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M 214.

Gastes KrclLL.

O Der sozialdemokratische Parteitag geht seinem Ende entgegen. Er hat ZeichenundWunder gebracht Die Revisionisten sind den Radikalen nicht unterlegen, sie haben im Gegenteil einen Steg er­

Schon die zweitägige Debatte ilber die Frage, welche Stellung die sozialdemokratische Reichstagsfrak­tion bei der dritten Lesung derErbansallsteuer- Vorlage hätte einnehmen müssen, förderte einen tol­len Wirrwarr über grundsätzliche und taktische Fragen in der Drei-Millionen-Partei zutage, bei der die Radi­kalen keineswegs glänzend abschnitten. Schlimmer er­ging es ihnen in der Frage des Verhältnisses z u v en L i b e r a le n. Am Mittwoch hatte ein Berliner An- trag die Mehrheit erhalten, der die „Liberalen a l l e r S ch a t t i e r u n g e n" des andauernden Ver­rats der Arbeiterintereffen beschuldigte, sie als festen Bestandteil „der neuen reaktionären Masse- bezeichnete und die Zumutung des Zusammengehens „mit dieser Sorte Liberalen" als eine blutige Ver­höhnung der Partei zurückwies Die „Unentwegten" von Berlin hatten mit diesem saugroben Antrag eine Dynamitpatrone in dhc Brücke gesteckt, welche die bür­gerliche Linke mit der sozialdemokratischen verbinden sollte.

Aber flehe da, die Dynamitpatrone wurde wieder herausgeholt, ehe sie ihr Zerstörungswerk verrichtet hatte. Am Donnerstag wurde eine nochmalige Absttmmung über die Berliner Kraftresolution der Ra­dikalen veranlaßt angeblich weil mehrere Genoßen bei der Abstimmung sich in der Nummer des Antrags ge­irrt hätten. Inzwischen war von den „Taktikern" für den nötigen Umfall gesorgt worden, und so wurde am Donnerstag früh dieselbe Resolution ab ge­lehnt, die am Mittwoch nachmittag angenommen worden war.

Durch die Annahme der Resolution hätte sich die Partei festgelegt gegen jedes Bündnis mit den Libe­ralen. Das Festlegen sollte aber vermieden wer­den; darum wurde in der zweiten Abstimmung die einfache Ablehnung veranlaßt. Damit ist weiter nichts gesagt worden, als daß man sich freie Hand Vor­behalten will. Ein positiver Beschlich zugunsten eines Bündnisses ist noch nicht beantragt oder gar be­schlossen worden.

Vom Standpunkt der roten Pacteipolitik ist ohses Vorgehen klug, wenn es auch keineswegs imposant ist. Das ganze Streben ist aus wahltaktische Ausnutzung der neuen angeblich recht günstigen Lage gerichtet.

i will mit allen Kräften und Künsten Stimmen- ui,u Mandatsfang betreiben und spekuliert da­bei auf die Hilfe von verärgerten Liberalen, hütet sich aber vor einer Zudringlichkeit, welche die Preise für die liberale Wahlhilfe steigern könnte. Man will dir Liberalen, namentlich die Freisinnigen, an sich heran­kommen lassen.

Jedenfalls verdient die weitere Entwickelung un­sere ernsteste Beachtung. Es ist ja wohl noch verfrüht, wenn die linksliberale Presse bereits den großen Blockder Linken kommen steht, aber das ist rich­tig, daß an dem Tage, an dem die Opportunisten die Führung der Sozialdemokratie an sich gerissen haben, eine neue politische Sage, und zwar eine sehr emste, geschaffen sein wird Dann wird eine Stunde gekommen fein, wo der Block der Linken in die Er­scheinung tritt

Daß die südd chen Opportunisten zu dieser Block­konstellation bereit sind, ist bekannt. Denn in den be­vorstehenden badisch e» Wahlen wird der Groß­block von 1905 wieder in die Erscheinung treten, wor­über das gegenwärtige taktische Manöver der badischen Liberalen, den Großblock'zu verleugnen, nicht Hinweg­täuschen darf. Solche Großblockbestrebungen sind im Rheinland bei den Kommunalwahlen os-

Fulda, Samstaa

fenbar geworden, und es ist kein Zufall, daß der Köl­ner Delegierte auf dem Parteitag seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß ohne revistonistische Taktik dem Zen­trum nicht beizuümmen sei.

Wir müssen also darauf gefaßt fein, daß der Gro ß- b l o ck der Linken, wie ihn der sozialdemokratifche Führer Dr. Frank ersehnt, überkurzoderlang zustande kommen wird, und zwar zu allererst in all den Bezirken, wo die Sozialdemokratie den Kampf gegen das Zentrum zu führen hat. Gegen das Zentrum richten sich die Großblockbestrebungen in dm Reihen der Sozialdemokratie in erster Linie. Das ist gewiß eine Ehre für uns, aber es eröffnet auch dm Ausblick auf schwere Kämpfe. Für diese Kämpfe uns zu wappnm und zu rüsten muß unsere wichtigste Auf­gabe sein.

Deutscher Reich.

* Berlin, 17. Sept. 1909. Gegen eine Be­messung der für Schulgeldsähe auswärtige Schüler höhererLehranstalten, die nicht in angemessenemVer- hültnis zu dem Schulgeld für einheimische Schüler bleibt, wendet sich eine besondere Verfügung des Unterrichtsministers an die Provinzialschul kollegien. Anträge auf Aenderungen der Schulgeldsätze bei staatlich unterstützten höheren Lehranstalten sollen künftig dem Ministerium mit einem Bericht zur Entscheidung vorgelegt werden. — Die Mitteilung der „Deutschen Tageszeitung", daß Staats­sekretär Dernburg zwei mal zum Bortrage beim Reichskanzler in Hohenfinow erschienen fei, einmal wegen eines „seltsamen" Briefes an eine Eisenbahnfirma, das andere Mal aus Anlaß von Differenzen wegen Verstaatlichung der Otavibahn wird von der „Rordd. Allg. Zig." als vollständig unbegründet bezeichnet. Dernburg sei nur ein­mal in Hohenfinow gewesen, um dem Reichs­kanzler Vortrag über den Stand her Angelegen­heiten seines Ressorts zu halten. — Eine inter­nationale See rechts ko n seren z wird in den letzten Tagen dieses Monats in Brüssel zusammen- treten, um über die Herstellung einheitlicher Rechts­sätze auf wichtigen Gebieten des Seerechts zu verhandeln.

)( Rachtragsetat. Daß trotz der Finanzreform die Schwierigkeiten der Finanzgebahrung des Reiches immer noch groß sind, hat man osfiziöserseits schon genug erklärt. Eme Berliner Korrespondenz bringt nun eine bemerkenswerte Zusammenstellung, welche die Schwierigkeiten des Reichefchatzamtes am besten zeigt Danach sind aus dem Jahre 1906 und 19°9 noch zahlreiche Rückstände zu tilgen. D.e c Hetzen sich zusammen aus Fehlbeträgen" der Etats und aus rückständigen Matrikularbeiträaen in einer Höhe von 513 Millionen; ferner ans beit Besolsiings- erhöhnngen für 1909 im Betrage von 90 Millionen und für 1908 von 60 Millionen. Hieraus ergibt sich eine Summe von 670 Millionen Mark. Dieser Betrag vermindert sich jedoch durch die Mehr­einnahmen aus den neuen Steuern und die Minder- übcrweisungen aus den Stempelsteuerbeträgen für 1909, beide Posten zusammen können jedoch höchstens mit 140 Millionen veranschlagt werden. Mithin bleibt ein Bedarf zur Deckung der Reste von 530 Millionen Mark, der durch Nach­tragsetats gedeckt werden muß. Diese Annehmlich­keiten sind in der Hauptsache das Verdienst des Blocks. Im ganzen genommen kann man also be­haupten, daß das Reich für die letzten vier Jahre fast 600 Millionen, davon 200 für das Jahr 1909 und 400 für 1906—1908, zu zahlen hat, ehe es überhaupt die neue Finanzaera beginnen kann.

-*• Eine Talonsteuerkonferenz wurde am Donnerstag im Reichsschatzamt abgehallen. Es waren eine Anzahl von Vertretern namhafter

den 18. September 1909.

Aktiengesellschaften anwesend. Es handelt sich darum, einen Weg zu ermitteln, vermöge dessen den Aktiengesellschaften, die in der Zeit zwischen dem 10. Juli und dem 1. August vorzeitig neue Dividendenbogen ausgegeben haben, die Unge­legenheiten erspart werden, welche die formellen Vorschriften eines neuen deklaratorischen Gesetzes für sie mit sich bringen würden, und gleichzeitig dem Fiskus das durch die vorzeitige Ausgabe von Zinsbogen ihm entgangene Steuerauf­kommen unter geeigneter Rücksichtnahme auf die Aktiengesellschaften zu sichern. Wie die „Post" mitteil't, haben die Beratungen bisher einen günstigen Verlauf genommen. Die Konferenz ist nur als eine vorläufige zu betrachten. Jrn weiteren Verkaufe soll mit sämtlichen Aktiengesellschaften in Verbindung getreten werden, die eine vorzeitige Ausgabe von Zinsbogen bewirkt haben.

)( In etatsmäßige Sekretärstellen werden in der Reichspostverwaltung die charakte- risierten Sekretäre, die bis einschließlich 25. Jan. 1908 die Sekretärprüsung bestanden haben, oder denen anderweit ein entsprechendes Slangalter beigelegt worden ist, zum 1. Oktober 1909 ent­rücken. In demselben Zeitpunkt sollen die Assistenten aus der Klasse der Zivilanwärter, die bis zum 4. Mai 1905 einschließlich die Asfistentenprüsung bestanden oder sonst ein ent­sprechendes Dienfialler erhalten haben, als Assistenten oder als Postverwalter etatsmäßig angestellt weiden.

* Die Aufstellung einer Marmorbüste Molrkes in der Wal halle bei Regensburg ist vom Prinz­regenten Luitpold ungeordnet worden.

* Halle, 17. Sept. 1909. Die Vorstände der bürgerlichen Parteien haben heute zur Reichstags­wahl erklärt, auf die Aufstellung eigener Kandidaten zu verzichten und aufs nachdrücklichste den Volks­parteiter Reimann Berlin zu unterstützen.

= München, 17. Sept. 19<;9. Der Reichs- kanzler traf heute abend hier ein und wurde auf dem Bahnhofe von dem Ministerpräsidenten Frhrn. von Podewils und anderen Ministern empfangen.

d München. 17. Sept. 1909. Der bayert- sche Liberalismus befindet sich schon seit län- gerer Zeit in einer keineswegs beneidenswerten Lage. Trotzdem feine Führer an Verhetzung alles mögliche getan haben, fand er doch nicht den un­geteilten Beifall, vor allem nicht der sogen. Jung- liberalen, die da glauben, sie könnten nicht leben, wenn sie nicht genug Radau machten. Selbst den sattsam bekannten Kulturkämpfcr, den Abgeordn. Cassel mann, ließen sie mit ihren Angriffen nicht in Ruhe, sodaß dieser sich, wie gestern kurz gemeldet, endlich gezwungen sah, fein Amt als Vorsitzender des Zentral-Äusschusses der vereinig­ten Liberalen und Demokraten Bayerns nieder­zulegen. Dadurch ist natürlich die Verwirrung unter den bayerischen Liberalen n. r noch gestiegen. Man sucht jetzt wieder einzulenken, und die ein­zelnen Ortsgruppen sind offenbar bereits ange- wiesen worden, Resolutionen zugunsten Cassel­manns anzunehmen. Der Riß unter den Libe­ralen dürfte aber dadurch nicht mehr verkleistert werden können. Der liberale Gedanke hat in Süddeutschland Dank seiner kuUurkämpserischen Gesinnung zu sehr abg.wirtschaftet, um nachmals zu größerem Einfluß gelangen zu können.

* Posen, 17. Sept. 1909 Vor dem hiesigen Schöffengericht fand heute die Verhandlung gegen dm Reichstagsabg. Sly chel (Pole) wegen „Be-

36. Jahrgang.

leidigung des deutschen Lehrerstandes in den östlichen Provinzen" statt, gefunden in einer Rede, die Slychel auf einer Wahlerversammlung in Kurnick gehalten hat. Die Staatsanwal.schat. hatte eine Geldstrafe von 70 Mark beantragst Das Schöffengericht sprach den Abgeordneten Slychel frei.

Ausland.

* Belgien. Wie der „Köln Vztg."berichtet wird, wagt niemand mehr zu bestreiten, daß der G e m ä l- deausverkauf des Kö nig s den ausschließlichen Zweck einer totalen Vermögensverschleppung zum Nachteil seiner Töchter hat. Daher ist auch in den Kreisen der regierungsfreundlichen Bevölkemng die Entrüstung gegen die Regierung und im besonderen für den zuständigen Minister für Künste und Wissen­schaften nicht gering, der wieder einmal nicht gewagt hat, ein unberechtigtes und in diesem Falle ein rechts­widriges Ansinnen des Königs zurückzuweisen. Die Gemälde aus den Königsschlössern werden seit heute in den vom König persönlich hierfür ausgewählten Sälen des Museums aufgehängt, nachdem die vorhan­denen Kunstwerke in Nebensälen so gut oder so schlecht untergebracht worden, wie es eben anging. Die Sache wird zweifellos in der Kammer zur Sprache kommen. — Der König begibt sich zu längerem Aufenthalt über Paris nach dem Schlosse Berliencourt, an der Eisen­bahnlinie Paris-Dieppe, das er seit zwei Jahren für die „Baronin" Vaughan erworben hat, und wohin diese ihm Ende vergangener Woche vorausgereist ist. Das Verhalten dieses Königs artet Immer mehr zu einem europäischen Skandal aus.

* Ein Zwischenfall bei den französischen Marinemanövern wird, wie folgt, aus Toulon gemeldet: AlsderSchlepvdampfer „Jeand'Agröre" auf der Rückfahrt nach Toulon begriffen war, schlugen wenige Meter von ihm entfernt mehrere Geschosse ins Wasser, die von den Panzerschiffen „Patrie" und „Republique", die gerade Schieß- Übungen auf den Küstenpanzer „Fulminant" ab« hielten, abzeschosfen worden waren. An Bord des Schleppdampfers, der sich schnell entfernen konnte, entstand eine große Panik. Der Dampfer batte sich außerhalb der Gefahrzone befunden. Der „Jean d'Agröre" ist vor kurzer Zeit schon einmal von Geschossen getroffen worden. Bei den Marinebehörden ist Beschwerde erhoben worden.

*♦ Die englische Finanzreform scheint nicht nur unter den Liberalen, sondern auch unter den Konser­vativen Uncinigkeit herberführen zu sollen. Die Londoner liberalen Blätter verbreiten das Gerücht, daß die konservative Partei den Rücktritt des Führers der Opposition im Oberhaus, Lord Landsdown, herbeizusührcn suchen, weil er sich gegen die Ai« lehnung der Budgetvorlage sträube.

** Daß die bulgarische Regierung die Lage der katholischen Kirche in Bulgarien stu« diere, berichtet die ,Voff. Ztg/. Sie schreibt in einem Sofiaer Telegramm: Durch Aufwerfung der Frage des katholischen Protektorats seitens Frankreichs aufmerksam gemacht, studiert die bulgarische Regierung überhaupt die Lage der katholischen Kirche in Bulgarien, besonders im Hinblick auf die sogenannten Paulikaner des Philippopeler Kreises (die zum Katholizismus übergetretenen Bulgaren) und die aus dem Banat eingewanderten Bulgaren des Rustschuker Kreises, die sich ebenfalls zum Katholizismus bekennen. Bisher war dem katholischen Klerus in Bul­garien die Rolle einer unliebsam geduldeten Propapanda zug-wiesen; nun will die bulgarische Regierung nut diesem Zustand brechen und die

Sie weifte grau mn Slüensloe.

7] Original-Roman von O. Elster.

Als neu aufgenommener Schüler erhielt ich vorläu­fig den letzten Platz in der Klaffe und daher kam es, daß Lothar nicht mehr der letzte war, denn er war als letzter aus der Sexta nach der Quinta versetzt worden und hatte diesen Platz schon seit einem halben Jahre mit großer Beharrlichkeit innegehalten.

Lothar war mit mir im gleichen Alter, vielleicht ein Jahr jünger. Er war durchaus nicht dumm, nur schien er des Glaubens zu leben, daß er als Sohn eines Grafen und noch dazu einer Exzellenz nichts zu lernen brauche, um in der Welt noch einmal eine Rolle zu spielen. Vielleicht hatte er auch recht, aber die Lehrer waren nicht derselben Meinung und konnten sich auch seinem hochgeborenen Vater zu Liebe nicht überwinden, Lotbars ungenügende Arbeiten mit einem ßenugerti) oder gar einem gut zu zensieren. So kam es, daß er über den letzten Platz nicht hinausrücken 6t ^rostete sich damit, daß einer doch der r,etzte fein muffe, war aber nicht wenig stolz darauf, daß er durch meinen Eintritt aus dieser zweifelhaften Lage befett wurde. Triumphierend soll er seinem Vater verkündigt haben, daß er einen heraufgekommen sei, er sei jetzt der Vorletzte.

Se. Excellenz freute sich über d'e Erfolge seines SohneS: da er aber gerade zur herzoglichen Tafel fah- " Zj^bte, eckundigte ec sich nicht nach den näheren ^"llanden, die seine Freude wohl etwas gedämpft

,, ^ch' wie dem auch sein mag, wir - Lothar und . r6eit nun einmal beisammen, und hielten, so- ■3uilanb. Querte - b. h das erste Quar- ^Eadschast Ich mußte ihm aus den

& Si die er weit mehr liebte,

als die Quinta des herzoglichen Gymnasiums, in der ‘mh- ®efd)icf feiWelt. Er erwies

Mr dagegen die Gnade, von mir meine Exerzitien ab- Wkchreibsn, bei den Klassenarbeiten meine Hilfe in

Anspruch zu nehmen und beim llebcrsetzen sich auf mein Vorsagen zu verlassen.

Doch nein, ich hatte auch andere Vorteile davon, er junge Graf nahm mich mit in die Pferdeställe sei­nes Vaters, ich durste mit ihm auf dem Hofe Ball schlagen, ja, mir tat sich sogar der gräfliche Garten auf, der sonst jedermann, selbst meinem Onkel Karl, ver­schlossen war.

Und als meine Nachhilfe bei Lothars Arbeiten es bewirtte, daß er bei der nächsten Platzverteilung wirklich einige „herauf" kam und bei der nächsten Ver­setzung nach der Quarta „mitkam", da wurde ich sogar in das Heiligtum der Wohnung Seiner Excellenz ein- gefühtt.

Mir pochte das Herz gar gewaltig, als ich zum erstenmale vor Sr. Excellenz stand, einem hochgewachse­nen, vomehm schlanken Herrn in tadellos schwarzem Gehrock, mit einem schon ergrauenden dichten Schnurr- bard und mit einer Ordensrosette im Knopfloch.

„Das ist also Dein guter Kamerad?" fragte er mit angenehmer Stimme und legte mir seine schlanke weiße Hand auf das Haupt.

„Ja Papa," entgegnete Lothar. „Und denke Dir nur, er heißt Gundokar Decker, und ist der Sohn des ReviersörsterS Decker, der bei Schloß Oldensloe er­schossen wurde."

Ein Schatten flog über das vornehine Gesicht des Grafen. Er zog seine Hand zurück.

„So, so," sagte er, „Du bist der Sohn des Revier­försters Decker. Wie kommst Du hier ins Haus?"

„Doktor Lippold ist mein Onkel," antwortete ich schüchtern. „Und meine Mutter r t bei ihm . . ."

„Hm, das wußte ich nicht. Dein Onkel hätte mich wohl auch davon benachrichtigen können. 9hm, e? schadet nichts. Du scheinst ein fleißiger Junge zu sein, hast meinem Lothar bei seinen Arbeiten geholfen, na, ich habe nichts dagegen, wenn du Lothar öfter be­suchst, um mit ihm zu arbeiten oder zu spielen. Ich werde aber vorher mit deinem Onkel sprechen . . . komm, ich werde dich zur Frau Gräfin führen, damit sie dich auch kennen lernt."

Er ging voran und Lothar und ich folgten ihm in einen Salon, der von dem Zimmer des Grafen durch mehrere Gemacher getrennt war.

Dort lag eine etwa einige dreißig Jahre zählende Dame in einem eleganten Hauskleide auf einer Chaise­longue und las in einem Buche, das sie bei unserem Eintritt sinken ließ.

„Verzeih, Alice", sagte der Graf, „wenn ich störe."

„Wen bringst Du denn da?" fragte eine leise, schwach klingende Stimme.

„Ach, es ist der Schulkamerad unseres Lothars. Und" denke Dir, es ist der Sohn unseres erschossenen Revierförsters Decker . . ."

„So? Das ist ja ganz interessant. Nun, Du sagtest mir, daß er auf Lothar einen guten Einfluß ausübe, dann mag er weiter mit ihm spielen."

„Sieh ihn Dir einmal an, Alice."

'Aber weshalb?"

„Findest Du feine Ähnlichkeit?"

Die Frau Gräfin hob die Lorgnette cm die Augen und scch mich gleichgültig an. Ich sah in ein feines, blasses, durch Krankheit gekennzeichnetes Gesicht.

Sie ließ die Lorgnette wieder sinken.

„Ich finde keine Aehnlichkeit. Uebrigens ist er ein hübscher Junge, mit seinem dunklen Lockenhaar und seinen braunen Augen."

„9hm, wenn Du keine Ähnlichkeit findest, so habe ich mich vielleicht geirrt," entgegnete der Graf lächelnd. „9hin, Kleine, was willst Du?"

Diese Frage galt einem kleinen, etwa fünfjährigen Mädchen in weißem Spihenkleide, welches sich an den Grafen schmiegte.

„Ich möchte auch mit dem fremden Jungen spie­len," sagte die Kleine, die in chren blonden Locken und mit ihren tiefblauen Augen einem Engelsköpfchen glich.

Der Graf lachte.

„Das sollst Du auch, Kleinchen," entgegnete et und hob sein Töchterchen empor, um es zu küssen.

„Das wird doch wohl kaum gehen, Lothar," meinte die Gräfin. _ t ~

„Weshalb nicht, meine Liebe? O, der Junge ist aus einer sehr guten Familie," setzte er lächelnd hinzu, indem er das Wörtchen „sehr" stark betonte.

Tic Gräfin zuckte mit den Schultern.

„Jedenfalls muß Mademoiselle dabei sein," be­stimmte sie. „Jetzt aber bitte ich Dich, mich noch eine Weile ruhen za lassen. Meine nervösen Kopfschmerzen sind soeben vorüber, aber ich fühle mich noch sehr ab­gespannt."

„Kommt Jungens," sagte der Graf. „Und Amal- gundchen, Du kannst auch mitkonnnen, ihr könnt alle drei mit Mademoiselle in den Garten gehen und dort spielen. Du bist mir aber nicht so wilb, Lothar."

Wir entfernten uns; der Graf trug sein Töchter­chen, das die Händchen zärtlich um seinen Hals ge­schlungen hatte, auf dem Arm.

Dann wurde Mademoiselle, eine zierliche, aber sehr häßliche Französin gerufen, und unter ihrer Aussicht dursten wir im Garten spielen.

Roch steht mir dieser wunderherrliche Apriltag voll Sonnenschein und Blütendust leuchtend In der «>eele. Immer noch sehe ich das blonde Engelsköpfchen der kleinen Amalgunde, welche sich zwischen den Meder- büschen versteckte und rief: „Wo bin ich?" Und wenn ich dann tat, als könnte ich sie nicht finden, dann jubelte es auf und sah schelmisch lächelnd aus ihrem Versteck empor. Oder Wir spielten „Haschen", ich lief hinter ihr her und bemühte mich scheinbar vergebens, Amalgunde zu fangen, die wie ein lieblicher Schmetter­ling vor mir hergaukelte. Das erregte dann wieder ihr Entzücken, ebenso wenn ich mich von ihr haschen ließ.

Lothar erklärte diese Spiele zwar für Dummheiten und wollte lieber mit mir eine Festung bauen, aber mich langweilten die Spiele mit der kleinen Amalgunde durchaus nicht, und ich wurde es nicht müde, ihr den Ball hinzuwerfen, sie in einer zierlichen Schaukel zu schaukeln oder sie in dem hochräderigen Sportwagen auf und ab zu fahren.

(Fortsetzung foloP