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36. Jahrgang.

Fulda, Samstag den 25. September 1909.

JV3 220.

Zweites Wtatt.

»«zrigt«: vir et» spaltigtpetitrcilrodrr bereit »mm X5 Psg. Rr«amendiepetitzeile 25 Psg-, bei wieder« holtmgenwird eatspr. Rabatt gewährt.

»otationsbtttdimb Verla, der Mdaer»

für biejeniijcn, die darin wohnen sollen, nicht für die Fremden, die gelegentlich eine Vistte machen. Bei der Auswahl der Möbel pfeift auf den modischen Stil und haltet euch an euer gesundes Gefühl. Stat­tet die Wohnung so aus, daß ihr selbst euch darin behaglich fühlt. Tas Notwendige muß gleich von Anfang an vorhanden sein, aber auch nicht mehr. Wenn es euch in der jungen Wirtschaft gut geht, so könnt ihr ja die Einrichtung fort und fort ergänzen und vervollkommnen, und zwar genau im Anschluß an die jeweiligen Bedürfnisse, Wünsche und Mittel. Diese Bewegungsfreiheit ist viel besser, als wenn man von vornherein das Geld verbraucht hat in Luxussachen, die man nach einer gewissen Zeit schon gern anders haben mochte. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn man ohne Not und ohne gehörigen Nutzen sich eine Abzahlunqslaft an'S Bein gebunden hat, die in schlechten Zeiten wie ein Bleiklumpen ivirken kann

Die Mahnung zur Sparsamkeit wird nicht gern gehört; die Leute denken leicht, das sei eine Art Mönchsvredigt, die sie zur ewigen Selbstverleug­nung und Abtötung, zum Verzicht auf alle irdischen Genüsse verpflichten wolle. Aber so ist es gar nicht gemeint. Die Mahnung geht nur dahin, daß du dem schönes Geld nicht in unvernünftigen Singen vergeuden sollst, um auf diese Weise dir die Mittel zu sichern für vernünftige Genüsse, die sich wirklich lohne». Auf dem Katholikentag zu Breslau ist dieses Kavstel sehr gründlich und trefflich behandelt worden Es handelt sich um die Kunst einer ver­edelten Lebensführung. Statt die verfügbaren Gro­schen und Taler in allerhand Nichtigkeiten oder gar Liederlichkeiten zu verpuffen, soll man sie mit rich­tiger Uebcrlegung unb Ordnung zielbewusst verwen­den. nm sich und den Seinigen das Leben gemütlich und behaglich und erhebend zu gestalten. Das ist eine Kunst, die sich nicht in wenige Worte fassen läßt. Eine kleine Richtschnur könnte man aufstellen in dem Satze: Fliehe alle Genüsse, nach, denen es dir in Leib oder Seele wehe tut, und verwende Zeit und Geld lieber ans solche Genüsse, nach denen dir im Kopf und Herz wohl und Wähler wird. Ise edler das Vergnügen, desto reiner ist es und desto billiger.

Ein gemütliches Wohnzimmer kostet auch nicht so viel, wie eine Prunkstube, von der du und die

für ein glücklich liebend Paar, — aber nur, wenn es Geld hat, um die Miete für den vereinbarten Zeit­raum vorauszuzahlen unb sich außerdem noch die nötige Ausstattung besorgen zu können. Von dem „kleinsten" Raum soll man lieber gar nicht fingen; denn die hohen Mietspreise sorgen schon da­für, daß die neue Wohnung meistens zu klein ist. Im Anfang geht das zur Not; aber soll man nach einem Jahre, wenn die Familie sich vergrößert hat, schon wieder umziehe»? Es ist ja ein gewisser Vorzug der Mietswohnung, daß sich die Familie nach den ver­änderten Verhältnissen jeweilig eine besser passende Behausung verschaffen kann. Aber der Umzug hat doch seine Schrecken und Schäden; man glaubt, etwas Besseres zu finden, unb stößt sehr oft auf arge Ver­schlechterungen. Der Eine zieht zu oft um, aus aller­lei minderwertigen Gründen, manchmal infolge einer fchlechten Laune; der Andere dagegen ist zu faul oder feige unb klebt infolge dessen an der Wohnung, die er gerade hat, obschon sie für feine Familie unzu­länglich und in gesundheitlicher oder sittlicher Hin­sicht schädlich ist. Behalte das gute, aber nicht das schlechtes Und wenn du erkannt hast, daß ein Wechsel notwendig ist, so sieh dich rechtzeitig und sorg­fältig nach etwas besserem um. Die Zest und Kraft, die man auf die Wohnungssuche verwendet, ssi wahrlich nicht verschwendet. Prüfe, prüfe mit allen fünf Summ, ehe du dich an elfte Wohnung bindest! Sie wird freilich nicht für ewig gemietet, aber doch für einen längeren Zeitraum, in dem du und die Deinen viel Qualm ausstehen und viel Schaden sich zuziehen können; vielleicht ein Schaden, der sich nie­mals wieder gut machm läßt.

Nach der Wahl kommt die Einrichtung. Früher setzten alle Beteiligten ihren Stelz darin, daß die Ausstattung eines netten Nestes möglichst ge­diegen sein sollte. Jetzt heißt die Patrle: modern, stilgerecht, glänzend. Auf die Dauerhaftigkeit, Zweck­mäßigkeit und Bequemlichkeit wird weniger Wert ge­legt;' daZ äu ßere soll gleißend und bestechend sein, es soll geprotzt und geprahlt toerben. Und wenn die Wohnung noch fo eng, die Mittel noch so knapp sind, es soll doch eine sogen, gute Stube da sein, die als Pracht- und Pruukzimmer für die Besuchet bereit ge­halten wird. Ein selbstmörderischer Unsinn! Nicht laut genug kann den Brautleuten und den Braut- vätem zugerufen werden: richtet die Wohnung ein

Deutsches Reich.

* Abgebiitzt. Ter Berliner Korrespondent des „Matin" suchte den früheren deutschen GeneralstabZ- chef, Graf Schlieffen, auf, um ihn über seine Meinung über die französischen und deut- fchen Herb st Manöver zu befragen. Der Kor­respondent fand, wie die „Berl. Ztg. a. M." mitteilt, in dem General einen unerschütterlich zugeknöpften Herrn, der ihm erklärte, daß er den französischen Ma- növern nicht beigewohnt habe, also darüber auch nichts fagen könne. Und die deutschen Manöver? fragte der Korrespondent. „Darüber zu sprechen, wäre H o ch o e r r a t," gcch der General kurz zur Antwort. Der Interviewer suchte mm das Gespräch auf ein anderes Gebiet zu lenken. Die öffentliche Meinung, sagte er, ist dec Ansicht, daß, wenn dem­nächst ein Krieg nusprechen würbe, dieser mtr zwilchen Deutschland und England stattfindm könne. „Da­von weiß ich nichts," gab der General lächelnd

Veranttv. Redakteur» Lar?rchS"e,

ÄÄsX. w°chmb-il-s-:„r«vstnefte Somüagyeitung"

erscheint tiglich mit Ausnahme der §om- U.tdZeiertagr.Liertel- jährlicher Bezugspreis obne rrlngertoha und Bestellgeld in 8«lda fa- Vie auswärts t-50 u».

zur Antwort. Der Korrespondent kam nun aus den militätischen Geist in der dentschm Armee zu sprechen, der zu wünschen übrig lass« (?), da in Ihr über 10000 Fass, von Kr^dsrdnttftionen zu verzeichne« gewefa, waren. „DaS ist falsch," erwi^rte der Genera^ „unsere Armee ifr groß und stark." „Aber dte unfrige? fugte der Interviewer. „Eure Zewutgen chtd es. Ne die Armee in d«l Kot steifen," gab Schliessen zur Antwort. Der Korrespondent nahm dte frarr- zösische Presse tn Schutz, es wären nur einige anar­chistische Zeitungen, die die Armee an griffen. Em Beweis, wie patriotisch man In Frankreich suhle, sei die allgemeine Entrüstung, die sich über die Besudeb ung her Fahnen gezeigt habe. „Der General sah mich mit starren Augen an und schwieg." Damit schloß die Begegnung des Grafen Schlieffen mit dem franzö­sischen Journalisten

)( Der Wirrwarr, der int Mittelstand in der Fra^ der Stellungnahme zum Hanfabunde immer noch besteht, soll gelöst werden. Sie sächsische T -telftandS- vereintgung beruft die Vorstände aller, gewerblichen mittelständischen Verbände aus dem Reiche zu einer gemeinsamen Beratung ein, die in den nächsten vier- zehii Tagen in Leidig stattfinden soll. In Mar Beratung soll der Konflikt gelöst werden, der durch das Vorgehen des Vorstandes bet Mittelstcmdsver- emigung und des Vorstandes des Zentralausschusses der Jnnungsverbände in Sachen des Hansabundes entstanden ist.

— Polnische Streichhölzer mit entsprechenden Auf­schriften werden in Danzig in den Verkehr gebracht Die Polizei hat der Sache bereits ihre Aufmerksamkeit gewidmet — So meldet der „Graudenzer Gesellige . hoffentlich sorgt das deutfchvölkische Blatt mit Hilfe des Hakatistenvereins dafür, daß dieser Frevel gegen den Bestand des deutschen Reiches und des preu­ßischen Staates durch geeignete gesetzgeberische Matz- vahmrn im Keime erstickt wird. Streichholzschachteln mit schwedischen Aufschriften sind ungefährlich; auch tialienische Etiketts schaden nichts, selbst wenn sie von schamlosen Abbildungen begleitet sind. Zlber eme Aufschrift in einer Sprache, die ein paar Millionen Reichsangehöriger sprechen — da muß sich -PM®1 und Staatsanwalt ins Mittel legen und die Gefetz- gkbtmgsmaichine unter Dampf gesetzt werden.

X Eine intereffmtte Statistik über die jüngst er- solote bayerische Landtagswahl in Sulzbach- Auerbach finden wir im „Bayer. Kur.". Die sämt­lichen Wahlorte werden da einzeln aufgeführt und ein Vergleich gezogen zwischen der Stimmenzahl der vorigen und der letzten Wahl. Da ergibt sich denn, daß der Liberalismus überall gewaltig hat Haare taffen müssen zugunsten der Sozialdemokratie, auch in rein ländlichen Bezirken, und ferner, daß gerade m ganz oder vorwiegend protestantischen Wahl­orten die Sozialdemokratie den Hauptteil ihres Stimmenzuwachses erhielt. Danach begreift man es, wenn ein sozialdemokratischer Agitator aus dem fränkischen Fabrikort Pegnitz gemeint hat: „Wir wer­den einen guten Stimmenzuwachs haben, bloß Mit den dummen Katholiken kann man nichts a n fa n g e n." Die 30 sozialdemokratischen Stimmen im Amtsgerichtsbezirk Vilseck stehen dem glänzend gegenüber.

)( Eigene Automobil straften fordert energisch die,Deutsche Tageszeitung^ unb begründet ihre Forderung mit den immer unerträglicher werden­den Zuständen, die sich infolge des zunehmenden Äutomobiloerkehrs auf unseren belebtesten Land- ftagen heransbilden:

„Selbst wenn man diese Straßen als „öffentliche* Verkehrswege anfpricht, dürfte es doch nicht gestattet werden, daß eine kleine Minderheit diese Straßen in einer Weise benutzt, die für alle übrigen Passanten mit großer Gesahr oder Schädigung für Leben, Gesund-

beinen nichts haben. Ein behagliches Ritterzeng ist viel billiger, als die Prahlkleider oder Protzhüte, mit denen man vergebens den Nachbarn zu imponieren sucht. Bücher und Zeitschriften, an denen sich btt ganze Familie fort und fort erquickt unb ergötztkosten nicht ben zehnten Teil von der Rechnung für di« modernen Dibbel, an deren Ecken ihr euch stoßt Wenn auch die Musik Freude macht, so legt lieber ein paar Hundert Mark für ein Klavier an, als daß ihr diese ©ummcvi stückweise ins Wirtshaus tragt oder zur häuslichen Abfütterung von allerhand fremben unb undMtkbaren Leuten verwendet.

Ich hoffe, daß recht viel Frauen unb Jungfrauen meinen Artikel mit ihren lieblichen Augen beehren. All diese Betrachtungen über vernünftige Wohnungs­einrichtung und Lebensführung fallen bei dem männ­lichen Geschl°cht auf steinigen Boden. Die Frauen neben ben Ausschlag, sowohl bei der Herstellung des Nestes als bei der Wirtschaft, die darin geführt wer­de» soll In diesem Punkte brauchen die Frauen nicht nach Emanzipation und Gleichberechtigung zu rufen; sie haben Vorrecht und Vormacht. Und sie mögen es auch behalten — wenn sie nur des rechte« Weges sich bewußt bleiben. Die Voraus­setzung ist fr ilich daß der weibliche Nachwuchs auch wirklich erzogen wird zn dem ersten und rechten, dem höchsten unb schönsten Beruf der .Hausfrau und Mut­ter. Der Sim: der Bräute muß schon auf das Solide und Zweckmäßige geachtet sein, sie muffen haushalten gelernt haben m dem weitesten Sinne des Wortes, d. h. das richtig« Gefühl haben für die zweckmäßigste Verwendung der Mittel, welche die Eltern oder der Alarm für die Einrichtttng des Heimes und für die behagliche Lebensführung der Familie bereit stellen. Ob in der Familie die edle Freude herrscht oder der nitderziehende Hanz nach rohen „Genüssen , ba3 hängt wesentlich von der Hausfrau und Mutter ab. Wenn sie nicht von allen guten Geistern verlassen ist, so vermag sie auch den Mann so zu erziehen, daß et zu. Hause sich am wohlsten suhlt und die Hebung des Familienlebens als feine lohnendste Ausgabe betrach­tet. Dann kann auch in bei bescheidensten Miets­wohnung das Glück mit einwohnen. Dann _ bleibt auch int Herbst und Winter der Frühling in den Herzen, dir sich gegenseitig das Erdenleben zu er­leichtern und zu verschönern streben.

Bon besonderen Zugeständnissen Japans kmin mmr in beiden Fällen nicht wohl sprechen, da ba3 Recht offenkundig auf Seiten Chin^ war. Die Japaner haben sie umso eher machen können, als die Vor­teile die ihnen durch das Abkommen zugestauden werden', ganz bedeutend sind. Sie bedeuten eine Un­terstellung der Mandschurei unter Ja­pan s M a ch t s p h ä r e. Die mandschurischen Bah­nen werden durck eine neue Bahn an die koreanischen Linien angeschkossen, der wichtigste Hasen Niutschwcmg isi dem iavanischen Handel geöffnet. Eine ganz unge­wöhnliche Bestimmung zu Lasten Chinas ist diejenige, daß China Parallelüahnen zur mandschurischen Haupt­bahn nur mit Genehmigung Japans anlegen do cf. Das bedeutet geradezu eine Auf gab e der So u- veräniiät Chinas über dte Mmdfchurei Die wirtschaftliche Vorherrschaft JapcmS in der Mmd- fchurei ist weiter dadurch gesicheft, daß die Kohlenberg­werke zu Fushun und Yantai der japanischen Regie­rung überlassen werden und daß alle übrigen Kohlen­bergwerke längs der Antnttg-Mugden-Eisenba^ «nd der Hauptlinie der südmandschunschen Eisen oahn tn gemeinsamem Betriebe von japanischen und chinesischen Unternehmern cmsgebentet werden sollen ^armt bat Japan nun auf friedlichem Wege sein Ziel der wirtschaftlichen Beherrschung der Mandschurei erreicht.

Die Mandschurei bildete bekanntlich die Veran­lass u n g zum r u s s i s ch-j a p a n t s ch e n K r i e ge. Im Frieden zu Portsnwuth mußte Rußland auf ferne hier errungene Stellung verzichten. Die Provinz wurde aber nicht dem chinesischen Reiche zitrückerstattet son­der die I a p a n e r rückten in die Stellung em, die die Russen hatten verlassen mässen. Natürlich geschah dies unter offizieller Anerkennung der chinesi­schen Souveränität, aber gegenüber den tat­sächlichen Verhältnissen hatte dies wenig zu bedeuten. Durch das nette Abkommen wird Japan als wirtschaft" licher Machthaber der Mandschurei ausdrücklich aner­kannt; ob es im Laufe der Zeit die Mandschurei sei­nem Gebiete vollständig e i n g l i e d e r n wird, dürste in der Hauptsache Frage seines Willens sein. Not­wendig ist dies keineswegs, wie das Beispiel von Korea zur Genüge beweist.

Die Stärkung des japanischen Einflusses in der Mandschurei bedeutet zugleich eine Verminde­rung des Einiluffes, den die übrigen Staaten, E u r o p a und Nordamerika, im Reiche der Mitte be­sitzen. Die gänzliche Au s s ch a l tu n g des Einflusses der w e i ß e n Rassen aus China ist das klar erkennbare Ziel der japanischen Wirtschafts­politik. Darin liech eine ernste Gefahr für die Inter­essen der weißen Staaten, insbesondere auch für un­sere wirtschaftlichen Interessen in China.__________

Unpolitische Zeitläuse.

(N.) Beilin, 23. September 1909.

(Nachdruck verboten.)

Herbstanfang. Michaelstermin, Umzug und Ehe­schließungen: das sind gegenwärtig die unpolitischen „Zeichen der Zett".

Wohnungswechsel und Heirale.i hängen cng zu­sammen. Früher zogen die Neuvermählten in das elterliche Haus oder in ein eigenes Haus, was sie sich erbaut oder gekauft hatten. Unter den städtischen Ver­hältnissen der Neuzeit ist das anders geworden. Für die Mehrzahl unseres Volkes gibt es kein „Vater­haus" mehr, sondern höchstens eine Vaterwoh- ,n u n g. In der Regel haben die Eltern während der Wachszeit ihrer Kinder mehrmals die MietS-Woh- nnng gewechselt; in den Jugenderinnerungen des Nachwuchses gibt eS also kein feststehendes Einheiis- blld vom Jugendheim, sondern vielmehr ein kine- maiographssches Wandelbild: bald wohnten „wir" in diesem, bald in jenem Stadtteil, bald gehörten „wir" zu dieser Psarrei tmd Schule, bald zu jener; bald woynten wir im Vorderhaus, bald im Hinter- hMs; bald eine Treppe höher, bald eine Treppe tie- jer, vielleicht sogar im Dachstübchen oder gar im Kel- ler. Und nirgends sind „wir" so recht heimisch ge- worben. Die Alten konnten beim besten Willen ntept mehr seßhaft sein; die Jungen haben wohl meistens kein Verständnis und leine Neigung mehr s?r m Seßhaftigkeit in den eigenen Pfählen. Als bas Wohnen im Erbhause ober im neuen Eigenhause nodj Sitte war, konnten sich die Eheschließungen ziemlich gleichmäßig über das ganze Jahr verteilen, da das eine Nest heute, baS andere morgen fertig h>urbe. Jetzt müssen sich die Eheschließungen auf die Umzugtztermine zusammendrängen; denn das Rest sur die neue Familie wird erst frei, wenn der Miets- vettrag mit dem bisherigen Einwohner ab gelaufen ist, und zu diesem Zeitpunkt will das neuvermählle Paar auch möglichst pünktlich einziehen, um kein unnützes Mietsgeld auszugeben. So ist beim hierzulande dar Oktober der bevorzugte Heiratsmonat geworden.

»Raum ist in der kleinsten Hütte für rin glücklich liebend Paar." So hat Schiller gesungen, als man bon dem modernen WohnungSelend noch keine Ahnung hatte. Raum ist in de« Mietskasernen

Maer W Zeitung

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Monatsberlage: „8uldaer SeschichtsbMer"

Budget festhält, rmd dann wieder wurde daran er­innert daß auch fto Oberhmts sehr einflußreiche Peers, wie der Lord Lansdowne, fitzen ,die die Ablehnung des Budgets durch ta5 Oberhaus für eine arge Re­volution erklären, die fie unter keinen Umstanden mit­machen lötuitn. Endlich dürste auch die Erklärung des englischen Finanzministers Lloyd George, daß bei der Einkommenbefieuerung das Einkommen aus Land­besitz gewisse Begünstigungen genießen sollte, manche ursprünglichen Gegner des Budgets umgestimmt ha­ben Indes ist die Lage noch lange nicht geklärt, je­denfalls tleTjen im parlamentarischen Leben Englands bedeutsame Kämpfe bevor. Auch mit seinen Kolo­nien hat England eine trübe Erfahrung mehr machen müssen: es hat zufehen müssen, wie die ägyptischen Rationalisten in Genf ihren zwetten Kongreß abhiel­ten, der einen gar nicht üblen Verlauf nahm. Be­sonders bemerkenswert war das Auftreten englifcher Parlamentarier auf diesem Kongreß . Die irischen Abgeordneten redeten die Aegypter mit dem Titel Brüder" und forderten strikte die Zurückziehung der englischen Okkupation. in Aegypten. Etwas patrio­tischer war der englische Arbeitersührer Keil Hardie, der zwar die fmigägvptifche Forderung eines ägypti­schen Parlamentes energisch untefftützte, die Zurück­ziehung der englischen Besatzrmg Aegyptens aber für zurzeit inopportun erklärte. Weisen so die englischen politischen Verhältnisse mancherlei dunkle Seiten auf, so fehlen doch auch nicht die lichtvollen Momente, die König Eduard rmt ziemlicher Geschicklichkeit immer wieder herbeizirfthaffen weiß. Schon seit Jahrhunder­ten steht Portugal in einem freundschaftlichen Verhalt- ms zu England, und dieses Verhältnis wird immer mehr ein ÄLHängigkeitsverhältnis. Die neueste Phase dieser nützlicher Freundschast ist die Verlobung deS Königs Manuel von Portugal mit einer nahen Verwandten des englischen Königshauses.

In Frankreich hat sich wieder ein Ereignis zugetragen, das wieder mal als ein Zeichen deS mo­ralischen unb staatlichen Verfalles unserer westlichen Nachbarn angesehen werden muß Die Fahne eines Infanterieregimentes wurde im Manöver vermißt, und nach kurzem Suchen fand man sie im Abort wie­der Man stelle fick vor, so etwas wäre in Deutsch­land, im deutschen Heere passiert. Würde der Regi­mentsoberst im Dienst verbleiben? In Frankreich aber regte mm sich nicht mal so sehr über die Sache aus Ja, republikanische und liberale Blätter be­schönigten die ^schichte sogar, und schließlich kam ein Blatt sogar auf die famose Idee, der Verbrecher müsse ein „Klerikaler" gewesen fein. Richtiger wird man das traurige Geschehnis als ein Ergebnis und eine Folge der jahrhrrndettekcmgen Machenschaften der re- voftitionären Gesellschaften und der Freimaurerei an- sehen, deren Bestreben darin besteht, jegliche Autori- M zu untergraben. _________________

-F Die Bedeutung des chinesrsch-ja- panischerr Abkommens.

Das Mandschurei-Abkommen zwischen Japan und China, dessen Bedeutung wir bereits kurz charakterisierten. bildet die Erledigung einer Streit­sache, die vor einigen Wochen beinahe zu einem Kriege geführt hätte.

Durch ein kluges Nachgeben in einigen unterge­ordneten Punkten hat Japan die Kriegsgefahr zu be­schwören verstanden» In der Frage der mit deit^rus­sischen Bahnen fibentemmenen Pantai- und F us- hun-Kohlengruben hat es die Rechtslage, das Eigentum unb die Hoheitsrechte Chinas anerkannt, die verdrängten Privaten haben Anspruch auf Entschädi­gung erhalten. Der zweite Punkt, in dem Japan nach­gegeben hat, ist die Rückerstattung eines eigenmächttg besetzten Gebietes am Tjumenfluß an China.

wochen-Nun-jchalt.

[:] Fulda, 24. September 1909.

Wenn im Herbst der Reservemann frohen Mutes noch der Heimat zurückkehrt, dann beginnt es auch wieder in der Politik etwas reger zu werden. Die politische Saison ist in einigen Staaten Bereits tm Gange, in anderen steht ihre Eröffnuirg nahe bevor. Der neue Reichskanzler v. B e thman n- H oll- w e g hat durch feine Reise nach Wien zwar kerne Befestigung des Bündnisses zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn herbeigeführt, da dieses eben nicht fester sein kann, als eS feit der Balkankrisis der Fall ist; aber er hat den deutschen Schwarzsehern, die da glaubten, die Donau-Monarchie fange zu unserem Schaden wieder an, mft England zu liebäugeln, wenigstens jeden Anlaß genommen, über die schwäch­liche Haltung Deutschlands zu phantasieren I« übrigen war eS in den Reichsressorts noch sehr stille, nur einige Meldungen über bevorstehende gesetzgebe- rifchen Arbeiten wurden verbreitet. Der sozial- lemokrati fche Parteitag hat auch in feen Schlußverhcmdlungen zum Ausdruck gebracht, daß der Revisionismus nicht nur als gleichberechtigt mit dem Radikalismus innerhalb der Partei gilt, sondern daß er sogar die alten radikalen Führer allmählich unter seinen Bann zu zwingen beginnt. Einig aber waren alle im Haffe gegen das Zentrum. Dte Tagung des WindthorstbundeS in Bonn zu Beginn dieser Woche bewies im Gegensatz zu dem .roten Parteitage eine volle Uebereinftimmung der Zentrumskreise in politischen Fragen; sie bewies 'aber auch, daß der Organisationsgedanke unter den "Zentrnmswählern immer stärker wird. Der Kaiser, der nach dem Kaisermanöver in Süddeutschland dem sächsischen Manöver beigewohnt hatte, weilt gegen« wattig für ein paar Tage in Rominten.

Die Manöver sind beenbet, und so und soviel Landwirte präsentieren die Rechnung für zertretene 'Rübenfelder, über welche die Schlacht dahinbrauste; freilich zettrtten die Herren und Damen Manöver- bnmmler oft mehr als die Truppen; man will doch was sehen und sieht ost — doch nichts — Im Kai- -sennanöver hat sich ein bemerkenswettes Ereignis ab- igespielt: der Prinz rezent stellte den im bayerischen /Heer als Offizier stehenden jugendlichen Prinzen iErnst von Brannschweig-Lünebnrg dem Kaiser vor. Der Sohn des Herzogs von Cumber- iland. der bis heute an seinem Anspruch an Braun­schweig fefthält, wechselte mit dem Deutschen Kaiser einen Händedruck! Das läßt Gutes hoffen, den end­lichen Frieden vielleick-t zwischen den Fuikien und im Volke! Wie werden die Leute von Schandau, die Alldelltschen, zornig die Nachricht vemommen haben, nachdem fie noch soeben die Einverleibung Braun­schweigs als Reichsland gefordert hatten. Dieser Nasenstüber von allerhöchster Seite wird bei den 'Herren sitzen! Von Rechtswegen.

In England ist der Kampf um das Budget lange über den Rahmen des Parlamentes hinaus in3 weite Lund hincingetragen worden, und es ver­geht kein Tag, wo nicht irgendwo in England eine Versammlung oder andere Demonstrationen für ober wider stattfindet, und keine Woche, in der nicht Män­ner polttisch ersten Ranges auftreten und in stunden­langen Reden die schwierige Sachlage erörtern. Der Eindruck, den die meisten Zuschauer nach der vor 14 . Tagen stattgehabten Rede des OberhauSlords Rose­bery hatten, nämlich, daß die Ablehnung des Bud- getS im Oüerhanse unvermeidlich sei, hat sich doch ganz erheblich abgeschwächt. Denn einmal wurde be­kannt, wie entschieden die liberale Regierung an ihrem