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Deutsches Reich.
(*) Die Akten des Kaiserinterviews.
Die Fköln. Ztg/ hat angekündigt, daß die Re. gierung eine amtliche Widerlegung der m den letzten Tagen von der Zentrums« und der konservativen Presse gebrachten Darstellung der Daily. Telegraph. Affäre veröffentlichen werde. Hierzu macht die .Märkische Volksztg/ eine Bemerkung, die nicht verfehlen wird, Aufmerksamkeit und Erstaunen zu erregen. Sie schreibt:
„Wenn man allgemein eine neue amtliche Darstellung der Vorkommniffe fordert, so wird diese nicht gegeben werden können, da nach unseren Informationen im Auswärtigen Amte keine vollständigen Akten über das Interview mehr vorhan- d en sind."
Man wird abwarten müssen, ob das wahr ist. Dann allerdings könnte die neue amtliche Auslassung nichts tatsächlich Neues enthalten. Dann wirft sich aber von selbst die Frage auf: „Wo sind die Akten? Warum sind sie nicht mehr vorhanden?" . . .
** Berlin, 30. Sept. 1909. Das neue Linienschiff „Ostfriesland" ist am Donnerstag in Wilhelmshafen vom Stapel ge- laufen. — Der Kaiser hat dem sächsischen KriegS- minister Freiherrn v. Hausen den Schwarzen Adlerorden verliehen.
-r- Dreißig Jahre Reichseinheit und Reichsgericht: Heute ist ein Menschenalter vollendet, seit die großen Reichsjustizgesetz- in Kraft traten und das Reichsgericht seine Tätigkeit begann. Ein großer Schritt zur Reichseinheit war damit gemacht, spatere sind nicht ausgeblieben. Da vor fünf Jahren diese, Ereignisse allenthalben eingehend gedacht worden ist bedarf es nicht der Wiederholung der Jubelfeier nach kurzem Zwischenraum. Aus den Kreisen des Reichsgerichts wird abermals bitter über Ueberlastung geklagt. Es heißt, daß man dort die Errichtung von zwei Hilfssenaten und die Einführung des „Difformi- tätsprinzips" verlangt, wonach die Revision ausgeschlossen wäre, wenn das erstinstanzliche Urteil durch das Oberlandesgericht bestätigt worden ist.
Q Kein Organisationsrecht der Beamten. Die durch die BBlätter gegangene Nachricht, daß dem preußischen Landtage in der nächsten Session der Entwurf eines Gesetzes über das Organisationsrecht der Beamten zugehen soll, bestätigt sich, wie die „Kreuzztg." hört, nicht.
** Msenbahn-Obersekretäre. Der Kaiser hat genehmigt, daß den Eisenbahnsekretären der Reichs- nsenbahnverwaltung der Titel Eisenbahn-Obersekretär verliehen werden darf. Der Kanzler ist ermächtigt worden, die Voraussetzungen sür die Verleihung zu bestimmen.
+ Zu den Wirkungen der Tabaksteuer wird der.Nationalztg/ geschrieben:
.Es werden neuerdings Meldungen über zeitweises Aussetzen der Arbeit und Kürzungen der Arbeitszeit in der Tabakindustrie gebracht als Folgen eines durch die neue Steuer bereits eingetretenen Konsumrückganges. Es ist deshalb geboten, schon jetzt klarzustellen, daß diese Erscheinungen auch nicht das mindeste mit einem Konsumrückgang zu tun haben, und daß sie nach den dem Inkrafttreten der neuen Steuer vorcmgegangenen, durchaus ungewöhnlichen Betriebsund Absatzverhältnissen im Tabakgewerbe gar nicht anders zu erwarten waren. Nachdem allein während der beiden vergangenen Kalenderjahre ein Aufschwung in der Tabakindustrie erfolgt war, der die Neueinstel- lnng von rund 20000 Fabrikarbeitern und eine Steigerung des Jahreslohnetats lediglich für bernssgenoffen-
schaftlich versicherte Tabakarbeiter um rund 18 Mill. M. erforderlich machte, nahm während der Frühjahrs» und Sommermonate des Jahres 1909 der Absatz von Zigarren einen geradezu stürmischen Charakter an. Nach dem Urteile maßgebender Fabrikanten ließ sich auf der einen Seite die Einstellung von allen nur irgend erlangbaren Arbeitern beobachten. Auf der anderen Seite griffen die Händler alle Lagerbestände aus, deren sie bei den Fabrikanten habhaft werden konnten. Mele Detaillisten berichten, daß sie zwischen der drillen Lesung des Gesetzes am 9. Juli und dem Jnkraftlleten desselben am 15. August fast täglich Laden einnahmen von zumeist viermal ;o großem Umfang als zu Zellen des lebhaftesten Weihnachtsgeschäftes zu verzeichnen hallen. Cs wäre also ein Wunder, wenn die Fabrikanten jetzt schon wieder reichlich mit Aufträgen von feiten der Händler versehen sein sollten. Wo sonach jetzt Verkürzungen der Arbeitszell und zeitweises Aus- setzen der Arbeit angekündigt werden, geschieht es keinesfalls wegen eines etwa irgendwo zu beobachtenden Konsumrückganges. Lediglich sind eS die außergewöhnlichen Produkttons- und Absahverhältnisse vor dem 15. August, welche die vorübergehenden Stockungen der gemeldeten Art herbetsührien und naturgemäß auch herbeiführen mußten.
r-fr Reichsversicherungsordnung. Der Bunderrat hat die Arbeiten für die ReichsversichemngSord- nung feit einiger Zeit wieder ausgenommen. Augenblicklich ist eine besondere Kommission u. a. damit beschäftigt, die Vorlage auf Klarheit der Ausdrucksweise zu prüfen. .
— Fabrik und Handwerk. Auf Wunsch beteiligter Kreise der Jndusttte und des Handwerks sollen noch im Laufe dieses Herbstes im Reichsamte deS Innern Verhandlungen über die Frage der Abgrenzung zwischen Fabrik und Handwerk stattftnden. ES sollen zu diesen Beratungen außer den zunächst beteiligten Ressolls des Reiches, Preußens und der übrigen größeren Bundesstaaten wich Vellreter der Jndusttte und des Handwerks, insbesondere der Handwerks- und Handelskammern, zugezogen werden.
-r- Schleswig-Holstein und das Präsentationsrecht für daS Herrenhaus. Der Landwirtschcsstskammer für die Provinz Schleswig-Holstein hat in einer Eingabe um die Ausdehnung deS Präsentationsrechtes zum Herrenhause auf die Provinz Schleswig-Holstein gebeten. An unterttchteter Seite wird der „Information" mitgeteilt, daß die Erfüllung dieses gesetzliche Regelung erforderlich machen würde. Ein Gesetz der All sei aber nicht geplant. Jedoch sei zu ermatten, daß künftig durch Allerhöchstes Vettrauen Mitglieder der Schleswig-holsteinischen Ritterschaft ins Herrenhaus berufen werden.
** Eine Mitwirkung des Zentrums von Blocks Gnaden. Dr. Oeriel teilt in der ,D. TageSztg." über die erst« Heranziehung des Zen- trums zur Reichsfinanzreform u. a. mit:
Während im Spätsommer des Jahres 1907 Fürst Bülow in Norderney mit den Vertretern derBlock- politck persönlich Verhandlungen über die schwebenden Fragen gepflogen hatte, überließ er es aus begreiflichen Gründen 1908 demReichSschatzsekre- tär, mit Parlamentariern und Politikern die Fin anz« re form vor ihrer Veröffentlichung zu besprechen. Zu diesen Besprechungen wurden aber mcht nur die Blockpolitiker hinzugezogen, sondern auch die Führer des Zentrums; ja, diese waren, wenn wir recht unterrichtet sind, mit die ersten, die vom Reichsschatzsekretär zu vertraulichen Verhandlungen eingeladen wurden. Der Reichskanzler und seine Vertreter haben sich selbstverständlich darüber vergewissert, ob diese Heranziehung von Zentrumspolittkern den Führern der Blockparteien unangenehm sein werde. Diese Führer waren aber damll einverstanden; fast die gesamte Preffe halle nichts dagegen zu erinnern.
Diese Mitteilungen find sehr wertvoll, denn sie beweisen, wie stark die Regierung in den Feffeln deS Blocks steckte. Man mußte 1908 erst Bafsermann und Wiemer fragen, ob man das Zentrum zuziehen dürfe. Daß dieser liberale Terrorismus gebrochen wurde, ist ein Glück für daS Reich.
Ö* Hinauswurf aus der nationalliberalen Pattei Bayerns. In der nationalliberalen Pattei BayemS gibt es eine Anzahl Quettöpfe, die sich gerne als Jungliberale ansprechen lassen, und zu einer frisch-fröhlichen Opposition stets gerne bereit und auch sonst den Parteigrößen viel Aerger bereiten. Der geschäftsführende Ausschuß der nationalliberalen Landtagspattei in Bayern hat daher beschlossen, einmal ein Exempel zu statuieren und schloß den Jungliberalm Hübsch aus der Pattei aus, well er die Pattei geschädigt habe.
Ausland.
♦♦ Die antideutsche Hetze beansprucht in der Londoner Preffe seit einigen Tagen wiederum sehr großen Raum. Bor den angeblichen geheimnisvollen Machi- nattonen der deutschen Admiralität ttrirb gewarnt, und es wird erklärt, es sei keine Aussicht auf baldige Befreiung von der wachsenden Last der Rüstung, da Deutschland den Schritt hierzu gewaltsam beschleunigt habe und entschlossen scheine, mit der gewalffamm Beschleunigung fortzuschreiten. — Es P seltsam, daß die Engländer über deutsche Angelegenheiten besser unter- richtet sein wollen, als wir Deutschm selber. Denn wie man von einer »gewaltsamen Beschleunigung" im Flottenbau seitms Deutschlands reben kann, ist uns unverständlich. Bis jetzt wenigstens hat sich die Regie- rung doch an daS vom Reichstag bewilligte Flottenbauprogramm gehalten.
* Der französische Episkopat gegen die Gefahr der neutralen Schulen. Sämtliche Kardi- näle, Erzbischöfe und Bischöfe Frankreichs haben bekanntlich einen Hirtenbrief erlassen, in dem sie die katholischen Eltern dringend auffordern, ihre Kinder nicht in die öffentlichen neutralen Schulen zu schicken, sondern nur in die katholischen Schulen. „Die Kinder," so heißt es u. a. in dem Hirtenbriefe, „gehören den Eltern, die für ihre Kinder die Schulen auswählen müssen, in denen sie erzogen werden können, wie es ihre religiöse Anschauung verlangt. Mit Recht habe die Kirche die neutralen Schulen verurteilt. Die päpstlichen Vorschriften fordern die Eltern bei strengen Strafverpflichtungen auf, chre Kinder von solchen Schulen fernzuhalten, Rur wenn ernste Gründe vorliegen, erlaube die Kirche, daß katholische Kinder die neutrale Schule besuchen, aber dies nur unter der Bedingung, daß das Gewissen der Kinder-nicht beschränkt werd« und daß die Eltern oder die Priester außerhalb der Schule für die religiöfe Erziehung der Kinder wirken. Die Eltern hätten die Pflicht und das Recht, die Schulen und die Lehrer zu überwachen und zu diesem Zwecke seien Gründungen von besonderen Vereinigungen nur dringend zu empfehlen." Dann verbietet der Hirtenbrief eine Anzahl Schulbücher, die in den öffentlichen Schulen Frankreichs gebraucht werden, um schließlich zu erklären, daß die unterzeichneten Kardinäle und Bischöfe bereit seien, alles zu erdulden, um die Katholiken gegen die Gefahr der neutralen Schulen zu verteidigen. — Die Schulbücher in diesen „neutralen" Schulen sind so „neutral", daß selbst in Klassikerstücken, in Gedichten rc., in denen der Name Gottes vorkommt, derselbe ausgemerzt ist. Eine solche christentumsfeindliche „Neutralität" ist in der Tat die größte Gefahr für die Jugend und muß bekämpft werden.
* Daß Kofsuths Audienz beim Kaiser Franz Joseph die Lösung der ungarsschen Krise im Gefolge haben werde, haben wohl dir wenigsten erwartet. Wie nun aus Budapest gemeldet wird, ist die Erwartung, daß Kossuth der kom
mende Mann sein werde, nun ganz geschwunden. Kossuth wäre bereit, mit einem siebenundsechziger Politiker ein Kabinett zu bilden und vorläufig das alte Programm der Unabhängigkeitspartei ganz zurückzustellen, jedoch unter der Bedingung, daß der Kaiser das künftige Kabinett ermächtige, eine Erklärung abzugeben, daß der Entwurf des ungarischen Bankgesetzes verarbeitet würde. Von dieser Bedingung will Kossuth auf keinen Fall absehen, weil er sonst eine Spaltung innerhalb seiner Partei herbei- zusühren fürchtet. Den offenen Kampf mit dem radikaleren Flügel der Unabhängigkeitspartei unter der Führung Jufths aber getraut sich Kossuth nicht aufzunehmen. Es ist aber nicht anzunehmen, daß der König von Ungarn dem Kossutbschen Ansinnen nachgeben wird, zumal der Erzherzog Thronfolger die Reichsinteressen so wirkungsvoll vertritt. Somit ist kaum anzunehmen, daß eine Einigung mit dem Führer der ungarischen Mehrheitspartei herbeigesührt werden könne, und da damit die Aussichten auf ein parlamentarisches Ministerium mehr und mehr schwinden, so tritt man dem Gedanken an ein außerparlamentarisches Kabinett wieder näher. — Der ungarische Ministerpräsident Dr. Weckerle wurde ebenfalls gestern vom Küfer in Audienz empfangen. Eine Entscheidung .ift nicht erfolgt.
** Im Punkte Verwallungsskandalr scheint Frankreich allmählich dem russischen Freunde nacheiseru zu wollen. In Toulouse sind bedeutende Unterschlag u n ß e n in der Stadlkasse aufgedeckt worden, und es kam deswegen am Mittwoch zu einem ge» Höngen Gemeinderatsskandal. Auch in der Marineverwaltung will trotz der Energie des neuen Marine- Ministers noch nicht alles klappen.
** Der Siegesjubel über die spanische« Erfolge in Marokko will kem Ende nehmen. Ganz Madrid war Mittwoch, abend festlich illuminiert. Wie verlautet, brachen Truppen und Zivilisten in Melilla und auf den Außenforts in ein betäubendes Jubelge'chrei aus, als in den letzten Tagen die spanische Flagge auf dem Gipfel des Gurugu, des so gefürchteten, für schier uneinnehmbar geltenden Berges, sichtbar wurde. Immerhin dürste der Krieg noch nicht beendet' sein. Der Korrespondent eines Londoner Blattes glaubt, daß die Kabylen int Gebirge noch ungeschlagen seien. — Immer noch wird von Bombenexplosionen berichtet, die beweisen, daß die Anarchisten ihr zerstörendes Werk m Katalonien noch keineswegs aufgeben wollen. In Barcelona wurden in den letzten zwei Tagen an verschiedenen Punkten der Stadt Bombenanschläge verübt. Bei der einen Explosion wurden eine Haussassade zerstört und mehrere Personen verletzt. Die zweite Bombe explodierte vor einem öffentlichen Brunnen, dieser wurde zerstört, und auch hier erlitt eine größer« Anzahl von Personen Verletzungen. Die Polizei nahm eine Reihe von Verhaftungen vor.
** Mulay Hafid hat zwar den europäischen Großmächten versprochen, in Zukunft dafür zu sorgen, daß die sprichwörtlich gewordenen marokkanischen Grausamkeiten an Gefangenen unterblieben. Nach französischen Meldungen scheint er aber selbst immer noch ein schlechtes Beispiel zu geben. Er soll die gefangenen Anhänger oes Rogh:, seines Hingerichteten Nebenbuhlers, abermals schweren Torturen unterworfen haben. Den französischen Meldungen darf man freilich in
Die weißt Frau von Slhtnslot.
18] Original-Roman von O. Elster.
Ich vermochte die ganze Nacht nicht zu schlafen, und spähte unausgesetzt nach dem Balkon oder suchte nach dem ruhelos umherwandelnden Licht. Aber in dieser Nacht erschien das Licht nicht, und auch die Gestalt auf dem Balkon ließ sich nicht wieder sehen.
Gegen Morgen enkf^lummerte ich endlich und als ich erwachte, erglänzte Heller Sonnenschein über dem in herbstlicher Pracht daliegenden Park, selbst das alte Gemäuer erglühte im Sonnengold des Morgens und hatte durchaus nichts Gespenstisches an sich.
Ich mußte über meine Gespensterfurcht lachen und wollte während des Frühstticks meinem liebenswürdigen Gastgeber die Gespenstergeschichte erzählen und über meine Gespensterfurcht spotten.
Am Frühstückstisch traf ich jedoch niemanden als Komtesse Amalgunde. Der Graf war schon früh mit dem Oekonomiedirettor auf ein entferntes Vorwett gefahren, wo ein neues Gebäude errichtet wurde. Die Gräfin-Witwe nahm bas Frühstück stets allein in ihren Simmern, die Gräfin Alexandra fühlte sich nicht wohl genug, um ihr Ruhesofa zu verlassen und Lothar hatte eine schlechte Nacht gehabt, sodaß er im Bette bleiben Mußte.
»WaS fangen wir beide Vereinsamte an?" fragte Amalgunde lächelnd. „Ich denke, wir lassen die Pferde sEeln und reiten in den Wald. Es ist ein solch köstlicher Morgen"
t» ®!c fpynte keine schönere Aussicht geboten werden.
3U und nach einer Viertelstunde ER«« gefolgt von einem Reitknecht, den suchen, totefenartigen Waldweg entlang
—6+ r “"t nad) j°urde der Weg steiler und wir Mußten langsamer retten.
Es war ein hertticher Morgen. DaS Waldeslaub rs7-C r” et Airahlen der Sonne wie flüssiges Gold in seinem herbstlichen Kleide. Ein leiser Wind Mchelte in dm Blattern, ble wie goldene Grüße auf Md niederfielen.
Mit Entzücken hing mein Auge an der feinen schlanken Gestatt Amalgundens, die durch das glatte, dunkelblaue Reittkeid noch mehr hervorgehoben wurde. Ein leichter Jagdhut faß auf ihren goldenen Locken, die in wilder Fülle um ihre Schultern wallten. Ihre Wangen glühten von dem raschen Ritt, ihr mildes Auge leuchtete im tiefften Blau.
Mein Herz erbebte. Ich fand kein Wott banaler Unterhaltung, schweigend ritt ich an ihrer Seite.
Da sah sie mich mit schelmischem Lächeln von der Seite an. „Sie sind ja so schweigsam, Herr Doktor," sagte sie. „Ist Ihnen ein Abenteuer begegnet, das Sie in solch schweigendes Sinnen versentt hat?"
„Ein liebliches Abenteuer ists, in dem sch mich befinde." hätte ich ihr zurufen mögen! „Ich reite mit einer goldlockigen, blauäugigen Prinzessin durch einen goldenen Zauberwald und goldene Grüße flattern auf uns nieder. Und die Prinzessin lacht mich mit leuchtenden Augen an, und mein Herz jubelt ihr entgegen, aber meine Lippen schweigen, denn sie dürfen nicht fagen. was mein Herz bewegt."
So hätte ich sprechen mögen, und Amalgunde schien die schweigende Sprache meines Herzens zu verstehen; errötend wandte sie ihr Köpfchen ab und gab ihrem Pferde einen leichten Schlag, sodaß es rascher mit ihr dahintrabtr.
Ich lam zur Besinnung. Ich durfte ja nicht sprechen, was mein Herz dachte und träumte.
„Verzeihen Sie, Komtesse," sagte ich, „wenn ich fo schweigsam bin. Ja, es ist mir ein Abenteuer begegnet, ich habe in letzter Nacht die weiße Frau des Schlosses gesehen."
Sie sah mich groß an. Dann lachte sic luftig auf.
„Ach, daS ift prächtig," entgegnete sie. „Jetzt hat Schloß OldenSloe auch fein Gespenst. Erzählen Sie doch, Sie Gespensterseher!"
„Wissen Sie nichts von der Sage, daß eine weiße Frau im Schloß umgehen soll?"
„Nein, nicht daS Geringste. Sie wissm ja, daß wir erst feit zwei Jahren etwa hier leben. Früher bin ich nie nach dem Schloß gekommen. Aber erzählen Sie doch!"
„Die weiße Frau soll der ruhelose Geist einer Un- glüMchen fein, die von ihrem Gatten mißhandelt und betrogen wurde und deren Kind man geraubt hatte. Richt eher fall sie Ruhe und Frieden im Grabe finden, ehe sie nicht ihr Kind wiedergcfuuden hat."
„Und diese gespenstische Dame haben Sie gesehen?" fragte sie aufmerksamer
„Ja, ich glaube wenigstens, daß sie es ist, welche des Nachts mit einem Licht in dem allen Schlosse umherwandelt und bereu Gestalt ich heute Nacht auf dem Keinen, verwitterten Balkon, der wie ein Schwalbennest an jenem Teil hangt, gesehen habe."
„DaS ist seltsam," sagte Amalgunde und ihr Gesicht nahm einen tiefernsten Ausdruck an.
„Sehen Sie," lachte ich, „jetzt werden Sie auch ernst und schweigsam, Komtesse! Sie glauben also auch an das Gespenst? Vielleicht hegen Sie den Wunsch, die weiße Frau auch einmal zu sehen. "
Ich bemerfte, wie sie leise zusammenschauette. Erstaunt sah ich sie an.
„Habe ich Sie verletzt, Komtesse?" fragte ich besorgt.
Da reichte sie mir die Hand herüber.
„Nein, lieber Herr Dollar," entgegnrte sie und ein schwaches Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück. „Ich fürchte mich nicht vor Gespenstern und jene Gestatt, welche Sie gesehen haben, war sicherlich kein Gespenst. Aber wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?"
„Von Herzen gern!"
„Nun, fo erwähnen Sie gegen niemanden, nicht gegen meine Eltern, noch gegen meinen Bruder, am allerwenigsten gegen meine Großmama jene nächtliche Erscheinung."
„Ich werde sicherlich Ihrem Wunsche Rechnung tragen!"
Eine Weile ritten wir schweigend neben einander bin. Ich war einigermaßen erstaunt über ihre Bitte; cs mußte sich also doch wohl ein Geheimnis an frne Gestalt knüpfen, das die Familie au8 triftigen ®rün= den nicht bekannt werden lassen wollte.
Auf Amalgundens Gesicht bemerke ich einen Ausdruck der Unensschlossenheit, als kämpfe fie mtt sich, ob sie mir mehr sagen sollte. Endlich sprach sie:.
„Ich kann Ihnen auch die Erscheinung nicht vollständig erklären. Ich — ja auch meine Mama und mein Bruder nicht — wir find nie in jenen halbverfallenen Teil des Schlosses gekommen. Wenn wir den Wunsch äußerten, die alten Räume zu besichtigen, wurde uns erwidert, es fei dort nichts zu sehen als kahle Mauem, auch sei eS gefährlich, den Teil wegen seiner Baufälligkeit zu betreten. Die Schlüssel zu jenem Schloßteil hatte meine Großmutter in Verwahrung, vielleicht auch der alle, taube Parkwächter, 3er mit feiner ebenso alten und geistesgestörten Frau einige Zimmer in dem alten Schlosse bewohnt. Vielleicht ist tS eines von den alten Leuten gewesen, jene Gestatt meine ich, welche Sie gesehen haben — vielleicht auch meine Großmama. "
„Die Frau Gräfin?"
„Ja, sie geht zuweilen in das alte Schloß und bleibt oft tagelang bann. Sie wissen ja, Großmama liebt die Einsamkeit."
„Freilich. Aber fo spät in der Rächt."
„Es ist allerdings medivürbig. Aber Großmama ist von jeher seltsam gewesen und ich weiß nicht — seit einiger Zett wird sie immer wunderlicher. Sie läßt sich jetzt ja kaum noch sehen, und empfangt niemanden als Papa."
Das war richtig. Seit ich im Schloß war, hatte ich die Gräfin-Witwe kaum zwei- oder dreimal gesehen und dann hatte sie mich mit so wunderlichen Augen angeblickt, daß ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, ich sei ihr durchaus nicht angenehm und will- kommen.
„Ich weiß aus früherer Zett." sagte ich, „daß ble Frau Gräfin sehr wohltätig war und allgemein ver- ehtt wurde. Ihr verdanke ja mich i& die Möglichkeit des Studiums. Ich habe ihr nie meinen Dank uuS- sprechen können, aber sie kann verstchett sein, daß ich ihr stets dankbar bleiben werde."
„ otzoiö riqr <pou Hrs -no vf st; ipMvMoW &><&' entgegnete Amalgunde. „Aber sie hat sich auch mehr als früher von den Menschen zurückgezogen. Die Verwaltung der Herrschaft ruht jetzt ganz in der Hand meines Vaters. Aber nicht wahr. Sie erfüllen mir die Bitte." (Fortsetzung folgt.)