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36. Iahrqanst.

Fulda, Samstaa den 18. September 1909

M 214

Zweites Wtatt

Die Enthaltsamkeit hat man als eine Steuerver-

öhntVringerlohnund Bestellgeld in Zulda iv- Vie auswärts

Wochen-Uundjchau.

[:] Fulda, 17. September 1909.

Siegen, die sie bei Leipzig in der Völkerschlacht des roten Parlaments errungen haben. Der Parteitag bat sich mit der Ablehnung der Berliner Resolution zwar nicht positiv für ein Zusammengehen mit den Liberalen ausgesprochen, aber er hat durch die Ab- lehnung doch zu verstehen gegeben, daß er ein Zusam­mengehen mit dem Liberalismus auch nicht unter allen Umständen verwirft. Von da bis zu einem libe­ralen Großblock von Baffermann bis Bebel, wie ihn der Abg Naumann gewünscht und in Aussicht gestellt hat, ist allerdings noch ein weiter Weg; aber dieser Weg ist jetzt geebnet

Zu gleicher Zeit mit dem sozialdemokratischen Parteitag finden, wie wir schon oben andeuteten, die deutschen Kaisermanöver in Süddeutschland statt. Kurz vorher haben die österreichischen Kaiser­manöver unter Beiwohnung des deutschen Kaisers stattgefunden. Der bei diesen Kriegsspielen ertönende Waffenlärm schließt keine Drohung, keine Gefahr in sich Er gibt uns nur die Gewißheit, daß die beiden großen deutschen Kaiserreiche ihr hervorragendstes Friedensinstnlment auf dem höchsten Grade der Ge­brauchsfähigkeit zu erhalten bestrebt sind. Daß unser Heer den denkbar höchsten Anfordemngen zu entspre­chen befähigt ist, das wissen wir allgemein. Von In­teresse ist aber, zu hören, wie sehr der deuffche Kaiser von den Manövem der österreichischen Armee außer­ordentlich befriedigt war. Ganz besonders hat er die treffliche Führung, das ftische Aussehen und tue außerordentliche Ausdauer der Truppen hervorge- hoben, trotzdem an diese ganz ungewöhnliche Anforde­rungen gestellt worden waren. Wir dürfen also wohl die Gewißheit haben, daß den deutschen und österrei­chischen Heeren keine zwei gleichwertigen in der gan­zen Welt entaegengestellt werden können. Das ist aber die beste Gewährfürdeneuropäischen F r i e de n, die wir unsererseits leisten können. Und daß das Bündnis zwischen Deutschland und Oester­reich allen Anfechwngen standhalten wird, davon kön­nen wir umsomehr überzeugt sein, als die Ereignisse der letzten Orientkrists wohl überall die Ueberzeugung gezeitigt haben, daß bei wenigen Vollem eine solche Interessengemeinschaft und ein solches Fehlen von Interessengegensätzen vorhanden ist, wie zwischen den beiden stammverwandten Kaiserreichen. In der letz­ten Zeit soll sich England lebhaft in Wien bemüht haben, und das offiziöse Wiener Fremdenblatt hat daraufhin tote auch vcrschiedentliche Ausführungen der Times den österreichischen Standpunkt dahin aus­gesprochen. daß Oesterreich nichts mehr wünsche als daß die alten freundschaftlichen Beziehungen zwischen Oesterreich und Enaland wieder hergestellt würden.

hat nicht an deutschen Preßstimmen gefehlt, die darüber großes §>alloh schlugen und in korrekten und freundschaftlichen Beziehungen zwischen England und ' Oesterreich den Anfana des österreichischen Absalls von . Deutschland sehen wollten. Wir halten solche Brfürch-

deutsch-englische Interessengegensätze zu vermitteln und zu überbrücken. In der Tat ist mit einer ernsten Ent­zweiung Deutschlands und Englands augenblicklich nicht zu rechnen. Aber wir wollen uns nicht verhehlen, daß die nächste oder fernere Zukunft an diesem retatto guten Verhältnis wesentliche Aenderungen vornehmen kann, denn es ist ein offenes Geheimnis, daß in Eng­land seit Jahren ein Geünnunyswechsel vor sich geht, der in seiner Konsequenz zu einer wie immer herbei- gefiihrten Niederzwingung Deutschlands führen muß. In der vergangenen Woche hat ein her­vorragendes früheres Mitglied der liberalen Partei, der Oberhauslord Rosebery den offenen Ueber- ttitt zur Gegnerschaft des liberalen Programms roll-

Ersatz geht es freilich nicht. Darüber werden auch die Propheten des Schnapsbohkvtts nicht im Zweifel fein. Sie haben auch offen erklärt, daß sie ein neues Defizit im Reiche herbeiführen und der Regierung neue Ver­legenheiten bereiten wollten. Schön: die Geldver­legenheiten der Regiemng äußern sich immer in neuen Steuervorlagen, und das Ende vom Liede wäre also, daß noch neue Verbrauchssteuern ausgetüftelt würden, um das Loch wieder zuzustopsen, das der Schnaps­boykott gerissen hätte.

Das Loch wird freilich nicht gar groß werden. Leider nicht! Auf einen gewissen Rückgang im Brannt­wein- und Bierverbrauch haben freilich auch die Urhe­ber der jüngsten Steuergesetze gerechnet. Ja, dec viel- verschrieene „blan-schwarzeDlock" oder „Schnapsblock" Wie ihn die roten Hetzer nennen, hat es als eine gute Wirkung der Steuererhöhung betrachtet, wenn die Schnapsportionen kleiner oder stärker verdünnt wür­den. Gerade deshalb mußte man vorläufig auf die Abschaffung der sogenannten „Liebesgabe" verzichten; denn die letztere hat gerade den Zweck, die Brennereien und die mit ihr zusammenhängenden landwirtschaftli­chen und gewerblichen Betriebe vor dem Ruin zu be­wahren, der sie durch den Absatzmangel in Form der erhöhten Steuer sonst bedrohen würde. Auch in dem Biersteuergesetze hat man gewisse Maßregeln getroffen, um einen Krach im Brauereigewerbe und den HilfSbe- trieben zu verhüten, da ein solcher Krach verhängnis­volle Wirkungen in weitem Umkreise für das ganze Wirtschaftsleben nach sich ziehen würde Also auf einen gewissen Rückgang im Alkoholoerbrauch hat man sich rechtzeitig und gern eingerichtet. Eine boshafte Absicht, gerade die „Aermsten" zu belasten, wie die Hetzer sagen, lag in der Tat nicht vor. Es würde all­gemein mit Freude begrüßt werden, wenn die Armen der Aermsten den Alkohol ganz fahren ließen und sich so der Schnaps- und Biersteuer ganz entzögen. Nicht die Armut soll besteuert werden, sondern der G e n u ß, das heißt diejenigen Leute, die im Schnaps- oder Biertrinken ihr Vergnügen suchen, sollen bei der Gele­genheit etwas für das Reich abfallen lassen.

V Die Reform des Strafpro^e- es.

Der Entwurf der neuen Strafprozeßordnung, der im Sommer dem Reichstage vorgelegt worden war, ist durch den Schluß der Session formell erledigt wor­den. In der kommenden Session bedarf es einer neuen Vorlage. Immerhin ist die Vorlage, die im Sommer geschehen ist, nickt unverdienstlrch gewesen, indem dadurch die berufenen juristischen Körperschaften Gelegenheit bekommen haben, an dem Entwurf sach­verständige Kritik zu üben und fo für den Reichstag eine wichtige Vorarbeit zu leisten.

In den letzten Tagen haben der Deutsche An­wal t s t a g in Rostock und der Deutsche Richter- t a g in Nürnberg sich eingehend mit der Reform des Strafprozesses befaßt, und wenn man auch den dort geäußerten Meinungen und gefaßten Beschlüssen nicht

durchweg zustimmen kann, so hat die Aussprache doch zur Klärung vieles beigetragen. Den für die Oeffent- lichkeit wohl wichtigsten Purrkt der Verhandlungen beider Tage bildet die Frage derZuziehungder Laien zur Strafrecktspftege. Während der Anwalts­tag den Vorschlag des Entwurfs, die Zuziehung der Laien zur Berufungsinstanz auszuschließen, abgelehnt hat, sind aus dem Richtertage Bestrebungen offenkun­dig geworden, das Laienelement aus der Strafrechts- pftege völlig auszuschalten. Vor allem der Referent Landgerichtspräsident de Niem sprach sich in diesem Sinne aus, und es wurde eine Resolution an­genommen, daß die Zuziehung von Laien zur Recht­sprechung in Strafsachen im weiteren Sinne als bis­her nicht wünschenswert sei

Die Abneigung weiter Kreise des Berussrichter- tums gegen die Mitwirkung von Laien-Richtern ist bekannt. Sie wird damit begründet, daß der Veruss- richter gegenüber dem Laienrichter der bessere Richter fei. Was die fachwissenschaftlichen Kenntnisse anbe­langt, ist dies ohne weiteres zuzugeben. Aber bei der Strafrechtspflege handelt es sich doch um wehr. Für die Beurteilung einer Straftat find keineswegs nur technisch-juristische Erwägungen maßgebend, wenig­stens sollen sie es nicht fein. Und es ist nicht zu leug­nen, — auch die Begründung zu dem Entwurf der Strafprozeßordnung hebt dies hervor — daß die Laienrichter auf dem Gebiete d e s täglichen Lebens Erfahrungen mitbringen, die dem Richter nicht immer eigen sind. Sie können durch die Kennt­nis persönlicher und örtlicher Verhältnisse, insbeson­dere der ÄuLdrucksweise der Bevölkerung, auch durch ihre Bekanntschaft mit örtlichen oder beruflichen An­schauungen und Gewohnheiten den Richtern wertvolle Aufklärungen geben und bei der Urteilsfällung zu einer dem Volksempfinden entsprechenden Entscheidung beitragen. Aber noch ein anderes Wich­tiges kommt hinzu, was vor allem Obcrlandesgerichts- prästdent a. D. Dr. Hamm in Nürnberg zutreffend be­tont hat. Er führte aus:

„Um die Richtigkeit rer Findung eines gerechten Urteils handelt es sich nicht allein, sondern es handelt sich darum, ob man den Willen des Volkes ignorieren darf, an der Rechtsprechung teilzunehmen. Das mündig gewordene Volk hat seine Teilnahme an der Gesetz­gebung in den Parlamenten erreicht. Es ist an der Verwaltung beteiligt und verlangt jetzt in steigendem Maße auch die Mitwirkung bei der Rechtsprechung. Diesem Verlangen kann sich niemand entziehen, auch der Mchlerstand nicht. Es werde nicht häufig vor­kommen, daß durch die Zust mmung von Schöffen das Urteil anders ausfalle, als es ohne sie ausfallen würde. Aber ihre Zuziehung sei dennoch zu empfehlen, damit das Volk sich fortdauernd überzeuge, daß unsere Ge­richte Vertrauen verdienen."

Die Mitwirkung der Laien bei der StraftechtS- pflege ist in der Tat nicht nur zweckmäßig, sondern auch notwendig. Und es könnte gar^nicht schaden, wenn sie, nachdem sie für die Schöffengerichte und die Schwurgerichte durchgeführt ist, im Laufe der Zeit bei allen Strafgerichten zur Einfühmng gelangen würde.

erwünscht. Es braucht sich keiner zu genieren. Jeder mag seinen Alkoholverbrauch soweit einschränken, wie es ihm beliebt. Sich selbst und seinen Angehörigen zu Liebe! 9hn soll er sich nicht einbilden, daß damit die "politischen Zwecke der Sozialdemokratie erreicht

Unpolitische Zeitlüuse.

N. Breslau, 16. September 1909.

(Nachdruck verboten )

„Schnapsboykott" heißt die neueste Erfin­dung. Site geht vom sozialdemokratischen Parteitag aus; daZ macht die Sache schon vornhereiii verdächtig. Aber trotzdem möchte ich dem Schnapsboykott die be­sten Erfolge wünschen; denn jedes Glas Schnaps, das nicht getarnten wird, ist ein Vorteil für die Menschheit. Rur habe ich leider kein Vertrauen auf den Umfang und die Dauer dieses sonderbaren Boykotts.

Das Ehristentum predigt Mäßigkeit und Liebe; die Sozialdemokratie predigt jetzt Enthaltsamkeit und Haß. Wir sollen uns vor der Völlerei hüten aus Liebe zu G o 11, der die Unmäßigkeit verboten hat, aus Liebe zu unseren Angehörigen, denen durch un­sere Trunksucht soviel Schaden, Schmerz und Schande bereitet würde, — aus Liebe zu un s s el b st, da das Trinken' uns die Gesundheit, die Arbeitslast, den Wohlstand und die Lebensdauer, das zeitliche und ewige Glück zu ruinieren droht. Sind das nicht Gründe und —rieofebenr genug, um einen vernünftigen Men- faien zur Mäßigkeit oder gebotenenfalls zur Enthalt- bewegen? Aber die sozialdemokratischen Führer hatten sich auch durch die Rücksicht auf das Verderben, das der Alkohol anrichtet, nicht zu einer erzieherischen Einwirkung auf ihre Gefolgschaft bestim­mst taffen. Jetzt erst predigen sie Enthaltsamkeit, ^weil sie damit Vorteile für ihre Parteipolitik herausschlagen möchten. Der Arbeiter soll auf den Schnaps verzichten, um die Brenner und die R e- r rtn st " 9 zu ärgern. Und dabei soll er sich auch jelbft ärgern, damit er bis zu den nächsten ReichstagS- wahien unzufrieden bleibt und dann einen roten Stimmzettel abgibt.

Ob die Brenner sich bange machen lassen? Ich "a es nicht, aber es macht mir auch keine Sorge! «zch Wollte, daß gar kein Branntwein mehr getrunfen touebe. Was wir bann mit den Ländereien anfangen Wußten, auf denen jetzt die Brennkartoffeln und die Übrigen Urftoffe des Schnapses angebaut werden, das toMe sich seiner Zeit schon finden. Auch die Reichs- Iaffe braucht nicht in Verzweiflung zu geraten, wenn

aoaen. Er hat in Glasgow eine bedeutende politische Rede gehalten, von der alle Zuhörer den Eindruck mit nach Hause nahmen, als ob das Budget tm Ober- Baufe scheitern müsse. Das Budget aber wird von den Konservativm, abgesehen von einzelnen inneren und fozialpolittschen Bestimmungen besonders deshalb an- aefeinbet, weil es nicht genug für Militär- und Ma­rinezwecke versieht, und weil die Konservativen eine vslliq andere Gestaltung des Budgets dadurch herbei- führen wollen, daß sie dem englischen Prinzip des Freihandels ein Ende machen und hohe Einfuhrzölle einführen Letztere Maßnahme würde für Deutschland eine direkte wirtschaftliche Revolution im Gefolge ha­ben und cs wäre deshalb außerordentlich leicht mög­lich' daß es infolge dessen zu einem ernsten Zwiespalt zwischen Deutschland und England käme. Denn es kommt hinzu, daß in England bei der Durchführung des britischen Reichszolles diejenige Partei am Ruder wäre die in einem weiteren wirtschaftlichen und po­litischen Aufblühen Deutschlands nicht ganz mit Un­recht das Ende der englischen Weltherrschaft m ihrer jetzigen Gestalt sieht. Und daß diese polrttsche Rich­tung in England immer mehr an Zuspruch gewinnt, und schließlich vielleicht nur noch von der Arbeiter­partei bekämpft werden wird, dafür ist die Mauserung des Lord Rcflbery ein sehr bemerkenswertes Zeichen.

Im übrigen sind das alles Dinge, die der Zukunft überlassen bleiben müssen; sie wird schon sehen wie sie damit fertig wird Vorläufig ist das f p anif ch- marokkanische Schießen am Riff und hm und wieder ein Flintenschuß auf dem Balkan der ein­zige Kriegslärm, der uns an die Ohren bringt. Den Spaniem will eS immer noch nicht gelingen, der auf­rührerischen Riffkabyten Herr zu werden, und was beinahe schlimmer ist, auch die Franzosen scheinen nut dem spanischem Vorgehen unzufrieden, da sie als Folge desse'ben Unruhen an der algerischen Grenze beflirchten.

In G r i e ck e n l a n d will die Innere Beruhigung noch nicht vom Fleck tommen. Der König hat zwar einstweilen seine Abdankungsabstchten ausgegeben, aber die königlichen Prinzen mußten dem Unwillen der Offiziere weichen. Die Frage ist nun die, wie sich die Kammer, dir keineswegs aufgelöst werden soll, zu der ganzen Angelegenheit stellt.

In Persien toben auch nach der Vertreibung des^Exschahs die Parteikämpie immer noch. Das Parlameal ist noch nicht, zusammengetreten. Inwie­weit diese neuere Bewegung fick gegen Rußland wen­det, ist noch nicht ganz klar. Die englische Presse ver­kündet aber ichon schadenfroh, daß die russische Stel­lung in Persien schwieriger wird.

Das chinesisch-japanische Abkommen, das in fein»m Wortlaut nunmehr veröffentlicht wor­den ist, zeigt am deutlichsten, daß die Annäherungs­versuche zwischen China und Japan von Erfolg ge­krönt sind. Darunter müssen natürlich vor allem die englischen und russischen ostasiatischen Pläne leiben.

verantw Rebaheutt

«ark schütt«;

XÄ roodKi-bdiaet: „Illustrierte Sonntagsjeitung"

Deutscher Keich.

E Neber die Konfessionsverhältniffe der Direktoren an den höheren Schulen Preußens ergibt sich aus den Mitteilungen des Runge-Kalenders von 1908 folgendes: Man zählt in Preußen 647 Direktoren, davon 239 an königlichen und 408 an städtischen Anstalten. Die Königlichen Anstalten zerfallen in 209 Voll- und 30 Nichlvoll-Anstalten. Von den Direktoren an den ersteren sind 54 katholisch, also 25,8%, an den letzteren 6, gleich 20%; macht im ganzen 60 katholische Direktoren an König!. Anstalten oder 25,1 %. Die katholische

«rschMt täglich mit

Hu$nal)me der

werden könnten.

Als» können wir auch den Schnapsboykott hochleben lassen, aber den unpolitischen Schnapsbohkott, der von der eigenen Vernunft und Gewissenhaftigkeit diktiert ist. Nicht um andere zu ärgern, sondern um uns selbst wohlzutun, wollen wir so mäßig wie mög­lich sein!

Das Gewissen ist bei einzige zuverlässige Leh- rer und Wächter der Mäßigkeit. Auf den Katholiken­tagen ist schon läncfft gegen den Mißbrauch des Alko­hols Krieg "geführt worben, ehe bie sozialdemokratischen Taktiker an ihren politischen Schnapsboykott badjten. Die Geistlichen führen schon längst einen zähen Kampf gegen die Unmäßigkeit, zum Teil in der Oef- fenttickkeit zumteil in der Stille der seelsorgerischen Einwirkung auf den Einzelnen, und wie mancher trunksüchtige auf diesem letzteren Wege gerettet, wie manche Familie aus tiefem Elend herausgezogen Wirb, das erfährt bie fremde Welt nicht Wenn es den sozial- demokrattschen Führern ernst ist mit der Bekämpfung des ANoholismus. so mögen sie doch m ihren zahllosen Vereinigungen regelmäßig Vorträge veranstalten über Ze körperlichen und sittlichen Nachteile des Alkohol- genusses über bie beste Metbode der Einschränkung und Abgewöhnung, über bie zweckmäßigsten Ersahgetränke ufw Mit dem bloßen Aufruf: „Hergert doch bie Brenner unb bie Regierung!" wirb auf bie Dauer nicht viel erreicht werden. Im ersten Eifer läßt der eine ober ber anbere mal ein Gläschen ungetrunken; aber bann sagt er sich bald: Weshalb soll ich wegen anderer Leute Durst leiden? So fängt et wieder an zu trinken. Der polittsche Zweck wird gerade bei de­nen am wenigsten wirksam bleiben, die eine Bekehrung am notwendigsten hätten. Das sind einerseits die eigent­lichen Trunksüchtigen, bie allzeit ihr gefülltes Fläsch­chen in der Tasche haben, andererseits die Wirtshaus­

Hocker, die sich unglücklich fühlen, wenn sie nicht eine • geraume Zeit am Kneiptisch schwadronieren, spielen usw. Besonders mit Rücksicht auf die letztere Sorte müßte ber Scknapsboykott burch einen Vierboykott er­gänzt werben Jetzt sieht es so aus, als ob der rote Parteitag die Leute vom Schnaps zum Bier hintrei- ben wollte. Der Frau unb den Kindern ist aber wahr­lich damit nicht geholfen, wenn der Arbeiter mit sei­nem Wochenlohn ober ber Handwerker mit der ein» kassierten Rechnung erst in ein Bierhaus einkehrt und das Geld am lustigen Biertisch verjubelt.

Ich fürchte, daß die einseitige und schlecht begrün­dete Resolution von Leipzig keine rechte Wirkung haben wird. Aber wer klaren Kopses und guten Willens ist, kann auch aus dieser roten Blume Honig saugen. Den Honig der Eckenntnis, daß die Mäßigkeit nicht bloß eine Tugend, sondern auch eine Quelle des Glückes ist Lassen w:r allzumal uns diesen Zwischenfall zum Anstoß dienen, um einmal gründlich unser Gewissen in diesem Puutte zu erforschen. Mit ber selbstgefälligen Versicherung: „Ich bin dach kein Trunkenbold!" läßt sich bie Sache nicht abtun Es fragt sich, ob bu nicht manchmal doch ein Gläschen mehr trinkst, als dir gut ist, unb ob bu nicht manchmal ein Stündchen länger im Wirtshaus sitzest, als es dein Geschäft, deine Gesund- hett unb dein Familienleben gestatten. Zu einem vollen Verzicht, zu einem förmlichen Boykott aller geistigen Getränke unb aller Wirtshäuser bis Du vielleicht nicht verpflichtet; aber eine gewisse Einschränkung kann doch deine hellige Pflicht sein. Wenn sich da hin­ten im Gewissen eine Stimme erhebt, die ja sagt, so überhöre sie nicht, sondern denk ernstlich nach, ob nicht in ber Art des Genusses, in der Menge des Ge­nusses und in der Z e i t des Genusses etwas Beschrän­kung eintreten könne. Erwäge dabei auch, daß nach den ersten Unbequemlichkeiten des Uebergauges ^die Sache fiir Dich und die Deinigen recht angenehme Fol­gen haben wird. Bei der weisen Mäßigkeit werdet ihr euch alle viel wohler fühlen. Die Rede des Pfarrers Abg Kapiha vorn letzten Katholikentag in Breslau ver­dient die sorgfälttgste Lesung und Beachttlng.

Vor allein möchte ich schließlich den praktischen Rat wiederholen: Trinke keinen Alkohol in irgend welcher Form, auch kein Bier vor der Arbeit od. w ä h r e nd bet Arbeit. Das ist keine Stärkung, sondern vielmehr eine Lähmung ber Arbeitskraft.

Selbstverständlich ist es ein Zufall, daß der so­zialdemokratische Parteitag w Leipzig und die großen Kaisecmanöver zur selben Zett ssatt- finden aber es ist ein hübscher Zufall. Er bringt einem recht anschaulich zum Bewußffem, daß die in Leipzig tagende Millionen-Partei, die nun einmal aus dem revolutionären Fahrwasser nicht heraus kann, noch außerordentlich weit von ber Erreichung ihres Zieles entfernt ist. Der Parteitag selber zeigt gegen .früher kein wesentlich neues Gesicht. Heworzuheben Ist nur bie stärker hervortretende Tendenz, die lugend- lichen Arbeiter schon möglichst früh für die sozial- Lemokratischen Parteizwecke zu gewmnen. Wir wissen daß schon jetzt die sozialdemokratische Wühlarbeit früh genug beginnt, daß parteipolitische Verhetzung und Unzufriedenheit jeglicher Art fchon jetzt viel zu früh in unserer Arbeiterjugend hineingetragen wird, und es wäre tief bedauerlich, wenn es der Sozialdemokra­tie gelänge, in dieser ihrer unheilbringenden Arbeit poch weitere Fortschritte zu machen Vor Zetten spielte das Wort von der Politisiemng der Massen eine große Rolle. Gewiß, es ist für ein Volk ein außer­ordentlich gutes Zeichen, wenn jeder Staatsbürger an den Aufgaben der kommunalen Körperschaften und des Staates einen gemessenen Anteil nimmt, wenn jeder Staatsbürger den Aufgaben unb vor allem auch ben Anforderungen, die ein geordnetes Staatswesen an seine Angehörigen stellen muff, volles Verständnis ent­gegenbringt. Wenn dieses das Ziel ist, welches die Politisierer ber Massen anstreben, so ist vom politischen Standpuntte aus nichts wünschenswerter, als eine solche Politisierung ber Massen, wie sie z. B. das Zentmm durchzuführen flicht Ganz anders aber ist eine „Politisiemng bet Massen" zu bewerten, bie ein­zig barauf gerichtet ist, aus bisher mehr oder minder zufriedenen^ Untertanen professionelle Nörgler und großsprecherische Revolutionäre zu machen, die den ganzen Tag mit verbissener Miene umhergehen, su­chend, was sich nun wieder ihrer wütenden politischen Kannegießerei darbiete. Die revisionistische Richtung der roten Partei hat auf dem Parteitage Erfolge da­von getragen, die vorher niemand erwartet hätte. Schon in der Frage der Erbschaftssteuer hatten sich die Radikalen keine Lorbeeren geholt, offensichtlicher war der Erfolg der Revisionisten in der Frage des Zusammengehens mit den Liberalen. In der allge­meinen Erregung war ein Beschluß mit unterlaufen, ber bie „Zumutung" an die S o z i al d e m o k r a t i e, mit ben heutigen Liberalen irgendwie zusammen- f ^euiiauuiiu 1UU1 zugehen ,als eine blutige Verhöhnung bei Partei be=: jungen für durchaus gegenstandslos, ja für eine di- zeichnet. Bei Eröffnung ber Donnerstag-Sitzung aber rekte Beleidigung Oesterreichs. Wenn England und tag ein Antrag des Genossen Frank und ber ihm nahe- Oesterreich allmählich in ein freundlicheres Verhältnis stehenden Delegierten vor, die Abstimmung über die kommen, so tonn uns das nur willkommen Jein, und Resolutton zu wiederholen. Es hätten viele von ihnen mir sehen ba-in weniger eine Gelegenheit für Oestcr- nur irrtümlich bafür gestimmt. Der Parteitag hatte reich, von Deutschland abziffallen, als eine Gelegenheit, nichts gegen eine Wiederholung der Abstimmung ein- «x—und

zuwenden, und sie hatte nun gerade das entgegenge­setzte Ergebnis wie cm vorangegangenen Tage. Die Resolution wurde abgelehnt unb bamit das radikale Verbot eines Zusammengehens mit den Liberalen auf­gehoben. Das bedeutet einen beachtenswerten Sieg des Revisionismus über die radikale Richtung. Auf den vorhergehenden sozialdemokratischen Parteitagen ist ber Revisionismus bekanntlich feierlich unb förm­lich geächtet, verpönt unb mausetot geschlagen worben, unb von bem jetzigen Parteitage in Leipzig konnte man allgemein annehmen, daß bie Revisionisten auf dem­selben ebenfalls nur eine Minderheit bilden würden. Um so überraschender kommt bie Mitteilung von ben

die paar Hundert Millionen Schnapsstenem ansblie- ‘

ben, denn durch die Enthaltsamkeit würben ber Wohl- Weigerung bezeichnet. Nun, sie ist eine durchaus er­stand und bie Steuerkraft so bebeutenb steigen, daß sich laubte Steuerverweigerung, nicht im mindesten ge;etz- schon Ersatz für den Steuerausfall finden ließe. Ohne wibrig. Ja, vom Standpunkt des Volkswon.s sogar

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