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Zuldaer W Zeitung

Monakbesage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

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Verantw. Redakteur: «ariSch«tte^ jK'Ä». wochenbettase: „Illustrierte Zonntagszeitung

M 219.

Fulda, Freitag den 24, September 1909.

36. Jahrgang.

Zweites Wtcrtt.

Deutsches Reich.

* „Religion ist Privatsache". Die »Kreuz» jeitung' schreibt: Von sozialdemokratischer Seite ist noch immer geleugnet worden, daß die Agi­tation zum Massenaustritt aus der Kirche son der Sozialdemokratie ausgehe. Mit dieser Agitation habe die sozialdemokratische Partei gar nichts zu tun; denn für sie gelte der Grundsatz, daß die Religion als Privatsache zu erachten sei. Nun hat sich aber in einer unbewachten Stunde doch der ,Vorwärts^ dazu entschlossen, seiner Partei den Ruhm für die besonders in Berlin stark bemerkbare Austrittsbewegung zuzuschreiben. In einem höhnischen Artikel mit der Ueberschrist »Die verlassene Kirche" ist im sozialdemokratischen Zentralorgan (Nr. 201) folgendes zu lesen:

Lassen wir die Pastoren schelten — und sorgen wir dafür, daß sie Grund haben, noch kräftiger zu chimpfen über das Ergebnis von 1909. Wir dürfens hnen nicht Übelnehmen, denn ihre Lage ist in dieser leit der Not wirklich nicht beneidenswert. Was sollen le anfangen, wenn das arbeitende Volk sich von ihnen ossaat, sich lossagt bis auf den letzten Mann und die letzte Frau! Sollen sie sich damit trösten, daß wenigstens die besitzende Klaffe ihnen treu bleibt ? Die besitzende Klasse sieht in der Kirche, der sie ihre Steuern hingibt, nur ein Bollwerk gegen die Arbeiterklasse, und sie er» wartet von dem Pastor die übliche Predigt über Ge­nügsamkeit auf Erden und Freuden im Himmel. Was kann den Besitzenden die Kirche noch wert fein, wenn das Volk dem Pastor den Rücken zeigt?

Deutlicher als hier kann die Heuchelei nicht beleuchtet werden, die die sozialdemokratische Partei mit ihrem Programmpunkte über die Erklärung der Religion zur Privatsache treibt. Und nicht minder deutlich geht aus der Aus­lassung des ,Vorwärts' hervor, daß es die Feindschaft gegen das Christentum ist, die die Sozialdemokratie erfüllt. Wo hat man jemals beobachten können, daß sozialdemokratischer­seits der jüdische Glaube verhöhnt, oder zum Austritt aus der Synagoge aufgefordert wird?

— 94 000 Mark hat der Hauptvorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands inner­halb eines Monats an ausländische Ge­nosse nverschenkt. Sozialdemokratische Redner und Zeitungen können sich zur Zeit gar nicht «entrüsten über die Ausbeutung und die nde Not des armen Mannes. Zn dem­selben Augenblick verschenkt aber der sozialdemo­kratische Parteivorstand 94 000 Mk. Parteibei- jräge an das Ausland. Die glücklichen Em­pfänger sind folgende:

1. Spanische Revolutionäre 40000 Mk. 1. ,El Sozialistin (span. Genoffenblatt) 4 000 Mk. 3. Generalstreik in Schweden 50 000 Mk.

Summa 94 u00 Mk.

Also d e deutsche Sozialdemokratie unterstützt jene Menschen in Spanien mit deutschem Gelde, die den brutalsten Kampf gegen die katholische Kirche führen. Kirchen und Klöster werden mit Petroleum begossen und angezündet, die Ordens­leute ermordet! Diese Freveltaten finden den Beifall der deutschen Sozialdemokratie — sie spendet dafür 40 000 Mk. Seit sieben Wochen streiken die schwedischen Gewerkschaften. Es ist zu verstehen, wenn die sogenannten freien Ge­werkschaften ihre Kollegen unterstützen. Wenn aber die deutsche Sozialdemokratie an die Schweden 50 000 Mk. schenkt, dann ist dies der

beste Beweis, daß auch der dünnste Grenzstrich zwischen Gewerkschaft und Sozialdemokratie ver­wischt werden soll. So erkennt der deutsche Ar­beiter immer bestimmter, daß freie Gewerkschaften und Sozialdemokratie sich nur durch ihren Namen unterscheiden; im Wesen und Charakter aber dasselbe sind und dasselbe Ziel haben: General­streik und Revolution.

)-( Dresden, 2.3. Sept. 1909. Den sächsischen Neuwahlen scheinen die Konservativen mit nicht geringer Besorgnis entgegenzusehen. Bekanntlich sol­len die Wahlen demnächst zum ersten Male auf Grund des Pluralwahlrechts erfolgen. Obwohl dieses für die besitzenden Klassen äußerst große Vorteile in sich birgt, so dürste doch der bisher bestehende äußerst große Einfluß der Konservativen auf die Regierungs- geschäste etwas gemildert werden. Umsomehr muß es einen wunder nehmen, daß der langjährige Führer der sächsischen Konservativen, Dr. Mehnert, nicht mehr kandidieren will. Ob Parieizwistigkeiten ihn, der lange Jahre hindurch Präsident der zweiten säch­sischen Kammer war, dazu bewogen, ist nicht bekannt.

volkswirtschaftliches und Soziales.

* Für den zweiten sozialen Kursus für Kaufleute, den der Volksverein für das katho­lische Deutschland in den Tagen vom 18. bis 22. Oktober im Vortragssaale des Volksvereins­hauses in M.-Gladbach veranstaltet, wird soeben das nachstehende genaue Programm veröffent­licht:

Montag: vormittags: Stellung des Handels in der deutschen Volkswirtschaft; nachmittags: Neuzeit­liche Entwickelung des Kleinhandels.

Dienstag: vormittags: Wahrung der Kleinhan- delsintereflen gegenüber bei anderen Berufsständen; nachmittags: Fragen des Arbeilsverhältniffes.

Mittwoch: vormittags: Wie kann das neue Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs nutzbar gemacht werden?; nachmittags: Staatliche und kommunale Förderung des Kleinhandels.

Donnerstag: vormittags: Rabattsparvereine, Einkaufs- und Kreditgenossenschaften; nachmittags: Berufs- und soziale Bildung.

Freitag: vormittags: Wie gewinnt der Klein­handel Einfluß auf die Gesetzgebung?; nachmittags: ©teuerfragen im Kleinhandel.

Anmeldungen zu dem Kursus sind an das Volksvereinshaus in M. - Gladbach zu richten, das auch zu allen weiteren Auskünften gerne bereit ist.

Aus Rirche und Schule.

(*) Fulda, 23. Sept. 1909. Lehrer Cas- pary von Schenklengsfeld ist vom 1. Oktober an die Schule zu Dalherda versetzt.

B Neapel. 20. Sept. 1909. Am Soniag war in Neapel großes Fest; es war der Tag des ersten Pa-1 trons der Stadt, des hl. Januarius, helfen Blut: im Dom aufbewahrt wird und das alljährlich an die­sem Tage auf wunderbare Weise flüssig wird. Von 1 diesem Flüssigwerden aber hängt, nach dec Meinung ' der Neapolitaner, das Wohl und Wehe der Stadt ab, daher steht alles diesem Mirakel mit. großer Span­nung, ja mit einer gewissen Aengstlichkeit entgegen. Die beiden Gefäße mit dem Blut des Heiligen werden in einem Schrein des Domschatzes aufbewahrt, zu der eine eigene Kommission die Schlüsse! besitzt; sie besteht aus einem Regierunosvertreter, sowie aus Vertretern der Stadtbehörde und des Erzbischofs. Auch am Sonntag war der Dom wieder bis auf den letzten Platz gefüllt; das Blutwunder trat rechtzeitig ein und gro­ßer Jubel teilte sich der gesamten Bevölkerung mit, als die königlichen Batterien der Forts die vorge­schriebenen Salutschüsse abgegeben. Abgesehen vom Festtage der hl. Barbara, den die italienischen Artil­

leristen feiern, ist das j^eft des hl. Januarnus eigent­lich das einzige, an dem sich die Armee in offizieller Weise beteiligt. In den achtziger Jahren wurde ein­mal der Versuch gemacht, das Militär fern zu halten; es wäre indessen bald ein Ausstand in Neapel aus ge­brochen und alles blieb beim Alten. Noch heute muß der kommandierende Admiral einen Hauptmann so­wie mehrere Unteroffiziere auf den Domturm postie­ren, welche mit einer weißen Fahne das Zeichen zum Salutschießen geben, gleichzeitig legen alle Schiffe im Hafen Flaggenschmuck an.

Aus -em Nachbargebiele.

— Gersfeld, 22. Sept. 1909. Zur Bekämp­fung der Zigeunervlage hat Herr Landrat Freiherr v. Doernberg eine beachtenswerte Ver­fügung erlassen. Danach haben die Bürgermeister den zuständigen Gendarmeriewachtmeister schnellstens von dem Auftreten der Zigeuner zu benachrichtigen. Bis zu dessen Eintreffen sind die Zigeuner durch eine angemessene Zahl kräftiger Männer (der Feuerwehr) zu begleiten und, falls sie sich strafbarer Handlungen, auch des Bettelns, schuldig machen, sofort zu verhaf­ten. Dem Gendarmeriewachtmeister ist jede geforderte Hilfe zu leisten. Dem Landrat ist sofort zu berichten, wann und wo die Zigeuner erschienen sind, wohin sie sich gewendet haben, und was seitens der Beböroen geschehen ist. Die Bevölkerung wird von dem Land­rat ersucht, bei der Beobachtung und Verfolgung der Zigeuner den Behörden nach Kräften behilflich zu sein, insbesondere die Bürgermeister und Gendarme- riewachtmeister von dem ersten Erscheinen von Zi­geunern ungesäumt zu benachrichtigen, ferner auch un­ter keinen Umständen den Zigeunem etwas zu geben. Das Landratsamt rechnet namentlich auch aus die Mithilfe der Forstbeamten.

* Frankknberg, 21. Sept. 1909. Die Petition der Stadt Rosenthal um Führung der Bahn Kirchhain-Gemünden über Rosenthal bezw. bis zum Eichhof wurde abschlägig beschieden. Eine möglichst weitgehende Berücksichtigung der Interessen Rosenthals bei Anlage des Bahnhofs Wohra wurde jedoch in Aussicht gestellt.

* Sontra, 20. Sept. 1909. Bei den Ausichach- tungsarbeiten in den Straßen der Stadt zur Legung der Rohre für die Wasserleitung wurde in der Nähe der Götelschen Gastwirtschaft ein Altertumsfund in Gestalt eines alten deutschen Dolches gemacht.

* Wiesbaden, 22. Sept. 1909. Die Landwirt- schaftskamme-r für den Regierungsbezirk Wies­baden ist genötigt, ihre Einnahme aus den jährlichen Beiträgen der Landwirte zu erhöhen. Bisher begann dir BeitragSpsticht erst bei einem Grundsteuerbetrag von 60 Mk., so daß die kleinen Landwirte zumeist von der Beitragsleistung befreit blieben. Jetzt ist geplant, auch diejenigen landwirt­schaftlichen Besitzungen zu Beiträgen heranzuziehen, die zu einem Grundsteuer-Reinertrag von 30 Mk. an aus­wärts veranlagt sind.

* Erfurt, 23. Sept. 1909. Im Kau-Haas .Rö­mischer Kaiser" stürzte gestern der 29 Jahre alte Hausinfpektor von einem Lastauszug zwei Stock- werke in die Tiefe und erlitt einen Schädelbruch. Er ftarb nach kurzer Zeit.

* Von der Lahu, 23. Sept. 1909. Nm den sehr reichen Ertrag der Zwelfchenbäume zweckmäßig zu verwenden, werden im September und Oktober in Diez, Ems und Nassau allwöchentlich zwei bis drei besondere ZwetschenMärkte abgehalten.

Vermißtes.

* Eine Steuer auf ausländische Automobile plant die französische Regierung. Die Höhe der Taxe, der die in Frankreich zirkulierenden Kraftwagen unter­worfen werden sollen, wird die Zahl der Pferde- kräste und die Dauer des Aufenthalts der Wagen in Frankreich in Betracht ziehen .

** Im Gefängnis verheiratet hat sich der ehe­malige Kommerzienrat Möller, der wegen betrügeri­schen Bankerotts zu 4% Jahren Gefängnis verurteilt worden war, von denen er 2 Jahre verbüßt hat. Er erschien, von Gefängnisbeamten begleitet, mit seiner Braut, eine seiner früheren Geliebten, vor dem Stan­desamt in Glückstadt, wurde getraut, und dann trenn­ten sich die Gatten wieder. Die Frau fuhr nach Ham­burg, Möller bezog das Gefängnis wieder.

** Weil seine Eltern ihn nicht Zirkusartist wer­den lassen wollten, beabsichtigte ein junger Mann in Berlin seinem Dasein ein Ende zu machen. Und er ging dabei auf ziemlich romantische Weise vor. Mit einem Damenkostüm angetan, erschien er am Montag in einem eleganten Hotel der Friedrichstadt zu Berlin und verlangte ein hübsches Zimmer. Das Hotelpersonal wies der „Dame" auch ihrem Wunsche entsprechend ein Zimmer an. Kurz darauf drangen aus dem betreffenden Zimmer gellende Hilfsrufe und als das Hotelpersonal herzueilte, fanden sie die „Dame" mit blutenden Händen am Tische liegen. Ein sofort herzugerusener Arzt konstatierte, daß die Pulsadem nicht verletzt waren. Gleichzeitig machte man aber auch die überraschende Entdeckung, daß die junge Dame keine Dame, sondern ein Herr war, und zwar handelte^ es sich um einen 17jährigen Maler- lchrling aus Schöneberg. In einem an feine Eltern gerichteten Brief gab er an, er wolle in den Tod gehen, weil sie ihn nicht Zirkuskünstler werden ließen. Der junge Mann liegt im Krankenhaufe zwar schwer, aber nicht besorgniserregend darnieder.

** Eine „Akademie" für Fahrraddiebe ist in B e r- l i n entdeckt worden. Die Schüler, meist entsprungene Fürsorgezöglinge, wurden von einem Arbeiter, der ihnen auch Wohnung gewährte, planmäßig in den Fahrraddiebstahl cingeweiht. Wenn sich die Schüler anfangs zu ungeschickt anstellten, so begleitete der „Meister" sie auf die Straße, zeigte ihnen, wie sie sich an ein unbeaufsichtigtes Rad heranzuschleichen hätten und „deckte" sie, während die Diebe das Rad be­stiegen und davonftihren. Die Bande wurde ver­haftet.

* Um den Haarzops wird in der Gemeinde W i l- lesd en in England zwischen dem Schularzt und der öffentlichen Behörde einerseits und den Schulmädchen und ihren Müttern anderseits ein erbitterter K am p f geführt. Vor einiger Zeit erließ der in der Sanitätsbehörde in Willesden tätige Doktor William Brittler rin Rundschreiben an die Mütter der Zög­linge einer dortigen Töchterschule, in dem er sie auf» forderte, den jungen Mädchen aus Gründen der Rein­lichkeit die Haare zu schneiden. Als er aber bemerkte, daß seine Mahnung kein Gehör fand, sondern noch obendrein verspottet wurde, hielt er es endlich für an­gezeigt, selbst die Reform in der Haartracht der Back- nsche Willesden vorzunehmen, und kündigte an, daß et ihnen „den Kopf werde waschen lassen". Es fuhr in aller Stille ein großer Krankenwagen vor der be­treffenden Schule vor, um die acht ärgsten Sttuwel- köpfe. die der Doktor vorher bezeichnet hatte, abzu­holen. Aber das war keine Kleinigkeit. Die jungen Damen warfen sich zu Boden und wehrten sich mit Händen und Füßen gegen die Lehrerinnen, die sie abführen wollten. Die ganze Schule ergriff Partei, so daß der Kampstärm über den Schulhof hinweg auf die Straße drang. Hier verbreitete sich alsbald daS Gerücht, den Mädchen sollten nicht nur die Köpfe ge­waschen, fonbern auch die Zöpfe abgeschnitten werden. In ganz kurzer Zeit hatten sich gegen zweihundert er­boste Mütter zufammengerottet. die mit lautem Ge­schrei die Schule stürmten und, wie Löwinnen um ihre Jungen kämpfend, die Lehrerinnen zwangen, mit dem Wagen der die Struwelköpfe hatte entführen sol- len, die Flucht zu ergreifen. Die Zövse der Backfische von Willesden waren noch einmal gerettet.

— Recht und billig. Man sagt zwar: Was Emem recht ist, iüdem Andern billig; gewöhnlich aber ist das denDWianne zu teuer, was der Frau recht ist.

Kleines Feuilleton.

— Die Cholera, eine Salpetrigsäure-Bergiftung.

Der Münchener Professor Emmerich hat sich längere Zeit in den Cholerabaracken in Petersburg Studien halber aufgehalien. lieber das Resultat sei­ner Studien findet sich in den „M. N. N." ein sehr interessanter Aufsatz.

Professor Emmerich hat schon 1893 durch ein­gehende experimentelle Untersuchungen feine Ansicht begründet, daß die Cholera india und nostras Ver­giftungen durch freie salpetrige Säure seien, die durch die Cholerabazillen gebildet wird, indem sie den Salpeter der Nahrungsmittel (Gurken, Stuben, Rettiche, Gemüse, Kartoffeln) in Nitrite (salpetrig- saure Salze) überführen, woraus diese dann durch gleichzeitige Milchsäurebildung freie salpetrige Säure abspalten.

Nun berichtet Professor Emmerich über feine Un­tersuchungen im Botkin-Barackenhospital, daß die er­brochenen Flüssigkeiten der Kranken und die ersten, oft literweise abgegebenen Reiswasserstühle so viel sal­petrige Säure enthielten, daß mit Griesschem Reagens eine schöne Rosafärbung eintrat ... Die freie sal­petrige Säure aber ist ein surchtbares Gift, ja sie gehört zu den stärksten Giften. Noch in der Ver­dünnung 1:100 000 tötet bie freie salpetrige Säure nach Oskar Löw lebende Zellen! Wie zerstörend muß daher ihre Wickung sein, wenn sie im Cholera- schs- zwischen und unter der obersten Zellschichte (Eptthelschicht) der Darmschleimhaut wu- chernden Cholerabazillen erzeugt wird. Die Nitrate (Salpeter), welche die Cholerabazillen in giftige Ni­lri te überführen, aus denen die durch die von ihnen gebildete Milchsäure salpetrige Säure abspaltet, stam­men, so führt Pros. Emmerich aus, hauptsächlich aus Ken vegetabilischen Nahrungsmitteln, sowie aus mit Salpeter versetzten Würsten, Schinken, Pökelfleisch (man setzt diesen Fleischwaren Salpeter zu, damit sie jrine schöne rote Farbe bekommen und bebalten) und

namentlich auch aus dem Brunnenwasser. . . . Die neue Erkenntnis, daß die Cholera eine Salpetrig- fäuretiergiftung ist, gibt uns die Macht über die Krank­heit, die ihre Schrecken verliert. Jedermann kann sich jetzt gegen den Ausbruch der tödlichen Krankheit schützen, selbst dann noch, wenn die Jnsettion mit Cholerabazillen schon stattgefunden hat. Es ist nur nötig, den Genuß nitrathaltiger Vegeta- bilien, Gurken, Rettiche, Rüben, Gemüse, Kariof- feln usw. sowie von salpeterhaltigen Würsten, Schin­ken, Pökelfleisch und von nitratreichem Trinkwasser sorgfältig zu vermeiden."

Man möchte wünschen, daß die Hoffnungen, die Professor Emmerich an die aufsehenerregenden Resul­tate seiner Forschung knüpft, erfüllen.

— Gummi nennt man bekanntlich eine Menge ver­schiedenartiger Substanzen, die das miteinander ge­mein haben, daß sie aus gewissen lebenden Pflanzen entweder fteiwillig oder nach gemachten Einschnitten heraustretcn und dann zu einer festen, elastischen oder spröden, nicht llebrigen ,aber durch Wärme meist er­weichbaren Masse erhörien. Insbesondere rechnet man verschiedene eingetrocknete Milchsäfte, wie namentlich den Kautschuk, zur Klaffe der Gummis. Als chemische Untersuchungen die große Verschiedenattigkeit aller be­treffenden Stoff- ergeben hätten, beschränkte man den Namen auf den Kautschuk und die ihm gleichartigen Ausflüsse gewisser Pflanzen. Der Gummi ist zwar schon lange Zeit bekannt, denn der spanische Geschichts­schreiber Antonio Herrera, der den Kolumbus auf des­sen zweiter Reise begleitete, entdeckte bereits den Gum­mi in Form von Bällen, mit denen die Eingeborenen auf Haiti spielten, aber in Europa ist er erst seit ver­hältnismäßig kurzer Zeit eingeführt, denn er gelangte hierher, und zwar zuerst nach Frankreich, erst im Jahre 1735. Einige Jahre später folgte England, das die ersten Ladungen mit geradezu riesigen Preisen — 4 bis 5 Pfund Sterling das Pfund — bezahlte. Und erst das um 1840 von Goodyear undHancon erfundene Vulkanisierungsverfahren im Verein mit den sonstigen Verarbeitungen durch kleine Zusätze von Schwefel und

anbeten Stoffen verlieh dem Gummi feine staunens­werte praktische Verwendbarkeit und riesenhafte Ver-! breitung. Heute zählt er zu den wichtigsten Handels-! dritteln dec Welt; wird doch der Gesamtwert dieses in den verschiedensten Jndustrieen zur Verar­beitung gelangenden Stoffes jährlich auf 5 00 Mill. Mark geschätzt. Unter den Gummi erzeugenden Län­dern steht Südamerika weitaus an erster Stelle; es liefert nahezu zwei Drittel der gesamten Gummi- pwduktion der Welt. In Brasilien gibt es 3% Mil­lionen Quadratkilometer Wald, in denen der Gummi- baum in großer Dichtigkeit wild wächst. Das verhin­dert, daß in absehbarer Zeit die Bedeutung Süd­amerikas für die Gummigewinnung sich verringert.

— lieber die Rauchplage in den Städten sprach auf der Tagung des deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege in Zürich Tr. Ascher (Königsberg). Er führte aus. daß der Kohlenrauch nicht nur belästi­gend wirke, fonbern auch eine ernste Gesundheitsge- fahr darstelle. Das gehe aus Statistiken und Experi­menten hervor, die übereinstimmend nachweisen/ daß mäßigeMengen von Rauch und Ruß durch Schä­digung der Lungenzellen akute Lungenkrank- h e it e n begünstigen und den Verlauf der Tuber­kulose beschleunigen. Außerdem begünstigen Rauch und Ruß die N e b el b i l d u n g. Während in Preu­ßen 1875 bis 1879 von 10 000 Einwohnern 16 an akuten Lungenkrankhciten starben ,waren es 1900 bis 1904 27. In absoluten Ziffern bedeutet dies, daß im Jahre 1875 42 OOO Einwohner an diesen Krankheiten । starben, 1905 aber 102 000. Bei der am meisten be­troffenen Altersklasse der Säuglinge waren es 1875 7000, 1995 aber schon 22 000 Unter dem schnellen Verlauf der Tuberkulose leiden am meisten die K o h- lenbergarbeiter. Die bisherige Bekämpfung ist unwürdig, ungerecht und in der Regel nur von ört­lich sehr begrenztem Erfolg. Eine Ausnahme macht das Vorgehen gegen gewerbliche Unternehmungen mit Hilfe der Konzessionsbedingungen. Es ist eine Zen­tralstelle für das ganze Reich zu schaffen. Diese hätten folgende Aufgaben zu erfüllen: Ausarbeitung einheitlicher Methoden für bie Beobachtung und Unter­

suchung der Städteluft, Untersuchungen über die Scha­ben verdorbener Lust an Menschen, Pflanzen, Gebäu­den usw.; Prüfung von Verbcfferungsvorschlägen, Ausarbeitung von Normen für bie Rauchbekämpfung, wie überhaupt für bie Verbesserung der Stadtlust' und Aufklärung des Publikums Die Rauch- unb Rußbe- kämpfung muß sich ebenso gegen die Hausbrand­feuerungen, als gegen die industriellen Feuerungen tickten. Der heutige Stand der Technik gestattet, unbeschadet der Wirtschaftlichkeit der Feue- rungsbetriebe ganz allgemein rauchschwachen Be­trieb für jede Art von Feuerungsanuigen, audj Bit Hausbrandfeuerungen, herbeizuführen. Die Wichtigkeit der Sache verlangt behördliche, auch auf Hausfeuerun­gen sich erstreckende Vorschriften und deren Voll­zug nickt im Nebenamte, sondern durch besonders hier­für ausgestellte feuerungstechnisch gebildete Organe.

— Eine rätselhafte Inschrift. Ein schweizerisches Blatt berichtet, daß in Auvernier, Kanton Neus- chLtel, ein Hotelbesitzer an feinem Hause in großen Lettern folgende Inschrift hatte anbringen laffen, die auf den ersten Blick gar rätsel- und runenhast anmutet:

GARAGE NOIIV1S-S3NV7<IOS3V

Ter untere Teil der Inschrift ist für den gewöhn- lichen Sterblichen, der daran vorübergeht, nicht zu entziffern, und kopfschüttelnd wird er, die Zeichen der Zett nicht mehr verstehend, wetter wandeln. Die rätselhaften Worte richten sich aber auch nicht an gewöhnliche Sterbliche, um sie, die zu Fuß, Roß oder im Auto vorbeikommen, festzuhalten, sondern sind nur für höher- und höchstgeftellte Leute berechnet, die im Lenkbaren oder im Drachenflieger vorgefahren kommen und von stolzer Höhe herab- fchauend, leichtlick erkennen werden, daß die rätsel­haften Worte bedeuten: Aeroplanes-Station. Ob der findige Hotelbesitzer schon Luftgäste empfangen und behaust hat, wird nicht berichtet; daß er aber die Zeichen der Zett versteht und der Forderung des Tages gewachsen ist, kann süglich nicht be- zweifell werden.