige, im Winter fast ungangbare Wege durchschnitten. Zur Winterszeit waren wir 8 Wochm lang von jedem Verkehr abge- schnitten, selbst in das nächste Dorf, in das unser Haus eingriffarrt war, kamen wir dann selten. Zu uns heraus kam niemand als der Waldbeger oder einige Waldarbeiter, die sich mühsam durch den Schnee kämpf- ten.

Diese Verhältnisse bedingten es auch, daß die SBoi* gänge in unserem Hause oder in unserer Familie erst spät an die Oessentlichkeit gelangten, und z. B. meine Geburi erst nach einigen Wochen bei dem zuständigen Pfarramt angezeigt wurde. Man kümmerte sich damals nicht so eingehmd wie jetzt um die Ereignisse In einer Familie. Jemand konnte fterben ober es konnte ein Kind geboten werden, ohne daß sich Dottoren, Bürger­meister und Pfarrer viel darum kümmerten, namentlich in einer solch einsamen und wilden Gebirgsgegend, wie eS unsere Heimat war. (Forisetzung folgt.)