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BotatkoosdrAamtd Verlag der Fuldaer 2d> üendruckerei in Kllda Fernsprecher Ur.L

Fulda, Samstafl den 2. Oktober 1909.

36. Jahrgang.

M 226.

Gvstes W^crlt.

Die Aussichten für eine deutfch- englifche Flottenkonvention.

Vor wenigen Tagen hat der englische Ministerprä­sident Asquith seinem Schauern darüber Ausdruck gegeben daß die von England ausgegangenr An­regung ein Abkommen über die Beschränkung der Mot- tenrüstungen mit dem deutschen Reiche einzugehen, biet keine Gegenliebe gefunden haben. Wenn er hätte ehrlich sein wollen, hätte er hinzufügen muffen, daß feine Regierun g zu einem guten Teile selbst üaran die Schuld trägt. Eine Verständigung über Rüstungsfragen setzt einen Zustand des Friedens und

Vertrauens voraus, und insbesondere dem schwä- ' sn Kontrahenten, der in diesem Falle Deutschland tann es nicht verdacht werden, wenn er vorher wirksame Garantien fordert, damit er nicht am Ende der betrogene Teil sei. England durfte sich also nicht darauf beschränken, auf eine allgemein gehaltene und zu nichts verbindende Initiative zu einem Flottenab- kvmmen, sondern mußte daran den Beweis knüpfen, daß e8 mit dem Abkommen wirklich nur friedliche Ab­sichten verfolge. Daran zu glauben, wird aber immer schwerer. Peinlich hat es berührt, als die liberale Regierung, dem Angstgeschrei der Hetze gegen Deutsch­land »achgebend, .die außergewöhnliche Ausdehnung des Flottenbauplanes forderte. Damit hat sie jenen Leuten Recht gegeben, welche in dem Wachsen der deutschen Motte eine Lebensgefahr für die englischen Interessen eMicken, obwohl doch kein Verständiger darüber int Zweifel sein kann, daß die englische Motte der deutschen unvergleichlich überlegen ist. Ein kun­diger Prophet hat bereits dm Termin des dmtschen Angriffs auf das Jahr 1312 festgesetzt. Am Ende des Jahres 1912 wird England 16 Dreadnoughts und 4 Juicibles gegen Deutschlands 10 Dreadnoughts und 3 Jnvicibles besitzen. Damit wird sich, ganz abge- sehm von her übrigen um vieles stärkeren englischen Seemacht ein deutscher Angriff doch mit leichter Mühe abwehren laffen. Wenn die englische Regiemng auf eine friedliche Verständigung mit Deutschland Wert legt, so toirb man an sie auch das Ersuchen richten dürfen, her deutsch-feindlichen Hetze etwas nachdrück­licher entgegenzutreten.

Besonderer Anlaß liegt dazu vor, wmn die Hetze । jetzt dazu übergeht, mich andere Völker in einen Gegm- sich und wenn möglich in einen Kampf mit Deutsch­land hineinzutreiben. Am 18. September hat Lord Beresford, der bekannte Agitator der mglischm Flotte in Rewhock, eine vielbeachtete Rede gehalten, in der er offen einen Zusammenschluß der englisch sprechenden Völker zur Sicherung des bedrohte« Friedens das Wort redet. Ohne daß der Name eines bestimmten Landes von ihm genannt wurde, ging aus seinen AuS- ßrangen doch aufs klarste hervor, daß er die Be­hang des Friedens auf deutscher Seite fleht. Sein Plan, in einem Kriege gegen Deutschland Amerika an der Seite Englands zu sehen, findet erfteulicher Weise tu bet amerikanischen Presse wenig Gegenliebe. Aber i e« ist doch schon bemerkenswert genug, daß mitten im Frieden derart von Angehörigen eines Volkes gegen lebt anderes gehetzt werden darf. Die englische Regie­rung hätte wirklich alle Veranlassung, deutlich zu er­klären, daß sie diese Hetze mißbilligt. Aber davon er­fahren wir leider nichts. Wenn England friedliche Absichten verfolgt, so darf auch gefragt werden, warum er sich io energisch dagegen wehrt, auf das ©erbeute» recht zu verzichten, während fast alle anderen Staaten sich dagegen erklärt haben. Darf man daraus nicht feen Schluß ziehen, daß England Waffen in der Hand behalten will, um den unbequemen Wettbewerb des deutschen Handels einmal gründlich beseitigen zu kön­nen? All das beutet nicht darauf hi», baß es England mit einer Flottenkonvention auf der Grundlage des Friedens und her Gleichberechtigung sonderlich ernst

wäre. Rur unter dieser Bedingung aber kann für Deutschland ein Abkommen disputabel werden.

Gewiß hat die englische Regiemng ein Interesse daran, die wachsenden Ausgaben für die Flotten- rüstungen zu beschränken, um dadurch die verfügbaren Mtttel für andere Aufgaben, vor allem für die Durch- fühmng der Sozialpolitik, frei zu bekommen. Aber das kann für uns doch nicht Veranlassung fein, einem Abkommen beizustimmen, bei dem wir den schlechteren Tausch machen würden. Grundsätzlich stehen wir dem Gedanken einer gegenseitigen Beschränkung der Flot- tenrüstungen durchaus sympathisch gegenüber. Wenn England Vorschläge machen kann, welche für beide Teile gleich günstig sind, und diese Vorschläge ht einer Form ausgestaltet, baß sie eine sichere Bürgschaft des Friedens sind, bann sind wir gewiß, baß die über­wiegende Mehrheit des deutschen Volkes diese Vor­schläge gerne annehmen wird.

Deutsches Reich.

△ Em dritter Sohn des Kronprinzenpaares. Die Kronprinzessin ist Donnerstag abend gegen 10 Uhr von einem Prinzen glücklich entbunden worden. Der Kronprinz, der sich zurzeit nicht in Berlin befand, wurde telegraphisch von dem freudigen Ereignis benachrichtigt. Der erste Sohn, Prinz Wilhelm, wurde am 4. Juli 1906, der zweite, Prinz Louis Ferdinand, am 9. No­vember 1907 geboten. Der Kronprinz, der von Allenstein Über Berlin gegen Mitternacht erwartet wurde, traf verspätet gegen 3 Uhr 30 Minuten im Marmorpalais ein. Die Kaiserin verweilte von 10 Uhr abends bis zur Ankunft des Kronprinzen bei der Kronprinzessin und begab sich gegen 4 Uhr morgens ins Neue Palais. Die Kronprinzessin und der Prinz befinden sich wohl. Aus Anlaß der Geburt des Prinzen wurden Frestag vormitag im Lustgarten von einer Batterie des 1. Gathe-Feldartillerie- Regiments 72 Salutschüsse abgegeben.

** Berlin, 1. Ott. 1909. Der Reichskanzler v. Beihmann-Hollweg ist heute wieder in Berlin eingetroffen. — Gouverneur Freiherr v. Rechen­berg, der am 12. September 1906 in Daressalam die Geschäfte übernommen hat, wird nach der ,D.-Ostafr. Rundsch.' am 19. Dezember einen mehr­monatigen Heimatsurlaub antreten und im Mai nach dem Schutzgebiet zurückkehren.

•+■ Die Steuerpflicht des Reichsfiskus. In der Presse ist gemeldet worden, daß dem Reichs­tage im Winter ein Gesetzentwurf über die Be­steuerung des Reichsfiskus zugehen soll. Wie Berliner Blätter hören, trifft dies nicht zu. Es steht noch nicht fest, ob und wann ein solcher Entwurf dem Reichstage zugehen wird. Ein Entwurf betreffend die Heranziehung des Fiskus zu den Kommunalsteuern bei An­lage von Staatsfabriken, bei Austeilung von Forstgrundstücken, betreffs Heranziehung zur Tra­gung von Schulleistuugen für Gemeinden, die Schulen für Kinder von Arbeitern benachbarter ©taatSroerfe, wie bei Kiel, Wilhelmshaven unter­halten, wird zwar vorbereitet, doch wird er für das Rechnungsjahr 1910 noch nicht in Erschei­nung treten.

0 „Taktische Maßregeln im Jntereffe des Liberalismus." Die „Franks. Zig." erhält fol­gende Zuschrift auS Oldenburg: ■

„Der jetzige Stadtdirektor Koch von Bremerhaven war bis zum Frühjahr Bürgermeister von Delmenhorst und Mitglied des oldenburgischen Landtages, ein Füh­rer der Liberalen und eine ganz hervorragende parla­mentarische Kraft. Beim Uebergange in den anderen BundeSstaat erwartete man seine Mandaisabgabe. Allein et ließ nichts davon verlauten. Daraufhin hieß es bereits, Heu Koch werde auch noch als Bremer­havener Stabtblrettor sein oldenburgisches Mandat ausübe«, und man stellte lange Betrachtungen über die

Rechtsgrundlage an, die aber ungeklärt blieb. Die Sache lag viel einfacher: Kochs Zögern war eine tak­tische Maßregel im Jntereffe deS Liberalismus. JA Delmenhorster Landtagswahllreise herrscht die agra­rische Majorität. Koch suchte seinen Anhängern nur Zeit und Gelegenheit zu verschaffen, über seinen Nach­folger einig zu werden und die Agrarier zur Konze- dietmig eines liberalen Vertreters der Stadt Delmen­horst zu veranlassen. Das scheint nicht geglückt zu sein, und jetzt hat Stadtdirektor Koch, im Hinblick auf die Nähe der Landtagssesfion, sein Mandat, das noch zwei Iahte läuft, zur „Verfügung gestellt'.

„Taktische Maßregeln im Jntereffe des Li- beralismus" sind bekanntlich nicht nur stets er­laubt, sondern auch loyal und verdienstlich.

(*) Sanft nachgeholfen. „Ein Zwang war nötig", damit nicht Diffentierende die Stoßkraft unserer Partei schwächten. So hat nach Be­richten liberaler Blätter der Abg. Dr. Osann in der Versammlung des hessischen Landesaus- schnffes der Nationalliberglen die Haltung seiner Fraktion in der ErbschastSsteuersrage zu recht­fertigen gesucht. Doch noch mehr: Man wollte ein „einheitliches Votum", erzählte Herr Dr. Osann, „weil es sich herausgefiellt hatte, daß es sich um eine durchaus politische Frage handelte*. Also die Erbschaftssteuer war eine „durchaus politische Frage", unb darum mußten alle Nationalliberalen dafür stimmen, obwohl aus sachlichen Gründen vorher genau die Hälfte (27 gegen 27), anfangs sogar alle gegen die Erbschaftsbesteuerung waren! Und da will man dem Zentrum vorwerfen, es hätte sich nicht von wirtschaftlichen, sondern von politischen Gesichtspunkten leiten laffen! Und den Konser­vativen rechnet man es als Verbrechen an, daß sie eine mit sachlichen Gründen von ihnen bekämpfte Steuer nicht gegen ihre Ueberzeugung annehmen wollten, lediglich um den Fürsten Bülow im Amte zu erhalten und dem Liberalis­mus weiter die Steigbügel zu halten.

Q Die freisinnige „Beamlenfreunblichkeit" wird der Partei noch viel zu schaffen machen. Im 7. Berliner Wahlkreise, der sich über den Osten und Nordosten Berlins erstreckt, hat die freisinnige Volkspartei für die Nachwahl wieder den Stadt­tat Dr. Weigert als Kandidaten aufgestellt. Nun ist von den städtischen Lehrern dieses Landtags- wahlkteiseSt eine lebhafte Agitation gegen Dr. Weigert entfaltet worden, um damft vor der breiten Oeffentlichkeit gegen das Verhalten von Magistrat und Stadterordneten­versammlung bei der jüngsten Besoldungs­reform der städtischen Lehrer, die in ihrer Höhe um 150 Mk. jährlich zurückbleibt gegenüber der mehrerer wohlhabenden Vorortgemeinden von Charlottenburg, Schöneberg und Wilmersdorf, denen aber bann wieder seitens der Regierung diese 150 Mk. unter ausdrücklicher Berufung auf die Berliner Gehaltsstufen gestrichen worden sind, zu demonstrieren. ES fand bereits eine beson­dere Versammlung von 300 Lehrern obigen Land­tagswahlkreises statt, in der Lehrer Rosin ein­mütig als Gegenkandidat gegen den Stadirat Dr. Weigert ausgestellt wurde. Zu bett Wahl­kosten sind, wie berichtet wird, bereits mehrere tausend Mark von den Lehrern aufgebracht wor­den; außerdem sind jetzt an die einzelnen Ge- meindesckulen — zu Händen deS „Vertrauens­mannes" des Berliner Lehrervereins an jeder Schule — besondere Ausschreiben gerichtet wor­den, in denen auf den demonstrativen Charakter der Ausstellung eines eigenen Lehrerkandidaten in diesem Wahlkreise hingewiesen und um Samm­

lung von Geld unter den Lehrern der Schutt als Beittag zu den Wahlkosten ersucht wird. Dem Berliner Freisinn dürfte es zwar auch dann nicht gelingen, in dem betreffenden Wahlkreise zu siegen, wenn fettens der Beamtenschaft kein« Opposition getrieben würde. Aber bas Vor­gehen bet Lehrer zeigt boch ben Herren zur Ge­nüge, baß sich selbst bie Beamten durch leert Worte nicht mehr betören laffen. Taten will man sehen, unb an diesen hat es bem Freisinn stets gefehlt.

+ Das Gehaltsgesetz für die Reichsbank­beamten, ba§ sich ben Grundsätzen bet Reichs« besolbungsorbnung anschließk, ist in seinen Gtunb« jügen von bet zuständigen Kommission fertig- gestellt und wird dem Bundesräte im Laufe des Oktober zur Beschlußfassung zugehen. Einer parlamentarischen Beratung unterliegt das Gesetz nicht, es tritt nach Genehmigung durch den Bundesrat sofort in Kraft, unb zwar mit Rück­wirkung zum 1. April 1908. Die Gehaltsnach­zahlungen an bie Reichsbankbeamten bürsten also im November erfolgen.

* Ein meherutr Kandidat. Der nationalliberale Kandidat in Lörrach (Baden) ist nicht nur, wie die fteisinnige ,Lörracher Zeitung' bestätigt, Mit­glied des Freisinnigen Vereins. Nach dem Holksft.' dirigiert er zugleich den sozialdemokratischen Gesangverein Vorwärts unb ist zweiter Organist an bet katholische« Kirche. — Fast schade, daß ein so vielseitiger Manu so wenig Aussicht hat, ge­wählt zu werden. Er würde glänzend allen Groß- dlockansprüchen gerecht, unb bie sind heutzutage nicht klein.

# Karlsruhe, 1. Okt. 1909. Der Verzicht auf eigene Kandidaturen bei der bevorstehenden Landtagswahl legt den Zentrumsangehörige« in manchen Bezirken ein starkes Opfer auf, aber es wird gebracht werden in richtiger Würdigung der Gesamtlage im Lande. Dafür hat letzten Sonntag eine glänzende Versammlung in Ett­lingen Zeugnis abgelegt, in welcher der Führer des badischen Zentrums, Herr Geistlicher Rat Wacker, diese Taktik in großzügiger Rede unter stürmischem Beifall entwickelt hat. Es muß dabei immer wieder hervorgehoben werden, daß ein „schwarz-blauer" Block auch in Baden nicht besteht, daß vielmehr in durchaus freier Weise bas Zentrum in einer Anzahl von Be­zirken im ersten Wahlgange bie Konserva­tiven unb ben Bunb ber Landwirte unterstützt. Daß diese Art des Zusammengehens dem kon­fessionellen Frieden besser dient, als die Hetz­reden, welche in Mannheim dieser Tage gehalten worden sind, sollte auch ein liberales Gemüt ein­sehen, selbst wenn die Tatsache schmerzliche Folgen für ben gegen alles positive Christentum intoleranten Liberalismus hat. — Die Zentrums» pattei in Karlsruhe hat beschlossen, keine eigenen Ranbibaten aufzustellen, sondern schon im ersten Wahlgange in allen vier Bezirken bie Kandi- baten der Mittelstanbsvereinigung zu unterstützen. Eigene Kanbibaten hätten lebiglich den Wert der Stimmenzählung, würben aber bie Gefahr bebingen, daß da unb bort nur bet liberale Block unb bie Sozialbemokratie in die Stichwahl tarnen. Mtt Hilft der Zentrums­stimmen wirb bie Mittelstanbsvereinigung vor­aussichtlich in allen vier Bezirken in bie Stich­wahl gelangen

Ar weite Frau von MuÄve.

19] Origüral-Roman von £X Elster.

„Herzlich gern. Wenn ich gewußt hätte, haß bie Frau Gräfin da? alte Schloß öfter besuchte, würbe ich überhaupt über jene mir auffallende Erscheinung nicht gesprochen haben."

„Ich danke Zhuen unb nun lassen Sie uns helm- kchren — es ist schon spät geworden."

Sie gab ihrem Pferde einen Schlag unb sprengte 1b raschem Galopp davon, als wollte sie jedes weitere Sespri^ abschueide».

Es war regnerisches, stürmisches Herbstwetter ein- tzetreten, unb wir waren auf bie Zimmer angewiesen. Namentlich Lothar litt unter dem kalten, feuchten Wet­ter, er durste das Zimmer kaum noch verlassen. Wenn bas Wetter sich wieder besserte, sollte er ben Süden auf­suchen; er bat mich, ihn zu begleiten. Ich glaubte ablehnen zu müssen, da meine Mittel mir nicht er­laubten, eine solche Reise zu wachen unb ich auch ernstlich an meine Studien denken mußte. Dann, so er­klärte Lothar,toürhe er auch nicht reifen. Sterben, .toenn_ es nun einmal fein müsse, könne er nun auch in der Heimat und es fei ihm noch lieber; hier zu ster- vkn als in ber Fremde.

_ war dies gewiß ein krankhafter Eigensinn. Aber hatte auch eint f» große Vorliebe für mich gefaßt,

“ "daemtine «eMli^t nicht mehr leben zu

»r . Seme Mutter bat mich mit Tränen Er 5” Wunsche Lothars nachzuqebeu unb

bot tot mit vornehmer Offen hett EutschLdi- n-mer 9 t«aeur Sohn Gesellschaft "Eg freu Reife an. Das erste Mnte ich ab, das zweite wußte ich wohl annehmen dem Wunsche Lothars unb seiner Eltern willfahren. Auch Amalgunde bat mich herzlich, nur Kie Grasin-Witwe sprach lein Wort.

So blieb ich Venn auf Schloß Oldensloe die Gene­sung Lothars abwartend, dec an einer stacken Erkäl­tung mit Fieber erkrantt war, sodaß an eine Abreise vorläufig nicht zu denken war. Am Tage war ich fast stets bei bem armen Lothar; ben Abend brachte ich auf meine« Zimmern zu, mit meinen Studien be­schäftigt.

Ich hatte mit in der Bibliothek in dem alten Turm ein ruhiges und stimmungsvolles Studierzimmer einge­richtet. Ich fand dort ewige seltene Werke aller Philo­sophen unb Schriftsteller, die ersten Ausgaben der la­teinische« und griechischen Dichter, ich vertiefte mich in dieselben, sodaß ich oft noch bis spät nach Mitternacht an dem mächtigen runden Tisch in der Mitte des Ge­wölbes saß, umringt von den alten Schweinslederbän­den, während draußen der Sturm um den alten Turm brauste unb in den Winkeln und Erkern des alten Schlaffes pfiff und heulte.

Ich glaubte zuweilen in der tiefen Stille die mich umgab, außer dem Sausen des Sturmes raschrind- TSne zu vernehmen, als scharre unb Katze jemand an einer verschlossenen Türe; bann folgte wohl ein lei­ses klagendes Wimmern, das sich langsam entfernte und nach unb nach erstarb.

Zuerst erschreckten wich diese Töne unb ich dachte unwillkürlich an die geheiminsvolle Erscheinung in dem alten Schloß. Ich untersuchte das Gewölbe, fand aber keinen anderen Ausgang als den nach dem neuen Telle des Schlosses und beruhigte «üch in dem Gedanken, daß die seltsamen Töne wohl von Ratten ober Mäusen betrübten könnten, die in bem alten Gemäuer ihr Spiel trieben.

Ich gewöhnte mich an die Töne und achtrte nicht mehr haanif. So saß ich auch eines abends spät in der Nacht noch in dem einsamen Raum ,als sich die Töne stärker denn je hören ließen. Plötzlich gab es einen Krach, als wenn eine Tüte mit Gewalt anfgrstoßen würde und gleich darauf erscholl ein schrilles Lachen.

Erschreckt sprang ich empor.

Da tmt — ich traute meinen Augen kaum — hin­ter einem großen Schrank, der eine Ecke nicht ganz aus- füllte, sodaß zwischen ihm und der Mauer ein hohler

Raum entstanden war, eine hohe hagere Frauengestalt in schleppendem grauem Gewände hervor, das Haupt fast ganz von einem weißen Tuche umhüllt

Ich fühlte mein Blut in ben Wern erstarren. Ich glaubte zuerst eine Erscheinung aus ber Geisterwelt vor mir zu sehen, benn aus geisterbleichem Gesicht stierten mich zwei große, dunkle; tiefliegende Augen an, dir keinem lebenden Wesen anzugehören schienen.

Man ttmn ein Held im Kampf mit den Menschen gewesen sein, man kann hundertmal in Mutigen Gefah­ren dem Tod ms Auge gesehen haben, man erbebt doch vor einer Erscheinung, welche man sich nicht erklätm kann.

Keines Wortes mächtig starrte ich die Erscheinung an. Plötzlich stieß diese einen Schrei aus und stürzte mit ausgebreiieten Armen auf mich zu.

Ich wich einige Schritte zurück und rief mit be­bender Stimme: „Wer bist Du? — Was willst Du hier?"

Da sank das gespenstische Weib auf dem Boden zusammen, schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte leise: „Er kennt mich nicht, er kennt mich nicht mehr —

Als ich ben Ton einer menschlichen Stimme hörte, die allerdings frembartig genug klang, kam mir die Be­sinnung wieder. Ein Geist konnte nicht so sprechen. Ich dachte daran, was mir Amalgunde von dem alten Parkwächter unb seiner alten Frau erzählt hatte unb glaubte diese tu dem vor mir knienden Weib« zu sehen.

„Stehen Sie auf," sagt« ich mtt festerer Stimme, „und sagen Sie mir, wie St« hierher gekommen find."

Sie blickte mit geisterhaften, verwirrten Augen zu mir ruf.

„Du kennst mich nicht mehr?" (ragte sie.

„Wie sollte ich Sie kennen, ich sehe Sie ja zum erstenmal!"

„Und doch bin ich Deine Mutter!"

„Sie irren sich in mir," entgegnete ich fest, aber nicht unfreundlich. „Ich kann Ihr Sohn nicht sein, ich weile erst seit einigen Wochen auf dem Schloß."

„Ja, ich weiß, man hat Dich mir gestohlen uni bann gesagt, Du seist tot. Aber ich habe nie daran ge­glaubt, und als ich das Licht in diesem Gewölbe schim­mern sah, wo ich Dich geboren, da wußte ich, daß Du zurückgekehrt seiest."

„Und wie find Sie in dieses Zimmer gekommen, alle Türen waren doch verschlossen."

DaS schlaue Lächeln des WahnflimS glitt über ihre welken, eingefallenen Züge. Das Tuch war ihr vo« dem Haupte gesunken, schneeweißes, spärtiches Haar umflatterte ihren Kopf, ich sah, daß sie eine (Steffin von achtzig Jahren sein mußte Ihr Körper war schrecklich abgemagtrt, ihre Arme spündeldürc, ihre per­gamentenen Wangen tief eingefallen; ihr Mund voll­ständig zahnlos. Nur ihre dunkeln Augen schienen noch zu leben.

„Komm, ich zeige eS Dir," flüsterte fie mit einem verschmitzten Lächeln. „Dann kannst Tu stets zu Dei­ner Mutter komme«, ohne daß es die böse Frau er­fährt. Ach, fie glaubt, ich kännte die geheime Tür nicht, durch die sie sonst wohl zu mir kam! Aber ich bin ihr heimlich nachgeschlichen unb habe mit die Stelle gemerkt. Rur mußte ich lange suchen, ehe ich bie Feder fimd, welch« die Tür öffnet. Seit Du hier bist, habe kh jede Nacht gesucht, heute habe ich di« Feder ge­funden."

Jetzt konnte ich mir das Rascheln und Kratzen erklären, welche? ich so oft in den letzten Nächten ge­hört hatte.

„Komm," kicherte sie wieder, „die böse Frau fleht unS nicht."

Sie schlüpfte hinter ben großen Schrank unb neu­gierig gemacht, folgte ich ihr. Ich dachte mir nichts böses bebet unb nahm mir vor, am folgenden Tage mtt dem Grafen im Vertrauen über mein Erlebnis mit der Wahnsinnigen zu sprechen.

In bet Wand hinter dem Schrank öffnete sich eine kleine, schmale Tür, bie sich, wie ich bemerke, in die starke Mauer hineinschob. Jensetts ber Türe schim­merte Licht; es rührte von einer kleinen Handlampe her, welche auf einem altertümlichen Schreibtische stand. (Fortsetzung folgt)