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Notatiourdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tirudruckerei dl Fulda Fernsprecher Ur. 9.
M 216.
Fulda, Dienstag den 21. September 1909.
36. Jahrgang.
beschäftigt und die Verschmelzung der drei Par teien für wünschenswert erklärt. Mindestens aber soll die FraktionSgemeinschast ausgeb aut und unverzüglich ein gemeinsames Vorgehen für die nächsten Wahlen gesichert werden.
(*) Aus dem Bunde der Landwirte sollen nach Versicherung der ,Natlb. Rott/ infolge der Kämpfe um die Reichsfinanzreform 32400 Mit» glieder ausgetreten sein. Demgegenüber er» klärt die „Deutsche TageSztg.', daß nur 137 AuStrütserklärungen vorliegen, bei denen di« Stellungnahme des Bundes zur Reichs finauz» reform als Grund angegeben war.
* Der erste Zentrumsparteitag für West« Preußen findet am 27. November in Könitz statt. Die .Tägliche Rundschau', das Organ des Evangelischen Bundes, gibt bereits die Parol« aus: „Hoffentlich sorgen die evangelisch« Bevötz kerung und die deutsch empfindenden Katholiken auch in Könitz für einen würdigen Em» psang!" — Sieht das nicht aus wie eine Aufforderung, den Zentrumsparteitag zu stören oder Gewalttätigkeiten gegen ihn zu verüben?
* Freiburg, 19. Sept. 1909. Hier fand heute der liberale badische Parteitag unter dem Vorsitz deS früheru Parteichefs, Stadtrat Mns-KarlS- ruhe, statt. Obkircher sprach über die politische Lag« in Baden, wobei er es als Pflicht der Liberalen bezeichnete, gegen den immer „stürmischer vordrängen» den Ultramontanismus" einen Schutzwall zu bilden. Die Regierung tadelte ec wegen ihres angebliche« „Zurückweichens gegenüber dem Zentrum". lieber den Verkauf des liberalen Blattes Hegauer Erzähler in Engen an das Zentmm war er nicht wenig empört. Den Schluß der Red« bildete die „Vernichtung" deS schwarzblauen Blocks. Nachmittags sprach in der Feschalle Reichstagsabg. Bassermann über di« Reichsfinanzreform. Er erklärte, die Sozialdemokratie sei trotz des Sieges der Revisionisten in Leipzig solang« rächt bündnisfähig, als sie nicht die Forderungen für Heer und Marine bewilligen.
= Lübeck, 19 Sept. 1909. Bei dem Dorfe Kück» nitz, das zu Lübeck gehört, ist eine Industriestadt in der Entwicklung begriffen, die nach den Berechnungen in Lübeck in einigen Jahren 30 000 Einwohner zählen dürfte. Run hat der Lübeckschc Senat bei der „Bür» gerschaft" als her dortigen parlamentarischen Körperschaft im Sommer d. I. den Antrag gestellt, der rvangel i s ch e n Gemeinde in Kücknitz einen völlig freien Platz und eine völlig freie Kirche nebst Pastorat zu bewilligen, während der katholische« Gemeinde nur ein T e i l des Kirchenbau Platzes und auch dieser nur gegen eine Rrkognttionsgebühr bewilligt werden sollte. Die andere Hälfte des Platze» mußte die katholische Gemeinde kaufe«, dazu noch unter der Bedingung, daß auf diesem angekausten Grundstück keine Schule errichtet werde. Dieser einfache Tatbestand rückt die „Parität", wie sie iw Lübeck gegenüber den Katholiken vom Senat geübt wird, in ein grelles Licht Die „Bürgerschaft", von derselben „Parität" durchdrungen, hat am 26. Juli 1909 die Vorlage des Senats unverändert angenommen. Aus dem stenographischen Bericht über dies« Verhandlungen der Bürgerschaft teilt nun die „Germ.' u. a. folgende interessante Einzelheiten nut:
Der sozialdemokratische Abg. Schwartz erklärte?
Ich kann mich der Befürchtung nicht verschließen, daß die Fstbrer der katholischen Gemeind« Hintergedanken bei der Forderung haben. Sie beabsichtige» alles mögliche dort einzuführen, sie wollen nicht uu» «ine Kirche, sondern auch ein Kasino für gesellig« i Zwecke dort bauen. Ich bin der festen Ueberzeugun« und halte daran fest, daß die Katholiken in Kück nitz schließlich die Oberhand gewinnen und die evangelische Bevölkerung drangsaliere« «erden. Wir brauchen nur in die Gegenden hinem- zublickeu, wo solche Fälle sich des öfteren schon abgespielt haben. Sie wiffen wohl, daß wir in Deutsch«
........ .... z~i in I Illi ■■m TU -- nm---1--r- II i iiiittt—
Erstes Matt.
® Das neue Börseugesetz und die Industrie.
Vereinsgeseh und Börsengesetz waren die Block- sinder, die von der Eltern Straft und Schönheit Zeugnis ablegen sollten. Wie sie aber älter werden, zeigt sich, daß es recht mißratene Früchtchen geworden sind.
Keine Woche vergeht, ohne daß nicht aus irgend einem Teile des deutschen Reiches von ganz eigenartigen Anwendungen des neuen Vereinsrechts berichtet wird. Und der Segen, den das neue Börsengesetz der gesamten deutschen Volkswirtschaft bringen sollte? Eine der wich» tigsten Bestimmungen des Gesetzes war bekannt- tich die Zulassung des Terminhandels in Bergwerks» und Fabrikanteilen. Die Praxis des steuen Gesetzes beweist, daß die Befürchtungen nie wir s. Z. aussprachen, das Gesetz werde der Industrie nicht Segen, sondern Unheil bringen, berechtigt war.
So gesteht heute die ,Kreuzztgck (Nr. 439) ein, daß auf dem Montanattienmarkte die Kurs» entwickelung seit der Wiedereinführung des Terminhandels einen immer unsolideren Cha» kalter annehme. Insbesondere waren es in den letzten Tagen die Vorgänge, die an die Dividendenfeststellung der„Phönix« Gesellschaft" anknüpflen, die auf die Rückwirkung des neuen Börsengesetzes auf die Industrie ein grelles Schlaglicht werfen. Aus den „wechselnden Gerüchten über den Abschluß der „Phönixgesellschaft" 'folgert die ,Kreuzztg/, daß „wieder eingeweihte Kreise ihre Kenntnisse spekulativ verwerteten." Wie das geschah, erzählt uns Herr Buchwald in feiner „Börsen-Kritik" in Nr. 38 der ,Welt am Montag':
„Kaum drei Monate ist es her, da war der Ab- chluß des Phönix das Schreckgespenst der öörse. Spekulanten verbreiteten Gerüchte, die Gesell- chaft könne nicht einmal 4 Prozent Dividende verteilen. )n den Kreisen der Verwaltung denke man an die Verteilung einer höheren Dividende als 6 Prozent gar nicht. Plötzlich am Samstag wurde die alle Erwartungen noch übertreffende Dividende von 9 Prozent deklariert. Dieser rasche Wandel ist wieder einmal sehr charatteristisch für die Methoden, nach denen bei uns Dividenden festgesetzt werden. Solange die dem Aussichtsrat nahestehenden Kreise Baisse-Engagements laufen hatten, waren sie bestrebt, die Erträgnisse in möglichst ungünstigem Lichte zu schildern. Nachdem sie aber inzwischen gemertt haben, daß sich an der Baisse-Spekulation nichts mehr verdienen läßt, finden sie plötzlich, daß das Werk eine höhere Dividende zahlen kann. Es ist geradezu unerhört, wie hier auf dem Rücken der Aktionäre herumspeku- liest wurde, wie die Interessen der großen Masse der Aktionäre den privaten Spekulationsinteressen einiger Eingeweihter geopfert werden. Es handelt sich hier um ein Spekulationsmanöver schlimmster Art."
So das Urteil des Herrn Buchwald, für besten Sachoerständigkeit wir nur die Tatsache anzuführen brauchen, daß er als Mitglied der Baukenquetekommisflon berufen worden ist. Vernichtender konnte das Urteil über den „Segen", den die Zulassung deS Ultimohandels in Jndu- striepapieren der Industrie bringen sollte, wohl nicht lauten. Das Termingeschäft dient eben ausschließlich den Interessen der Spekulation, nicht aber den Interessen der Industrie und der Aktionäre.
Wird man nun zugeben, daß daS Zentrum mit seinem Widerstand gegen die Zulassung des
Termin Handels in Bergwerks« und Fabrikanteilen allein die wahren Interessen der Industrie vertreten hat? Und wie nimmt sich nun die Stellung der Konservativen aus, die doch sonst immer baS Interesse der heimischen Industrie und deS reellen Geschäfts wahrnehmen wollen? Den Konservativen kann der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie damals, als der herrliche Block noch in seiner Sünden Maienblüte prangte, dem Block zuliebe mitgewirkt haben, über unsere Industrie schwere Gefahren heraufzubeschwören.
Deutsches Reich.
Der Kaiser bei den Manövern in Sachsen.
* Hainichen, 20. Sept. 1909. Der Kaiser traf heute früh 6 Uhr 30 Minuten hier ein und wurde vom König Friedrich August und den Prinzen des Königlichen Hauses herzlich begrüßt. Die Monarchen begaben sich im Automobil nach dem Manövergelände, wo sie eine Stunde über die geplante Zeit hinaus, bis 5 Uhr, verblieben. Dann fuhren sie im Automobil nach Freiberg und von dort mittels Sonderzuges nach Meißen, wo abends 7 Uhr Die Ankunft erfolgte.
* Meißen, 20. Sept. 1909. In der alten prachtvoll restaurierien Albrechtsburg fand um Vs8 Uhr Manöoertasel statt. Die Stadt und die Berge waren abends glänzend illuminiert. .Die Fürstlichkeiten unternahmen eine Dampferfahrt durch das Elbetal.
W. Meißen, 21. Sept. 1909. (Tel.) Der Kaiser und der König von Sachsen übernachteten in ihren Sonderzügen und traten 3.55 Uhr früh die Fahrt ins Manövergelände an.
** Berlin, 20. Sept. 1909 Nach einer Anordnung des ReichsschahamteS soll bei der Beglaubigung von Rechnungen über Tabakkäufe im Auslande von nicht über 30 Mark von der gesetzlichen Gebühr von jetzt ab nur noch der Betrag von 1 Mark anstatt wie bisher 6 Mark zu zahlen sein. — Der Kaiser hat an den Prinzen Leovold von Bayern, den König von Württemberg und den Großherzog von Baden Handschreiben gerichtet, worin er seiner Befriedigung über den Verlauf des Manövers und die Bravour der beteiligten süddeutschen Truppen Aus- dnrck gibt.
)( Ein Manöverbesuch Kaiser Wilhelms in der Schweiz? Der Kaiser bat bei den österreichischen Manövern in Mähren zu der schweizerischen Militärabordnung, an bereit Spitze Oberst-Korpskommandeur Ulrich Wille, der Reorganisator der schweizerischen Arntee, stand, geäußert: er würde sich freuen, einmal den Manövern deS schweizerischen Heeres beiwohnen zu können. Daß diese Aeußerung, so schreibt man einem Berliner Blatte dazu aus Zürich, mehr war als eine bloße Höflichkeit, erhellt daraus, daß der Kaiser das gleiche später dem schweizerischen Gesandten in Wien gegenüber wiederholt hat. In der Tat wird auch im Bundesratshause zu Bern die Anschauung vertreten, daß nunmehr ein bestimmt geäußerter Wunsch des Kaisers vorliegt, dem auf irgend eine Weise Rechnung getragen werden muß. — Schon vor einigen Jahren war davon die Rede, daß der deutsche Kronprinz zu den schweizerischen Manövern kommen sollte; damals scheiterte die Sache an der Etikettensrage, da gleichzeitig, ein französischer Brigadegeneral anwesend sein sollte. Falls der Kaiser aber eine
Einladung zu den Manöver» annehmen würbe, käme er natürlich als Souverän und müßte dementsprechend empfangen werden. In der fchweizeri- fchen Presse wird die Angelegenhett natürlich lebhaft besprochen, und zwar, soweit es sich verfolgen läßt, durchaus in sympathischen Sinne.
)( Der türkische Generalissimus Mahmud Schesket Pascha ist, wie gemeldet, nach Abschluß der deutschen Kaisermanöver in der deutschen Reichshauptstadt eingetroffen und hat nach der Mitteilung eines Berliner offiziösen Blattes am Sonntag Gelegenheit genommen, zu verschiedenen amtlichen Stellen in Beziehung zu treten. Mon- tag morgen nahm der Generalissimus in Begleitung deutscher Offiziere, die ihm auf kaiserlichem Befehl alles militärisch Sehenswerte zeigen sollten, eine Besichtigung mehrerer militärischer Anstalten und Kasernen vor, woran sich ein Besuch des Lichterfelder Kadettenhaufes schloß. Von Berlin aus begibt sich Mahmud Schesket Pascha nach Tangermünde und dann nach Essen an der Ruhr, um die Kruppschen Werke zu be- sichtigen. — Eine eigentümliche Erscheinung bei dem Besuche d.'s türkischen Gereralisfimus ist die Tatsache, daß die Offiziösen fich über die eventuelle politische Tragweite in tiefes Schweigen hüllen.
)(lieber die Nachwirkungen der Zündwarensteuer für die beteiligte Industrie verbreitet eine Berliner Korrespondenz eine Meldung, wonach es zwischen den knutschen Fabriken und den Großhändlern von Zündwaren infolge des Ansturms auf die Streichholzoorräie in den einzelnen Geschäften zu Differenzen gekommen sein foll:
Zwischen den deutschen Fabriken und den Großhändlern von Zündwarcn hätten seit Jahren Lrefe- rungsverträge bestanden. Die Großhändler forderten nach der Annahme der Reichsstnanzresvrm die sofortige Lieferung aller noch rückständigen Aufträge. Hierzu waren die deutschen Fabriken nicht imstande, trotzdem sie ihre Betriebe, soweit nur irgend möglich, ausnützten. Die Genehmigung zu Ueberfiunden in den Fabriken wurde von verschiedenen Regierungen nicht erteilt, weil man die bevorstehende Einführung der Steuer nicht nI3 einen ausreichenden Anlaß anerkannte. Da nun die Großhändler infolge des Sturmes auf die Streichhoftvorräte in d-n Detailgeschäiten zur Aus- sührung ihrer vereinbarten Lieferungen gezwungen wurden, bezogen sie den sehr erheblichen Teil ihres Bedarfs, der von den deutschen Fabriken nicht geliefert werden konnte aus dem Aus lande, zu durch den Zoll erhöhten Preisen. Diese Preisdifferenz ist nun von den Großhändlern gegen die deutschen Fabriken emgeklagt, wobei es sich um ganz bedeutende Summen handel . Die Fabriken wollen sich dadurch herausbeißen, daß sie erklären, es wäre ihnen rein unmöglich gewesen, die Nachlieferungen zu besorgen.
Man barf gespannt fein darauf, ob die Großisten mit ihrer Klage etwas erreichen wer- den. Man sieht aber an diesem Falle wieder, was vor allem die liberale Presse durch ihre ganze Steuer Verhetzung bewirkt hat. Wäre der Steuerrummrl unterblieben, so wäre mit großer Wahrscheinlichkeit der Uebergang von den allen Steuersätzen zu den neuen ohne größere Schwierigkeiten für die Industrie und den Han- del vor sich gegangen. So aber haben die Hetzer nur denen geschadet, deren Interessen sie angeblich stets fördern wollen.
X lieber die Einigung der drei linksliberalen Parteien roirb ber Biererausschuß der liberalen Fraktionsgemeinschaft demnächst eine maßgebende Besprechung haben. Der Geschäftsausschuß der freifinnigen Volkspartei hat sich mit der Angelegenheit am vergangenen Sonntag
der
i "2? kann ja auf eine „Presse" gehen ' !®tafS$ etbe "8 mir verlegen", entgegnete
Die weiße Zm m Slöensloe.
9] Original-Roman von O. Elster. -
Als Lothar wieder einmal nicht versetzt wurde, kam es zwischen seinem Vater und ihm zu einer heftigen Szene. Lothar flüchtete schließlich zu seiner Mutter, die thn wie immer in Schutz nahm.
„Ich vefftehe nicht", sagte sie unnmtig und gereizt, „weshalb Du aus Lothar durchaus einen Gelehtten machen willst. Weshalb soll er sich noch auf den Schulbänken Hemmdrücken, wo er doch nur mit allerhand Leuten zusaminentrifft, welche zu seinem Stande nicht paffen."
.Aber der Junge muß doch etwas lernen", entgegnete der Graf ärgerlich. „In der heutigen Zeit nützen Reichtum und hohe Stellung nichts ohne eine gründliche Bildung."
-Hast du eine solche Bildung getroffen?" fragte die Gräfin mit leisem Spott. „Ber dem Kadettenkorps holte man sich eine solche zu deiner Zeit nicht, tote ich denke."
-Da hast du ganz recht, aber die Zeiten sind andere geworden und Lothar kann nicht wild aufwachsen!" I »So gib ihm doch einen Präzeptor, der ihn pri- vanm unterrichtet und schicke ihn später einige Se- tnefter auf die Universität nach Heidelberg oder beffer noch nach Bonn."
„Da lernt mir der Junge auch nichts."
°" ”W bl- Unlseriuat-,
Du denn?"
"U will Offizier werden."
feuhte ber ®r4f T1 ba8 letzte AuShilfsmittel", Übrig blc'ben ^rd wohl nichts anderes
treten kannst mnä ^^nem Regimente ein- K." ' ' 6t bte FSHnrichsprüfung be-
Aber es blieb wirklich nichts anderes übrig als Lothar auf eine .Bresse . eine Jener Anstalten, welche
die jungen Leute zu den Militärexaminas vorbereiten, zu geben. Durch bte hohen Verbindungen deS Grafen gelang eS leicht, Lothar bei einem vomehmen Berliner Gardekavallerie-Regiment unterzubringen. Jetzt galt eS vor allen Dingen, ihm auf einer Presse das nötige Wissen für das Fähnrichseramen einzutrichtern. In Berlin bestanden mehrere * solche Anstalten, die beste und vornehmste wurde ausgesucht und Lothar reifte nach Berlin ab, um sich für seinen militärischen Beruf die nötige Bildung anzueignen.
Er reifte mit leichtem, fröhlichem Herzen ab, ich blieb mit schwerem, traurigem Herzen zurück, denn ich hatte nicht nur einen lieben, stets fröhlichen Kameraden verloren, sondern feine Abwesenheit schränkte auch meinen Verkehr in der gräflichen Familie sehr ein, bis er schließlich ganz aufhörte.
DaS tat mir wirklich weh. Ich hatte mich so daran gewöhnt, namentlich vermißte ich den Umgang mit dem lieblichen Komteßchen Amalgunde, die damals das zwölfte Jahr erreicht hatte, und zu einem wunderhübschen Kinde aufgeblüht war. In dem Herzen des Obersekundaners und Primaners glühte eine heimliche Flamme schwärmerischer, sentimentaler Liebe für das schöne Grafentöchterlein. In meiner knabenhaften Phantasie entwarf ich die stolzesten Zukunftspläne, baute die herrlichsten Lustschlösser. Märchen von Prinzessinnen und Königsfindern erfüllten meine brennende JünglingSseele und damals war eS, daß ich die ersten schmachtenden Liebeslieder dichtete. Ich war glücklich, wenn mir Komteßchen auf der breiten Treppe ober dem Hausflur begegnete, und ich schwebte im siebenten Himmel, wenn sie mir freundlich das Händchen gab und mir mit kindlicher Vertraulichkeit zu- nickte. Ich wartete auf ber Treppenflur verborgen, jeden Tag, biS sie mtt Mademoiselle von ihrem Spaziergang heimkehrte.
Aber die herrlichen Spiele im Garten, daS Haschen und Verstecken, daS Aus-die-Bäume-Klettern, daS Blumenpflücken, daS Ballspielen — das alles war un» widerbrdiglich vorüber, denn ich war ein langer Bursche geworden, auf Hessen Lippen der erste Flaum keimte und Komteßchen wuchs immer mehr in die langest Kleider hinein.
Um diese Zeit war cs, daß ich Komteßchen ganz verlieren sollte. Die KränklilRcit der Gräfin nahm so zu, daß ihr die Aerztr einen längeren Aufenthalt im Süden — an der Mviera aber in Egypten — an- rietcn. Da um dieselbe Zeit ber alte Herzog, dem ber Graf fünfundzwanzig Jahre gedient, starb, und dessen Sohn dm Thron bestieg, so entschloß fich der Graf, den Hofdienst zu quittieren, und seine Gattin nach dem Süden zu begleiten.
Die Vorbereitungen zur Abreise mürben rasch getroffen und an einem trüben Oktobertage reifte die gräfliche Familie mit großem Gepäck, mit Mademoi- fette und Fräulein Richter, der Pflegerin ber Gräfin, mit Diener und Kutscher nach dem sonnigen Süden ab.
Der Wagen, der fie zur Bahn bringen sollte, stand schon vor ber Tür, als der Diener in unsere Wohmmg
„Der Herr Gras und die Frmi Gräfin mochten Sie vor ihrer Abreise noch einmal sehen", sagte er zu mir. „Sie sollen sofort herunterkommen."
M't laut klopfendem Herzen folgte ich dem Diener Ich hatte heimlich schon heiße Tränen gemeint, daß ich nicht einmal Abschied von dem Komteßchen nehmen konnte. Nun wurde mir dieses Glück doch zu Teil.
AIS ich In ben Salon trat, dessen Möbel schon mit grauen Ueberzügm versehen waren, kam mir Kom- teßchen Amalgunde rasch entgegen. Sie, wie auch ihre Eltern, befanden sich schon m Reisckleidern.
Komteßchen streckte mir beide Hände entgegen, die Tränen standen chr in ben schönen blauen Augen.
„Ich konnte nicht fortgehen", sprach sie mtt zittern- der Stimme, „ohne Dir Lebewohl gesagt zu haben, und Dir nochmals für alle Güte und Freundlichkeit zu danken. „Ich war so wild und ungezogen."
„Aber nein, Komteßchen" — st» mürbe fie scherzhaft von mir genannt — stammelte ich verwirrt und tief bewegt. „Sie find sehr freundlich . . ."
„Weshalb nennst Du mich dem» auf einmal Sie?" Statt meiner nahm die Frau Gräfin das Wort. „Weil Du den Kinderschuhen entwachsen bist, Amalgunde", sagte sie. „Ich finde e» sehr taktvoll von Ihnen, lieber Gundokar, und ich danke Ihnen."
Komteßchen schmollte.
Der Graf trat auf mich^zu und legte mir bl» Hände auf die schultern. „Sie sind stets ein braver und treuer Freund meiner Kinder gewesen, lieber iunget Freund! Dafür danke ich Ihnen! Wenn ich Ihnen einmal behllflich fein kann, wenden Sie sich nur an mich. Wenn Sie nach Schloß Oldensloe adressieren, erreicht mich Ihr Brief sicher. Und nun leben Sie wohl, mir alle haben Sie gern gehabt unb werden Sie nicht vergessen."
Ich war tief gerührt über die Güte des vornehmen Herrn und vermochte.vor Schluchzen nicht zu anttoorten. Auch die Gräfin sprach einige freundliche Worte und reichte mir die Hand, aber Komteßchen schlang plötzlich die Arme um meinen Hals und küßte mich auf die Wange.
„Weine nicht mehr", flüsterte sie mir zu, selbst weinend, „Ich werde Dir ost schreiben."
Dann küßte fie mich noch einmal und lief ihren Eltern nach, die bereits die Treppe hinunterstiegen.
Ich stand wie betäubt und erst das Rollen des davonfahrenden Wagens erweckte mich aus meiner Verwirrung. Einige Tage ging ich wie im Traum umher, bann aber erwachte ich gleichsam zu einem neuen Leben, warf mich mit .doppeltem Eifer auf mein Studium und blickte mit offenen Augen in bte Welt.
Was ich sah, war nicht sehr erfreulicher Natur. Ich bemerkte, daß meine Mutter wieder fast ganz in ihrem kleinen Hinterstüochen wohnte und die präch- tigen Vorder,zimmer nur selten betrat. Ich bemerkte ferner, daß sie blaß und verhärmt aussah, unb daß ihre Augen ost rot waren vom Weinen. Sie trug ein gedrücktes Wesen zur Schau und zog die schönen Kleider nicht an, welche ihr mein Stiefvater in der ersten Zeit ihrer Che gekauft hatte. Selten ging sie au8 and empfing auch keine Bekannte. Am liebsten sah sie in msserm Hinterstübchen am Fenster nut einer Handarbeit beschäftigt, wahrend ich am Schreibttsch arbeitete ober las. Sie hustete bann oft leise vor sich hin, aber ber trockene Ton dieses Hustens erschreckt« mich. Wenn ich bann mehren Arm um ihre Schul- tem legte, unb sie fragte, ob fie krank sei, fieg sie an zu »einen, behauptete aber, ihr fehl« nichts. fl