36. Jahrgang.
Fulda, Donnerstag den 16. September 1909.
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nicht? ändern. UebrigenS ist eS komisch, daß die Liberalen den Konservativen vorschreiben, sie hätten zur Rettung der Person DsilowS für die Erbansallsten« timmen müssen — gegen ihre Ueberzeugung! Wenn Ziirst Bülow wirklich den Konservativen mehr wert ein mußte, als Ehre und Gewissen, warum haben denn nicht die Liberalm ihn gerettet, indem sie er- Hörten: Wir stimmen auch nach dem Scheitern der Erbanfallsteu« für die 400 Millionen indirekt» Steuern!
Der Personenkultus ist niemals schSn; aber wenn er einer Persönlichkeit mit offmbarm Schwächen und verhängnisvollen Fehlem geweiht wird, so droht die Gefahr der Lächerlichkeit.__
J.5S5Ä wodienbti(ae«:,^luNrierte Sonntagrzettung"
«rfcheint tiglich mit Anrnahwe der So.m* »adLeiertase.viertel- sährlich«rver»g5prel5 ohne vringerlohn und VeßeLgeld in Zulda s»' wie an$mrt$L50 int
ernet daß die Zinsen halbjährlich ausb e zahl. verdm sollen, bis die Verhandlungen über die Sichern tellung zu einer definittven Vereinbarung geführt ha. ben werden. Zu solchm Verhandlungen ist es bisher überhaupt noch nicht gekommen. Vom Jahre 1868 bis 1892 war die Ausgleichssumme prmßischerseits be chlagnahmt, und währmd dieser Jahre haben der König Georg und der Herzog Ernst August auS dem Fonds keine Zinsen erhaltm. Im Jahre 1892 wurde die Beschlagnahme ausgehoben. Di.' königlich preußische Staatsregierung behielt auch danach die Ausgleichssumme als Depositum, zahlt aber seit 1892 die Zinsen (später von 4Va auf 3y2 Prozen« herabgesetzt) halbjährlich an den Herzog, abzüglich der jährlich etwa 200 000 Mk. betragenden Kosten der Verwaltung von Herrenhausen, welches nach § 1 deS Vertrages unter königlich preußischer Verwaltung geblieben ist. Von den während der Beschlagnahmezeit aufgelaufenen Zinsen oder etwa erzielten Überschüssen hat die königlich preußische Rcgiemng nichts aus- gezahlt. Verhandlungen über die Sicherstellung der Ausgleichssumme sind auch im Jahre 1892 und bis- her nicht erfolgt.
♦♦ Köln, 15. Sept. 1909. In einer über, aus starkbesuchten Besammlung der Z ent um 8- parier verbreitete sich der Führer der Rhei- nischen Zentrumspartei, Abg. Trimborn, in zweistündiger groß angelegter Rede über die Reichsfinanzreform, Beamtenbesoldung und innere politische Lage. Er untersuchte zunächst die Frage: Waren neue Steuern nötig? Nach Be» jahung dieser Frage erörterte er die wesentlichen Gründe für die Steigerung der Ausgaben, di« in erster Linie in der Zunahme für Heer und Marine und der Ausgabenbewilligung durch den Block, ohne baß für Deckung gesorgt wurde, zu suchen find. Wirkungsvoll widerlegte der Redner die gegen die Finanzpolitik des Zentrums et> hobenen Vorwürfe und kennzeichnete die Aera des Blocks:
So kurz sie war, brachte sie doch eine Vermehrung der Reichsschuld um nahezu eine Milliarde. In diesem Blockreichstag war das Zentrum ausgeschaltet. Dagegen sagte Herr Pauer: .Wir lassen es uns etwas kosten, auf dem Block sitzen zN dürfen." Das Zentrum ist es gewesen, welches zuerst eine gesetzlich fixierte Schuldentilgung durchsetzte. Aus Grund der leges Lieber sind im ganzen 143 Millionen getilgt worden. Auch die Finanzreform von 1906 sah eine Schuldentilgung vor. Der Blockreichstag suspendierte sie sofort."
Abg. Trimborn besprach dann die einzelne« Steuerarten eingehend und geißelte das Verhalten der Sozialdemokraten und Liberalen bei der Finanzreform:
Im Gegensatz zum Zentrum haben sich die Sozialdemokraten, die gewuhnlich, die Sache sehr leicht gemacht. Sie haben sich rein negativ verhalten. Die Finanznot des Reiches war den Sozialdemokraten gleichgültig. Sie hatten nur den einen Gedanken, die ganze Situation für die Agitation auszunutzen. Stadthagen hat das ja offen erklärt. (Hört, hört!) Wir haben eine andere Auffassung von der Aufgabe einer politischen Partei. Wir wollen positive Arbett leisten. Wir erachten es als unsere patriotische Pflicht, für die Bedürfnisse des Reiches und Staates zu sorgen. Und wir drücken uns nicht, wenn die Lage gebieterisch Steuerbewilligung erheischt. (Lebhafter Beifall.) Hebet« aus widerspruchsvoll war das Verhalten der Lib e« ; ralen, insbesondere der Nationaüiberalen. DaS Reich brauchte unbedingt 500 Millionen. Weil 55 Millionen, also Vio nicht in der gewollten Form 'bewilligt waren, verweigerten die Liberalen alles. Vorher war das Zustandekommen der Finanzreform eine „nationale Frage ersten Ranges". Als es nicht mehr nach liberalen Rezepten ging, verlor die Angelegenheii : auf einmal ihre „nationale Bedeutung, und mait , stimmte gegen indirekte Steuern, die man vorher unbe- । denklich angenommen hatte.
Nach einem kurzen Streifblick auf die gegen» , wärtige innerpoliüsche Lage schloß Dr. Trim-
veutscher Reich.
* Berlin, 15. Sept. 1909. Zur Regelung des funkentelegraphischen Dienstes in Deutschland ist, wie verschiedene Blätter melden, vom Reichskanzler jetzt eine ausführliche Anweisung erlassen worden, die sich hauptsächlich auf die Bestimmung der Funkenstationen, auf ihre Dienstpflichten und auf die Gebührsätze bezieht.
)( Der russische Minister des Auswärtige», v. Iswolski, weilt gegenwärtig in Berlin und kam am Dienstag abend beim Diner in der russischen Botschaft mit dem neuen Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg zusammen. Wie offiziöse Blätter verkünden, soll bei dieser Ge- legenheit eine längere intime Aussprache zwischen dem Reichskanzler und dem russischen Minister stattgesunden haben. Es ist auch nicht unwahr- scheinlich, daß gerade wegen deS Besuches von JSwolski v. Bethmann-Sollweg seinen Sommerurlaub dieser Tage abgebrochen hat.
(♦) Bon der Mandatsniederleguna des Abg. Schack ist dem Reichstagsbüro bis jetzt noch keine Mitteilung zugegangen, so daß die Meldungen über die Mandatsniederlegung verfrüht sind. Dies wird bestätigt durch eine Mel- düng der.Hamburger Nachrichten', wonach erst eine deutsch - soziale Vertrauensmänner- Versammlung, die in Eisenach am 19. ds. MS. stattfindet, über die Mandatsnirderlegung entscheiden soll.
X Der Borstand der deutschen Mittelstands- Vereinigung hat gegenwärtig bei den Ortsgruppen der Vereinigung wegen seiner zustimmenden Haltung zum Hansabund einen äußerst schweren Stand. So erklärt die Ortsgruppe Barmen in einem Schreiben, daß der Zickzackkurs, die Unbeständigkeit der Leistung, das Ansehen der Vereinigung empfindlich schädigen. Neun Zehntel der Mitglieder der Mittelstandsvereinigung sei nicht nur von der Nutzlosigkeit, sondern auch von der Schädlichkeit einer Anschluffes an den Hansabund überzeugt. Die Stellung des Vorstandes werde wahrscheinlich dahin führen, daß eine Reihe von Verbänden austreten würden.
■•+■ Die Alldeutschen und die braunschwei- gische Frage. Die Ortsgruppe Braunschweig des Alldeutschen Verbandes hat beschloffen, sich mit der Resolution des Alldeutschen Verbandes, die bekanntlich die Erklärung Braunschweigs zum Reichslande anregte, nicht einverstanden erklären zu können. Ferner wurde beschloffen, hiervon der Hauptlettung Mitteilung zu machen. Wie Braunschweiger Blätter mitteilen, erfolgte die Abstimmung einstimmig. Das ist für die Koryphäen res Alldeutschen Verbandes, vor allem für Herrn Dr. Pohl, dem Schriftleiter der »Rhein.- Westf.-Ztg/, recht bittet.
** Die Polenpolitik hat zu einer starken Abwanderung der jüdischen Bevölke- rung auS den Ostmarken geführt, roetl bte mm» chastlichen Folgen dieser Politik -ine außer- . ordentliche Existenzerschwerung für die jüdischen Kaufleute waren. Die Übertragung dieser Politik auf Oberschlesien hat die Besorgnis hervorgerufen, daß sich dort eine ähnliche Wir. kunq zeigen könnte. Das ,Jüdtsche Volksblatt' weist auf die Gefahr hin und führt aus, daß im Regierungsbezirk Oppeln, der nach der letzten Volkszählung mehr Polen aufroetfe, als dec Regierungsbezirk Posen, und besten Bevölkerung sich zu fünf Achtel aus Polen und zu bret Achtel aus Deutschen zusammensetze, sich für me Juden eine sehr bedenkliche Perspektive eröffne:
„Die Politik der Repressalie dürfte sehr bald omch auf den Regierungsbezirk Oppeln ausgedehnt werden, so daß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß unsere Glaubensgenossen in diesem Regierungsbezirk OyMn in eine ähnliche Situation der Zwickmühle mir ihren verderblichen wirtschaftlichen I«'»« Stacht wnden, wie unsere Glaubensgenoffen in Posen- Muhende Mittelaemeinden rote Kattowltz, Beuchen, Glmnntz, Zabrzes Ratibor, Myslowitz im Reglerungsbezwk Oppeln lausen Gefahr, wenn die Grundsätze der so- aenannten Ostmarkenpolitik in aller Schärfe auch auf diesen Tell der Provinz Schlesien ausgedehnt werden, edl Schicksal zu W>en, das demjenigen nicht unähnlich wäre, welches unsere Glaubensgenossen m Posen erlitten haben und noch erleiden."
* lieber sozialdemokratischen Wahlterrorismus bei der Reichstagsersatzwahl tn Stolberg- Schneeburg werden der ,Kreuzztg/ interessante Mitteilungen gemacht:
.Richt genug, daß die Genossen" durch das Kom- mmrdo .Gewehr bei Fuß" vom Besuch mchtsozialdemo- kratischer Versammlungen abgehalten wurden, die Sozialdemokraten hatten sogar ganze Postenketten vor den Versammlungslokale» der Nationalgesinnten aufi gestellt, so daß alle Versammlungsbesucher förmlich Spießruten laufen mußten. Nur wenige Genossen be. schafften sich dennoch Zutritt — es waren zumeist olche die noch nicht ?uf der Wählerliste standen. Kleine Gewerbetreibende und Handwerker hingegen mußten sich von den Wache haltenden Gcnoffen nachrufen lassen: »Als eure Kunden sind wir wohl gut genug! Wir werden nach der Wahl abrechnen.
Die unverhüllte Drohung bewog viele zu schleuniger Umkehr. Es ist also kein Wunder, wenn Orte von über 1500 Wählern in natto- nalen Versammlungen nur 50 Besucher auf- wiesen. u . n
* Sparsamkeit tut dringend Not und soll auch beim nächsten Reichsetat betätigt werden. Was Hilst aber die Sparsamkeit beim Etat, so fragt die «Voss. Ztg/, wenn ganze Gesetzentwürfe eingebracht werden, durch welche neue enorme Ausgaben notwendig werden? Was die Neuorganisation der Behörden für die soziale Arbeiterversicherung beider bevorstehenden Reichsversicherungsordnung kosten wird, davon hat zur Zeit noch kein Mensch Ahnung. Die Schätzungen für diese Ausgaben gehen bis 100 Millionen Mk. jährlich und noch höher hinauf.
△ Der Welfenfonds ist bekanntlich das durch Vertrag vom 29. September 1867 von der preußischen Regierung dem ehemaligen König Georg V. von Hannover zugewiesene, 1868 aber eingezogene Vermögen (48 Millionen Mark), dessen Zinsen dann zur Bekämpfung „welfischer Umtriebe" verwendet wurden Vor kurzem brachte die Brunonia unter Hinweis au Onno Klopps Schrift .Das preußische Verfahren in der Vermögenssache des Königs von Hannover" eine authentische Erklärung. Der § 4 des Vertrages behält eine Sicherstellung der Ausgleichssumme vor und setzt fest, daß die Ausgleichssumme zinslich angelegt und in der Hand der Krone Preußens deponiert bleibt.
v Wer hat denn den Fürsten Bülow gestürzt?
Diese Krage sollte eigentlich gelöst und abgetrm sein, „/TT® bereits fast ein Vierteljahr seit dem knirschen
» W" --K die werale Presse mit dem Vorwurf gegen Me t o n- servative Partei, daß diese sich des entsetzlichen Verbrechens der Bülowstürzerei schuldig gemacht habe.
Die Abwehr von der konservativen Seite ist etwas mat? man will dort alles vennerden was Me Berstan- digung mit den vorläufig noch irrenden und schwanken- den Parteigenossen irgendwie erscht^ren könnte. Reu» erbing? wird zur Beruhigung der Gemüt« sogar be- tont, Fürst Bulow fei so wie fo bereits seit Januar entschlossen gewesen, nach Erledigung der Reichsfinanz- resorm in den Ruhestand zu treten.
Wir glauben nicht recht an eine ernste Absicht de» Rücktritts; aber wenn die Tatsache richtig wäre, so ’wi rbe sie doch im Abwehrkampf gegen die Angriffe der liberalen und der sonstigen Bülowverehrer nicht bu. helfen. Die beste Deckung ist d« H i e b. Die angegriffenen Konservativen sollten lieb« ihrem Volke klar machen, daß Fürst Bülow sich selbst unmöglich gemacht hat. Wenn man dabei Me gründ- legenden Fehler der .Blockpolitik" aus Schonung für e 'indsame Ohren wenig« betonen Will, so könnte r >och rückhaltlos die Fehler darlegen, die Fürst V w in den letzten acht Monaten begangen hatte, — von dem ungelesen genehmigten und nachh« fo scharf vemrteilten Kaiserinterview bis zur Vnbeißung aus Me 55 Millionen Erbansallsteuer
Damit würden die Konservativen auch dem Vorwurf begegnen, daß sie gegen ihre eigene Ueberliefe- rung und Satzung, gegen das »konservative Prinzip" gefrevelt hätten, indem fie den ersten Minister des Monarchen zu Falle gebracht. Das sei, so sagen die heuchlerischen Liberalen, ein Uebergang zum parlamentarischen Regiment und deshalb eine Sünde gegen das erste monarchische Gebot gewesen. Wenn man das hört, sollte man glauben, daß die Konservativen ein Tadelsvotum odn sonst eine „Tagesordnung des Mißtrauen?" eingebracht und durchgesetzt hätten, wodurch Fürst Bülow gestürzt worden Wäre. In Wirklichkeit ab« haben die Konservativen nur gegen die Erbansallsteuer gestimmt, also in ein« Einzelfrage i sachlich einer abweisenden Ueberzeugung und Willensmeinung Ausdruck gegeben. So etwas haben die Konservativen wie alle Parteien wiederholl getan, und zwar in viel bedeutenderen Fragen, und sogar gegenüber einem Kanzler, d« doch noch etwas bedeutender war, als der jetzt so stark beweihräucherte Fürst Bülow. Der Unterschied war nur d«: B i s- m a r ck war allzeit klug genug gewesen, feine Politik derartig einzurichten, daß er auch nach dem Scheitern einer Vorlage, ober nach dem Zerfall ein« Parlamentsmehrheit erfolg re ich weiter regieren konnte. Fürst Bülow war nicht fo klug gewesen, sondern hatte sich mit der zweifelhaften Erban- fallsteuer und der schwachen Vlockmehrhett unvorsich- ligetweife so solidarisch gemacht, daß er nach der Absttmmung vom Johannistage nicht mehr weiter konnte.
Diese Sachlage wurde auch von der Krone inerkannt durch die Genehmigung des Entlaffnngs- gesuchcs Hätte die Krone überhaupt das Gefühl gehabt, daß hier ein noch brauchbarer Minister durch die Laune ober Anmaßung einer Parlamentsmehrheit gestürzt werden sollte, so wäre die Entlassung gewiß nicht erfolgt.
Und die verbündeten Regierungen" Auch sie haben anerkannt, daß Fürst Bülow sich au- den Holzweg verirrt hatte. Im Gegensatz zu ihm beschloffen sie, baß eine Reichsfinanzreform auch ohne die Erbansallsteuer zustande kommm müsse und könne.
An diesem vollständigen Fehlschlag ber persönlichen Politik Bülows kann die kunstvolle und auSgebrettete Reklame zu Ehren des zurückgetretenen Ministers
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,O, Frmi Gräfin ..
^,"Das soll kein Vorwurf für Dich fein, liebes Kind.
1 daß die Schuld nicht an Dir lag, auch
nicht an ihm das weiß Gott," setzte sie mit einem Auf- mti nach oben hinzu .Aber wir wollen nicht üb« vergangene und unabündnliche Tinge sprechen und kla- 8 H M'tzloS und auch wohl gottlos." ÄftÄ' um Ihnen zu Helsen, "2"' Gräfin, da den Jungen *
Reich drtn/UfU ?unge," sagte die Gräfin zu mir.
sie hervor. „Weshalb auch du? ^iebft dieser Name? Soll sich Ahuld und Fehle forterben auf Kind und Kindeskind«?"
Sie weifte Frm mn LldeilÄoe.
5] Original-Roman von O. Elster.
Meine Mutter sank vor dem Lager mff die Knie Die Gräfin stand ernst und schweigend, mit gefalteten Hände da, den Blick gedankenvoll auf das blaffe Ant- flttz des Toten gerichtet, das m dies« Stunde einen fo friedlichen Ausdruck hatte, wie ich ihn noch niemals auf hem Gesicht des Vaters bemerkt hatte.
Welche GedMken die Seele ber Gräfin in biefem feierlichen Augenblicke bewegten, kann ich nicht sagen; iebenfalls waren sie aber sehr schmerzlich« und ernst« Matur, benn auch in ihren großen dunklen Augen stiegen die Tränen empor, und fie drückte das Taschentuch vor das Gesicht, während sie leise aufschluchzte.
Doch im nächsten Augenblicke hatte fie sich wieber gefaßt und war ganz wied« die vomehme Dame, welche kein Ereignis aus ihrer Ruhe bringen konnte.
.Sehen Sie, Mina," Wandte fie sich zu mein« Mutter, .wie sanft und ruhig er schläft. Wahrlich, konnte chn um diese Ruhe beneiden. Weinen Sie den Frieden gefunden, der ihm hi« nicht beschieden war.
Sie hielt eine Weile die Hand vor die Augm. Meine Mutter beobachtete sie ängstlich, ich schmiegte mich zitternd an meine Mutter.
Mit einem Seufter ließ die Gräfin die Hand finken. .ES sst gut," sagte sie mit ihr« rtihrselig klingm- drn Stimme. „Auch dein Vater hieß Gundokar — freilich ein etwas seltener Name in deinen Kreisen Doch mag es denn sein ... dein Vatn hat dich gewiß sehr lieb gehabt?"
.Ach, Frau Gräfin," entgegnete meine Mutter an mein« Stelle, .mein armer Mann zeigte seine Liebe Wenig, sodaß man zuweilen an ihm zweifeln konnte. Ab« in fein« Todesstunde brach seine Liebe doch hervor, er hat es mir als heiligste Pflicht miserlegt, für unf«en Svbn zu sorgen und ihm eine gute Erziehung zu geben. '
.Das foll geschehen, Frau Mna", sagte die Gräfin. ^Jhre Penfion soll so beschaffen sein, daß Sie sorgenfrei leben und Ihrem Sohn eine gute Erziehung geben können."
.Frau Gräfin find zu gnädig . . "
.Still davon! Wir find es Ihrem Mmn, d« in unsrem Dienst fein Leben gelassen hat, schuldig, für seine nachgelaffenen Angehörigen zu sorgen. Auch die $e«bigung geschieht auf unsere Kosten — ich werbe daS alles schon mit meinem Sohn besprechen."
Die Stimmt ber Gräfin hatte nicht mehr ben weichen, fast liebevollen Klang, mit dem sie anfangs gesprochen. Meine Wenigkeit beachtete sie überhaupt nicht mehr. Auch den Toten sah sie nicht mehr an.
.Der Oberförster wird mir über alles berichten," fuhr fie ganz geschäftsmäßig fort, „und auch Ihnen Nachricht geben. Und nun abieu,4lebe Frau. Geben Sie sich Ihrem Schmerz nicht zu sehr hin — wer weiß, wozu alles das gut war. Adieu!"
Sie wollte sich rasch entfernen, da fiel ihr Blick noch auf meine kleine zitternde Gestalt.
„Komm her, Junge!" befahl sie.
Ich folgte bebend ihrem Befehl. Sie legte ihre Hand aus meinen Kopf und sah mich lange prüfend an
Dann flüsterte fie, tief aufatmend: „Sein Ebenbild — fein leibhaftiges Ebenbild. . . nun, Gott schütze
dich, mein Junge, und bewahre deine Seele vor falschem Stolz und Hochmut . . ."
Sie beugte sich nieder und küßte mich auf die Stirn. Dann entfernte fie sich rasch, gefolgt von meiner Muk- ter, und ehe ich mich von meinem Erstaunen erholen konnte, klingelte d« Schlitten davon und verschwand in dem verschneiten Walde, wie ein Traumbild. —
Das Begräbnis meines Vaters war für unsere V«- hältirisse ein glänzendes. Alle Förster der Umgegend, an ihrer Spitze der herrschaftliche Oberförster, folgten in großer Uniform; ebenso viele Beamte. Die herr- schafüichen Waldheg« trugen den Sarg, ber mit den schönsten Kränzen geschmückt war, der prächtigste Kranz war von der alten Gräfin geschickt; auf der schwarz- seidenen Schleife stmid die Widmung in Gold: Dem treuen Beamten in dankbarer Erinnerung! Der Pfarrer hielt eine sehr schöne und ergreffende Rede üb« den Text: „Sei getreu bis in den Tod, dann will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!" und der Oberförster widmete dem braven Kameraden, dem treuen Beamten, dem waidgerechten Jäger am Grabe ein trauriges WaibmannS-Lebewohl. Die Schulkinder sangen und die Misikkapelle spielte ein Grablied.
ES war alles sehr schön und sttmrnungsvoll. Die große Trauerveriammlung, die alte Dorfiirche, 6« verschneite Dorffriedhof mit seinen verwitterten Grabstätten und über all dem ein sonniger, klarer, stahlblauer Wintnhimmel!
Meine Mutter und auch ich weinten heiße Tränen, verließen ab« doch einigermaßen getröstet durch die allgemeine Teilnahme und die schöne Feier ben Friedhof, um in uns« einsames WaldhauS zurückzukehren
Jetzt war eS noch stiller dort, als vorher. Nur ber alte Peter leistete uns Gesellschaft, sowie die Magd, welche mein« Mutter jetzt beim Einpacken und Auf- räumen half. Einige Male mußten wir zum Gericht, wo die Untersuchung wegen des Todes meines Vaters geführt wurde. D« Mörd« hatte ja schon von ber Hand meines VainS seinen Lohn erhalten; aber feine Genossen, zwei rohe Burschen aus dem Grenzdorfe, erhielten längere Gefängnisstrafen.
Man sprach eine Zett lang viel über den Tod meines DaterS, bann traten andere Ereignisse ein und
der grausige Vorfall wurde kaum noch erwähnt. Mein armer Vater schien vergessen, hatte er doch in seinem Leben kaum einen Freund gehabt. Nur daS Kreuz, welches die Frau Gräfin an der Stelle, wo ihn baS tödliche Geschoß getroffen, errichten ließ, erinnerte an das unglückliche Ende meines armen Vaters.
Die Gräfin sorgte ober mich großmütig für meine Mutter und mich. Nicht nur, baß meine Mutter alS lebenslängliche, unentwirrbare Pension ben vollen Gehalt des verstorbenen Gatten erhiett, wurde ihr auch für meine Erziehung eine jährliche Summe von zweihundert Talern — es gab damals noch keine Mark — ausgesetzt, sodaß wir sorglos in die Zukunft sehen konnten. Das Erziehungsgeld sollte bis zu meinem vollendeten fünfundzwanzigsten Lebensjahre gezahlt werden.
Vorläufig blieben wir in dem Forsthause wohnen. Zu Ostern wollten wir in die kleine Residenz ziehen, wo ber Graf Lothar die Stellung eines Hafmarschalls betleibete. Ich sollte bann das Gymnasium besuchen, auf das mich während des Winters unser Pfarrer vorbereitete
Als der erste warme Frühlingswind den Schnee zu schmelzen begann, fichr an einem windigen Märztage eine Kalesche bei uns vor ,dn ein etwa vierzigjährig«, ziemlich beleibt« Herr entstieg.
Meine Mutt« eilte ihm entgegen und begrüßte ihn mit dm Worten:
.Willkommen, Vetter, ich habe dich schon seit Wachen «wartet."
.Konnte nicht eh« abkommen, liebe Mina," e4 gegnete der fremde Herr mit asthmatischer Stimme. .Und dann ist es doch auch kein Vergnügen, mitten im Winter in den Wald zu fahren."
.Da hast du recht, Vetter. Na, es dauert ja nicht mehr allzulange. Tritt ein, eine warme Tasse Kaffe« wird dir gut tun'
Sie traten in die Stube, wo ich über meinen Schularbeiten saß.
kFortsetzung foIgiA