Iparzeller in Fulda. Wod)CilbCltCl§€! „FUftrierteSsniltagszeitung"
36. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 28. September 1909
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Erstes Wlatt.
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üotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- üendruckerel tit Fulda Fernsprecher Nr. 9.
4- Eine sonderbare Zumutung.
Großes Heil ist unseren Hakatisten widerfahren. Die Klagen au dem Breslauer Katholikentage, daß die Polen in dem Gebrauch ihrer Muttersprache beeinträchtigt werden, haben in Galizien em eigenartiges Echo gefunden. Julius Pernhoser^ Edler v. Baerenkron- richtete von dort aus em offenes Sendschreiben „An die katholischen Stammesbrüder im Deutschen Reich", in dem es heißt:
gehen nicht immer verstehen. Hier sind die D e u t s ch e n nicht nur Protestanten, sondern auch zum großen Teile Katholiken, und gerade als solche haben wir den schwersten Stand und als Katholiken müssen wir uns oft verzweifelt gegen die Uebermacht polnischer Feinde
darauf berufen, daß die Machthaber im Deutschen Reiche es gegenüber der polnischen Minderheit gar nicht anders machen. Moralische Erfolge können nur durch Anerkennung des Rechtes, nicht durch eine Politik des Unrechtes und der Gewalt errungen werden.
Lrschrint täglich mit Ausnahme der $o.m= und Feiertage.vierteljährlicher veMrpreir ohne vringerlohn und vefteLgeld in Fulda sowie auswärts 1-5VM.
Verantw. Redatteurr Sar! Schütter
© Berlin, 27. Sept. 1909. Zur Frage der G e - bühren für Zeugen und Sachverständige heißt es jetzt, daß es noch zweifelhaft sei. ob die Reichs- regierung trotz ihrer früheren Erklärungen eine Vorlage betreffend die Neuregelung dieser Frage in absehbarer Zeit einbringen werde. — Der Reichstag
hat sich nach der Wiederaufnahme seiner Tätigkeit alsbald mit der Neuregelung unserer handelspolitischen Beziehungen zu England zu beschäftigen, da das Handelsprovisorium am 31. Dezember d. I. abläust Bei dieser Gelegenheit werden Sicherungen vom Bundesratstische über die englischen Anregungen wegen E i n- schränkung der Flottenrüstungen erwartet.
)( Zur Romreise des Reichskanzlers Bethmann- Hollweg wird jetzt gemeldet, daß sie zwischen dem 20. und dem 25. Oktober erfolgen werde. Die Reisedispo- sitionen des Reichskanzlers würden nur dann eine Aenderung erfahren, wenn in die angegebene Zeit die Begegnung des Zaren mit dem König Vittor Emanuel fallen würde, über die noch immer kein bestimmter Zeitpunkt vereinbart wurde. Bei den Besprechungen des Reichskanzlers mit dem Minister Tistoui sollen, so heißt es werter, „verschiedene das Verhältnis Italiens zum Dreibund betreffende Angelegenheiten" zur Er- örterung gelangen. ,
r ( Hebet den Ertrag der neuen Steuern im Monat August werden gegenwärtig Meldungen verbreitet, denen gegenüber man betonen muß, daß die Ueber- gangszahlen keineswegs Schlüsse auf die fernere Entwickelung der Steuern zulasten können, da die Wirkungen der meisten Steuern naturgemäß noch nicht in die Erscheinung treten können. So ist es der Fall bei der Tabaksteuer, die am 15. August in Kraft trat; aber man muß bedenken, daß wohl die weitaus große Mehrzahl der Konsumenten ihren Bedarf für längere Zeit noch vor dem Inkrafttreten der Steuer deckte. Mit der Talonsteuer ist es ähnlich, da bekanntlich nicht wenige Aktiengesellschaften vor dem 1. August Talons in großer Menge zur Abstempelung brachten, die freilich noch den Vereinbarungen mit den betreffenden Gesellschaften und dem Neichsschatzamte nachträglich zur Steuer herangezogen werden Immerhin hat die Zins- bogensteuer tm Monat August etwa 120 000 Mark Steuern erbracht, während der neue Stempel auf Grundstücksüvertragungen dem Staatssäckel ca. 50 000 Mark zusuhktc. Bei der Schaumweinsteuer stiegen die Erträgnisse von 700 000 Mark im Juli, auf 1 Million Mark im August.
) ( Obwohl die Berliner bürgerlichen Parteien bei den letzten Laudtagswahlen erfahren mußten ,daß infolge ihrer Uneinigkeit 4 „Genosten" ins preußische Parlament ihren Einzug halten konnten, scheinen sie keineswegs gesonnen zu fein, daraus die Lehren zu ziehen. Vor allem im Moabiter Wahlkreise, wo der bekannte „Zehngebotehoffmann" gewählt wurde, will keine von den liberalen Parteien der andern die Wahl eines Kandidaten gönnen. Die Nationalliberalen sowohl wie der Freisinn haben einen eigenen Kandidaten aufgestellt, wobei der nationalliberale Wahlaufmf bemerkenswerter Weise erklärt, auf einen freisinnigen Kandidaren bereinigten sich sämtliche bürgerliche Wahlmänner selbst in der Stichwahl nicht; das habe die letzte Wahl gezeigt und bei den heutigen volitischen Verhältnissen sei dies noch weniger zu erwarten, als vor einem Jahre. Der „Vorwärts" jubelt denn auch schon und ist des sozialdemokratischen Sieges in Moabit sicher.
Ä Die „Einigung" des Freisinns wird immer weiter hinausaeschoben. Ter Vicrerans- schuß der freisinnigen Fraktionsgemeinschasl, der über die Einigung der drei freisinnigen Gruppen beraten sollte, war am Sonntag in München zu einer Besprechung zusammengetreten. Nach dem Berichte mehrerer Blätter wurde ein Einverständnis darüber erzielt,
daß der Zusammenschluß durch einfachen Ueber- tritt der beiden anderen Gruppen zur Freisinnigen Bolkspartei nach Lage der Dinge ebenso ausgeschlossen sei, wie eine ungenügend vorbereitete Verschmelzung ohne vorherige Verständigung über die wesentlichsten programmatischen, organisatorischen und taktischen Fragen. Der Viererausschuß betrachte es als seine Ausgabe, diese Verständigung unter Mitwir- kung der zuständigen Parteiorgane zu betreiben. Er ist in die Beratung der in Betracht kommenden ein
zelnen Fragen eingetreten und wird demnächst die Verhandlungen fortsetzen.
Also fahren wir fort, zu „einigen". Das wird mal ein Weltwunder von „Einigkeit" werden!
)( Der christlich-soziale Parteitag trat am Sonntag in Darmstadt zusammen. In der öffentlichen Versammlung wurde vor allem auf die nationalliberale Hetze hingewiesen. Die Liberalen hätten in der Finanzreform glänzend den Nachweis ihrer politischen Unfähigkeit erbracht.
* Der abgefallene kath. Priester Leute aus Württemberg hatte, wie erinnerlich, am Pfingst- samstag in Innsbruck in einer Protestversammlung gegen den Tiroler Katholikentag eine Rede voller Gotteslästerungen gehalten. Nunmehr hat das Landgericht Innsbruck sich nachträglich der Sache angenommen und gegen ihn wegen Verbrechens der Religionsstörung einen Steckbrief erlassen. Diese Tatsache hat die liberalen »Münch. N. N/ in Hellen Zorn versetzt. Sie erblicken in dem Vorgehen gegen Leute „einen Machtbeweis des Klerikalismus in Oesterreich" und nehmen den Gotteslästerer wärmstens in Schutz. Das ist ein starkes Stück. Leutes Schmährede war ein gemeiner Faustschlag ins Gesicht des glaubenstreuen katholischen Volkes, weil er in der frevelhaftesten und empörendsten Weise die Grundwahrheiten des Christentums beschimpfte und selbst vor der geheiligten Person des Welterlösers in seiner teuflischen Schmähsucht nicht Halt machte. Und einen solchen frechen Gotteslästerer nehmen die,M. N. N/ mit allem Eifer und aller Wärme, deren sie fähig sind, in Schutz, und sie belügen dabei noch in keckster Weise ihre Leser, indem sie dieselben glauben machen wollen, es habe sich nicht um Gotteslästerungen, sondern um politische Abwehr gehandelt! Solche faulen Ausreden zeigen, was von der durch und durch verlogenen liberalen Phrase zu halten ist, man bekämpfe nicht die katholische Kirche, sondern nur den „Ultramontanismus". — Für die Münchener Zustände ist es bezeichnend, daß die ,M. N. N/ dort in zahlreichen katholischen Familien zur täglichen Lektüre gehören.
— Ter 24. deutsche Protestantentag war in der vergangenen Woche in Bremen versammelt. Verschiedentlich wurde für die Trennung von Kirche und Staat plädiert und mächtig gegen den „Ultramontanismus" gehetzt. Den Reigen eröffnete der wandelbare Exjesuit Gras Hoensbroech:
„Eine weitere Tat ist der liberale Kampf, gegen den Ultramontanismus, dieses machtvollste „Antikultur- und polstische System". Von diesem Kampf war merkwürdigerweise bisher auf dem Protestantentag überhaupt noch nicht die Rede. Auch die drei Jahre der Blockpolitik sind vorbeigegangen, ohne daß sich der Liberalismus zu einer entscheidenden Tat aufgerafft hätte. Orthodoxe und Konservative sind gewiß auch eine verbohrte Gesellschaft. (Heiterkeit und Beifall.) Aber verglichen mit dem Ultramontanismus sind es kleine Kinder."
Pfarrer Traub-Dortmund meinte, beim „Kampf um die Kultur" gegen den Ultramontanismus gelte die größte Ausmerlsomkeit der Schule:
„Als man sich im preußischen Parlament über btt Schule unterhielt, da habe der Staat völlig versagt. Wenn wir den Unsinn sehen, daß der Staat als solcher seine Staatsschüler in Messe und Beichtstuhl schickt, bann müssen wir vom religiösen Protestantismus sagen: wir verzichten von unserer Kirche aus vollständig auf die Schule, damit die andere Kirche nicht das Recht
Deutsches Reich.
Ö Zum Rücktritt des Fürsten Bülow.
Die Bülow-begeisterte liberale Presse ist wie vor den Kopf geschlagen durch die Aufsehen erregenden Mitteilungen der letzten Tagen. Entweder geht man dort mit einigen verlegenen Worten um die Sache herum, wenn man sie nicht gar totzuschweigen versucht, oder man greift zu dem bequemeren Mittel, die Veröffentlichung der,Kreuz- zeitung' als Rache dafür hinzustellen, daß Fürst Bülow die Konservativen als die Urheber seines Rücktritts entlarve und „bloßgelegt" habe. Jn- deffen wagt es doch ein freisinniges Blatt, das ,Oberschl. $agebL', zu schreiben:
„Die Liberalen haben um des Blockes willen bisher dem Fürsten Bülow die Stange gehalten. Aber weder Bülow noch der Block dürfen soviel wert fein, daß um ihretwillen die Fälschung oder Unterdrückung der historischen Wahrheit gebilligt werden kann. Für die Richttgkeit des Berichts der ,Kreuz;tg.' spracht eine hohe Wahrscheinlichkeit. Insbesondere hätte der Kaiser schwerlich eine solche Rücksichtslosigkeit gegen seine Person, wie sie in dem Nichtlesen des Auffatzes gelegen hätte, ohne weiteres verziehen."
Auch von den nationalliberalen Blättern ist eines recht objektiv. Der ,Hann. Cour/ schreibt:
„Mag man über politische Moral denken wie man will, es wäre für unsere Staatsautorität — nicht nur für die Geltung amtlicher Erklärungen — ein schwerer Schlag, wenn die bitter ernsten Vorgänge der Novembertage von Amtswegen zu einer Komödie der Täuschungen verarbeitet worden wären."
Eine Zeitungskorrespondenz verbreitet eine Erklärung des Fürsten Bülow, „es entspreche nicht dem Interesse der Krone und des Landes, seinen Rücktritt auf die Novemberereignisse und auf Differenzen mit dem Kaiser zurückzuführen, aber die Parteien wollten das Odium für seinen Rücktritt auf den Kaiser abwälzen. Hierzu bemerkt die »Kreuzztg/:
Mir wissen aber wirklich nicht, welche ein „Odium" auf die Krone gewälzt werden kann mit der Behauptung, daß Fürst Bülow seit den Novembertagen das Vertrauen der Krone nur noch offiziell besaß, es auch seitdem nicht zurückgewonnen hat. Niemand wird der Krone einen Vorwurf daraus machen können, wenn ein verantwortlicher Ratgeber den Erwartungen nicht mehr entspricht, die für seine Ernennung bestimmend waren.
Es ist charakteristisch für den ehemaligen Reichskanzler, wie er wieder die Krone vorschiebt, um sich vor Angriffen zu decken oder der Verteidigung überhoben zu sein. Soweit das Zentrum die Verantwortung für den Rücktritt des Fürsten Bülow zu tragen hat, wird es dies „Odium" bereitwillig übernehmen. Fürst Bülow möchte seinen Sturz für ein nationales Unglück ausgeben, das kein Mensch verantworten könne; das mag er ja in seinen Augen fein; in den Augen vieler anderer, die es nicht so persönlich angeht, ist er das keineswegs.
Wenn wir heute an Euch schreiben, so tun wir Aufklärung zu verlangen, da wir Euer Vor- icht immer verstehen. Hier sind die D e u t s ch e n
wehren.
Die Bedrückung durch Polen wird dann eingehend geschildert, besonders wird geklagt, daß die Religionsausübung in der Muttersprache unmöglich gemacht werde. Zum Schluß heißt es dann:
„Desto mehr waren wir erstaunt und befremdet, als wir es durch die Zeitung vernommen haben, daß die deutschen Katholiken sich mit solcher Begeisterung für ihre polnischen Glaubensgenossen im Reiche einsetzen. Wenn .ins die polnischen Katholiken in Galizien hassen, wenn sie uns auf Schritt und Tritt Prügel vor die Füße werfen, woher nehmt Ihr denn die Bereitwilligkeit und die Liebe für die Stammesbrüder unserer Unterdrücker? Wie wäre es wohl gewesen, wenn beim Katholikentage in Breslau einer unserer Deutschgalizier aufgestanden wäre und Euch unsere schwere religiöse Lage geschildert hätte?"
Diese deutsche Klage aus Ostgalizien gibt der „Köln. Ztg." zu dec Bemerkung Anlaß: „Wie schon die Hilferufe deutscher Katholiken in Posen bei unseren Zentrumsleuten weder Gehör noch Verständnis, sondern höchstens feindliche Abweisung finden, so wird es, fürchten wir, auch diesem galizischen Aufrufe ergehen, denn höher als die Not der deutschen Glaubengenossen stehen dem Zentrum die politischen Vorteile, die sie durch Begünstigung der Polen zu erhalten hoffen."
Das ist nichts anderes als die Aufforderung, zu Gunsten der deutschen Katholiken in Galizien sich an der Bedrückungspolitik gegen die polnischen Katholiken im Deutschen Reiche zu beteiligen. Das ist aber doch eine recht eigen- artige Zumutung. Wenn die Verhältnisse in Galizien so liegen, wie sie in dem Sendschreiben geschildert werden — und es scheint manches Wahre daran zu sein — so ist es selbstverständlich, daß wir das Verhalten der galizischen Polen ruckhcr tlos verurteilen. Die dortigen deutschen Katholiken haben durchaus recht, wenn sie gegen die Versagung des Religionsunterrichts in der deutschen Muttersprache den schärfsten Protest erheben und den hartnäckigsten Kampf führen. Aber zn diesen Kampfmitteln gehört nicht der Appell an die deutschen Katholiken, nun aus Rache entsprechende Maßnahmen gegen die Polen im Deutschen Reiche auszuüben. Tas wäre nichts anderes als die Anwendung des Grundsatzes: Der Zweck heiligt die Mittel. Um Recht zu erlangen, darf nicht Unrecht getan werden. Als Unrecht sehen wir es an, daß die Polen im Deutschen Reiche in dem Gebrauch ihrer Muttersprache in der Religionsausübung behindert werden.
Hinzu kommt, daß die Anwendung des empfohlenen Mittels nicht den geringsten Erfolg für die Rechte der deutschen Katholiken in Galizien verspricht. Es ist geradezu toll, zu denken, daß Zwangsmaßnahmen gegen die Polen im Deutschen Reiche die galizischen Polen dazu veranlagen könnten, ihr Verhalten zu ändern. Im Gegenteil, die Polen, die in Galizien die Macht haben, können sich geradezu zur Rechtfertigung ihres Verhaltens
Maer W Zeitung
monatsMiage: „Sulbacr Geschichtsblätter"
Die rociBC grau voll Milsloe.
15] Original-Roman von O. Elster.
Das war aber auch die einzige Errungenschaft, die ich aus dem großen Kriege heimbrachte, wenn man von den Unteroffizierstressen absehen will, die mir noch während des Feldzuges verliehen worden waren. Doch nein, ich will nicht ungerecht sein! Ich bmchre aus dem Kriege Eines zurück, das mir niemals entrissen werden kann. Die großen, erhabenen Erinnerungen an eine Zeit der Begeisterung, der Psticht- erfüllung, der Opferwilligkeit, wie sie das deutsche Volk seitdem nicht wieder erlebt hat. 'Die Erinnerung an den Tag, da der greife König Wilhelm sich in Versailles die deutsche Kaiserkrone auf das Haupt setzte, und der Jahrhunderte alte Traum der deutschen Nation in Erfüllung ging, die Erinnerung an den Tag, da das Deutsche Reich auf den Grabern seiner gefallenen Söhne neu erstand.
Diese Erinnerung war es schon wert, daß ich jetzt einsamer, verlaffener denn je auf dem Pflaster der Hauptstadt des neuen Deutschen Reiches stand. Dennoch vermißte ich jetzt schmerzlich eines in dem großen Deutschen Reich: eine kleine Stelle, wo 'ch auSruhen konnte von den Mühen der letzten Jahre, wo ich Atem schövsen und neue Kraft sammeln konnte für den neuen Kampf, der mir bevorstand, nicht mit den Feinden des Vaterlandes, sondern mit dem Leben selbst das mir drohend genug entgegenblickte. Das Vaterland vermißte ich, die Heimat!
,, Ein Heimatloser stand ich da in dem weiten deut- feyen Vaterlcmd. Mir schüttelte nicht der Vater die Land zum Willkomm, mich umarmte nicht die Mut- 1er, dankbare Freudentränen in dem treuen Auge, mich begrüßte nicht der Jubel der Geschwister und der Freunde — heimatlos, freudlos stand ich da, eine Unendliche Oede gähnte mir entgegen.
Was nun? — Das war die Frage, welche mich jrfnige Tage hindurch beschäftigte.
Meine Vorgesetzten hatten mir vorgeschlagen, ich solle beim Militär bleiben, meine Beförderung zum Offizier würde in kürzester Frist erfolgen Ich sagte mir jedoch, daß das Leben eines Kavallerieofsiziers — wenn ich mich auch zu einem weniger teuren Regiment als die Gardedragoner versetzen ließ — an das Vermögen des Betreffenden Anforderungen stellte, die ich nicht erfüllen konnte. Auch erwachte Die alte Liebe zu Kunst und Wissenschaft wieder in mir, als der Lärm der Waffen verhallt, als die kriegerische Begeisterung erloschen war. Ich fühlte, daß ich nicht zum Offizier paßte, mich zog es mir unwiderstehlicher Gewalt zu dem stillrauschenden Born der Wissenschaft.
Ich sagte mir aber auch, daß es jetzt vor allem darauf ankomme, meine Studien so bald wie möglich zu vollenden, damit ich zu einer festen Stellung gelangte, die mein Leben sicherte. Mit regem Eifer wollte ich mich damit auf das Studium werfen, doch da — versagte mir die Kraft.
Die Erregung, in der ich die letzten zwei Jahre gelebt, die Strapazen des Feldzuges, das unregelmässige Leben — das alles hatte mein Nervensystem angegriffen. Jetzt, wo die äußere Ruhe wieder eingetreten war, fand ich die innere Ruhe nicht; die Sammlung fehlte mir, ich konnte meine Geisteskräfte nicht längere Zett auf eine Arbeit konzentrieren.
Ach, wie vermißte ich jetzt das Elternhaus, in dessen stillem Schoß meine fieberhaft erregten Nerven die Ruhe anhaltender Arbeit wieder finden konnten. Ich irrte, ruhelos, planlos, kraftlos, in der menschenvollen Haupfftadt umher, bertoirrt von den glänzenden Bildern, die um mirb her auftauchten, in Gefahr, in dem Strudel der aufblühenden Weltstadt zu versinken.
Da kam mir dir Rettung von einer Seite, von der ich sie nicht erwartet hatte.
Eines Tages fand ich folgenden Brief auf meinem Tische vor:.
Mein lieber, alter Kriegskamerad!
Durch unseren Negimentsadjutanten habe ich Deine Adresse erfahren. Es hat einige Mühe gekostet, sonst
hätte ich Dir schon eher geschrieben. Ich habe cs nicht vergessen, wie Du mich mit Gefahr Deines eigenen Lebens aus dem Kampfgetümmel von Mars la Tour gerettet hast. Es wird Dir bekannt sein, daß meine Verwundung mir bislang verboten hat, wieder aktiven Dienst zu tun, ich hoffe jedoch bald wieder soweit her- gcstellt zu fein. Der Winter aber wird wohl noch drüber hingehen. Run habe ich eine Bitte an Dich! Komm zu mir, den Winter mit mir und den Meinigen auf Schloß Oldensloe zu verbringen. Meine Eltern laden Dich auf das Herzlichste ein, sie möchten gern meinem Lebensretter die Hand schütteln. Ich weiß. Du hast kein Elternhaus, keine Heimat — so komm zu uns, Du sollst beides bei uns finden. Auch Deine Studien, wenn Du diese wieder ausgenommen hast, kannst Du hier fottsetzen An Ruhe und Gelegenheit zum Studieren soll es Dir hier nicht fehlen. Also komm, alter lieber Freund, Du bereitest meinen Eltern und mir durch Deinen Besuch eine große Freude. Eine Absage nehmen wir nicht an. Auch mein Schwesterchen ist neugierig, den alten Spielkameraden wieder zu sehen.
Mit den herzlichsten Grüßm dein alter Freund
Lothar Oldensloe.
Meine Nerven mußten doch wohl sehr angegriffen sein; die Tränen traten mir bei dem Lesen des Briefes in die Augen. Eine Zeit lang saß ich da, die Stirn in die Hand gestützt, ohne zu einem festen Entschluß kommen zu können.
In der Erinnerung tauchte das alte feudale Schloß Oldenloe mit seinem mächtigen Bergfried vor mir auf; die Wälder, die Berge, die Schluchten, das kleine, einsame Försterhaus, in dem. ich meine Kindheit verlebt hatte. Ich sah das ernste, düstere Gesicht meines Vaters wieder, ich durchlebte nochmals die Scherckens- stunde seines Todes — oh, wie viele hatte ich seitdem sterben sehen! — das rührende Bild meiner Mutter ters wieder, ich durchlebte nochmals die Schreckensnickte mir zu, alle, alle sah ich wieder, und unter all den Gesichtem lächelte mir ein liebliches Kindergesichtchen freundlich zu — das kleine Kontteßchen knixte zierlich und rief mir schelmisch zu: „Suche mich, hasche mich!" — wie sie es früher getan in der glücklichen, hannlosen
Kinderzeit, wenn wir in dem Garten hinter dem Hause meines Onkels Karl zusammen spielten.
Und dieses liebliche, schelmische Kindergesichtchen wollte mir nicht wieder ans der Seele schwinden. Es lockte mich — es lächelte mir zu, und die blühenden Lippen Pufferten in einem fort: Suche mich — hasche mich! Ich fühlte wieder, wie sie die Aemichen um meinen Hals schlang, wie sie mir unter Tränen lächelnd zurief:
„Auf Medersehen!"
Mehrere Tage ging ich unschlüssig mit mir umher, was ich aus den Brief Lothars antworten sollte. Dank war mir der brave Junge mit dem goldenen Herzen wahrlich nicht schuldig, ,vas ich für ihn getan, hätte jeder andere Dragoner auch getan, und er selbst würde e§ für jeden anderen Kameraden getan haben. Seinem Dank wäre ich gern ausgewichen, aber die Sehnsucht nach der alten Heimat meiner Kindheit, die Sehnsucht nach dem lieben Freunde und die Sehnsucht nach dem lieben Kindergesichtchen ließ mir keine Ruhe und kurz entschlossen, um nicht wieder unsicher zu werben, telegraphierte ich an Lothar, daß ich am folgenden Tag mit dem Zuge in Oldensloe eintreffen würde.
Nachdem ich das Telegramm abgeschickt hatte, erfaßte mich die alte Unruhe, die alte Unsicherheit aufs neue. Als aber nach einigen Stunden das Antworttelegramm einlief:
„Sehr erfreut. Wagen erwartet Dich am Bahnhof," da waren die Würfel gefallen und am anderen Tage fuhr ich meinem Schicksal entgegen.
Wie dunkel und geheimnisvoll sind doch die Wege des Menschenschicksals! Durch welche scheinbare Irrwege .durch welches scheinbare Labyrinth führt uns das Schicksal dem Zielpunkt unseres Lebens zu. Wie oft habe ich mich später sinnend gefragt: war das alles nur Zufall, welcher dich diese Wege gehen ließ? Oder war es nicht eine geheime Macht des zielbewußten Schicksals, war es nicht die Hand Gottes, die deine Schritte lentte, die dich, wie einen Blinden, die dunkeln Wege deines Lebens wandeln ließ?
(Fortsetzung folgt)