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M 214.

Fulda, Smustaa den 18. September 1909.

36. Jahrgang

Hygienische Vorzüge der Mittel­gebirge vor den Hochgebirgen.

Von Dr. Thraenhart.

Wohltuende seelische Ruhe umfängt den Erholungs­bedürftigen in den hrrrlichen Wäldern der Mittelge­birge; nicht wird seine Seele erschüttert durch das aufregende der überwältigenden alpinen Felsenwelt Es wechseln in lieblicher Weise anmutig taufrische Flußtäler, Bergeshöhen mit sagenumwobenen Bur­gen und Ruinen, tageweite Wälder mit kostbar wür­zigem Tannmdust und tiefftem Waldesfrieden. Das Hochgebirge ist meist waldarm und kahl, oder die Wälder liegen an steilen Talwänden, wo ste dem Wan­derer weder Schatten noch Schuh gewähren. Denn Windschutz und Temperaturausgleich ist ihr großer hygienischer Vorteil. Im Hochgebirge die gefürchteten raschen Witterungsumschläge mit plötzlichem Tempe- raturstuq, auch sonst ost in der Sonne Gluthitze und im Schattm mehrgradiger Frost. Im waldreichen Mittelgebirge gleichmäßige Waldeskühle und Moos­frische, Windschutz und Staubfteiheit. Das ist für die wetterempfindlichen, zu Erkältungen neigenden Stadtmenschm ein unschätzbarer Vorzug; ganz be­sonders aber für das große Heer der Brustschwachen und Lungmlahmen. Diesen widerrät der berühmte

X Die Suche nach den Erdpolen.

Die Suche nach den beiden Polm unserer Erde geht schon manches Jährchen zunick. Im Norden blieb lange Zeit hindurch die von dem Engländer P e a r y am 23. Juli 1827 im Norden des Spitzbergen-Archipels erreichte Breite von 82 Grad 45 Min. der von Men- schcn erreichte Punkt. Dre zu weit vorgernctie zeit trug die Schuld, daß er auf seinen Schlittenbosten nicht weiter vorwärts kam, sondern schließlich mit den nach Süden strömenden Eismassen zurückgelcteben wurde. Erst am 12. Mai 1876 drang der Engländer M a r k h a m von Grant-Land ausgehend, bis 83 Grad 20 Min. vor, eine Breite, die sein Landsmann Lock­wood in Nord-Grönland am 13. Mai 1882 um 4 Min. (d. i. eine geographische Meile) überholte. Dar­nach vergingen 13 Jahre, bis der Norweger Fridtjof Nansen am 7. April 1895 die wesentlich höhere Breite von 86 Grad 14 Min. erreichte. Am 25. April 1900 gelang es dem Italiener C a g n i, von Franz- Joseph-Land nach Norden bis 86 Grad 34 Min. vor­zudringen, und schließlich näherte sich der Amerikaner W e a r v am 21. April 1906 dem Pol bis auf 322 .‘.'.■ui., indem ec nördlich von Grönland bis 87 Gr. U Min. gelangte. Cook erreichte den Pol genau zwei Jahre später, am 21. April 1908. Peacy hat den Pol fast ein Jahr später, am 6. April 1909 erreicht.

Wie man aus dieser Zusammenstellung deutlich er­kennt, find die höchsten Breiten immer im April erreicht worden-, der sich für das Vordringen im Nord- rrrgebiet aus dem Grunde am besten eignet, weil e.necstits das Meer noch gefroren ist, und das Eis eine feste Beschaffenheit hat, andererseits aber die Zeit der strengsten Kälte bereits vorüber und die Polarnacht fcem Polartage gewichen ist. ;

Ganz anders im Südpolargebiet. Dort! L.' i dec Engländer James Clark Roß 1840 mit den 1. ; : Schiffen „Crebus" und „Terror" auf der Suche nach dem magnetischen Südpol weiter nach Süden vor, tue affe seine Vorgänger, und erreichte am 23. Februar 1842 als höchste Breite 78 Gr. 10 Min. Hier setzte die hohe Wand des Barriereeises, das in einer Breite von 400 Kilometern steil in das Meer mündet, seinem weiteren Vordringen ein Ziel. Diese Eismauer blieb mehr als 60 Jahre lang der südlichste bekannte Teil der Erde, ois cs dem Leiter der britischen „National Antarctic Expedition", Kapt. R. F. Scott, gelang, auf der Oberfläche dieses Barriere-Eises über vier Breitengrade weiter vorzudringen und am 29. Septem­ber 1902 die Breite von 82 Gr. 17. Min. zu erreichen. ?!e Leutnant Shacklekon dann am 9. Januar 1909 g diesen Erfolg noch überflügelte und sich bei 88 Gr. 23 Min. dem Südpol bis auf etwa 180 Kmtr. näherte, ist noch in stischer Erinnerung. Im Südpolargebiet haben wir es also mit Reisen zu tun, auf welchen stets erheblich höhere Breiten erreicht worden sind, als auf den voraufgegangenen, und die Jahreszeit spielt hier offenbar nicht die entscheidende Rolle, wie bei den Nordpolarreisen.

Der Grund für diese auffallende Verschiedenheit bi' efte darin zu erblicken sein, daß derNordpolim Meere liegt, sodaß die Anlage fester Stützpunkte und Proviantdepots nicht möglich ist, der Südpol da­gegen auf den Höhen eines vom Eis bedeckten F e st- lan des gelegen ist, das für ausgedehnte Reisen un­gleich günstigere Bringungen bietet. Die Erreichung des Südpols dürfte daher nun nicht mehr lange auf sich warten lasten.

= Bei den Oberammergauern

1910 ist wieder eins der Paffionsspieljahre in Oberammergau, die alle 10 Jahre wiederkehren. Die Spieltage find bereits festgelegt und fallen auf den 29. Juni, den 3., 7., 10., 14., 17., 21., 24. 28., und 29. Juni, den 3., 10., 17., 20., 24., 27. und 31. Juli, den 3., 7. 10. ,14., 17., 21., 24., 28. und 31. August, den 4., 8., 11., 18. und 25. September. Die Auf­führungen nehmen um 8 Uhr ihren Anfang, werden in der Mittagszeit V/« Stunden unterbrochen und en­den gegen 6 Uhr. Am 11. Mai findet eine Sonder­vorstellung statt, zu der Einladungen an Behörden, Vertreter der Presse und Familienangehörige der Mt- wirkendcn ergehen. Die Leitung der Spiele liegt tn dem nächsten Jahre in den Händen des Vorstandes der Holzschnitzschule Ludwig Lang. Hafnermeister Anton Lang wird den Christus darstellen.

Schon sind die Oberammergauer eifrig bei der Ar- r’ l?'e es eigentlich in all den Jahren ge-

J?.eLe’k °enn Oberammergauer ganzes Sinnen ge-

hort ihrem Paffionsspiel. Die Aufführungen kleineren « & btc °e veranstalten, sind nur Vorproben. Ob sie Werke geistlichen oder weltlichen Inhalts darstel- len, immer bildet für diese Dörfler das Theaterspielen nur das Mittel, das hinführen soll zum ersehnten Ziele, zur Mitwickung im Passionsspiel.

Reben der Pietät, die aus dem Herkommen wächst, nebeiz einer tiefinnerlichen Frömmigkeit ist es der Ehr­geiz, der die Oberammergauer beseelt. Der Berufs­schauspieler hängt nicht mehr an seiner Rolle, zittert mcht mehr vor einer Zurücksetzung als die Oberammer­gauer Spieler.

das Schicksal bringt. Hier bedeutet der Spruch des Wahlkollegiums ein Stück Schicksal. Rosa Lang, die in den vorletzten Passionsspielen durch die hingebende Gestaltung der Jungfrau Maria einen so liefen Ein­druck erzielte, ging in ein Kloster. Ihre Nachfolgerin, Frl. Flunger, hat sich mit einem Postboten in Gar­misch verheiratet Da nun keine Ehefrau im Passions­spiel eine Sprechrolle innehaben darf, so muß nach einer neuen Darstellerin für die Jungfrau Maria ge­sucht werden. Die Wahl erscheint schwer, denn die Erwählte muß in ihrer Erscheinung Hoheit und Milde vereinen und die Gabe besitzen, seelische Empfindun­gen auch durch Ton und Haltung zum Ausdruck zu bringen.

Das Wohlkomitee hat diesesmal eine schwierige Aufgabe zu erfüllen, denn auf dem Friedhof, der sich um die innen so prunkvolle Kirche zieht, ruhen vier- und fünfzig Männer und Frauen, die noch im letzten Paffionsspieljahr mitgewirkt haben. Für sie, die da­hingegangen sind, muß Ersatz geschafft werden. Am Sonntag nach dem Vormittagsgottesdienst bietet die­ser Friedhof ein feierliches Bild. In sttller Andacht stehen ste vor den Gräbern, und die Inschrift manchen Grabsteins weckt wehmütige Erinnerungen auch in jenen, die diesem Dorfe fremd sind. Bürgermeister Lang, der Ehristus-Maher, der alte Heß mit dem charakteristischen Petruskopf, und gar mancher andere, dessen Name ans dem heute so stillen Dorfe hinaus- j gedrungen ist in die weite Welt, haben hier ihre letzte : Stätte gefunden.

i Die Männer haben sich ihre Haare lang wachsen । lassen und ihren Bart, je nachdem sie blond oder dunkel sind, dem Antlitz der Heilandjünger oder dem der Priester und Pharisäer angepaßt; auch die Jun­gen lassen ihre Haare schon in den Nacken herabfallen, und diese Männer und Kinder entblößten Hauptes an der Stätte des Todes in stillem Gebete zu sehen, ist ein ergreifendes Schauspiel. Niemand, der dazu be­rufen ist, auf der Passionsspielbühne zu wirken, darf künstliches Bari- oder Kopfhaar tragen, er muß der Gestalt gleichen, die er darzustellen hat.

Die Wahl findet im Oktober statt. Die Gemeinde- Vorstandsmitglieder nehmen sie vor. Wenn jene Stunde naht, in der sie die Entscheidung treffen müs­sen, bann bitten sie im Hause Gottes um Erleuchtung, und der Pfarrer erfleht den Segen des Himmels für sie. Sofort nach der Entscheidung werden die Proben beginnen: zuerst eine allgemeine Leseprobe, dann die zahllosen Proben mit den einzelnen, das Stellen der Szenen ,ber Volksmassen usw. Die Ensembleproben nehmen erst im Frühjahr ihren Anfang, wenn die Witterung die Benutzung der gesamten Bühne, deren Mittelbau offen ist, gestattet. — Die Mitglieder des Chores und des Orchesters sind bereits gewählt wor­den, denn die musikalische Einstudierung macht die größten Schwierigkeiten und muß daher frühzeitig in Angriff genommen werden Der musikalische Ober­leiter der nächstjährigen Passionsspiele ist der Lehrer Widmann, der zweite Dirigent der Schnitzer Butz.

Im Theater selbst haben sich bereits die Zimmer­leute eingestmden, um an den Abbruch der Verschalun­gen zu gehen; die Außenwände wie die Dekorationen werden neu gemalt und auSgebessert. Für die Spiel- Vorbereitungen ist jetzt schon die Summe von 150 000 Mark überschritten. Unterhalb der Bühne, im Re- staurationsraum, hat sich die „Kleppersephi", die Schwester des Schnitzschuldirektors Lang, häuslich eingerichtet, um mit ihrem Stab von einem Dutzend Näherinnen die Garderobe in Stand zu setzen. Glie­derpuppen stehen herum und kostbare, neue Stoffe von wirklich echt orientalischer Herkunft liegen in mäch­tigen Ballen umher, daß das unvergleichliche Bild der Kostüme immer noch mehr Farbe und Abwechse­lung erhält. Wer könnte derartige Vollkommenheit den Oberammergauern nachmachen?

Man fabelt fo viel von den Einkünften, die die Oberammergauer Spieler haben sollen. Es ist nicht so weit her damit. Im letzten Paffionsspieljahr 1900 \ betrugen die Gesamteinnahmen in 48 Vorstellungen 1,411,074 Mark, die verteilten Honorare 410,057 Mk. Die höchsten Honorare für die hier Hauvtmitwirkenden beliefen sich auf je 1500, die niedrigsten, für die Kin­der, auf je 20 Mark. Ungefähr 800 Mitwirkende wur­den entschädigt aber diese Entschädigungen deckm sich keineswegs mit den Verlusten an Zeit und Erwerb den die einzelnen durch die mühsamen Proben erlei­den. Diese Honorare bilden die Entschädigung für eine zehnjährige Arbeit, denn all jene, die in den öf­fentlichen und für die Talentprüfung notwendigen Vorstellungen im Uebungstheater mitwirken, erhalten nichts. Ein bedeutender Teil des Reingewinns, un­gefähr 240 000 Mark, wurde für öffentliche Wohl­fahrts- und Verkehrszwecke verwandt.

lieber jeden einzelnen, der auf der Pafsionsspiel- bugne agiereu fott, wird diskutiert, wird abgestimmt. Das strengste Regiekollegium trifft seine Entscheidung nicht gewHenhaster und zutreffender als dieses Wahl­komitee l Emer kann der Wahl sicher sein, das ist, wie fthon bemerkt, der Hafnermeister Anton Sang, der be­rufene Nachfolger des einst weltberühmten ChristuS- Mayer, aber die anderen müssen harren, was ihnen

Kliniker Prof. Dr. Notnagel den Aufenthalt im Hoch­gebirge und empfiehlt windgeschützte und staubfreie Orte mit nicht zu geringem Feuchtigkeitsgehalt der Luft (Wälder). Er betont, daß viele Sommerfri­schen der deutschen Mittelgebirge diesen Anforderungen durchaus entsprechen, daher dem Hochgebirge vorzu­ziehen sind. Schon vor mehr als 1700 Jahren lobte Galen die heilsame Wirkung der mittleren Berge für Lungenschwache; er empfahl ihnen die mäßigen Höhen, verbunden mit Milchkuren.

Direkt gefährlich kann der Hochgebirgsaufenthalt werden den Schwächlichen, Blutarmen. Herzleidenden und Personen mit Verkalkung der Blutgefäße. In größeren Höhen steigert sich die Luftverdünnung und vermindert sich der Gehalt an Sauerstoff, diesem not­wendigsten Lebenselement. Dies ruft Krankheitser­scheinungen hervor, die mit der Bezeichnung „Berg­krankheit" zusammengefaßt werden. Schwächliche Personen sind deshalb oft gezwungen, in niedrigere Gebiete zurückzukehren; andere wieder müssen mehrere Tage ruhen und warten, bis der Organismus der neuen Verhältnissen sich an gepaßt hat, wobei eine kost­bare Zeit für die Erholung und Kräftigung des Kör­pers von vornherein verloren geht und der stärkungs- bedürstige Körper eine oft verhängnisvolle Kraftprobe durchmachen muß.

Beim Wandem im Gebirge hat das Herz bedeu­tende Mehrarbeit zu leisten, wodurch sich fein Sauer­stoffbedarf steigert. Da nun aber der Sauerstoffgehalt der Luft im Hochgebirge sogar abnimmt, leidet das Herz not an seinem wichtigsten Nährmittel, es kommt zur Ermüdung, Erschöpfung, Schädigung des Her­zens. Deshalb kann das Hochgebirge solchen, die nicht ein ganz intaktes Herz haben, sehr verhängntsooll werden. Dasselbe gilt für Blutarme, bei denen die Ernährung des Herzens überhaupt barnieberiiegt. „Unter ben zahlreichen zum Tobe führenden Unglücks­fällen, die Jahr für Jahr in den Bergen sich ereignen, nehmen diejenigen eine besondere Stellung ein, die infolge Ueberanstrengung und Lähmung des Herzens zustande kommen. Man darf auch nicht vergessen, daß man im Hochgebirge oft nicht die Möglichkeit hat, bei eintretender Schwäche zu ruhen und sich zu erholen, man muß meist feinen Weg fortsetzen. Ost ist die schützende Hütte noch weit entfernt und schwer er­reichbar." (Prof. Dr. Zuntz in „Höhenklima und Berg­wanderungen.")

Wiederholt ist wissenschaftlich bewiesen worden, daß im Hochgebirge die Blutbildung günstig angeregt wird und der Organismus eine Bereicherung an sei­nem wichtigsten Material: dem Eiweiß erfährt. Ein großes Verdienst der neueren Forschung, namentlich des Prof. Zuntz mit feinem Gelehrtenstabe ist es nun, zahlenmäßig festgestellt zu haben, daß diese regene­rierende Wirkung schon in Höhen von ungefähr 400 bis 500 Meter an eintritt, also auch in den Mittel­gebirgen zu ihrer hohen hygienischen Geltung foiinnt Schon da wird der Blutgehalt gebessert, die Gewebs­bildung begünstigt, der so wichtige Eiweißansatz ge­steigert, und zwar ganz besonders beim Wandern unter Vermeidung von Ueberanstrengung, während „im Hochgebirge häufig bei Nichttränierten dem Ei­weißansatz ein deutlicher Verlust an Eiweiß voran­geht." (Pros. Zuntz.) Das Hochgebirge „zehrt"; nur ganz kräftige, widerstandsfähige Naturen können seine Vorteile ausnutzen Der wetterfeste, tränierte Bergkraxler mag Befriedigung finden beim Klettern in Schnee und Eis, in Sonnenglut und Sturrneskälte, aber die große Menge der eigentlichen Erholungsrei­senden und Sommerfrischler wird sich stets am wohl- sten fühlen in der mild balsamischen Lust der Mittel­gebirge und dort am besten körperlich und geistig ge­sunden.

P- Das Alter.

Es gibt nichts Bemitleidenswerteres als den Ar­beiter, der dem Alter entgegengeht. Er verliert mit! der schwindenden Jugend das Recht auf Arbeit, d. h. I er verliert die Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt । zu erwerben. Hat er das Glück, sich seit Jahren in der gleichen Stellung zu befinden, dann muß er ängst­lich darauf bedacht fein, sich sie zu erhalten, denn wenn er durch irgend eine Ursache, ob durch sein Verschul­den ober nicht, biefe Stelle verliert, so wirb er alle Mühe von ber Welt haben, sich einen anbeten Brot- öerbienft zu sichern. In ben meisten Fällen sind seine Bemühungen erfolglos, denn die nicht mehr jungen Arbeiter gelten heute als minderwertig und begegnen bei Anfragen um Arbeit einem bedauernden Achselzucken „Junge Kräfte müssen wir haben", wird ihnen entgegnet, und mit Groll im Herzen und die Tränen in den Augen geht der Abgewiesene zur nächsten Tür, um dort mit ber gleichen Antwort ab- gefertigt zu werben.

Die Ansicht, baß bet bejahrte Arbeiter den jugend­lichen nicht aufwiege, ist heutzutage leider allgemein, obfchon sie nicht in dem Maße begründet ist, wie dies gewöhnlich angenommen wird. Man glaubt, daß der junge Arbeiter dem alten in jeder Beziehung über­legen fei; das stimmt nicht. Daß ein ab gearbeiteter Mann nicht mehr so viel leisten kann wie ein junger, versteht sich von selbst, es kann auch gar nicht anders sein, denn mit dem vvrtückenden Alter nehmen auch die körperlichen Kräfte ab. Aber die Hingabe des alten; Arbeiters an seine Beschäftigung ist eine ganz andere,! er ist mit seinem Bemf vollständig verwachsen, er kennt alles, es stehen ihm jahrelange Erfahrungen zur Seite, und wenn er auch nicht mehr ganz dasselbe Quantum zu lessten vermag wie ein junger, so ist seine Arbeit meistens doch besser als die des Jugend­lichen. Richt unerwähnt wollen wir lassen, daß sein Verantwortlichkeitsgefühl größer ist, als das des ju­gendlichen Arbeiters; er ist in den meisten Fällen ge­wissenhafter und zuverlässiger und nimmt es infolge­dessen mit seinen beruflichen Pflichten ernster, als fein jüngerer Kollege. Weiter spricht zugunsten des alten Arbeiters, baß er infolge seiner größeren Gewissenhaf­tigkeit und feiner Vertrautheit mit Maschinen und Werkzeugen die Zahl der Unglücksfälle bei den älteren viel kleiner ist, als bei ben jüngeren Arbeitern. Die englische Zeiffchrist „World's Work" weiß gerabe in

letzterer Hinsicht interessante Einzelheiten zu berichten, die ihr ein englischer Großinbustrieller, Sir John Brunner, zur Verfügung gestellt hat. Dieser Großin- bustrielle hat festgestellt, baß bie Durchschnittsziffer der Betriebsunfälle, die bei den jüngeren Arbeitern von 18 bis 30 Jahren 8*4 Proz. beträgt, bei ben 51 Jahre alten Arbeitern auf 2 Proz. heruntergeht. Es scheint, sagte er, „daß nach dem 30. Lebensjahre das Veraut- wortlichkeitsgcsühl, die Gewissenhaftigkeit und die Auf­merksamkeit der Arbeiter rapid steigen." Mit 30 Jahren macht sich nämlich ein Rückgang der Betriebsunfälle be­merkbar und dieser Rückgang hält an bis zum 51. Jahr. Von diesem Zeitpunkt an bleibt die Zahl ber Betriebsunfälle etwa die gleiche. Diese Tatsache ist zugleich auch ber Beweis, daß ber über 50 Iahe» cflte Arbeiter noch recht gut in ben Betriebenzu verwenben ist, denn er tritt nicht von heute auf morgen in eine Periode geistiger Schwache und Unaufmerksamkeit ein. Die Anpassungdfähigkeit und Brauchbarkeit des alten Arbeiters halten vielfach noch während einer ganzen Reihe von Jahren vor und befähigen chn ganz gut, sich fein Brot mit seiner Hände Arbeit zu verdienen.

Ungerecht ist cs daher, wenn der alte Arbeiter überall atgeroiejen wird, noch ungerechter aber ist es, wenn gewisse Fabrikherren die Altersgrenze in eine Zeit verlegen, wo ber plötzlich zum alten Arbeiter ge­stempelte Arbeiter eigentlich noch im Vollbesitz seiner geistigen unb körperlichen Kräfte sich befindet. So kommt es nicht selten vor, baß Familienväter brotlos werben, weil bie Altersgrenze, von rooab keine Arbeiter mehr in einem Betrieb Anstellung finden, fiel zu nie- brig fixiert ist 40 ober 45 Jahre sind noch kein Alter, bie einen Fabrikherrn berechtigen, einem Arbeitsuchen­den bie Beschäftigung zu verweigern. Diese Herzlosig­keit mancher Fabrikanten rächt sich gewöhnlich triftet burch bie hohe Zahl ber Betriebsunfälle, bei denen jugendliche, noch nicht genügend erfahrene Arbeiter zu Krüppeln werden ober gar ihr Leben einbüßen.

Allerlei.

— Der Planet Mars. Wer in diesen Herbsttagen dem nächtlichen Firmament auch nur geringe Aufmerk­samkeit fchenkt, ber wird durch einen hell strahlenden Stern von auffallend rötlicher Farbe gefesselt loerben, der kurz nach Einbruch der Dunkelheit im Osten unter­halb des Pegasusvierecks emporsteigt unb während der ganzen Nacht über dem Gesichtskreise bleibt. Mars, ber Bruderplanet ber Erbe, ist es, der jetzt den präch­tigsten Schmuck des Nachthimmels bildet, und ber uns seit bent Jahre 1892 nicht mehr so nahe gewesen ist, wie gegenwärtig. Seine Entfernung von der Erde beträgt zurzeit „nur" etwa 58 Millionen Kilometer; am 24. September, wenn Mars in Opposition zur Sonne kommt, d. h. wenn er, von der Erde aus ge­sehen, dem Tagesgestirn direkt gegenübersteht, stehen Sonne, Erde und Mars in einer graben Linie, und wir sehen bie volle, von ber Sonne bestrahlte Seite des Planeten, währenb für etwaige Marsbewohner die Erbe augenblicklich unsichtbar wäre. Denn vom Mars aus gesehen, steht unser eigener Weltkörper in un­mittelbarer Nähe ber Sonne und wendet dem Nach­barplaneten noch dazu seine dunkle Nachtseite zu. Mit größtem Eifer sucht bie astronomische Wissenschaft wäh­rend ber jetzigen, überaus günstigen Sichtbarkeits- Periode die Wunder ber eigenartig gestalteten Ober­fläche des Planeten zu ergründen, das Wesen der so­genannten Marskanäle und der an den beiden Mars- polen beobachteten Eiskappen zu erforschen. Erst vor kurzem hat Professor Lowell auf der Sternwarte in Flagstaff (Arizona) erhebliche Veränderungen an der Südpolarzone des Mars nachgewiesen, die aller Wahr­scheinlichkeit nach auf vulkanische Ursachen zuvückzu- fiihren find, zumal sich an einem, in der weißen Eis­kappe aufgetretenen Spalt hell leuchtende Punkte ge­zeigt haben, die auf Eruptionen hinbeuten. Man darf während ber nächsten Zeit wohl noch auf weitere wich- , iige Entdeckungen auf ber Marsoberfläche und auf । manche Ausschlüsse über ben Planeten rechnen, der ber Erbe ähnlicher denn irgend ein anderer Wandelstern in i unserem Sonnensystem zu fein scheint, wenn er ihr auch an Größe erheblich nadjftebt Denn der Durchmesser des Mars ist nur etwa doppelt so groß, wie der un­seres Mondes, und nur seine verhältnismäßig große Annäherung an die Erbe läßt ihn jetzt alle Gestirne des Himmels an Glanz weit überstrahlen.

— Wer liest mehr, die Frauen oder die Männer? In dem Bericht über das städtische Bibliothekwesen in Berlin wird diese Frage sehr eingehend behandelt, und es stellt sich auf Grund statistischer Aufzeichnungen heraus, daß bie Männer viel wiffendurstiger und lese- bedürftiger sind, als die Frauen. Die 14. Lesehalle z. B. besuchten 154 437 Männer, aber nur 9557 Frauen; bie 2. Lesehalle ca 14 000 Männer und gar nur 380 Frauen Aus dieser überraschenden Tatsache darf man freilich keine falschen Schlüffe ziehen. Das Bildungs­bedürfnis dürste bei ben Frauen dasselbe sein wie bei den Männem, aber der Mann ist nach Beendigung sei­ner Berufsarbeit frei, die Frau oder das junge Mäd­chen jedoch wird dann noch vom Hauswesen bean- spmcht, sie denkt an ihre Garderobe und liebt es, ihre Lektüre in der Häuslichkeit vorzunehmen.

— Die Entstehung des Bartes, In Frankreich wird . die Mode, sich den Bart ganz stehen zu lassen, auf den : Opernsänger Sainisoy zurückgeführt. Dieser war einem Juden viel Geld schuldig und wurde von ihm über­laufen. Eines Morgens kam der Gläubiger zu Saint- foy, als er von einem Barbier eben ganz eingeseift war. Höflich fragte der Schuldner feinen Gläubiger, ob er nicht die Güte haben wolle, wenigstens so lange zu warten, bis er rasiert sei, bann wolle er ihn sofort befriedigen. Der Gläubiger, froh ber Aussicht, fein Geld zu erhalten, stand ihm diese kurze Frist sehr gern zu. „3hm denn, mein Herr, Sie find mein Zeuge," so sprach der Sänger zu seinem Sarbier,. „der Herr wird warten mit der Bezahlung, bis ich mir den Bart abnehmen lasse." Hiermit stand er auf, wusch sich die Seife ab, und der Gläubiger war geprellt. Der Bart stand aber dem jungen Mann so wohl, daß die Mode, ihn so zu tragen, sich bald allgemein über Frankreich verbreitete.