ul-aer M
Fulda, Mittwoch den 15. September 1909.
Iahrqan
M 211
Gvstes Mcltt
Gruppe der
verhaßt war.
(Fortsetzung folgt.)'
L
Da braucht zu nehmen.
Anzeigen: Vie ete» spaltigepetitzeileober bereit Kaum (5 Pfg. ReNamendre Petitzeile 25 Pfg., bet Wiederholungen wird entspr
Rabatt gewährt.
Rotationsdrnckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruSerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.
immer mehr in Mode kommenden Fraktionslosen beizutreten.
Erscheint »glich mN Ausnahme der So'.tm n.td Feiertage, viertel- sShrlkchervezngrpreis ohne vringerlohn und Bestellgeld in Fulda so- toie aufwärts 150 Bit.
Perantw. Redattem, Sari schütte;
Die Gräfin liebte die Einsamkeit und das zurückgezogene Leben. Sie sab sehr selten Gäste auf dem
gen wohl der Besichtigung wert gewesen wäre. Aber weiter als bis zu dem stets verschlossenen Tor des
Schmerz fort, ich aber dachte in meinem kindlichen Unverstände kaum noch an meinen Verlust, denn noch niemals hatte ich soviel Besuch in unserem einsamen Forsthause gesehen, mtt Ausnahme jener Zeit, wo Gras Lothar zur Jagd erschien, was aber in den letzten Jahren immer seltener geworden war
Große Aufregung aber bemächtigte sich meiner, als am Rachmtttage ein herrschaftlicher Schlitten durch den Wald klingelte und kurze Zeit darauf die Frau Gräfin vor unserem Hause ausstieg.
Der mächttge Pelz des Kutschers und des Dieners, die dampfenden Pferde mit dem bunten Federputz auf dem Kopfe, die rotverbrämte Schlittenpelzdecke, und vor allem die hohe, ehrfurchtyebietende Gestalt der Gräfin selbst, in dem kostbaren Pelzmantel imponierten mir gewaltig.
Die Gräfin Amalgimde von Oldensloe, geborene Freiin von Löwenhagen, die Mutter des Grafen Lothar, mochte damals etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sie war wohl zwanzig Jahre jünger gewesen als ihr Gatte, der schon feit fast zwanzig Jahren verstorben war. Sett jener Zeit verwaltete die Gräfin- Witwe die große Herrschaft und hatte auch jetzt noch die Zügel dec Verwaltung fast ganz in den Händen, obwohl ihr einziger Sohn, der Graf Lothar, bereits im rüstigsten Mannesalter stand. Aber der Gras Lothar lebte meistens in der Residenz, wo er die Stellung eines Hofmacschalls am Hofe des regierenden Herzogs bekleidete.
Die Gräfin-Witwe war noch immer eine' schöne Frau, deren feingeschnittenes Anllitz trotz der grauen Haare, welche es in sanften Wellenlinien umgaben, ein frisches, jugendliches Aussehen trug. Nur zwischen
eigentlichen Schloßhvfes kam niemand. Auch der weitläufige, herrliche Park, den eine hohe Mauer umgab, war niemanden zugänglich. Nur ein alter Gärtner arbeitete in diesem Park, der nach und nach immer mehr verwilderte
Im Schlöffe selbst wohnte nur die Gräfin mit einer Gesellschafterin, einer Kammerjungfer, dem alten Kastellan und dem nötigsten Dienstpersonal. Der Oberförster, der Landwirtschastsdirektor, dec Rentmeister und andere Unterbeämten, bewohnten ein weitläufiges Gebäude, welches am Fuße des Schloßberges lag und zu einem großen Meierhof gehörte.
Aber trotz ihres zurückgezogenen Lebens war die Gräfin-Witwe nicht stolz oder hochmütig. Im Gegenteil, sie war in der ganzen Umgegend als stets hilfsbereite Wohltäterin bekannt und niemand wandte sich vergebens um Hilfe an sie.
In jeder Woche kam sie einmal herunter ins Amtsgebäude und ließ iich von den Beamten Vortrag über die Wirtschaft halten und sah die eingelaufenen Bittgesuche durch. Empfangen tat sie aber niemanden im Schloß; wer sie personlick sprechen wollte, mußte an dem betreffenden Tag in das Amtshaus gehen, wo auch jeder von der Gräfin empfangen und angehört wurde.
Eine ausgebreitete Korrespondenz unterhielt sie auch mit den Bürgermeistereien, Ortsvorstehern, Pfar- rem und Lehrern der Umgegend, die ihre Helfer bei den Werten der Wohltätigkest waren. So breitete sich der Ruf ihrer wahrhaft edlen Gesinnung weit über die Grenzen ihres Besitztums aus, und obgleich fast nie-
Z parzeller in Fulda. WscheNbMge: „Illustrierte Sonntagszeitung"
Schade, daß aus dem schönen Plane nichts wird. Es wäre ja ein Schauspiel für Götter und Menschen gewesen, wenn man den Exkanzler von Dorf zu Dorf hätte wandern sehen, um gegen die Sozialdemokratie zu weitem. Die Alldeutschen, die die Kandidatur aufs wärmste empfehlen, denken wohl auch nicht an die Klemme, in die Bülow im Falle seiner Wahl geraten würde. Welcher Partei soll er denn eigentlich deilreten? Den Konservativen ist er doch nicht mehr zuzurechnen, obwohl er sich vor einigen Jahren von ihnen als agrarischer Reichskanzler feiern ließ; und so „liberal" ist er doch auch noch nicht geworden, daß die liberalen Parteien ihn aufnehmen könnten, trotz seiner intimen Freundschaft mit Baffermann. Es bliebe ihm also nichts anderes übrig, als der allmählich
* Er wird sich bedanken.
Die .Leipziger Neuesten Nachrichten' befür- worten, daß anstelle Wilhelm Schacks in Eisenach der frühere Reichskanzler Fürst Bülow als Kandidat der bürgerlichen Parteim aufgestellt werde.
rr'-T oeipjiger Blatt führt aus, daß Fürst Bu >y- nur den Blockgedanken verkörpert, fonbern auch dem Reichstage ein Maß von Er- fahrung und politischem Ueberblick bringen würde, „das man jetzt so völlig vermißt". Das Mandat von Eisenach sei schwer gefährdet, es werde nur gerettet werden können, wenn das Bürgertum sich zusammenschließe, wenn es den Partei- krakeel vergesse und in die Lage komme, seine Stimme auf eine bedeutende und bewährte Per- sönlichkest zu vereinen. Solche Persönlichkeit sei zweifellos Fürst Bülow; mit feiner Wahl würde zugleich die Aussicht auf eine Bereicherung des geistigen Gehaltes unseres Reichsparlaments wachsen.
Es ist interessant, zu beobachten, welches Echo dieser Vorschlag in der Berliner Presse findet. Während die ,Tägl. Rundschau' ihn einen „absurden Einfall" nennt, stellt sich die sreisinnige Presse ihm — wenigstens grundsätzlich — recht sympathisch gegenüber. Das.Berliner Tageblatt' erklärt, von freisinniger Seite Würde sicherlich kein Widerstand zu erwarten sein, wenn Fürst Bülow ein Reichstagsmandat erstrebte. „Wenn Fürst Bülow will, dann wird er auch gewählt", sagt das Blatt. Die ,Voss. Ztg.' erhebt Bedenken, ob die jetzige Zeit günstig sei, dem Exreichskanzler dm Weg ins Parlament zu öffnen; wenn er aber bereit sei, ein Mandat anzunehmen, so werde er es hoffentlich bald in einem völlig sicheren Wahlkreis erlangen . . . Der,Deutschen Tagesztg.' fällt es schwer, den Vorschlag des Leipziger alldeutschen Blattes ernst zu nehmen. An sich hätte sie durchaus nichts dagegen, daß Fürst Bülow irgendwo als Kandidat zum Reichstag ausgestellt würde, voraus- gesctzt, daß er selbst die Meinung hegte, durch seine Kandidatur und durch seine Teilnahme an den Reichslagsarbeiten dem Reiche und der Reichsregierung zu dienen. Sie hält es aber kaum für denkbar, daß die sämtlichen bürgerlichen Parteien im Wahlkreise Eisenach-Dermbach sich auf eine Reichstagskandidatur des Fürsten Bülow einigen würden, und meint, daß man dem Fürsten eine Kandidatur nur dann anbieten könne, wenn sie einigermaßen Erfolg verspräche. Dies sei aber wegen der bedrohlichen Stärke der Sozialdemokratie nicht der Fall. Schließlich aber hält sie die ganze Frage für müßig, denn es sei kaum anzunehmen, daß Fürst Bülow geneigt fein dürfte, jetzt schon in das politische Leben auf einem solchen Wege zurückzukehren.
Das ist auch unsere Ansicht. Fürst Bülow ist nie derjenige gewesen, der sich an der Arbeit wehe tut. Es wird ihm niemals einfallen, die Mühseligkeiten und Beschwerniffe eines Reichs- tagsmandates zu übernehmen. Allenfalls würde er sich vielleicht wählen lassen, dann aber, wie seiner Zeit Fürst Bismarck, nie im Reichstage erscheinen.
mand die Gräfin^ersönlich kannte, so waren doch all« ihres Lobes voll und keiner sprach von ihr etwas Nach« t eiliges.
Wenn aber einmal ein Gerücht von merkwürdigen seltsamen Vorgängen im Schloß, die zur Zeit bei alten Grafen vorgefallen seien, sich verbreiten wollte, s» zuckte man mit den Achseln und meinte, die Gräfin fei ja nicht schuld daran, und übrigens seien es ja alte längst vergangene Geschichten, um die sich niemani mehr zu kümmern habe
Als die Gräfin in unser Haus trat, eilte ihr meint Mutter entgegen und küßte ihr heftig weinend bi« Hand.
„Beruhigen Sie sich, liebe Frau Decker," sprach die Gräfin mit milder, volltönender Stimme, „bei schreckliche Tod Ihres Mannes hat auch mich sehr erschreckt und hat mir sehr, sehr leid getan. Aber wir müssen uns alle in Gottes Willen und nnersorschlichen Ratschluß fügen — und erinnern Sie sich, daß auch ich meinen Mann auf eben so schreckliche Weise verloren habe .
Später habe ich erfahren, daß der Graf auf de. Jagd erschossen wurde — man sagte aus Rache füi einen, einem Untcrförftcr angetanen Schimpf
Meine Mutter schluchzte stärker.
„Frau Gräfin sind stets sehr gütig," stammelte sie
„Ich tue nur meine Pflicht, liebe Frau Decker/ fuhr die Gräfin fort. „Und nun fuhren Sie mich zu dem Toten — ich möchte ihn gern noch einmal sehen."
Die beiden Frauen traten in das Gemach, in dem meines Vaters Leiche lag. Man hatte ihm seine Forst- uniform angezogen, und das Bett mit grünen Tannen- reifem geschmückt. Hirschfänger und Jägerhut lagen vor dem Bett auf einem Stuhl. Mehrere Lichter brannten und die Tannenzweige und Wachskerzen er* füllten das Zimmer mit einem würzigen Geruch. Durch die bleigesaßten, kleinen Fensterscheiben blickte ein düsterer Wintertag in das Gemach herein, und mir toai so feierlich zu Sinn, als befände ich mich in bei Kirche.
an den Ort, wo die Tat geschehen war. Auch der den dunklen Augenbrauen hatte sich eine Falte eingc- Knecht mußte mit und so blieben meine Mutter und graben, die ihrem Gesichte oftmals einen ernsten und ich allein bei dem Toten zurück, denn die Magd war: stolzen Ausdruck verlieh, und um die feingeschwunge- in das Dorf geschickt worden, um bei dem Tischler den neu Lippen war ein Zug von geheimem Kummer und Sarg zu bestellen. I seelischem Leiden.
Im Lause des Tages kamen mehrere Kollegen mei- i
nes Vaters, um meiner Mutter ihr Beileid auszuspre-1
chn. Auch der Pfarrer und der Lehrer, sowie der Ge- Schloß, das auch im übrigen allen Besuchern ver- meindevorsteher des Dorfes erschienen mtt trostreichen 1 schlossen war, obgleich es seiner Sehenswürdigkeit we- Worten. Das brachte meine Mutier über den erftm ( ' " " "* "-----L MC"~
Ausland.
* Die parlamentarische Lage in Oesterreich.
Die Dinge in Oesterreich-Ungarn sehen kritisch aus. Die kommenden Auseinandersetzungen zwischen Oesterreich und Ungarn werfen bereits ihre Schatten voraus. In Oesterreich selbst stehen wir bereits ganz nahe vor Entscheidungen allerwichtigster Art.
Die größten Schwierigkeiten schasst hier der unselige Nationalitätenstreit, der Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen. Dieser Streit befindet sich zur Zeit in einer Phase, welche die größten Befürchtungen für die Einheit und das Gedeihen der österreichischen Monarchie wachruft. Der Nationalitätenstreit hat auf der Straße Formen angenommen, die an die Zeiten des selbstherrlichen Raubritter- lums erinnern. Dem Wirtschaftsleben fügt er die schwersten Schädigungen zu, und ihm ist es auch zu verdanken, daß die Tätigkeit der Parlamente, des Reichsrats sowohl wie der verschiedenen Landtage, vollständig lahmgelegt ist. Die slawische Obstruktion hat im Sommer die Arbeit des Reichsrats zum Stillstand gebracht, der böhmische Landtag ist durch die Obstruktion der Deutschen seit Längerem vollständig arbeitsunfähig. Die übrigen Landtage leiden unter der Kalamität des Reichsrats mit, indem ihre wichtigsten Ausgaben, vor allem die finanzpolitischen, von den Entscheidungen des Reichsrats abhängig sind. Die Flottmachung des Reichsrats hängt wiederum ab von derjenigen des böhmischen Landtags, in dem die Slawen im Reichsrate nur unter der Bedingung die Obstruktion aufgeben wollen, daß der böhmische Landtag arbeitsfähig wird.
Bekanntlich haben nun in den letzten Tagen unter der Leitung des Ministerpräfidenten v. Bienerlh Beratungen zwischen den Führern der verfchiedenen Parteien stattgesunden, denen die Ausgabe gesetzt war, die Sperrung des böhmischen Landtages zu beseitigen. Die Verhandlungen sind nicht ganz erfolglos gewesen, indem die Tschechischen Vertreter sich für einige Zugeständnisse an feie Deutschen aussprachen und sich bereit erklärten, Verhandlungen über die nationalen Streitpunkte mit den Deutschen einzuleiten. Damit ist feie Konstituierung des böhmischen Landtages wahrscheinlich geworden. Freilich behülfen die tschechischen Zusagen noch der Bestäiigung des Landtagsklubs, doch besteht die Hoffnung, daß sie die erfreuliche Genehmigung finden. In Wien sind nun zur Zeit Be- raiui gen im Gange, um die Flottmachung des Reichsrates herbeizusühren,- der im nächsten Monat zu einer neuen Tagung einberufen werden, wird. Es ist nicht zu leugnen, daß die größten Schwierigkeiten noch bevor stehen, in Prag sowohl wie auch in Wien. Immerhin darf man mit dem bislang Erzielten schon zufrieden sein
△ Noch kein Ende der spanischen Wirren.
Im „schönen Spanien" ist es immer noch nicht, wie es sein müßte. Der Regierung gelang es zwar, die Revolution in Katalonien niederzuwerfen, aber die Revolutionäre geben noch keineswegs ihr Ziel auf. Die spanische Regierung hoffte, durch einen Amnestieerlaß feie Gemüter beruhigen zu können. Indes scheint man dies in den anarchistischen Kreisen als eine Schwäche
Dahin freilich gehört er auch, er auf Konsequenz keine Rücksicht was ihm ja nach seinen eigenen Worten stets
Deutsches Reich.
i Berlin, 14. Sept. 1909. Der Reichskanzler empfing gestern feen französischen Botschafter Cambon. — Die acht deutschen Küstenpanzer „Aegir", „Odin", „Hagen", „Hildebrand", „Heimdall", „Fci.hjos", „Beowuls" und „Siegfried" werden morgen mit Flaggenparade endgültig außer Dienst gestellt. — Eine Viehzählung kleineren Urnsanges soll auch in diesem Jahre in Preußen vorgenommen werden, und zwar am 1. Dezember. — Die Deutsch-soziale Partei hat ihren Parteitag, der in Eisenach stattfinden sollte, abgesagt. Der Beschluß dürste darauf zurückzusühren fein, daß die Wahlvorbereitungen für die bevorstehende Nachwahl in Eisenach die g„nze Arbeit der Parteileitung in Anspruch nehmen.
(*) Z«r Orts-Schulaussicht teilt der ,Reichc- bote' mit: „Das Verlangen der Lehrerwelt, daß die „geistliche" Orts - Schulaufsicht aufgehoben werde, hat in Sachfen -Altenburg Erfüllung gefunden. Der neue Versuch, die Orts-Schulausseher durch die Gemeinden wählen m lassen, ist sehr lehrreich. Ob der Lehrerstand in Altenburg nunmehr zusriedengestellt ist, bezweifeln wir. Die Wahlen zu dem Amte eines Orts - Schulinspektors, der der nächste Dienstvorgesehte der Lehrer ist, haben folgendes Ergebnis gehabt: In 170 Gemeinden find doch noch 70 Geistliche berufen durch das Vertrauen der Sozietäten. Unter den Gewählten befinden sich weiter (das ist beachlenswerl) 51 Landwirte, 4 Mühlen bescher, 2 Rittergutsbesitzer, 2 Grubmvesitzer, 3 Gastwirte, 2 Kaufleute, 3 Maurer, endlich je t Schuhmacher, Metzger, Pächter, Rentner, Schlosser, Zigarren-Fabllkant, Schneider, Schreiner, Maurermeister, Zimmermeister, Handelsmann und Schmied. In 5 Gemeinden ist von der Behörde der Hatipi- lehrer, in 14 Gemeinden dec erste Lehrer zum Orts-Schulinspektor ernannt
-s- Politik und Geistlichkeit. Die,Deu!sche Wacht', das Organ der Deutschen Vereinigung, hat sich bekanntlich zur besonderen Aufgabe gemacht, die Förderung des konfessionellen Friedens auf eine ganz neue Methode zu Üben. Sie tut es in der Art, daß sie auf feiten des
Zeitung
Monakbellage: „Zuldaer Geschichtsblätter"
Protestantismus nur die Lichtseiten hervorkehrt, dagegen auf Seiten des Katholizismus nur die Schattenseiten, vielmehr das, was sie als Licht- und Schattenseiten ansieht. Die politische Tätigkeit der katholischen Geistlichen ist ihr ebenso unangenehm wie ihren liberalen Freunden; sie läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um ihrem Unwillen deutlich Ausdruck zu geben. Neuestens macht sie darauf aufmerksam, wie — im Gegensatz zu den Katholiken — die protestantischen Geistlichen immer wieder darauf hmgewiesen werden, daß ihr Amt zu hoch über den Parteien stehe, als daß sie, unbeschadet ihrer Pflicht, sich in eine Agitation sür soziale und politische Reformen einlaffen dürsten, und sie führt dafür an einen Pfarrsynodalbescheid fees badischen Evan- oelischen Oberkirchenrats vom Jahre 1878 und einen Erlaß fees preußischen Oberkirchenrats vom 20. Februar 1890. — Solche Erlasse sind ja recht schön, aber es fragt sich nur, wie sie aus- geführt werden. Darauf kommt es unseres Erachtens denn doch noch mehr an. Viellkicht untersucht bis .Deutsche Wacht', die ja allem konfessionellen Aergernis im deutschen Reiche mit Eifer nachspüren will, auch einmal, wie es mit der politischen Tätigkeit der evangelischen Geist- lichkcit in Wirklichkeit aus sieht. Zweckmäßig wird sie ihre Untersuchung beginnen können beim Evangelischen Bunde und bei der Hetze gegen den Toleranzantrag des Zentrums und gegen die Aufhebung des Jesuitengesetzes.
e. Ter erste deutsche Richtertog in Nürnberg sprach sich in seinem weiteren Verlause nach einem Referat fees Landgerichtsrats Kade- Berlin über „Die bedingte und unbedingte Strafversol gungsvflicht der Staatsanwaltschaft", im Gegensatz zum Referenten, für die unbedingte Strafverfolgung ans. Bei der Frage über die Gestaltung der Rechtsmittel billigte man Einführung der Berrffungs- möalichkeit gegen Strafkamnierurleile. Der Kongreß wurde geschlossen.
X Gin Zusammengehen mit der Sozial- demotratie ist von linksliberaler Seite in den letzten Wochen wieder stark befürwortet worden. Eine deutliche Antwort hierauf erteilt Genoffe Karski im /Vorwärts' (Nr. 213). Er nennt dort den Freisinn d:n
„liberalen Klüngel, ten Anhang jener profliluierten freisinnigen Parlamentariern, die daS Pereinsgesetz und cie Armut! erung der sopaldeinolralischen Mandate im preußischen Landtage auf dem Gewissen habe' und meint „die Arbeiter würden ans Reinlichkeilsgründen jedes Zusammengehen mit diesem Geschmeiß unter allen Umständen von sich weilen."
Die armen Freisinnigen können einem wirklich leid tun.
* Koblenz, 14. Sept. 1909. Bei der Reichstagsersatzwahl im Wcchtlreis Koblenz-St. Goar ist der bisherige Abgeordnete, Eenatspräsi- deut We liste in (Ztr.) in Hamm wiebergcwählt worben. Bis abends 8 Uhr waren gezählt für Wellstein 3595 und für Haas (Sozialdemokrat) 1616 Stimmen.
* Posen, 14. Sept. 1909. Der Reichstags- abgeorbnete Graf M i e l z y n s k i wurde wegen Aufreizung, die er in einer Rede gelegentlich einer politischen Versammlung begangen haben soll, zn 150 Mark Geldstrafe verurteilt.
4] Original-Roman von O. Elster.
„Ich danke der Frau Gräfin von ganzem Herzen," schluchzte meine Mutter.
„Die Beerbioung Ihres Gatten wirb natürlich aus Kosten der Herrfchast ftattfinben," fuhr bet Oberförster fort „Bis Sie über Ihre Zukunft entschieden haben, können Sie hier ruhig wohnen bleiben. Der Waldheger Peter wird bei Ihnen bleiben. Ich muß Sie jedoch bitten, mir die Papiere und Bücher JhresGatten zu übergeben, ich werde die amtlichen Schriftstücke in Verwahrung nehmen, was sich etwa an Privatfachen herunter befindet, wird Ihnen zurückgestellt werden. Hat Ihr Gatte etwa ein Testament gemacht?"
„Ich glaube nicht, entgegnete meine Mutter, „dort in dem Schreibtisch sind alle Papiere meines Mannes, ben Schlüssel trug er stets bei sich."
Der Schlüssel wurde gesunden und der Oberförster gab sich an die Durchsicht der Papiere.
„Ein Testament ist nicht vorhanden," sagte er nach einiger Zett. Es sind fast nur amtliche Papiere; hier sind einige Privatbriefe, das Taufzeugnis Ihres Mannes, Ihr Trauschein und der Geburtsschein Ihres Sohnes .. . weiter ist nichts vorhanden."
Meine Mutter nahm die Papiere mit leisem Dank an; sie mochte in diesem schmerzlichen Augenblicke wohl nicht daran denken, daß ihr Gatte ihr von Auszeichnungen besonderer Art gesprochen hatte. Auch konnte man ja nicht annchmen, daß der Oberförster, der unter ben Augen der Gerichtsbeamten die Papiere untersuchte, Privatpapiere des Verstorbenen unterschlagen werde. Der Oberförster war stets ein humaner Vorgesetzter der Forstbeamten gewesen und hatte sich niemals eine Ungerechtigkeit zu schulden kommen lassen. Auch hatte er sich ja in dieser Stunde noch sehr günstig über den Verstorbenen geäußert und eine ausreichende Versorgung der Witwe versprochen.
Die amtlichen Schriften meines Vaters wurden dann versiegelt und in den Schlitten gebracht. Dann beaaben sich die Herren in Bealettuna des alten Peter