Maer W Zeitung
Fulda, Freitag den 24. September 1909.
36. Jahrgang.
JV$ 219
Monatsbellage: „Zuldaer Geschichtsblatter"
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Verantw. Redatteurt Larl Schütter wochmbÄae«: .Mustrierte Somitagrzeitung"
Erstes Mtatt.
[] Die „Kamarilla" gegen Bülow.
Herr v. Zedlitz hat bekanntlich behauptet, es sei unzweifelhaft, daß man den führenden Mtgliedern des Zentrums und der Konservativen die Ueberzeugung beizubringen gesucht habe, Fürst Bülow habe infolge der Noveniberereignifle unwiderbringlich das Vertrauen des Kaisers verloren, und es würde den Wünschen des Kaisers entsprechen, wenn Fürst Bülow über die Finanzreform stürze. Dadurch sei auf eine Verständigung zwischen den beiden Parteien hingewirkt worden.
Die Zentrumspresse wie die konservative Presse hat diese „Enthüllungen" als beweislose Phantasien zurückgewiesen. Das hat nicht den Beifall der liberalen „Köln. Ztg.*, denn sie schreibt:
„Freilich, zu dementieren, daß es zwischen Zentrum und Konservativen, womöglich schwarz auf weiß, abgemacht worden fei, den Kanzler zu stürzen, weil der Kaiser es wolle, verlohnt nicht der Mühe, denn das glaubt ohnehin kein Mensch. Oder meint man mit der „Hintertreppenromantik" und „Kulissen- phantafien" (so hatten einige Blätter die Mitteilungen des Herrn v. Zedlitz charakterisiert) etwa die nrcht neuen Behauptungen, Fürst Bülow habe im November den Kaiser hintergangen und die ganze Aktion in die Wege geleitet, um auf Kosten des Kaisers sich ins Licht zu setzen? Wenn das Zentrum jetzt diese Dinge den Kulissenschiebern aufladen und in die Rumpelkammer befördern möchte, so ist es der Mühe wert, daran zu erinnern, daß es diesen Gerüchten vor dem Sturze Bülows keineswegs so skeptisch gegenüber gestanden hat, wie heute."
Die „Köln. Ztg." erinnert bann an die bekannte Rede des Grafen P rasch m a am 14. März auf der Zentrumsversammlung in Düren und fährt fort: „Heute, wo Fürst Bülow, das Hindernis der Finanzreform, das dem Zentrunl die Rückkehr zur Macht verschränkte, beseitigt ist, möchte man an diese Dinge nicht erinnert sein."
Wir sehen wirklich gar keinen Grund, weshalb wir an diese Dinge nicht gern erinnert werden sollten. Graf Praschma hat damals nichts anderes ausgesprochen, als daß erstens es sehr auffallend sei, daß Fürst Bülow und das Auswärtige Amt es nicht für der Mühe wert hielten, auf gegen sie gerichtete schwer belastende Vorwürfe zu antworten, und daß man vielleicht feine Schlüffe daraus ziehen dürfe, und daß zweitens Fürst Bülow in den Novemberdebatten die Person des Kaisers nicht so gedeckt habe, wie es feine Pflicht gewesen wäre. Das ist damals unsere Ansicht gewesen und ist es auch heute noch. Später bekannt gewordene Tatsachen haben unsere Ansicht gerechtfertigt, und es dürste der Zeitpunkt wohl nicht mehr fern fein, wo man allgemein zugeben muß, daß Fürst Bülow in den Novembertagen eine nicht sehr achtbare Rolle gespielt hat. Weshalb wir verschweigen oder in Vergessenheit zu bringen suchen sollten, daß wir von Anfang an das Verhalten des Fürsten Bülow nicht gebilligt haben, können wir also wirklich nicht einsehen.
Die politische Bedeutung der „Enthüllungen" des Herm v. Zedlitz liegt nun aber doch keineswegs in der Aufdeckung der Tatsache, daß Fürst Bülow infolge der Novemberereigniffe das Vertrauen des Kaisers verloren habe, sondern in der Behauptung, daß eine Verständigung zwischen Konservativen und Zentrum herbeigeführt worden sei, nachdem und weil den führenden Mitgliedem dieser Partei die Ueberzeugung beigebracht worden sei, der Kaiser lege auf eine längere Amtstätigkeit des Fürsten Bülow keinen besonderen Wert mehr. Darin liegt der Vorwurf ausgesprochen, daß diese beiden Parteien ihre Stellungnahme zur Reichsfinanzreform von anderen, als sachlichen Gründen abhängig gemacht haben.
Was die Konservativen angeht, so hat soeben deren Parteileitiung die Mitteilung des Herm
von Zedlitz in einer offiziellen Erklärung als „von Anfang bis Ende erfunden" bezeichnet.
Die gleiche Bezeichnung gebührt ihr, soweit oas Zentrum in Frage kommt. Das Zentrum hat in der Blockzeit niemals einen Wechsel in seiner Stellungnahme gegenüber dem Fürsten Bülow und der Reichsfinanzreform vorgenommen. Die Stellungnahme des Zentrums zum Fürsten Bülow war vorgezeichnet durch die Behandlung, die er bei und nach der Reichstagsauflösung dem Zentrum hat widerfahren lassen. Darin hat sich bis zum letzten Tage nicht das geringste geändert. Was die Stellungnahme des Zentrums zur Reichsfinanzreform angeht, so ist' bekannt, daß das Zentrum st e t s erklärt hat, es fei bereit, mitzuarbeiten. Es hat auch mitgearbeitet, in der Kommission und im Plenum. Von Anfang an. Nicht erst, als der Block der Schwindsucht verfiel und Aussicht war, daß man den Fürsten Bülow los werden würde.
Die Novemberereigniffe
sind durch die Enthüllungen des Frhrn. v. Zedlitz wieder in den Vordergrund des politischen Interesses gerückt worden. Es dürfen darum die Mit- teihmgen Beachtung beanspruchen, die soeben ein Berliner Zentrumsblatt, die ,Märk. Vztg.' zur No- vemberkristS macht. Das Blatt versichert, daß seine Angabe» auf authentischen Mitteilungen von Mäu- nern beruhen, die den ganzen Hergang wissen können, ja müssen, und die sie auch ermächtigt hätten, über diese Vorfälle öffentlich zu reden.
Ehe der Kaiser sich nach England begab, hatte er, so erzählt die ,Märk. Volksztg/, eingehende Unterredungen mit dem Reichskanzler, um mit diesem alles durchzusprechen, was während des Aufenthaltes geschehen könne, um eine Besserung des Verhältnisses mit England herbeizuführen; in diesem Gespräche zeigte sich vollkommene Uebereinstimmung zwischen Kaiser und Kanzler, und dabei wurden alle Materien, die in dem späteren Interview sich sanden, besprochen.
Der Kaiser führte dann während seines Aufenthaltes in Highcliffe die Unterredungen ganz im Sinne der Rücksprache mit dem Reichskanzler; er blieb auch im steten Kontakt mit diesem und verständigte ihn durch Briefe über alle Unter redungen. Fürst Bülow aber erklärte sich in ganz Überschwänglichen Briefen mit dem Vorgehen des Kaisers völlig einig: diese Briefe werden später einmal ein ganz eigenartiges Licht auf das Verhalten des Reichskanzlers werfen.
Die Aussprache des Kaisers mit hervorragenden Engländern erreichte ihren Zweck; man beurteilte in diesen Kreisen Deutschland nun wesentlich günstiger. Dieser Erfolg ermutigte uns, die Mitteilungen des Kaisers einer breiteren Oeffentlichkeit vorzuseheir. Dem Kaiser wurden die Grundgedanken der Aussprache in einem sehr deutlich geschriebenen Manuskript vorgelegt; es sollten daraus eine Reihe von Leitartikeln in der englischen Presse verfertigt werden. Die von den deutschen Offiziösen später gebrauchte Ausrede von dem „schwer lesbaren Manuskript" kann nur Heiterkeit erregen; niemand wird wagen, dem Kaiser ein solches Manuskript zu unterbreiten; es war mit Maschinenschrift hergestellt. Der Kaiser las es durch, machte einige Randnotizen und gab den direkten Auftrag, dem Reichskanzler das Manuskript zuzusenden mit dem Ersuchen, es auf seine historische Richtigkeit zu prüfen und über die Opportunität der Veröffentlichung zu berichten,
Als die Sendung in Norderney eintraf, ging sie von hier weiter an das Auswärtige Amt mit der Weisung, drei Abschriften herzu st eilen (was geschehen ist) und den Inhalt der Aufzeichnungen mit Den Akten zu vergleichen. Das Auswärtige Amt kam diesem Auftrage nach; sowohl der heute noch amtierende Unterstaatssekretär Stemmrich wie der Geheimrat Klehmet lasen das Manuskript durch und bestätigten die Richtigkeit des Inhalts. Mit diesem Begleitschreiben ging die Sache nach Norderney zurück. Ob der Reichskanzler nun auch jetzt entgegen dem strikten kaiserlichen Auftrag das Manuskript nicht las, entzieht sich unserer Kenntnis, jedenfalls steht fest, daß er sich mit der Publikation ebenso einverstanden erklärte, wie mit dem Inhalte. Dann erschien das Manuskript als Interview und wurde sowohl durch das Wolff-Bureau
wie durch die ,Nordd. Allg. Ztg.' westergegeben und zwar ohne jede Beanstandung,daesmit den in Berlin liegenden Abschriften übereinstimmte. ’p
Die Wirkung der Publikation im In- und Auslande war aber nicht die gewünsche, und nun sprang Fürst Bülow bei Seite und ließ die Pfeile auf den Kaiser prasseln, statt ihn durch vollständige Aufdeckung des Sachverhaltes zu schützen. Das eingereichte Entlassungsgesuch mrchte abgelehnt werden. Fürst Bülow war es, der dem Kaiser den Rat gab, während der Reichstagsdebatten sich von Berlin fern« zuhalten. (Wie das Programm der Donaueschinger Abendunterhaltung in das Bülowsche Leiborgan gelangte, entzieht sich der Kenntnis unserer Gewährsmänner). Als am 17. November bann die Aussprache stattfand, nahm sie einen anderen Verlauf, als es die offiziösen Federn darzustellen beliebten. Das frühere Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler war zerstört; einzelne Mitglieder der kaiserlichen Familie sprachen sich darüber sehr deutlich aus. Fürst Bülow erkannte daß Unhaltbare seiner Situation und bat am ll. März 1909 erneut um seine Entlassung. Das war vor der Sprengung des Blocks und vor der Ablehnung der Erbschaftssteuer. Der Kaiser lehnte sie angesichts der politrschen Gesamtsituation ab mit de», Worten: „Jetzt nicht!" und sagte sich für den 12. März zum Diener an. Fürst Bülow hoffte nun wieder ganz im Sattel zu sitzen; aber er sollte an der Reichsfinanzreform „verbluten".
Was im letzten Absatz des Artikels erzählt wird, war bereits bekannt. Die anderen Mitteilungen find ja recht interessant. Danach foll also die Geschichte mit dem unleserlichen Manuskript eine Fabel sein. Das Manuskript soll nicht bloß im Auswärtigen Amte gelesen und geprüft, sondern auch abgeschrieben worden sein. Fürst Bülow soll nicht von dem Inhalt des Daily-Telegraph-Jnterviews peinlich überrascht gewesen sein, wie er es dargestellt hat, sondern er soll es gekannt und gebilligt haben. Kurz, er soll au seinem Monarchen einen schändlichen Treubruch geübt haben! Der frühere Reichskanzler will ja jetzt mit der Politik nichts mehr zu tun haben, er wird aber kaum daran vorbeikommen, auf diese Beschuldigungen zu antworten.
Deutsches Keich.
* Berlin, 23. Sept. 1909. Am Donnerstag traf der Reichskanzler auf Einladung des Prinz- Regenten Luitpold in Linderhof zur Jagd ein. — Die Staatssekretäre Delbrück und Wermuth werden am Montag in Dresden eintreffen, um sich dem König von Sachsen vorzustellen.
= Der König von Sachsen sollte, wie das ,Wolffsche Telegraphendureau" gemeldet halte, zum Generalobersten ernannt worden sein. Diese Mitteilung ist ebenso, wie die frühere über die Ernennung von zwei Fürsten zu GeneralfeldmarfchäUen unrichtig. Wie das amtliche ,Dresd. Journal' mitteilt, hat der Kaiser den König von Sachsen gebeten, „dieAb z eichen eines Gener alo bersten anzulegen." — Tas ist auch wieder so eme militärische Finesse! Ter König von Sachsen ist nicht Generaloberst, trägt aber die Abzeichewnlines solchen, und der Großherzog von Baden sowie der Erbprinz von Sachsen-Weimar sind nicht Feldmarschälle geworden, haben aber den Rang eines Ge- neralseldmarschalls erhalten, dürfen jedoch nicht dessen Abzeichen anlegen.
-\- Gegen den Freiherrn v. Marschall, den Botschafter m Konstantinopel, scheint wieder einmal eine Jntrigue im Gange zu sein. Eine Berliner Korrespondenz veröffentlicht ein aus Konstantinopel datiertes Schreiben, worin unserem Vertreter am Goldenen Horn ein ganzes Sündenregister vorgehalten und schließlich der deutliche Rat gegeben wird, baldmöglichst seinen Platz zu räumen. Daß Herr v. Marschall viele mißgünstige Gegner hat, ist bekannt. Unklar
aber ist, weshalb gerade im jetzigen Augenblick der Vorstoß gegen ihn unternommen wird.
(*) Fürst Bülow und die Konservativen» Unter der Spitzmarke „Vorbei" schreibt die ,Kons. Korrck:
In der ,Kreuzztg.' vom letzten Samstag läßt sich ein Konservativer über den Fürsten Bülow vernehmen. Er begleitet den Gedanken einer eventuellen Rückkehr des früheren Reichskanzlers zur Leitung der öffentlichen Angelegenheiten mit unverhüllter Sympathie. Wir müssen der beigegebenen Notiz der Redaktion insofern beipflichten, daß wohl nur wenige Mitglieder der Partei diesen Standpunkt nach allem, was geschehen ist, teilen.
* Nochmals die Austritte aus dem Bunde der Landwirte. Gegenüber der wiederholten Behauptung liberaler Blätter, daß mehr als 32 000 Mitglieder aus dem Bunde der Landwirte ausgetreten seien, stellt die ,Deutsch. Tageszeitung' fest, daß der Bund außer den erwähnten 137 AustriUserklärunaen wegen der Reichsfinanzreform in dieser Zeit nur die üblichen Abgänge durch Tod, Auswanderung, Ausgabe des landwirtschaftlichen Berufes und dergl. zu verzeichnen gehabt habe, und zwar nur in einer dem bisherigen Jahresdurchschnitte entsprechenden Zahl.
** Ueber den Wert der Städtetage schreibt man der,Köln. Vztg/:
Gegen die Städtetage besteht in vielen Städten eine zunehmende Erbitterung der Steuerzahler. Man beschuldigt sie eines großen Teiles der Schuld an der unheimlich wachsenden Schulden- und Steuerlast der Gemeinden. Jüngst hörte ich in einem Kreise von Bürgern die Notwendigkeit eines organisierten Wider standes gegen die Bauwut, die Sucht der Stadtverwaltungen, auch die kleinsten Orte mit den teuersten hygienischen, sportlichen und bergt Einrichtungen zu beglücken, besprechen und die Mittel dagegen erwägen. Da sagte einer: Spart euch die Reden, ich weiß ein einfaches und wirksames Mittel: Gesetzliches Verbot der Slädtetage! Dort regen sich die kleinen Bürgermeister an den glänzenden Schilderungen der großen über die herrlichen Einrichtungen -hrer Städte auf; ungefüllt bis an den Rand mit Planen, wie ähnliches geschaffen werden könne, gehen sie heim und nach wenigen Jahren ist die Stadt um eine prächtige Anlage reicher und der Steuerzahler um 20 Prozent Kommunalsteuer ärmer. Allgemeiner Beifall lohnte bin launigen Einfall. — Es ist etwas wahres b.tran: Die Städtetage sind eine Einrichtung von zweifelhaftem Nutzen. Sie könnett sich nützlich machen, wenn sie gefchlosfen Front machten gegen die immer zunehmenden Angriffe der Aufsichtsbehörden auf die Selbstverwaltung, wenn sie ihren Mitglieder den Rücken stärkten gegen die schlotternde Angst, die so manches Stadtoberhaupt bei dem Schreckenswort „Zwangs-Etaiisierung" befällt. Sie könnten es, aber sie tun es nicht, denn wie der Artikel richtig sagt, Bürger kommen nur ausnahmsweise, als Dekoration, in die Städtetage und die Bürgermeister fühlen sich in bet Mehrzahl gar zu sehr und zu gern als Beamte. Das ist die Meinung weiter Kreise der Bürgerschaft.
Wir geben die Zuschrift in Ergänzung unserer Ausführungen in Nr. 213 wieder, ohne sie vollinhaltlich unterschreiben zu wollen. Immerhin werden sie in Fulda, das im nächsten Jahre einen Städtetag bei sich sehen wird, besonderem Interesse begegnen. Die Städletage haben ihr Gutes. Sie geben den Delegierten Gelegenheit, die Einrichtungen der verschiedenen Städte zu besichtigen, mit denen der eigenen Stadt in Vergleich zu stellen und Vorteile und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Die eigentlichen Verhandlungen der Tage aber haben wohl nur Wert dadurch, daß die dort besprochenen Angelegenheiten durch die Fachpresse weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden und so eine eingehendere Erörterung und Kritik finden, als ihnen auf den Tagen selbst zuteil werden kann. Hier mangelt
Sie weiße Fra« ma MliÄoe.
12] Original-Roman von O. Elster.
r „Jst's möglich?" rief er. „Bist Du's Gundokar Decker?"
Auf den ersten Blick eriannte ich Lothar Oldens- loe, meinen alten Schulkameraden vom Gymnasium unserer gemeinschaftlichen Heimat.
Ich hatte seit zwei, drei Jahren nichts von ihm und seiner Familie gehört, da ich mit niemanden in der Heimat in Verbindung stand, und meine Korrespondenz mit dem Onkel, die übrigens jetzt vollständig aufgehöri hatte, sich nur auf rein geschäftliche Mitteilungen beschrankte. Ich freute mich daher herzlich, den alten Jugendfreund wieder zu sehen, obgleich ich anfangs fürchtete, seine jetzige soziale Stellung würde ihn dem früheren Schulfreunde gegenüber hochmütig gemacht haben.
Das toar_ indessen nicht der Fall. Lothar war ganz der frühere leichtherzige, gutmütige, fröhliche Kamerad geblieben, der sich den Kuckuck dmm kümmerte, als die Vorübergehenden lachten, wie er mich ouf offener Straße fast umarmte.
„Nein, wie ich mich freue, alter Junge, Dich hier wieder zu sehen!" rief er. „Wie ist Dirs denn dte ganze Zeit über ergangen? Siehst famos aus. Auf der Mensur hast Du auch gestanden? Scheinst ein bischen viel mit dec Backe pariert zu haben, mein Junge. Na, aber hier kann man ja kein vernünftiges Wort zusammen reden — Hel Droschke!" rief er einen vorüberfahrenden Kutscher erster Klasse an, der sofort sein Pferd parierte und die Peitsche grüßend an den Hut legte und fragte: „Wohin befehlen der Herr Graf?"
Lothar nannte ein vornehmes Restaurant.
„Steig ein, mein Junge", forderte er mich auf, -»wir trinken da in aller Gemütlichkeit eine Flasche Dein und erzählen uns unsere gegenseitigen Erleb- ySiffe.'
Nach einer Viertelstunde saßen wir in einer behaglichen Nische des Restaurants, vor uns ein kleines Dejeuner und eine Flasche alten Rüdesheimer.
Und bann ging das Erzählen los. Unsere persönlichen Erlebnisse waren bald erzählt; Lothar bedauerte den Tod meiner Mutter und wunderte sich, daß mein Stiefvater denselben nicht seinen Eltern oder seiner Großmutter angezeigt hatte. Zu der bestandenen Doktorpromotton gratulierte er mir herzlich.
„Meine Eltern sind nicht nach der kleinen Residenz zurückgekehrt", erzählte er dann. „Die Wohnung im Hanse Deines Stiefvaters haben sie bald nach ihrer Abreise ganz aufgegeben. Nachdem sie dann wohl zwei Fahre im Süden gelebt haben, sind sie nach Schloß Oldensloe übergesiedelt, wo sie auch jetzt noch leben, wenn sie sich nicht auf Reisen befinden. Na, Du mußt uns einmal auf Oldensloe besuchen, das ist ein altes, merkwürdiges Nest. Aber nun sag mir. wie Dein Lebensplan ist."
„Nun, ich werde wohl schließlich als Oberlehrer oder Professor an dem Gymnasium irgend einer kleinen Stadt landen", meinte ich lachend. „Lieber wär mirs freilich, ich könnte die akademische Laufbahn einschlagen."
„Bist Du ein gelehrtes Huhn geworden", entgegnete er fröhlich. „Ich hab ordentlich Respett vor Dir. Na, Du wach mir ja schon Immer in den Wissenschaften über. Aber jetzt bleibst Du vorläufig in Berlin?"
„Ja, ich gedachte hier mein Jahr abzudienen."
„Das ist famos. Da mußt Du bei unserem Regiment eintreten.*
„Das wird nun doch wohl zu kostspielig werden."
„Dummes Zeug, ist nicht so schlimm, wie es auS- sieht. Hier in Berlin kannst Du leben, wie Du willst. Ein Pferd mußt Du freilich haben, aber ich verschaffe Dir eins für einen Spottpreis, habe felbst eines überflüssig in meinem Stalle, also abgemacht, Du dienst bei unserem Regiment. Ich melde Dich gleich morgen an.*
Der Wein, die herzliche Fröhlichkeit Lothars, meine eigene Neigung, das alles wirkte zusammen,
daß ich auf den Vorschlag Lothars einging. Am andern Tag kamen mir allerdings allerhand Bedenken, aber Lothar holte mich schon am Morgen ab, begleitete mich nach dem Regimentsbüro, stellte mich dem Oberst und feinem Rittmeister vor, lud mich zum j Tiner im Offizierskasino ein, wo ich den Offizieren vorgestellt wurde — kurz, ich kam gar nicht mehr zur Besinnung und ehe ich mich besinnen konnte, steckte ich in dem hellblauen Dragonerrock und — befand mich auch sehr wohl darin.
Von meinem kleinen Vermögen ging freilich wieder ein Teil darauf, aber mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend setzte ich mich darüber hinweg.
Und dann kam der Krieg!
Wir werden alt und. grau, die wir als Jünglinge den großen Krieg mitgekämpft, die wir unser Blut, unser Leben eingesetzt haben für die Einigkeit des deutschen Volkes, für die Machtstellung des deutschen Reiches in der Welt. Diejenigen der Kameraden, welche als ältere Männer mit in den Kamps zogen, sind schon zur großen Armee versammelt, täglich folgen ihnen andere und bald wird der letzte mit dem eisernen Kreuz, mit der Kriegsmedaille, geschmückte Veteran dem letzten Appell des höchsten Lenkers aller Schlachten folgen.
Die heutige Jugend hat uns fast vergessen, fast vergessen die großen Tage, in denen ein Volk aufstand, um Gut und Blut im Kampf um die heiligsten Guter einer Nation einzusetzen. Die heutige Jugend bat andere Ideale, wie wir damals auf den Schlacht- fdbem von Metz, von Seban, von Paris, an der Loire oder auf den Schneefeldern von Le Mans und St. Quentin. Die heutige Jugend lacht über uns olle, die wir doch begeistert auffchauten zu den Heldengestalten jener Zeit, sie lachten über uns, die wir doch mit unserem Blut den Bau zusammengekittet haben, in dem sie nun so sicher und selbstbewußt wohnen.
Andere Zeiten, — andere Sitten!
Die kriegerische Begeistemng ist verflogen, das Heldenzeitalter beendet. Epignonen ringsum, die mit kühler Berechnung dem Leben gegenüberstehen, die sich in armseligen Kämpfen um Geld und äußere
Stellung abmühen, die schmeichlerisch den Rücken beugen vor den Höherstehenden, die ingrimmig um einige Groschen erhöhten Lohn kämpfen, die sich gegenseitig hassen und befehden um Geld und Geldeswert.
Andere Zeiten — andere Sitten.
Damals die Heldenkämpfe des deutschen Volkes, wo es die höchsten Güter der Nation galt, wo die eisernen Wüffel über Leben und Tod fielen — heute die Kämpfe um das tägliche Brot auf dem Schlachtfeld des sozialen Lebens!
Andere Zeiten — andere Sitten!
Wer vermag es zu ändern? Ich aber will den Blick zurückwenden in jene blutige Heldenzeit, und ich sehe die flatternden Fahnen, die mit Hurra an- stürmenden Bataillone; ich sehe die daherrasselnden Batterien und die über die Wahlstatt brausenden Nci- tergeschwader.
Meine sinnende Seele vemimmt wieder den Rus der Homer, das Raffeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeieu, das dumpfe Krachen der Geschütze, das Prasseln des Kleingewehrfeuers, das Hurra der Stürmenden, das Jubeln des Siegers, das Schmerzgestöhn der Verwundeten und den letzten Seufzer dec Sterbenden.
Ich sehe und höre das alles und aus dem Nebeldampf der Erinnerung steigt rin Tag empor, in blutigcotem GlaBZe strahkknd, dessen Name für ewige Zeiten leuchtend orangen wird auf der Tafel der Geschichte des deutschen Volkes:
Mars la Tour!
Fem sei es von mir, den Heldenkampf schildern zu wollen, den an diesem Tage das kleine deutsche Heer gegen eine große Uebermacht kämpfte. Be- mfenere Jedem haben das vielfach schon getan und wer sich näher für den Kampf interessiert, mag jene Bücher zur Hand nehmen. Er wird viel daraus lernen können, und die nachdenkliche Frage wird in seiner Seele auffteigen, ob die heutige Zeit mit ihren neuen Sitten, mit ihren kleinen Interessen, mit ihrer stolzen Verachtung der alten Ideale im Stande sein wird, solchen Mit, solche Todesverachtung, solchen Gehorsam, solche Pflichterfüllung, solche Opferwil- ligkell, hervorzubringen. (Fortsetzung folgt.).