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Maer W Zeitung

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36. Jahrgang

Fulda, Samstaa bett 11. September 1909

M 208

Zweites Wtatt

Fixigkeit der dortigen Lenklustschiffer dahin gekom­men, daß so ziemlich die ganze Luftflotte in der Klinik liegt. Und in der Geschichte der Flugmaschine („schwe­rer als Luft") ist soeben wieder ein Todessturz ver­zeichnet worden. __

Da lobe ich mir die Vorsicht des FlugkunftlerS Orville Wright, der zurzeit auf dem Tempel- Hofer Felde bei Berlin seine Maschine vorftchrt. Wright prüft zurrst ganz genau die Wind- und Wet- terverhältniffe Wenn ihm die Lustbewegung zu stark oder zu böig ist, so bleibt er in seinem Schuppen und läßt die Tausende von Neugierigen vergeblich warten. Nun sagt man: Was nützt uns eine Flug­maschine, namentlich für militärische Zwecke, wenn sie nur bei dem auserlesensten Wetter fliegen kann? Frei- lich, der Nutzen ist vor der Hand gleich null. Aber der Mann hat doch recht, wenn er sich und seine Ma­schine schont. Durch die Flüge bei sanfter Luft wer­den persönliche und sachliche Erfahrungen gesammelt, die nach und nach dazu befähigen, auch bei schärferem Winde zu fahren. Die Vorsicht soll nicht zum Still­stand führen, sondem nur den stetigen Fortschritt ohne unsteiwillige Unterbrechungen gewährleisten.

Immer langsam voran! Es geht ja so wie so noch schnell genua. An Neuigkeiten auf dem Gebiet der Entdecker und Erfinder haben wir heutzutage Ueberfluß. Karim ist Shackleton dem Südpol bis auf wenige Grade nahegekommen, da melden sich Cook und Peary als Besucher des Nordpols. Kaum hat Zeppelin zum allgemeinen Entzücken über Groß-Ber­lin seine Kreise und Achten gezogen, da führt der Aviatiker Wright den Berlinern seine Nachahmung des Vogelflugs vor. Von allen Seiten geht man auf „Eroberung* aus, auf die Eroberung unbekannter Länder und des bisher verschlossenen Luftmeeres. Nicht auf Kriegspfaden, sondern in friedlichem Wett­bewerb. Wenn etwas Gezänk oder auch ein bischen Schwindel mit unterläuft, so soll uns das nicht auf­regen. Jeder Wagen, der sich bewegt, wirbelt Staub auf lind mag an Stelle des reinen wissenschaftlichen Dranges sich persönliche Eitclkett und Sporttrieb der- mischen, so kann man diese menschlichen Schwächen mit Nachsicht hinnehmen, so lange uns für die Er­kenntnis und die Kultur etwas gutes mit abfallt. ES wird überall und immerdar in der menschlichen Küche mit Wasser gekocht, und das Wasser ist manchmal nicht ganz rein.

Cook ist zuerst nach Europa zurückgekehrt und hat uns einiges von seiner Polfahrt erzählt. Was er bis­her aufgetischt hat, kann ganz bequem in irgend einem Lehnsessel ausgedacht worden sein. Nichts packendes, was überzeugend wirken könnte. Seine genauen Auf­zeichnungen hat er angeblich nach Amerika voranSge- schickt. Peary hat inzwischen nur kurz und grob tele­graphiert: er soll bald kommen und wir werven dann ja sehen, ob er auch billige Allgemeinheiten auftischt. An ihren Früchten werdet ihr sie -rkennen. Die Her­ren Poljäger sollen genau darlegen, welche wissen­schaftlichen Beobachtungen Rc in der Polargegend ge- macht haben. Wenn sie keine Ausbeute mitbringen, die vor der Krittk standhält, so kann man ihnen einfach sagen: Mt Euch ist nichts los, geht nur wieder zu den Eskimos.

Auch wenn der eine ober der andere den Pol er­reicht haben sollte — der Pol freilich allein macht den Kohs nicht fett Er ist ein Punkt, der sich durch nichts weiter auszeichnet, als daß einem der Polarstem grab über bem Scheitel steht, wenn man sich auf diesen Puntt aufstellt. Das Vergnügen, den Polarstem über seinem Kops zu sehen, kann man nur während des Winterhalbjahrs genießen, wenn gerabe eine Lücke in den Wolken ist; während des Sommerhalbjahres gebt bekanntlich die Sonne nicht unter und sind also die Sterne unsichtbar (abgesehen vielleicht von einem sehr Hellen Planeten). Wmn es wirklich eine Erdachse gebe und deren nördliches Ende am Pol zum Vor­schein käme (etwa in Gestalt eines Nagels, wie die Eskimos sich erzählen), so wäre der Nordpol ein intereffanter Ausflugsort. Er hat aber nur einen Einbildimgswert. Er ist der geographische Mittel- puntt der riesigen Eiswüste, und wer in diese Eis­kappe der Erde einbringt, der will gar zu gern sich rühmen können, bis zu ihrem Mittelpunkt vorgedrun- gen zu sein. Nansen machte bekanntlich auch den emften Versuch — erst auf seinem treibenben Schiffe „gram* unb bann durch eine kühne Fußtour — den Nordpol zu erreichen. Als es ihm nicht gelang, er­klärte er die hochhängenden Trauben für sauer und legte bar, mit ber Erreichung des Pols fei nichts rechtes gewonnen, es komme vielmehr darauf an, die ganze Polarregion gründlich zu erforschen. Und darin hat er offenbar recht. Alle die waghalsigen Spritz­touren nach dem Nordpol sind Kraftverschwendung. Im besten Felle führen sie, wie es jetzt geschehen fein soll, zu einer Stippvisite, einem Augenblicksaufenthalt

Einfluß auf die innere Politik Oesterreichs zu gewin­nen". Das Endziel alldeutscher Träumer kennt man ja: Das ganze Deutschland soll es fein . . .! Trotz­dem Kaiser Wilhelm I. im August 1871 bei einer dem Grafen in Gastein gewährten Audienz gesagt hat: „Er habe Kaiser Franz Joseph in Ischl die Versiche­rung gegeben, niemand denke daran, die österreichisch- deutschen Provinzen zu gewinnen. — Welsen und Polen nennt ein Alldeutscher in einem Atemzuge. Die Polen begehen das unverzeihliche Verbrechen, daß sie existieren. In zwei Provinzen hat man es darauf angelegt, sie von Haus und Hof zu vertreiben; den Drangsalierungen zu entgehen, wanderten sie vielfach nach Oberschlesien aus. Nun folgt auch dotthin die hakatistische Peitsche. Mit kaltem Blute verlangt in Schandau Dr. Wendland die Unterdrückung polnischer Blätter. Und wenn auch dieser Angriff auf die Preß­freiheit nichts nützt und alle Schikanierungen und V-r- gewalttgungen schließlich den friedlichsten Polen ins radikale Lager treiben — was dann? Sollen dann die Armeekorps marschieren und die „polnische Ge­fahr" mit Kartätschen niederschießen?! — Es ist eine Schande, daß in Schandau solche Attentate gegen Frei­heit und Gerechtigkeit vorgeschlagen werden können. Dieser nationale Fanatismus ist eine ungleich größere Gefahr für das Vaterland, als alle welfischen und pol­nischen Sonderbestrebungen. Er reißt im Jnnem Klüfte auf und beunruhigt das Ausland, das nur zu oft für die alldeutschen Ueberspanntheiten das deutsche

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monatsbeaagc: „Matt Geschichtsblätter"

Der Liberalismus glaubte in der Finanzreform den Pol entdeckt zu haben, an welchem er die Erde aus der Achse drehen könnte. Nun ist aber die Lust kein Boden, wo man den Hebel stützen kann — und o hat er vorbeigedreht. Wie hat er geschimpft und gehetzt gegen den „schwarz-blauen Block". Doch als die Nachwahlen kamen, wurde er kleinlaut. In ber Pfalz (Neustadt-Edenkoben) unb in Sachsen (Stolberg-Schneeberg) hat er soeben wieder die Zeche bezahlt an die Sozialdemokratie, die schmunzelnd die liberalen Stimmen einstreicht. Wie sagte doch Bis­marck: „Der Liberalismus fft die Vorfrucht der So­zialdemokratie." Und ein andermal (1884): „Bei dem Bestreben,den Liberalismus (Fortschrittspartei) zu gewinnen für eine staatliche Tätigkeit, kommt nichts heraus. An ihm ist Hopfen und Malz verloren." In dem Gedanken an die vor ein paar Monaten so stürmisch von ihnen geforderte Reichstagsauflösung haben die Liberalen jetzt so etwas wie das Gesicht des Reiters, der über den Bodensee geritten war. Vor welcher Gefahr haben sie da gestanden! Mit ihrer ver­blendeten Hetze gegen die neuen Steuern haben sie nur den Sozialdemokraten die Hasen in die Küche ge­trieben, unb es war eine ungeheuerliche Selbsttäu­schung, wemisie glaubten, selbst damit Geschäfte ma­chen zu können. Noch tun sie ja, als freuten sie sich über die „Quittung", die die Nachwahlen den Be- willigern der neuen Steuern ausgestellt haben, und fragen scheinbar befriedigt, ob den Schöpfern der Reichsfinanzreform vielleicht jetzt die Augen auf­gingen. Die Mehrheit des Reichstages wird sich keinen Augenblick bet Täuschung hingegeben haben, daß die neuen Steuern populär seien unb ihnen nicht manche Gehässigkeit eintragen würden. Sie haben aber ge­glaubt, bei sachlicher Aufklärung der Bevölkerung die Schwierigkeiten überwinden zu können. Wer sich aber getäuscht hat. das sind die Liberalen, die den steuer- feindlichen Wind in ihre Segel einfangen zu können glaubten unb nun anerkennen müssen, daß sie für die Genossen gearbeitet haben. Gehen ihnen jetzt die Augen auf? Dir liberale „Magdeb. Zig." schaut schon lange nach Hülfe bet den künftigen Wahlen aus. Sie mahnt, bei aller Gegensätzlichkeit nicht zu vergessen, daß die bürgerlichen Parteien einen gemeinsamen Boden behal­ten und im gemeinsamen Kampfe gegen die Sozial­demokratie zusammenhalten müßten. Nachtigall, ich hör dich laufen!

freundlicher Ausdrucksweife; daher der W'.mschs liber die katholischen Anliegen zur Tagesordnung übergehen zu können. Wir kennen ja aus vielfachen Erfahrnngen von Jahrzehnten die lange Bank der „Tagesordnung", auf die man unsere Forderungen zu schieben sucht. Wie oft ist man in den siebziger Jahren über die An­träge auf Aufhebung der Maigesetze „zur Tagesord­nung übergegangen". Wie oft sogar über den Windt- horstschen Antrag, wenigstens die Spendung der Sakramente srrizugeben? Und schließlich hat doch der gewaltige Bismarck die gründliche Revision seiner eigenen Gesetzgebung auf die Tagesordnung setzen müssen! Ueber den Antrag auf Beseitigung des JesuNengesehes hat ber Bundesrat dutzendweise die verneinende Tagesordnung beschlossen; aber endlich kam doch der Tag, an dem man Bresche legen mußte in dieses Ausnahmegesetz und wenigstens den § 2 mit seiner Verjagungs- und Einschließungsvollmacht gegenüber den einzelnen Jesuiten beseittgte. Die Kraftworte bedürfen realpolitischer Ergänzung. „Nach Kanossa gehen wir nicht", sagte Fürst Bismarck, unb er ging nicht eher, als bis e r m u ß t e. „lieber die katholischen Forderungen gehen wir zur Tages-

an diesem geographischen Punkt. Der Besucher nimmt einige Messungen vor, um festzustellen, ob er wirklich den 90. Breitegrad erreicht hat, und dann packt er schleunigst seine Siebenfachen zusammen, um den Rückweg zu finden und sein bischen Leben zu retten. Wenn es dort einen Briestasten gäbe, würde er höchstens noch ein paar Ansichtskarten schreiben; aber weiteren Aufenthalt darf er sich nicht gestatten, wenn er sich die Möglichkeit machen will, seine „Hel­dentat" selbst der zivilsterten Welt mitzuteilen. Dieses vorsichtige Hin- und Herlaufen ist mehr Sport als Forschung. Die Polkraxlerei steht auf demselben Blatt, wie die Bergkraxlerei. Wenn ein leidenschaft­licher Kletterer den Montblane „bezwingt" und dann geschwind wieder den Abstieg sucht, so hat das für Wissenschaft und Kultur herzlich wenig zu bedeuten. Aber wenn man so hoch als möglich ein Observatorium baut und einige Forscher dort oben bleiben, um den Gang von Wind und Wetter, Wolken und Eis usw. fortlaufend zu beobachten und aufzuzeichnen, so kann das unsere Erkenntnis bedeutend weiter fördern. Da­von sollte man die Nutzanwendung auf die Polar­forschung machen. Keine abenteuerlichen Jagden auf ben Nordpol mehr, sondem dafür bas allmähliche Vorschieben von Beobachtungsstationen von der einen Insel zu ber andern! So könnte man langsam, aber sicher die gesamten Rätsel ber Polarwelt allmählich lösen. Das würde gewiß die Wissenschaft von den Erd- und Luftkräften beträchtlich fördern und viel­leicht auch praktische Vorteile bringen, da unter dem sogen, ewigen Eise, bas in Wirklichkeit nicht stets so gewesen ist unb nicht stets so bleiben wird, über­raschende Geheimnisse verborgen sein können.

Nur keine Ueberitürzung in überhastetem Wetten und Wagen! Diese Mahnung gilt auch für die sogen. Eroberung der Luft. „Zeppelin 3" ist ja mit einem blauen Auge davongekommen und hat schließ­lich, nachdem er in einem stillen Nest der Provinz Sachsen gründlich repariert war, durch die glatte Rückfahrt von 23 Stunden sich mit Nekordmhrn be­deckt. Abtzr all die Schwierigkeitm, die chm auf der Berliner Reise zugestoßm sind, ruhttn doch im Gmnde von ber Ueberhasttmg her. Das frisch feriiggestellte unb kaum probierte Luftschiff mußte sofort auf die Riesenfahrt, um zu dem geforderten Zeitpuntte in Berlin einzutreffen. „Wohl kam ich durch; so ging es allenfalls. Mach's zum zweiten Mal und brich dir nicht ben Hals." In Frankreich ist es burch die

Erscheint täglich mit Annahme brr So.m- Uitb Feiertage Viertel­jährlich« Bezugspreis ebne Vrtugerwhn uns Bestellgeld i« 8ulda^ wie austsätts 1-50 yerantt»- Debatte««’

Lari Schütter für die Anzeigen: z.parzeller in §nlda.

Unpolitische Zeitlause

N. Breslau, 9. September 1909.

(Nachdruck verboten.»

Als Till Eulenspiegel in eine wissenschaftliche Prü­fung geraten war, fragte ihn ein Professor, wieviel Sterne es gebe. Eulenspiegel sagte frischweg: 7829. Der Professor wollte das nicht gelten lassen, aber Eulenspiegel bemerkte in aller Ruhe: Wenn Jhr's nicht glauben wollt, so zählt doch nach!

Eine ähnliche Antwort könnten jetzt die angeblichen Nordpolentdecker Cook und Pearv den Zweiflern geben: „Wenn Jhr's nicht glaubt, so geht doch selber zum Nordpol und seht nach, ob es stimmt!" Es wird nicht so bald einer hingehen, und wenn einer hin­käme, so könnte er auch noch nichts enffcheidendes fest- stellen. Denn allem Anscheine nach ist am Nordpol kein festes Land, sondem nur Treibeis. Wenn die angeblichen Besucher dort eine Fahne aufgevflanzt oder eine Büchse mit einem Aktenstück versenkt haben, so sind diese Dinger inzwischen schon mit der Eisscholle auf die Wanderschaft gegangen, und von dem Pole selbst wirb nichts mehr zu finden sein, als Treibeis.

Es gebt wunderlich zu in der Welt. Nachdem viele Jahrzehnte lang die tüchtigsten Männer mit ben vor-

Expeditionen vergebens nach dem Pol ge= itrebt haben, kommen jetzt mtt einem Mal zwei Ame- ruaner, die da behaupten, sie seien dagewesen, jeder für sich, ohne daß der zweite von der Spur des ersten e.was gemerft hätte Der arme geduldige Nordpol foL zweimal ans feiner vorsintflutlichen Ruhe aufge­scheucht, zweimal entdeckt, zweimal besucht, zweimal ,ausgemessen, zweimal beflaggt und für Nordamerika annemert worden sein. Das Sprichwort „Doppelt 7° *• J,eVeF*' trifft nicht immer zu. Der Doppelan­spruch beftärft vielmehr die Zweifel.

freitnhn!f der angebliche Erstling, tritt friedlich und mann * lc s"2t, « freue sich, daß sein Lands- will 3um Ziel gelangt sei. Peary aber

ben zweite Stelle rücken, sondem erklärt

kiniae folnp™ Schwindel. Daraus wollen

Ä!Äl'£°01 lei d" bessere und also auch wahc- schließe mich dem nicht an, liebe ohe^' natürlich, daß der angeb’

toäbrenh n‘^e ^Ftling den Großmütigen spielt, Blatt m mu tn6er, ßch p°m zweiten auf den ersten Matz zu schieben sucht

Volk verantwortlich macht, das in seiner übergroßen Mehrheit mit diesen politischen Schülern Nietzsches diesen Ueber-All-Deutschen, nichts zu tun haben will.

In Oesterreich-Ungarn tobt der Rationali- tätenftreit in unverminderter Weise fort. Die tsche­chischen Abgeordneten scheinen keineswegs gewillt zu sein die Arbeitsfähigkeit des Parlaments zu garantie- ren ehe nicht ihren nationalen Fordemngen nachgege­ben wird. Die Wiener Regiemng hat abermals einen Versuch unternommen, um die Parteien zu bewegen, den Nationalitätenstreit einstweilen zuruckzustellen, aber es ist recht zweifelhaft, ob sie mit ihrem neuesten Ver­suche mehr Glück als früher haben wird.

Der s ch w e d i s ch e Streik war nicht mehr länger ausrecht zu erhalten. Wenn er auch noch zum Teil weiter besteht, so kann nicht bezweifelt werden, daß die Arbeitgeber einen vollen Sieg über die Arbeiterorgani­sationen davongetragen haben.

England behandelt gegenwärtig wiederum die Frage der Abrüstung, und es entspann sich am Diens­tag im englischen Unterhause eine längere Debatte darüber, die aufs neue zeigt, daß man alle Schuld an dem Scheitern dem de'.ltschen Karnickel zuschrebt. Es ist selbstverständlich, daß ein Flottenabkommen zwi­schen England und Deutschland mir unter der Voraus- setzmig möglich ist, daß es ftir Deutschland anneymbare Sebingunaen enthält, insbesondere England Nicht gün­stiger stellt" Nur durch das Angebot eines solchen Ab­kommens kann England ernstlich seine Friedensliebe bartun.

orbnuna über", heißt es heute, - so lange wir {5n „en! Es wirb Sache unserer Vertreter m ben Parlamenten sein, ben Augenblick bes „Nichtmehr- könnens" nach Möglichkeit zu beschleunigen und den 3Intri«b zu einer Friedenspolitik für die Regierungen so stark zu machen, daß die Scheu vor den katho­likenfeindlichen Kamvfhähnen überwunden wird. Der Wunsch zur Tagesordnung übergehen zu können, er­innert an das Streben nach „Ausschaltung". Der Versuch, uns auszuschalten, ist nach zweijährigem Rin­gen und Zappeln in die Brüche gegangen. Mit der Wendung in ber Reichspolitik ist freilich in keiner Weise ein Versprechen ober sonst eine äußerliche Ga­rantie für die Erfüllung unserer kirchenpolitischen Wünsche verbunden. Einen „Kuhhandel" gibt es nach wie vor nicht. Wir rechnen nur auf die Logik ber Tatsachen. Und zu Piesen Tatsachen gehört eine dop­pelte Befreiung. Einerseits die Befreiung des Zen­trums von der Zwangsjacke, die ihm die Ausschal­tungspolitik anlegen wollte; andererseits die Befrei­ung der Regiemng aus der Abhängigkeit oom Libe­ralismus, in die sie durch das Bülowsche Blocksystem geraten war. Wir werden das unserige tun, um die guten Wirkungen dieser Ereignisse zu sichern und zu beschleunigen. Und wir hoffen es zu erleben, baß man zur TageSorbnung übergeht über die friedens­feindlichen Bestrebungen der Kulturkämpfer.

Während die Spanier in Marokko nod) immer vor dem Gurugu liegen und sich von den Kabylen niederschießen lassen, wird dabeim über die Mörder und Mordbrenner von Barcelona Gericht gehalten. Aber nichts iit so brutal, es findet seinen Verteidiger. Das Weltblatt „Köln. Bettung" läßt fab> au s SSaice» Iona schreiben: „Bieten die spanischen H»stlokale ,chon in gewöhnlichen Zeiten ein mittelalterliches Bild, so kann man sich deren Zustand bei der gegenwärtigen UeberfüKung lebhaft vorstellen. Die Ultramontanen jauchzen vor Freude. Von Haus zu Haus ziehen die Mönche unb Nonnen — bei denen allein Mlllionen- werte (?) an Wertpapieren und Banknoten vorgesun- funben würben - unb unter «Seinen unb eäMjen bitten sie um ein kleines Almosen, um ihre zerstörten Heime toieber aufzurichten. Daß sie bei der gegen­wärtigen Stimmung auf ihre Rechnung kommen, ver- siebt sich von selbst. Die meisten find schon daran, die zerstörten Klöster unter Entfaltung einer modernen Pracht wieder aufzurichten." — Es ist auch unerhori, baß bte Mönche unb Nonnen, denen man alle Habe nahm und bei denen man schauderhaft wütete, noch weiterleben wollen. Das Schlimmste aber ist, daß sie, wie das Blatt schreibt, „auch für die Zukunft sorgen, denn wo ihre Kirchen und Klöster nur hölzerne Tore hatten, werden diese mit Eisenblech verkleidet, um ge­gebenenfalls mehr Widerstand zu bieten". Vogelfrei! Das wäre wohl nach liberalem Herzen!

Miilay Hafid vertreibt sich die Zeit mit seinen Gefangenen. Zum Frühstück wird einem Dutzend der Fuß unb zum Vesper einem anbern die Hand „am­putiert", wie er kaltlächelnd sich einem Machtcvertreter gegenüber ausgebrückl hat; wie die europäischen Chi­rurgen nehme er ben Gefangenen einige ©lieber, um ihnen bas Leben zu schenken. Ein Gemütsmensch. Sein Hauptfkind, ber Roghi Buhamara sitzt in seinem kleinen Käsig wie ein Affe unb wartet der Dinge, die da kommen sollen. Gegen solche Barbarei haben die Machte Einspruch erhoben. Aber ob damit die Grau- samkeiten aufhören, ist noch sehr zweifelhaft. Der Ti­ger bat Blut geleckt. Leider fehlt die Möglichkeit, die­sem Unmenschen am eigenen Leibe zu demonstrieren, wie solche „Kurzweil" schmeckt. Verdient batte er es schon. ~

cvm lieblichen Schandau in der sächsischen Schweiz, wo sonst der „Bliemchenkaffee" die Gemüter beruhigt, erklangen in dieser Woche streitbare Reden: Die Rur-, Echt- Patent- und A l l d e u t s ch en hatten dort Ver- bandstaa Die guten Schcmdauer mögen etwas ent­täuscht gewesen fein, gewöhnliche Sterbliche in moder­nem Rock zu sehen anstatt germanischer Recken mit Bärenfell und Büsfelhorn, wie sie nach den Lauten, die tagaus tagein in der alldeutschen Presse vernehmbar ind, die Phantasie sich etwa vorstellt. Der Novemde^ Sturm ist vorüber, die auswärtige Politik bewegt sich in ruhiger Bahn, Deutschlands Stellung un Rat der Völker ist groß unb stark. So jinb viele Felle dem Alldeutschen Gerber weggeschwommen. Aber er kommt nicht in Verlegenheit: Es gibt ia noch Welfen und Polen. Dr. Pohl erklärte in Schandau einfach, es müsse für immer ausgeschlossen werden, daß em Welfe (gemeint ist ber Herzog von Cumberland) nach Braunschweig zurückkehre, was am besten baburch zu erreichen sei, daß Braunschweig zum Reichsland erklärt würbe; unb die Versammlung nahm die entsprechende Rekolution an. lieber die Zwirnsfaden des Rechts und der Gerechtigkeit ftolpern die Herren nicht. Aber selbst der den alldeutschen Instinkten sonst zugänglichen „D. Tagesztg." geht so etwas über die Hutschnur und sie schreibt: „Der „Braunschweiger Landeszeitung geben wir vollkommen recht, wenn sie meint, daß die Erörterungen der ganzen Frage augenblicklich nicht ge­boten sei. Wir geben ihr mich darin recht, daß das Recht des welfischen Fürstenhmises auf den braun­schweigischen Thron unbestreitbar ist. Selbstverständ­lich werden die Berechtigten von diesem Rechte nur dann Gebrauch machen können, wenn sie vorbehaltlos der geschichtlich, gewordenen Entwicklung (durch den Krieg von 1866) zustimmen und die tatsächlichen Ver­hältnisse des Reiches unumwunben anerkennen. Bis bahin wirb das „Herzogtum Braunschweig einen Re­genten behalten müssen"." Wenn im Ausland die be­rühmte preußische Polcnpolitik kritisiert wird, bekom­men die Alldeutschen einen Wut-Erstickunassall. Das seien innerpreußischc Angelegenheiten, die draußen keinen Menschen was angingen. Diese tüchtigen Logi­ker mischen sich aber ungeniert in österreichische Sachen. In Schandau forderten sie zum Schutz des Deutschtums gegen die Slaven, „das deutsche Reich müsse versuchen,

w«ch«n-iiun-!chau.

[:] Fulda, 10. September 1909.

Die Presse hat sich noch eifrig mit dem K ath o- [itentag beÄäftigt, der in Breslau einen so scho­nen unb imposanten Verlauf genommen hat.Natur- lich ist auch biesmal ber Katholikentag w ebet für man­che liberale Blätter ein gewaltiger Stern bes An­stoßes gewesen. Da man wirkliche und begründete Vorwürie gegen ihn indessen nicht misfindig wachen konnte, so mußte man sich^ damit begnügen, durch Lderabsetzungen unb allerlei Schiefstellungen fein Müt­chen zu kühlen. Daß bei diesen feindseligen Bespre­chungen auch ber Aerger über ben Zerfall des Blocks und die neue politische Konstellation erheblich mitge- spielt hat werden jene antlkatholischen Blatter selbst nicht leugnen wollen. Eine ganz besondere Freude ist ben Kulturkämpfern bereitet worden durch ine Be­merkung der „Nordd. Allg. Ztg ": ^ber bie Kla­gen (des Katholikentages), daß die Freiheit der ka­tholischen Kirche noch nicht gewährleistet fei unb ben Ruf nach völliger Freiheit der Ordenstatigkett, nach Rückkehr der Orden, insbesondere ber Jesuiten, totrb man wie stets, jur Tagesordnung übergehen können. In diesen Worten, die etwas wegwerfend Hingen, wollen die Liberalen eine förmliche und feierliche Absage ber „neuen Regierung" gegenüber ben Forde­rungen des katholischen Volkes und den Bestrebungen des Zentrums erblicken. Wir für unseren Teil hören aus ben Worten einen sorgenvollen Wunsch heraus, nämlich ben Wunsch der Regierung, von kirchenpoli- ttschen Zett- und Streitfragen möglichst lange ver­schont zu bleiben. Herr v. Bethmailn-Hollweg hat natürlich sehr viel Muhe unb Sorge, nm die wirre Hinterlassenschaft des gescheiterten Vorgängers in Ordnung zu bringen unb neues Leben aus den Block­ruinen zu erwecken. Man ist noch im Unklaren dar­über, ob dem Liberalismus, der in die schärfste Oppo­sition unb blanke Negation übergegangen ist, die auto­ritative Faust oder bas schmeichlerische Sammetpföt- cben gezeigt werden soll. In ber Scheu vor ber sogen, öffentlichen Meinung, welche bie liberalen Zeitungen unb Redner zu machen verstehen, fürchtet man beson­ders alles, was die Hetzer als Zugeständnisse an das Zentrum, als Beweis der neuen „Zentrumsherrschaft" ausdeuten könnten. Daher die geringe Neigung zu