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36. Jahrganq

Fulda, Dienstag den 14. September 1909

M 210.

steuer zu zahlen braucht. Das ist ja natürlich bar er wird noch im Laufe dieses Herbstes zur öffent- Unsinn, denn die Erbansallsteuer sollte nur SSMrl- ... Kritik aettellt werden.

lichen Kritik gestellt werden.

Honen bringen, und Talon- und Umsatzsteuern liefern mehr als ausreichenden Ersatz für den Ausfall. Diese Ersatzsteuern berühren aber die Interessen der großen Massen so gut wie gar nicht."

auch in den neuen Reichstag als stärkste Partei zurückgekehrt. Trotzdem hat der Blockreichstag dem Zentrum das erste Präsidium vorenthalten. Es ist auch nicht richtig, daß die Block­mehrheit nicht beabsichtigt habe, ein Blockpräsi­dium zu bilden. Die Konservativen mögen dem Zentrum einen anderen Sitz im Präsidium zuge­dacht haben, aber die Liberalen wollten es nicht; sie wollten durchaus ein Blockpräsidium als sicht­bares Zeichen des Blocksieges. Fürst Bülow hat dann in diesem Sinne hinter den Kuliffen arbeiten lassen, und so ist das Zentrum durch den Block auch „ausgeschaltet" worden. Im übrigen, wenn die Liberalen demnächst im Prä­sidium nicht vertreten zu sein wünschen, so haben sie das mit sich selber- abzumachen. Das Zen­trum wird jedenfalls der Aufnahme eines Libe­ralen in das Präsidium kein Hindernis in den Weg legen, und den Liberalen gegenüber nicht die Unduldsamkeit und Gehässigkeit zeigen, die sie ihm gegenüber so oft bewiesen haben.

(*) Zur Angelegenheit Schack erläßt die Parteileitung der deutsch-sozialen Partei eine Erklärung, in der es heißt:

„Auch uns, den Unterzeichneten (die Abgg. Lieber­mann, Sattmann und Naab) ist die Angelegenheit erst am Dienstag, den 7. September, durch die Presse be­kannt geworden. Nach unserer langjährigen genauen Kenntnis der Perfönlichleit Schacks und seiner Gelstes-, Gemüts- und Charakteranlagen mußten uns die be­haupteten Tatsachen zuerst als völlig unglaublich er­scheinen lassen. Inzwischen ist uns neues tatsächliches Material zugänglich geworden, was der Oeffentlichkeit bis jetzt noch nicht unterbreitet ist, das aber bei der gerichtlichen Behandlung der Angelegenheit zur Sprache kommen wird. Dadurch ist es uns zur Gewißheit ge­worden, daß unser Freund Sckack von einem schweren psychischen Leiden befallen ist. Wir haben uns deshalb veranlaßt gesehen, seine Ueberführung in eine Nervenheilanstalt anzuraten und ihn ärztlicher Behandlung zuzusühren. Alle ernstdenkenden Kreise werden ihr eigenes Urteil über diele traurigen Vorgänge zurückstellen, bis die jetzt damit befaßten Aerzte und Richter ihr amtliches Urteil abgegeben haben."

c. Der deutsche Richtertag, der im Januar dieses Jahres gegründet worden ist, hält in Nürnberg seine erste Tagung ab. Sie wurde mit einer zwanglosen Begrüßungsfeier eingeleitet. Die Verhandlungen des Montags betrafen die Entwürfe der Reichsflrasprozeßordnung und der Abänderung des Reichsgerichtsoerfaflungsgesehes. Es wurde eine Resolittion angenommen, die eine Zuziehung der Laien zur Strafrechtspflege im weiteren Umfange als bisher als nicht wünschenswert bezeichnet. Durchaus ab- zulehnen 1-ei eine solche Zuziehung für die Be­rufungsinstanzen.

4- Die jungkonservative Vereinigung, d. i. die neue konservative Partei, die ein „Gegen­gewicht gegen die Bestrebungen des Bundes der Landwirte und gegen die Zentrums-Freundschaft der konservativen Partei" sein will, hat sich jetzt konstituiert. Leute, die in der konservativen Par­tei eine Rolle gespielt hätten, finden sich nicht unter den leitenden Persönlichkeiten.

Q Der Wahlkreis Eisenach-Dermbach, in dem nunmehr nach der Mandatsniederlegung Schacks eine Neuwahl notwendig ist, gehört wohl zu den umstrittensten deutschen Reichstags. Wahlkreisen. Von 1871 bis 1881 war er natio­nalliberal, von da bis 1887 freisinnig, von da bis 1890 nationalliberal, von da bis 1903 frei­sinnig, von da bis 1905 wieder nationalliberal im Reichstag vertreten. Von 1905 an bis jetzt vertrat den Kreis der antisemitische Abg. Schack.

Was hier von der Verhetzung der märkischen .dauern berichtet wird, trifft auf die liberale Agitation in andern Landesteileu und unter anderen Volksklas- sen zu. Fast überall hat die ebenso unsinnige, wie aufreizende Behauptung Glauben gefunden, die Ver­teuerung des Maffenverbrauchs sei nur durch die A 6= lehnung der Erbschaftssteuer herbeige- führt worden. Es muß als ein Verbrechen gegen An­stand und Ehrlichkeit gebrandmarkt werden, daß die (berate Preise geflissentlich den Irrtum hervocrust, der alte Block hätte bei seinem Fortbestände die Be­steuerung von Tabak Branntwein, Bier usw. verhüten können. Man bedient sich der L ü g e, um gegen den sogen, schwarz-blauen Block die unverständigen Leute aufzuregen. Tatsache ist ja doch, daß die Liberalen selbst sogar 400 Mill. Mk. Steuern auf Bier, Schnaps, Tabak usw. bewilligen wollten neben der Erb­schaftssteuer, für die nicht durch die genannten indirek­ten Steuern, sondern durch die Zinsscheinbogen- und Umsatzsteuer mehr als ausreichender Ersatz geschaffen wurde.

Nichts ist bester geeignet, der Sozialdemokratie neue Anhänger zuzuführen, als jenes bösartige Mär­chen von der Belastung des kleinen Mannes behufs Schonung der reichen Erbschaften. Der Sozialdemo­kratie standen so wie so schon beträchtliche Erfolge bei den nächsten Neuwahlen in Aussicht; es ist aber ge­radezu ein Frevel gegen Staat und Gesell­schaft, wenn man die sozialdemokratische Gefahr noch weiter ins Ungemestene steigern hilft durch eine solche Hetze, wie sie die Liberalen jetzt betreiben. Ordnung und Frieden werden aufs Spiel gesetzt aus purem Eigensinn und Eigennutz, um sich an den Kon­servativen zu rächen und ihnen vielleicht einige Man­date abzujagen. Was aber der Liberalismus etwa den Konservativen abjagt, wird er sicherlich an die Sozial­demokratie wieder verlieren.

Ob die Verblendung des enttäuschten Libe- talismus sich durchBelehrungen ä la Zedlitz noch recht­

zeitig kurieren läßt, bleibt abzuwarten. Vielleicht wer­den die Herren erst durch Schaden klug.

Ausland.

5 Die Alldeutschen in Oesterreich hatten auf Sonntag in verschiedenen Orten Niederöster­reichs Protest - Versammlungen einberufen, wäh­rend zu der gleichen Zeit und an den gleichen Orten die Tschechen ebenfalls Protest-Versamm­lungen einberufen hatten. Da die österreichische Polizei allmählich gelernt hat, was sie zu tun hat, und bei derartigem „Protestieren" voll auf ihrem Posten ist, so verlief der Tag im allge­meinen dennoch ruhig, nur in dem Orte Atzen« d orf in der Nähe von Wien kam es zu ernsteren Auftritten. Dort belagerten etwa 2000 Deutsche den Saal, in dem sich die Tschechen versammelt hatten. Die Tschechen aber warfen mit Steinen und ähnlichen Gegenständen auf ihre Belagerer, worauf diese im Begriffe waren, den Saal zu

Deutsches Reich.

r Berlin, 13. Sept. 1909. Die Kaiser in ist heute vormittag 11 Uhr auf Station Wild­park eingetroffen und hat sich in das Neue Palais gegeben. — Der Elbinger Oberbürger, meister Elditt, Mitglied des Herrenhauses, ist infolge eines Herzschlages gestorben. — Der frühere langjährige Präsident der Reichsbank, Dr. Koch, feiert am Mittwoch seinen 75. Ge­burtstag. — Dem preußischen Landtag wird ein Gesetzentwurf zugehen, durch den nach dem Vor- bllde Heffen-Naffaus und Hannovers die Ver­pflichtung zum Besuche ländlicher Fortbil­dungsschulen auf die Provinzen Schlesien, Westfalen und Pommern ausgedehnt wird. — Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, die einzige Tochter unseres Kaiserpaares, vollen­dete heute das 17. Lebensjahr. Am 18. Oktober, dem Geburtstage Kaiser Friedrichs, wird die Prinzessin konfirmiert.

** Der deutsche Reichstag soll, wie die ,Frankf. Ztg/ mitteilt, in diesem Herbst Ende November, das preußische Abgeordneten­haus im Januar zusammentreten.

X Dem volksverhetzenden Libera­lismus

yreibt der freikonservative Abg. v. Zedlitz-Neu- irch im „Tag" einige ernste Wahrheiten 'ns Stamm- vuch

Aus den Ergebnissen der Ersatzwahlen in Landau- Neustadt und Stollberg-Schneeberg folgert er mit Recht, daß die Liberalen mit ihrer Hetze gegen die Steuergesetze ihre eigenen Wähler den Sozialdemokra- -en in die Arme treiben. Angesichts der drohenden Gefahr von weiteren zahlreichen Erfolgen der Sozial- oemokratie beschwört er die „nationalen" Parteien, (ch wieder des gemeinsamen Feindes zu erinnern und jegen die Sozialdemokraten wieder zu einer festen Lchlachtfront sich zu bereinigen.

Herr v. Zedlitz hat eine gewisse Berechtigung zu dem Auftreten als „Unpatteiischer". Er steht im Grunde der liberalen Weltanschauung näher, als der Änservativen. Er ist für die Erbansallsteuer einge- ,reten und hat den Zilsamrnenbmch des Blocks Bitter» ich beklagt. Um so mehr Gewicht haben folgende Zeugnisse, die et jetzt ablegt:

„Wenn die Reichsfinanzreform mit dem alten Block zustande gekommen wäre, würde die Wirkung j<uf bie Wähler genau ebenso ungünstig fein. Kn der Hauptsache fällt dafür die Bier-, Branntwein- and Tabaksteuer ins Gewicht . . . Die Erhöhung

)( Zur Pensionierung der unmittelbaren Staatsbeamten wird jetzt in einem Erlaß des Finanzministers und des Ministers des Innern darauf aufmerksam gemacht, daß Beamte, welche das 6 5. Lebensjahr vollendet haben, auch ohne eingetretene Dienstunfähigkeit Anspruch auf Pension haben und in den Ruhestand gesetzt werden können. Allem Anschein nach will man durch diesen Erlaß'eine Ueberalterung der Ver­waltung verhindern, da wegen der Besoldungs­erhöhungen im letzten Jahre viele Gesuche um Versetzung in den Ruhestand zurückgestellt worden waren, um erst in dem durch die Pensions­berechnung günstigeren höheren Gehaltssatz zu gelangen.

-T- Zur Frage der Neuwahl des Reichs- tagsprüsidiums nimmt nun auch die ,Kreuzztg/ Stellung:

Sie erblickt m der von liberaler Sette vertretenen Forderung einer Selbstausschaltung des Libera­lismus aus dem Reichstagspräsidium eine „große Kurz­sichtigkeit" und bezeichnet es als. unrichtig, daß die Wahl des Blockpräsidiums hierfür einen Präzedenzfall darstelle. Es fei eine durchaus irrige Annahme, daß die Blockmehrheit die Ansicht gehabt hatte, nur auS sich heraus alle drei Präsidenten zu stellen, also das Zentrum von vornherein auszuschalten. Vielmehr habe das Zentrum, indem es den Anspruch auf den ersten Präsioentensitz erhob und die Bizepräst- bentfdjaft ausdrücklich ablehnte, erst die Möglichkeit eines „Blockpräsidiums" gegeben. In der Zentrums­presse sei dieses Berhalten fast mit denselben Worten, die jetzt die liberale Presse brauche, dahin motiviert worden, daß das neue Präsidium die Blockmehrheit möglichst deutlich nach außen hin zum Ausdruck bringen solle. Der Zentrumspartei habe diese Selbstausschal­tung keinesfalls zum Vorteile gereicht, sie sei lediglich den liberalen Parteien zugute gekommen.

Mit Verlaub, im Februar 1907 lag die Sache doch ein wenig anders als jetzt. Das Zentrum hatte zwölf Jahre lang den Präsi­denten gestellt als die stärkste Partei und war

dieser Steuern aus reine Genußmittel bildeten ebenso das Rückgrat einer Finanzreform durch den Block von 1907, wie das des jetzigen." — „Man hat, wie mir zuverlässig mitgeteilt ist, märkischen Bauern ein« geredet, daß ihnen Bier, Schnaps, Zigarren und Streichhölzer lediglich zu dem Zweck verteuert wurden, damit der benachbarte Standesherrkeine Erbschafts-

Die Sozialdemokratie ist im Kreis Eisenach. Dermbach durch die zunehmende Jndustrieali. fterung des Landes in letzter Zeit stark ge­wachsen. Im Jahre 1898 brachte es ihr Kan­didat nur auf nicht ganz 5000 Stimmen, 1903 erhielt er fast 8000, 1905 rund 8500 und 1907 über 9500 Stimmen.

Bei der Ersatzwahl im Jahre 1905 erhielt Schack 4649 Stimmen. Der nationalliberale Kandidat erhielt damals 2782, der freisinnige 2692, der Kandidat des Zentrums 1112 und der der Sozialdemokratie 6788 Stimmen. In der Stichwahl siegte Schack mit 10235 Stimmen über den Sozialdemokraten, der nur 8621 Stimmen erhielt. Auch nach der Reichstags­auflösung gelang es Schack, in der Stichwahl gegen den Sozialdemokraten Leber das Mandat für Eisenach zu behaupten. Er wurde mit 9834 gegen 9509 Stimmen, also mit recht ge­ringer Mehrheit wiedergewählt, nachdem im ersten Wahlgang 7875 sozialdemokratische, 6985 antisemitische und 6089 nationalliberale und freisinnige Stimmen für Dr. Winter abgegeben waren. Die Freisinnigen und Nationalliberalen hatten sich auf eine gemeinsame Kandidatur ge­einigt.

Der W a h l k a m p f wird voraussichtlich wieder recht scharf werden. Nach Blätter- Meldungen wird für die Deutfchfozialen vor­aussichtlich Oberlandesgerichtsrat v. Richt Hofen, Jena, kandidieren. Ob es der deutfchfozialen Partei gelingen wird, den Wahlkreis zu halten, erscheint zweifelhaft, da vermutlich von den Gegnern die Affäre Schack parteipolitisch ausgeschlachtet werden wird. Die Liberalen hoffen, den Wahl­kreis wieder erobern zu können. Dies wäre selbstverständlich nur möglich, bei einem ge­schloffenen Zusammengehen von Nationalliberalen und Freisinn. In der liberalen Presse hat sich bezeichnender Weise bereits ein Streit darüber entspannen, welchem Lager der liberale Kandidat zu entnehmen fei. Die Nationalliberalen weisen daraus hin, daß der Kreis zuletzt nationalliberal vertreten gewesen ist, die entschieden liberale Presse dagegen behauptet, daß nur ein entschieden freiheitlicher Kandidat Siegesschanzen besitze. Wie das Beispiel der beiden letzten Reichstagswahlen erweist, ist es aber auch nicht ausgeschlossen, daß die Sozialdemokratie am Ende den Sieg erlangen wird. Wie die „Magd. Ztg." soeben , meldet, werden Nationalliberale und Freisinnige einen ge­meinsamen Kandidaten aufstellen, der bereits gewonnen sein soll.

)( Der erste Entwurf für das neue Straf­gesetzbuch ist int Reichs - Justizamte nach jahre­langen Beratungen nunmehr fertiggestellt worden

M meist Fm m Mensloe.

3] Original-Roman von O. Elster.

Mein Vater war seit mittag im Walde. Die schüchterne Bitte meiner Mutter, bei dem stürmischen Wetter nicht hinauszugehen, hatte er rauh zurückgewie- sen; in letzter Zeit hatten die Wilderei und der Holz­diebstahl im Revier wieder überhand genommen; der föater mar mehreren gefährlichen Wilddieben auf der Spur, die über die nahe Grenze des Nachbarstaates herüberkamen und sich der Verfolgung dadurch entzo- tzen, daß sie mit dem erbeuteten Wild rasch über die Grenze zunickgingen, wohin ihnen mein Vater nicht fol- tzen konnte. Mer er hatte ihre Schleichwege über die Grenze aufgespütt und lauerte ihnen jetzt auf diesen auf, um sie auf frischer Tat zu ertappen.

Den Heger, meinen alten Freund Peter und un­seren Knecht Heinrich hatte er mit in das Revier ge­nommen, um alle Schleichwege besetzen zu können.

Die Mutter und ich saßen eng aneinander ge­schmiegt in dem Zimmer und lauschten auf das Brau­sen des Sturmes und das Krachen der brechenden Tan­nen. Wir sprachen kein Wort; ich war sehr müde, weil ich erst nachmittags von der Schule aus dem be­nachbarten Dorfe zurückaekommen war und mich mit Mühe durch den hohen Schnee gekämpft hatte. Ich schloß die Augen und bei dem einförmigen Tiktak der Wanduhr und dem Surren des Spinnrades unserer Magd schlief ich fest ein

Mir lange ich geschlafen, weiß ich nicht. Plötzlich erwachte ich durch eine heftige Bewegung meiner Mut- ter' a”2crV Schulter ich meinen Kopf gelegt hatte, unb horte das wütende Bellen und Heulen unserer Hunde draußen auf dem Hofe.

Meine Mutter und die Magd liefen hinaus. Ich hörte rauhe Männerstimmen, und plötzlich einen lauten Schreckensschrei meiner Mutter. Jetzt lief auch ich auf die Hausflur und niemals werde ich den Anblick ver­gessen, welcher sich mir darbot.

Auf einer Tragbahre, die man aus den Flinten L.'eines Vaters, des alten Peter und des Knechtes, so­

wie aus Tannenzweigen hergestellt hatte ,lag der blu- tige Körper meines Vaters. Meine Mutter briete ne­ben der Bahre und verbarg schluchzend ihr Gesicht in die Hände Der alte Peter und der Knecht, welcher eine Laterne in der Hand trug, deren Licht die fürch­terliche Szene mit rotem Schein übergoß, standen mit gesenktem Kopf zu Hänpten der Bahre.

Ich lies auf meinen Vater za, der in diesem Augen­blick schwer aufftöhnte; dieses Zeichen, daß noch Leben in ihm war, erweckte meine Mutter aus ihrem Schmerze.

„Bringt ihn in das Zimmer auf sein Bett," bat sie, „unb dann lauf einer nach dem Schlosse und melde den Vorfall. Der Cberfötfter schickt wohl einen Wa­gen nach dem Arzt . . ."

Die beiden Männer hoben meinen Vater auf und trugen ihn auf das Bett. Der Knecht lief nach dem Schloß, während der alte Peter, welcher mit Schuß­wunden umzugehen verstand, unter Beihilfe meiner Mutter und der Magd meinen Vater entkleidete, seine Wunde auswusch und einen vorläufigen, einfachen Verband anlegte.

Während des Reinigens der Wunde erwachte mein Vater aus seiner Bewußtlosigkeit. Mit stieren Augen blickte er sich um. Ms er meine Mutter sah, wurde der AuSdmck seines Gesichtes weicher. Er streckte die Hand nach ihr aus, die sie ergriff und aufschluchzend an das Herz drückte.

„Weine nicht, Minchen," slüsterte er mit ver­schleierter Stimme. „Einmal mußte es so kommen, dieses Mal haben die Halunken besser gezielt als ich . . . aber seinen Denkzettel hat der Bursche, der auf mich schoß, doch gekriegt. . . ."

„Der Herr Förster schoß noch als er schon ver­wundet war," sagte Peter, „und hat den andern mause­tot geschossen."

Meine Mutter schauderte. In meines Vaters Au­gen leuchtete es auf.

„Hab ich ihn totgeschoffen? — Ach, das ist gut, ich war von jeher ein guter Schütze, unb man soll von mir nicht sagen, daß ich jemals gefehlt habe. .. selbst mit der Todeswunde in der Brust .. ."

„Sie dürfen jetzt nicht soviel reden, Herr För­ster . . .'

„Dummes Zeug — zu Ende gehts ja doch — ob eine Stunde früher ober später, ist einerlei . . . meine nicht, Minchen . . . komm her. Junge, ich hab Euch etwas zu sagen . . ."

Wir drängten uns näher zu ihm. Er ergriff meiner Mutter Hand und legte sie auf mein Haupt

„Sorge für ihn, Minchen," sprach er. „Erziehe ihn ordentlich, laß ihn etwas Rechtes lernen — du weißt ja, was davon abhängt . . ."

„Ach Hundekar," seufzte meine Mutter, „denk doch jetzt nicht an die alten Geschichten!"

„Ich will aber daran denken," fuhr er auf. „Und du sollst auch daran denken. Erzähl es dem Jungen — ich habe alles ausgeschrieben — unb bann lebt noch eine, bie alles weiß, wenn bie wieder zur Vernunft kommt. . ."

Ein Krampfanfall drohte ihn zu ersticken; einzelne Blutstropfen traten ihm auf die Lippen.

„Richtet mich auf," stöhnte er.

Peter hob ihn empor. Er kämpfte gewaltsam den Krampf nieder, aber die Augen traten ihm fast aus den Höhlen und fein Gesicht wurde aschfahl.

„Hörst du," flüsterte er, „ich habe alles aufgeschrie­ben .. . gibs dem Jungen, wenn er zu Verstände kommt... für mich tonnt? ja nichts nützen ... ich war ein armer, bummer Teufel und ich — ich habe dich geheiratet . . ."

Meine Mutter schluchzte.

„Ja, ja", fuhr er fort, „ich hatte mich in dich ver­liebt und Verliebte sind Toren . . . aber weine nicht, Minchen, die ersten Jahre waren wir doch glücklich, bis die alte Decker mir alles sagte . . . da faßte mich der Teufel . . . unb jetzt . . . jetzt ... haltet mich ... ich ... ich sterbe ..."

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür der Stube unb der Pfarrer des nächsten Dorfes, der dem Knecht begegnet war, trat ein. Er kam gerade zur rechten Zeit, um dem unglücklichen Verwundeten den letzten Trost zu spenden.

Der Kranke bäumte sich krampfhaft empor. Ein blutig gefärbter Schaum quoll ihm über die Lippen

und bann brach ein dunkelroter Blutstrom hervor — und aufftöhnend sank er zurück — mein Vater war tot. —

Niemals werde ich diese schreckliche Nacht vergessen. Meine Mutter hielt mich in ihren Armen und weinte still in sich Hinern; der alte Peter saß schweigend und mit ernstem Gesichte da, zuweilen einen Seufzer aus- stoßend oder ein gutgemeintes Wort des Trostes zu meiner Mutter sprechend. Die Magd drängte sich ängstlich in den Winkel hinter dem Ofen, sie fürchtete sich das Zimmer zu verlassen. Draußen aber brauste der Wintersturm und stürzten krachend die Tannen zu­sammen, als schösse man mit Kanonen. Und bie Hunde auf dem Hose heulten in langgezogenen Tönen und aus dem Walde heraus klang das heisere Bellen der Füchse und der unheimliche Ruf der Eule.

Es war eine schreckliche Nacht, die wir an dem Totenbette meines Vaters verbrachten, und mir atme­ten alle erleichtert auf, als der Morgen langsam her- aufbämmerte und Helles Glockenklingen eines nahenden Schlitten die Ankunft anderer Menschen meldete.

Es war der Oberförster Bickert von Schloß Ol- densloe mit dem Arzt und einem Gerichtsbeamten aus der Kreisstadt.

Peter ging ihnen entgegen unb meldete ihnen den Tod meines Vaters, den der Arzt auch nur konstatieren konnte. Ein Schuß in die Brust hatte die Lunge zer­rissen, welche Wunde dann den Bluffturz herbei- sühtte.

Der Arzt unb bet Gerichtsbamte nahmen dann einige Protokolle auf, bie alle Anwesenden unterschrei­ben mußten. Schließlich sagte der Oberförster Bickert zu meiner Mutter: „Wir alle, seine Kollegen und die anberen Beamten bebauetn sehr den Tod Ihres bra­ven und pflichtgetreuen Gatten, ich spreche Ihnen mein innigstes Beileid aus. Seien Sie versichert, daß auch die Frau Gräfin und deren Sohn, der Graf Lothar innigfteä Beileid nehmen. Ich habe schon mit bet Frau Gräfin gesprochen, über Ihre Zukunft können Sie ganz beruhigt sein, bie Frau Gräfin wird bie Witwe eines braven Beamten, der in der Erfüllung seiner Pflicht gestorben ist, nicht vergessen."

(Fortsetzung folgt.)