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Sotationrdruckund Verlag der Zuldaer Al- tiendruckerei in Zulda Zemsprecher Nr.y.
JV3 209.
Fulda, Montag den 13. September 1909.
36. Jahrgang.
Zweites Wtcrtt.
+ Unanständige Kampsesweise.
Ein Nachspiel zu dem großen Brandunglück, das vor Jahresfrist die Stadt Donaueschingen betroffen hat, wird gegenwärtig in der badischen Presse behandelt.
Es betrifft die Verteilung der nach dem Brande aus ganz Deutschland eingekommeneu Hilfs gelber. Aus dem Hilfsfonds haben nämlich u. a. höhere Beamte, die in Donaueschingen domiziliert und von deni Unglück betroffen waren, eine Unterstützung erhalten, ein Notar, ein Obersteuerinspektor und ein Oberamtsrichter. Diese Tatsache gibt nun der liberalen Presse Anlaß zu schwerer Kritik, Indem sie behauptet, die Hilfsgelder seien im Sinne ider Geber nur für die „Bedürftigen" bestimmt gewesen und die höher^i Veaniten, die aus dem Hilfsfonds eine Unterstützung angenommen hätten, hätten nicht „vomehm" gehandelt.
Dazu ist zu bemerken, daß nach offizieller Feststel- lung durch das Hilfskomitee, dem die Verteilung abgelegen hatte, zunächst alle von dem Brande betroffenen bedürftigen" Familien in der vollen Höhe ihres Schadens entschädigt worden waren, und dann
liche Momente gegen den politischen Gegner auszuschlachten. Ja bester Erinnerung ist ja noch das samose Stücklein der Liberalen in Köln, die bei der letzten Stadtratswahl den protestantischen Zentrums- kandidaten als „Freimaurer" entlarvten und ihn so bei der katholischen Wählerschaft unmöglich zu machen suchten. Allerdings auch damals ohne Erfolg.
□ Die SpioNitis in Frankreich.
Die Spionenfurcht ist eine Krankheit der französischen Presse, die sich alljährlich um die Zeit der sauren Gurke einstellt, also dann, wenn den Blättern der Stoff auszugehen droht.
Gar manche französische, besonders Pariser Blätter, leben nur von der Sensation und mehr als eines dieser Blätter könnte gar bald den Betrieb einstcllen, wenn es nicht mehr in der Lage wäre, seine Leser mit sensationellen Nachrichten abzufüttern. In solchen schlechten Zeiten bringt man dann stets das Kapitel der Spionage aufs Tapet, bmischt irgend einen Fall von Spionage auf oder malt eine Spionageaffäre, die nur im Gehirn der betreffenden Zeitungen existtett, in den dunkelsten Farben ou8. Das zieht dann stets, denn die leichtgläubigen Leser nehmen alles für bare Münze u. die Blätter gehen ab wie die warmen Semmel. Man muß dabei berücksichtigen, daß der Pariser zumeist nicht
? r st haben die genannten Beamten eine Unterstützung ^erhalten Ist es aber richtig zu behaupten, daß eine ssolche Unterstützung nicht dem Sinne der Geber entsprochen hätte? Wir meinen, auch Personen, die in Höherer Stellung befindlich sind, können durch ein Drandunglück derart betroffen werden, daß sie in eine wirkliche Notlage geraten, und wenn dies der Fall ist, sind sie von der Willensmeinung der Spender p b e n s o als bedacht anzusehcn wie alle übrigen Geschädigten. Das sollte eigentlich so selbstverständlich /sein, daß man kein Wort darüber zu verlieren brauchte.
Wie kommen denn nun die liberalen Blätter dazu, nach Jahresfrist über die Verteilung des Hilfsfonds Meschwerden zu erheben? Die Erklärung ist einfach, ■ßn Baden stehen die Landtagswahlen vor der Tür und in dem hart umstrittenen Bezirke Bonndorf kandidiert für das Zentmm Herr Landgerichtsrat Wittemann, der im Vorjahre Oberamtsrichter in Donaueschingen war. Er hat von den Hilfsgeldern tzleich wie die beiden anderen genannten Beamten, die der nationalliberalen Partei angehören, einen Betrag empfangen und zwar in Höhe von 3000 Mk. Daraus nun soll chm ein Vorwurf gemacht werden, damit er -als moralisch nicht zur Ausübung des Landtagsman- dais qualifiziert erscheine.
Dieser Vorwurf ist absolut unberechtigt, denn Herr Wittemann ghört zu den von dem Brandunglück am allerschwersten betroffenen Personen. Herr Wittemann hat durch den Brand einfach alles Perloren; darunter alles Bargeld und seine sämtlichen Wertpapiere, seine außerordentlich reiche Bibliothek und viele Kunstwerke. Aber warum konnte Herr Oberamtsrichter Wittemann nichts retten? Seine Frau weilte in Freiburg bei ihren schwerkranken, inzwischen verstorbenen Ettern; er selbst aber war als Volksvertreter in Karlsruhe und arbeitete mit dem ihm eigenen Fleiße an dem Berichte über ein Gesetz- auf /den Brandfall hin fuhr er in Nacht und Nebel nach Donaueschingen heim, traf aber statt seiner Wohnung Nichts mehr als einen rauchenden Trümmerhaufen. Man kann es ihm nachfühlen, was er da empfand; trotzdem reiste er alsbald wieder nach Karlsruhe zurück,. nur damit die Vorlage, zu der er den überaus beifällig aufgenomnienen Bericht verfaßt hatte, noch vor Schluß des Landtags erledigt werden Könnte. Nachher gönnte sich Oberamtsrichter Wittemann keinen Urlaub, trotzdem nach der angestrengten Arbeit und der furchtbaren Heimsuchung niemand wehr darauf Anspruch erheben konnte, als gerade er. vielmehr kehrte er nach Donaueschingen zurück und blieb auf Bitten des Ministeriums auch nach seiner Persetzung als Landgerichtsrat nach Offenburg noch Monate lang in Donaueschingen, um die Akten des febenfalls abgebrannten Amtsgerichts wieder zu ordnen bezw. zu ergänzen; eine Niesenarbeit! Wittemann unterzog sich ihr, trotzdem er seine Familie auf Monate lang auflösen mußte, weil er in Donau- 'eschingen keine Wohnung mehr fand. Der G e s a m t- , schaden WittemannS bezifferte sich auf 42 000 Mk. Davon waren J7 000 3JH durch Kersichermig gedeckt Aus den Hilfsgeldern erhielt Derr Wittemann 3000 Mk., 15 Proz. der Feuerver- fficherungssumme.
-bad deshalb eine Hetze, die an Gehässigkeit und Gesinnungsroheit so ziemlich alles übersteigt, was wir tm politischen Leben bisher kennen gelernt haben. Um nichts anderes handelt es sich, als um den schmählichen -Versuch, einen verdienten Abgeordneten persönlich zu dlskretteren. Denn von welcher Stelle geht — nun ima; Jahresfrist! — die Hetze aus? Nach feinem eigenen Geständnis ist es der jungliberale Landge- Mchtsrat Mötsch von Waldshut gewesen, der den -Wahlkampf im Bezirke Bonndorf an der Seite seines
Probst gegen Wittemann führt, und e?nSh,m «°bCts °sf<mtlich vorzuwerfen, daß ^em Brande in Donaueschingen „ohne Not" ^als beguteUer Landtagsabgeordneter" und „als gut ^K"er h°herer badischer Richter" von den gesam- S m^T9cIbcr? "°eh mehr haben wollte, als sei- it.Tr ^Betrag entsprach, damit aber abge-
esin wurde, und daß er nach Beschränkung seiner Forderung auf den versicherten Betrag sich noch dahin pemuht habe einen höheren Prozentsatz als die Haus- !?e>^er zu erhalten. Diese Behauptungen find mitt- ,eemeüe durch die offizielle Erklärung des Hilfskomi- tees als Verleumdungen entlarvt worden. iein2US?Ien Bemühungen, Herrn Wittemann bei iS, 3U machen, werden keinen
SH? fcbZn" Leder rechtlich Denkende muß fich auch gii Entgiftung abwenden von einer derart schoflen 5s^r?^bise, die sich nicht scheut, den poli- tl scheu Gegner persönlich zu verleumden und zu ver- Angllmpfen. w —
cs ja nicht das erste Beispiel, daß Pie Nationalliberalen es musterhaft verstehen perkön-
als Abonnent fein Blatt llest, sondern jede Nummer einzeln kaust. Je sensationeller ein Blatt „aufgemacht" ist, um so eher kann es auf guten Absatz rechnen.
Die Gelegenheit, in Spionage-Sensation zu machen, war in diesem Jahre wegen der in C h Ll o n s- sur-Marne gestohlenen Mitrailleuse ganz besonders günstig. Die Zeitungen spien Feuer und Flammen und brachten jeden Tag an der Spitze de? Blattes unter in die Augen springenden Ueberschristen die unsinnigsten Behauptungen über den Diebstahl von ChLlons. Dem Mitrailleusendiebstahl ließen sie dann so und so viele andere Diebstähle folgen oder sie „entdeckten" in allen Ecken Frankreichs neue Spionennester, die nach ihren Behauptungen vor den Augen der Behörden ihr Wesen trieben.
In den Ministerien des Innern und des Krieges konnte man hundertmal versichern, daß alles übettrie- ben ist, hundertmal in offiziösen Noten die Dinge auf ihr richtiges Maß zurückführen, alles umsonst! Man will der Regierung einfach nicht glauben und sogar sonst ganz vernünftige Blätter, tote z. B. der „Tcknps", bezeichnen die Erklärungen der Regierung als kindische Vertuschungsversuche! Viele der französischen Blätter benutzen die Gelegenheit nebenbei zu einer ausgiebigen Deutschenhetze, und der „Gil Blas" verstteg sich sogar zu der Behauptung, sämtliche in Paris wohnenden Deutschen wären Spione im Dienste ihrer Regierung. Daß es unter diesen Umständen kein Vergnügen war, als Deutscher fein Dasein in Paris zu fristen, ist Har. Es gehörte auch nicht zu den Annehmlichkeiten. in den letzten Wochen nach Paris zu reisen, denn überall witterten die durch eine gewissenlose Hehpresse aufgewiegelten Franzosen deutsche Spione.
Endlich scheint jetzt die Spionenfurcht ihren Höhepunkt erreicht zu haben, wenigstens lassen verschiedene äußere Anzeichen auf einen R ü ck g a n g derSpio- n i t i s schließen. Man darf es z. B. als einen günstigen Umstand bezeichnen, daß die alarmierenden Spionageartikel, die sonst mit riesigen Ueberschristen versehen auf der ersten Seite ihren Platz fanden, inzwischen in kleinerem Druck auf die zweite ober dritte Seite verbannt worden sind. Die meisten der Spionagefälle sind, da sie fich nicht halten ließen, von der Bildfläche verschwunden und nur mit dem Diebstahl von EhLlons beschäftigt man sich noch, aber, wie gesagt, nur noch auf den Hinteren Seiten des Blattes und nicht mehr in dem gleichen Umfange wie früher. Auch einzelne Blätter scheinen unterdessen wieder etwas zur Besinnung gekommen zu fein und die Gefährlichkeit der ganzen Hetzereien zu erkennen. So schrieb beispielsweise die „Petite Republique":
„Noch einen Schritt weiter und wir scheinen ganz und gar übergeschnappt! Zum Teufel, werden wir doch endlich vernünftig! Das Vaterland ist darum noch lange nicht verloren, wenn auch einmal eine Mitrailleuse verschwunden ist. Gewiß, ihr Verschwinden ist eine ernste Sache, und das Anwachsen der Spionage das stch dadurch verrät, gibt zu schweren Bedenken Anlaß. Aber der Borsall scheint weit mehr dazu angetan, uns zu gründlicher Selbstbetrachtung zu führen, als lächerliche Uebertreibungen daraus zu schmieden, die im letzten Grunde doch nur Ausfluß erbärmlicher politischer Nebengedanken sind.»
Im Interesse eines freundnachbarlichen Zusammenlebens wäre zu wünschen, daß die Besinnung bald wie- derkehrt und die französischen Preßorgane mit ihren die öffentliche Meinung beunnihigenden übertriebenen Artikeln aufhören.
Deutsches Reich.
X Den Führern der hessischen Zentrums- Partei, den Landtagsabgeordneten v. Brentano-Offenbach und Dr. Schmidt-Mainz ist, wie gemeldet, vom hl. Vater der Gregoriusorden verliehen worden. Daraus leitet die liberale Preffe wieder den Vorwurf ab, daß man sich in Rom bemühe, die Differenzen im Zentrum aus dem Wege zu schaffen. Den Beweis dafür aber, daß die Zentrumsabgeordneten diese Auszeichnung wegen ihrer Zugehörigkeit zum Zentrum erhalten haben, bleibt man natürlich schuldig. Ein Berliner Blatt will sogar wissen, daß der hl. Vater durch die Dekorierung der beiden Ab- geordneten, die in der vom Zentrum einzuschlagenden Taktik angeblich nicht übereinstimmen, seine Objektivttät beweisen und sein Vertrauen sowohl der konservativen wie der demokratischen Richtung aussprechen wollte. — Die Sorge ver Liberalen um das Zentrum ist höchst überflüssig. Wir meinen, die Herren hätten im eigenen Lager genug zu tun. Oder wollen sie aus diese Weise
die öffentliche Aufmerksamkeit von der liberalen Zersplitterung ablenken? Der HI. Vater hat schon des öfteren bewiesen, daß er sich um die Politik des Zentrums als solches keineswegs kümmert. Er weiß eben, daß das Zentrum eine politische Partei ist. Die Gegner freilich wollen dies noch immer nicht einsehen, und so suchen sie wieder aus der Dekorierung zweier hervorragender Katholiken, die gleichzeitig dem Zentrum angehören, Kapital zu schlagen. Bei ihren großen inneren Wirren gönnen wir es ihnen gern. Dem Zentrum wird man dadurch doch keinen Abbruch tun.
4- Der Kurs der Polenpolink bleibt unverändert. liebet die Tagung des deutschen Ostmarkenvereins spricht sich die,Nordd. Allg. Zig/ in recht bemerkenswerter Weise aus:
„Abermals kam die nationale Tendenz in den Bestrebungen dieser Vereinigung zu kräftigem Ausdruck. Man kann ihr angesichts der stetig mit stärkstem Eifer betriebenen Agitation des Polentums in den östlichen Gebietsteilen nur weiteren Erfolg und fortgesetzt lebhafte Unterstützung aller patriotisch gesinnten Kreise wünschen, denen es ernst ist mit der Wahrung des Deutschtums in der Ostmark unseres Vaterlandes."
Unter Hinweis auf den Telegrammwechsel mit Kaiser und Reichskanzler heißt es dann:
„Aus diesen bedeutsamen Kundgebungen darf der Oflmarkenverein entnehmen, daß sich in dem Kurse der Polenpolitik der Staatsregierung nichts geändert har, indem diese Politik von der Erkenntnis der Gefahr der polnischen Umtriebe auf deutschem Boden dauernd bestimmt und geleitet wird."
Ausland.
* Ein deutsch-österreichischer Katholikentag. Der für Anfang September in Wien geplante siebente allgemeine Katholikentag ist bekanntlich verschoben worden. Die nationale Erregung, durch die die Sprengung des Katholikentages verursacht wurde, schlägt hohe Vellen und es ist eine Milderung der Gegensätze noch nicht abzusehen. Da könnte man also noch sehr lange warten, bis wieder ein allgemeiner Katholikentag möglich ist. Darum wird beabsichtigt, noch im Laufe des Herbstes einen d eutsch-öster- reichischen Katholinntag in Linz oder Salzburg abzuhalten, auf dessen Tagesordnung auch die verschiedenen Schulsragen stehen sollen.
* Griechischer Prinz und Dallarprinzessin. Prinz Christophores, der jüngste Sohn des Königs von Griechenland, beabsichtigt, sich mit der Tochter eines amerikanischen Millionärs zu verloben. Der 21jährige Prinz nahm in London an der Verlobungs-Feier des Prin'en Miguel von Braganza mit der Amerikanerin Anita Stewart teil. Bei dem Festmahle saß er gegenüber einem Fräulein Margarita Brexel. Die junge Amerikanerin, die eine Mitgist von 100 Millionen Franken erhält, hat während ihres zweijährigen Londoner Aufenthaltes bereits 65 Heirats-Anträge abgelehnt, da sie es sich zum Prinzip gemacht hat, nur einen Prinzen von Geblüt zu heiraten. Nun scheint sie ihr Ziel erreicht zu haben.
Aus dem Nachbargebreie.
* Vacha, 12. Sept. 1909. Infolge Fütterns mit frischem Hafer ist einem hiesigen Fuhr- Werksbesitzer ein Pferd an Kolik verendet.
* Alsfeld, 11. Sept. 1909. In der abge- laufenen Woche sind hier wieder mehrere Typhusfälle zur Anmeldung gekommen. In der Stadt Alsfeld beläuft sich die Zahl der amtlich angemeldeten Typhuskranken auf 72, im Kreise Alsfeld gegenwärtig auf 110. Die Ursachen der Epidemie sind noch nicht klargestellt worden.
* Brückenau, 12. Sept. 1909. Aus Jäger- kreisen wird über mageren und geringen Wildstand in der Rhön geklagt, der sich gerade in diesem Jahre ganz auffällig zeigt, auch die Hühnerjagd läßt viel zu wünschen übrig. Die Schuld wird den letzten strengen Wintern, den vielen auswärtigen Jagdpächtern und deren Abschußwut beigemeffen.
* Witzenhausen. 10. Sept. 1909. Gestern starb im hiesigen Krankenhause die älteste Einwohn erin unserer Stadt, die Hospitalbewohnerin Elisabeth Bastian, in einem Alter von 95 Jahren; sie war nur in der letzten Zett leidend gewesen.
* Eschwege, 12. Sept. 1909. In der Tabakindustrie machen sich die Folgen der Tabaksteuer bereits bemerkbar. Der Eingang von Aufträgen läßt sehr zu wünschen übrig. Das ist darauf zurückzuführen, daß Geschäfts- leute und auch Private ihren Bedarf, teilweise auf Jahre hinaus, gedeckt haben. In einer ganzen Anzahl Fabriken, die jetzt sämtlich einige Stunden früher schließen, teilweise auch die Arbeiter nur umschichtig beschäftigen, mußten Arbeiterentlassungen erfolgen; weitere Entlassungen stehen noch bevor. Bei dem Magistrat gehen" deshalb fortgesetzt Unterstützungsgesuche geschädigter Arbeiter ein.
* Niederkaufungen, 11. Sept. 1909. Der hiesige Schulverband hat beschlossen, auf Grund des Schuluuterhaltungsgesetzes vom 28. Juli 1906 im Gesamtschulverband Niederkaufungen von nicht einheimischen Kindern für den Besuch der Schule ein Fremdenschulgeld von jährlich 20 Mk. für das Kind zu erheben. Die Schulaufsichtsbehörde hat ihre Zustimmung erteilt.
* Kassel, 11. Sept. 1909. Ein Pech- vogel ist ein in einer hiesigen großen Werkstatt angestellter Schreinergeselle, dem erst kürzlich zwei Finger der linken Hand von einer Hobelmaschine abgeschnitten wurden. Dieser Tage geriet er mit der rechten Hand in die Maschine und verlor drei Finger. Der bedauernswerte junge Mensch wird voraussichtlich dauernd erwerbsunfähig bleiben. — Nicht weniger als 13 Diebstähle fallen drei jungen Burschen zur Last, die gestern in einem Metzgergeschäft in der Mittelgasse beim Diebstahl abgefaßt wurden. Sie hatten es hauptsächlich aus Nahrungsmittel abgesehen, aber auch Handwerkszeug und Handwagen ließen sie mitgehen.
* Bon der Schwalm, 12. Sept. 1909. Ein Soldat des 96. Infanterie-Regimentes, das in Zella in Quartier lag, ist mit der Dienstmagd eines dortigen Landwirtes durchgegangen. Von den Ausreißern fehlt jede Spur.
* Mainz, 11. Sept. 1909. Ein Arzt aus Essen, der hier dem Verbandstag der Eisenbahnärzte als Delegierter beiwohnte, ist in einen Hotel an Scharlach erkrankt und gestern nachmittag gestorben.
* Aus Rheinhessen, 11. Sept. 1909. In den Weinbergsanlagen der Gemarkung Gumbsheim wurden neuerdings einige Reblausherde festgestellt.
* Vom Eichsfelde, 11. Sept. 1909. Ein seltenes Naturschauspiel, ein Mondregenbogen, konnte dieser Tage in Bickenriede beobachtet werden. Der Mond, welcher fast im Himmelsäquator stand, hatte eine ungefähre Höhe von 3 Grad über dem östlichen Horizont erreicht. Die Luft war klar und das Himmelsgewölbe fast wolkenlos. Nur im Westen stand eine schwarze Regenwolke. Diese schob sich langsam gegen den Zenith vor, und als sie um 9 Uhr 32 Minuten sich ungefähr 40 Grad über dem westlichen Horizont befand, entstand plötzlich am Firmament der seltsame Regenbogen, der sich in der Breite nicht von einem Sonnenregenbogen unterschied. Um 9 Uhr 43 Minuten bedeckten Regenwolken den hell glänzenden Mond und das fesselnde Schauspiel sand sein Ende.
* Heiligenstadt, 10. Sept. 1909. Zu der Meldung von dem Großfeuer, das in Heuthen sechs Wohnhäuser und dreizehn Wirtschaftsgebäude einäscherte, ist noch nachzutragen, daß der Besitzer der Scheune, die in Brand geraten war, bei der Feuersbrunst schwere Brandwunden an den Armen und im Gesicht davongetragen hat. Er mnßte in das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern nach Heiligenstadt überführt werden. Nach neueren Mitteilungen scheint es, daß durch ein offenes Licht beim Dreschen das Feuer verursacht worden ist.
* Ein „gefühlvoller" Hauswirt. Bei dcm Klempnermeister Konrad in Halenfee wohnte eine Witwe Engel, die durch Waschen und Reinmachen für sich und vier Kinder den Lebensunterhalt bestritt, feit einigen Monaten zur Miete und zahlte pünktlich ihre Mete. Am 1. August haperte es jedoch damit, doch hatte Frau E. am 5. das nötige Geld zusammen und brachte es dem Hauswitt. Dieser hatte ober bereits am Tage zuvor die Räumungsklage eingereicht und Frau 6. mußte am 31. die Wohnung räumen. Frau E. sah sich jetzt nach einer neuen Wohnung um, konnte jedoch nichts Passendes finden. Am 6. d. M. morgens 8 Uhr erschien plötzlich der Klempnermeister Konrad in Begleitung eines Gerichtsvollziehers und von vier Männern und ließ die Sachen der Frau E. auf die Straße schaffen. Hier haben siebiszumandern Nachmittag gestanden, da es Frau E., die aller Mittel entblößt war, nicht möglich war, sie irgendwo unterzubringen. Sie selbst hat mit ihrer schwächlichen siebzehnjährigen Tochter die Nacht aufderStraße zubringen müssen. Ihrer drei anderen Kinder hatten sich barmherzige Menschen angenommen. Von Müdigkeit übermannt, war die Frau und ihre Tochter eingeschlafen, diese Gelegenheit hatten Diebe wahrgenommen und ihr, was noch von ihren Habseligketten des Mitnehmens wett war, gestohlen . . . Ein trauriges Bild des Elends! ... O, nicht doch, der Hauswitt ist ein ehrenwetter Mann, er war gesetzlich ganz in seinem Recht, und darüber hinaus war er ja doch „zu nichts verpflichtet".
*♦ Die Fürsorgeerziehungsanstalt Mielczhn stand am Donnerstag auf der Tagesordnung der Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung von Berlin. Die grausamen Mißhandlungen, die an den Fürsorgezöglingen in dieser Anstatt verübt worden sind, die rohen Pttigelstrafen, die Hungerkuren und die anderen Hilfsmittel aus dem Arsenal der Breithauptschen Crzieh- ungskunst kamen ausführlich zur Sprache. Leidenschaftliche Ankläger erhoben sich im Saale, und die Anklagen ttchttten sich gegen die städttsche Waisenverwaltung, diese Verwaltung, die in Mielczhn niemals eine Revision vorgenommen hat und Pastor Breithaupt nach Gutdünken schalten und walten ließ, und von all den Greueln nichts geahnt hat, und die, als die Enthüllungen kamen, zuerst deren Bedeutung abzuschwächen suchte und sich erst langsam zu einer Tat drängen ließ, statt sosott energisch einzugreifen. Sie fand nicht einen einzigen Verteidiger. Alle Redner toaren einig in bet Verurteilung der Haltung der Deputatton. Bürgermeister Dr. Reicke gab Zusicherungen für die Zukunft. Das Ergebnis der Debatte war, daß der sozialdemokratische Antrag, durch den der Magistrat aufgeforbert wird, bie städtischen Fürsorgezöglinge sosott aus der Anstalt Mielczhn zurückzuziehen, einstimmig einem Ausschüsse zu- gewiesen wurde.